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Namenlose Geschichten - Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Namenlose Geschichten - Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleNamenlose Geschichten - Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke. Erste Gesammt-Ausgabe
year1855
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070814
projectid97698c04
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Neunzehntes Kapitel. Ein erstes Debut.

Der Tag, an welchem der Doktor Stechmaier auf den Brettern der königlichen Hofbühne glänzen sollte, kam immer näher, und endlich an einem schönen Morgen wurde in der Elstergasse Numero vierundvierzig eine Probe auf den andern Tag um zehn Uhr angesagt, welche Ankündigung der Doctor durchaus nicht mit bangen, wohl aber mit sehr triumphirenden Gefühlen entgegen nahm.

Es war ein fremder bedeutender Gast da, welcher den Hamlet spielte, und darum dauerte heute die Generalprobe länger als sonst, da für den Gast manche ganze Scene, manches Auftreten und dergleichen mehr abgeändert wurde.

Doktor Stechmaier ging mit verschränkten Armen hinter den Coulissen auf und ab, warf sich in die Brust und deklamirte in einem leisen Tone:

»Die Niederlage hier schreit Mord, o stolzer Tod!« und machte alsdann vier gewaltige Schritte auf dem dunkeln Raum hinter dem letzten Vorhang, griff an eine hölzerne Mauer, die gerade da stand, als wolle er die Krone Dänemarks in Empfang nehmen, und sagte:

»Mein Glück umfang ich traurend.«

Fortinbras kommt bekanntlich am Schlusse des fünften Akts, also des ganzen Stücks, und der Doctor war überzeugt, daß sein Auftreten, sein Spiel, seine Declamation schon auf dieser Generalprobe eine kleine Sensation hervorrufen würde. Vielleicht applaudirten ihm seine künftigen Herren Collegen, es war das schon vorgekommen bei meisterhaft ausgeführten Scenen, und wenn es nicht geschah, so tröstete er sich auch, indem er dachte, daß Neid und Mißgunst dem Debütanten gewöhnlich kein freundliches Wort gönnen. So kam der Moment heran, der Inspicient rief den Doctor Stechmaier zu sich, nahm ihn beim Arm und harrte des Augenblicks, wo er den jungen Künstler loslassen wollte, wie einen Schweißhund von der Leine.

»Gleich kommt Ihr Stichwort,« sagte der würdige Theaterbeamte und schaute mit trübem Auge durch eine Brille, einen sogenannten Nasenklemmer, auf das alte zerwetterte Exemplar von Hamlet, das er in der Hand trug; dabei neigte er den Kopf vorwärts, um das Stichwort zu erlauschen. – »Jetzt hinaus!«

Woher es kam, wußte der Doktor nicht, aber ihn befiel in diesem Augenblick ein kleines Herzklopfen. Vergessen war sein Vorsatz und was ihm der Regisseur angegeben, nämlich mit weiten dröhnenden Schritten auf die Bühne zu stürmen. Er – Fortinbras, ein gewaltiger, normannischer Kriegsheld – zitterte ein wenig; das: Jetzt hinaus! war ihm so plötzlich gekommen, wie ein ungeahnter Guß kalten Wassers, unversehens, obgleich er den ganzen Morgen nichts Anderes gedacht – also hinaus!

Der Doctor kam heraus, nicht wie ein kecker Prinz, der mit gewaltiger Hand die Königskrone an sich nimmt, sondern er schlich aus der Coulisse, wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz, dem in der Ecke, die er jetzt hinter sich hat, ein heftig geschleuderter Besen unsanft zwischen die Füße kam; auch deklamirte er nicht den hundertsten Theil so gut, wie er es früher in seiner Stube gethan, sondern

die Niederlage hier schreit Mord!

wehklagte der Doctor, und es klang wie Unkengeschrei und Jammerruf, so daß der Oberregisseur vorn am Tische sich die Ohren zuhielt und die Wiederholung des Auftritts, noch ehe er beendigt war, verlangte, aber leider nicht mit den begeisterten Worten, mit welchen man gewöhnlich ein Dacapo begehrt.

»Oho, Herr Doctor!« rief der Oberregisseur, »Sie haben das sehr schlecht gemacht, Sie trippeln da heraus, wie ein bleichsüchtiges Mädchen, bedenken Sie doch den Moment! Auch kleben Sie an den Coulissen fest wie ein leckes Schiff, das sich nicht ins offene Wasser wagt; steuern Sie von der Coulisse aus dreist mitten auf die Bühne und kommen in einem großen Bogen nach vorn, mit weiten, hallenden Schlitten; ich will Ihnen das einmal vormachen – ungefähr so – dann halten Sie einen Augenblick und beginnen mit kräftiger Stimme:

Die Niederlage hier schreit Mord u. s. w.

Etwas will ich Ihnen aber dabei noch bemerken: Sie sind ein Norddeutscher, und man ist hier sehr empfindlich für das G und J. Ihr Glück, das Sie traurend umfangen, schwebt immer zwischen den beiden Buchstaben; ich muß mir ausbitten, daß Sie deutlich sagen Glück mit G, denn wenn Sie deklamiren:

Mein Jlück umfang' ich traurend,

so lacht Sie das ganze Publikum aus, also ...«

Dieses Mal ging es etwas besser; der Doctor stürzte wie ein Rasender auf die Bühne und hätte um ein Haar einige Damen des dänischen Hofes umgerannt, dann wandte er sich nach links, dann nach rechts und lavirte solchergestalt bis vor den Souffleurkasten. Er hatte die Augen weit aufgerissen und schnaubte ordentlich vor Wuth und Kühnheit; auch die Sprachklippe umschiffte er glücklich und empfing das Glück ohne J, ja mit einer starken Hinneigung zum K.

Den andern Morgen beim Frühstück erhielt der Doctor einen Theaterzettel und las sich mit einigem Stolze gedruckt zwischen den Namen der besten Künstler des Hoftheaters.

Prinz Fortinbras † † † und diese drei Kreuze hießen weiter unten: Herr Stechmaier als erster theatralischer Versuch.

Bis zu diesem Moment hatte er sich noch immer gefaßt. Wenn es mich auf einmal gereute, Schauspieler zu werden, sprach er zu sich selber, oder wenn ich fühlte, es ginge doch nicht recht, was würde mich verhindern, zurück zu treten? Dieses Bewußtsein, den Rückzug frei zu haben, hatte seinen Muth bedeutend gehoben und aufrecht erhalten; jetzt aber, als er vor sich sah, wie dem verehrungswürdigen Publikum der Herr Stechmaier als erster theatralischer Versuch angekündigt war, wie er, wenn es ihm plötzlich einfiele, nicht zu spielen, die Wuth des Parterre's deutlich voraussah, wie sie tobend den Debütanten Stechmaier verlangten, wie er solchergestalt an das Theater gekettet sei, wie er den Rubikon überschritten, seine Brücke hinter sich abgebrochen, seine Schiffe verbrannt hatte, da rieselte es ihm leicht den Rücken hinauf, und es wollte ihm der Kaffee durchaus nicht schmecken.

Auch verlief der heutige Tag so außerordentlich geschwind – kaum hatte er seine Rolle ein paar Mal überlesen, so war es schon Mittag, und kaum hatte er dinirt und darauf eine kleine Promenade gemacht, so fing es schon an zu dämmern. Diese Promenade aber hatte ihn erfrischt und ihm neuen Muth gemacht, und so betrat er das Theater gefaßt und wieder mit dem alten Glauben an seine Unfehlbarkeit.

Bei einem Trauerspiele ist es auf der Bühne hinter den Coulissen durchaus nicht behaglich, es pulsirt alsdann dort kein fröhliches und lustiges Leben, wie bei einer Oper oder einem Ballet. Alles ist still, der Inspicient, die andern Beamten gehen auf den Fußspitzen umher und sehen sich bei dem kleinsten Geräusch zornig um, jeden Augenblick heißt es: ssst! – ssst! – Die ersten Künstler stehen in den Coulissen und wagen kaum eine halblaute Bemerkung über den fremden Collegen, der den Hamlet spielt, über sein Costüme und über eine verfehlte Stelle. Ophelia, eine stolze Dame, rauscht nach jeder Scene in ihre Garderobe zurück und findet es nicht der Mühe werth, mit den Schauspielern zweiten Ranges ein Gespräch anzuknüpfen; Polonius ist verstimmt, denn der Gast hat ihm durch zu rasches Einfallen eine sehr gute Bemerkung abgeschnitten; das Gefolge des alten Königs und die norwegischen Krieger des Prinzen Fortinbras lungern hinter der Bühne, die dänischen Hofdamen führen halbleise Haushaltungsgespräche und stricken sehr lange, wollene Strümpfe; die Zimmerleute schleichen faul und verdrossen einher, denn es gibt nicht viel zu thun, keine schönen Dekorationen und doch alle Augenblicke eine Verwandlung.

Hinter der Scene ist ein großer Raum, den die Helle der Gaslichter nicht erreicht und der in tiefem Halbdunkel liegt; dort spaziert in der schwarzen Rüstung der Geist von Hamlet's Vater auf und ab, einer der ersten Schauspieler, den es gerade nicht sehr amüsirt, diese kleine, aber wichtige Rolle zu spielen. Schon zu Anfang des Stückes stieß der Debütant, Herr Doktor Stechmaier, an dem eben beschriebenen Orte auf den Geist von Hamlet's Vater, welcher dort, da der Geist sehr fett und corpulent ist, mit schweren, dröhnenden Schlitten auf- und abspaziert. Der Debütant, welcher ja erst am Schlusse kommt, ist natürlicher Weise noch nicht angekleidet und zieht vor dem schwarzen eisernen Gespenste verehrungsvollst den Hut. Der Geist von Hamlet's Vater bleibt stehen, nimmt eine starke Prise und sagt: »Sie sind der junge Mann, der heute zum erstenmal auftritt?«

»Ihnen zu dienen, Herr Maurer,« sprach der Debütant; »ich mache heute meinen ersten theatralischen Versuch.«

»So bewundere ich es,« entgegnete der Geist, »daß Sie noch nicht angezogen sind.«

»Ich habe geglaubt, ich hätte noch vier Stunden Zeit und brauchte mich deßhalb mit dem Anziehen nicht zu beeilen.«

»Junger Mann,« versetzte das Gespenst und nahm abermals eine Prise, »Sie müssen nicht vergessen, daß Sie, wie gesagt, heute zum erstenmal auftreten, und daß Sie vom Kopf bis zu den Füßen in einen Harnisch gesteckt werden, und in solch' einem Harnisch bewegt man sich verflucht schlecht, das kann ich Ihnen versichern; man muß sich mehrere Stunden daran gewöhnen.« – Bei diesen Worten rasselte der Geist von Hamlet's Vater bedeutend mit seiner Rüstung und ging klirrenden Schrittes von dannen.

Der Debutant, dem der rauschende Beifallssturm des übervollen Hauses die Nerven schon ziemlich erschüttert, indem er bedenkt, wie kräftig ein solches Publikum allenfalls sein Mißfallen auszudrücken im Stande wäre, geht in die Garderobe, und bittet den bei solchen Gelegenheiten anwesenden Flaschnermeister, ihn gefälligst zu wappnen. Darauf zieht man dem Prinzen Fortinbras gelbe Tricots an, zwängt ihn in einen blauen Leibrock mit kurzem Schooß und führt ihn nach einer Rüstung, die in der Garderobe auf dem Boden liegt, ein wahrer Berg von Messingplatten, von Gelenken aller Art, von Riemenzeug und Schnallen. Zuerst werden seine Füße und Beine beschient und bepanzert, dann schnallt man ihm den Harnisch an, hängt ihm den Ringkragen auf, steckt ihn in die Armschienen, setzt ihm den Helm auf, gürtet ihm das Schwert um; der Friseur hatte seine Haare geordnet, ihm einen verwegenen Bart aufgeklebt, und ein gefälliger Chorist färbte ihm seine Backen rosenroth.

So steht er da, eng zusammengeschnallt und gepreßt, ein armes Opfer der Kunst, und ist nicht im Stande, eine Bewegung zu machen, welche einer menschlichen ähnlich sieht; er kann die Arme kaum an seinen Leib bringen, sondern muß sie immer von sich abgestreckt halten; die Kniescheiben, welche etwas zu lang für ihn sind, erlauben ihm nicht, auf natürliche Art seine Beine zu biegen, und so muß er, wenn er gehen will, mit den Füßen eine Seitenbewegung machen, wie die Matrosen zu thun pflegen und was man weitspurig gehen zu nennen pflegt. Dabei rasselt der Harnisch auf eine unerträgliche Art, und wo er sich hinter den Coulissen sehen läßt, da schreit der Inspicient sein: ssst! – ssst! und die Schauspieler, die gerade hinaustreten wollen, bitten ihn, sich soweit wie möglich zurückzuziehen.

Dies Alles verursacht ihm ein gewisses moralisches und physisches Unbehagen, und als nun der zweite Akt vorbei ist, bedenkt er, indem er gelinde seufzt, daß jetzt nur noch drei kleine Akte sind und dann an ihn die Reihe kommt. Der Geist von Hamlet's Vater erklärt sich mit seinem Anzuge vollkommen einverstanden, und der Oberregisseur sagt ihm einige ermunternde Worte.

Der dritte Akt geht vorbei, und die zu langen Kniescheiben haben den armen Prinzen Fortinbras fast ganz wund gedrückt; der Inspictent sieht ihn beim Beginn des vierten Aktes scharf durch die Brille an und sagt ihm mit gleichgültigem Tone, als wenn das gar nichts wäre und sich ganz von selbst verstünde: »Im nächsten Akt kommen Sie.« – Ja, im nächsten Akt! denkt der Debütant, und es fröstelt ihn in der kalten Rüstung. Ist vielleicht der Ringkragen zu fest geschnallt oder der Schwertgürtel? Genug, das Athemholen wird ihm sauer und er muß oftmals tiefe Seufzer ausstoßen. Gott, wenn es ihm draußen schlecht erginge! wenn ihn sein Gedächtniß verließe! wenn er den todten Hamlet, der auf dem Boden liegt, auf die Nase träte! Alles das kann ihm passiren, er kann sich lächerlich machen vor dem Auge des Publikums, er kann sich blamiren vor seinen Kunstgenossen, er kann seine ganze Carriere verderben! – Ja, wenn dies vielleicht erst nach einem Jahre geschehen könnte, aber nein! das kann in einer halben Stunde vor sich gehen, seine Zeit ist um, der Zeiger geht unaufhaltsam vorwärts, seine Stunden, seine Minuten sind gezählt, wie die eines zum Tode Verurtheilten. Es ergreift ihn eine namenlose Angst. –

Der fünfte Akt beginnt.

Der unglückliche Debütant kann sich von der Idee, als sei er zu einem moralischen Tode verdammt, nicht losmachen, er steht auf dem dunklen Platz hinter der Scene und sieht den Geist von Hamlet's Vater nochmals vorübergehen, aber der Geist ist dieses Mal im Ueberrock und will sich gerade nach Hause begeben. Aus der Coulisse rasselt es auf ihn zu, wie von vielen Harnischen: es sind seine Reisigen, das Gefolge des Prinzen Fortinbras, die mit ihm eindringen in die dänische Hofburg; sie sind geführt von dem Schlachtenlenker der Bühne, welcher den unglücklichen jungen Schauspieler fragt, ob er bereit sei. Wie schaut ihn der Schlachtenlenker mit dem wilden falschen Bart und den schwarzgemalten Augenbrauen so finster an! Wie klingt seine Stimme so tief und grimmig, als er fragt: »Sind Sie bereit?« – Der Inspicient schaut hinter dem Vorhange hervor und sagt: »Herr Stechmaier, Sie kommen bald!« Prinz Fortinbras rafft allen seinen Muth zusammen und tritt in die Coulisse; seine Mundwinkel zucken, sein Auge starrt, und er würde todtenblaß aussehen, wenn ihn der Chorist nicht so schön rosenroth bemalt hätte.

»Kann es nicht zuweilen vorkommen,« fragt er den Schlachtenlenker mit zitternder Stimme, »daß ein Schauspieler in der Coulisse unwohl wird und nicht auftreten kann?« worauf dieser antwortet: Das sei noch nie vorgekommen und ein Schauspieler, der einmal angezogen in der Coulisse stehe, müsse auch hinaus, und wenn man ihn hinausschleppen sollte. »Denn wenn einer fehlt, ist ja das ganze Stück umgeworfen, und das Publikum würde einen schönen Lärm machen.« – »So?« – »Ganz gewiß!« – Der Mann sagte das so bestimmt und mit fester Stimme, daß es den Prinzen Fortinbras schauderte; er dachte an einen kleinen Fluchtversuch und wandte sich um; doch stand der Schlachtenlenker hinter ihm, ihn mit festem Blicke ansehend, und sein eigenes Gefolge hielt in Wehr und Waffen die Coulisse so besetzt, daß an kein Entrinnen zu denken war.

Hamlet hat seine letzte Rede.

»Herr Stechmaier,« sagt der Inspicient, »jetzt kommt's.« Dem Debütanten tritt der Schweiß auf die Stirn, und er spricht stotternd zu dem Schlachtenlenker: »Wahrhaftig, ich kann nicht hinausgehen, mich bringt die Angst um, ich kann kein Wort sprechen.«

»Sie müssen,« sagt der finstere Mann in dem großen Bart, »Gott verdamm' mich, das wär' eine schöne Geschichte! ich schiebe Sie im Nothfalle vor mir her; paßt mir auf, Soldaten – vorwärts!«

Durch einen gelinden Druck von der Hand des Schlachtenlenkers stolpert Prinz Fortinbras einige Schritte vorwärts; er muß eine Coulissenstange überschreiten, die vor ihm am Boden liegt, über welche er fast hinstürzt, da er sie nicht sieht; er fühlt zugleich, daß ihm an seiner Rüstung etwas gerissen ist und daß die Kniescheibe klafft. Der Hof des Königs und die dänischen Damen sehen ihn mit Entsetzen an; vor ihm liegt der todte Königssohn und seine Nase, wie absichtlich, um sich darauf treten zu lassen. Die Prosceniumslampen tanzen auf und ab und bilden seltsame Schlangenlinien, das Publikum wogt vor ihm, ein stürmisches Meer, – wilde bewegte Wellen in allerlei Farben.

Er stottert etwas Weniges von Niederlage und Mord, von einem Fest, das in diesen heiligen Hallen, wo man keine Rache kennt, vor sich geht; man drückt ihm die Krone in die Hand, und wie der Vorhang langsam herunterfällt, erwacht er ebenso langsam aus einem entsetzlichen erdrückenden Gefühl, und erst, als er die Prosceniumslampen nicht mehr sieht, holt er tief Athem, läßt die Krone fallen und fühlt sich wie erwacht aus einem wirren, gespensterartigen Traume. – – –

Glücklicher Weise hatte die Vorstellung bis halb Zehn gedauert, das ermüdete Publikum erhob sich beim Tode des Prinzen Hamlet, um nach Hause zu gehen, und schenkte dem Eintritte des unglücklichen Prinzen Fortinbras wenig Aufmerksamkeit.

Der Doktor Stechmaier ging sehr erschöpft in die Garderobe, er fühlte sich furchtbar ermüdet. Es ist aber auch keine Kleinigkeit, vier Stunden lang, in einen engen Harnisch geschnallt, hinter den Coulissen stehen zu müssen; das erkannten auch sämmtliche Schauspieler mitleidig an, und der Oberregisseur meinte, es werde bei einem zweiten Versuch schon besser gehen; nur scheine ihm die Persönlichkeit des Doktors für heroische, kräftige Charaktere nicht besonders passend.

Der Debütant verließ das Theater, und als er die hohen Mauern hinter sich hatte, kam er sich vor, als sei er wunderbar und glücklich gerettet, einer fürchterlichen Zauberhöhle entsprungen. Ihm schauderte, wenn er an den fünften Akt des Hamlet zurückdachte; er beschloß, den literarischen Klubb zu gründen, mit allem Eifer das conservative Journal zu redigiren und verschwor sich hoch und theuer nie mehr jene Bretter zu betreten, welche die Welt bedeuten.

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