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Nagerl und Handschuh

Johann Nestroy: Nagerl und Handschuh - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
authorJohann Nestroy
titleNagerl und Handschuh
booktitleJohann Nestroy Komödien - Ausgabe in sechs Bänden
publisherInsel Verlag
year 1979
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderSven und Doris Kaiser
created20080410
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Erster Akt

Zimmer in Maxenpfutschs Hause mit Mittel- und Seitentüren, links im Vordergrunde ein Tisch, an welchem Hyacinthe und Bella sitzen und sich mit der Musterung von Spitzen, Blumen, Bändern usw. beschäftigen, rechts ein Kamin, an welchem Rosa sitzt und Kaffee bereitet; nicht weit vom Kamin ein Ruhebett.

Erste Szene

Hyacinthe, Rosa, Bella

Rosa (gleich nach beendigter Ouvertüre beginnt das Ritornell des folgenden Liedes)

Lied
1.
Wann 's Militär vorbeimarschiert,
Mir's Herzerl allweil klopfet wird.
Tschinatra! Tschinatra! Tschinatra! Bum!
Ein heimlich Sehnen macht mich völlig dumm!
2.
D' Mannsbilder sein so übel nit,
Aber die Herrschaft leid't 's halt nit.
Tschinatra! Tschinatra! Tschinatra! Bum!
Erlöset mich einer, ich gäbet was drum.

Hyacinthe Wirst still sein? Ich hab' dir's schon tausendmal g'sagt.

Bella Das Lied ist mir zuwiderer, als wenn ich den Alfredmarsch auf an' Werkel hör'.

Rosa Aber das Lied ist meine einzige Freud'.

Hyacinthe Ihre einzige Freud', das ist eine Keckheit ohnegleichen. Du bist unsere Gschlavin, du brauchst gar keine Freud'.

Bella Eine Freud' will sie haben, ein Dienstbot! Ich möcht' wissen, zu was die eine Freud' brauchen könnt'.

Rosa O, die Dienstboten brauchen auch ihre Freuden.

Hyacinthe Ruhig!

Rosa (erschrocken) Ich bin schon still.

Hyacinthe Ist mein Negligé geputzt?

Rosa Seit gestern ist es schon gewaschen.

Hyacinthe Was g'waschen! Ob's g'stärkt ist, will ich wissen, das ist die Hauptsach' bei jetziger Zeit.

Bella Echauffiere dich nicht, Schwester!

Hyacinthe Faules Ding übereinander! Man ist g'wachsen wie ein Engel, und ihrer Nachlässigkeit hat man's zu verdanken, wenn man ausschaut wie ein Kleiderstock. (Zu Bella.) Sag' mir nur, Schwester, wie hab' ich mich gestern ausgenommen in dem rosenfarben Kleid? (Es wird geklopft.)

Bella Es klopft jemand.

Hyacinthe (für sich) Das ist gewiß der, der mir gestern nach' gangen ist.

Bella (für sich) Das ist ohne Zweifel eine Post von dem, der schon vierundzwanzig Stunden am Eck' drüben lehnt. (Es wird wieder geklopft.)

Beide (zu Rosa) Ob du aufmachen wirst!

Rosa Ich kann nicht, es lauft mir der Kaffeesud ins Feuer.

Hyacinthe Schon wieder eine Ausred'! Gleich mach' auf, oder –

Rosa (läuft zur Türe und öffnet)

Zweite Szene

Die Vorigen, Semmelschmarn

Semmelschmarn (ziemlich elegant gekleidet) Habe ich die Ehre, mit den Damen vom Hause zu sprechen?

Hyacinthe Zu dienen.

Bella Hier sind sie alle zwei. (Gegenseitige Komplimente.)

Semmelschmarn Sie befinden sich immer?

Hyacinthe So, so!

Bella Li, la!

Semmelschmarn Ein sehr schöner Tag heute.

Hyacinthe Es ist noch zu fruh, man muß erst sehn, wie er sich auswachst.

Bella Ist's nicht gefällig, Platz zu nehmen?

Hyacinthe (bringt schnell einen Stuhl)

Semmelschmarn Die Milde, die aus Ihren Augen strahlt –

Hyacinthe (leise zu Bella) Gib acht, der macht einen Heiratsantrag.

Semmelschmarn Gibt mir den Mut –

Bella (leise zu Hyacinthe) Wenn er nur reich ist!

Semmelschmarn An Ihre vortrefflichen Herzen –

Hyacinthe (leise zu Bella) Na, dem sieht man's doch an, daß er Geld hat.

Bella Mit wem haben wir denn eigentlich die Ehre zu sprechen?

Semmelschmarn Ich bin ein Bettler.

Hyacinthe Sie halten uns zum besten?

Bella Verstehst denn nicht? Die Männer verlegen sich ja alle aufs Betteln, wenn sie unsere Gunst erringen wollen.

Semmelschmarn Sie irren sich; ich komme, um eine Unterstützung zu bitten.

Hyacinthe Enden Sie jetzt den Scherz!

Bella Wir sind beide in den Jahren, wo man gern Ernst macht.

Hyacinthe So reden S' doch! Wer sind Sie denn?

Semmelschmarn Ein Bettler.

Bella Hören S' auf jetzt! Ein Bettler und der Anzug –

Semmelschmarn Es hat mich scheniert, mich in Lumpen zu kleiden; ich hab' es daher vorgezogen, ein Hausarmer zu werden.

Hyacinthe und Bella (erstaunt) Ein Hausarmer?

Semmelschmarn Ich habe früher ein Haus gehabt, und jetzt bin ich arm, folglich bin ich ein Hausarmer. Mein Wunsch ist, mir neuerdings ein Haus zu bauen, wozu ich Sie demütig um eine kleine Unterstützung bitte.

Hyacinthe Nein, das ist zu stark! Die Keckheit! Lauft einem so ein Mensch ins Zimmer herein!

Bella Hinaus, augenblicklich!

Hyacinthe 's wird nix austeilt.

Semmelschmarn Schenken Sie mir nur –

Bella Wir haben nichts zu verschenken.

Hyacinthe Als unsere Herzen und unsere Hand.

Bella Und die kriegt nur einer, der reich ist.

Hyacinthe Hinaus! Hinaus!

Semmelschmarn (will ab)

Hyacinthe und Bella (gehen zum Tische, wo sie sich wie früher mit ihren Putzgegenständen beschäftigen)

Rosa (ruft Semmelschmarn nach) Sie! – Bst! – Herr von Hausarmer!

Semmelschmarn (sich umwendend) Was willst du, Mädchen?

Rosa Bleiben S' da ein wenig!

Semmelschmarn Was kannst du mir geben?

Rosa Mögen S' ein' Kaffee?

Semmelschmarn Wie? Du bist ein Dienstbot' und traktierst mit Kaffee?

Rosa Das ist ja mein eigener Fruhstuckkaffee.

Semmelschmarn Du sparst ihn dir vom Munde ab, um ihn mir zu geben?

Rosa Die Köchin, die früher hier war, hat oft nix gegessen und alles andern Leuten gegeben – soll diese Köchin mich an Großmut übertreffen?

Semmelschmarn Gutes Herz – edle Seele! – Gib her den Kaffee!

Rosa Da trinkt und gebt's acht, daß Ihr Euch nicht überzuckt's!

Semmelschmarn Tausend Dank! (Setzt sich am Kamin und trinkt.) Noch a bissel Zucker, wenn ich bitten darf, ich trink' ihn gern süß.

Rosa Da, lieber Alter! – Und einen guten Rat geb' ich Euch noch: Wann Ihr betteln geht, so zieht's keinen so schönen Rock an, man halt't Euch sonst für reich.

Semmelschmarn Holde Unschuld! Süße Einfalt! Glaubst du denn wirklich, dieser Rock sei bezahlt?

Rosa Also nicht bezahlt?

Semmelschmarn Beim Himmel, nein! Ein schöner Rock ist noch kein Beweis, daß man Geld hat; einen Schneider zu finden, der einem aufsitzt und auf Kredit was macht, das ist die ganze Kunst.

Rosa Armer Mann, ich bedaure dich!

Semmelschmarn Bedaure den Schneider, er ist beklagenswerter noch als ich.

Hyacinthe (Semmelschmarn bemerkend) Was ist denn das? Jetzt ist er noch da!

Bella Und gut g'schehn laßt er sich's, als wann er im Kaffeehaus sitzet.

Hyacinthe (entrüstet) Entsetzlich! Unsern Kaffee trinkt er aus!

Bella Wart, Kuchelgretl, g'freu' dich!

Hyacinthe und Bella (zu Semmelschmarn) Hinaus jetzt mit ihm, augenblicklich!

Semmelschmarn Ihr unbarmherzigen Geschöpfe –

Hyacinthe Was? Geschöpf? Er impertinenter Bettler!

Bella Ihm gibt man akkurat ein Geschöpf ab!

Beide Hinaus, fort!

Semmelschmarn Weh' euch, ihr bösen Dirnen! (Ab.)

Dritte Szene

Die Vorigen; ohne Semmelschmarn

Hyacinthe (zu Rosa) Das haben wir dir wieder zu verdanken, du kecke Personage! (Setzt sich erzürnt.)

Bella Solches Volk zügelt sie uns herein! (Setzt sich.) Verschenkt unsern Kaffee!

Beide Na wart', wir bringen dir's schon ein. (Stehen auf und wollen über Rosa herfallen, welche schreit.)

Vierte Szene

Die Vorigen; Maxenpfutsch

Maxenpfutsch (kommt im Schlafrock aus der Seitentüre links) Aber Töchterln! Töchterln! Was tut's denn? Was is denn das für ein G'säuß?

Hyacinthe O Papa, wir haben uns heut' schon geärgert.

Maxenpfutsch Hat euch wieder ein Liebhaber plantiert?

Bella O nein!

Maxenpfutsch Da müßt's euch auch nimmer zürnen drüber; was alle Tag g'schieht, das macht die Gewohnheit erträglich.

Hyacinthe (beleidigt) Der Papa redt't heute wieder daher, als wenn er nicht ausg'schlafen hätt'.

Maxenpfutsch Ja, ausg'schlafen hab' ich richtig nicht. Mir hat um halber Zwölfe von meine Schulden träumt, da bin ich um Mitternacht aufg'wacht; da bin ich nachher ins Rechnen kommen, und da hat's dreiviertel auf Sieben g'schlagen, eh' ich noch mit eure Marchandmodkonto fertig war.

Hyacinthe (traurig) O, die Marchandmod, das wäre noch das Geringste, aber der Schneider – der Schneider!

Bella (mit einem tiefen Seufzer) Wie viel betragt er denn im ganzen?

Maxenpfutsch Kinder, das rechn' ich gar nicht mehr zusamm'. Er wird mit einem Pauschquantum abgefertigt; jetzt kriegt er nix, derweil gehn wir ganz zugrund, dann kriegt er gar nix, und so ist die Sach' im Weg der Ausgleichung beigelegt.

Hyacinthe Also so steht's mit uns, und die Kuchelgretl untersteht sich und laßt ein' Bettler herein.

Maxenpfutsch Was? Na, das ging' mir noch ab, so ein Volk könnt' ich brauchen, was da bettelt; wenn's finster wird, geh' ich selber.

Bella So arg steht's doch nicht mit uns, Vater?

Maxenpfutsch Was nicht ist, kann werden – Zeit bringt Rosen. (Zu Rosa.) Aber du laßt mir keinen Bettler mehr herein, ich gib nix. Ich tu' selber den ganzen Tag nix, ich wüßt' nit, warum ich den Müßiggang unterstützen sollt'. – Jetzt den Kaffee her, g'schwind, 's Fruhstucken geht vor allem.

Hyacinthe Ich kann nicht frühstücken, ich bin heut' viel zu ärgerlich.

Maxenpfutsch Warum nicht gar! Wenn du dich giften willst, so tu's nach'n Fruhstuck, aber nicht auf nüchternen Magen, sonst tritt dir die Gall' aus, nachher bist grün den ganzen Tag, und der Parfümeur schickt ohnedem kein' Rouge mehr herüber. (Setzt sich.)

(Rosa serviert Kaffee.)

Hyacinthe und Bella (heftig) Kein' Rouge? No, das wär' nicht übel!

Maxenpfutsch Er sagt, bis der andere bezahlt ist.

Hyacinthe Ah, das ist stark!

(Beide setzen sich unwillig zum Kaffee.)

Maxenpfutsch Die Leut' glauben grad, wenn man ihnen was schuldig ist, man soll's nur bezahlen.

Hyacinthe Das ist impertinent.

Maxenpfutsch Bella, nimm nit so viel Zucker.

Bella Na, zuckern werd' ich doch nach Gusto dürfen? Ist dem Papa da auch schon leid drum?

Maxenpfutsch Nein, Bella, es ist nicht z'wegen deßtweg'n, aber du ruinierst dir die Zähn', und da schau'n die Mannsbilder weiter nit drauf.

Bella O, unsere Zähne sind gut genug.

Maxenpfutsch Hast recht, Töchterl! Hätten lieber die Mannsbilder bessere Zähn', daß s' anbeißeten, wie es sich g'hört.

Bella O, anbeißen tun genug.

Maxenpfutsch Aber ganz verspeisen mag euch halt keiner, und ihr seid's doch saubere Bröckerln.

Hyacinthe Das wissen wir, aber die Zuwag' schreckt ein' jeden ab.

Maxenpfutsch Was für eine Zuwag'?

Hyacinthe Dem Papa seine Schulden, die unser Bräutigam zahlen soll.

Maxenpfutsch Hab' ich die Schulden nicht bloß gemacht, um euch auf'n Glanz herzustellen? Hab' ich nicht alles darauf verwend't?

Hyacinthe Unsere Schuld ist es einmal nicht, daß wir sitzen bleiben.

Bella Wir laufen, glaub' ich, genug herum in der elenden Welt.

Maxenpfutsch Ihr versteht's nicht, die Männer zu fesseln; da liegt der Hund begraben. Wenn euch einer nachgeht, so sagt's gleich: er soll uns besuchen. Ist das eine Art, eine Manier? Da sagt man: der Vater leid't's nit, er schlaget uns tot, wenn er was merkt – da attackieren sich hernach die jungen Herren. Aber ihr bind't's ja gleich jedem auf d'Nasen, daß ich Gott danket, wenn sich was z'samm'bandeln tät'. - So fesselt man keinen.

(Es wird stark geläutet.)

Maxenpfutsch Es läut't wer. Küchengretl, sag', es ist niemand z'Haus, und sperr' geschwind alle Türen zu, es wird ein Gläubiger sein.

Hyacinthe Wenn's aber ein Anbeter von uns wär'!

Maxenpfutsch Ach, das kenn' ich gleich am Läuten. Ein Anbeter von euch läutet bei weitem nicht so ungeduldig an als wie ein Gläubiger von mir.

Bella (horchend) Er ist schon heroben, die Tür war offen.

Maxenpfutsch Da haben wir den Teuxel! Wenn einen das Volk Kaffee trinken sieht, ist's gar aus.

Fünfte Szene

Die Vorigen; Ein Lakai Ramsamperls

Lakai Hab' ich die Ehre, den Herrn von Maxenpfutsch zu sprechen?

Maxenpfutsch Sie haben die Ehr', mit mir zu sprechen, ich hab' aber nicht das Geld, Ihnen zu antworten. Sie kommen vermutlich mit einer Forderung?

Lakai Euer Wohledlen scherzen. Ich bin ein Diener des Herrn von Ramsamperl, und mein Auftrag ist, Dieselben samt den Fräulein Töchtern auf heute zu einem großen Feste in seinem Palaste zu laden.

Maxenpfutsch O, ich bitte, Platz zu nehmen.

Lakai Das würde einem Diener nicht geziemen.

Maxenpfutsch Ja, richtig. (Mit etwas Stolz.) Aber sag' Er mir, mein Freund, wie komm' ich zu der unschätzbaren Gnad'?

Lakai Der Erzieher meines Herrn wird in wenig Minuten erscheinen und Ihnen hierüber Aufschluß geben. (Verneigt sich und will fort.)

Hyacinthe Wart' Er noch einen Augenblick, Freund! (Leise zu ihrem Vater.) Wir müssen ihm ein Trinkgeld geben, sonst richtet er uns aus.

Maxenpfutsch Ich hab' nichts bei mir.

Bella So hol' der Papa Geld aus der Kassa.

Maxenpfutsch Da hab' ich auch nichts.

Hyacinthe Ah, das ist eine Schand' ohnegleichen.

Maxenpfutsch Warum denn? Der Mensch scheint Bildung zu haben; man könnt' ihn nur beleidigen mit einem Trinkgeld.

Hyacinthe Ja, was sagen wir denn?

Maxenpfutsch Was man immer sagt, wenn man einem Bedienten nix gibt. Es ist schon gut.

Hyacinthe (laut zum Lakai) Es ist schon gut.

Bella Melde Er unsern tiefsten Respekt!

Maxenpfutsch Apropos, um wieviel Uhr wird die Tafel serviert?

Lakai Um drei Uhr.

Maxenpfutsch Wir werden pünktlich erscheinen.

Lakai (verneigt sich und geht ab)

Sechste Szene

Die Vorigen ohne den Lakai

Maxenpfutsch Madeln! Madeln! Das kann was werden! Ich bitt' euch um alles in der Welt, nehmt's euch zusammen, heute ist eine Gelegenheit. Mich trifft der Schlag vor Freuden.

Hyacinthe Küchengretl! Die Ballanzüge werden in mein Zimmer gebracht, damit ich den schönsten auswähle.

Bella Meine Spitzen, meine Braceletten, meine Schuhe – ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht.

Hyacinthe Die Mandelkleien –

Maxenpfutsch Ja, habt's recht, schaut's, daß schöne Händ' kriegt's. Töchter! Geliebte Töchter! Vielleicht krieg' ich heut' eine los von euch – vielleicht alle zwei! O, ich glücklicher Vater! Mir ist nicht anders ums Herz, als wie einem Kaufmann, der auf einmal all seine War' anbringt. In meine Arme! (Umarmt beide heftig.) Küchengretl, meinen Galarock! Ich fall' vor Entzücken in die schreiende Frais! (Stürzt durch die Seitentüre links ab. Die Töchter haben eiligst ihre Putzsachen, welche, als der Kaffee serviert wurde, auf einen Stuhl gelegt wurden zusammengerafft und eilen durch die Seitentüre rechts ab; Rosa folgt.)

Siebente Szene

Ramsamperl (tritt während eines ziemlich lebhaften Ritornells, als Stallmeister verkleid't, etwas verstört ein)

Ramsamperl

1.
Das Heiraten ist gar a bedenkliche Sach',
Besonders wenn einer nicht häuslich sein mag.
Ich blieb' so gern ledig, mir g'fallt dieser Stand,
Ich verlang' mir kein Stückel von so festem Band;
Und mein Vater verordnet's in sein' Testament,
Na, das ist a schöne G'schicht, Mordfickerment!
2.
Sich binden auf ewig in Gall' und Verdruß,
So was ist auf Ehre die härteste Nuß,
Ich geh' noch eh' durch, eh' ich eine erwähl',
Verlass' mein' Palast und friß Nockerln von Mehl.
Ich mag nicht eine einz'ge vom schönen G'schlecht,
Aber alle zusammen, die g'fielen mir recht,
3.
's lobt mancher sein häusliches Glück, was er nur kann,
Und unglücklich fühlt sich manch anderer Mann.
Oft rennt einer blindlings in sein Schicksal hinein
Und glaubt, er wird grad wie im Himmel dann sein.
Was find't er dann ob'n auf dem Gipfel des Glücks?
Von allen den schönen Erwartungen nix.

Die Mädeln sind schön, die wilden ausgenommen, das kann ihnen kein Mensch abstreiten. Die Mädeln sind gut, wenigstens so lang, bis sie einen fest in den Kramperln haben. Die Mädeln sind auch treu – ich weiß alle diese herrlichen Eigenschaften zu würdigen, aber 's tut's nicht, es langt nicht aus, ich bring's doch nicht übers Herz, mich auf ewig zu verbinden. Bezaubert mich von einer der schmachtende Blick, mit dem sie den Geliebten fragt: »Wann kommst du heute?« so seh' ich gleich den Blick, mit dem sie einst als Frau ihren Mann fragt, wenn er nach Hause kommt: »Wo warst du so lang?« – Ja, so was brächt' mich um. Entzückt mich einen schwanenweißer Arm, den eine sehnsuchtsvoll dem Geliebten entgegenstreckt, so seh' ich schon im Geist, wie dieser schwanenweiße Arm über den Gatten den Pantoffel schwingt. – O hinweg, ihr schrecklichen Bilder! So was macht einem eiskalt! – Ja, wenn ich eine finden könnt', die so wie am ersten Tag der Liebe auch als Frau blieb', durch zwanzig Jahr' oder durch acht Tag' – aber nein! Keine bleibt sich gleich, und wär's auch der Fall, so blieb' ich mir wieder nicht gleich, o, nicht eine Stund'! Bei der Liebeserklärung schon muß ich auf eine andere kokettieren. Ich weiß nicht, was das ist, aber es ist halt so. Ich weiß überhaupt gar nicht, was ich will, aber so geht's uns Männern, wir sind uns selbst ein Rätsel, und so machen wir unerfahrenen Geschöpfe G'schichten und G'schichten, daß man die Geduld verlieren möcht'.

Achte Szene

Der Vorige; Semmelschmarn

Semmelschmarn (als Erzieher gekleidet, mit stattlicher Perücke) Sie sind in Gedanken, teurer Zögling, worauf studieren Sie denn?

Ramsamperl Auf eine Variation über das Thema: »Die verdammten Heiraten stechen wie die Fischgraten.«

Semmelschmarn Wie? Noch immer dieselbe Abneigung vor der Ehe?

Ramsamperl Ja, ich hasse die Eh' wie vor und eh'.

Semmelschmarn Sind das die Früchte meiner Lehren, die Früchte meiner Erziehung?

Ramsamperl Die Früchte sind reif geworden, und wenn die Früchte reif sind, da beutelt man s' ab.

Semmelschmarn Weh' Ihnen, entarteter Sohn eines trefflichen Vaters, weh' Ihnen! Sie sind anders geworden als er!

Ramsamperl Aber sagen Sie selbst –

Semmelschmarn Fort! Sie sind ein leichtsinniger, ausgearteter Mensch!

Ramsamperl (sinkt ihm an den Hals) O mein Erzieher!

Semmelschmarn Wenn Sie sich nicht bessern, dann weh', weh' über Sie!

Ramsamperl Ich bitt' Ihnen, hören S' auf, das ewige Weh' kann ich nicht leiden. Wie ich klein war, haben S' mir ein' Schilling geben, da hab' ich wehgeschrien, jetzt bin ich groß, da schreien Sie allweil weh'! Das ist die ganze Erziehung.

Semmelschmarn Sie zu bessern gibt es nur ein Mittel, gebrauchen Sie es, sonst gebrauch' ich meine Zaubermacht, Sie zu bestrafen. Wählen Sie ein tugendhaftes Mädchen zur Frau.

Ramsamperl (führ sich) Er wär' imstand, er verzaubert mich! (Unwillig.) Meinetwegen, ich heirat'.

Semmelschmarn Vermöge des Testaments Ihres Vaters bleibt Ihnen ohnedem keine Wahl als Heirat oder Enterbung, oder aber Enterbung oder Heirat.

Ramsamperl Das ist eine schöne G'schicht! Heut' noch muß ich heiraten, und ich weiß keine.

Semmelschmarn Hier werden Sie sie finden; ich habe die Bewohnerinnen dieses Hauses geprüft.

Ramsamperl Sie wissen aber auch alles.

Semmelschmarn Doch machen Sie meiner Erziehung keine Unehre.

Ramsamperl Ich bin ja als Stallmeister verkleidet, auf Ihnen kommt keine Schuld.

Semmelschmarn Geloben Sie mir feierlich, nicht jedem Mädchen hier im Hause gleich nachzustellen.

Ramsamperl (entschlossen) Ja, ich gelob' es. – Halt! Was kommt da für ein liebliches Wesen? (Er läuft gegen die Türe, aus welcher Rosa tritt.)

Neunte Szene

Die Vorigen; Rosa (erschrickt über das plötzliche Erscheinen Ramsamperls und läßt eine Tasse, welche sie trägt, mit einem Schrei zu Boden fallen. Ramsamperl ruft: »Ha!« welcher Ausruf zugleich mit Rosas Schrei der erste Akkord des unmittelbar folgenden Duetts sein kann)

Duett

Ramsamperl
Ha! Schönes Kind –

Rosa (ihm die Hand entziehen wollend)
Lassen S' aus!

Ramsamperl
Holder Engel –

Rosa
Lassen S' aus!

Ramsamperl
O, sag' mir nur, gehörst du hier ins Haus?

Rosa
Ich muß fort –

Ramsamperl
Warum nicht gar!

Rosa
Ach, gehn Sie doch –

Ramsamperl
Da wär' ich a Narr!

Rosa
Komm' ich zu spät, bestraft man mich noch gar!

Ramsamperl
Nein, mein Kind, ich geh' nicht fort,
Außer du sagst einen Ort,
Wo ich dich heut' sehen kann
Nach dem Essen oder wann?

Rosa
Mir wird kalt und mir wird heiß,
So ganz unbekannterweis'
Soll ich eine B'stellung geben?
Nie in meinem ganzen Leben!

Ramsamperl
Schau', ich bitt' dich untertänig –

Rosa
Ach, ich kenn' Ihnen zu wenig.

Ramsamperl
Sag', wann gehst denn Obers hol'n?

Rosa
Ach, ich hätt' nicht sprechen soll'n.

Ramsamperl
Seh' ich dich beim Wäsch'-Abschweib'n?

Rosa
Ich kann nicht gefühllos bleib'n.

Ramsamperl
Oder wannst zum Bäcken gehst?

Rosa
O mein Herz, jetzt halt nur fest!

Rosa zugleich mit Ramsamperl
Sehr viel Freiheit nimmt er sich,
Für ein' Dienstbot' hält er mich.

Ramsamperl zugleich mit Rosa
Ha, sie wankt, mein ist der Sieg,
O, ganz g'wiß bestellt sie mich!

Rosa
Nun, so wissen Sie, mein Herr,
Ich schein' wenig und bin mehr;
Wie ein Dienstbot' schau' ich aus
Und bin Tochter hier vom Haus.

Ramsamperl
Tochter –?!

Rosa
Stieftochter! Drum hudeln s' mich herum.

Ramsamperl
Tochter – ah, das bringt ein' Umurken um.

Rosa
Jetzt wissen Sie alles, drum lassen S' mich gehn, (Für sich.)
Ich kann ihn nicht anschau'n, er ist gar so schön.

Ramsamperl (beiseite)
Ein prächtiges Mädel, nur scheint s' etwas dumm,
Wenn die auch noch g'scheit wär', was gebet ich drum!

(Rosa jodelt auf eine zärtliche Weise.)

Ramsamperl (während Rosas Jodler)
Doch nein, ein g'scheit's Weib ist für'n Mann eine Plag',
Bei dem Madl bleib' ich, der lauf' ich jetzt nach.

(Rosa läuft zur Seitentüre gegenüber ab. Ramsamperl eilt ihr nach, vor der Türe will er sie festhalten, allein sie entschlüpft. Semmelschmarn, der sich während des Duetts in den Hintergrund gezogen, tritt etwas vor, und Ramsamperl schließt ihn statt Rosa in die Arme.)

Zehnte Szene

Die Vorigen ohne Rosa

Semmelschmarn Zurück!

Ramsamperl (ärgerlich) Ich bitt' Ihnen, gehen S' weiter!

Semmelschmarn Zurück!

Ramsamperl Ich weiß gar nicht, was Sie wollen.

Semmelschmarn Noch sind Sie ihrer nicht würdig.

Ramsamperl Das geht Ihnen nichts an.

Semmelschmarn Stille, der Herr vom Hause!

Elfte Szene

Die Vorigen; Maxenpfutsch

Maxenpfutsch (tritt mit vielen Komplimenten aus der Seitentüre) Sie werden verzeihen, ich war noch im Schlafrock, als Hochdieselben gemeldet wurden.

Semmelschmarn Ich bitte, keine Entschuldigung.

Maxenpfutsch (fortfahrend) Und da braucht man einige Zeit –

Semmelschmarn Wo sind die Fräulein Töchter?

Maxenpfutsch In der Negligé, aber sie müssen sogleich – (Er geht zur Türe, wo die Töchter abgingen.)

Semmelschmarn Ich bitte, meinetwegen nicht zu pressieren, die Fräuleins sind noch im Umkleiden begriffen.

Maxenpfutsch Nutzt nix, sie müssen erscheinen. (Geht zur Türe.) Töchter, um alles in der Welt, tummelt's euch!

Semmelschmarn Sie haben nur zwei Töchter?

Maxenpfutsch Nur zwei, und wirklich, man hat da genug. Sie sind so vortrefflich –

Semmelschmarn Ich frage nicht umsonst, denn vermöge des väterlichen Testaments muß Herr von Ramsamperl heute noch eine Gattin nehmen, und deshalb sind alle Töchter der Umgegend zu einem großen Feste eingeladen; aus diesem schönen Zirkel wird er die künftige Gefährtin seines Lebens wählen.

Maxenpfutsch Wie – was – nicht möglich! Der reiche Herr von Ramsamperl! (Reißt die Türe auf, wo seine Töchter sind.) Mädeln, heraus! Der junge Herr von Ramsamperl will eine von euch heiraten. (Man hört von innen einen Schrei von beiden Töchtern.)

Semmelschmarn Was war das?

Ramsamperl Ein Freudengeschrei.

Maxenpfutsch O nein, das ist Schüchternheit! (Durch die Türe.) Madeln, heraus!

Zwölfte Szene

Die Vorigen; Hyacinthe, Bella

Hyacinthe und Bella (geziert heraustrippelnd) Hier sind wir, Vater!

Hyacinthe O, Sie haben uns erschreckt.

Maxenpfutsch Fassung! Fassung!

Bella Heiraten – welch' ein Wort!

Maxenpfutsch Kurasche! Euer Vater hat auch g'heirat't und lebt doch noch. (Zu Semmelschmarn.) Hier stehen sie vor Ihnen, die ich so sorgfältig erzogen habe. (Gegenseitige Komplimente.)

Semmelschmarn Ramsamperl wird staunen, wenn er so viel Liebesreiz erblickt.

Ramsamperl (für sich) O ja, er staunt schon.

Bella (zu Hyacinthen) Wer mag der junge Mann dort sein?

Hyacinthe (leise) Ohne Zweifel ein vornehmer Herr von Ramsamperls Begleitung.

Bella (ebenso) Eine äußerst interessante Physiognomie.

Hyacinthe (wie vor) Na, ich glaub's, das Aug'!

Bella (wie vor) Dieser Anstand.

Semmelschmarn (leise zu Ramsamperl) Nun, was sagen Sie?

Ramsamperl (leise zu Semmelschmarn) Da ist's nichts. (Zu den Fräuleins.) Meine Damen, erlauben Sie mir, Ihnen meine Hochachtung zu bezeigen (küßt beiden die Hand) und ebenfalls dem Vater dieses interessanten Töchterpaares. (Umarmt Maxenpfutsch flüchtig.)

Maxenpfutsch Wem sind wir so glücklich in Ihrer hohen Person zu bewillkommnen?

Ramsamperl Ich bin vom Stallpersonale des Herrn von Ramsamperl.

Maxenpfutsch (stolz) Vom Stall?

Hyacinthe Ein Stallpersonale sind Sie?

Maxenpfutsch (putzt sich ab an den Orten, wo ihn Ramsamperl berührt hat) So – hm – vom Stall? (Winkt ihm, zurückzugehen.) Etwas in Entfernung, Freund! (Verblüfft zu seinen Töchtern.) Jetzt ist der vom Stall! Nein, ich sag's, die Leut' tragen sich heutzutag', daß man einen jeden für einen Kavalier hält.

Hyacinthe Na, dem sieht man's doch gleich an, daß er was Gemeines ist.

Bella Die gemeine Schneckenphysiognomie!

Hyacinthe Die faden Augen!

Maxenpfutsch Es schaut das helle Roß heraus!

Bella Und wenn er nur ein bissel einen Anstand hätt'.

Maxenpfutsch Wie ein lebzeltener Reiter. (Ruft.) Küchengretl! Eau de Cologne!

Semmelschmarn Da kann ich aufwarten. (Gibt ihm ein Fläschchen.)

Maxenpfutsch Zu gütig. (Gießt etwas Wasser in die Luft.) Es riecht so stark nach'n Stall herin! (Man hört von außen einen Trompetenstoß.) Ein Trompetenruf!

Semmelschmarn Das bedeutet die Ankunft Ramsamperls. Seine Gnaden waren auf der Jagd und können sich, da Dieselben der Weg hier vorüberfährt, unmöglich das Vergnügen versagen, die beiden Fräuleins im eigenen Wagen nach dem Palaste zu führen.

Maxenpfutsch Töchter, habt ihr's gehört? Diese Gnad', diese Auszeichnung! In meinem Vaterherzen pumpert's wie in der Bär'nmühl'. Geschwind' Seiner Gnaden entgegen!

(Nimmt seine Töchter hastig am Arm und läuft mit ihnen zur Türe hinaus, Semmelschmarn und Ramsamperl sehen ihnen lachend nach. Musik beginnt.)

Dreizehnte Szene

Das Jagdgefolge (tritt auf und verteilt sich zu beiden Seiten); Kappenstiefel, Maxenpfutsch

Chor Der Gebieter kehrt zurück,
Seiner Jagd war hold das Glück,
Kühn erlegte er das Wild
In dem waldigen Gefild,
Jetzt holt er zu Tanz und Schmaus
Sich die Töchter hier vom Haus.
So schließet der freudige Tag
Mit Fest und Gelag'.
Mög' es lang so bleiben noch!
Der Gebieter lebe hoch!

(Gegen das Ende des Chores tritt Kappenstiefel in einem lächerlich überladenen Jagdanzug ein, die beiden Töchter an der Hand, Maxenpfutsch folgt mit vielen Komplimenten.)

Kappenstiefel (zum Chor) Couche! (Alles ist still; zu den Fräuleins.) Sehen S', wie gut als sie abg'richt't sind! Sie wissen vielleicht nicht, was das heißt: »Couche.« Das ist ein englisches Wort und heißt auf deutsch: Fine dell' Opera, was man im Italienischen sagt: Endet den Gesang!

Maxenpfutsch Welch ausgebreitete Sprachkenntnis!

Kappenstiefel O, ich bitt' recht sehr, das ist nur eine Kleinigkeit. Geschwindigkeit ist keine Hexerei! Edler Maxenpfutsch, wir machen Euch unser Kompliment in Anbetracht dieser beiden töchterlichen Geschöpfe.

Maxenpfutsch Allzuviel Gnad'! Ihre glänzenden Eigenschaften sind Spiel der Natur, ihre Schönheit Folgen einer vortrefflichen Erziehung.

Kappenstiefel Darf ich um die Namen bitten?

Maxenpfutsch Diese heißt einmal Hyacinthe, und die andere heißt hernach wiederum Bella.

Kappenstiefel Das ist gar ein schöner Nam'. Meine Großmutter hat ein Windspiel g'habt, das hat auch so g'heißen. Also, meine süße Hyacinthucia und meine liebliche Bellinacia, daß wir nicht eins ins andere reden, wie alt sind Sie denn?

Hyacinthe Siebzehn Jahr'.

Kappenstiefel (sieht neben Hyacinthen auf die Erde)

Hyacinthe Suchen Euer Gnaden was?

Kappenstiefel Ich hab' geglaubt, es sind Ihnen ein paar Jahrln entfallen.

Maxenpfutsch Nein, vorgestern war ihr Geburtstag.

Kappenstiefel Vorgestern? Ah, richtig, dann ist sie siebzehn Jahr'. Und Sie, mein holdes Mäuserl?

Bella Ich bin fünfzehn.

Kappenstiefel Seit wann?

Maxenpfutsch Seit einiger Zeit.

Kappenstiefel Aha! Also siebzehn und fünfzehn! – Und welche ist die älteste von beiden Töchtern?

Maxenpfutsch Die jüngere, sprich ich: die mit siebzehn.

Kappenstiefel Auch ohne Ihre Aussage hätt' ich das Alter erraten, ich mach's wie die Roßhandler, ich schau' auf die Zähn'. (Hyacinthens Halskrause betrachtend.) Unter anderm, dieser Kragen ist süperb geputzt. Wo lassen Sie denn waschen?

Maxenpfutsch Bei der Wäscherin.

Kappenstiefel (zum Gefolge) Man notiere das. Auch ich werde in Zukunft dort waschen lassen.

Ramsamperl Wär' es Euer Gnaden nicht gefällig –?

Kappenstiefel O, ich bitt' – (Macht ein tiefes Kompliment.)

Ramsamperl Euer Gnaden machen einen gnädigen Scherz. (Leise zu Kappenstiefel.) Dummer Bursch', weiß Er nicht, daß Er meine Person vorstellt?

Kappenstiefel (leise) Ja, richtig. (Laut und stolz zu Ramsamperl.) Man küsse mir die Hand.

Ramsamperl (einen Augenblick verlegen) Ich bin dieser Ehre nicht würdig und zediere sie an Semmelschmarn.

Semmelschmarn (für sich, zögernd) Der verwegene Bube –

Kappenstiefel Allez, Zauberer, spreiz' dich nicht!

Semmelschmarn (bezwingt sich und küßt Kappenstiefel die Hand)

Maxenpfutsch Ein Zauberer ist dieser Herr?

Kappenstiefel Zauberer und mein Erzieher.

Hyacinthe Da hat er wirklich ein Zauberwerk vollbracht.

Kappenstiefel (tölpisch lachend) O, ich bitt' –

Bella Drum sind Euer Gnaden so bezaubernd.

Kappenstiefel O! (Lacht ihr grinsend ins Gesicht.) Jäger! – Wo sind die beiden Schnepfen, die ich heut' geschossen hab'?

Ein Jäger Hier, Euer Gnaden. (übergibt ihm die Schnepfen.)

Kappenstiefel Ich hab' dieses Paar im Gebüsch in einem traulichen Gespräch überrascht und mit vierundfünfzig Schröt ihre liebenden Herzen durchbohrt. Betrachten Sie einmal diese Physiognomie, wie das erloschene Auge dieses kühnen Schnepfen noch sagt: »Ha, welche Frechheit! Wer schießt hier?« und hier diese zärtliche Schnepfin – im halbgeöffneten Schnabel steckt noch der letzte Seufzer der Liebe.

Hyacinthe Wie zart, wie sinnig ist diese Bemerkung!

Kappenstiefel Außerdem ist das kein gewöhnliches Wildbret, es sind die neuerfundenen Schnepfen mit Stahlfedern, welche sich vor den andern Schnepfen durch eine außerordentliche Dauerhaftigkeit auszeichnen; essen Sie dieselben zum ewigen Angedenken! (Er überreicht jeder einen Schnepfen.) Genug aber jetzt von Jagd und Wild, jetzt will ich mich bloß auf das Schöne verlegen, und wo könnt' ich das in höherm Grade finden, (zu Hyacinthen) als hier in dieser zarten Stutzelhaftigkeit, (zu Bella) hier in diesem schmachtenden Wuchs, (zu Hyacinthen) in diesen glühenden Rosenwangen, (zu Bella) in diesem Sentimentalitätsgesichterl, (zu Hyacinthen) in diesem Flammenauge, (zu Bella) oder in diesem liebeblinzelnden Zweckerlblick?

Hyacinthe O, wir verdienen so großes Lob nicht.

Bella Unsere Bescheidenheit –

Kappenstiefel (entzückt) Wie? Auch bescheiden sind Sie? Das hätt' ich Ihnen gar nicht angesehen. Nun, so vernehmen Sie denn in zwei Worten den Hergang der Sache. (Er plappert das Folgende mit großer Geschwindigkeit.) Ich bin der einzige hoffnungsvolle Sprößling von meinem seligen Papa – dieses Spiel der Natur ist nur dem erklärbar, der genau in Erwägung zieht, daß der Papa keinen andern Sohn gehabt hat als mich, folglich bin ich der einzige Sohn vom Papa – und da hat denn der Papa gemeint, weil ich der einzige Sohn bin vom Papa, so soll ich sehr ausgebildet sein, sagt der Papa, und weil der Papa sich auf Reisen ausgebildet hat, sagt der Papa, so meint der Papa, ich soll auch auf Reisen gehn, hat er gesagt, der Papa – und da hat mir der Papa den weisen Semmelschmarn als Begleiter mitgegeben, weil der Papa wollen hat, er soll ein wachsames Aug' auf mich haben, sagt der Papa. Drei Jahr' war ich auf Reisen, denn so wollt's der Papa, unter dieser Zeit ist er aber g'storben, der Papa, und in seinem Testament sagt der Papa, daß ich heut' an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag heiraten soll, will der Papa, denn sonst werd' ich enterbt, sagt der Papa. Dieses ist eigentlich eine Kaprize vom Papa, weil er's aber so will, der Papa, so wähl' ich mir heut' noch von diesen zwei lieblichen Schönen eine zur Frau, sagt der Papa, oder nein, das sag' ich selbst, das sagt nicht der Papa.

Maxenpfutsch Welch unvergleichliche Beredsamkeit!

Kappenstiefel O, ich bitte, es geht alles natürlich zu – optische Täuschung, sonst nichts. Nun lassen Sie uns aber nicht länger säumen, meine Holden. Edler Maxenpfutsch, Zwifel moa!

Semmelschmarn Suivez-moi, wollen Ew. Gnaden sagen.

Kappenstiefel Das ist alles eins! Man korrigiere mich nicht, g'schnappiger Zauberer. (Zu einem Diener.) Mein' Wagen, und der Kutscher soll achtgeben, als wenn er Porzellain führet, denn wenn er heut' umwirft, so wirft er meine schönsten Gefühle, mein ganzes Lebensglück um die Erd'. (Diener geht ab.) Das geht mir wieder zu langsam. (Er läuft zu einem Fenster und ruft hinab.) Natzel, fahr' vor! (Darauf reicht er mit komischem Anstande beiden Töchtern den Arm, verwickelt sich auf eine ungeschickte Weise und stolpert dann mit den Fräulein zur Türe hinaus, Maxenpfutsch folgt mit vielen Komplimenten, dann Semmelschmarn und Ramsamperl, den Beschluß macht das Jagdgefolge. Gleich nach den letzten Worten beginnt der Chor.)

Chor Der Gebieter kehrt zurück,
Seiner Jagd war hold das Glück,
Kühn erlegte er das Wild
In dem waldigen Gefild.
Jetzt holt er zu Tanz und Schmaus
Sich die Töchter hier vom Haus,
So schließet der freudige Tag
Mit Fest und Gelag.
Mög' es lang' so bleiben noch!
Der Gebieter lebe hoch!

Vierzehnte Szene

Rosa, dann Semmelschmarn

Rosa (tritt, wenn alles ab ist, traurig aus der Seitentüre und sieht, währenddem man noch in Entfernung das Ende des Chores hört, den Abgegangenen nach. – Gleich nachdem der Chor verhallt ist, beginnt das Finale.)

Rosa (mit weinerlichem Tone)
Sie gehen fort, mich lassen s' z'Haus.
Nein, das halt' der Kuckuck aus!
Die Schwestern unterhalten sich,
Küchengretl nennt man mich.
(Setzt sich in der Nähe des Kamins auf das Ruhebett.)

Unsichtbarer Chor
Tröste dich, Mädchen, bald wird es enden,
Gram wird verschwinden aus deiner wunden Brust.

Rosa Was ist das?

Chor (wie vorher)
Herrlich wird bald dein Schicksal sich wenden,
Freude erwartet dich nur und Lust.

(Man hört ein Rauschen im Kamin.)

Rosa Im Kamin dort rauscht was.

(Springt auf. Eine Leiter wird aus dem Kamin herunter sichtbar.)

Semmelschmarn (steigt als Rauchfangkehrer herab)

Rosa Sie, mein Freund, Sie werd'n sich irr'n,
Heut' ist's nix mit'n Rauchfangkehr'n.

Semmelschmarn
Kind, ich bin ein mächtig Wesen,
Urteil' nicht nach diesem Besen.
Schlummre ruhig dort nur ein,
Froh soll dein Erwachen sein.
(Er winkt.)

Rosa
Was ist das? Auf einmal g'spür'
Ich ein' furchtbar'n Schlaf in mir.
(Sinkt auf das Ruhebett und schlummert ein.)

Chor (unsichtbar)
Gutes Kind, ein mächtig Wesen
Hat zum Liebling dich erlesen,
Schlummre sanft und ruhig ein,
Froh wird dein Erwachen sein.

(Gleich wie Rosa einschlummert, im Anfange des Chores, schlägt Semmelschmarn mit dem Besen gegen den Kamin, dieser springt auf und mehrere kleinere Rauchfangkehrer kommen heraus, welche zum Ruhebette, auf welchem Rosa schläft, hineilen und es etwas emportragen. Graues Wolkentheater senkt sich über die Bühne. Wo sich das Ruhebett aus dem Boden erhebt, kommen aus der Versenkung mehrere kleine Kobolde, auf grauen Wolken stehend, zum Vorschein, welche auf ihren Schultern das Ruhebett zu tragen scheinen. Von der entgegengesetzten Seite kommen auf einen Wink des Semmelschmarn mit Blumen geschmückte Genien aus der Höhe, lassen sich gegen das Ruhebett herab und empfangen es aus den Händen der Rauchfangkehrer und Kobolde, welche auf dem Wolkenversetzstück zurückbleiben, beliebig gruppiert. Die Genien tragen Rosa samt dem Ruhebett ungefähr bis in die Hälfte der Höhe des Theaters – hier verwandelt sich plötzlich Rosas einfaches Kleid in einen glänzenden Ballanzug und das Ruhebett in eine prachtvolle Ottomane. Zu gleicher Zeit verändert sich das graue Wolkentheater in ein lichtes, von griechischem Feuer beleuchtet. Während die Genien mit Rosa noch höher emporschweben, die Rauchfangkehrer und Kobolde langsam versinken und der unsichtbare Chor bis zum Ende fortdauert, fällt der Vorhang.)

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