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Gutenberg > August Sperl >

Narro!

August Sperl: Narro! - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSo war's!
authorAugust Sperl
year1902
firstpub1902
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleNarro!
pages183
created20140609
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Man schrieb das Jahr 1580, und es war Sonnwendtag.

Aus der Tiefe unermeßlicher Forste wölbte sich zwischen schwarzgrünen Wipfeln hoher Tannen und hellgrün leuchtenden Kronen mächtiger Eichen und Buchen die kahle Kuppe des Hügels empor gleich einem Schädeldache.

Fern im Westen, über den langgestreckten Waldbergen, neigte sich die Sonne hinter zerrissenen Wolken ihrem Niedergange entgegen. Sie zog Wasser, und vor den düstern Schluchten hingen gigantische Schleier.

Gegen Mitternacht dehnte sich das bewohnte Land hinaus in verschwommene Weiten: smaragdgrüne Matten, flimmernde, lichtfunkelnde Felder, künstliche Weiher, anzuschauen wie grauglänzende Glastafeln, blinkende Dörfer und Märkte.

Und im Thale drunten, über dem vielgekrümmten Flüßlein, lag, umschlungen von ihrem Wassergraben, eingepfercht in ihre zackigen Ringmauern, zu Füßen des großen, uralten Schlosses die kleine Stadt, und ihre spitzigen Türmchen und hochgiebeligen Häuser reckten sich trotzig empor in die Abendluft.

168 Auf dem höchsten Punkte der Hügelkuppe schichteten höfisch gekleidete Knechte dürres Holz und Reisig zu einem niederen Stoße, und ein dicker Vogt gab ihnen Weisung. Abseits am Waldrande schmückten lachende Mägde eine gebräunte Holzschenke mit Kränzen und Laubgewinden, und in den Wipfeln und Kronen summte leise der Frühlingswind.

»So, der hat die richtige Höhe!« sagte der Vogt, trat ein paar Schritte zurück, nahm einen Anlauf und sprang schwerfällig über den Holzstoß. »Nicht zu hoch und nicht zu nieder, gerade recht,« vollendete er schnaufend und wischte über sein rotes Gesicht.

Die Knechte stießen einander an und lachten verstohlen, die Mägde kicherten und guckten, und eine von ihnen rief schnippisch herüber: »Wenn Ihr den zwingt, Herr Florian, hernach kann der alt' Herr Hofmeister auch noch drüber hüpfen heut nacht, trotz Fußgicht und Blähhals!«

»Aber Hilde, da muß ich doch bitten, da taxiert man einen alten Soldaten zu gering! Ich spring' mit meinen fünfundvierzig Jahren noch jederzeit –«

»Ins Feuer, nit nur übers Feuer für 'n sauberes Mädel!« sagte einer von den Knechten und machte sich am Holzstoße zu schaffen.

»Du hältst dein Maul, Hannes!« befahl der Vogt.

»Ich hab' nit Euch gemeint, sondern mich, Herr Hofpfortner,« sagte der andre trotzig.

»Mit meinen fünfundvierzig Jahren spring' ich noch –« wollte der Dicke vollenden.

»Uebers ganze Fürstentum von 169 Oberhinternungenau bis Unternagebein, Herr Florian!« rief die Magd.

»Der richtige Katzensprung das!« lachte ein grauer Knecht.

Zornig wandte sich Florian: »So spöttlich reden geziemt sich einmal nicht, daß du's weißt, Zaches. Nicht für einen getreuen Unterthanen Seiner Fürstlichen Gnaden und erst recht nicht insonderheit für einen vom Hofgesinde, der Nahrung und Kleidung und Lohn aus der gnädigen Hand nimmt.«

»Hab' nit spöttlich reden wollen, hab' nur gemeint, der Sprung wär' nit groß, und das wird wohl wahr sein!« verteidigte sich der Knecht. »Und Nahrung und Kleidung, ja, das bestreit' ich nit; aber mit dem Lohn –?« Er hielt inne und sah grinsend auf seine Mitknechte. »Mit dem Lohn –?« Er zog seine beiden Hosentaschen heraus und schüttelte sie heftig. »Mit dem Lohn, Herr Florian, da hapert's diemalen – oder könnt Ihr sagen, da klappert's immerdar, Herr Florian?«

»Ob du dein Maul hältst!« rief der alte Soldat. »Ist nun solch ein Schalksknecht und Sadducäer wohl auch wert, daß ihm Fürstliche Gnaden zuweilen in weiser, wohlmeinender, väterlicher Absicht die paar Groschen Lohn allergnädigst eigenhändig aufheben und sicher verwahren?«

»Na, aus der Bibel braucht mich der Herr Florian auch nit gleich zu schimpfen, dazu wird sie ja doch wohl nit vorhanden sein!« murmelte der Knecht und steckte die leeren Hosentaschen umständlich wieder in die Hosen zurück. »Und was das Aufheben anlangt, so möcht' ich das 170 jezuweilen schon lieber eigenhändig selber besorgen, will mich aber beileibe nit versündigen an meiner hohen Obrigkeit und gnädigen Herrschaft.«

Würdevoll wandte sich der Vogt und Hofpfortner ab und vollendete den Satz, in dem er stecken geblieben: »Noch wie 'n Junger von fünfundzwanzig Jahren spring' ich über den Scheiterhaufen zur Sonnwendzeit, hab' ich sagen wollen, Hilde. Aber wenn mir eine immer das Wort vorwegschnappt, gleich wie die Henne dem Hahn das Korn, hernach –«

»– ist – eben – die Henne – geschwinder – als der Gockel – oder – meint – Ihr – anders – Herr Florian – Abendschein?« sagte Hilde, die Magd, im langsamen, näselnden Tone des alten Soldaten, und die Mägde an der Schenke kreischten vor Vergnügen.

»Die kann sich alles 'rausnehmen, die! So wenn unsereiner käm', nur halb so frech!« brummte der graue Knecht vernehmlich.

»Maul halten!« gebot ihm der Hofpfortner mit Würde. »Weiß dieser und jener, ja, geschwinder, das sind sie auch in vielen Stücken, die Weiberleute, viel geschwinder als wir Mannsleute. – Aber nun vorwärts! Was steht ihr und gafft?« wandte er sich zu den Knechten. »Hurtig, hurtig! Das Grünzeug aufklauben, das Reisig aus dem Wege! Hurtig, immer hurtig! Wenn uns nur das Wetter keinen Streich spielt und der Regen das griechische Feuer nicht auslöscht, heut' abend!« Er wandte sich schwerfällig und betrachtete prüfend die Wolken. »Und das sag' ich euch, klappen muß die Geschichte, klappen wie rechts und links, wie Blitz und Knall –!« Er 171 wandte sich abermals und blinzelte zärtlich nach der Magd: »Wie Blitz und Knall, und wie Schmätzlein und Küßlein!«

»'n alter Geck!« brummte der graue Knecht.

»Was?« schrie der Vogt.

»Alles ist weg,« beeilte sich jener zu sagen.

Hilde, die Magd, aber rief: »Ei, Herr Florian, was wißt denn Ihr von Schmätzlein und Küßlein, Herr Florian?«

»Ich? Na, da ist eine aber doch sehr auf dem Holzweg, muß ich bitten! Da könnt' ich erzählen, wenn –« Er hielt inne und fuhr verlegen über seinen Mund. »Blitz und Knall, Hilde, Blitz und Knall, das muß ich doch wohl kennen aus meinen Feldzügen – oder nicht?«

»Ei, ei, Herr Florian!«

»Als ein altgedienter Soldat, Hildchen!«

»Ei, ei, ei, Herr Florian!«

Mit lauter Stimme rief der Hofpfortner in den Wald: »Ihr da drinnen, hört ihr? Habt ihr alles fein vorbereitet, daß der Schein des griechischen Feuers hierher fällt heute nacht und Seine Fürstliche Gnaden und die ganze gnädige Herrschaft anleuchtet mit himmlischem Glanze, kurzum, daß es klappt wie Blitz und Knall?«

»Fertig, Herr Florian!« kam die Antwort zurück, und ein paar Knechte traten aus dem Walde.

»Na, dann ist's recht,« sagte der Hofpfortner und stellte sich mit gespreizten Beinen vor den Holzstoß. »So, nun geht!«

Murmelnd und kichernd und lachend schickte sich das Gesinde zum Heimweg an, und der Hofpfortner wartete, bis die ersten im Walde 172 verschwunden waren, dann rief er befehlend: »Alle, nur die Hilde bleibt!«

»Und warum, Herr Florian?« fragte die Magd und wandte sich halb zurück.

»Weil ich's befehle!« entschied der Hofpfortner. »Alle ab, alle andern ab!«

»Befehle?« wiederholte die Magd schnippisch, während die andern mit Lachen gar im Walde verschwanden. »Ich hab' meine Arbeit gethan, und ich kann auch gehen.«

»Kraft meines Amtes!« erklärte der Vogt und wollte es rauh hervorbringen. Aber es gelang ihm nicht. »Hilde!« sagte er zärtlich.

»Aber Florian!« murrte die Magd.

»Aber Hilde, merkt's eine denn nicht, warum ich mir eine zurückhalte?« Er kam mit verliebten Aeuglein näher.

»Aber Florian!« platzte Hilde, die Magd, los und streckte ihm die Fäuste entgegen. »Das kann doch jeder merken, der nit gerade auch vernagelt ist. Warum sollt's denn allein ich nit merken?«

»Na, Hilde,« sagte der alte Soldat mit selbstgefälligem Lachen und strich den langen Bart, »diesmal hab' ich's aber doch fix gemacht? Diesmal hat's doch geklappt wie Blitz und Knall? Diesmal bin ich kraft meines Amtes fixer gewesen als die Henne, und das muß einer Gewissen doch gefallen haben – nicht?«

»Zugetappt seid Ihr, wie 'n alter Brummbär, Florian,« greinte Hilde. »Und ins Gerede bringt Ihr mich, und bin ich denn nit ein ordentliches Ding, das was hält auf sich, und ist etwa einer, der mir Böses nachsagen kann – nu?«

»Aber Hilde,« bat der alte Soldat und kam 173 ganz nahe heran; »aber Hilde, so greine doch nicht! Was wir zwei miteinander haben, das kümmert keinen nichts. Aber greine doch nicht!« Und er wollte ihre Wange streicheln mit großer Zärtlichkeit.

Entrüstet wich die Magd zurück und funkelte ihn zornig an wie eine Katze: »Aber wir zwei beide haben doch gar nichts miteinander?«

»I was, Hilde, so sei doch nicht unklug!« begann der alte Soldat. »Schau mich an, ich bin 'n ehrlicher Kerl, kein junger Springinsfeld und Tausendsasa, hab' ehrliche Absichten, hab' 'n gut Stück Leben hinter mir –«

»Ja wohl, das klappt alles wie Küßlein und Schmätzlein,« murrte die Magd und stemmte die Arme in die Seiten. »Weiß alles, bin nit so dumm, wie Ihr ausseht!«

»Ach was, das hab' ich ja doch nur gleichnisweise gesprochen!« brummte der alte Soldat.

»Nimmt jeder, was ihm zum Gleichnis am gätlichsten liegt, Florian!«

»Nu ja denn, Hilde, das wäre mir freilich sehr gätlich gelegen,« schmunzelte der Hofpfortner. »Wenn ich's nur auch nehmen dürfte vom Fleck weg!« Und er versuchte, den Arm um sie zu legen.

Die Magd schlug ihn auf die Hand, daß es klatschte: »Ich bin aber keine von denen, die sich vom Fleck lassen wegnehmen und sich wegwerfen an den nächstbesten Schnauzbart.«

»Aber Hilde,« sagte der Freier gutmütig, »was läßt mich denn eine zappeln wie der Bub' den Maikäfer am Schnürlein? Ich bin 'n ehrlicher Kerl, ich bin 'n alter Soldat, und also 174 vorwärts drauf! Hilde, will mich nun eine Gewisse haben mit Leib und Seel', mit Haut und Haaren? Zum ersten – zum zweiten und zum dritten und letzten Male?«

»Ei, was thut denn so 'n fürstlicher Hofpfortner und Vogt mit einem Weib?«

»Was? Na, das thät sich dann schon finden im zweiten Teil. Was halt Seine Fürstliche Gnaden mit unserm gnädigen Hannele auch, da sind wir alle gleich, Hildchen, Hoch und Nieder, Arm und Reich. Was denn? Ei, halt gern haben – was sonst? Schlag ein, Hilde! Das müßt' ja klappen wie Blitz und Knall, die Hilde und der Florian!«

»Ihr wißt recht wohl, was ich meine,« sagte die Magd nachdenklich. »Ein fürstlicher Hofpfortner und Vogt hat ja selber kaum Platz in seinem engen Stüblein, Herr Florian!«

»Muß aber nicht immer bleiben in dem engen Stüblein, Hilde,« meinte der alte Soldat mit pfiffigem Lächeln.

»Wie habt Ihr gesagt?«

»Na, könnt's nicht sein, Hilde, daß Fürstliche Gnaden dem Florian Abendschein auf den Herbst oder Winter die Försterei in der Wiesenau versprochen haben?« sagte der Vogt und kam vertraulich näher.

»Mit dem schönen Försterhaus?« rief Hilde, und ihre Augen funkelten.

»Samt funfzehn Morgen Feld, fünf Schaff Korn und andern Emolumenten,« bemerkte der Freier selbstgefällig.

Hilde trat nun ein wenig näher, zupfte an ihrem Schürzenbändel und schlug zärtlich die 175 Augen auf: »Wenn ich, wenn ich mich aber, Herr Florian, wenn ich mich nun aber fürchten thäte vor, vor des Herrn Försters großem Barte?«

»Ei, Hildchen, dann wird er eben abgenommen vom Meister Kinnfraß,« sagte der alte Soldat und strich aufgeregt über seinen langen Bart.

»Ach nein, Herr Förster,« schmeichelte Hilde und kam noch näher, schlug die Augen nieder, strich ihr Kleid zurecht, seufzte herzbeweglich und flüsterte: »Ach nein, Herr Förster, beileibe nicht, der steht Euch doch so gut, der schöne Bart!«

»Und er gefällt dir, Hildchen? Ei, das klappt ja wie Blitz und Knall!« rief der Vogt.

»Und –« Hilde that sehr verlegen, kam aber noch ein wenig näher; »und wie – Küßlein und Schmätzlein, Herr Förster!« vollendete sie tief aufatmend und hob die Aeuglein schalkhaft zu ihm.

»Hilde!« schrie der alte Soldat und breitete die Arme aus.

Aber wie ein Kobold entwand sich ihm die Magd und sprang zurück. »Nein, nein, nein, Herr Florian!« Sie sah ihn zärtlich an, warf ihm eine Kußhand zu und sagte neckisch: »Alles in Ehren, Herr Florian!«

»Nun denn, ein Küßlein in Ehren!« bettelte der alte Soldat.

»Ei, so fangt mich eben, Herr Förster!« lockte die Magd und eilte leichtfüßig zu Thale.

Und keuchend sprang der dicke Florian Abendschein hinter ihr her über Gras und Kraut, über Stock und Stein. »Aber so warte doch ein wenig, Hilde – Hilde –!«

*

176 Tiefer sank die Sonne. In majestätischer Stille lag das weite Land. Nur eine Wildtaube gurrte, nur ein paar Amseln schluchzten im abendlichen Walde.

Auf der Kuppe des Hügels ging ein festlich gekleideter Paggio hin und her, murmelnd und mit den Armen agierend, und es tönte in abgerissenen Sätzen:.

›Huldin, fürstliche Frau, dir liegen die Völker zu Füßen
–   –   –
Die liegen die Völker zu Füßen –
–   –   –
Zu Füßen – –!‹

Der Paggio blieb stehen, zog ein Stücklein Papier aus dem Wamse und blickte darauf:

›Huldin, fürstliche Frau, dir liegen die Völker zu Füßen
Gleich der dürstenden Saat, welche im Winde sich wiegt.
Oben pranget in Pracht die Sunne am Himmelsgewölbe,
Jedem nicket sie zu – ach, und die Sunne bist du!

›Es ist bloß der zweite Vers, der mir nicht in den Kopf will, das andre geht dann wie am Schnürchen,‹ murmelte der Knabe. Und innig wiederholte er:

›Jedem nicket sie zu – ach, und die Sunne bist du!

›In diesem Pentameter habe ich doch alles niedergelegt, was mich im Herzen bewegt,‹ seufzte er. ›Niedergelegt – Herzen bewegt? Ei, das ist ja ein Reim, Friedrich, ein tadelloser Reim. Den mußt du dir merken! – Jedem nicket sie zu – jedem. Ach, das ist's ja eben! – Und doch, und doch: sie muß es ja längst ahnen, daß sie meine Huldgöttin ist, und fühlt es sicher wonnig weh im Herzen; aber sie getraut sich's nicht zu zeigen vor ihren Völkern.‹

177 Zornig ballte er die kleine Hand gegen das Schloß im Thale:

›Weh ihm, dem grimmen Drachen,
Der sie bei Tag und Nacht
Mit neidgeschwollnem Lachen
In seinem Horst bewacht!‹

Dann aber wandte er sich ab, die hellen Thränen liefen ihm über die roten Wänglein, und er seufzte herzbeweglich: ›Ach, das ist ja das Tragödische, daß ich den hassen muß, der mich armes Waisenkind kleidet und nährt und lernen läßt – o du finsteres Schicksal!‹ Und bitterlich weinend begann er aufs neue stoßweise:

›Huldin, fürstliche Frau, dir liegen die Völker zu Füßen
Gleich der dürstenden Saat, welche im Winde sich wiegt.

›Jetzt hab' ich's ganz fest inne,‹ murmelte er. ›Ich denke, es ist am besten, ich lege mich noch ein wenig hinter die Eiche dort und weine mich gar satt, bis sie kommen!‹

Und langsam ging er an den Saum des Waldes, warf sich ins Moos und vergrub den Kopf in den Armen.

*

Tiefer neigte sich die Sonne. In majestätischer Stille dehnte sich das weite Land. Und in das Gurren der Wildtaube und in das Schluchzen der Amseln mischte sich das leise Weinen des unglücklichen Paggio. Aber es währte nicht lange, dann hatte er sich sachte in den Schlaf geweint, hinter der dicken Eiche im Moose.

Die Wolken verzogen sich allgemach, und am klaren Himmel sank die Sonne gegen die Berge.

Zwei Männer kamen aus dem Walde empor 178 auf die Kuppe. Kohlschwarz gekleidet war der eine, und leise knisterte und rauschte bei jedem seiner Schritte die Seide auf seinem Leibe. Der hohe, hagere Geselle hatte ein gelbes, kahlrasiertes Gesicht; nur ein kleines, kohlschwarzes Mücklein starrte unter seiner Lippe. Auf dem Haupte trug er ein schwarzes Barett, von dem drei schwarze Straußfedern nickten. Die schwarzen Federn staken in einem goldenen Köcherlein; am Wamse hinunter funkelten große goldene Knöpfe.

Der andre war ein unruhiger, kleiner Kerl in höfischer Kleidung.

»Also hier ist die Bühne, auf der die Komödie gespielt werden soll, Imbricius?« fragte der Hagere und musterte mit einem geschwinden Blicke den Holzstoß, die Schenke und den ganzen weiten Platz.

»Hier versammelt sich bei anbrechender Dunkelheit der Hof, nach altem Brauche mit der Bürgerschaft das Sonnwendfeuer abzubrennen,« kam die Antwort zurück.

Der Hagere wandte sich nach dem Walde und ließ einen schwachen Pfiff ertönen.

Sogleich knackten die dürren Zweige, und es erschien einer, auch ganz in Schwarz gekleidet, nur mit brennroten Knöpfen am Wamse und mit brennroten Federn auf dem Barette. Der trug ein Kistchen unterm Arme.

Schweigend wies der Hagere auf den Stamm einer mächtigen Fichte. Eilig lief der andre mit seinem Kistchen hinter den Baum.

»Und er liebt es, wenn man ihm schmeichelt?« wandte sich der Hagere zu dem Höfischen.

»Den Buckel läuft mir's kalt hinunter, bedenke 179 ich, was für mich auf dem Spiele steht!« flüsterte dieser und schüttelte sich.

»Auf das, was Ihr etwa denkt oder nicht denkt, kommt bei dem Handel überhaupt das Geringste an,« sagte der Schwarze mit überlegenem Lächeln. »Eure Denkarbeit könnte in den nächsten Monaten Müllers Esel so nebenher besorgen, das merkt Euch! Hat mich nun der fürstliche Schreiber Imbricius endlich verstanden?«

»Und wenn ich nun aber nicht weiter mitgehen will?« murmelte der andre störrisch. »Wenn ich nun hintrete und warne meinen gnädigen Herrn, bitte ihn, Fürstliche Gnaden mögen sich hüten, es geht etwas vor, es schleicht etwas im Finstern, was, weiß ich nicht, aber Fürstliche Gnaden wollen sich hüten! Wie dann?«

Der Hagere schwieg und blickte angelegentlich in die sinkende Sonne.

Trotzig fuhr der andre fort: »Ja, das werde ich thun, ich werde warnen. Ich werde ihm erzählen von dem unheimlichen Schwarzen –«

Der Gegner lachte leise und sah dem Schreiber ins Gesicht. Dann wandte er sich wieder ab und blickte in die sinkende Sonne.

»– von dem unheimlichen Schwarzen, der gestern auf einmal vor mir gestanden ist in meiner Behausung zu nachtschlafender Zeit, als wäre er aus der Erde gewachsen. Erzählen, daß ich ihm Gelegenheit verschaffen sollte, an den fürstlichen Hof zu kommen, und wer weiß, was noch, – warnen, Fürstliche Gnaden wollen sich hüten, so wahr ich's treu meine mit dem fürstlichen Hause!«

Der Hagere lachte kurz auf: »Dorthin auch noch, an die Buche, aber gehörig verteilen!« rief 180 er seinem Diener zu. »So wahr ich's treu meine, Schreiberlein?« wandte er sich an seinen Begleiter und klopfte ihn auf die Schulter. »Wißt Ihr was? Ich bedarf Euer nun gar nicht. Zum Fürsten komme ich auch ohne Euch. Aber dann werde ich, der Graf von Santaporta, ihm bei Gelegenheit etwas mitteilen: Fürstliche Gnaden, es ist mir doch seltsam gewesen, wie sich Euer Diener verfärbte, als ich ihm einen Gruß vom regierenden Bürgermeister einer gewissen Reichsstadt, nicht weit von hier gelegen –«

»Ist kein Wunder,« fiel ihm der Kleine zornig in die Rede, »kein Wunder, wo wir doch fortwährend im Prozesse liegen mit besagter Reichsstadt, und nun läßt mich der Regierende grüßen! Weiß wirklich nicht, wie ich zu der Ehre komme!«

»So, das wißt Ihr nicht?« fragte der Schwarze spöttisch. »Nun, ich denke mir, vielleicht hat der regierende Bürgermeister irgend einmal ein besonderes Wohlgefallen an Eurer reckenhaften Gestalt gewonnen!« Die stechenden Augen musterten das dürre Schreiberlein, und es erklang ein leises Lachen. »Will Euch vielleicht anwerben!«

»Spart Euern –, ich habe den Regierenden noch mit keinem Auge gesehen!« rief Imbricius.

»Und dann,« fuhr der andre fort, »werde ich, der Graf von Santaporta, des weiteren warnen: Fürstliche Gnaden, obwohl der Regierende Euern Schreiber noch mit keinem Auge gesehen, hat er ihn doch aufs beste grüßen lassen durch mich.«

»In der That, ich weiß nicht, was Ihr wollt!« rief der Schreiber mit verzerrtem Gesichte.

»Und dann werde ich sagen: Fürstliche Gnaden, er ist ein Ehrenmann, Euer Schreiber, doch er 181 hat einen Fehler, er leidet an Gedächtnisschwäche. Merkwürdig ist mir nur, daß er trotzdem nicht vergessen hat, am nächsten Abende zu mir auf den Berg zu kommen –«

»Aus purer Gefälligkeit!« rief der Kleine.

»– auf einen Pfiff, wie ein Hündlein, Fürstliche Gnaden!« fuhr der Schwarze fort. »Aber eines rate ich, Fürstliche Gnaden, in Anbetracht der großen Gedächtnisschwäche besagten Schreibers, verwahrt das Eurige bei Tag und Nacht, er könnte am Ende einmal vergessen, was sein ist und was Eurer Fürstlichen Gnaden!«

»Herr!« fuhr der Kleine auf, und seine Stimme überschlug sich. »Herr, glaubt Ihr, ein Hergelaufener vermöchte unsereinen bei Seiner Fürstlichen Gnaden nur so im Handumdrehen anzuschwärzen?«

Wohlwollend legte der Graf seine Rechte auf die Schulter des Schreibers: »Ein Hergelaufener? Ich bin der Graf von Santaporta! Soll ich Euch vielleicht diesen Namen durch meinen Diener auf den Buckel schreiben lassen um Sonnwend?«

»Ein Hergelaufener, der sich, wer weiß, mit welchem Rechte, Graf von Santaporta nennt!« rief der Schreiber und riß sich los.

»Und wenn nun dieser Graf von Santaporta sagt: Fürstliche Gnaden, Ordnung ist vonnöten in städtischen Angelegenheiten, der Regierende aber hat Eures Schreibers Quittung über die zweihundert Goldgulden zurzeit verlegt – befehlet ihm, daß er eine neue ausstelle!«

Imbricius war zusammengezuckt: »Seid Ihr der Leibhaftige?«

»Vielleicht,« murmelte der Schwarze und kreuzte 182 die Arme. »Und wenn dann der Graf von Santaporta oder der Leibhaftige – Euch kann's ja gleich sein, wer – wenn nun einer von diesen weiter sagt: Fürstliche Gnaden, zählt Eure Dokumente, und wenn Euch vielleicht eine alte Urkunde fehlen sollte –«

Imbricius stürzte auf die Kniee, hob die Hände auf und wimmerte: »Gnade!«

»– wenn Euch vielleicht eine Urkunde fehlen sollte, viel schöne Grüße vom regierenden Bürgermeister, und er hat eine Abschrift!« vollendete der Schwarze.

»Gnade!« wimmerte der Schreiber.

»Dummer Kerl!« brummte der Graf und versetzte ihm einen Stoß mit der Stiefelspitze. »Steht auf! Was – Gnade?«

Zitternd erhob sich der Schreiber und wischte an seinen Beinkleidern.

»Ich pflege mir meine Rösser zuzureiten, Wertester, sonst nichts,« sagte der Graf verächtlich. »Das ist Euch nun wohl klar – oder nicht?«

»Ja!« stieß Imbricius hervor.

»Recht, mein Sohn! Und merket Euch: für meine Person ist es mir ganz gleichgültig, daß Euer Herr auf Grund jener verschwundenen Urkunde den Erbprozeß gewinnen müßte, so gleichgültig, als hätte ich ein paar Geviertmeilen Landes auf dem Monde zu beanspruchen. Ganz gleichgültig – solang das Rößlein gehorcht!«

»Macht was Ihr wollt mit mir!« murmelte der Schreiber. »Doch laßt mich nun nicht lange zappeln, macht's kurz! Was ist Euer Begehr?«

»Das wird sich finden – eines nach dem andern, mein Sohn! Nebenbei bemerkt, 183 unglaublich dumm, wenn einer nur die halbe Arbeit liefert – eine Abschrift, wo man das Original in Händen hatte!«

»Das ist meine Sache gewesen,« bemerkte Imbricius mit einem scheuen Blick auf das gelbe Gesicht.

»Eure Sache? Nun, auch das wird sich finden, mein Sohn,« kam die spöttische Antwort zurück. »Aber die Zeit ist kostbar. Er hält also etwas auf Schmeichelei?«

Finster blickte Imbricius vor sich hin. Stoßweise gab er Bescheid: »Ist sie zugegen, dann seid sparsam und hütet Euch. Sie hat scharfe Augen. Habt Ihr ihn aber allein, dann je kräftiger, desto besser! Und wenn man tagtäglich einen Salbentopf über ihn ausschüttet, so ist sein Bedarf noch nicht zur Hälfte gedeckt.«

»Und er traut diesen Augen?«

»Wie seinen eignen. Es sind aber noch zwei andre Augen vorhanden, und ich würde Euch warmen, hütet Euch vor diesen wie vor jenen, wenn nicht –«

»Nun, wenn nicht –?«

»Des Fürsten Schwester –«

»Die Prinzessin Ulrike!« unterbrach der Graf den Schreiber nachlässig.

»Wenn Ihr ohnedies alles wißt!« rief Imbricius mit emporflackerndem Trotze.

»Weiter!« befahl der Graf drohend.

»Ja, ich meine die Prinzessin Ulrike,« fuhr der Schreiber widerwillig fort; »doch haben diese Augen zurzeit nicht viel zu bedeuten bei Hofe; denn sie sind etwas angetrübt.«

»Warum?«

184 »In kurzem – aber mir ist, als wäre ich eine Zitrone, und Ihr preßtet mich aus!«

»Haltet Euch meinetwegen für einen nassen Waschlappen, aber macht vorwärts!« drängte der Graf.

»In kurzem: der drittgeborene Prinz eines Landes – nun, irgend eines Landes weit von hier – das ist Amtsgeheimnis –«

Der Graf lachte laut auf.

»Dieser Prinz hat vor etlichen Monaten um die Schwester Seiner Fürstlichen Gnaden, die Prinzessin Ulrike, angehalten. Man erzählt sich, die beiden hätten einander an einem dritten Hofe kennen gelernt –«

»Und der Fürst hat seine Zustimmung verweigert,« unterbrach ihn der Graf.

»Ihr wißt?« fragte Imbricius.

»Gewiß,« sagte der Graf nachlässig. »Aber warum – das ist mir soeben entfallen.«

»Nichts konnt Ihr wissen von der ganzen Geschichte!« platzte der Schreiber halb zornig, halb ängstlich heraus. »Des Prinzen Frau Großmutter oder Urgroßmutter oder was weiß ich, ist nur von gemeinem Adel gewesen, und deswegen verweigert der Fürst seine Zustimmung.«

»Und wie leben die Schwägerinnen miteinander?« inquirierte der Graf.

»Wie zwei Schwestern.«

»Das besagt viel und wenig in einem Worte,« meinte der Graf.

Von der Waldschenke her kam der Diener: »Sein alles fertig, wird brinnen, daß es Fraid sein, da, dort, hoben Herrschaften noch nie gesehen solches Feuer sein Lebtag!«

185 »Ich denke, wir machen uns auf den Weg!« mahnte der Schreiber ängstlich. »Die Sonne ist drunten, es dämmert, Herr Graf.«

»Also vorwärts!« befahl Santaporta. »Vorwärts!« wiederholte er ungeduldig, als Imbricius doch noch einen Augenblick vorn am Rande der Kuppe stehen blieb. »Was gafft Ihr denn?«

Langsam wandte sich der Schreiber ab: »Je nun, den Galgen drüben auf dem Hügel hinter der Stadt hab' ich mir angesehen, Herr– Graf!«

»Der steht mir gut!« antwortete dieser, und die drei verschwanden im dunkeln Walde.

*

Auf dem weichen Moose hinter dem dicken Eichenstamme erhob sich der Paggio und trat heraus ins Freie.

›Aber was war denn nun das?‹ fragte er halblaut und rieb seine Aeuglein. ›Hätte ich's nicht ganz genau gehört, ich dächte, es habe mir nur geträumt. Puh, das garstige, gelbe Gesicht! Und warum der Schreiber nur auf einmal zu Boden gesunken ist und – ich hab's doch gehört – um Gnade gebeten hat?‹

Er sann ein wenig. Dann ballte er die Händchen und rief: ›Oder wollen sie vielleicht heute abend eine Komödie spielen, mein Carmen auszustechen, und haben hier eine Probe abgehalten? Zweihundert Goldgulden – Urkunde –?‹

›Ach was,‹ murmelte er ärgerlich, ›daß nur meine Verse glatt fließen! Was kümmert mich der Schreiber?‹

Und hastig zog er die Rolle aus seinem Kleide und begann mit lauter Stimme:

›Huldin, fürstliche Frau, dir liegen die Völker zu Füßen –‹

186 und freundlich guckte der Mond über die Wipfel der Tannen und Eichen auf den deklamierenden Paggio.

Da traten aus dem finstern Walde zwei Gestalten, ein Mann und ein Weib, und wollten an der Schenke vorüber auf die Plattform des Berges empor. Doch als sie den deklamierenden Knaben im Mondlichte erblickten, griff das Weib nach der Hand des Mannes und zog ihn zurück in den Schatten. »Der Paggio!« raunte sie ärgerlich.

»Warte, Schatz, den werden wir gleich aus dem Wege haben!« sagte der Mann und ging mit langen Schritten ins Freie.

»Heda, was treibst du denn? Heulst du den Mond an?«

»Ach, Ihr seid es, Junker?« sagte der Knabe mit Zurückhaltung. »Ich bereite mich auf das Fest vor. Ich begrüße ja doch, wie sich's gebührt, Ihre Fürstliche Gnaden heute abend mit einem Carmen! Wer denn sonst?« fügte er mit Stolz hinzu.

»Na dann los – hören lassen!« sagte der Hofjunker.

»Ihr wolltet mein Carmen hören?« fragte der Paggio mit entschiedenem Mißtrauen. »Wirklich?«

»Und ob!« drängte der Junker. »Aber geschwinde, 's ist nimmer viel Zeit übrig, ehe sie kommen!«

»Gewiß, gewiß!« rief nun der Paggio eifrig. »Wir Sänger, müßt Ihr wissen, wir Sänger recitieren unsre Carmina so gerne vor kunstverständigen Ohren. Wenn ich nur wüßte, ob 187 Ihr in der That auch kunstverständige Ohren habt?« fügte er mißtrauisch hinzu.

»Na und ob – aber vorwärts!«

Und mit lauter Stimme begann der Knabe:

»Huldin, fürstliche Frau –«

Als er aber den Vers geschrieen hatte:

»Jedem nicket sie zu, ach, und die Sunne bist du!«

brach der Junker in schallendes Gelächter aus.

Mit bebenden Lippen fragte der Paggio: »Ist vielleicht etwas nicht richtig im Versmaß, weil Ihr den Strom meiner Poesie so unsanft hemmet?«

»Jedem nicket sie zu –!« lachte der Junker und kam nahe heran. »Ja, sag, hast du denn die Sunne schon einmal mit dem Kopfe wackeln sehen, mein Junge?«

»Das ist licentia poetica!« erklärte der Sänger mit Selbstbewußtsein. »Das versteht Ihr nicht!«

»Ei, dann möchte ich dir raten, Junge, bring auch noch den Mond unter in deinem Carmen, wie er sich mit beiden Pratzen auf den dicken Bauch schlägt, und die Sternlein, wie sie Purzelbäume schlagen vor Verehrung! Und stelle dich so, daß der Strom deiner Verse gleich den Berg hinunterlaufen kann heut' abend. Es wäre mir angst und bang um unsre fürstlichen Herrschaften, wenn die am Ende weggeschwemmt würden von dem – Wasserfalle, mein lieber Paggio, Tollpaggio!«

Bleich, mit zornigen, thränengefüllten Augen kam der kleine Sänger heran und rief mit halberstickter Stimme: »O, daß ich keinen Degen habe! Wie notwendig wär's jetzt, Euch zu 188 züchtigen auf der Stelle! Aber wartet – Ihr habt mich nicht ungestraft gehöhnt!«

»Kalt Blut, Bübchen, reg dich nicht auf und schone vor allem dein Stimmlein, daß du nicht heut' abend krächzen mußt wie ein junger Rabe!« spottete der andre. »Aber hast du nicht mehr Luft, mir das Carmen gar anzuvertrauen?«

»O – Ihr – Ihr – Ihr!« Der Paggio brach in Schluchzen aus, wandte sich und stürzte mit fliegenden Haaren den Weg hinunter zu Thale.

»Aber Griffo, du hast das arme Kerlchen doch arg unsanft behandelt!« sagte das Weib und trat aus dem Schatten ins Mondlicht.

»I, das bring' ich schon wieder zurecht,« meinte der Hofjunker und zog das Weib an sich. »Was muß auch der Guck-in-die-Luft gerade jetzt da herumstorchen, wo wir uns mit knapper Not ein paar Augenblicke weggestohlen haben von den andern? – Ach, Wiltrud, wie ist mir das Herze so schwer! Wie sind uns doch die Wege verrammelt, kann gar nicht sehen, wo's hinaus will! Wenn du mir nur auch treu bleibst, jetzt, wo alles ganz anders gekommen ist!«

»Aber Griffo!« sagte sie und schlang die Arme leidenschaftlich um seinen Hals und küßte ihn. »Hab' ich dir's denn nicht gelobt im Herbste, da auf dieser Stelle – hast du's denn rein vergessen?«

»Ach, Wiltrud, das hab' ich freilich nicht vergessen – aber es ist ja doch seither alles anders gekommen!«

»Du meinst, weil der Fürst den dummen Wald verlieren wird vorm kaiserlichen Hofgericht, Griffo?«

189 »Jawohl, hat sich was – dummer Wald!« murrte der Junker. »Vierzigtausend Morgen schönster Eichenwaldung an die Pfeffersäcke verlieren, und das nur, weil im letzten Augenblick die alte Urkunde verschwunden war! Und im Herbst bin ich Forstmeister in optima spe gewesen über die Hälfte dieses Waldes – und jetzt? Na, ich bin ja sogar inzwischen ernannter und wohlbestallter Forstmeister geworden, aber ein Forstmeister ohne Wald, ein Lohgerber ohne Felle, ein Reiter ohne Pferd, ein Bischof in partibus infidelium!« Er lachte bitter auf.

»Die dumme Urkunde!« seufzte sie.

»Die Urkunde ist eine Kaiserurkunde und wäre an und für sich ebensowenig dumm wie der Wald, Liebste, nur müßte man beide haben,« sagte er.

»O, vielleicht findet sie sich doch noch unverhofft, Griffo! Das Gute muß ja siegen!« Sie machte ein verzücktes Gesicht.

Heftig schüttelte er den Lockenkopf: »Nein! Wenn sie nicht in ein Mausloch geschlüpft ist, im Archiv haben wir alles und jedes umgewendet, der Kanzler und ich. Die wahre Treibjagd ist's gewesen, und Staub haben wir geschluckt, ach, du hast ja gar keinen Begriff davon, was es heißt, nach solch einem Stück Pergament zu jagen, wollt' sagen zu suchen!« Er schüttelte sich, als steckte ihm der Staub des fürstlichen Archivs noch immer in Nase und Schlund.

»Und sie war im Herbste gewiß noch vorhanden, diese Urkunde?«

»Im Herbste? Vor drei Monaten habe ich sie selbst noch in diesen meinen Händen gehalten, Wiltrud!«

190 »Ja, da war doch der Prozeß schon längst anhängig?« fragte sie.

»Sollte ja unser letzter Trumpf sein, die Urkunde, Liebchen! Und da sie endlich vorgelegt werden mußte, war sie verschwunden.«

»Hat man denn keinen Verdacht, Griffo?«

»Verdacht? Je nun!« Er zuckte mit den Achseln. »Da ist der Imbricius, ein goldtreuer Mensch, vor dem jeder Verdacht Halt machen muß. Da ist der Kanzler –« Herr Griffo lachte. »Na, der gute, alte Kanzler hat sie natürlich nicht gestohlen! Aber Ordnung ist keine gewesen, es hatten je und je auch noch andre Leute Zutritt. Jetzt freilich, wo die Kuh aus dem Stall ist, hat Fürstliche Gnaden eine scharfe Ordnung verfügt, darf nur noch der Kanzler das Gewölbe betreten.«

»Und also ist der Waldprozeß ganz und gar verloren?« fragte sie seufzend.

»Mit der Urkunde war er gewonnen, ohne die Urkunde müssen wir ihn verlieren über kurz oder lang, Wiltrud.«

»Und sag, so 'n Stück altes Pergament, so 'n altes, gelbes, häßliches, sag, das soll uns das Leben verbittern, Griffo?«

»Ja, das Leben!« Er lachte grimmig. »Weißt du, Liebste, da giebt's nun verschiedene Leben: Bauernleben, Bürgerleben, Pfaffenleben und Junkerleben. Aber ein Hundeleben müßt's werden, wollt' einer auf einen leeren Geldbeutel, einen alten Namen, einen Klepper, der dem gnädigen Herrn gehört, eine Schlafkammer im fürstlichen Schlosse und einen Stuhl an der Junkertafel ein Edelmannsleben zu zweien begründen.«

191 »Und die Liebe?« fragte sie zärtlich.

»O du goldiger Schatz!« rief er und preßte sie ans Herz. »Aber haben sie denn nicht auch dir in der Schule gelehrt, daß zweimal nichts wieder nichts giebt? Oder meinst du, wenn das eine Nichts ein armer Hofjunker und das andre Nichts eine arme Hofjungfer ist und die multiplizieren sich, dann kommt ihnen zu Gefallen mal was andres heraus, als –« Er hielt inne und lachte vor sich hin: »Meinetwegen ein halbes oder ein ganzes Dutzend – weitere Nichtserlein, einerlei, ob sie nun in Röcklein oder Höslein herumlaufen?«

»Ach, wer wird so abscheulich reden!« rief sie entsetzt und hielt ihm den Mund zu. »An so was denkt ja doch mein Herz nicht!«

»Um so mehr das meine,« brummte er zwischen ihren Fingerlein hervor. »Aber komm, laß uns wenigstens einander satt küssen, ehe wir wieder die Dienstgesichter aufstecken müssen!«

Und er zog sie aufs neue an sich und küßte den schmollenden Mund. –

»Ein Liebespaar, welch freundlicher Anblick!« ertönte eine scharfe Stimme. Und als der Hofjunker und seine Braut auseinanderfuhren, er zornig und sie geschämig, wie sich's geziemte, da trat aus dem finstern Walde ein höckeriger Geselle in der doppelfarbigen Kleidung eines Narren heraus ins Mondlicht.

»Pack dich, oder ich packe dich am Kragen und werf' dich den Berg hinunter, wo er am steilsten ist!« rief der Junker und kam drohend heran.

Aber der Narr kreuzte gelassen seine Arme und sprach mit ganz veränderter Stimme, fast 192 feierlich: »Weite Länder, Ströme und Berge trennen uns vom Lande Italia, Herr Griffo, und eine lange Zeit!«

Der Junker stutzte und trat zurück, der Narr aber fuhr fort: »Und es war eine enge Gasse, und da stand einer und schlug die Laute – liebes Jüngferlein, erlaubt Ihr mir, daß ich den Junker einen Augenblick allein spreche?«

»Geh, Wiltrud – oder besser, warte hier, ich weiß nicht, was der närrische Mensch will!« raunte nun der Junker hastig, und Wiltrud zog sich in den Schatten der Schenke zurück.

»Und ich sehe, wie sie ihn meuchlings überfallen, zu Boden schlagen –« murmelte der Narr, trat noch ein paar Schritte vor, richtete sich gerade auf, schob die Narrenkappe zurück, daß die hohe Stirn frei wurde, legte bedeutungsvoll den Finger auf die Lippen und wandte das Antlitz, daß das Mondlicht darauf fiel.

Erschrocken stammelte der Junker: »Ihr, Eure –?«

»Ein landfahrender Narr, nichts weiter!« fuhr ihm der Verwachsene herrisch dazwischen. »Habt Ihr verstanden?« Und dabei zog er die Gugel wieder tief ins Gesicht, bis herab auf die starkgebogene Nase, und unten empor übers Kinn.

»Verstanden?« sagte der Junker. »Gehört, Eure –!«

»Narro!« unterbrach ihn der Unbekannte scharf.

»Gehört, ja! Verstanden? Nein!« sagte Herr Griffo ehrerbietig.

Der Verwachsene raunte: »Und bin ich zu erkennen? Ist überhaupt jemand am Hofe, der mich früher schon gesehen hat?«

193 »Außer der einen – niemand, Narro,« brachte der Junker mit Anstrengung hervor. »Aber allerdings, ob Euch die eine nicht am Ende trotz Gugel und trotz –« Er mußte lachen.

»Hört, Junker, Ihr verwundert mich! Du sollst dich nicht lustig machen über deines Nächsten Gebrechen, und wenn's ein Höcker wäre!« sagte der Verwachsene mit feierlichem Ernste.

»Entschuldiget, es ist aber auch zu spaßhaft!« stieß der andre heraus.

»Spaßhaft? Höret, Ihr Spötter, laufet Ihr einmal mit solchem Erkerlein durchs Leben, da wird Euch das Lachen vergehen!« rief der Kleine, drehte sich etlichemal wie ein Kreisel auf dem Absatze und raunte dann: »Ihr glaubt, sie würde mich erkennen – wirklich?«

Der Junker nickte.

»Nun, dann wißt Ihr was? Dann sollt Ihr's der Prinzessin sagen – gleich, so bald als möglich!« flüsterte der Verwachsene. »Das ist der nächste Dienst, den ich von Euch verlange. Und daß Ihr's wißt – heut' abend bin ich auch dabei!«

»Zeit meines Lebens bin ich Euer Schuldner seit jener Mordnacht,« antwortete der Junker. »Befehlet und –« Er verneigte sich tief. Dann aber raunte er verzweiflungsvoll: »Nur eines – was wollt Ihr denn hier?«

»Was ich will?« sagte der Verwachsene mit Lachen. »Was ich will? Ja, wann fragt denn das Schicksal danach, was einer will? Drum stehe ich und warte, was das Schicksal will mit mir. Dann aber zur rechten Zeit, ja, dann will ich und greife zu!«

194 »Und was Ihr wollt, das setzt Ihr durch,« murmelte der Junker.

»Werden's ja sehen!« sagte der Narr und kreuzte die Arme. »Aber nun geht, sonst könnte es ungeduldig werden, Euer Liebchen!«

»Meine Braut!« Der Junker verneigte sich höfisch.

»Vergebt, Eure Braut!« sagte der Narr.

*

Nacht war's. Pfeifer und Geiger spielten fröhliche Weisen, durch das qualmende Sonnwendfeuer sprangen jauchzende Paare, auf allen Höhen weit hinaus im dämmerigen Lande glühten die brennenden Holzstöße. Kein Lufthauch bewegte die Baumwipfel des Hügels.

Abseits vom gemeinen Volke, am Saume des Waldes, im weiten Halbkreise umstanden vom Hofe und von den Vornehmsten des Städtleins, saß auf bequemen Faltstühlen die fürstliche Herrschaft und ergötzte sich am Anblicke des bunten Bildes: Seine Fürstliche Gnaden der regierende Landesvater Stanislaus der Zweiunddreißigste, ihm zur Rechten Ihre Fürstliche Gnaden die Frau Landesmutter und ihm zur Linken seine Schwester, Prinzessin Ulrike.

»Darf ich,« flüsterte der alte Hofmeister hinter dem Stuhle seines Herrn, »darf ich vor Eure Fürstliche Gnaden die unterthänigste Frage bringen, haben die diesjährigen Veranstaltungen dieses althergebrachten Volksfestes Hochdero Beifall sich zu erfreuen?«

Mit einer gewissen Anstrengung wandte der junge Landesvater seine Wohlbeleibtheit ein wenig zurück, nickte herablassend und gnädig mit dem 195 breiten, gutmütigen, rötlich angelaufenen Gesichte zu dem eisgrauen Manne empor und wollte eben die Lippen öffnen. Doch rasch wandte sich die Landesmutter zurück: »O, es gefällt uns vorzüglich, lieber Windewendeleben, und mich dünkt, wir haben selten solch schöne, milde Sommernacht erlebt.« Und ihr liebreizendes Antlitz lächelte so gütig empor zu dem alten Manne, daß dieser andächtig die Hand aufs Herz legte und sich wortlos verbeugte. Und ihre goldblonden Löcklein quollen so lustig hervor unter dem blausammetnen Barette, daß der kleine Paggio hinter ihrem Stuhle die Augen nicht davon wenden konnte; und ihre Stimme klang silbern, daß die Hofleute und die Stadtleute ihre Köpfe streckten und ihre Ohren spitzten, auch ein Wörtlein zu erhaschen von den gütigen Lippen.

»Dasselbe habe ich sagen wollen, aber mein Hannchen ist geschwinder gewesen als ich,« lachte der Landesvater gutmütig und blickte aus den kleinen Aeuglein befriedigt auf seine unzweifelhaft schönere Hälfte. Seine Fürstliche Gnaden sahen gern in die fröhlichen blauen Augen, und das that jedermann gern im Fürstentume bis herab zum letzten Roßjungen bei Hofe und bis zum kleinsten Schulmägdlein drunten in der Stadt.

»Eure Fürstliche Gnaden, unsre heißgeliebte Landesherrschaft sind eben sozusagen ein Herz und eine Seele!« wisperte der Hofmeister.

Der Landesvater lehnte sich behaglich zurück und drückte verstohlen die Hand seiner Hanne. Das that er gern zuweilen, und jeder im Fürstentume hätte es gern gethan; aber das durften nur Seine Fürstliche Gnaden. Dann wandten sie 196 sich langsam zu der schönen, bleichen Jungfrau an ihrer Linken und sagten halblaut: »Nun, Rike, gefällt's dir nicht inmitten unsrer getreuen Unterthanen?«

Prinzessin Ulrike fuhr empor, als wäre sie weit fortgewesen mit ihren Gedanken, maß mit einem kurzen Blicke den Abstand hinüber zum gemeinen Volke, senkte die Augen wieder auf die gefalteten Hände in ihrem Schoße und sagte ruhig: »Es ist dafür gesorgt, Euer Liebden, daß uns der Armleutgeruch nicht belästigt!«

Seine Fürstliche Gnaden raunten ein wenig ärgerlich: »Aber was meinst du denn mit der spitzigen Rede?«

»Daß es zu des seligen Herrn Vaters Zeiten anders gewesen ist als jetzt,« antwortete Prinzessin Ulrike ebenso leise, »da setzte sich die Landesherrschaft nicht abseits, da mischte man sich unters Volk, da sprang die Frau Mutter, und da sprangen ihre Töchter selbst durchs Feuer, da –«

»Ei, das gefiele mir auch gleich besser!« beugte sich die Landesmutter herüber.

Seine Fürstliche Gnaden aber schüttelten ärgerlich den dicken Kopf und wollten etwas erwidern.

Doch geschwinde neigte sich der Hofmeister zwischen den Fürsten und die Fürstin und fragte: »Da stünde einer, bebend vor Freude und Aufregung, wartend, ob es ihm vergönnt sein möchte, Ihrer Fürstlichen Gnaden in wohlgesetzten – was sind's doch?« wandte er sich zum Paggio. »Wie heißt man die Dinger?«

»Disticha!« murmelte der Paggio.

»In wohlgesetzten Dizekas zu huldigen,« 197 vollendete der Hofmeister von Windewendeleben mit wichtiger, wohlwollender Miene.

»Na, da soll er halt seine Dizekas hersagen!« befahl die Fürstin mit seinem Lächeln, während im Hintergrunde Seine Ehrwürden der Herr Konrektor hörbar bemerkten: »Disticha heißt diese Versart, dieweil sie aus einem Hexameter und einem Pentameter bestehet, welcher Verse Wesen und Spielarten zu erklären jedoch hier zu weitläufig wäre.«

Mit klopfendem Herzen stand der Paggio vor den Herrschaften, der Hofmeister winkte, die Geiger und Pfeifer verstummten, und der Knabe begann mit weithinschallender Stimme:

»Huldin, fürstliche Frau, dir liegen die Völker zu Füßen
Gleich der dürstenden Saat, welche im Winde sich wiegt,
Oben pranget in Pracht die Sunne am Himmelgewölbe,
Jedem nicket sie zu, ach, und die Sunne bist du!«

Der kleine Dichter schöpfte Atem und konnte sich nicht versagen, einen triumphierenden Blick auf den Hofjunker Griffo von Zackenstein zu werfen, der mit unbewegtem Gesichte hinter der Prinzessin Ulrike stand – einen triumphierenden Blick: denn Ihre Fürstliche Gnaden hatten wahrhaftig soeben nicht einmal, sondern dreimal genickt. Und mit weithinschallender Stimme fuhr er fort:

»Huldin, fürstliche Frau, inmitten der liegenden Völker
Liegt im Staube des Wegs auch dein singender Knecht.«

Aber nicht die nickende Sunne und nicht der dräuende Drache an ihrer Seite, nicht der Junker hinter Prinzessin Ulrikes Stuhle und nicht der ehrwürdige Konrektor, der wohlgefällig im 198 geheimen bis hierher die untadeligen Verse seines Schülers mit dem Stiefelabsatze skandiert hatte, und niemand aus den liegenden Völkern der nickenden Sunne erfuhr jemals, was eigentlich die geheime Absicht des singenden Knechtes gewesen wäre. Denn dieser kam nunmehr ins Stocken, wurde glutrot, stammelte:

»Auch dein singender Knecht
–   –   –
Liegt im Staube des Wegs
–   –   im Staube des Wegs
–   liegt   –   –«

fuhr mit beiden Händen in alle Taschen, suchte und konnte nichts finden und sah hilfeheischend über den flüsternden, zischelnden, kichernden Halbkreis, während der Herr Konrektor wohlwollend nachzuhelfen versuchte mit seiner ehrwürdigen, etwas näselnden Stimme:

»Auch dein singender Knecht –!«

Und noch einmal raffte sich der Paggio auf, schnappte nach Luft und begann von neuem:

»Huldin, fürstliche Frau, inmitten der liegenden Völker
Liegt im Staube des Wegs auch dein singender Knecht –«

Dann aber brach er in Thränen aus, stürzte vor der nickenden Sunne nieder und schluchzte: »Und ich hab's doch vorhin noch am Schnürlein gekonnt, Frau Fürstin!«

Und nun zeigte sich's mit einmal, wie recht der kleine Paggio gehabt hatte: die Sunne vor seinen umflorten Augen nickte nicht nur, nein, sie beugte sich ganz tief herab zu dem Knechtlein im Staube, das nimmer weiter wußte, hob es auf und küßte es gar liebreich auf die Stirn, daß 199 ihm Sehen und Hören verging unter dem süßen Atem ihres Mundes.

»Besser lernen, besser lernen! Aber thut nichts, der Wille wird angesehen, und der war gut, war gut,« brummten jetzt auch Seine Fürstliche Gnaden mit Wohlwollen.

Die nickende Sunne aber bog sich nun gar, während sie dem Knäblein mit der Linken über die blonden Locken fuhr, zum Hofmeister zurück. Und dieser legte ihr gewandt und mit tiefer Verbeugung einen Degen samt Wehrgehänge in den Schoß.

Und liebreich sprachen Ihre Fürstliche Gnaden: »Mein treuer Paggio, nimmermüder Begleiter und Schweifträger bei allen meinen Ehrengängen zu Hochzeiten und Kindelbieren im Städtlein, Jünger Apolls, Musenliebling, steh auf aus dem Staube! Lange schon hast du mich gequält, ich solle dir doch auch einmal zu einem Degen verhelfen, du möchtest nicht geringer sein als die Hofjunker. Nun hab' ich Rücksprache genommen mit meinem Herrn und Gemahl, und auf seine Erlaubnis umgürte ich dich jetzo mit einem wirklichen Degen!«

Sie erhoben sich und umgürteten das Dichterlein mit dem Wehrgehänge aus grünem Leder, legten die Linke feierlich auf seine Locken und sprachen: »Es geziemt sich, daß ein jeder, der Ritterschaft treiben will, sei edel, hochgemut, freigebig, tadellos und ehrenfest!« Und dabei gab sie ihm mit der Rechten einen leisen Streich auf die Wange.

Der Paggio hatte sich unter diesen gnädigen Worten längst von seiner Bekümmernis erholt 200 und rief mit glühenden Wangen und ehrenfestem Ernste, als gälte es, auf der Stelle in die blutige Männerschlacht zu traben, wie er in alten Ritterbüchern gelesen: »Ich will es!«

Seine Fürstliche Gnaden aber sagten vernehmlich: »Und schneid dich halt nit, Buberl, er ist fein scharf!«

Die feierliche Stille löste sich in behagliches Lachen und Raunen und Wispern. Der Neubewehrte aber runzelte die Stirn: niemals hatte er klarer gesehen – sein dicker Landesvater war dennoch ein Drache! Tiefbeleidigt wandte er sich ab, sah mit liebevollem Antlitze empor zu seiner nickenden Sunne, ließ sich auf ein Knie nieder, schlug an den Degen und rief wiederum mit heller Stimme: »Ich will es!«

Da mit einem Male lohten hier und dort am Saume des finsteren Waldes rote Flammen empor, feurige Schlangen wanden sich um die dicken Stämme, über den freien Platz hüpften glühende Frösche und zerstoben, die ganze Bergkuppe erstrahlte in blauem Lichte, aus dem blauen Lichte ward in jähem Wechsel brennendes Grün, aus dem Grün infernalisches Gelb, und während sich das gemeine Volk in Jauchzen und Schreien Luft machte und sogar aus den Reihen der Hofleute sich respektvolle Rufe emporrangen, erlosch urplötzlich jegliches Licht, und schrägher aus dem nächtlichen Walde kam feierlich gemessenen Schrittes eine hohe Mannsgestalt in langem, wallendem Talare, umflossen von seltsamem, phosphorescierendem Scheine, mit steifem, spitzigem Hute auf dem Haupte und einem Stäbchen in der Hand.

201 Wortlos drängte sich die Menge näher, lautlos betrachtete sich der Hof den Vermummten; vornüber beugten sich Seine Fürstliche Gnaden und erwarteten fröhliche Kurzweil.

Ein schwacher Schwefelgeruch erhob sich, und hüstelnd führte die Frau Fürstin ihr Fazinettlein ans Näschen.

Der Fremde aber beschrieb mit seinem Stabe sonderbare Kreise in der Luft und sprach mit hohler Stimme: »Des Tages scheinet die Sonne, der Mond des Nachts, und durch alle Dunkelheit fährt der Geist als ein Blitz. In Nacht gehüllt ist die Zukunft, Finsternis bedecket das Innere der Berge. Wer weiß, wann die Nacht besiegt wird vom Tage und die Finsternis bezwungen vom Lichte? Wohl dem Lande, über dem da strahlet eines großen Fürsten Feuerauge Tag und Nacht! Denn wer kann wissen, was der nächste Tag schon fordert von uns?«

Der Langmantel verneigte sich tief, während hinter seinem Rücken aus dem Walde der doppelfarbige Verwachsene hervorkam.

Der Langmantel verneigte sich zum andernmal, und der Kleine verneigte sich genau wie er.

Fürstliche Gnaden lächelten, und im Halbkreise lächelte der Hof. Da wandte sich der Mann im Talare und sah den Mißgestalteten, machte eine zornige Bewegung, verneigte sich das dritte Mal vor den Herrschaften und verschwand feierlichen Schrittes im Dunkel des Waldes.

Hart vor den Feldstühlen stand nun der Kleine und verneigte sich zum zweiten Male.

»Was war das?« fragte der Fürst und machte ein verwundertes Gesicht.

202 »Was war das?« fragte die Fürstin und machte ein ängstliches Gesicht.

Aber der Hofmeister wußte nichts, und auch sonst vermochte niemand Auskunft zu geben. Es entstand ein Raunen und Fragen, tief unten aber im Walde schrie leise klagend ein Käuzlein.

»Gehörst du zu dem dort?« wandte sich der Fürst an den Verwachsenen.

»Ich wandle meinen eignen Weg!« erklärte dieser mit Stolz.

»Und wer bist du?«

»Ich?« antwortete der Kleine. »Ja, das vermag ich leider nicht so gerade herauszusagen. Ich bin – ich bin einer, der glaubt, daß ehrlich am längsten währen, und daß der gerade Weg der kürzeste sein müsse. Ist das noch nicht genug? Nein? Gut: ich bin einer, der glaubt, daß die weltlichen Herren um ihres Amtes willen vorhanden seien, und daß vor geistlichen Herren kein Ansehen gelten dürfe der Person; einer, der glaubt, daß auch Gold zuweilen rieche, und daß die Wahrheit allerorten von selbst hoffähig sei.«

Er hielt inne. Seine Fürstliche Gnaden aber äußerten sich mit herablassender Freundlichkeit: »Ei, das sind doch samt und sonders in unsern Erblanden ganz selbstverständliche Wahrheiten, das ist doch jedem unter uns bewußt! – Heda, Florian Abendschein! Florian Abendschein soll kommen!«

Florian Abendschein, der Hofpfortner, kam eilig mit verstörter Miene schrägher über den freien Platz, und seine Blicke fuhren dabei suchend an den Baumstämmen hin. Er machte einen Kratzfuß vor den fürstlichen Herrschaften.

203 »Florian, das war ein schönes Freudenfeuer, das hast du gut gemacht!« lobten Seine Fürstliche Gnaden.

Der Hofpfortner vergaß den zweiten Kratzfuß und stieß hervor: »Ob es schön war, Fürstliche Gnaden, das weiß ich nicht. Ob's nun aber schön war oder nicht, keinesfalls kann ich dafür. Erstens ist's nämlich überhaupt zu früh losgangen, und zweitens ist's mein Feuer gar nicht gewesen, das da losgangen ist. Und eines weiß ich: mit rechten Dingen ist das weder losgangen noch zugangen, das infernalische Zeug!«

Florian Abendschein erinnerte sich nun doch des zweiten Kratzfußes. Dann aber ging er schnüffelnd in den Wald, in dem der Fremde verschwunden war.

Kopfschüttelnd wandten sich Seine Fürstliche Gnaden an den Verwachsenen und fragten: »Nun also, was bist du denn?«

»Je nun, Vetter,« antwortete dieser, »hast du das noch nicht heraußen? Ein armer Narr – was sonst?«

Mit weitgeöffneten Augen sah Prinzessin Ulrike auf den Kleinen, die Hofleute flüsterten, und belustigt fragten Seine Fürstliche Gnaden: »Und warum beehrst du unsre Lande mit deinem Besuche?«

»Ich beschäftige mich zu meinem Vergnügen viel mit der Lösung von Rechtsfragen,« sagte der Narr bescheiden. »Und da ist mir nun jüngst eine Frage aufgestoßen, so verwickelt, daß ich darüber tiefsinnig geworden und zu meiner Zerstreuung auf Reisen gegangen bin.« Er blickte zu Boden und scharrte nachdenklich den Sand mit der Spitze seines Schuhes.

204 Fürstliche Gnaden beugten sich erwartungsvoll nach vorn und befahlen: »Ei, laß sie doch hören, deine verwickelte Frage!«

»Wenn du willst, Vetter, recht gerne: Kann einer bestraft werden wegen Verletzung der kindlichen Pflicht, weil er es versäumt hatte, seinem Großvater beizustehen, als sich dieser die leibliche Mutter aussuchte?«

»Das ist allerdings eine schwierige Frage,« sagte der Landesvater und schwieg nachdenklich. Unter den Hofleuten aber entstand ein Murmeln; der Kanzler raunte dem Hofmeister etwas ins Ohr, und respektvoll leise flüsterte dieser: »Eine Scherzfrage, Fürstliche Gnaden!«

»Eine alberne Scherzfrage!« rief der Landesvater und lachte kurz auf. Und kurz auf lachte der Hof, während der Hofmeister auf Eingebung zischelte: »Ein unmöglicher Fall!«

»Ein ganz unmöglicher Fall!« riefen Seine Fürstliche Gnaden und begannen nun wirklich von Herzen zu lachen. Und wirklich von Herzen lachte der Hof.

»Ein ganz unmöglicher Fall?« fragte der Narr mit schneidender Stimme. »Gesegnet sei die Stunde, wo dein Antlitz über mir blinkte, du erleuchteter Fürst! Ein unmöglicher Fall – meinst du wirklich? Sieh, daß du also entscheidest, erquickt meine bekümmerte Seele!«

Prinzessin Ulrike neigte sich zu ihrer Schwägerin und sprach mit bebenden Lippen: »Meinst du nicht, Liebste, die Luft wird kühl – mich fröstelt –?«

»Wie du meinst, Liebste,« antwortete die Fürstin und gab das Zeichen zum Aufbruch.

205 Diener liefen, Fackeln flammten, das gemeine Volk wich zur Rechten und Linken, daß sich eine breite Gasse bildete; der Bürgermeister sprang auf ein Felsstück, schwenkte den Hut und rief mit schallender Stimme: »Ihr Leute allesamt, unsre gnädigste fürstliche Herrschaft, vivat hoch!«

Die Geiger und Pfeifer fielen ein, das Volk schrie nach seiner Pflicht, und im roten Fackellichte zog der Hof zu Thale, der Hof samt dem wimmelnden Volke.

*

Sachte drückte sich im Strome der Menschen Hofjunker Griffo von Zackenstein in die Nähe seiner Holden und raunte ihr ins Oehrchen: »Kannst du dich nicht ein wenig vom großen Haufen absentieren, Liebste? Es ginge sich zu zweien so schön durch die Sommernacht!«

Aber ehe Wiltrudis raunend zu antworten vermochte, fühlte sich Herr Griffo heftig am Wamse gezogen. Er wandte sich und sah in das zornige Gesicht des Paggio.

»Was giebt's?«

»Wenn Ihr ein Junker seid, so folgt mir!« zischte der Knabe.

»Dazu habe ich just den Augenblick nicht die geringste Lust!« antwortete Herr Griffo ärgerlich.

»Dann seid Ihr ein Feigling!« raunte der Paggio und wich nicht.

»Na, du Kröte, das wird ja ganz brenzelig,« lachte nun der andre, trat zur Seite und blieb stehen: »Was soll's?«

»Ihr habt ein kurzes Gedächtnis!« sagte der Paggio mit finsterem Gesicht. »Zieht Euern Degen und folgt mir, ich habe zu reden mit Euch!«

206 »Du bist wohl jetzt auf einmal ganz und gar übergeschnappt, Püppchen?« fragte der Junker wohlwollend, während sie beide auf einem Seitenwege zurückschritten.

»Sparet neue Beleidigungen, ehe Ihr mir Rechenschaft gegeben habt für die alten!« rief der Paggio.

»Räumet den Platz!« herrschte er droben auf der verlassenen Bergkuppe Florian Abendschein an, der mit den Knechten die Faltstühle der fürstlichen Herrschaft zu Thale bringen wollte.

Der Hofpfortner aber wandte sich und rief mit seiner groben Stimme: »Unsre gnädige Herrschaft ist unsre gnädige Herrschaft, und das wär' mir noch das Schönste, müßt' sich unsereiner anschnauzen lassen von jedem grasgrünen –« Er verschwand im Walde, und lachend trollten die Knechte hinter ihm.

»Halt!« schrie der Paggio, und seine Stimme überschlug sich.

»Ich rate dir, laß den Kerl laufen!« meinte Herr Griffo wohlwollend. »Mit solchem Volk bemengt sich ein Junker nicht.«

»Meint Ihr?« fragte der Paggio und blickte mißtrauisch auf den andern. Dann aber ging ein Leuchten über sein Gesichtchen: »Wie habt Ihr gesagt? Junker –? Nicht? Junker –?«

»Natürlich, Junker!« wiederholte der andre und verzog keine Miene.

»Und damit habt Ihr mich gemeint?«

»Natürlich – wen sonst?«

»Jeder grasgrüne –, habt Ihr's nicht gehört, was er mich gescholten hat?« fragte der Knabe erregt. »Was kann er wohl – jeder grasgrüne –?«

207 »Laubfrosch,« antwortete Herr Griffo trocken. »Was denn sonst? Doch selbstverständlich!«

»Was denn sonst?« fuhr der Paggio auf und zog den Degen. »O, ich merk's, Ihr treibt doch nur Euern Spott mit mir. Aber Ihr habt's ja selbst gesagt, ich bin ein Junker. Also Junker gegen Junker! Der Worte sind es nun genug gewesen. Auf, laßt uns fechten für unsre Ehre, wie Junkern geziemt! Vom Leder! Was zögert Ihr? Los! Oder haltet Ihr mich für keinen vollgültigen Junker mehr, jetzt im Augenblick der höchsten Gefahr?«

»O, mehr als je,« sagte Herr Griffo gelassen.

»Also vom Leder!« drängte der Paggio.

»Natürlich nicht!« sagte der andre gutmütig und lachte.

»Aber ich begehre meinen Degen zu tauchen in Euer schwarzes Blut, ich lechze nach Euerm Leben!« erklärte der Paggio mit finsterem Ernste.

»Ich ganz und gar nicht,« meinte der Junker. »Seht, guter Freund, das liefe schnurstracks wider meine Edelmannsehre. Das müßt Ihr doch begreifen – nicht?«

»Ihr – Ihr?« fragte der Paggio. »Ist das nun Spott oder Ernst, daß Ihr mich ihrzet?« Und mißtrauisch maß er seinen Gegner.

»Heiliger Ernst, natürlich,« kam's zurück. »Ich darf doch meinen Widerpart, der mit dem blanken Degen auf mich eindringt, ehrenhalber nicht mehr duzen!«

»Nein, das ginge wahrhaftig nicht,« murmelte der Paggio, senkte die blitzende Waffe und atmete aufgeregt. »Aber warum liefe es denn wider Eure Ehre, wenn Ihr mit einem Junker die 208 Klinge kreuztet?« fragte er mit erneutem Mißtrauen.

»Gerade weil wir zwei Junker sind,« erklärte Herr Griffo wohlwollend. »Denn seht, es soll doch das Ganze ein richtiger Zweikampf werden – oder nicht?«

»Aber natürlich!« rief der Paggio mit Stolz.

»Nun also! Zu einem richtigen Zweikampf aber gehören unbedingt ihrer fünfe. Also seht Ihr, daß drei fehlen – oder nicht?«

»Das ist wahr,« meinte der Knabe betreten. »Aber ich denke, wir sind zwei Junker und machen eben die Sache aus, wie's uns beliebt.«

»Darauf kann ich mich leider nicht einlassen, guter Freund; denn wir Junker sind nur dann stark und angesehen, wenn wir uns allzeit an die bewährten Regeln und Satzungen löblicher Ritterschaft halten.«

»Meint Ihr?« fragte der Paggio kleinlaut. »Da wird also wohl heute nichts mehr aus unserm Zweikampf?«

»Für heute ist es wohl schon zu spät,« belehrte Herr Griffo seinen Gegner.

»Aber Ihr erklärt, Euch meinem Degen nicht entziehen zu wollen?« brach der Paggio aufs neue los.

»Beileibe nicht!« antwortete der Junker und strich hastig über sein Schnurrbärtchen.

»O, ich merke es schon, Ihr habt ein Lachen verbissen, ich weiß, Ihr treibt eben doch nur Euern Spott mit mir!« klagte der Kleine.

»Beileibe nicht!« tröstete ihn der andre gutmütig, während er an seinem Lachreiz würgte. »Ich erkläre Euch feierlich, morgen in aller Frühe 209 bringen wir den Handel vor erfahrene, ritterbürtige Leute.«

»Wenn nun aber diese –?« fragte der Paggio mißtrauisch.

»Ihr meint, wenn sie den Kindsmord – holla, wollt' sagen Paggiomord –«

»Herr!« fuhr der Knabe aus.

»Verzeiht mir!« bat der Junker ernsthaft. »Es könnte wohl sein, daß diese anders entschieden; denn sie kennen ja die tapfere Seele in Euerm Busen nicht so wie ich, es könnte also sein –«

»Habt Ihr das nun wieder im Ernst oder spöttlich gemeint?« erkundigte sich der Knabe und hob den Degen.

»Angesichts dieses blinkenden Stahles!« rief der Junker. »Wie könnt Ihr fragen?«

»Ich mein' es auch!« sagte der Paggio befriedigt und atmete tief aus.

»Also, es könnte immerhin sein,« fuhr Herr Griffo fort, »daß Euch diese erfahrenen Männer raten, den Austrag des Ehrenhandels noch etliche Jahre zu verschieben.«

»Aber was bliebe mir dann übrig?« rief der Paggio in heller Verzweiflung. »Wer wäscht mir dann die Ehre rein?«

»Ich! Wer sonst?«

»Ihr?«

»Natürlich! Das würden mir wohl schon jene Biedermänner auferlegen!«

»Wirklich?« Es klang wie ein Jubelruf.

»Aber gewiß, guter Freund! Doch meint Ihr nicht, wir könnten das auch ohne Blut und ohne andre Leute auf dem Fleck da miteinander ausmachen?«

210 »Hätte solches Gebaren aber auch seine volle Richtigkeit?« fragte der Paggio zögernd.

»Was ohne Zeugen verbrochen ist in solchen Ehrensachen, das kann auch ohne Zeugen gesühnt werden.«

»Und Ihr wolltet mir auf der Stelle da erklären, daß ich ein Junker bin vom Scheitel bis zur Sohle?« fragte der Knabe und reckte sich erwartungsvoll.

»Ein Junker von dreizehn Jahren vom Scheitel bis zur Sohle,« erklärte Herr Griffo und legte die Hand aufs Herz.

»Warum sagt Ihr das so nachdrücklich – von dreizehn Jahren?« erkundigte sich der Paggio mit erneutem Mißtrauen.

»Weil solche Ehrenerklärungen nie genau genug abgegeben werden können.«

»Und Ihr sprecht es aus, daß ich ein Ritter bin ohne Furcht und Tadel?«

»Ohne Furcht und ohne Tadel!«

»Und Ihr nehmt Eure Beleidigung wortwörtlich zurück?« fuhr der Paggio mit Hoheit fort.

»Ja, guter Kamerad,« meinte der Junker und rieb seine Stirn, »das hat nun allerdings seinen Haken!«

»Ihr wolltet nicht?«

»Na doch, von Herzen gern, aber ich weiß ums Ver–, na, wenn Ihr mir auf der Stelle den Bauch aufschlitztet mit Euerm Degen, ich weiß halt nimmer, was Euch so sehr erzürnt hat!« sagte Herr Griffo gutmütig und reichte seinem Feinde die Hand.

Entsetzt trat der Paggio einen Schritt zurück. »Ihr wißt es nimmer? Ja, ist das nun nicht 211 der allerschwerste Schimpf? Aber wie kann einer denn so was nach so kurzer Zeit vergessen?«

»Ein Schimpf? Im Gegenteil! Meint Ihr nicht, wenn ich Euch so recht hätte beschimpfen wollen, dann wäre mir's nach einer Stunde schon entfallen?«

»Da könntet Ihr am Ende recht haben,« gab der Knabe zögernd zu.

»Nun also, guter Freund, sagt mir geschwinde, was für ein Wort hat Euch –?«

»Niemals!« erklärte nun der Paggio mit Entschiedenheit. »Wenn Ihr's vergessen habt – aber habt Ihr's auch wirklich vergessen?«

»Auf Edelmannsehre!«

»Dann soll's vergessen sein!« erklärte der Paggio mit Hoheit. »Und Ihr nehmet das vergessene Wort, das mich beschimpft hat, zurück, ob's Euch nun wieder einmal einfällt oder nicht?« erkundigte er sich weiter.

»Na, der Donner noch einmal!« rief Herr Griffo. »Ihr müßt ein Juriste werden, wenn nicht, ist's ewig schade! Alles nehm' ich zurück, und damit basta!« Und lachend hielt er dem Gegner zum zweiten Male die Hand hin.

Zögernd näherte sich der Knabe: »Ist nun meiner Ehre genug geschehen?«

»Na, dreimal genug!« rief Herr Griffo, nicht ohne ehrliche Bewunderung. »Der Donner noch einmal, schlagt ein!«

Mit großem Ernste schlug der Paggio ein: »Höret, wenn Ihr einen Freund braucht, so rechnet auf mich!« sagte er mit Würde.

»Ei, das will ich, Junge! Kann einer niemals genug Freunde haben in diesem Rauf-, 212 Sauf- und Jammerleben,« sagte der Hofjunker lachend und schüttelte die Hand des Kleinen, daß dieser die Zähne aufeinanderbiß. »Aber nun kommt, es ist spät geworden! Und um was Ihr mich gebracht habt heute abend, das wißt Ihr auch nicht!« setzte er seufzend hinzu.

»Das weiß ich wohl, habe aber den Handel mit dem besten Willen nicht aufschieben können,« flüsterte der Paggio vertraulich.

Drohend hob der Junker den Finger: »Lieber Paggio, da hat die Freundschaft ihre Grenze. Was Euch nicht brennt, das blast fein nicht!«

»Vergebt, es liegt mir nichts ferner, als Euch zu erzürnen!« beeilte sich der Paggio zu sagen. »Aber, was meint Ihr,« setzte er zögernd bei, während sie hinab zum Walde gingen, »wär's nicht besser, Ihr sagtet wieder du zu mir wie vordem? Es möchte auffallen bei Hofe, und ich bin doch eigentlich noch kein Ihr von Euch!«

»Na, den Gefallen will ich unsrer Freundschaft gern thun!« lachte der Junker. »Obwohl« – er blieb stehen – »obwohl ich manchen Alten ihrze, der lange nicht so bedacht ist auf seine Ehre wie du – du Racker!«

»Meint Ihr?« fragte der Paggio mit bebender Stimme und preßte die Linke auf den Griff seines Degens, während sie im Walde verschwanden.

 

II.

Auf den festlichen Abend folgte der Alltagsmorgen. Im fürstlichen Parke hinter dem Schlosse sangen die Amseln, schmetterten die Finken und 213 plauderten die Grasmücken, und an allen Gräsern und Blättern funkelte der Tau. Ueber den Marktplatz des Städtleins trieb der Sauhirte seine grunzende Herde hinein ins tiefe Thor, hinaus in den Sonnenschein, folgte eine Zeitlang den sichtbaren Spuren seines Amtsgenossen, des Kuhhirten, und bog dann thalwärts ab zum Flusse.

Am rinnenden Stadtbrunnen schwatzten die Mägde, unter den Thüren ihrer Kramladen standen die Kaufleute und grüßten mit Gähnen den jungen Tag. Ein Trüpplein Buben kam über den Marktplatz, trollte die lange Gasse hinunter zur lateinischen Schule und sang lustig die alte Weise:

»Surrige recht früh,
Quando pastor treibt die Küh',
Quando pastor treibt die Schwein',
Debes tu in schola sein.«

Gebückt unter der Last ihrer Tragkörbe zogen die Bauernweiber von allen Seiten herein durch die Thore, mit der Glocke in der Hand ging der Stadtknecht von Ecke zu Ecke und rief mit hallender Stimme eine Kundmachung der Wohlweisen und Ehrbaren zu den Fenstern empor. Und über den Federbetten, die da zum Lüften heraushingen, rundbauchig und wohlgefüttert, zeigten sich Morgenhauben in allen Farben und Formen.

Vor der Herberge zur Post standen hochbepackte Lastwagen, und neben schwerfälligen Kutschen hielten bärtige Landreiter, fertig zum Geleite. In der dunkeln Schmiede gegenüber flammte das rote Feuer, unter dem blumengeschmückten Vordache stampften die Rosse, und der ganze Marktplatz roch nach angesengten Hufen.

214 Unter den schmetternden Tönen seines blinkenden Hörnleins kam der Postreiter die Straße heraufgeklappert. Würdevoll trug der Herr Konrektor seine Wohlbeleibtheit die Straße hinunter zur lateinischen Schule und erwiderte herablassend die respektvollen Grüße der mageren Kanzleiverwandten, die mit eiligen Schritten an ihm vorüber dem Amthause entgegenstrebten.

Hoch droben auf dem Kirchturme saß der alte Wächter im engen Stüblein und kaute an den Fingernägeln; denn es war friedliche Zeit, und Staubwolken auf den Heerstraßen hatten wirklich nichts zu bedeuten. Unter dem Thore des fürstlichen Schlosses aber stand Florian Abendschein, der Hofpfortner, mit einer langen Peitsche und spähte den Schloßweg entlang, ob sich nicht etwa ein Hund herausnähme, gen Hofe zu laufen. Damit vertrieb sich der alte Soldat sehr oft die Zeit. Denn in der fürstlichen Hofordnung war strikte verboten, daß sich ein vierbeiniger Hund zeige im Burgfrieden, ausgenommen die fürstlichen Hunde. Aber die vierbeinigen Hunde kannten Herrn Florian Abendschein und seine lange Peitsche und mieden den Weg; und was etwa von zweibeinigen Hunden zu Hofe ging, das war unerreichbar für Herrn Florian Abendschein und seine Peitsche.

*

Im Schlafgemache Seiner Fürstlichen Gnaden stand Kinnfraß, der Bader und Balbier, strich das Messer und lächelte nach seiner Pflicht. Zurückgelehnt in seinen Armstuhl saß der Landesvater und blickte tiefsinnig empor zur vertäfelten Decke.

215 »Schönes Wetter heute, Kinnfraß!« kam es nach einer Weile von den allergnädigsten Lippen.

»Zu dienen, Fürstliche Gnaden, schönes Wetter, sehr schönes Wetter,« kam die Antwort zurück.

Dann war es wieder ganz still in dem Gemache, und Kinnfraß begann den Schaum zu schlagen, lächelnd nach seiner Pflicht.

Mit Kunst und Hingebung schmierte der Meister die duftende Seife auf das fette Wangenpaar, auf das stattliche Kinn, unter die heroische Hakelnase, mit wahrem Genusse oblag er seiner täglichen Arbeit. Und als er nun den Atem anhielt und den blinkenden Stahl über die linke Wange tanzen ließ, da verkündete jede Fingerspitze das stolze Bewußtsein: ›Wer steht denn in diesem Augenblicke dem Throne näher als du, Leonhard Kinnfraß?‹

Und er stand ihm in der That nahe, sehr nahe, dem Throne.

Unter tiefem Schweigen hatte sich bis jetzt die Handlung abgespielt, behaglich lag der Fürst in seinem Stuhle, das Messer war vortrefflich abgezogen, leicht regierte die geübte Hand den Stahl. Der Fürst war wohlgestimmt.

Mit stolzer Ruhe schabte Kinnfraß, und es enthüllte sich unter seinen kühnen Strichen flächenweise die allergnädigste Haut, rosig anzuschauen wie Eos, wenn sie den Nebel des Morgens durchbricht.

Endlich kam der gewohnte Zeitpunkt: Seine Fürstliche Gnaden räusperten sich, respektvoll hob Kinnfraß sein blinkendes Messer, erwartungsvoll richteten sich die allergnädigsten Aeuglein auf das faltige Antlitz des stadtkundigsten aller 216 Unterthanen, die Lippen öffneten sich, und Seine Fürstliche Gnaden geruhten zu fragen: »Was Neues, Kinnfraß?«

Und wie alle Tage verneigte sich der Bader vor seinem Landesvater, senkte das blitzende Messer wiederum in die Seife und flüsterte submissest wie alle Tage: »Je nun, Neues, Fürstliche Gnaden? Es kommt ja wohl dieses und jenes vor, wo Menschen zusammenleben in Freud' und Leid, aber es dürfte nicht alles wert sein, vor die hochfürstlichen Ohren zu gelangen.«

Er wandte sich zu dem Tischlein, nahm das Becken und rieb das Kinn zum zweiten Male ein, sanft und doch kräftig, energisch und durchaus ehrerbietig mit Seife und wohldurchdachter Berechnung. Und während das Messer schabte und schabte, begannen die Lippen des Meisters in höfischem Flüstertone zu erzählen:

»Beim Herrn Bürgermeister wird's ja nun wohl auch bald eine Festlichkeit geben, Fürstliche Gnaden wissen's doch schon lange. Nicht? Nu, der älteste Herr Sohn geht auf Freiersfüßen, das wissen doch Fürstliche Gnaden –?«

Fragend drehten sich die Aeuglein des Landesvaters unter Kinnfraßens faltigem Angesicht.

»Nu, wenn's der Herr Bürgermeister Eurer Fürstlichen Gnaden nicht selbst anvertraut hat, nein? Nu, man spricht allerlei. Wer die Auserwählte ist, Fürstliche Gnaden? Nu, des Herrn Superintendenten Jüngste halt, Fürstliche Gnaden.«

»Die Ursula? Ei, ei!« sagte der Landesvater. Dann schien er ernstlich nachzudenken, während Kinnfraß respektvoll mit erhobenem Messer wartete, 217 und nach einiger Zeit sagten Fürstliche Gnaden zum zweiten Male: »So, so, ei, ei!«

»Wäre wohl,« fuhr der Bader fort und begann aufs neue zu schaben, »schicklicher gewesen, hätte er die Augen geworfen auf die älteste Jungfer Tochter. Wen man hört, spricht so. Haben ihn aber auch, ich weiß es nicht, geht mich auch nichts an, aber wen man hört, spricht so: Haben ihn sozusagen, Fürstliche Gnaden entschuldigen schon, gewissermaßen an den Haaren hereingezogen, die Superintendentschen, von wegen der Aeltesten – und nu hat er sich die Jüngste ausgesucht. Jetzt haben sie's!«

»I, da –« Seine Fürstliche Gnaden hoben die Augenlider, und ehrerbietig hob Kinnfraß das Messer – »i, da hab' ich ja noch kein Sterbenswörtel gehört 'von!« sagte der Landesvater neugierig. »Und ist's denn auch gewiß die Ursel?«

»So spricht jeder, den man hört; jetzt, ich weiß es nicht, aber allgemein heißt es so, Fürstliche Gnaden,« antwortete der Bader mit Eifer und senkte aufs neue das Messer. »Und ist mir auch erzählt worden, wer's herausgebracht hat! Da wohnen doch gegenüber vom Herrn Superintendenten, Fürstliche Gnaden werden ja wissen, die zwei alten Hasenbalgischen, die einschichtigen Schwestern. Nu, so ist mir erzählt worden, die Hasenbalgischen haben schon längst etwas bemerkt, die Hasenbalgischen hören ja so das Gras wachsen, also die Hasenbalgischen haben alles von ihren Fenstern aus gesehen, wie der junge Bürgermeisterische immer hingeht und so weiter, Fürstliche Gnaden. Nur das haben sie lang nicht herausgebracht, welche es wär' von den Jungfern 218 Töchtern. Denn die alte Magd von Superintendents, Fürstliche Gnaden –«

Meister Kinnfraß trat einen Schritt zurück, verneigte sich wie alle Tage vor dem letzten Akte seines Werkes, murmelte, wie es seit Jahrhunderten der Anstand gebot, »mit allergnädigstem Verlaube!«, packte die gewaltige Hakelnase zierlich zwischen Daumen und Zeigefinger und begann die gnädigste Oberlippe von ihren Stoppeln zu säubern, geschwellt von dem alltäglich wiederkehrenden Hochgefühle: »Wer dürfte denn solches thun außer dir, Leonhard Kinnfraß?« Und ein Meister nicht nur in der Kunst des Rasierens, sondern auch in der des Erzählens, hielt er etwas inne, bis er an den fürstlichen Nasenflügeln die Zeichen heftiger Ungeduld verspürte. Da fuhr er auf der Stelle fort: »Nun, die alte Magd, die schweigt wie's Grab, das eingebildete Mensch, von der ist also nichts zu erfahren, und die Kinder kann man doch auch nicht ausfragen so mir nichts, dir nichts, sind zudem recht schweigsam, die, und hosnägig, wollt' sagen hochnäsig, so ist mir erzählt worden. Haben sich die Hasenbalgischen, gerieben wie sie sind, sagt's jeder, der sie kennt, haben sich folgendes ausgesonnen: Verreist sich vor acht Tagen der Bürgermeisterische nach Breslau, Fürstliche Gnaden wissen ja, nun hat er natürlich vorher Abschied genommen bei den Superintendentischen. Fangen am Nachmittag die Hasenbalgischen den Jüngsten vom Superintendenten auf dem Schulweg ab, thun freundlich mit ihm, sagen: ›Ei, Jörg, ei doch, man sieht's dir wahrlich an den Augen an!‹ – Fragt er: ›Was denn?‹ – Sagen sie: ›Nun, 219 daß du geweint hast!‹ – Sagt er zornig: ›Ich hab' mit nichten geweint!‹ – Sagen Sie: ›Ach was, freilich! Haben's ja doch gehört über die Straßen bis in unsre Behausung!‹ – Sagt er noch zorniger: ›Wann denn? Ich hab' nicht geweint!‹ – Sagen sie: ›Freilich, nur so geschluchzet, heut', gleich wie der Bürgermeisterische von euch Abschied genommen – oder vielleicht nicht?‹ – Sagt er ganz zornig: ›Ei was, das ist ja doch die Ursel gewesen!‹ – Sagen sie – falsch sind sie ja, die Hasenbalgischen –, sagen also ganz obenhin: ›So, so, die Ursel? Hätten drauf geschworen, du wärst's gewesen, Jörg! So, so, die Ursel!‹ – Lassen dann seine Eltern freundschaftlich grüßen und seine Geschwistrigte und gehen. Und in einer halben Stund' hat's die ganze Stadt gewußt, wer's halt hat wissen wollen, wer sich bekümmert um den Tritschtratsch.«

Meister Kinnfraß nahm Wasser und wusch das balbierte Antlitz, hantierte mit Kämmen und Bürsten und wohlriechenden Essenzen. Seine Fürstliche Gnaden aber saßen schmunzelnd und äußerten nur zuweilen: »So, so! Ei, ei!«

»Und wer Eurer Fürstlichen Gnaden und den gnädigsten Herrschaften zu Ehren gestern abend das Freudenfeuer abgebrannt hat, ist nun auch offenbar,« bemerkte Kinnfraß nach einer Weile und griff nach der Handquehle.

»Nu?« fragten Seine Fürstliche Gnaden erwartungsvoll.

»Der Herr Imbricius hat mir's heute morgen anvertraut, weiß nicht, woher der's hat. Ein welscher Graf ist's, liegt zur Herberge im Roten Krebs, hat gestern nacht noch zwei Flaschen besten 220 Rotweines getrunken, so erzählt man sich, und hat einen böhmischen Diener. Soviel der Wirt meint, ist er unmenschlich reich; weil er die Goldmacherkunst versteht, so sagt sein Diener. Hab' mir auch erzählen lassen, das heißt, Ehre wem Ehre gebührt, der Herr Imbricius hat mir's verraten, nach Aussage des gräflichen Dieners hat sein Herr eine Probe Wassers geschöpft aus unserm Stadtgraben, geurteilt, führe in seinem Schlamme Gold, unser Stadtgraben, also auch der Fluß, Fürstliche Gnaden.«

»Gold?« rief der Landesvater aufs höchste verwundert und besah die Glätte seines Antlitzes im Handspiegel.

»Gold!« sagte der Meister geheimnisvoll und begann seine Siebensachen einzupacken. »Und warum sollte nicht auch einmal Gold vorhanden sein unter dem mancherlei Inhalte unseres Stadtgrabens, wenn es ein in metallischen Arcansachen also bewanderter unparteiischer Fremder bezeugt?«

»Höre, Kinnfraß, den welschen Grafen, den muß ich kennen lernen! Der welsche Graf, der soll mir seine Aufwartung machen! Das heißt« – Fürstliche Gnaden zwinkerten ein wenig mit den Aeuglein – »wohlverstanden, Kinnfraß, wir wissen nichts von dem welschen Grafen, wir bekümmern uns nicht um ihn. Von selbst muß er kommen. Und alles ganz unauffällig. Verstehst du, Kinnfraß?«

»Das wollen wir schon machen, Fürstliche Gnaden, nichts leichter als das!« erwiderte Kinnfraß würdevoll.

»Ueberhaupt, Kinnfraß, ein für allemal: Fremde von Distinktion sollen und dürfen nicht 221 durch unsere Lande reisen, ohne daß wir Kenntnis von ihnen erhalten. Es ist aber zu unserm höchsten Befremden schon etliche Male vorgekommen –«

»Fürstliche Gnaden, ich weiß, ich weiß,« sagte Kinnfraß mit bekümmertem Antlitze; »der polnische Baron vor vier Wochen, ich weiß! Habe aber den polnischen Baron doch auf des Entenwirts Rößlein noch drei Meilen weit verfolgt und nimmer können einholen. Ich weiß, Fürstliche Gnaden!«

,.Und der engelländische Lord vor einem halben Jahre, Kinnfraß?« sagte der Landesvater vorwurfsvoll.

Kinnfraß blickte zerknirscht zu Boden: »Ich weiß, Fürstliche Gnaden, ich weiß. Das war damals, wo ich dem Ochsenwirt habe salvo honore zehn Adern schlagen müssen auf einmal, und derweil ist mir der engelländische Lord über die Grenze entwischt.«

»Wir kennen deinen Eifer, Kinnfraß. Bewähre ihn, und es soll dein Schaden nicht sein!« Fürstliche Gnaden nickten wohlwollend zu ihrer zweibeinigen Zeitung hinüber.

»Ach ja, Fürstliche Gnaden sind mir armen unwürdigen Landskind wohlgewogen! Wie soll ich's vergelten in Ewigkeit?« Kinnfraß bückte sich tief und küßte die Hand seines Herrn.

*

»Gold, Fürstliche Gnaden?« sagte der Hofmeister und machte ein bekümmertes Gesicht.

»Ja, Gold!« rief der Landesvater und wanderte aufgeregt im Gemache umher. »Und 222 ich sage dir, den müssen wir halten auf alle Weise. So einer fehlt uns und unsern Landen.«

»Allerdings, Fürstliche Gnaden, so einer fehlt uns gar sehr!« murmelte der Hofmeister mit einem erbärmlichen Seufzer. Dann raffte er sich zusammen: »Fürstliche Gnaden – einmal muß ich's ja doch – möcht's freilich lieber verschweigen – selber durchkämpfen –«

»Na, was denn?« fragte der Landesvater, und seine Stimme klang sehr gereizt. »Womit willst du uns wieder einmal einen schönen Morgen verderben?«

»Womit? Es ist wieder einmal alle, Fürstliche Gnaden, an diesem schönen Morgen, rein alle,« sagte der alte Herr und zuckte unmerklich mit den herabhängenden Schultern.

»Was?« Seine Fürstliche Gnaden stampften.

»Unser Geld, Fürstliche Gnaden!« antwortete der Hofmeister mit Ruhe.

»So schaff Rat!« rief der Fürst, und auf seiner Stirn fuhr eine blaue Ader empor. »Sollen wir erliegen unter der Last der Regierungsgeschäfte? Wozu halten wir uns denn einen Hofmeister?«

Der alte Herr schwieg.

»Dann sollen unsre Landstände Rat schaffen! Wozu haben wir denn Landstände, zum Henker auch?«

Der Hofmeister zuckte abermals mit den Achseln. Dann sagte er, als reute ihn seine Mitteilung, in tröstlichem Tone voll Ueberzeugung: »Es ist noch nie ein regierender Fürst Hungers gestorben.«

»Hungers gestorben?« fragten Seine Fürstliche 223 Gnaden und drehten empört die Aeuglein nach dem Höfling. »Das war ein unziemlicher Scherz. Eine solche über all die Maßen respektwidrige, pöbelhafte Todesart wolle man überhaupt vor meinen Ohren nicht mehr mit dem Fürstennamen in Verbindung bringen!«

»Ich wollte nur sagen,« entschuldigte sich der Hofmeister stotternd, »es findet sich immer wieder ein Aederchen, das man anschlagen kann zur rechten Zeit.«

Aber der Fürst entgegnete mit Hoheit: »Ueberhaupt geziemt es sich gar nicht, mein Lieber, daß wir in eigner Person uns bekümmern um solche Erbärmlichkeiten.«

»Da hast du vollkommen recht, Vetter,« sagte der Narr und trat hinter dem Wandteppich hervor.

Verwundert fuhren Seine Fürstliche Gnaden herum, und verwundert wandte sich auch der alte Hofmeister.

»Was willst denn du da?« fragte der Fürst. »Ist das nicht der komische Verwachsene von gestern abend? Wie ist denn der freche Kerl hereingekommen? Laß ihn hinauswerfen, Hofmeister!«

»Wie der freche Kerl hereingekommen ist?« rief der Narr und kreuzte die Arme. »Gelt, Vetter, das möchtest du wissen! Nun, ich will dir's sagen: Genau so wie Schmalhans der Mangel und Godegisel die Armut in die Häuser der Menschen kommen, nämlich ungebeten. Also auch der Narr. Und es ist daher nicht so fast wichtig für dich, zu wissen, wie wir hereingekommen sind, als auszudenken, wie du uns wieder mit Ehren hinausbringst.«

224 »Hinaus!« befahl der Hofmeister und öffnete die Thür.

Aber der Narr lachte und rührte sich nicht: »Gieb dir keine Mühe, Mann mit der leeren Geldtruhe! – Siehst du, Vetter, die Kunde von deiner ausnehmenden Weisheit ist über die Grenzen deines Landes gedrungen und erfüllt mit ihrem Dufte wie Rosenöl das heilige römische Reich deutscher Nation. Auch ich habe sie gerochen, ja« – der Verwachsene trat wieder einen Schritt näher – »sie ist mir sozusagen in die Nase gestiegen, Vetter, deine Weisheit, und da hab' ich mir nun gedacht: Allzugroße Weisheit auf einem Haufen beisammen ist für die Dauer ungesund. Wo viel Licht ist, darf der Schatten nicht fehlen. Wollen doch sehen, ob dieser Weise auf dem Fürstenthrone einen Narren hat? Und nun sehe ich, Vetter, deiner Weisheit fehlt der Narr, und das ist ein Mangel. Also bin ich in dein Schloß getreten, und wahrhaftig, es war gerade höchste Zeit. Recht hast du, Vetter, deine Weisheit kümmere sich nicht um die Erbärmlichkeiten des gemeinen Lebens. Dafür bezahlst du ja deine Diener! Aber du, Mann mit der leeren Geldtruhe, verwunderst mich: setze dich doch mit den Ständen des Landes in Verbindung und schreibe neue Steuern aus!«

»Fürstliche Gnaden, soll ich – – –?« fragte der Hofmeister.

»Laß ihn reden, er belustigt uns!« entschied der Fürst mit Hoheit.

»Einen Handfesten rufen?« fragte der Narr. »Nein, guter Alter, das ist nicht nötig; das machen wir ab zwischen uns dreien! Laß neue 225 Steuern ausschreiben, sag' ich, Kopfsteuern. Da giebt es zum Beispiel Leute, die schmeicheln dir, Vetter. Du kannst das nicht vertragen, denn du bist ein weiser Mann. Aber nichts da, sie schmeicheln doch. Ich sage dir, laß Steuern ausschreiben: wer dem Fürsten schmeicheln will, in Wort oder Schrift, der hat außerdem einen Goldgulden beizulegen. Vetter, du wirst sehen, sie können's nicht lassen, das leidige Schmeicheln, und also wird sich deine Truhe füllen bis an den Rand aus allen Ecken deines Fürstentums, und, Vetter« – der Narr trat noch näher heran –, »so hast du doch etwas von der lästigen Sitte und bist der wahre Alchimist, der Häcksel und Unrat in Gold verwandelt. Oder höre weiter, Vetter –«

Die Thür öffnete sich, und mit einem tiefen Bückling trat der Kämmerer herein: »Eure Fürstliche Gnaden, der Graf von Santaporta, auf der Durchreise durch Eurer Fürstlichen Gnaden Lande begriffen, wäre glücklich, wollten Eure Fürstliche Gnaden geruhen, ihn zu empfangen.«

»Soll eintreten, soll eintreten! Entbiete ihm meinen gnädigen Gruß, freut mich, einen Mann von solcher Distinktion an meiner Hofstatt zu sehen!« erklärte der Fürst mit Eifer und Würde.

Tief verbeugte sich der Kämmerer und ging aus der Thür.

Der Verwachsene aber machte ein spöttisches Gesicht, trat ganz nahe an Seine Fürstliche Gnaden und sagte: »Vetter, wie das nun kommen wird, weiß ich im voraus. Der Graf von Santaporta wird dir wohl gefallen und du dem Grafen. Er dir, weil du die große Kunst witterst in ihm, 226 du ihm, weil er die unvergleichliche Weisheit wittert in dir. Und also wird er bleiben an deinem Hofe, und du wirst ihn streicheln von Zeit zu Zeit, ob er sich nicht am Ende streckt und Gold von sich giebt. Ich werde auch bleiben, aber streicheln wirst du mich nie. Ist auch unnötig. Vetter, du bist ein weiser Mann, aber kein Verächter edler Metalle. Vetter, ich mache dir einen Vorschlag. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, heißt's im Sprichwort. Er wird sich des Schweigens befleißigen, dein Goldmacher; denn das gehört zu seinem Handwerk, und also wird's auch nicht fehlen an Golde. Ich aber werde mich des Schweigens mit nichten befleißigen und dir also Silber liefern, daß dir die Ohren klingen. Vetter, dinge zum Goldmacher den Silbermacher, und es wird wohl bestellt sein um dich!«

»Du gefällst mir, du bist ein munterer Geselle,« sprachen Seine Fürstliche Gnaden herablassend; »du kannst auf Probe bleiben, du hast ein bewegliches Wesen, und ein Narr hat unserm Hofhalte längst schon gefehlt.«

»Topp, Vetter!« rief der Narr und patschte mit der Pritsche in die Linke. »Du kannst auf Probe bleiben, sagte der Grünspecht; da flog der Kuckuck auf den Rand seines Nestloches und warf ihm ein Eilein hinein. Kuckuck, Vetter! Und nun wollen wir beide den Grafen empfangen!«

*

Um die selbige Zeit saß die Frau Fürstin in ihrer Stube und stickte eifrig an einem Pantoffel, lauschte auf den Gesang der Vöglein, der durch 227 die geöffneten Fenster hereintönte, und sann über dieses und jenes.

»Du, Wiltrud?«

»Eure Fürstliche Gnaden verzeihen,« sprach die Hofjungfer, schloß die Thür und kam heran, »ich habe etwas gefunden, das wohl Euch gehört.« Und dabei hob sie ein zierliches Brieflein in die Höhe.

»Ein Brieflein, und noch dazu mit einem rosafarbenen Bändelein umwickelt?« sagte die Fürstin und schüttelte lächelnd das Haupt. »Gieb her!«

Die Hofjungfer gab ihrer Herrin das Brieflein und trat ehrerbietig zurück.

Lächelnd besahen sich Ihre Fürstliche Gnaden das Päcklein, lächelnd gaben sie's wieder in die Hände der Hofjungfer: »Du irrst, Wiltrudis, das ist dem ganzen Aussehen nach ein Liebesbrief und kann also gar nicht für mich bestimmt sein. Denn was mir Seine Fürstliche Gnaden Liebes und Gutes zu sagen haben, das sagen sie mir nicht schriftlich, sondern mündlich.«

»Was es ist, weiß ich nicht,« meinte die Jungfrau und zupfte nachdenklich am Bändelein; »aber daß es Fürstlicher Gnaden gehört, das weiß ich gewiß; denn es lag außen auf der Schwelle des fürstlichen Schlafgemaches.«

»Auf der Schwelle unsers Schlafgemaches? Aber das ist doch stark! Wiltrud, ich glaube fast, es hat einer aus Versehen die Schwelle verwechselt!«

»Aber Euer Gnaden!« wehrte sich das Jüngferlein und wurde glührot.

»Oeffne den Brief und lies, dann wird sich's 228 gleich zeigen!« befahl die Fürstin und lehnte sich zurück.

Das rosenfarbene Bändelein fiel zu Boden, das Papier knisterte, und Wiltrudis, die Hofjungfer, las:

»Ihr habt mich heiß geküsset,
Habt mich ans Herz gedrückt,
Seid tausendmal gegrüßet,
Die mich so hoch entzückt!

Ich geh' als wie im Traume
Fortan durch diese Welt.
Noch kann ich's glauben kaume,
Daß hoch vom Himmelszelt

Die liebe Sunn' hernieder
Zum Erdgebornen kam
Und immer, immer wieder
Mich in ihr' Arme nahm.«

»Nun,« lachte die Fürstin und drohte schalkhaft mit dem Finger, »nun, Wiltrudis, auf wen geht's denn, auf wen?«

»Es ist noch gar nicht aus, Fürstliche Gnaden! Darf ich weiterlesen?«

»Nur zu!«

»Frau Fürstin, Ihr mein Leben –«

begann die Jungfrau.

»Wie, was – Frau Fürstin?« Ihre Gnaden richteten sich ein wenig auf. »Höre, Wiltrudis, da mußt du falsch gelesen haben!«

»Frau Fürstin heißt's, ganz gewiß, Fürstliche Gnaden,« verteidigte sich die Hofjungfer und konnte nicht umhin, zu bemerken: »Es scheint also doch nicht auf meine Wenigkeit gemünzt zu sein, das Brieflein!«

»Wer ist unterschrieben?« forschte nun die Herrin und erhob sich ganz.

229 »Niemand,« kam die Antwort zurück.

»Weiterlesen!«

»Frau Fürstin, Ihr mein Leben,
Hört mich in Gnaden an!
Zwar kann ich Euch nichts geben,
Doch sei der Schwur gethan:

Befehlt, was ich soll thuen?
Bei meinem guten Schwert,
Es läßt mich nimmer ruhen,
Was Ihr von mir begehrt.

Bei Euern heißen Küssen,
Bei Euern Lippen rot,
Ich spring mit allen Füßen
Für Euch in jeden Tod.

Und wenn sie mich erstechen
Im Walde fürchterlich,
Dann will ich also sprechen:
Johanna, küsse mich!

Johanna, güldne Sunne,
Glühheiße Küsserin,
Du meines Lebens Wunne –
So fährt ein Held dahin!«

»Der Lausbub!« platzten Ihre Fürstliche Gnaden heraus und rissen der Hofjungfer das Brieflein aus der Hand. »Natürlich! Na, da hört sich aber doch, da soll ja gleich – der Paggio! Die Pfote muß ich ja kennen – ei, da muß man doch –«

Sie wollten ein zorniges Gesicht machen, aber da lasen sie zum zweiten Male:

»Und wenn sie mich erstechen
Im Walde fürchterlich –«

Sie warfen sich in ihren Sessel, zogen ihr Fazinettlein und lachten Thränen hinein.

Endlich standen sie auf, wischten sich die 230 Augen und sagten mit mühselig gewonnenem Ernste: »Du aber hältst den Mund, das bitt' ich mir aus, Wiltrudis! Denn abgewandelt muß er werden, der Tolpatsch, und das exemplarisch.«

»O, Eure Fürstliche Gnaden,« nahm sich nun die Hofjungfer das Herz, »wollet ihm doch nichts zuleide thun in Euerm gerechten Grimme, dem armen Schächer! Seine Reimlein sind ja immer so herzig nett!«

»So, du kennst sie wohl schon länger, Wiltrud? Du freust mich!«

»Ach, er hat ja wohl hin und wieder uns Hofjungfern solch ein Reimlein in die Tasche gesteckt,« bekannte diese mit heftigem Erröten.

»Immer schöner! Ihr Grasaffen!«

»Aber Eure Fürstliche Gnaden –!«

»Ihr Grasaffen, laßt euch von dem Närrlein ansingen und verdreht ihm den Kopf, der so nicht recht gerade sitzt, wie mir scheinen will. Und dann hat er zuletzt natürlich kein Genügen mehr an euch und steigt noch ein paar Sprossen höher, der Laubfrosch. Da ist's denn doch gut, daß ich beizeiten dahinter gekommen bin!«

»Halten zu Gnaden,« wagte sich nun Wiltrudis hervor, »aber geküßt hat ihn von uns Hofjungfern noch keine.«

»Na, das wollt' ich mir denn aber auch ernstlich verbeten haben!« rief die Landesmutter. Doch auf einmal schoß ihr das Blut ins Gesicht, und sie wandte sich ab. »Jetzt geh!«

Die Thür schloß sich hinter der Hofjungfer, und noch einmal nahm die Fürstin das Brieflein und las es ernsthaft. Dann legte sie's auf den Tisch und begann langsam mit dem blühweißen 231 Zeigefinger auf ihrer Stirn herumzufahren, langsam und nachdenklich. Und wenn einer ganz nahe dabei gestanden wäre, so hätte er hören müssen, wie ihre Lippen flüsterten: »O, du dumme, dumme Hanne!«

*

Die Thür ward geöffnet, und Seine Fürstliche Gnaden stolzierten wohlrasiert und guter Laune ins Gemach.

»Morgen, Hanne!«

»Morgen, Stanislaus!«

»Na, Hanne,« begannen Seine Fürstliche Gnaden, und seine Stimme klang freudig erregt, »da habe ich aber grade einen distinguierten Besuch empfangen. Der Graf von Santaporta, – na, ich werde dir noch alles ganz genau erzählen, weißt du, der sonderbare Fremde, der uns gestern abend das Freudenfeuer – na, der hat mir aufgewartet, Hanne, ein Mann von wohlerleuchtetem Judicio – na!« Seine Fürstliche Gnaden rieben sich die fetten Hände und lachten geheimnisvoll in sich hinein. »Na, wirst es schon noch beizeiten erfahren, Hanne, der ist nun auf etliche Monde, je länger je lieber, unser Gast. – Aber Hanne, was ist denn? Stehst und rührst dich nicht, sagst nit muh und sagst nit mäh – na, Hanne, was soll's denn?«

Fürstliche Gnaden breiteten die Arme aus, ihr Weib an die Fürstenbrust zu ziehen und ihr den herkömmlichen Morgenkuß zu drücken auf die Lippen rot.

Aber Frau Hanne schlug die Augen nieder und wich zurück: »Mit nichten, lieber Stanislaus!«

Dabei zuckte es allerdings, wenn einer genau 232 hinsah, um ihre Mundwinkel, und das feine Näslein blähte sich ein wenig, und die Flügelein zitterten. Aber Seine Fürstliche Gnaden sahen nicht so genau hin, sie bemerkten nur das eine, daß sich ihnen Frau Johanna unfreundlich entzog, und so fuhr denn heute zum zweiten Male die starke blaue Ader an Hochihrer Stirn empor: »Na, was soll's?« grollten sie und ließen die Arme sinken.

»Mit uns ist's vorbei, lieber Stanislaus,« sagte die Fürstin, hob die großen Augen und sah ihren Herrn schelmisch an, daß die geschwollene Ader zusehends kleiner wurde.

»Vorbei –?« fragte er und kam einen Schritt näher.

»Vorbei!« lachte sie und trat noch einen ganzen Schritt zurück. »Ich hab' jetzt einen andern, einen feinen, gar zärtlichen Liebhaber; und so schöne Reimlein, wie der, kannst du doch nicht machen, lieber Stanislaus. Da, lies selber!« Und sie reichte ihm das Brieflein hin.

»Es ist vom Paggio – hörst du? Vom Paggio!« rief sie geschwinde, als er ihr das Blättlein mit zorniger Miene entriß. »Hörst du, lieber Stanislaus? Vom Paggio und von keinem andern!« Und begütigend legte sie die Hand auf seinen Arm.

Seine Fürstliche Gnaden lasen mit knurrender Stimme: »Geküsset – gegrüßet – Sunne – kam – Arme nahm!« und wie abgenagte Knöchlein purzelten die feinen Reime des armen Paggio aus dem rauhen Männermunde. »Leben – geben – Schwur gethan – Küssen – rot – Füßen – Tod.« Als aber der Leser an die letzte Strophe 233 kam, da polterte des Paggio zarte Dichtung heraus, daß er selbst sie nimmer erkannt hätte: »Güldne Sunne – Küsserin – Lebenswunne – Held dahin!«

Und der Landesvater ballte das zierlich beschriebene Papier unfein zusammen, schob es in die Hosentasche, für die es keineswegs bestimmt gewesen, und sagte, indem er suchend in der Stube umherspähte, weiter nichts als die gewichtigen Worte: »Einen Stecken, Hanne!«

»Ja, Liebster, das war auch mein erster Gedanke,« pflichtete ihm Frau Johanna eifrig bei, »aber –«

»Nichts aber –!« knurrte Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste und ging auf die Suche nach einem Stecken. »Und aus dem Hause muß mir der Kerl, auf der Stelle!« Seine Fürstliche Gnaden hatten, was sie wollten, und zogen aus dem großen Kübel einer morgenländischen Palme am Fenster einen starken Stab.

»Nicht doch, liebster Herr, die Palme knickt mir ab!« klagte die Fürstin und kam heran.

»Aus dem Hause muß er, gleich auf der Stelle, bei meiner fürstlichen –«

»O halt ein!« rief die Fürstin erschrocken, schloß den Mund des Zornigen mit ihrer feinen, weißen Hand, streckte sich auf den Fußspitzen, umarmte und küßte ihn, daß er nimmer zu Worte kam. »Weißt, lieber Stanislaus –«

Der Landesvater stieß etwas hervor, das lautete wie »auf der Stelle –«, doch gleich hatte er wieder einen Kuß.

»Weißt, Stanislaus, er ist ja 'n rechter Schlingel –«

234 »Auf der –« Stelle, wollten Ihre Fürstliche Gnaden sagen, da hatten sie schon wieder einen Kuß.

»– aber auch 'n armes Waislein, Stanislaus, vaterlos und mutterlos –!« flehte die Landesmutter.

»Bei meiner fürstlichen –« knurrte er.

Wieder schloß ihm ein Kuß die Lippen. »Und mutterlos, liebster Herr. Freilich gehörte ihm der Stecken, aber –«

»Bei meiner fürstlichen E–,« wieder hatte er seinen Kuß.

»– aber vertreiben, Stanislaus? Nein, das könnten wir nimmer verantworten, Liebster.«

»Bei –,« knurrte Herr Stanislaus der Zweiunddreißigste.

»Nein, Liebster! Und am Ende bin ja doch ich selber schuldig an dem ganzen Handel.«

Herr Stanislaus wünschte etwas zu sagen, aber obgleich es diesmal beifällig zu lauten versprach, wünschten Ihre Fürstliche Gnaden durchaus nichts zu hören und applizierten ihrem Eheherrn drei Schmätzlein, daß es, fast möchte man mit Florian Abendschein sagen, klappte, sie streichelten ihm die wohlrasierten Wangen und bettelten: »Aber wer hätt's denn gedacht, daß der Knirps solch Feuer fangen könnte?«

»Sunne – Wunne – Küsserin!« brummten Seine Fürstliche Gnaden. Aber es klang nur noch wie ganz entferntes Grollen eines abziehenden Gewitters.

Und wie linder Regen auf erhitztes Land rieselte es aus dem allerlieblichsten Mündlein in das erregte eheherrliche Gemüt: »Na, in meinem Leben umgürte ich keinen Paggio mehr mit dem 235 Degen, herze ihn oder gar – na, das ist ja gekommen gleich als in einer Rittergeschichte!«

»Sunne – Wunne – Küsserin!« brummten Seine Fürstliche Gnaden dazwischen.

»Und sieh, Stanislaus, des Schalks Verse lauten im Grunde gar nicht so übel, und Frau Venus ist gegen mich gehalten eine Küchenmagd an Huld und Milde. Nein, Strafe muß er kriegen, aber ich gebe dir noch drei Schmätzlein, wenn du mir's läßt, mein Sängerlein. Ich weiß, wie ich ihn strafe, ich weiß!«

Und sachte entwand sie ihrem Eheherrn den Stecken, ging ans Fenster und trieb ihn wieder in den Kübel.

»Meinetwegen!« brummte der Fürst und sah seiner Hanne wohlgefällig zu. »Schaff, was du willst mit ihm, aber 'was Exemplarisches, bitt' ich mir aus!«

»O, du Liebster!« kam's von der morgenländischen Palme herüber.

»Frau Fürstin, Ihr, sein Leben,
Spannt ihm die Höselin,
Lebenswunne, güldne Sunne,
Brennt ihm auf sein Hinterlin!

Sieh da, Hanne,« sagten Seine Fürstliche Gnaden ganz stolz, »ich kann's auch, das Reimeschmieden!«

»O du guter, guter Stanislaus!« rief Frau Johanna, eilte von ihrer morgenländischen Palme herzu, hing sich an ihren Herrn und Gemahl und flüsterte: »Du sollst mit mir zufrieden sein, liebster Herr. O, dieser Bengel!«

»Aber zugucken will ich!« sagte der Fürst.

*

236 Gegen Abend desselbigen Tages saß Frau Johanna wieder in ihrem Sessel, ganz wie am Morgen. Eine Stickerei hatte sie allerdings nicht mehr vor sich, wohl aber lag in ihrem Schoße eine Birkenreiserrute, stark vergoldet mit Katzengold, umwunden mit einem himmelblauen Bändelein und behängt mit kleinen, klingenden Schellen; dazu das Liebesbrieflein und eine mächtig große Jungfrau, gebacken aus Pfefferkuchenteig und mit dem ganzen Abece aus Zuckerguß bedeckt von Kopf zu Füßen.

Am Fenster neben der morgenländischen Palme lehnte in Verborgenheit der Fürst, hinter dem Sessel der Fürstin stand Wiltrudis, die Hofjungfer.

Es pochte an der Thür, und der Hofmeister schob vor sich her den Paggio in das Gemach.

»Hast du meinen Auftrag vollzogen?« fragte die Fürstin und machte ein sehr strenges Gesicht.

»Er weigert sich, den Degen in andre Hände als in die Eurer Fürstlichen Gnaden zu legen,« berichtete der alte Herr und verneigte sich tief.

»Er weigert sich?« fragte die Fürstin und runzelte die Stirn.

»Gnade! Gnade!« rief der kleine Paggio und stürzte vor seiner Herrin auf die Kniee. »Gnade!« rief er zum dritten Male und wagte die Augen nicht zu erheben.

»Steh auf, Friedrich!« befahl die Fürstin mit Ernst. »Vor Menschen kniet man nicht, vor Menschen beugt man nur ein Knie. Das merke dir!«

Gehorsam erhob sich der Knabe und stand mit gefalteten Händen regungslos.

»Du weißt, Friedrich, daß man vor meiner 237 Schlafzimmerthür ein Brieflein gefunden hat –.« Die Fürstin hielt ihm die Epistel unter die Augen. »Es sind Verslein, Friedrich, und weil du dich so trefflich auf Verslein verstehst, meine ich, du solltest sie uns vorlesen.«

»Vorlesen!« sagten Seine Fürstliche Gnaden mit rauher Stimme von der morgenländischen Palme herüber. Entsetzt fuhr der Paggio zusammen, warf einen scheuen Blick nach dem Fenster und einen verzweiflungsvollen auf seine Herrin und schwieg.

»Da, nimm!« befahl diese.

Mit zitternden Händen hielt der Kleine das Papier, glutrot waren seine Wangen, und stotternd begann er:

»Ihr habt mich heiß geküsset,
Habt mich ans Herz gedrückt –«

Doch er kam nicht weiter, aus seinen Augen brachen die glitzernden Thränen, und schluchzend flehte er: »Gnade – ich – kann nicht!«

»Lesen!« äußerte sich die rauhe Stimme am Fenster. Aber gütig nahm die Fürstin dem armen Sünder das Brieflein ab und begann: »Siehst du, Friedrich, du kannst es gar nicht vorlesen im hellen Sonnenlichte! Und sag mir nun, ist's dann recht oder unrecht gewesen?«

Der Knabe schluchzte, daß ihn der Bock stieß.

»Nun, Friedrich?«

»Unrecht,« brachte er mühsam heraus.

»Und ganz närrisch, lieber Friedrich, so dumm, daß du dich eigentlich gar nimmer bei Hofe kannst sehen lassen.«

Der Paggio senkte den Kopf tief auf die Brust.

»So lächerlich, mein armer Friedrich, daß man 238 sich selber für dich schämen muß! Nicht wahr, lieber Windewendeleben?«

»Der ganze Hof wird lachen und sich schämen, wenn Fürstliche Gnaden befehlen,« sagte der alte Herr mit Ueberzeugung.

»Nein, so hab' ich's nicht gemeint, lieber Windewendeleben!« fiel ihm die Fürstin in die Rede. »Nein, das bleibt alles hübsch unter uns –!«

»Unter uns!« Der Hofmeister verneigte sich.

Dankbar schlug der Paggio die Augen auf zu seiner Herrin.

»– unter uns, solange wir wahrhaftige Reue und Besserung verspüren,« vollendete diese mit Strenge. »Aber du siehst wohl selbst ein, lieber Friedrich, daß der Degen nur dem gebührt, der sich seiner würdig gemacht hat. Und da wird nun, so leid mir's thut, nichts andres übrig bleiben, als –«

Hastig zog der Paggio den Degen aus dem Gehänge, ließ sich höfisch auf ein Knie nieder und überreichte seiner Herrin stumm die geliebte Waffe, mit gesenkten Augen.

Ernsthaft ergriffen Ihre Fürstliche Gnaden den Degen und gaben ihn dem Hofmeister. Dann nahmen sie die Birkenrute von ihrem Schoße und sagten: »Ganz ohne Wehre kannst du aber doch nicht sein, und also –«

Da sah der Knabe seine Herrin mit großen, verzweiflungsvollen Augen an, rang die Hände und stieß hervor: »Gnade, alles, nur das nicht!«

»Frau Fürstin, Ihr, sein Leben,
Spannt ihm die Höselin,
Lebenswunne, güldne Sunne,
Brennt ihm auf sein Hinterlin!«

knurrte es vom Fenster her.

239 Die Landesmutter aber raunte streng und doch gütig: »Ei, Friedrich, geschieht dir etwa unrecht? Oder solltest du dich nicht vielleicht am Ende bedanken für deine gelinde Strafe? Steh auf!«

Wortlos erhob sich der Knabe und nahm die Birkenrute. Aber dabei schluchzte er aufs neue, daß es ihn nur so schüttelte.

»Wir sind noch nicht fertig, mein Lieber,« fuhr die Fürstin unbeirrt fort. »Gaben heischen Gegengaben; du hast mir Verslein geschenkt, da ist's nicht mehr als billig, daß ich dir auch 'was schenke.« Und damit nahm sie die große Jungfrau aus Pfefferkuchen und erhob sich: »Könnt' einer meinen, Bübchen, wenn er deine Reimlein liest – ich hab' auch noch andre gelesen als diese da, schau du nur! – könnt' einer meinen, du möchtest das ganze Frauenzimmer aufessen vor lauter Liebe. Da hab' ich dir denn vom Koch eine Abece-Jungfrau schneiden lassen aus gutem Pfefferkuchen – die kannst du ansingen und aufessen. Da, nimm!«

Als nun der Paggio mit verweintem Gesichte vor ihr stand, in der einen Hand die vergoldete Birkenrute mit den leise klingenden Schellen und dem schönen himmelblauen Bändelein, in der andern die süße Jungfrau, und bald auf das eine, bald auf das andre Geschenk starrte und die Lider nicht aufschlagen wollte, legten Ihre Fürstliche Gnaden die Hand auf seine Schulter und begannen mütterlich und freundschaftlich, daß es ihm allgemach wieder von den Wimpern tropfte: »Sieh, liebes Kind, unser Herrgott hat dir ein schönes Talent gegeben, die Reimlein fließen dir wie andern kaum die gewöhnliche Rede. Ei, wer 240 wird da Mißbrauch treiben mit der Gottesgabe und sich in Schand und Spott, andre aber in Unwillen bringen? Ei, wenn ich der Friedrich von Golau wäre, da wüßt' ich, was mir geziemte! Da wollte ich unsern Herrgott preisen mit den Vöglein um die Wette, dem Frauenzimmer aber thät' ich nimmermehr nachlaufen, ließe sonderlich die Hofjungfern ungeneckt mit meinen Verslein, geschweige, daß ich meine gnädige Fürstin und Dero Herrn Gemahl ganz zornig machte mit gelegten Brieflein! Meinst du nicht auch?«

Schluchzend nickte der Paggio.

»So, und nun geschwinde zu Seiner Fürstlichen Gnaden und Dank gesagt für die gelinde Strafe!«

Mit unsicheren Schritten begab sich der Missethäter mit seiner vergoldeten Birkenrute und seiner zuckerigen Jungfrau zum Fenster.

»Na, du Racker,« begannen Seine Fürstliche Gnaden verheißungsvoll und zogen eine Reitgerte hinter ihrem Rücken hervor.

»Gnade!« flehte der Paggio und ließ sich auf ein Knie nieder.

Der gnädige Herr aber hieb ein paarmal durch die Luft, daß es pfiff, und sagte: »Sieh, diese Peitsche war für dich bestimmt, wollte dir deine Verslein skandieren auf deinem Buckel, du Wasserpoet, wollte dir deine schlechten Reimlein ausbläuen, Sunne, Wunne, güldne Sunne, Lebenswunne, du Racker du, weil du dich hast lassen gelüsten trotz Bibel und Katechismo nach deines Nächsten –«

»Aber Euer Liebden –!« kam es angstvoll vom Sessel der Fürstin.

»Na,« brummten Seine Fürstliche Gnaden, 241 »bist freilich noch zu dumm dazu! Also, Haue hätten dir gehört. Aber da war eine, die vorderhand noch die Meine und nicht die Deine – du Racker, meine güldne Sunne, und meine Lebenswunne ist, zu mir gekommen und hatte sich aufs Bitten verlegt, mir also mein gebührendes Strafamt abgeschwind–, wollt' sagen, abgeschwatzt. Doch Strafe muß sein. Her da!«

Zitternd erhob sich der Paggio.

Der Fürst aber nahm ihm die vergoldete Birkenrute ab und steckte sie eigenhändig in des Knaben leeres Wehrgehänge und sprach: »Die trägst du fortan vom Morgen bis zum Abend und läßt dir nicht einfallen, sie abzulegen, ehe wir's anders befehlen!«

Schluchzend stand der Knabe mit der verzuckerten Abece-Jungfrau vor seinem gestrengen Landesvater.

»Und die da frißt du!« befahlen Seine Fürstliche Gnaden.

»Gleich?« stieß der Paggio hervor.

»Gleich auf dem Platze hier in unsrer Fürstlichen Gegenwart!«

Und in der wortlosen Stille ringsumher begann das arme Sünderlein unter Thränen und leisem Schellengeklingel die süße Jungfrau hinunterzuwürgen samt allen Buchstaben des Alphabets aus Zuckerguß von A bis Z.

*

Seine Fürstliche Gnaden begaben sich zu ihrer Gemahlin, verbeugten sich zierlich, boten ihr den Arm und sagten: »Euer Liebden, ich denke, wir ergehen uns noch ein wenig im Parke, – ich habe wichtige Dinge zu besprechen!«

242 Der Hofmeister riß die Thür auf, und die fürstliche Herrschaft schritt hinaus. Hinter ihr Wiltrudis, die Hofjungfer, nachdem sie dem Paggio noch tröstend über die Locken gestrichen hatte. Nach ihr der Hofmeister; der schloß die Thür.

Stille war's. Im verlassenen Gemache stand der arme Schächer und kaute verzweiflungsvoll an den Resten seiner zuckerigen Jungfrau.

Da teilte sich der Wandteppich, und auf den Zehenspitzen kam der Narr hervor.

Der Paggio fuhr erschrocken auf und sah mit offenem Munde hinüber auf den Verwachsenen.

Der sagte gutmütig: »Laß dich nicht stören in deiner Verrichtung, schluck's gar hinunter und verdau's! Weil du mir aber noch recht jung zu sein scheinst –«

Der Paggio machte eine zornige Bewegung, doch da erklangen die Schellchen an seiner Seite, und er senkte die Augen.

»Weil du mir noch recht jung zu sein scheinst,« wiederholte der Narr, »so will ich dir zwei Sprüchlein sagen, die merke dir! Das eine heißt:

Durch die Kelter muß die Traube, bevor sie zu Wein wird,
In den Ofen das Gold, bevor es untadelig rein wird;
Unter die Schere der Trieb, so kann er sich edel entfalten,
Unter den Flegel das Korn, so wird die Hülse sich spalten.

                              Drum unbesorgt,
                              Mein lieber Sohn –
                              Wer Schläge braucht,
                              Der kriegt sie schon!

Und dieses Sprüchlein sag dir immerfort leise vor, sobald es dir im Leben mit Recht unsanft ergeht. Das andre aber lautet:

Jungfernlieb' und Rosenblätter,
Herrengunst – Aprilenwetter.

243 Und das sage dir stets bei Hofe, eh' du des Morgens aus dem Bette schlüpfest und eh' du des Abends die Decke über die Ohren ziehst – ob dir's nun gerade gut geht oder schlecht. Thust du das, so kann aus dem Paggio mit der Zeit noch ein ganzer Junker werden.«

Schweigend würgte der Knabe den letzten Bissen hinunter, dann schlich er mit Schellengeklingel aus der Thür.

Nachdenklich aber stand der Narr inmitten des Gemaches: ›Mir scheint, an dieser fürstlichen Hofstatt gilt Essen als eine hohe Strafe!‹ Dann rieb er an seiner Gugel und sprach halb lachend, halb stöhnend: ›Herr Vetter, Ihr seid zum Fürchten dumm!‹

 

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