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Nagerl und Handschuh

Johann Nestroy: Nagerl und Handschuh - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
authorJohann Nestroy
titleNagerl und Handschuh
booktitleJohann Nestroy Komödien - Ausgabe in sechs Bänden
publisherInsel Verlag
year 1979
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderSven und Doris Kaiser
created20080410
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Zweiter Akt

Säulenhalle im Palast Ramsamperls

Erste Szene

Hyacinthe, Bella (treten auf)

Bella Schwester, ich bin ganz außer mir vor Entzücken!

Hyacinthe O, ich möcht' springen vor Freuden wie ein verlorner Pintsch, wenn er seinen Herrn find't. (Mit Würde.) Allein, verträgt sich das mit meinem künftigen Rang?

Bella Mit dem deinigen gewiß.

Hyacinthe Wie meinst du das, liebe Schwester?

Bella Liebe Schwester, bist du denn wirklich so auf den Kopf gefallen, daß die Leidenschaft Ramsamperls für mich deinen Blicken entgangen ist?

Hyacinthe Teure Schwester, bist du denn wirklich so verschlagen, daß du noch zweifeln kannst, daß ich die Auserwählte bin?

Bella Nein, das kostet mich einen Lacher. (Lacht laut, aber kurz.) Ha, ha!

Hyacinthe Mich kostet's gar zwei. (Lacht gerade nochmal soviel als Bella.) Haha! Haha!

Bella Laß dich nicht auslachen mit der Lacherei!

Hyacinthe Wer auf d'Letzt' lacht, lacht am besten. (Beide lachen sich eine geraume Zeit boshaft aus.)

Hyacinthe (welche einen Augenblick länger lacht) Siehst du, daß ich auf d'Letzt' lach'. Dir geht ja zu früh der Atem aus, mit deinem schmalen –

Bella (mit erzwungener Mäßigung) Schlanken Wuchs, willst du sagen? Gerade das ist der Journal-Wuchs, so kommen s' alle Wochen heraus.

Hyacinthe Beim Lebzelter.

Bella Darüber kannst du freilich nicht mitreden. Schau' erst, daß du wo eine Taille zu leihen kriegst.

Hyacinthe (zornig aufbrausend) Was? (Mit erzwungener Mäßigung.) Das Runde, die Wellenlinie macht die Schönheit, so ein ausgewaschenes Phantasiestück wie du, die rührt schon lang' mehr kein männliches Herz.

Bella O, da irrst du dich stark! Sentimentale Wachstümer sind jetzt weiter nicht gesucht. – Früher, wenn die Männer ein mageres Frauenzimmer g'sehen haben, haben s' g'sagt: »Da ist nichts dran!« – Jetzt sagen s' aber: »Die ist interessant, himmlisch, ätherisch!«

Hyacinthe O, du Ätherische, du!

Bella So schauen s' aus, die Neu-Ätherischen –

Hyacinthe Wie wir s' erst kriegt haben.

Bella Ramsamperl ist in sie verliebt! O Werk der Einbildungskraft!

Hyacinthe O, nichts Einbildung, wir haben Beweise!

Bella Beweise? Du? Da werd' ich doch gewichtigere haben.

Hyacinthe Er hat mich am Kinn gestreichelt.

Bella O wegen dem bissel Streicheln! Mich hat er in den Arm gezwickt.

Hyacinthe O, wegen dem bissel Zwicken! Mir hat er die Hand gedrückt.

Bella O, wegen dem bissel Drucken! Mich hat er auf'n Fuß getreten.

Hyacinthe O, wegen dem bissel Treten! Das ist schon der Müh' wert! Mir hat er es deutlich gesagt, daß ich die Erwählte bin.

Bella Hahaha! Mir hat er's gar in die Ohren geflüstert.

Hyacinthe Hahaha! Jetzt glaubt die's, wenn ein Mann was flüstert! Wenn einer schreit, daß man's drei Häuser weit hört, so ist's noch selten wahr. O, schwacher Geist!

Bella Solche Tiroler Gretln wie du haben gar keinen Geist.

Hyacinthe (mit steigender Erbitterung) Was ist das für eine Red'? Siehst, grad dir zum Trotz, du ausgegangener Dessein von einem Frauenzimmer, wird er mein Gemahl!

Bella (ebenfalls immer gereizter) Nein! Mein wird er, du gehst leer aus!

Hyacinthe Du ziehst mit langer Nase ab.

Bella Das ist bei so einem Mopserlgesicht freilich niemals der Fall.

Hyacinthe Ich kratz' dir die Augen aus.

Bella Probier's, deine Frisur ist herunter auf Ja und Nein.

Hyacinthe Mein gehört er!

Bella Nein, mein gehört er!

Hyacinthe Nein, mein!

Bella Nein, mein! (Beide schreien grimmig zusammen.)

Zweite Szene

Die Vorigen; Kappenstiefel, Maxenpfutsch

Kappenstiefel Schwiegerpapa, da wird g'rauft!

Maxenpfutsch Um alles in der Welt, Töchter, was ist das! Seine Gnaden –

Beide (beiseite, in höchster Verlegenheit) Entsetzlich! Die Schand'!

Hyacinthe Es war –

Bella Wir hatten –

Kappenstiefel O, ich bitt', sich nicht zu schenieren, raufen Sie zu, wir sind en famille.

Hyacinthe Es war ein Scherz –

Bella Wir schäkerten –

Kappenstiefel Nein, im Ernst, wir sind unter uns, raufen S', wir schauen zu.

Hyacinthe Nicht ein böses Wort wäre ich im Ernst imstande meiner teuren Schwester zu geben.

Bella Nicht den leisesten Vorwurf brächt' ich über meine Lippen.

Hyacinthe Liebe Schwester!

Bella Süße Gespielin meiner Jugend!

Maxenpfutsch Das sind Geschöpfe! O, ich sag's! (Mit Rührung.) Ich komm' oft nach Haus, hör' auf der Stiegen schon ein' Spektakel, daß die Leut' z'samm'laufen, ich tritt ins Zimmer, da geht's übereinander her – ich fahr' unter sie, will Frieden stiften, krieg' selbst oft ein paar, auf einmal klärt sich das Ganze auf – was war's? Nichts als ein Scherz, wie jetzt.

Kappenstiefel Wenn mich also einmal meine Zukünftige beim Kakadu erwischt –

Maxenpfutsch Da lassen Sie's nur gehen!

Kappenstiefel Und wenn Sie mich aus einem Zimmer ins andere wirft –

Maxenpfutsch Tun S' nichts dergleichen!

Kappenstiefel Wenn s' dann eine Weil' auf mich lostrischakt –

Maxenpfutsch Da klärt sich auf einmal das Ganze auf –

Kappenstiefel Und es war nichts als Schäkerei! (Lacht.)

Maxenpfutsch Nichts als Schäkerei! (Beide lachen überlaut.)

Kappenstiefel Glücklicher Vater!

Maxenpfutsch Glücklicher noch der Bräutigam, der so was kriegt! Es ist hier nicht der Ort, sich selbst zu loben, aber wir sind eine Familie, in die man hineinheiraten muß; unter uns herrscht die wahre Einigkeit, Sie mögen die nehmen oder die; das ist alles eins. Vater und Schwester kriegen Sie nicht mehr los.

Kappenstiefel Wer also da heiratet, der hat auf jeden Fall einen Terno g'macht.

Maxenpfutsch Erster Ruf: eine sanftmütige Frau, zweiter Ruf: eine friedfertige Schwägerin, dritter Ruf: ein ewig verpflichteter, nie seine Schulden abtragender Schwiegervater.

Kappenstiefel Wir wollen also schnell zur Ziehung schreiten.

Maxenpfutsch Kein Rücktritt findet mehr statt.

Hyacinthe (winkt Kappenstiefel beiseite) Welche ist die Glückliche?

Kappenstiefel (tritt, indem er sie zärtlich betrachtet, einen Schritt zurück) Holdes Wesen! (Geht rasch auf sie zu.) Kannst du zweifeln? (Tritt sie ungeschickterweise auf den Fuß.)

Hyacinthe (beiseite) O weh!

Kappenstiefel (leise) Mach' dir nichts draus, du wirst die Meinige!

Hyacinthe (beiseite) Triumph!

Bella (ihn ebenfalls beiseite winkend) Welche ist die Ausgewählte?

Kappenstiefel (tritt, sie zärtlich betrachtend, einen Schritt zurück) Liebliches Geschöpf! (Geht rasch auf sie zu.) Kannst du zweifeln? (Tritt sie ungeschickterweise auf den Fuß.)

Bella O weh!

Kappenstiefel (leise) Mach' dir nichts draus, du wirst die Meinige.

Bella (beiseite) Triumph!

Maxenpfutsch Jede hat einen Tritt, es ist noch nichts entschieden.

Kappenstiefel Vor allem, meine Damen, muß ich Sie jetzt mit den Formalitäten in genauere Bekanntschaft setzen. Es sind außer Ihnen noch viele Schönheiten hier – keine, versteht sich, so schön als Sie –, die aber alle auf meine Hand spitzen. Es ist aber auch eine Hand, wenn Sie erlauben, eine Hand, wie sie nur alle Jahrhundert einmal aus einem Sterblichen herauswachst.

Hyacinthe Eine superbe Hand!

Bella O, einzig!

Kappenstiefel Nein, einzig nicht, denn ich hab' hier noch eine solche. Aber glauben Sie mir, wenn ich heut' eine verliere, ich krieg' keine gleiche mehr. Es wird daher heut' wegen dieser Hand ein Fest gehalten, wobei jedes anwesende Frauenzimmer sich mit ihrem vorzüglichsten Talent prostituieren muß.

Maxenpfutsch Produzieren, wollen Euer Gnaden sagen.

Kappenstiefel Das kommt auf eins heraus. Da wird eine singen, eine tanzen, eine deklamieren, eine Chartarie spielen, eine Maultrommel schlagen, eine andere Krapfen backen; mit einem Wort: was die bildenden Künste Bezauberndes hervorbringen, das wird aufgeboten, um mir zu gefallen, und der Preis ist dann diese Hand, sehen Sie!

Hyacinthe Meine Talente sind zu gering –

Kappenstiefel Was Sie sagen!

Bella Meiner Anspruchslosigkeit wird es gelingen –

Kappenstiefel Hören S' auf! (Zu Maxenpfutsch.) Sind die Fräulein Töchter wirklich so dumm, oder stellen sie sich nur so?

Maxenpfutsch Sie werden alle andern verdunkeln, ich als Vater garantier' für sie.

Kappenstiefel Also Kurasche! Was sind Sie denn für Tschaperln? (Zu Maxenpfutsch.) Bald hätt' ich vergessen, Ihr, werter Maxenpfutsch, seid hiemit zu unserm Oberkellermeister ernannt.

Maxenpfutsch (mit Entzücken) Was – Kellermeister – ich? O, Übermaß des Glücks! Töchter! Ich Kellermeister! Juchhe! Juchhe! Und noch verschiedenemal Juchhe!

Hyacinthe Mäßigen Sie Ihre Freude, Vater!

Bella Sonst trifft Sie der Schlag.

Maxenpfutsch Was Schlag! Ein Kellermeister kennt gar keinen Schlag als den Einschlag, und der trifft die Kundschaften, aber den Kellermeister nicht.

Kappenstiefel So kommen Sie nun, meine Schönen, während sich der Papa hier freut, schlendern wir in den Garten hinunter (gibt beiden den Arm) und wollen dort mit den vom Nachtigallengeflöte durchflüsterten Ambradüften des Westhauches unsere Liebesseufzer in zärtlichem Gekose verschmelzen, wie Schmetterlinge von Blümchen zu Blümchen hüpfen (ganz lokal) und halt schau'n, daß die Zeit vergeht. (Hüpft rasch mit beiden ab.)

Dritte Szene

Maxenpfutsch

Maxenpfutsch Nein, das ist wahr, mein Glück, das gibt einem schon eine starke Anmahnung ans Roßglück. Ich krieg' einen Keller voll Wein, eine meinige Tochter kriegt einen Mann, einige meiner Gläubiger kriegen vielleicht ein Geld – wer hätt' sich das jemals gedacht!

Lied
1.
Jetzt, der Kellermeister, der bin i,
Seine Gattin nachher, die wird sie,
Äußerst glücklich mit dem Weib wird er,
Jetzt tuschiert mich auf der Welt nix mehr!
2.
Sehr viel saufen werd' im Keller i,
Sehr viel brauchen von ihr'n Mann wird sie,
Sehr viel blechen für das Weib wird er,
So ein Leben, das behagt mir sehr.
3.
Meine Gläubiger, die schick' ihm i,
Ihre Konto, na, die schickt ihm sie,
Und nicht mucksen drüber darf sich er,
Denn sonst setzt's was ab, na, das Malheur!
4.
Neue Schulden auf sein' Nam' mach' i,
Mit die jungen Herrn, da spienzelt sie,
Tun, als merket er gar nix, muß er,
Ist das nicht kommod? Auf meine Ehr'.
5.
Tief im Keller unt', da herrsch' nur i,
Und ihr'n Mann da herob'n beherrscht dann sie,
Am Simoni-Tag nur, da herrscht er,
No, was liegt denn dran, so gibt's ja mehr!
6.
Seine Fässer, na, die putz' halt i,
Die Dukaten, die verputzt ihm sie,
Und sein Weiberl elegant putzt er,
So putz'n mir alle drei, was will man mehr?
7.
G'horsam außerrennen tu' jetzt i,
Noch was Neues hörn, das möchten Sie,
Ich dank' untertänig für die Ehr',
's is der Umstand nur, i kann nix mehr. (Ab.)

Verwandlung

Semmelschmarns Zauberkabinett mit Mittel- und Seitentüren

Vierte Szene

Semmelschmarn, Ramsamperl (treten durch die Mitte ein)

Semmelschmarn Wir sind am Ziele.

Ramsamperl Na, also was gibt's? Ich hab' nicht viel Zeit.

Semmelschmarn Hören Sie!

Ramsamperl Aber nur geschwind.

Semmelschmarn Sie verdienen die Güte nicht, mit der ich Sie behandle.

Ramsamperl Lieber Zauberer, machen Sie's kurz, ich muß zum Mädel.

Semmelschmarn Zu welchem Mädel?

Ramsamperl Na, zu der, wo wir heut' früh waren.

Semmelschmarn Also zu diesem Mädel?

Ramsamperl Nein, ich halt's nicht aus mit Ihnen, Sie kommen nicht weiter. Was wollen S' denn?

Semmelschmarn Bleiben Sie!

Ramsamperl Ich mag nicht.

Semmelschmarn Sie gehen umsonst.

Ramsamperl Warum?

Semmelschmarn Das Mädel ist nicht mehr dort.

Ramsamperl (heftig) Wo ist sie denn?

Semmelschmarn Fort!

Ramsamperl Da steckt eine Spitzbüberei dahinter.

Semmelschmarn Nicht Spitzbüberei – Zauberei!

Ramsamperl Unbegreiflicher! Ich vergreif' mich an Ihnen, wenn S' mir s' nicht an der Stell' herschaffen.

Semmelschmarn Gemach!

Ramsamperl (immer heftiger) s' Mädel will ich haben!

Semmelschmarn Hören Sie –

Ramsamperl 's Mädel her –!

Semmelschmarn Wissen Sie also –

Ramsamperl 's Mädel!

Semmelschmarn Ihnen diese Freude zu bereiten, ließ ich sie von meinen Geistern durch die Lüfte tragen, und auf meinen Wink schwebt sie in dieses Gemach herab.

Ramsamperl (mit freudigem Erstaunen) Was? Nicht möglich! Zauberer, laß dich umarmen! (Er umarmt ihn heftig.)

Semmelschmarn Wohlan! – Erscheint! – Erscheint! – Erscheint! (Er winkt dreimal mit dem Zauberstab.)

Ramsamperl Na, was ist denn das? s' kommt nix.

Semmelschmarn (verlegen) Was soll das?

Ramsamperl Ihr Zauberstaberl hat keine Macht.

Semmelschmarn (winkt noch einmal) Hm! Hm!

Ramsamperl Pfui Teufel! Ich schämet mich mit der Zauberei!

Semmelschmarn Sie müssen sich verweilt haben.

Ramsamperl Na, in der Luft, sollt' man glauben, kann's keinen Aufenthalt geben.

Semmelschmarn O, auch die Luft ist nicht immer so, wie sie sein soll. Sagen Sie mir, eh' sie erscheint, bleiben Sie ihr auch stets treu?

Ramsamperl Bis viere nachmittag wird sie meine Frau, das Weitere wird sich finden. (Es wird oben in den Soffitten geklopft.)

Semmelschmarn Wer klopft da oben?

Grobianetto (oben) Wir sind's, die Genien!

Semmelschmarn Laßt mich in Ruh', ihr Fratzen!

Grobianetto Wir haben ja die Küchengretl gebracht.

Semmelschmarn Ja so!

Ramsamperl Sie sind doch ein vergeßlicher Mensch!

Grobianetto (von oben) Wenn S' nicht bald aufmachen, so lassen wir s' übers Dach hinunterfallen.

Ramsamperl So tummeln S' Ihnen, hören S' denn nicht?

Semmelschmarn Gemach!

(Es beginnt eine leise Musik, Semmelschmarn drückt an einer Feder in der Wand, man hört das Knarren eines Uhrwerks – die Decke des Kabinetts öffnet sich, es dringen von oben etwas Wolken herein, dann werden die Genien sichtbar, welche, Rosa wie am Schlosse des ersten Aktes auf der Ottomane tragend, langsam herniederschweben.)

Fünfte Szene

Die Vorigen; Rosa (schlafend), Grobianetto, Genien

(Ehe die Genien noch ganz am Boden sind, endet die Musik.)

Grobianetto (gleich nach der Musik, noch in der Luft schwebend) Wo stellen wir denn hin?

Semmelschmarn Hieher!

Ramsamperl (Rosa betrachtend) Das ist ein liebes Kind. (Zu den Genien.) Laßt sie nur nicht fallen.

Grobianetto (keck) O, ich bitt' Ihnen, wir haben schon mehr getragen als die, wir schleppen ja alle Augenblick' so eine Person durch die Luft. (In diesem Moment erreichen die Genien mit Rosa den Boden.)

Semmelschmarn (zu den Genien) Entfernt euch!

Grobianetto Zahlen Sie 's Trinkgeld? Nein! Also warten S', bis wir was kriegen. (Zu Ramsamperl.) Wir bitten um was fürs Hertragen.

Ramsamperl (gibt ihm Geld) Da habt ihr was. Trinkt's auf meine Gesundheit ein Glasel Ausbruch.

Grobianetto Einen Ausbruch? Ja, das wollen wir, denn den beständigen Wolkenbruch hab' ich schon bis daher.

Semmelschmarn (zu Grobianetto) Fort und harret meiner ferneren Befehle!

Grobianetto So? Haben wir uns heut' etwa noch nicht genug gerackert? Wir gehn jetzt in die Wetterwolken dort hinüber ein wenig anmäuerln.

Semmelschmarn Weh' euch, wenn ihr einen meiner Winke versäumt!

Grobianetto Na, das wär' nachher weiter nix. (Zu Ramsamperl.) O, ich sag's Ihnen, so ein Genius ist ein wahres Hundsleben!

Semmelschmarn Marsch, sag' ich. (Die Genien erheben sich in die Luft.)

Grobianetto (indem er mit den übrigen emporschwebt) Ewig da sein, so oft er winkt mit sein' dalketen Staberl!

Semmelschmarn (zu Grobianetto) Wirst du still sein!

Grobianetto Das wär' nachher eine Kunst, ein Zauberer zu sein, wenn wir all's tun!

Semmelschmarn Kein Wort mehr, das rat' ich dir!

Grobianetto Und die miserable Besoldung, man zerreißt's an Flügeln.

Semmelschmarn Bursche, zittre vor meinem Zorn!

Grobianetto Na ja, verzaubern S' mich halt in ein Fiakerroß, ist gleich so g'scheit!

(Die Genien sind in den Soffitten verschwunden, die Decke des Gemaches schließt sich wieder.)

Sechste Szene

Ramsamperl, Semmelschmarn, Rosa

Ramsamperl Das ist wahr, Ihre Untergebenen haben einen Respekt vor Ihnen, das ist schon eine Freud'!

Semmelschmarn O, sie werden schon noch zittern vor mir!

Ramsamperl Ja, bei Gelegenheit, wann s' Zeit haben.

Semmelschmarn Nun hören Sie meinen Plan mit dem Mädchen hier.

Ramsamperl Was Plan? Da gibt's gar keinen Plan, ich heirat' sie.

Semmelschmarn Die Brautwahl muß vor der glänzenden Versammlung, die heute geladen ist, feierlich vollzogen werden, so befiehlt es das Testament.

Ramsamperl O Testament und kein End'! Das hat mich schon was fuchtig gemacht, das Testament!

Semmelschmarn Räsonieren Sie nicht, mein Plan ist gut. Alle Schönen des Landes werden ihre Talente an den Tag legen, um das Herz des vermeintlichen Ramsamperl zu erobern; muß es Sie nicht freuen, wenn unter allen diesen Ihre Geliebte den Sieg davonträgt?

Ramsamperl Na, das ist Ihnen g'raten.

Semmelschmarn Auch sie muß sich produzieren.

Ramsamperl Da sieht man, daß Sie immer auf die Hauptsach' vergessen. 's Mädl ist dumm – ein lieber Schneck, aber dumm – sie hat kein Talent.

Semmelschmarn Richtig, sie hat kein Talent! Aufbetten, Auskehren, Milchholen und Abwaschen sind das einzige, was sie von den schönen Künsten erlernt hat. Ich habe schon manchen Holzklotz zum Menschen gebildet, vielleicht wird es mir auch hier gelingen.

Ramsamperl Das ist eine Anspielung auf mich. O je, das ist eine feuchte Red', wenn Sie s' nicht besser bilden als mich, da heben wir keine Ehr' auf.

Semmelschmarn Ich gehe, ein Zaubermittel zu holen, das seine Wirkung sicher nicht verfehlt. Verhalten Sie sich indessen ruhig oder entfernen Sie sich.

Ramsamperl Ich betrachte sie ja nur.

Semmelschmarn Wecken Sie sie ja nicht auf!

Ramsamperl Nein, sag' ich.

Semmelschmarn Wohlan, ich entferne mich. (Ab in die Seitentüre.)

Siebente Szene

Ramsamperl, Rosa (schläft)

Lied
1. (Cantabile.)
Wie sie hier schlummernd liegt,
Im Zaubertraum gewiegt!
Sie wird mir Glück nur schenken,
Nein, es ist nicht zu denken,
Daß sie den je betrübt,
Dem Herz und Hand sie gibt.
(Im raschen Tempo.)
Zwar im Schlaf sind s' immer
Sanft, die Frauenzimmer,
Aber wachen s' auf,
Man muß sich fürchten drauf!
(In sehr schnellem Tempo.)
Mit'n Stubenmädl fangen s' zu keifen gleich an,
Dann trifft ohneweiters die Reihe den Mann;
Man schluckt hundert Vorwürf' schon mit dem Kaffee,
Dann fordern s' bald dieses, bald jenes, o weh!
Und macht man dazu noch ein saures G'sicht,
Um all's in der Welt, was riskiert man da nicht!
Wenn eine nur weiß, 's hat der Mann recht viel Geld,
Gleich ist ihr dann alles zu schlecht auf der Welt.
's ist keine zufrieden mit Tafeln und Ball,
Zu den prächtigsten Sachen verziehen s' noch das Maul;
Hat was unter Tags Langeweil' ihnen g'macht,
So zanken s' hinein bis in d' sinkende Nacht.
(Das Tempo plötzlich abbrechend.)
Doch still, ich werde hier zu laut,
Still! Sonst erwacht noch meine Braut!
2. (Cantabile.)
Wie sie hier schlummernd liegt,
Im Zaubertraum gewiegt!
Treu wird sie stets mich lieben,
Rein ist ihr Herz geblieben,
Sie kennt die Falschheit nicht,
Treu jede Miene spricht.
(In rascherem Tempo.)
Doch bei d'Frauenzimmer
Ist das G'sicht nicht immer
Das, was Wahrheit spricht!
Oft lügt das ganze G'sicht.
(In sehr schnellem Tempo.)
Es stell'n sich gar manche wie d'Lamperln so frumm,
Wir Männer, wir glauben's, wir sind halt oft dumm.
Betrug ist das Ganze, sie schläfern uns ein.
Daß wir, ohne was z' merken, die G'foppten stets sein.
Sie küssen, sie streicheln – 's ist alles erlog'n,
Man kehrt nur den Rücken, so ist man betrog'n.
Der Mann muß nur herschaffen, Konto bezahl'n,
Damit sie sich putzen, um andern zu g'fall'n.
Und wenn man d'Frau'n auf Promenade erst führt,
Da wird systematisch herumkokettiert.
Oft husten s' im Gehn, man ist b'sorgt um ihr Leb'n,
Derweil müssen s' noch auf ein' Ball wohin schweb'n.
(Das Tempo plötzlich abbrechend.)
Doch still, ich werde hier zu laut,
Still! Sonst erwacht noch meine Braut!

(Ab durch die Mitte.)

Achte Szene

Semmelschmarn, Rosa

Semmelschmarn (kommt durch die Seitentüre zurück, ein Nagerl in der Hand) Ich glaube, ich habe das Rechte erwischt. Dieses Nagerl wird sie aufklären, und nicht als Tschapperl wird sie mehr dastehn in der Welt. (Zu Rosa.) Erwache! Erwache! (Berührt sie mit dem Zauberstab.) Jastim, plastim, gummielastim!

Rosa (erwacht gähnend) Ah! – Der Schlaf! – Nein, das ist gar nicht zum Sagen! Ah! – Jetzt soll ich wieder Feuer machen und ich hab' kein klein's Holz. (Weint.) Ein klein's Holz möcht' ich hab'n.

Semmelschmarn (nähertretend) Sieh mich hier! –

Rosa (ohne ihn zu bemerken) Ein kleines Holz möcht' ich haben; Stock kann ich kein' brauchen zum Kaffeemachen und gestern hab' ich kein's g'hackt. (Gähnt.) Und der Schlaf –

Semmelschmarn Meiner Zaubermacht weicht der stärkste Schlaf! (Berührt sie nochmals mit dem Stab.)

Rosa Ich bring' kein Aug' auf! – Ich muß mich grad noch einmal auf die andere Seiten legen.

Semmelschmarn Ha! So ist auch dieses Staberl nichts nutz. (Wirft es weg.) Erwache, Küchengretl, sieh, wo du bist!

Rosa (sich ermunternd und herumsehend) Um alles in der Welt, was ist das? Ich fang' mich zum Fürchten an. (Weinend.) Ich weiß gar nicht, wo ich bin.

Semmelschmarn Mein G'sicht wird ihr Zutrauen einflößen. Betrachte mich!

Rosa (erschrocken) O je! Was ist das für ein G'sicht?

Semmelschmarn Beruhige dich!

Rosa Ich trau' Ihnen nicht, gehn S' weiter und lassen S' mich hinaus!

Semmelschmarn Höre mich –

Rosa Hinaus möcht' ich!

Semmelschmarn Wisse, mein Kind –

Rosa Hinaus möcht' ich!

Semmelschmarn Aus dir spricht noch der Schlaf.

Rosa (wird ihr prächtiges Kleid gewahr) Was ist denn das? Wie komm' denn ich in die Pracht? (Ängstlich.) Das gilt nichts, mich haben s' austauscht, wo ist denn die andere, die ich bin?

Semmelschmarn Gefällt dir denn diese kostbare Kleidung nicht?

Rosa (sich mit Wohlgefallen betrachtend) Ja, schön – schön wär' das freilich –! Nein, nein – wie ich schön bin! So was ist noch gar nicht dagewesen. Aber sagen S' mir nur, bin ich's denn wirklich?

Semmelschmarn Freilich bist du's.

Rosa Haben S' mich nicht austauscht?

Semmelschmarn Das Kleid nur, du bist dieselbe.

Rosa (herumspringend) Nein, wie einen so ein Kleid verändert! – Ich kenn' mich gar nicht mehr.

Semmelschmarn Das Kleid macht den Mann. Ich habe dich in dieses Schloß gebracht, daß du mit den andern Töchtern des Landes, die sich um Ramsamperls Hand bewerben, in die Schranken treten kannst.

Rosa O mein, das wär' schön! Aber verstanden hab' ich nichts.

Semmelschmarn Du sollst Ramsamperls Herz und Hand gewinnen!

Rosa Werden die zwei Stuck ausg'spielt?

Semmelschmarn Beides schenkt Ramsamperl der Liebenswürdigsten.

Rosa Ich hab' schon g'hört von dem Ramsamperl; aber schau'n S', ich will nicht so hoch hinaus.

Semmelschmarn Du verdienst das größte Glück.

Rosa Hören S' auf vom Fried' geben, ich mag ihn nicht.

Semmelschmarn Warum nicht?

Rosa Weil ich – (lacht verschämt, aber dumm), weil ich – Sie müssen mich nicht anschau'n, wenn ich das sag'.

Semmelschmarn Nun?

Rosa Dort schau'n S' hinüber! – Weil ich in ein' andern verliebt bin.

Semmelschmarn Und wo ist dieser andere?

Rosa Das weiß ich nicht.

Semmelschmarn Wer ist er?

Rosa Das weiß ich nicht.

Semmelschmarn Liebt er dich wieder?

Rosa Das weiß ich nicht. Aber wenn Sie ihn sehen sollten –

Semmelschmarn Was soll ich ihm sagen?

Rosa Daß ich – daß ich in ihn verliebt bin.

Semmelschmarn Und weiter? –

Rosa Sonst nichts. Aber Sie müssen ihm das etwas pfiffig beibringen, Sie müssen ihm im Anfang nur sagen, daß ich – daß ich in ihn schrecklich verliebt bin.

Semmelschmarn Ich will deinen Auftrag erfüllen, dennoch mußt du aber mit den übrigen vor Ramsamperls Augen deine Talente auf eine glänzende Art geltend machen. Damit dies möglich sei, nimm hier das Nagerl, sein Besitz wird den Schleier der Blödigkeit von deinem Geiste ziehn und zugleich des Reichtums Glanz dir sichern, der dich umgibt. Wirfst du es von dir, so kehrst du in deinen vorigen Zustand zurück. (Gibt ihr das Nagerl.) Hat ihn schon!

Rosa (nimmt es) Was ist das? Wie wird mir? (Sie spricht plötzlich mit ganz verändertem Wesen.) Also Sie sind der Hofmeister von diesem liebenswürdigen Tausendsassa? – Sie werden ihm was Sauberes gelernt haben! Ihnen schaut auch der Vokativus bei den Augen heraus! Kommen S', setzen Sie sich zu mir! (Sie setzt sich auf die Ottomane.)

Semmelschmarn (verblüfft) O, ich bitte –

Rosa Sie werden doch den Platz nicht verschmähen an meiner grünen Seiten?

Semmelschmarn (setzt sich zu ihr) O, ich bitte –

Rosa Sie sind ein Gelehrter, sagt man, und die glauben, sie wissen alles. Was aber das weibliche Herz und seine Schwachitäten anbelangt, da verstehn diese Herren grad so viel als eine Kuh von der spanischen Sprach'. Sie werden mir doch meine Offenherzigkeit nicht übelnehmen, Sie liebes Mannerl, Sie?

Semmelschmarn O, ich bitt' –

Neunte Szene

Vorige; Ramsamperl (tritt leise ein)

Rosa (ohne den Eintretenden zu bemerken, fortfahrend) Sehn Sie, der Mensch hat ein Herz, und dann auch wiederum eine Hand, der Unterschied zwischen diesen beiden Kleinigkeiten ist wirklich eine Großigkeit. Die Hand, die vergibt man, wenn man glaubt, es schaut was heraus: so ist's hier der Fall. Dieser Herr von Ramsamperl wird nicht ausgeschlagen, wenn er mich wählt, – daß er mich wählt, daran werden Sie wohl nicht zweifeln, ich bitt' Sie, wenn Sie diese Reize betrachten.

Semmelschmarn Ich bitte –

Rosa Was schauen S' denn so trutzig, wenn ich von meinen Reizen red'? Werden S' gleich lachen, mit'n G'sicht, Sie gelehrt's Mannerl übereinander!

Semmelschmarn (immer mehr verlegen) O, ich bitte –

Rosa Kurzum, die andern Schönheiten müssen alle zurück, wenn ich komm', und ich werd' die Frau von Ramsamperl. So viel von meiner Hand. Was das Herz anbelangt, da wär' ein ganzes Buch darüber zu schreiben.

Ramsamperl (für sich) So?

Rosa Es war ein junger Mann heut' früh bei uns im Haus, ein Mann – (sie seufzt) ihn zu beschreiben, davor erlahmt die kühnste Phantasie. Gewachsen wie ein ß, alt ungefähr etwas über siebzehn Jahr', einen etwas naiven Zug im Gesicht, einem andern stünd' dieser Zug dumm, aber ihm steht er prächtig. Dieser Mann hat einen Eindruck auf mein Herz gemacht, der über alle Eindrücke erhaben ist. Sein bleibt dieses Herz, auf ewig grad nicht, denn der Mensch muß nichts verreden, aber auf lange. Sie sind ein gescheiter Mann, ein vernünftiger, ein diskreter Mann –

Semmelschmarn Ich bitte –

Rosa Sie werden die Güte haben, mein' Postillon d'amour zu machen, werden ihm dann und wann ein Brieferl von mir zustecken und mir dann und wann von ihm ein detto mit Obers in die Hände spielen. Zur Belohnung werde ich mir nachher bisweilen Zeit nehmen, auch Ihnen ein wenig das Goderl zu kratzen oder Ihnen bei besonderen Fällen sogar eine kleine Gattung von Busserl z' applizieren, wo Sie wohl auch keinen Spott darauf legen werden.

Semmelschmarn O, ich bitte –

Rosa Vielleicht, daß späterhin auch noch andere Schmachter ihre Blicke auf mich werfen –

Ramsamperl (für sich, aber etwas laut) Verdammte Veränderung!

Rosa Wer ist da? Wer hat die Keckheit, zu horchen? (Springt auf.)

Ramsamperl Soeben bin ich eingetreten.

Rosa (sehr freundlich) Ah, Sie sind's! – Keine Regel ohne Ausnahme – ich entferne mich jetzt ein wenig; der gefühlvolle Diskurs hat mich angegriffen, ich muß Erholung in einer schattigen Laube suchen; daß Sie sich ja nicht unterstehen, mich zu überraschen, verstehen Sie mich – ja nicht unterstehen! (Durch die Mitte ab.)

Zehnte Szene

Ramsamperl, Semmelschmarn

Ramsamperl (wütend) Zauberer! Jetzt machen S' Ihnen auf was g'faßt, jetzt hat der Respekt ein End'!

Semmelschmarn (ängstlich) Was wollen Sie denn?

Ramsamperl Die Schläg' hat noch kein Zauberer kriegt.

Semmelschmarn Sie werden doch nicht –

Ramsamperl Ihnen auf Karbonadeln zusammenhauen. Wie haben Sie mir das Mädel verwandelt?

Semmelschmarn Ich weiß selbst nicht, wie –

Ramsamperl Sie wissen gar nichts, drum sollen S' Ihnen auch für kein' Gelehrten ausgeben. Ich such' mir nur was – (sucht im Zimmer herum.)

Semmelschmarn (furchtsam) Unterstehn Sie sich nicht! Ich wollte das Mädchen zur geistreichen Dame machen.

Ramsamperl So? Das wär' eine geistreiche Dame? Eine abscheuliche Kokette haben Sie aus ihr gemacht.

Semmelschmarn Ich hab' in der Geschwindigkeit ein unrechtes Nagerl erwischt.

Ramsamperl O, Sie zerstreuter Zauberer, g'freu'n S' Ihnen!

Semmelschmarn Das andere Nagerl, welches im selben Behältnis liegt, hätte sicher die gewünschte Wirkung hervorgebracht.

Ramsamperl Werden Sie's jetzt austauschen an der Stell'?

Semmelschmarn Ja, es –

Ramsamperl Keine Umständ' g'macht! G'schwind, laufen S' ihr nach, Sie nehmen ihr das Nagerl weg und geben ihr das andere.

Semmelschmarn Das geht nicht.

Ramsamperl Nicht geht's?

Semmelschmarn Sie muß selbst aus freiem Antrieb das Nagerl von sich werfen, dann erst darf ich ihr das andere geben.

Ramsamperl Nein, was Sie für Konfusionen anfangen, das ist schrecklich.

Semmelschmarn Beruhigen Sie sich! Wenn beim Feste der verkleidete Kappenstiefel sie wirklich wählt, wird vielleicht dennoch ihr Herz die Oberhand gewinnen, und sie wird, eh' sie einen solchen Dümmling zum Gatten nimmt, eingedenk der Neigung ihres Herzens durch Wegwerfung des Nagerls aller ihrer Pracht entsagen. Das mag Ihnen dann der schönste Beweis ihrer Liebe sein.

Ramsamperl Ja, vielleicht, und vielleicht dennoch – wenn sie's aber nicht tut?

Semmelschmarn Dann haben Sie nichts an ihr verloren.

Ramsamperl O, hören S' auf! 's Madel ist sauber, und an ihren Fehlern sind Sie schuld; Sie sind ein –

Semmelschmarn (schnell) Was?

Ramsamperl Ein –

Semmelschmarn Keine Beleidigung, sonst geb' ich das andere Nagerl nicht her. Was bin ich?

Ramsamperl Ein gelehrter Mann hab' ich sagen wollen. (Für sich.) Wir reden schon noch miteinander, wenn alles vorbei ist.

Elfte Szene

Die Vorigen; Maxenpfutsch

Maxenpfutsch (etwas benebelt) Das ist eine schöne G'schicht'! Ich hab' einen Plan –

Semmelschmarn Sie sind ganz echauffiert, was ist denn geschehn?

Maxenpfutsch Ich hab' einen Plan –

Ramsamperl Das haben wir jetzt schon einigemal gehört.

Maxenpfutsch Vor allem müssen Sie wissen, daß ich der Oberkellermeister bin.

Ramsamperl und Semmelschmarn (verneigen sich) Ah!

Maxenpfutsch Das hat aber gar keinen Bezug auf meinen Plan.

Ramsamperl Wollen Sie also herausrucken mit der Farb'?

Maxenpfutsch Was Farb'! Glauben Sie, ich mach's wie die Wirt' und färb' mein' Wein?

Semmelschmarn Aber der Plan?

Maxenpfutsch Der Wein muß naturfarb sein, und die Natur ist weinfarb.

Semmelschmarn Wollen Sie uns nun zu wissen tun –

Maxenpfutsch Was meinen Plan anbetrifft? Sehen Sie, es sind so viele Frauenzimmer hier im Schloß, das scheniert mich.

Semmelschmarn Ach, ich begreife.

Maxenpfutsch Ich selbst mache keine Ansprüche auf Ramsamperls Hand, sondern es handelt sich nur von wegen meinen Töchtern, die sind voller Ansprüche.

Ramsamperl Das sieht man ihnen an.

Maxenpfutsch Still, vorlauter Knabe!

Ramsamperl Sie verstehen meine Worte unrecht.

Maxenpfutsch Ich versteh' gar nichts, nur Anspielungen leid' ich nicht auf meine Töchter – versteht Er, Anspielungen.

Ramsamperl Ihre Töchter sind wahre Engel.

Maxenpfutsch Das geht Ihn auch wieder nichts an. (Zu Semmelschmarn.) Es ist eine fremde Personage hier, kein Mensch weiß, woher sie ist.

Ramsamperl (für sich, aber etwas laut) Sie ist's, meine Auserwählte!

Maxenpfutsch Was hat Er gesagt?

Ramsamperl Ich kenn' sie.

Maxenpfutsch Jetzt will der s' kennen, kenn' ich s' nicht einmal. Sie ist grad wie aus den Wolken gefallen.

Ramsamperl So was dergleichen.

Maxenpfutsch Sie will, hab' ich g'hört, durch ihr Tanzen Seiner Herrlichkeit den Kopf verrucken, und das Tanzen wirkt, wie sie wissen, ungeheuer auf die Männer.

Ramsamperl Das glaub' ich. Was wollen Sie aber machen?

Maxenpfutsch Meine Töchter können alles, nur tanzen nicht, die eine wegen Hühneraugen, die andere wegen Wadelkrampf.

Ramsamperl Das ist sehr fatal.

Maxenpfutsch Daher muß diese Person - sehen Sie, das ist eigentlich mein Plan – daher muß sie verdunkelt werden mit ihrer Tanzerei, und zwar von Tänzerinnen, die sich gewaschen haben, die keine Ansprüche machen können auf die Hand Seiner Herrlichkeit.

Ramsamperl Das ist sehr pfiffig ausstudiert.

Maxenpfutsch Jetzt hab' ich zu drei Tänzerinnen herumgeschickt, und das Malheur, keine kann sich heut' produzieren; eine hat sich die rechte Fersen auskögelt, die andere hat eine Heisrigkeit im linken Knie und die dritte hat ihr Liebhaber g'haut, daß sie nicht stehen kann.

Semmelschmarn Was ist nun zu tun?

Maxenpfutsch Wir zwei, (zu Semmelschmarn) ich und Sie, wir stellen die Tänzerinnen vor, und (auf Ramsamperl) der auch. Wir drei werden doch besser tanzen als sie allein.

Ramsamperl Warum nicht gar!

Maxenpfutsch Er wird gar nicht g'fragt, Er muß. Gehn wir nur geschwind, denn das Fest wird gleich losgehn, das Fest!

Semmelschmarn (leise zu Ramsamperl) Weigern Sie sich nicht!

Ramsamperl Ich kann nicht. Was fallt Ihnen ein! Wann mich wer von meine Leut' erkennt!

Semmelschmarn Ich will Ihre Gesichtszüge verzaubern.

Ramsamperl O, ich bitt' Ihnen, hören S' mit'n Zaubern auf!

Semmelschmarn Sie sollen ganz unkenntlich sein. Auch erfordert es der Ruhm Ihrer Geliebten, daß sie nicht verdunkelt werde. Wir werden sie nicht in Schatten stellen, leicht aber andere Tänzerinnen, die der Alte am Ende doch noch auftreiben könnte.

Maxenpfutsch Was reden S' ihm denn so lang zu, es ist nicht der Müh' wert. (Er hängt sich in seiner Begeisterung in Ramsamperl ein, den er für Semmelschmarn hält.) Wir zwei wollen, und (auf Semmelschmarn) der Bursch', der wird gar nicht gefragt, der muß. Kommen Sie nur, Herr von Semmelschmarn, kommen Sie! (Er geht mit Ramsamperl ab, Semmelschmarn folgt.)

Verwandlung

Prächtiger Saal mit einem erhöhten Sitze für Kappenstiefel rechts im Vordergrunde

Zwölfte Szene

Ein feierlicher Marsch beginnt, Dienerschaft Ramsamperls und Pagen eröffnen den Zug, darauf folgen die Herren und Damen, unter ihnen Hyacinthe, Bella und Rosa; zuletzt erscheint, von Dienerschaft umgeben, Kappenstiefel.

(Während dieses Einzugsmarsches wird folgender Chor gesungen.)

Chor der Herren und Damen
Heute wird Ramsamperl wählen,
Die am lieblichsten ihm scheint;
Alle wird ein Wunsch beseelen,
Gern wär' jede ihm vereint.
Singt im voraus Jubellieder
Jener, welche trifft die Wahl,
Bald ertönt die Halle wieder
Von des Hochzeitsfestes Schall.

(Am Schlusse des Chors, wie Kappenstiefel sich den Stufen seines Sitzes naht, erschallt eine Intrade. Er stolpert die Stufen hinauf und setzt sich.)

Rezitativ

Kappenstiefel
Heute ist, daß ich Ihnen sag',
Ein außerordentlicher Tag!
Ein Mann ohne Weib ist ein Strumpf ohne Zwickel,
Drum wähl' ich mir heut' einen Eh'standspartikel.
Nun höret, ihr Schönen, und spitzet das Ohr,
Das weitere tragt euch der Dingsda – wie sagt
man denn g'schwind? – der Herold hier vor.

Pianissimo (tritt nach geendigtem Rezitativ vor und singt)
Tratata! Tratata! Tratata! Ta!
Der wichtige Augenblick, er ist nun da!
Trumtumtum! Trumtumtum! Trumtumtum!
Ruhig, jetzt geht's nach der Reihe herum.
Schnedrigeng! Schnedrigeng! Schnedrigengengengeng!
Die Geschickteste; die macht ein Glück, sag' ich eng.
Tratata! Drididi! Tratititi!
Ramsamperl erwählet zur Gattin nur sie.
Trrrrrrrrrrrrrrrrbum! (Er nähert sich Hyacinthen.)
Die erste, die sich produziert,
Ist dieses Fräulein hier,
Rouladen, daß ein'm übel wird,
Hört ihr sogleich von ihr!

(Hyacinthe tritt, währendem die Musik in das Ritornell einer Arie übergeht, mit dem Herold vor, sagt ihm etwas ins Ohr und geht darauf an ihren vorigen Platz zurück.)

Pianissimo
Dem Fräulein ist unendlich leid,
Sie hat a starke Heisrigkeit,
Doch daß ihr alle dennoch wißt,
Ihr' Stimm' g'hört, auf'n Mittelpreis nur ang'schlag'n,
zum Schönsten, was zu hören ist.

Chor (leise)
Die wählt Ramsamperl nicht,
Seht, er macht ein Gesicht.

Pianissimo (führt ein anderes Fräulein vor)
Das Fräulein, Sapprawalt hinein,
Wird doch vielleicht bei Stimme sein.

(Das Ritornell beginnt.)

Das Fräulein (singt in sehr einfacher Weise)
Gar leicht ist's, durch Gesang zu rühren,
So sagt man, doch mein Herz schlägt bang;
Ich wag's nicht, Großes auszuführen,
Ganz einfach nur sei mein Gesang!
(Von hier an wird der Gesang übertrieben mit Rouladen verziert.)
Heftig in Liebesschmerz
Pocht eines Mädchens Herz,
Tränen im Angesicht,
Zagend die Stimme bricht.
Plötzlich die Hoffnung lacht,
Schimmernd winkt Glanz und Pracht,
Jüngling vom Zauberland,
Du reichst ihr deine Hand.

(Sie verneigt sich und geht an ihren vorigen Platz.)

Kappenstiefel
Welch holder, lieblicher Klang,
Wie einfach war der Gesang!

Chor (leise)
Die scheint ihm zu gefallen,
Er lobt sie laut vor allen.

Pianissimo (hat Bella vorgeführt)
Nun wird sich diese produzieren,
Sie wird etwas improvisieren.

Kappenstiefel
Was wird sie? Ich versteh' nit – was?

Pianissimo
Improvisier'n.

Kappenstiefel
Was ist denn das?

Pianissimo
Sie deklamiert, der liebe Narr,
Und spielt dazu auf der Gitarr'.

(Einige Pizzicato-Akkorde im Orchester.)

Bella (spricht)
Auf einer Burg war Saus und Braus,
Drei Reiter sprengten zum Tore hinaus.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Es reiten drei Schneider zum Tor hinaus, schnappauf.«) (Sie spricht.)

Es herrschten drei Feen darin,
Die jedem verwirrten den Sinn.

(Das Orchester spielt die Melodie: »D'Mariandl ist so gut, d'Mariandl ist so lieb.«) (Sie spricht.)

Doch hörten sie jeglichen allgemach,
Und jede sodann die Treue brach.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Wann i schon ein' Schatz möcht', müßt's ein andrer sein.«) (Sie spricht.)

Da sprengten sie fort in Todesgedanken,
Bis des Abendrots letzte Schimmer versanken.

(Das Orchester spielt die gewöhnliche Nachtwächtermelodie: »Alle meine Herrn, laß's eng sagen.«) (Sie spricht.)

Und wie die drei Ritter so reiten im Schwülen,
Begannen sie grimmigen Durst zu fühlen.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Wer niemals einen Rausch gehabt –«) (Sie spricht.)

Auf einmal eine Burg sich zeigt,
Die gastlich herunter ins Tal sich neigt.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Ins Wirtshäusl, ins Wirtshäusl, mein lieber Papa!«) (Sie spricht.)

Sie sprengten hinein in das offene Tor,
Und der Burgherr trat drauf mit drei Töchtern hervor.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Im Armstädter Stadtl, da gibt's schöne Madl.«) (Sie spricht.)

Der Burggraf ordnet ein prächtiges Mahl
Und führet die Damen und Herrn in den Saal.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Herein, ihr Herrn und Damen.«) (Sie spricht.)

Die Ritter saßen bleich, stumm und verworren,
Sie hatten ja Gold und Geliebte verloren.

(Das Orchester spielt die Melodie: »O du lieber Augustin, 's Geld ist hin –«) (Sie spricht.)

Doch wie der Wein rasch hinunterfließt,
Auch jeder gar schnell seinen Kummer vergißt.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Fahre hin, du Flattersinn, denke nicht mehr dran.«) (Sie spricht.)

Es wässert den Rittern nach Liebe der Mund,
Und bald war geschlossen der trauliche Bund.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Wann d'Lieserl nur wollt' und d'Lieserl nur möcht'.«) (Sie spricht.)

So leicht vergißt ein Männerherz
Betrogner Liebe bitt'ren Schmerz.

(Das Orchester spielt die Melodie: »Vergessen ist schön, und es ist gar nicht schwer.«) (Sie spricht.)

Laut schallt am Vermählungstag das Lebehoch,
Und wenn sie nicht tot sind, so leben sie noch!

(Das Orchester spielt einen Tusch mit Trompeten und Pauken.)

(Die Musik des Finale geht weiter.)

Kappenstiefel
Ah, das war ganz scharmant!

Chor
Scharmant! Scharmant!
(Leise.) Die erhält seine Hand!

Pianissimo (Rosa vorführend)
Nun wird es diese Dame wagen.

Kappenstiefel
Was laßt sie hören? Darf man fragen?

Pianissimo
Sie produziert uns eine Miskulanz,
Teils von Gesang und teils von Tanz.

Rosa (tritt vor, ein Tamburin in der Hand. Die Musik ist hier romanzenartig charakterisiert)
Es herrscht schon lange Zeit
In Städten Eitelkeit;
Doch auf dem Land war nur
Einfachheit und Natur.

(Sie singt eine liebliche Jodlermelodie und führt dabei einfache, aber graziöse Attituden aus.)

Nun ist es, wie bekannt,
Anders auch auf dem Land.
Koketterie atmet ganz
jetzt auch der ländliche Tanz.

(Sie singt die vorige Jodlermelodie, jedoch mit mehr Verzierung, und macht einige Attituden auf eine brillantere Weise.)

Kappenstiefel (am Schlusse entzückt aufspringend)
Holder Schatz, wie ist dein Nam'?
Wir zwei bleiben schon beisamm'!
Wie ein Wachter schrei' ich's laut:
Die da, die wird meine Braut!

(Allgemeine Bewegung.)

Chor
Er hat gewählt, er hat gewählt,
Ja, diese wird mit ihm vermählt.

Rosa (Kappenstiefel betrachtend)
Sie also führen die Braut nach Haus?

Kappenstiefel (sich ihr präsentierend)
Ja, holdes Kind, so schaut er aus!

Rosa (für sich)
Nein, dem Tölpel ohnegleichen
Kann die Hand ich nimmer reichen;
Es zieht liebend ja mein Sinn
Mich zu einem andern hin.

Kappenstiefel
Schatz, warum besinnst du dich? (Als sie ihn nicht ansieht.)
Jetzt verliebt sie sich in mich.

Rosa (nimmt das Nagerl, welches sie trägt)
Fort mit dir, das mich verwirrt,
Nagerl, du hast mich verführt!

(Sie wirft das Nagerl weg und entflieht. Donnerschlag. Die Musik hört auf.)

Alle Anwesenden
Ha, was ist das? Sie flieht das Glück!

Kappenstiefel
Lauft nach und bringt sie mir zurück!

Pianissimo
Nein, die ist dumm! Die ist nicht wert –
(Erblickt einen Handschuh auf dem Boden.)
Da liegt ihr Handschuh auf der Erd'.

Kappenstiefel (hastig ihm den Handschuh aus der Hand nehmend und an sein Herz drückend)
Komm, teures Unterpfand, nimm diesen Kuß!
(Wehmütig den Handschuh betrachtend.)
Da kann man sehen, welch ein kleiner Fuß!
(Er hängt den Handschuh um den Hals.)

Pianissimo
Seid, Herrlichkeit, doch klug,
Es gibt noch Mädeln g'nug!
Das bissel Singen, was liegt dran,
's gibt manche, die's noch besser kann.

Kappenstiefel (in den Anblick des Handschuhs versunken)
Handschuh, ach, du mein' einzige Freud'!

Pianissimo
Hört auf und schamt Euch vor die Leut'!

Chor (leise)
Gut, daß sie fort ist, das ist g'scheit.

Pianissimo (in die Kulisse zeigend, zu Kappenstiefel)
Seht, dort die Schönen, welche Pracht!
Die sind ganz anders, gebt nur acht!

(Eine liebliche, fröhliche Musik geht in ein Maestoso über. Maxenpfutsch, Semmelschmarn und Ramsamperl, idealisch gekleidet, hüpfen mit Blumenkränzen herein; hierauf machen sie verschiedene Gruppierungen.)

Chor (fällt gegen Ende ein)
Ach, wie unvergleichlich schön!
So was hat man nie gesehn!

Der Vorhang fällt.

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