Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Isolde Kurz >

Nächte von Fondi

Isolde Kurz: Nächte von Fondi - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorIsolde Kurz
titleNächte von Fondi
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDreiundzwanzigstes bis siebenundzwanzigstes Tausend
year1922
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20141106
modified20150421
projectida5f6caff
Schließen

Navigation:

Fundi, mei Calamitas!

Floruit, Hippolyte, et tecum fato occidit uno – –
Mit dir blühte und starb, Hippolyt, in Einem Verhängnis,
Was aus besserer Zeit übrig an Ruhm und an Kunst.
Erbteil war's deines Hauses, des hocherlauchten, das vordem
In sich selber der Welt Größe, die ganze, beschloß.
Keiner tat es dir gleich an Hochsinn, feurigem Wagen,
Keiner hatte die Hand offen zum Spenden wie du.
Herrlich warst du und wenig verblieb dem Glück dir zu geben.
Als du lauernden Neids Todesgeschosse erlagst.

Antonius Vacca in mortem Hipp. Medicis, card.

Fast ein Jahr war seit dem Überfall vergangen, Fondi war aus den Trümmern erstanden. Die uralte Stadt sah mit dem Umbau ihrer Befestigungen und den wiederaufgerichteten hellen Straßenzügen wie eine neue, eben entstandene aus. Auch Donna Julia war aus Neapel, wo sie den Winter verbracht hatte, in ihren stillen Witwensitz zurückgekehrt und wohnte nun wieder im Schlosse. Von ihren Schicksalen bei der Katastrophe wußte man in der Öffentlichkeit wenig Genaues. Es ging nur eine dunkle örtliche Sage, daß sie auf der Flucht vor den Korsaren den Strauchrittern in die Hände gefallen sei, aber die Eingeweihten erklärten das Gerücht für böswillige Erfindung. Ihr Hofstaat war sehr vermindert, er bestand fast nur aus jenem Teil des Gefolges, der zur Zeit des Überfalles verschickt gewesen. Isabella war nicht mit zurückgekehrt. Sie hielt sich abwechselnd in Rom und Neapel auf und focht von dort aus, auf einen Stab von Rechtsgelehrten gestützt, das Testament ihres Vaters an, indem sie von der jungen Stiefmutter die Herausgabe des ganzen Colonnesischen Erbes an Gütern und Lehen forderte. Die verbitterte Frau war auf die Verfolgung ihrer Ansprüche doppelt erpicht, weil sie dem schwindenden Schmelz ihrer Erscheinung den Rat entnahm, die Reste ihrer Schönheit durch eine um so reichere Mitgift zu vergolden, und da bei dem Schloßbrand wichtige Schriftstücke, die zu Julias Gunsten sprachen, mit untergegangen waren, befand sich die Klägerin im Vorteil. So gab sie keiner Stimme der Billigkeit und des Zartgefühls mehr Gehör und bedrohte die Schwester ihres toten Gatten mit der Gefahr völligen Verarmens.

Aber die äußere Bedrängnis war nicht die schlimmste im Leben der stets bedrängten, so sehr zu Unrecht beneideten Julia. Immer gleich gütig und hoheitsvoll im Betragen, rang sie innerlich mit tausend Schmerzen um das Gleichgewicht, das die anderen für ihren natürlichen Zustand hielten. Seit dem Abschied von Ippolito hatte der zerstörende Kampf, den sie mit sich selber führte, seinen Höhepunkt erreicht. Jener kurze Augenblick des Selbstvergessens, wo die Flammen sie so umhüllten, daß sie Weg und Willen aus dem Auge verlor, verfolgte sie mit nachträglichen Schrecken. So nahe zu ihren Füßen der Abgrund, den sie immer nur in weiter Ferne geahnt hatte. Daß sie nicht zusammen hinunterstürzten, war nicht ihr Verdienst noch das seine, sondern eine gnädige Lenkung von oben. Ihrer überreizten Gewissenhaftigkeit erschien jetzt sogar das holde Spiel mit dem Feuer, das sie so lange unschuldig getrieben, als Versündigung, und das Gericht, das über Fondi gekommen, wie ein Werk der warnenden und strafenden Vorsehung. Aber wie sollte sie ihrem Herzen verbieten weiter zu lieben, seitdem sich dem alten Zauber die glühendste, nicht auszuschöpfende Dankbarkeit für eine Liebestat ohne gleichen gesellte? Und wie im eigenen Innern die zarte Grenzlinie zwischen der Liebe, die sie sich gestatten durfte, und jener anderen, die sie sich verbot, wiederherstellen, nachdem sie einmal verwischt war? Vergebens kreuzigte sie sich mit Werken der Buße und der Demut wie nie zuvor; nirgend war Heilung von dem süßen, schleichenden Gifte. Was sich am meisten vermeiden wollte, war geschehen. Ihr Verhältnis war verschoben und es stand nicht in ihrer Macht, den einen Augenblick, der ihr Inneres, ihr selbst und ihm verraten hatte, rückgängig zu machen.

Da war ihr in Neapel jener Kastilianer wieder begegnet, der sie kurz vor dem Barbareneinfall in Fondi besucht hatte. Aus ihren ersten Gesprächen schloß er, daß für die ungewisse, ringende Seele der rechte Augenblick zu einer völligen inneren Erneuerung gekommen sei. Er widerriet ihr alle Gedanken an Weltflucht, mit denen sie sich trug, weil man auch ohne seinen angewiesenen Platz zu verlassen den Frieden mit Gott und die Stille des eigenen Herzens finden könne. Dagegen führte er sie in einen Kreis ernster Männer und Frauen ein, die wie er eine Rettung aus dem sittlichen und religiösen Schiffbruch der Zeit suchten. Sie scharten sich um einen Prediger aus dem Kapuzinerorden, der mit eindringender Gewalt die Gemüter ergriff, indem er sie aus Gleichgültigkeit und Skepsis aufzurütteln und ihnen in einem vertieften und gereinigten Christentum den Ankergrund zu geben strebte. An ihn schloß sich auch Donna Julia mit allem Ernst und aller Tiefe ihres Wesens an. Unter Qualen der Angst und des Unvermögens strebte sie jener inneren Heiligung nach, die sie als obersten Leitsatz der neuen Botschaft predigen hörte, und mühte sich, die Liebe zu dem allzu teuer gewordenen Erdensohn zu den Füßen der höchsten Liebe niederzulegen. Sie hatte es von je mit dem Glauben streng genommen, wie ihr Vater, der nach dem Tode der Gattin in einen Mönchsorden trat. So nahm es niemand wunder, daß sie nach den letzten über sie ergangenen Schrecken und Trübsalen in der Religion ihren Halt suchte.

Eine ungeheure Sehnsucht, sich aus der Verschlammung des Jahrhunderts zu retten, ging ja durch alle tieferen Gemüter und auch die Oberflächlichen wurden von der mystischen Welle mit erfaßt. In der ursprünglichen Reinheit und Einfalt der Evangelien suchte man den Wunderborn der Heilung. Doch war diese Reformbewegung in ihren Anfängen keine grundstürzende und ging unabhängig von der lutherischen und calvinischen Reformation im Norden Europas vor sich; sie wandte sich zunächst auch nicht gegen die Lehren der Kirche, nur gegen ihre Entartung, und auch hohe Prälaten traten ihr bei. Als der neue Glaubensbote sich nach Rom begab, strömten ihm auch dort die Weltkinder mit den Frommen in Scharen zu, und in der vornehmen Gesellschaft wurde es Modesache, ihn zu hören. Julias hohe Verwandte, die trauernde Vittoria Colonna ward eine seiner eifrigsten Anhängerinnen. Selbst der weltfreudige Kardinal Medici versäumte während der Fastenzeit keine seiner Predigten; freilich meinten seine Freunde, daß es mehr der Gräfin von Fondi zuliebe geschehe, deren Gesinnungen bekannt waren. Gleichzeitig ließ er als Ersatz für das zerstörte Miniaturenwerk durch Meister Clovio jenes schöne Mariengebetbüchlein für sie malen, das nie in ihre Hände gelangen sollte und das später mit den köstlichen Deckeln von Benvenuto Cellini unter die Zimelien Karls V. geriet.

Geschrieben hatte er in all der Zeit, die ihm im Sturmwind neuer Ereignisse verging, nur wenige Male: ein paar schmerzlich glühende Sonette, im alten Ton zärtlicher Ehrerbietung gehalten. Julia hatte sich's versagt, persönlich zu antworten und nur durch ihren Sekretär gedankt. Dann war Molza auf seine Weise der Anlaß der Wiederannäherung geworden. Der Unverbesserliche hatte sich wieder einmal das Mißfallen des raschen Gebieters zugezogen, und diesmal so gründlich, daß der Kardinal seit Wochen an dem Hausgenossen vorüberging, ohne ihn ins Gespräch zu ziehen. Da wandte sich jener in seiner Not an Julia, indem er sie bat, in einem Briefe, dessen Wortlaut er selber abfaßte, ihn der Güte seines Herrn zu empfehlen, ohne daß sie von dem Zerwürfnis unterrichtet schiene. Ippolito durchschaute den Zusammenhang, aber er nahm mit Freude die Gelegenheit wahr, der geliebten Frau zu zeigen, wie sehr sie auch aus der Ferne über ihn herrschte, und hob den Verstoßenen wieder empor, der binnen kurzem der Gräfin mit überströmender Dankbarkeit sein neugewonnenes Glück meldete.

Keine von all den Hoffnungen des Kardinals hatte sich in dieser Zeit dem leidenschaftlich Wollenden erfüllt: immer, wo er es am meisten brauchte, da versagte sich ihm das Glück. Der Barbarossa, den er aufs Haupt schlagen wollte, war bei seiner raschen Annäherung ebenso rasch in See gestochen und fuhr schon mit vollen Segeln gen Afrika, als Ippolito in Ostia eintraf. Er konnte ihm ohne Schiffe vom Ufer aus nachschauen. Danach hatte Clemens, dem die Kräfte nach dem schweren Anfall noch einmal zurückkehrten, erschreckt von der schnellen Erstellung und dem Anwachsen der Schutztruppe, ihm abermals das Schwert aus der Hand gewunden mit der Begründung, daß es keinen Feind mehr gebe und daß die eilig aufgelesene Mannschaft die Küstenbewohner mehr belästige als schütze. Um den unruhigen Geist zu beschäftigen und ihn dem Einfluß der Verbannten zu entziehen, dachte der alte Klügler einen neuen Schachzug aus. Er ernannte den Neffen zum Legaten der Mark Ancona, die erst seit wenig Jahren mit unrechten Mitteln dem hl. Stuhl unterworfen worden war und noch heftig ins Gebiß schäumte. Ippolitos leichte und geschmeidige Hand sollte das widerspenstige Roß für den neuen Reiter gefügig machen. So hoffte er zwei Fliegen mit einem Schlage zu treffen. Allein der seitherige Legat weigerte sich den Platz zu räumen, und die Kräfte des Papstes gingen jählings zur Neige. Das ewige Drängen des Kaisers auf ein Kirchenkonzil, das Clemens mehr als alles scheute, und der grimmige Hader der Blutsgenossen, deren Wohl und Wehe ihm wichtiger gewesen als das der ganzen Christenheit, brachen ihm vollends das Herz. In dem Todeshaß der zwei Neffen drohte sein mit so viel Blut gekittetes Lebenswerk zusammenzustürzen. Noch in seiner Agonie schrieb der unglückliche Papst einen ergreifenden Brief an den Kaiser, der ihm so viele Leiden und Demütigungen zugefügt hatte, um ihm mit beweglichen Worten das Geschick der beiden ans Herz zu legen. Am meisten zitterte er für den Tollkopf Ippolito, denn den andern wußte er trotz seiner greulichen Aufführung im Schutz des künftigen Schwiegervaters geborgen. Die Wahl des Nachfolgers war dann das eigenste Werk des Kardinals Medici. Er besprach sich mit seinem Freunde, dem Kardinal von Lothringen, der ihm von allen Kollegen nach Gesinnung und Lebensführung am ähnlichsten war, und beide begaben sich am Vorabend des Konklaves zu dem Kardinal Farnese, um ihm kniend als neuem Pontifex zu huldigen. Da der Anhang des Medici allein schon über die geforderte Zweidrittelsmehrheit verfügte, blieb den anderen nichts übrig, als gern oder ungern ihre Stimme gleichfalls zu geben. So hatte der, den sie den tollen Kardinal nannten, im Handumdrehen einen klugen Papst geschaffen. Aber wenn er damit auch seiner eigenen Einsicht Ehre machte und zugleich den Wunsch des sterbenden Clemens erfüllte, so erwies er doch sich selber einen schlechten Dienst. Nichts lag Paul III. ferner als Dankbarkeit; ein Kardinal von solchem Einfluß konnte ihm nur unheimlich sein. Und seit jenem Tage erbleichte Ippolitos Stern.

Weil aber auch der Herzog Alessandro seinen päpstlichen Beschützer verloren hatte, so strömten jetzt aus allen Enden Italiens die florentinischen Verbannten in Rom zusammen und scharten sich um den Kardinal Medici als ihr natürliches Oberhaupt. Der bisher noch künstlich verdeckte Bruch zwischen beiden wurde zur öffentlichen Tatsache. Der neue Papst sah zu und ließ es darauf ankommen, daß die feindlichen Vettern sich gegenseitig aufrieben. Als in Florenz ein Pulveranschlag auf den Tyrannen mißlang, und dieser den Kardinal der Mitschuld verklagte, führte Paul den ersten Schlag auf den bis dahin Unverletzlichen: er setzte den Grafen Zenga als Mitwisser gefangen.

Ippolito eilte nach dem Vatikan, um seine Freilassung zu fordern. Auf dem Wege dorthin begegnete er seinem Lieblingsvetter Salviati, der ihn umzukehren und zuzuwarten bat, weil dem Papste in diesem Augenblick nicht zu trauen sei. Aber umkehren und zuwarten waren just die zwei Worte, die nicht in Ippolitos Wörterbuch standen, und wie konnte er den treuen Dienstmann seinem Schicksal überlassen?

Was sollte denn Seine Heiligkeit gegen mich haben? sagte er ungläubig.

Nichts als was ganz Rom bekannt ist: daß Ihr die höchsten Stellen innehabt und daß Paul III. für sein eigenes Fleisch und Blut sorgen muß.

Während sie redeten, trat ein Kind an das Pferd des Kardinals heran und reichte ihm ein Papier herauf, das jener annahm, da er gewohnt war, auf Schritt und Tritt Bittschriften zu empfangen. Aber diesmal spürte er etwas Hartes, und als er das Papier öffnete, fand er einen eisernen Nagel darin. Das Kind war verschwunden. In der symbolischen Sprache des Jahrhunderts sagte der Nagel: das Glücksrad will sich drehen, eile es festzunageln.

Ich habe, wie es scheint, unbekannte Freunde, die sich ohne Not um mich sorgen, sagte der Kardinal zu seinem Begleiter, indem er lächelnd weiterritt.

Ihr habt deren unzählige, die in Verzweiflung wären, wenn Euch etwas zustieße.

Gleich beim Eintritt in den Vatikan erinnerten ihn die Mienen der Untergebenen, daß kein liebender Oheim mehr auf dem Stuhle Petri saß. Und der Empfang beim Papste war derart, daß er leicht erkennen konnte, Paul III. legte nur deshalb nicht Hand an den Stifter seines Glücks, weil er ihm zurzeit noch zu mächtig war. Aber konnte man wissen, ob er sich nicht schon in der nächsten Stunde anders besann? Da gedachte Ippolito des Nagels, rief ungesäumt seinen ganzen Hofstaat zusammen und begab sich mit dieser kleinen Völkerwanderung in freiwillige Verbannung auf sein Landgut Casile bei Tivoli.

Nunmehr mußte aber der Pontifex einsehen, daß er fehlgetreten war, denn die Römer murrten laut über die Entfernung ihres Lieblings und wurden mit jedem Tage, den er fortblieb, unzufriedener. Da bestimmte der Papst den Kardinal durch Vermittlung des spanischen Gesandten, seinen Schmollwinkel wieder aufzugeben und ließ den Zenga frei. Ippolitos Heimkehr wurde zum Triumphzug und noch einmal konnte er sich auf der Höhe seiner Macht fühlen. Die halbe Stadt strömte ihm jubelnd in die Campagna entgegen und der gesamte römische Adel, alt und jung, erwartete ihn außerhalb der Porta San Lorenzo, um ihn in mächtigem Zuge zuerst nach dem Vatikan und dann nach seinem eigenen Palaste zu begleiten.

Der Friede war hergestellt, aber fortan durchkreuzte Paul dem Hochgesinnten, den er nicht höher wachsen lassen wollte, alle seine Wünsche. Als Karl sich wirklich zu dem Zuge nach Tunis entschloß und der Doria die kaiserliche Flotte befehligte, führte ein Orsini die päpstlichen Hilfsgaleeren. Daheim bleiben, mit Langröcken gesetzte Reden tauschen, während drüben überm Meere die Waffen redeten, welch ein Wasserstrahl in die Hochglut des Ehrgeizes. Die Muse des Molza tat einen zornigen Griff in die Saiten und trug den Schmerz des Enttäuschten weiter:

O wär' der große Leo noch am Leben,
Wie sähe der voll Stolz das Löwenjunge
Sich dehnen neben ihm zum mächtigen Sprunge –,

denn er begleitete nach wie vor alle Schritte seines Gebieters mit Gesang.

Doch zu entmutigen war der Jüngling nicht, denn seine festliche Sicherheit blieb ihm auch bei Fehlschlägen treu. Er beschloß, dem Kaiser mit einer eigenen Hilfstruppe nach Tunis zu folgen; im gemeinsamen Feldlager und der gemeinsamen Gefahr hoffte er des Kaisers Herz und Ohr zu gewinnen. Die Aussichten waren nicht ungünstig: Ippolitos feuriges Eintreten für den Kreuzzug und sein Verlangen, dabei persönliche Kriegsdienste zu tun, hatten auf Karl den besten Eindruck gemacht, während der Geruch von Alessandros Missetaten nachgerade auch dem kaiserlichen Schwiegervater in die Nase stieg.

Der Kardinal ersuchte den Vizekönig von Neapel um eine Galeere, auf der er außer seinen Söldnern und Hauptleuten auch die florentinischen Abgesandten einschiffen wollte, um ihnen zu guter Stunde Gehör beim Kaiser zu verschaffen. Doch Don Pedro schlug das Ansinnen rundweg ab, ein Fall, der zu Clemens' Zeiten undenkbar gewesen wäre. Nun ließ Ippolito in Gaeta eine eigene Galeere ausrüsten. Aber der Frühling ging hin, der Sommer zog mit unerhörten Gluten ein, und noch war das Schiff nicht segelfertig. Jede Zeitung, die aus Tunis einlief, machte dem Ungeduldigen das Blut sieden. Um La Goletta wurde gekämpft, der Del Vasto pflückte als kaiserlicher Oberbefehlshaber blutige Lorbeern. Da ertrug er das Warten nicht länger und brach mitten in der Juliglut mit seinem ganzen kriegerischen und höfischen Anhang nach Neapel auf, wohin ihm die Galeere zum Einschiffen folgen sollte. Aber statt der gesünderen Seereise wählte er den Landweg und machte unerwartet in Itri Halt, zur großen Unzufriedenheit der Florentiner, die von der gefährlichen Nähe Fondis einen zu langen Verzug fürchteten. Zwischen den Verbannten und ihrem Führer fehlte es auch sonst nicht an Reibungen. Aber mit ihrer tiefsten Meinungsverschiedenheit hielten beide Teile vorerst noch zurück; sie galt der gemeinsamen Sache. Denn die florentiner Herren wollten von dem Kaiser die Wiederherstellung der Republik mit Ippolito als Schirmherrn erbitten, wogegen dieser nichts Geringeres anzunehmen gedachte als einen erblichen Thron, wie ihn Alessandro besaß, und der Ansicht war, daß sich die Florentiner freuen dürften, aus des Kaisers Hand statt ihres Wüterichs einen menschlichen und wohlwollenden Gebieter zu empfangen.

Julia erschrak ins Herz, als sie von seiner plötzlichen Ankunft erfuhr. Der Molza war es, der vorausreiste und unvermutet bei ihr eintraf, sie auf das Wiedersehen vorzubereiten, ohne Ahnung, daß ihr dabei die Knie bebten. Am liebsten wäre sie bis ans Ende der Welt entflohen. Wie aber dem ausweichen, gegen den sie die höchste Dankesschuld trug, ohne das Staunen und Zischeln der halben Welt zu erregen und ohne ihm selber die schwerste Kränkung anzutun? Der Gelehrte meldete sich zugleich als Gast für eine Reihe von Tagen an, weil es in Itri an Raum für so viele Menschen fehlte. Er brauchte einen stillen Winkel zum Studieren, denn der Kardinal, der der ärztlichen Wissenschaft seiner Tage mißtraute, hatte ihm den Auftrag gegeben, die Schriften des Hippokrates zu übersetzen, damit seine Mannschaft sich im Falle von Seuchen oder anderen Krankheiten nicht mittelalterlichem Aberglauben, sondern der helläugigen Weisheit des alten Griechen gegenüber fände. Der gute Molza war gewohntermaßen mit der Arbeit im Rückstand geblieben und wollte jetzt schnell noch das fehlende nachholen.

Die Schloßherrin hieß ihn mit Freuden willkommen und klammerte sich mit tausend Aufmerksamkeiten an den Ankömmling. Er sollte ihr in seinen Mußestunden vorlesen, weil der Porrino durch die Verringerung des Hofstaates zu viel andere Geschäfte zu besorgen habe. Durch Molzas Gegenwart hoffte sie ein Alleinsein mit dem Kardinal zu vereiteln, das sie mehr als alles fürchtete. Denn wenn Ippolito aus seiner Rettungstat und der Schwäche, die sie ihm verraten hatte, einen Anspruch ableiten wollte, den ihr Gewissen verdammen mußte, so kam es zwischen ihnen zum Bruch und sie verlor mit ihm das einzige Glück ihres glücklosen Lebens.

Der Molza schwamm auf den höchsten Wogen. Bei den militärischen Zurüstungen am Campo Marzio war ihm ein plötzlicher Taumel zu Kopfe gestiegen. Er wollte mit nach Tunis, die Kriegstaten seines Herrn an Ort und Stelle besingen und selber daran teilhaben und Fondi rächen helfen. Seinen alten Freunden kam diese Kampflust um so befremdender vor, als der Dichter bisher stets eine unbezwingliche Abneigung gegen das Waffenhandwerk an den Tag gelegt und sich seinerzeit auch geweigert hatte, dem Gebieter nach Wien zu folgen. Jetzt widerhallten seine Sonette, die ihm reichlicher strömten als je, von Kriegsgetöse, und sobald er des Porrino ansichtig wurde, zog er ihn in die Saalecke, um ihm das jüngste vorzutragen, das noch keinen Tag alt war. Er schilderte darin sich selbst im Zwiespalt zwischen Amor, der ihm Bande anlegen will, und dem feurigen, jungen Gebieter, dessen Beispiel ihn nachreißt, und kam so in Hitze, daß er dem eben hinzutretenden Bischof die letzte Terzine wiederholte:

Macht Amor ferner sich mit mir zu schaffen,
Ich folg ihm nicht und heiser schon vom Singen
Tausch ich die Leier mit des Kriegers Waffen.

Der Bischof lobte die Verse und bewunderte seinen Kriegsmut, aber er lächelte still in sich hinein:

Alter Komödiant, meinst du denn, ich wisse nicht, daß du dich ruhig auf deinen Herrn verlassen kannst, dem es nicht einfallen wird, den knappen Schiffsraum, den er für seine Soldaten braucht, mit Gelehrten zu versperren.

Allein er tat dem Guten unrecht: der Dichter stand so sehr im Bann seiner Muse, daß er, was sie ihm eingab, unverbrüchlich glaubte, und sie gab ihm jetzt nur Heldengesänge ein. Und da es dem Zeitgeist entsprach, daß die Großen sich zu ihren Iliaden gleich den künftigen Homer mitnahmen, konnte er sich wohl eine Weile in seinen heroischen Träumen wiegen. Im übrigen begann er in Fondi gleich sein altes Leben aufs neue, erschien nirgends zur Zeit, streifte tagsüber umher, arbeitete die Nacht hindurch und löschte erst mit Tagesanbruch die Lampe. Einigen Kummer bereitete ihm das Verschwinden der schönen Rebekka, die gleichfalls von dem Barbarossa entführt war. Da aber Sinam der Jude sich der Glaubensgenossin sogleich zärtlich angenommen hatte, vermutete man, der Begler-Beg werde seinem Vertrautesten das anmutige Beutestück überlassen haben und Rebekkas Los weniger hart ausgefallen sein als das der christlichen Gefangenen.

*

Seid Ihr mir nicht mehr gut, Donna Julia? Einmal ließt Ihr mich glauben, daß Ihr es wäret.

Bei der Petroniusquelle hat er sie überrascht, wo sie vergeblich den Molza mit seinem Buch erwartete. Und nun kniet er vor ihr mit seiner ganzen Anmut und einem neuen Schimmer von Innerlichkeit, denn auch er liebt anders und tiefer, seit er um sie litt und Opfer brachte. Sie ist ihm jetzt nicht mehr die ersehnte schöne Zugabe zu allem Glück und Glanz der Erde, sondern das Eine, Wesentliche, wodurch alle Dinge erst ihren Wert erhalten.

Julias Auge fliegt umher, ob niemand ihr zu Hilfe kommen wird, aber sie sind allein im weiten Umkreis, die Laube schließt sie ein wie ein grünes duftendes Bauer, und die gefürchtete Auseinandersetzung ist nicht mehr zu vermeiden.

Ihre Pulse beginnen zu fiebern, und sie lehnt sich zurück aus Furcht, daß er das überstarke Schlagen ihres Herzens hören könne.

Wie sollte ich dem nicht gut sein, der sein Leben an meine Rettung gesetzt hat? antwortet sie mit wankender Stimme, aber sie drückt dazu beide Hände vor die Augen, um die allzuschöne Biegung dieser knienden Gestalt nicht zu sehen, um die sie schon einmal in einer trunkenen Selbstvergessenheit die Arme geschlungen hat.

Was versteht Ihr unter Gutsein, Julia? fragt er, ihre Hände herunterziehend.

Ich bitte Euch, steht auf.

Was versteht Ihr unter Gutsein?

Den unauslöschlichen Dank, zu dem ich Euch verpflichtet bin.

O warum sprecht Ihr so zu mir? Ihr stoßt mir ja ein Schwert ins Herz. Was haben Liebe und Dank miteinander zu schaffen? Dank ist wie die Münze, die der Händler für seine Ware nimmt. Die Liebe kann in Ewigkeit nichts geben als sich selbst und kann auch nichts anderes empfangen. Und »verpflichtet« sagt Ihr? Nein, diese Pflicht erlasse ich Euch. Was ich für Euch tat, geschah für mich selbst und weil ich nicht anders konnte. Den Dank hat mir schon das Schicksal abgetragen, als es das Wunder Eurer Rettung zuließ. Wenn Ihr nicht nachfühlen könnt, was mich zu Euch zwingt, daß ich geworden bin wie das Wild, das immer an der selben Stelle wechseln muß, dann ist all mein Dienen diese Jahre her ins Leere gewesen.

Sie stammelt etwas Verwirrtes, das wie eine Beteuerung ihrer ewigen Freundschaft klingt.

Wenn Ihr mir gut seid, warum zwingt Ihr mich dann, Euch im ganzen Schwarm des Hofes wie der Fremdeste zu begrüßen und mißgönnt mir die paar Minuten unter vier Augen, nach denen Ihr mich verdursten seht?

Ihr wißt es, haucht sie kaum verständlich.

Nein, ich weiß es nicht, Julia. Was fürchtet Ihr denn? Habe ich es je an Ehrfurcht gegen Euch fehlen lassen? Bin ich nicht mehr derselbe, der Euch auf seinen brüderlichen Armen durch die Waldschrecken tragen durfte? Meine Kühnheit ist ja nur der Schild, den ich vorhalte, weil mein Herz dahinter zittert. Sobald Ihr mich anblickt, sinke ich in die Knie. Glaubt mir, Julia, wenn ich mich vor dem Türken fürchten würde wie vor Euch, so zöge ich nicht in diesen Krieg.

Wenn Ihr wenigstens aufstehen wolltet, entgegnet sie leise und bittend.

Ich gehorche wie immer.

Er erhebt sich ohne Ruck in den Gelenken als wüchse er von selbst in die Höhe und nun sitzt er folgsam in tadellosem Abstand neben ihr. Aber die Unbefangenheit ihres Verkehrs ist dahin, und sie können sie nicht wiederfinden. In seinen Augen ist die Erinnerung an die Küsse, die sie ihm getauscht hat, und weckt in ihrem Blute die gleiche, mühsam eingeschläferte Erinnerung. Jedes Gespräch reißt ab, wie es angesponnen ist, denn er verwickelt sich und weiß kaum, was er redet. Und Julia spricht nur, um keine Stille aufkommen zu lassen.

Warum habt Ihr gerade die heißeste Zeit des Jahres für Eure Fahrt gewählt? Es wird August werden, bis Ihr nach Tunis kommt. Ist das ein günstiger Zeitpunkt für einen Heereszug?

Jeder Zeitpunkt ist günstig, wenn man ihn nützt. Zudem ist der August der Glücksmonat meines Hauses und mein eigener. In einem August kehrte einst mein Vater aus achtzehnjährigem Exil in die Heimat zurück. In einem August setzten sie mich in die Herrschaft meiner Vaterstadt ein. Im August ergab sich das belagerte Florenz den mediceischen Kugeln. Und an einem Augusttag vorigen Jahres ließ Donna Julia mich glauben, daß sie mich liebe.

Wie zuweilen einen Verirrten in der Wildnis der Dämon in die Runde führt, daß er sich immer nach kurzem wieder an der Stelle befindet, von der er ausgegangen ist, so führt jedes Gespräch der beiden auf den Punkt zurück, den sie meiden wollen. Und die Frau muß jetzt die ganze Pein des Feuers spüren, von dem der andere in Flammen steht. Der schöne Blumengarten ihrer Freundschaft, den sie jahrelang mit so viel Liebe baute und begoß, ist versengt wie die Bäume des Schloßhofs, die der Atem des Brandes ausgedörrt hat. Und niemand kommt, sie aus der Feuerpein zu erlösen. Der weite Hain liegt einsam in der Glut des Spätnachmittags und keine Seele läßt sich blicken. Sie zürnt dem vergeßlichen Molza, daß er sie in diese bedrängte Lage gebracht hat. Und weil das Beisammensein in der Laube nicht mehr erträglich ist, will sie heraustreten ins Freie. Aber der Feind ihrer Ruhe verstellt ihr den Ausgang.

Julia!

Er sagt es mit einem ganz sanften, bittenden Vorwurf. Und ebenso sanft ist der Zug der Arme, mit dem er sie leise aber unentrinnbar zurückhält. Wenn sie dem Zuge nachgibt, so muß sie geradeaus an seine Brust sinken, wo schon einmal der ihrem Leben so fremde Wahnsinn sie erfaßt hat.

Da begannen die Glocken vom nahen Dom zu schwingen, die der anderen Kirchen fielen ein, und feierlich hallte das Ave-Maria durch die Lüfte, die Stunde des Sonnenuntergangs verkündend. Erschüttert von dem Englischen Gruß, in dem sie eine Warnung von oben zu hören glaubte, riß Julia sich los und faltete tief andächtig die Hände, während ihre Lippen sich in stummem Gebet bewegten. Auch der Kardinal senkte ehrerbietig die Stirn und stand unbeweglich, bis die Töne verhallt waren.

Während die Glocken ausschwangen, erschien Molza mit seinem Buche und Julia atmete auf. Er war der Hitze wegen noch nachlässiger gekleidet als sonst und ging barhaupt, die Mütze in der Hand. Denn das neumodische Hutabnehmen bei der Begrüßung war ihm so ärgerlich, daß er sich in einem langen, witzigen Spottgedicht verschworen hatte, lieber die Kopfbedeckung ganz in der Hand zu behalten, und diesen Brauch übte er nun bei Sonnenschein und Regen. Die Schloßfrau drohte lächelnd mit dem Finger, der Medici aber zuckte die Schulter mit einer leisen Gebärde der Ungeduld, die jener kannte und nicht gern herausforderte. Und da er sie auf den neuerlichen kleinen Verstoß bezog, hob er gleich mit tausend Entschuldigungen an:

Unsre erlauchte Herrin und Eure fürstlichen Gnaden mögen mir verzeihen, wenn das Angeborene wieder einmal stärker war als der eigene Wille. Wir sind das Ergebnis unserer Eltern und Voreltern und Cicero sagt nicht umsonst, all unser Tun und Trachten sei das Tun und Trachten vergangener Geschlechter. Eure Herrlichkeit stammt aus einem Herrscherhause und trägt darum wie die gesammelte Wolke den Blitz der Tat schlagfertig im Busen. Ich aber bin der Sohn eines Vaters, der so zerstreut war, – –

Daß er die Inschrift, die er auf einem seiner Häuser begann, auf einem anderen vollendete, unterbrach ihn trocken der Kardinal im stillen Ingrimm über die Störung. – Wir kennen die Geschichte. (Die Zerstreutheit seines Erzeugers war ein bekannter Lieblingsgegenstand von Molzas Anekdoten.)

Als der Sünder sich so den Trumpf aus dem Munde genommen sah, blieb er kläglich als ein Bild des schlechten Gewissens, sich selber parodierend, stehen.

Eure Herrlichkeit hat mir die letzte Schutzwaffe zerschlagen: jetzt bleibt mir nichts mehr übrig, als um Gnade zu flehen.

Freund Molza, in Fondi endigt meine Gewalt. Ihr müßt Euch an eine höhere wenden; ich habe hier weder zu richten noch zu verzeihen. Vor Donna Julia stehe ich wie der Vasall vor dem Lehnsherrn. Wenn Sie Euch verzeiht, hat Euch niemand einen Vorwurf zu machen.

Dann bin ich glücklich, denn Madonnas Reich ist ein Reich der Gnade. Vor ihr darf der Zerknirschte hoffen, wenn er aus tiefster Seele Besserung gelobt.

Die weiche Julia war gleich zur Absolution bereit. Aber der Kardinal sagte etwas ironisch:

Besserung ist eine gute Sache, man muß nur sorgen, daß man mit seinen Fehlern nicht zugleich das ablegt, was sie verzeihlich machte.

Diese Worte, deren Meinung ihm unerfindlich war, gaben dem Bestürzten viel zu denken. Erst langsam dämmerte es ihm auf, daß er vielleicht diesmal das Mißfallen seines Herrn nicht durch sein Ausbleiben, sondern durch sein Kommen erregt hatte. Das kurze Alleinsein war vergangen, ohne den Durst des Verliebten auch nur mit einem Tropfen gelabt zu haben. Und jetzt füllte sich der Hain mit der Hofgesellschaft, die das Abendgeläute aus ihren dumpfigen Kemenaten zu gemeinsamem Spiel ins Freie trieb, und aufs neue war jedes Wort und jeder Blick der Liebenden durch die Etikette gebunden. Der hohe Gast teilte Zeichen seiner Huld nach allen Seiten aus, während er jeden einzelnen dieser Spielverderber in die Hölle wünschte.

*

In Itri herrschte ein Leben wie nie zuvor. Die kleine Stadt mit ihren zum Teil in die Unterbauten der alten Römerstraße eingeduckten Wohnungen hatte nicht Raum genug für all die Menschen, auch die umliegenden Gehöfte wurden besetzt und die Mannschaft lagerte in Zelten vor dem Tor. Eilreiter mit dringenden Depeschen kamen her- und hingejagt, Persönlichkeiten aller Art erschienen und begehrten den Herrn zu sprechen. Auch das stiller gewordene Fondi, von diesem Wogenschlage berührt, rauschte auf. Nur unter den Häuptern der Verbannten wuchs die Unzufriedenheit. Bereits hatte der Kardinal die Weiterreise nach Neapel aufgegeben und erklärte, sich in Gaeta einschiffen zu wollen. Aber der Juli ging zu Ende und die Galeere, die sie aufnehmen sollte, war nicht bereit. Der Kardinal betrieb die Rüstung mit einer an ihm ganz ungewohnten Lässigkeit, statt mit Blitz und Donner in die schlummernden Anstalten zu fahren. Das Gefolge sah sich mit bedeutsamen Blicken an, die Florentiner murrten. Im Vorzimmer des Kardinals drängten sie sich und tauschten Flüsterworte, die nicht für seine Ohren bestimmt waren.

Es ist sehr warm geworden. Findet Ihr nicht, daß man die Nähe von Capua spürt? bemerkte Piero Strozzi anzüglich.

Ich habe in die ganze Sache kein Vertrauen mehr, seit ich soviel Zeit finde, darüber nachzudenken, sagte einer der Brüder Ridolfi. Der Kardinal spielt mit uns und wird schließlich das tun, was für ihn das Vorteilhafteste ist, ohne sich weiter um uns zu kümmern. Wenn wir glücklich hinüberkommen, wird es Seiner hochwürdigsten Herrlichkeit dringendstes Geschäft sein, alle Welt an sich zu fesseln, als ob dies die Hauptsache wäre. Und wenn er obendrein Florenz erlöst, so wird es aus Zufall und im Vorübergehen geschehen.

Was soll uns überhaupt ein Medici an der Spitze der Regierung? flüsterte sein Bruder. Ist es nicht, als wollte man den Wolf an die Spitze der Schafe setzen? Warum helfen wir uns nicht allein?

Und die kaiserliche Besatzung in Florenz, meine Herren, wer soll die für uns unschädlich machen, wenn nicht einer da ist, auf den der Kaiser hört? warf Filippo Strozzi ein, der selber vordem die Zwingburg für den Herzog bauen half und der darum am besten die Stärke kannte, die seine Mitbürger knechtete.

Wenn alles nach Wunsch geht, entgegnete sein Sohn Piero, so werden wir im besten Falle den Herrn gewechselt haben.

Das ist schon sehr viel in unsrer Lage, antwortete Filippo. Außerdem wissen wir dann, wie man solche Herren wieder los wird.

In diesem Augenblick trat der Kardinal aus dem Gemach und die Verbannten umringten ihn huldigend.

*

Jetzt einen Blick in den Palast der Mediceer zu Florenz, wo sie schon dabei sind, die Räume für den Empfang der kaiserlichen Braut umzugestalten. Es geht gegen Abend, der Herzog befindet sich allein in seinem Gemach mit seinem Vetter und Günstling Lorenzino de' Medici, seinem bösen Geist, der ihn immer tiefer in Ausschweifung und Verbrechen hetzt. Im Vorzimmer räkeln sich neben ihren abgestellten Hellebarden der Giacomo, in der Verkürzung Giomo genannt, und sein Spießgesell, ein Ungar, deren Amt es ist, den Herrn auf seinen nächtlichen Abenteuern zu begleiten und was ihm hinderlich in die Quere kommt, aus dem Weg zu schaffen.

Der Herzog, eine herkulische Gestalt mit von der Stirn aufstrebendem negerhaftem Kraushaar, weit aufgeworfenen Lippen und ungeheurer Nase, lag mit ausgestreckten Beinen im Lehnstuhl; er hatte seine barbarischen Leibeskräfte für diesen Tag so ziemlich vertobt. In einiger Entfernung von ihm stand klein, unscheinbar und schlecht angezogen das gehätschelte und mißhandelte Spielzeug seiner Launen. Alessandro hatte einen ganz guten natürlichen Verstand zur Welt gebracht und wußte sich auch, wo es darauf ankam, zu benehmen. Sobald er aber getrunken hatte, fiel er in eine ausgelassene, rohe Lustigkeit, die leicht in einen Ausbruch seiner ungebändigten inneren Wildheit überging; dann wurden seine Spaße bösartig. Wenn er bei jedem zweiten Wort wie jetzt ein schütterndes Gelächter ausstößt, so weiß die Umgebung, wie es bei ihm steht, und sieht sich vor.

Also Philosoph, warum wolltest du heute nicht dabei sein, als ich vor Grassina den großen Eber zur Strecke brachte?

Herr, warum sollte ich mitreiten, da ich nicht zum Jäger geboren bin und Euch im Falle der Not doch nicht beistünde? Ich habe es Euch hundertmal gesagt, daß Eure Sicherheit bei meiner Tapferkeit schlecht aufgehoben wäre.

Wir haben noch nie nach deiner Tapferkeit begehrt, antwortet der Herzog würdevoll, sich plötzlich an den Plural der Majestät erinnernd. Aber als Unserem Leibphilosophen und Leibfederfuchser kommt es dir zu, Unsere Herrschertaten zu verzeichnen. Wärst du mit Uns durch Ponte a Ema geritten, so hättest du einer beigewohnt, durch die Wir heute in die Reihe der weisen und tugendhaften Regenten eingetreten sind. Grinse nicht, Lorenzino, es ist eitel Wahrheit. Stand da der Müller vor seiner Tür, schrie und raufte sich die Haare. Zwei Herren vom Hofe, jammert er, haben ihm die Tochter weggeschleppt und vergewaltigt; in dem Landhaus dort auf der kleinen Anhöhe halten sie sie eingesperrt. Ein edler Zorn durchglüht mich. Quod licet Jovi non licet bovi. In die Vulgärsprache übersetzt: Der Untertan soll sich nicht herzogliche Vorrechte anmaßen. Ich sage zu dem Mann: Hör' auf zu flennen. Wenn du die Wahrheit gesagt hast, schaffe ich dir die Tochter zurück und einen adligen Schwiegersohn dazu. Hast du gelogen und ist sie gerne mitgegangen, so leg' ich dir den Kopf vor die Füße wegen Verleumdung meiner Kavaliere. So reiten wir vor das Landhaus, das ganz neu erbaut ist, und ich klopfe mit der Gerte an. Herunter kommt, wer denkst du? Franciotto, der Pisaner, denn ihm gehört das Landhaus, und sein Busenfreund, der schiefe Petrino. Ich bewundere das Haus und begehre die Innenräume zu sehen. Der Pisaner mir nach mit tausend Faxen und Komplimenten, mit Wein und Früchten, um mich aufzuhalten, aber ich gehe durch alle Zimmer, bis ich an eine verschlossene Tür komme. Aufgemacht! sage ich. Mein Pisaner flüstert mir ins Ohr: Durchlaucht verzeihen, ich habe drin ein Schätzchen, mit dem ich die Nacht verbrachte. – Das war wohlgetan, sage ich gnädig, aber laß schauen, ob sie hübsch ist. Und da er noch immer zaudern will, sprenge ich mit einem Fußtritt die Tür, du kennst meine Kraft. Drinnen ein hübsches, junges Ding, ganz zerrauft und verheult. Wer bist du, mein Kind? frage ich väterlich. – Des Müllers Tochter – hu – hu – hu. (Der Herzog machte das Heulen nach.) Und nun laß ich mir den Hergang erzählen. Da fühl' ich mich Salomo werden vom Wirbel bis zur Zeh. Welcher von den beiden Herren hat sich zuerst an dir vergangen? Sie deutet auf den Pisaner. Ich ziehe erhaben meinen Ring vom Finger – siehst du, so – und reiche ihm den: Mit diesem Ring wirst du heute noch das Mädchen heiraten, so lieb dir dein Kopf ist, der sonst heut abend auf dem Schindanger liegt. Ich will dich lehren, wie man Ehrenmännern die Töchter beschimpft. – Und du, sage ich zu dem andern, der sich schon freuen will, daß es nicht ihn getroffen hat, du schaffst ihr eine Mitgift von viertausend Dukaten her, und das unverzüglich, sonst geht es um deinen Kopf. – Was sagst du, Philosoph? Bin ich nicht auf dem Weg, ein zweiter Trajan zu werden? So hör' doch auf zu lachen, Lorenzino.

Eure Durchlaucht hat Recht, die Geschichte wird einmal sagen, daß es Euch damit Ernst gewesen ist, ebenso der Lehrmeister wie – der Vater Eurer Untertanen zu sein.

Der Herzog verstand nicht gleich, dann brach er in ein wieherndes Gelächter aus.

In Wahrheit, dazu fühle ich mich sehr aufgelegt. Aber jetzt, Philosoph, denke dir etwas aus, womit wir uns heut abend die Zeit vertreiben, denn ich kann nicht immer aus meiner eigenen Vortrefflichkeit zehren.

Wie wär's, wenn Ihr bei den Camaldulenserinnen von Sant' Agata einstiegt, wo sie heute eine bildhübsche Novize eingekleidet haben, und mit unserem Heiland Halbpart machtet? Die Mauer ist hoch, aber Ihr seid gelenk, und ich halte Euch die Leiter, wenn uns der Giomo den Rücken deckt.

Der Herzog schüttelte sich:

Nein, ich habe an den Nonnen den Geschmack verloren, seit ich bei den Murate in die falsche Zelle drang und sie mich statt der niedlichen Schwester Costanza den kalten Leichnam ihrer alten Äbtissin fassen ließen; es friert mich noch, wenn ich dran denke. Du weißt ja, wer mir jetzt gefällt. Wann wirst du mir endlich die schöne Caterina zur Stelle schaffen?

Herr, das mit der Caterina ist eine kitzliche Sache. Ich sagte Euch ja schon, daß sie eine ehrbare Frau und zudem die Halbschwester meiner Mutter ist.

Tante hin, Tante her, was schadet das, wenn sie jung und schön ist? Wegen der Verwandtschaft, meinst du? Um so besser: ich kann gar nicht nahe genug mit dir verwandt sein.

Dabei brüllt er vor Lachen.

Ich bin Euch sehr verbunden. Aber so rasch geht das nicht. Meine Tante ist spröde, Ihr müßt mir die Zeit lassen, sie zu bereden. Auch bin ich gewiß, daß Ihr Euch mit ihr langweilen werdet, denn sie ist ein Schöngeist und wird Euch gleich in eine literarische Unterhaltung verflechten wollen, was Ihr nicht liebt.

Puh, das wäre die rechte Höhe für meinen Vetter Kardinal, den Erznarren, der seine Liebesstündchen mit der Äneis würzt. Aber führ' sie nur her, ich will dem Vögelchen den Mund schon stopfen.

Je lärmender er sich gebärdet, um so mehr entwickelt sich sein Rausch. Der unglückliche Günstling befindet sich in einer üblen Lage, denn schon läßt der Herzog drohend das Weiße der Augen sehen, was leicht der Vorläufer einer Tätlichkeit sein kann. Aber schon beginnen auch seine Gedanken umherzuspringen, daß er nicht mehr bei einer Sache zu bleiben vermag.

Was weißt du Neues von unsrem Hochehrwürdigsten?

Wen meint Eure Durchlaucht?

Wen werde ich meinen als den Troubadour im Purpur, unsren hochgelahrten Herrn Vetter, dem sie gewiß beim nächsten Konklave die Tiara aufsetzen werden für seine Verdienste um die heilige Kirche, – wenn ihm nicht vorher etwas zustößt.

Ach so, den Kardinal? Ich höre, daß er nach Tunis will mit dreihundert Zitherspielerinnen und ebensovielen Kastraten, die afrikanische Musik an der Quelle studieren, antwortet Lorenzo spöttisch.

Das weiß ich längst; aber höre: hast du nicht etwa eine Schwäche für ihn behalten von der Zeit her, wo er den Strick abschnitt, womit sie dich in Rom schon halb gehenkt hatten wegen deiner genialen Arbeit an den Monumenten?

Die Züge des Tyrannen hatten jetzt einen mißtrauischen und zugleich grausamen Ausdruck angenommen. Er liebte es, den Kleinen, mit dem er spielte wie die Katze mit der Maus, an seinen Bösenbubenstreich in Rom zu erinnern, die Zerstörung antiker Skulpturen, durch die er sich Verbannung und Todesurteil zugezogen hatte und in das Elend gestürzt war, in dem er sich jetzt befand.

Es ist wahr, Herr, Ippolito sprang mir bei, als es übel um mich stand, und riß mich aus den Händen des Papstes. Aber jetzt esse ich Euer Durchlaucht Brot und seit dem Tage, wo er Eure Sicherheit zu bedrohen anfing, habe ich meine Schuld an ihn ins Wasser geschrieben.

Daran tatest du wohl. Ich will ihn, ehe er abreist, eine ganz neue Melodie singen lehren, die er noch nicht kennt. Das wird ihm Freude machen. Der Singlehrer ist schon unterwegs. Aber jetzt komm: nimm diesen Degen, ich will heute noch meinen Spaß haben.

Der Kleine begann zu zittern. Was soll ich denn mit dem Degen? sagte er furchtsam.

Ei, was jeder Mann mit dem Degen soll: fechten. Ich will dich heut abend mit dem Giomo fechten sehen.

Herr, der Giomo ist stark und gewandt und ich kann kaum die Waffe halten. Die Partie steht zu ungleich.

O du Alräunchen, antwortet der Herzog lachend, wenn ich nur wenigstens wüßte, woher du die jämmerliche Feigheit hast. Die ist doch sonst nicht in der Familie.

Als meine Mutter mit mir schwanger ging, erschrak sie bei einem Straßenkrawall an Blut und blanken Schwertern. Daher ist mir das angeboren. Als Kind bekam ich jedesmal Krämpfe, wenn ich eins oder das andere sah, und noch immer befällt mich dabei das Zittern, Ihr wißt es. Darum wurde ich auch kein Krieger, sondern ein Mann der Feder, und als solcher diene ich Euch und ich diene Euch treu. Wenn Ihr mich zwingt, mit dem Giomo zu fechten, so schädigt Ihr eine Sache, die Euch selbst gehört und die Euch oft schon nützlich war.

Nun, laß gut sein, antwortet der Herzog gnädig. Du sollst heute keine Waffe mehr sehen müssen. Wenn du mich ärgerst, spieß' ich dich an einer Kielfeder auf. Da komm her und küss' mir den Schuh zum Dank.

Dabei streckte er im Lehnstuhl liegend dem Vetter die Zehenspitze hin.

Was, du willst nicht?

Er ließ seine Negeraugen rollen und blies den dicken Hals auf wie ein welscher Hahn.

Das war selbst dem Entwürdigten zu viel. Er wich zurück und sagte leise:

Eure Durchlaucht bedenke, daß ich auch Medici heiße.

Aber der Rausch des Herzogs war wieder in ein neues Stadium getreten, in das eigensinnige. Er ging dem Opfer seiner Gunst durchs Zimmer nach und sagte in beinahe bittendem Tone:

Komm, komm, Lorenzino, du siehst, ich will es nun einmal haben. Gehorche, sonst muß ich dich strafen. Mach es wenigstens so wie es der Papst am Gründonnerstag bei der Fußwaschung macht.

Herr, ich habe nie gesehen, wie es der Papst macht.

Aber ich, du Tropf. Ich ging ja als Kind durch alle Zimmer im Vatikan. Er nimmt ein Lavendelbüschel, womit er den armen Teufeln zum Schein die Füße reibt, und küßt hernach seine eigenen Daumen.

O du Vieh, dachte der Unglückselige, indem er die verlangte Gebärde vollzog, nicht ohne Furcht, einen Tritt ins Gesicht zu bekommen.

Siehst du jetzt, daß ich nicht so schlimm bin wie ich aussehe. Ich habe heute meinen gnädigen Tag und habe schon drei gute Taten getan: die große Sau erlegt, die Grassina verwüstete, eine Müllerdirn zur Edeldame gemacht und einem Feigling den Fuß nicht in die Schnauze gestoßen. Schreib es auf, Lorenzino.

Lorenzinos Blässe ging mehr und mehr ins Grüne über, aber in seinem Gesicht, das ausdruckslos blickte wie das der Gaukler, bewegte sich nichts. Nur unter seinen halbgeschlossenen Lidern schillerte es grünlich heraus wie vom Vorüberhuschen einer Schlange.

Zweifelt nicht, Herr, es wird alles bis aufs kleinste verzeichnet.

Nachdem die beiden das Vorzimmer durchschritten hatten, um sich zur Abendtafel zu begeben, von wo bald darauf ihre Stimmen singend und johlend herüberschallten, sagte der Ungar mit seinem fremden Akzent zu dem Kameraden:

Ich weiß nicht – Herr Philosoph gefallt mir immer weniger. Ich habe entdeckt, daß übt sich heimlich im Fechten.

Das hat ihm der Herzog selbst befohlen.

Und neulich fand ich ihn, wie er das Stahlhemd genau betrachtete, das herzogliche Gnaden auf dem Bett zurückgelassen hatten. Gott weiß, was er damit wollte.

Und dann liefst du, Tolpatsch, den Lorenzino beim Herzog verklagen, der dich auslachte, wie du's verdienst.

Weil war Herr Philosoph schon dagewesen und hatte es selbst erzählt.

Der Giomo gefiel sich darin, gegen Gleichstehende die Sprechweise und das Betragen seines Herrn nachzuahmen.

Laß mir den Lorenzino in Frieden. Er ist kein Haudegen wie Unsereiner, aber ich bin ihm gewogen, sagte er herablassend.

Du ihm? entgegnete der Ungar mit treuherziger Verwunderung.

Ja, ich denke demnächst um seine Schwester anzuhalten.

Der Ungar lachte.

Bruder, wann hast keine andern Lichtstümpfchen, magst zu Bett gehen im Dunkeln.

Es war eine Redensart, die er im Volksmund aufgeschnappt hatte und die er gern anwandte, ob sie paßte oder nicht. Hier paßte sie zufällig.

Der Giomo aber nahm sie übel auf:

Was willst du damit sagen?

Wenn findest keine andere Braut, wirst müssen Mönch werden.

Schweig still mit deinem Kauderwelsch. Ich will ihm nun einmal die Ehre antun.

Herrn Lorenzino, was ist Vetter von herzoglichen Gnaden? Sag's noch einmal, damit ich's glauben kann.

Giomo pflanzte sich breit auf:

Ich, Giacomo, des Herzogs Kämmerer und Leibtrabant, bin geneigt, um die Schwester des Herrn Lorenzino de' Medici zu werben, der sein Kuppler und Spaßmacher ist. Hast du jetzt verstanden und bist du's zufrieden? Oder findest du, daß ich mich zu tief heruntergebe?

Der Ungar schüttelte den Kopf, als verstünde er die Welt nicht mehr.

Wüßte ich nur, was hat gewollt mit Stahlhemd herzogliches.

Du Narr, probieren, wie es ihm zu Gesichte steht.

*

Noch immer wurde im Hafen von Gaeta an der Galeere weiter gebaut. Es war als säße in dem Schiff eine unsichtbare Penelope, die des Nachts wieder aufdröselte, was am Tage geschah. Eine Hitze, wie man sie seit Menschengedenken nicht erlebt hatte, lag über der ganzen Küste und lähmte alle Tatkraft. Die Verbannten, die sich auch in dem hochgelegenen Itri kaum aus den Häusern getrauten, wurden immer mißmutiger. Nur der Medici ritt, so oft er sich von den Geschäften frei machen konnte, achtlos wie immer aus seinem Bergnest in die glühende Ebene von Fondi hinab; höchstens, daß er sich die Stirn mit einem Laubzweig schützte, den er unterwegs ein paarmal wechselte. Die ungestillte Liebe ließ ihn keine Ruhe finden, bis er die Herrin von Fondi wiedersah, und jedes Wiedersehen vermehrte das Fieber, da er weder ihren Widerstand noch seine Leidenschaft besiegen konnte. Wenn er sich beim Wegreiten erbittert zuschwor, daß er zum letztenmal dagewesen sei, so sah ihn der nächste Tag mit erneutem Verlangen zu ihr zurückkehren. Und Donna Julia kämpfte weiter um einen Sieg, von dem doch alle Blumen ihres Lebens verdorren mußten. Sie ließ immer eine Ehrendame mit der Handarbeit in der Nähe sein oder hielt den Molza, der sich ihr jetzt mit Eifer widmete, als Schild vor, um den Kardinal nicht allein zu empfangen. Doch sie war am Rande ihrer Kraft: wenn sie ihn nur einen Tag nicht gesehen hatte, weinte sie nachts vor Sehnsucht und Verlassenheit. Er aber hoffte von einem Besuch auf den anderen und schäumte innerlich, wenn ihm auch die karge Freude versagt blieb, mit ihr ein Wort unter vier Augen zu tauschen. Mit einer hartnäckigen Treue, die zu seiner sonstigen Beweglichkeit im Widerspruch zu stehen schien, drehte sich sein Wesen in dieser Angel. Seine Vertrautesten erzählten später, daß sie ihn des öfteren seufzen hörten: Fundi, mei calamitas! Fondi, mein Unheil! Dieser Stoßseufzer des alten Terenz um sein Landgut, den der Kardinal verkehrend auf das eigene Herzeleid bezog, wurde nachmals als unbewußtes, von ihm selbst gesprochenes Schicksalswort gedeutet.

Noch einen Sturm hatte Julia zu bestehen, den letzten.

Eines Tages kam er vom Gebirge herabgeritten mit einem Strauß wundervoller Waldblumen und rotblühender Heide. Es war zu einer Morgenstunde, wo sie ihn nicht erwarten konnte, deshalb fand er sie allein im Saale.

Euer alter Freund Sacripante schickt Euch diese Blumen und bittet Euch, ihn und seine Treue nicht ganz zu vergessen.

Wart Ihr dort oben? fragte sie mit innerem Erzittern.

Ich mußte die Stelle einmal sehen, wo mein bester Freund begraben ist.

Sie hielt die Blumen und barg ihr Gesicht darin, um ihre Tränen nicht zu zeigen.

Armer Sacripante! Und um meinetwillen habt Ihr ihn verloren.

Da kniete er schon neben ihr und drückte den Mund auf ihre Hand.

Nichts ist verloren, Julia, das um Euch geopfert ward.

Ähnlich hatte er auch in jener Nacht gesprochen. Jetzt brach sie in Weinen aus, denn sie konnte nicht mehr.

Mein Freund, wir sind sehr unglücklich.

Er sprang freudig in die Höhe und mußte sich Zwang antun, nicht beide Arme um sie zu schlingen.

Ihr sagtet Wir. Ich danke Euch für dieses Wort. Es ist das erste gütige, das ich in diesem Jahr von Euch vernehme. Jawohl sind wir unglücklich, aber nur, weil Ihr es so wollt, weil Ihr mir nicht erlaubt, Euch mit einem Ozean von Glück zu überschütten. Ihr steht so hoch und frei wie keine zweite Frau, Ihr könnt Euer Herz verschenken, wenn Ihr eins habt, ohne einen Gatten zu beleidigen, Euer Name ist so unantastbar, daß jede Verleumdung vor Euch in die Knie sinkt –

Soll er künftig auf einer Lüge aufgebaut sein? Und das Andere, Größere, was zwischen uns steht –? Warum muß ich als Weib geboren sein zu Eurem und meinem Unglück? Ich wollte, ich wäre Euer Ascan oder meinetwegen der letzte Eurer Mannen und dürfte Euch folgen, Ihr solltet nicht an meinem Herzen zweifeln.

Julia, Ihr macht mich ja lachen, das wäre ein schlechter Gewinn. Es fehlt nicht an Mannen, die mir folgen, aber es gibt nur Eine Frau, zu der ich beten kann. Wenn Ihr versuchtet, mir Gift zu geben aus Furcht, daß mir eine andere gefallen könnte, dafür wollte ich Euch die Hände küssen, aber was tu ich mit einer so lauen Liebe?

Mehr habe ich nicht, mein Freund, sagte sie aufstehend, um das Gespräch zu beenden.

Jetzt erfaßte ihn der Zorn.

So wollte ich, Ihr hättet mich nie geküßt. Setzt einem Verschmachtenden am überheißen Tag den Becher an den Mund und zieht ihn wieder weg, so treibt Ihr seinen Durst zur Verzweiflung.

Sie schlug die Augen nieder und senkte die Stirn.

Der unselige Augenblick hat mich Reue genug gekostet.

Unselig nennt Ihr, was ein Vorschmack des Paradieses war, von dem Ihr uns beide töricht verbannt? Weil Ihr einmal eine Minute lang menschlich empfandet, dafür wollt Ihr Euch noch anklagen?

Ja, weil ich das einzige Glück zerstören half, das ich je besaß, Eure Freundschaft. Wir könnten noch immer glücklich sein und könnten diese letzten Tage mit Andacht genießen wie ein Göttergeschenk, alles wäre klar und schön geblieben wie zuvor, ohne den einen Augenblick.

Nein, es wäre doch nicht so geblieben. Es liegt nicht in unserer Macht, immer am gleichen Fleck zu verharren. Ein Stärkeres schiebt uns vorwärts. Es ist nicht meine Schuld, wenn ich Euch quälen muß. Nicht die Mutter, die Euch geboren hat, konnte Euch mehr lieben als ich. Aber zwischen Mann und Weib hat Gott selber dieses Flammenmeer ausgebreitet, sie müssen hinein, ob sie wollen oder nicht, er kann es ihnen nicht erlassen.

Sie zitterte von Kopf zu Fuß, aber die Formung, die ihr Geist schon in der frühesten Jugend empfangen hatte, hielt seiner verführerischen Beredsamkeit noch immer stand. Es schien als blickte der Gekreuzigte warnend von der Wand, damit sie ihm nichts nehme, und der Schatten des Rodomont rührte sie mit leisem Finger an.

Gott gab uns auch zu unterscheiden, was gut und böse ist, und zeigte uns aus der Ferne jene anderen Flammen.

Julia, was hat Euren holden Geist so verdüstert, daß Ihr überall die Höllenflammen seht? Ihr verwechselt ja die menschlichen mit den göttlichen Satzungen. Von solchen Vergehungen kann unsere Kirche freisprechen. Bald reiße ich das Nessusgewand herunter, das mich bis auf die Knochen brennt, dann ist die Schranke, die Euch ängstigt, nie gewesen. Wollt Ihr mich nun wirklich übers Meer entlassen, ohne die Flammenqual, die mich verzehrt, auch nur mit einem Tropfen gelindert zu haben?

Als er sah, daß sie entschlossen war, ihn nicht weiter anzuhören, stieg der alte Verdacht, dessen er sich schon einmal entschlagen hatte, aufs neue in ihm auf.

So sagt mir endlich die Wahrheit, Donna Julia. Ihr könnt das überspannte Märchen von der Treuepflicht gegen den toten alten Mann, mit dem man Eure Kindheit verkoppelt hat, nicht länger aufrecht erhalten. Euer ganzes Wesen haucht Liebe aus, und nicht die Liebe der wunschlosen Engel; ich sehe sie ja rundum zünden. Und ich weiß, daß Ihr trotz Eurer Himmelsschönheit aus menschlichem Stoff geschaffen seid wie wir anderen Sterblichen. Wenn Ihr mich verstoßt, so ist es, daß Ihr einen anderen liebt. Also sagt mir, ob ich zu lange fort gewesen bin, ob ein anderer mich unterdessen verdrängt hat. Dann werde ich von Euch ablassen und Euch niemals wieder mit Wort oder Blick belästigen.

Unter diesem neuen Druck wich die gequälte Seele aus dem mühsam erhaltenen Gleichgewicht. Sie machte mit sanfter Gewalt ihre Handgelenke frei, die er ingrimmig preßte.

So wenig kennt Ihr mich also nach einer Freundschaft von vielen Jahren? Kann auch eine Frau, die diesen Namen verdient, im Handumdrehen ein lebenslanges Gefühl vertauschen? Da Ihr mich zwingt, so will ich reden. Ich log, als ich sagte, daß ich nichts für Euch hätte als diese laue Freundschaft. Ich liebe Euch mehr als irgend etwas auf der Welt und ich liebe Euch ganz so wie Ihr es haben wollt, denn es ist wahr, daß ich vom gleichen Stoff geschaffen bin wie andere Sterbliche. Ihr redet viel von den Flammen, die Euch verzehren, aber ich sehe nicht, daß Ihr zu Asche gebrannt seid. Eine Frau, die liebt, wo sie nicht darf, zerschmilzt geräuschlos wie eine Kerze, niemand weiß, was sie leidet. Es werden im Kriegs- und Weltleben manche Stunden sein, wo Ihr vergeßt, daß es eine Julia Gonzaga gibt. Es ist keine Stunde, wo mein Herz nicht nach Euch wund wäre. Wollt Ihr dieses Geständnis einer unglücklichen Frau mißbrauchen? Wenn ich Euch gehören dürfte und sollte ich es gleich mit meinem Leben bezahlen, so wäre das ein Handel, bei dem ich nicht markten wollte. Aber soll ich den Namen mit Füßen treten, der nicht mir allein gehört? Soll ich vor meinen Angehörigen die Augen niederschlagen? Soll ich erröten müssen, so oft von den Liebchen der großen Kirchenfürsten die Rede ist? Soll ich in steter Gewissensqual und Reue leben? Wollt Ihr das? Wenn Ihr es wollt, so bin ich verloren.

Alle Fassung hatte sie verlassen, daß sie aufschluchzend in ihren Stuhl zurücksank.

Als er sah, daß sie so ihre eigene Wehr zerschlug und ihm verzweiflungsvoll die Trümmer vor die Füße warf, begriff er erst, was diese zarte, schwerlebende Seele um seinetwillen litt, und er schämte sich seiner leichtsinnigen Selbstsucht.

Nein, Julia, ich will es nicht.

Nach seiner Kopfbedeckung greifend eilte er weg und stürzte nach dem Stall, um selber sein Pferd herauszuziehen, wobei er den erschrockenen Reitknecht, der ihm helfen wollte, über den Haufen rannte.

Julia lag leise wimmernd zu Füßen des Gekreuzigten. Sie hatte das Steuer aus der Hand verloren und wußte nicht mehr, wohin sie trieb. Fast bedauerte sie jetzt, daß er gegangen war. Ist das Opfer nicht zu groß gewesen? War es wirklich von ihr gefordert? Gibt es eine Hölle, wo der Geliebte bei der Geliebten ist? – Wie Lavaströme kommt es auf sie zugeschossen und alle unerlöste Sehnsucht ihrer Jugend strömt diesen Strömen entgegen.

O mein Heiland, führe mich, hilf mir du.

Arme Julia, er wird helfen, aber anders als du denkst.

*

Vor dem Kloster traf der Kardinal mit jenem reisenden Kaufmann zusammen, der ihm nun schon wiederholt den Weg gekreuzt hatte.

Ich hörte in Fondi von Euer Herrlichkeit Anwesenheit und wollte nicht verfehlen, Euch meine Ehrfurcht zu bezeigen.

Ihr seid willkommen. Neues von Florenz?

Ich möchte es Euer Herrlichkeit unter vier Augen mitteilen.

Der Kardinal führte ihn in sein Schlafgemach, das vereinzelt lag mit dem Blick auf die Ölwälder von Itri.

Was bringt Ihr also?

Gnädigster Herr, zunächst: Francesco Berni ist tot.

Der Berni? Wie kam das?

Sehr plötzlich, wie es jetzt bei uns des öfteren kommt. Er nahm am Abend noch an einem Gastmahl teil, des Morgens fand man ihn tot im Bette.

Weiß man den Grund?

Es heißt, er habe einen Auftrag bekommen, den er nicht auszuführen wagte.

Ich kann ihn mir denken. Was weiter?

Seine Durchlaucht hat von Euren Anstalten erfahren.

Der Kardinal zuckte die Achseln:

Das ist leicht möglich, sie sind nicht geheim.

Er ist entschlossen, Euch das Wasser abzuleiten und rüstet einen glänzenden Aufzug, um seinen kaiserlichen Schwiegervater bei der Heimkehr in Neapel zu erwarten und sich seiner Gunst zu empfehlen. Er hat die besten Redner und einen Staatsmann vom Range des Guicciardini bei sich, um seine Sache gegen die Verbannten zu führen.

Wir werden ihm zuvorzukommen wissen, antwortete der Kardinal.

Das ist es, was er am meisten fürchtet. Und darum habe ich mir erlaubt, Eure Herrlichkeit zu warnen. Es gibt überall feile Hände; unter den Verbannten selber ist nicht einem jeden zu trauen. Ich sah heute Eure fürstlichen Gnaden allein reiten, – vergebt meinem Eifer, wenn er Euch zudringlich erscheint: ich mußte an die vielen Schlupflöcher denken, in denen in hiesiger Gegend ein Hinterhalt sich verstecken kann.

Ich danke Euch, ich werde auf meiner Hut sein.

Und daß ich's nicht vergesse, fuhr jener, schon im Begriff sich zu verabschieden, fort: Euer Herrlichkeit Vetter, Herr Lorenzino, der am Hofe in Mißachtung lebt, bewahrt Euch eine unauslöschliche Dankbarkeit und trug mir auf, Euch zu grüßen.

Ippolito blickte befremdet. Es berührte ihn seltsam, daß jener zufällig von seiner Anwesenheit in Fondi gehört haben wollte und doch zugleich einen Gruß von Lorenzino brachte; aber seine Gedanken waren noch so von der geliebten Frau erfüllt, daß er dem Widerspruch nicht nachging.

Höflingsgeschwätz, das sich wichtig macht, sagte er zu sich selbst im stillen.

Und er trug mir auf, fuhr der Florentiner fort, Euch zu sagen, daß er Euch bald mit etwas Schönem überraschen wolle.

Wieder wunderte sich Ippolito. Hatte Lorenzino wirklich diesen Auftrag gegeben oder wollte der andere ihn aushorchen?

Was kann von Lorenzino Schönes kommen? sagte er kalt.

O, war die Antwort des Florentiners, er hat kürzlich ein Lustspiel geschrieben, das bei Hofe vielen Anklang fand und zweimal aufgeführt wurde. Und jetzt trägt er sich mit einem Trauerspiel, das er Eurer Herrlichkeit widmen will.

Ippolito zuckte die Achseln und erwiderte nichts.

Indessen würden Eure fürstlichen Gnaden vielleicht wohl tun, auch Herrn Lorenzino nicht zu trauen. Er macht den Eindruck, als ob er auf beiden Achseln Wasser trage.

Ich habe nichts mit ihm zu schaffen. Im übrigen danke ich Euch.

Der Florentiner verbeugte sich tief, um zu gehen. Da hielt ihn der Kardinal, der niemand unbeschenkt entlassen konnte, mit einer leichten Gebärde fest. Er öffnete eine Kassette, die immer mit Gold und Juwelen gefüllt auf seinem Tische stand, und entnahm ihr einen schöngefaßten Stein.

Nehmt dies zu meinem Andenken, ich hoffe den Tag zu sehen, wo ich Euren Eifer besser belohnen kann.

Jener empfing das Geschenk mit einem Ausdruck von Unsicherheit, aber auf einen freundlichen Wink des Kardinals entfernte er sich.

Was wollte der Mensch mir eigentlich sagen? Daß Lorenzino zweideutig ist und die Florentiner unzuverlässig? Das weiß ich ohnehin. Und er selber ist auch einer.

Aber schon war er mit all seinem Fühlen und Wollen wieder bei Julia. Ihre Worte hatten das Tiefste und Zarteste in ihm aufgeregt und er gab ihr Recht. Eine Julia Gonzaga durfte nur dem gehören, der sie frei vor aller Welt besitzen konnte. Diese Frau, die es wert wäre, Königin und Kaiserin der ganzen Erde zu sein, zur Geliebten eines Kardinals zu machen, wäre Tempelschändung. Der spanische Gesandte, der seinen Planen günstig war, hatte in ihren vertrauten Unterredungen zuweilen ganz im Vorübergehen der Kaiserstochter Erwähnung getan, die den Thron von Florenz neben Alessandro besteigen sollte. Ippolito hatte verstanden und es war nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Jetzt warf er den Gedanken weit von sich und beschloß, ihm gleich einen Riegel vorzuschieben. Wäre er nur schon den verhaßten Purpur los, könnte er der echten Braut den herzoglichen Hermelin um die Schultern legen. Der Boden Europas brannte ihm mit einem Male unter den Füßen. Nur jetzt keinen weiteren Verzug. Nicht hier im weichlichen Müßiggang, in Afrika bei den Fahnen des Kaisers mußte er sich Julia holen. Dort war ohnehin der Platz ihrer Freunde. Der Fürst von Sulmona, der mit seinem König gezogen war, hielt die Gräfin von Fondi über alle Kriegsereignisse auf dem Laufenden, und die Gesellschaft beglückwünschte sie zu jedem Nachteil des Barbarossa, als ob der Seeräuberkrieg, den Karl V. führte, der Krieg Julia Gonzagas wäre. Er war es auch, denn ihre Untertanen schmachteten in der Sklaverei des Barbaren. Alles kam zusammen, Staatsklugheit, Ruhmgier, Liebe, Christenpflicht, ihn nach dem afrikanischen Ufer zu rufen. Das Leidenschaftsfieber, das ihn Tag für Tag an die Scholle gefesselt hatte, wich dem alten Durst nach Taten. Er beschloß, sich gleich nach Gaeta zu begeben, um die schnellere Ausrüstung der Galeere in Person zu betreiben.

Unterdessen sagte Dante Berlinghieri, der an einem Fenster stand, zu dem Grafen Della Zenga:

Da geht er wieder, der florentinische Duckmäuser. Ich kann ihn nicht sehen, ohne daß es mir einen Herzstich gibt. Was braucht der Kerl nur immer um unseren Herrn zu schleichen? Er hat, wie mir scheint, den bösen Blick, denn jedesmal kommt danach ein Unheil, wie damals bei dem Pulveranschlag, den sie uns in die Schuhe schieben. Heut früh sah ich ihn allein im Klostergarten mit dem Küchenmeister reden und auch Andrea sagte mir, der Mann wolle ihm nicht gefallen.

Was suchte er denn bei ihm? fragte Della Zenga.

Andrea meint, er habe ihn ausforschen wollen. Man sollte den Herrn warnen. Dies Geschlecht hat weder Treu noch Glauben. Wenn unser Herr Jesus Christus noch einmal zur Erde kommt, wird es ein Florentiner sein, der ihn verrät.

Der dieses sprach, stammte aus Prato und war im vererbten Haß der feindlichen Nachbarstädte aufgewachsen, daher der Zenga, ein Venetianer von der Terraferma, ihn auslachte.

*

Endlich war es so weit, daß man hoffen konnte, in wenigen Tagen in See zu stechen. Für seinen bevorstehenden Namenstag wollte der Kardinal den Bewohnern von Itri noch ein Volksfest geben, an dem auch die Gräfin von Fondi, die zugleich Herrin von Itri war, mit ihrem ganzen Hofstaat teilzunehmen versprochen hatte. Die Wiesen vor der Stadt wurden geebnet für das Ringelstechen und andere kriegerische Spiele, in denen das farbige Gefolge des Kardinals seine berühmten Künste zeigen sollte. Außerhalb der Stadtmauern, an diese angelehnt, errichtete man hölzerne Tribünen und einen großen mit Zelttuch überspannten Hochsitz für die vereinigten Höfe. Kunstvolles Feuerwerk war aus Rom herbeigeschafft gleich dem, das der Kardinal am Abend der Papstwahl zu Ehren des neuen Pontifex vor dem Tor der Cancelleria zum Entzücken der Römer hatte abbrennen lassen. Für das Popolino sollte ein Glücksbaum aufgerichtet und mit vielen Preisen behängt werden. Rinder und Schafe wurden geschlachtet, um im Freien in ganzer Größe an Spießen zu schmoren, der Wein dazu stand in Fässern bereit; die Einwohner von Itri leckten sich schon bei der Vorstellung den Mund und zählten die Tage, die sie noch von dem Feste trennten. Der Kardinal ging in Person umher, alles nach seinen Wünschen ordnend, durch Lob und Versprechungen anfeuernd. Er wollte mit einem Schauspiel aus dem Lande scheiden, von dem noch Kinder und Kindeskinder reden sollten.

Ist der Ernst seiner Freundin auf ihn übergegangen? Zweifelt er am Ausgang seines Unternehmens oder drückt ihn einfach die Sonnenglut? Unter der Bräune seines Angesichts fühlt man eine Blässe durch. Aber sein Schritt und seine Bewegungen sind leicht und federnd wie immer.

Nachdem alles besichtigt ist und die Luft sich schon abgekühlt hat, läßt er sich den Bajazet vorführen und mit lässigem Zügel, schrittweise, denn wer mag sich heute noch erhitzen? reitet er in den strahlenden Abend hinein. Gesellschaft will er keine, da er sich zum Sprechen unlustig fühlt, aber eingedenk der empfangenen Warnung läßt er den Garofalo in kurzer Entfernung folgen. Dabei summt er ein Liedchen vor sich hin, das er einmal von einem jungen Burschen in der toskanischen Maremma gehört hat und das er sich einprägte, weil es ihn rührte und weil er neben der Künstlichkeit seiner Hofpoeten die schlichte, ursprüngliche Dichtersprache des Volkes liebte.

Mimosenblüte,
Mein Lieb erschaudert, will ich sie berühren.
Wer nimmt die Sehnsuchtspein mir vom Gemüte?

In diesem Augenblick sprang sein Pferd jählings zur Seite, daß der Reiter Mühe hatte, sich im Sattel zu halten. Es zitterte und schnaubte und vergeblich suchte dieser es durch Streicheln und Zureden vorwärts zu bringen.

Verfluchte Hexe, schrie der Garofalo, und jetzt erkannte der Kardinal erst, was es war, das sein Tier erschreckt hatte. Neben einem Olivenstamm, grau und verkrümmt wie dieser, stand jenes alte Weib mit Rocken und Spindel, das ihm einmal im Vorjahr unheilkündend in den Weg gekommen war. Wieder mummelte sie mit zahnlosem Munde und ließ sich durch die drohenden Zurufe und Armbewegungen des Knechtes nicht vom Platze treiben, bis dieser Miene machte, sie niederzureiten. Da erst verschwand sie in den Graben. Dem Kardinal war es in diesem Augenblick, als hätte er mit der Spindel einen Stich ins Hirn bekommen, und gleichzeitig packte der Bajazet auf und stürmte, ohne dem Zügel zu gehorchen, dahin wie von Tollheit erfaßt. Es blieb nichts übrig, als ihn sich ausrasen lassen, bis er wieder zu sich kam und zitternd stehen blieb. Da konnte endlich der Reiter umlenken, aber er mußte sich schwindelnd an der Mähne des Tieres halten, so heftig hatte ihn der Kopfschmerz befallen. Langsam im Schritt kehrte er nach Itri zurück, und vor der Klosterpforte angekommen, sank er halbohnmächtig in die Arme der Knechte.

In der folgenden Nacht brach das Sumpffieber, das er sich durch seine sorglosen Ritte in der gefährlichen Jahreszeit zugezogen hatte, mit einer Jagd seltsamer, unfaßbarer Phantasien an ihm aus. Unter anderem trat er in eine Kirche, die er für San Lorenzo in Damaso hielt, obwohl die Räumlichkeiten nicht stimmten. Da sah er in einer Kapelle einen ganz alten Sarkophag mit dem Kugelwappen geschmückt, der ihm noch nie aufgefallen war. Neugierig entzifferte er die Inschrift: Hippolytus Medices, dann noch mit Mühe obiit anno salutis –, aber die Jahreszahl brachte er nicht heraus, weil ein breiter Sprung durch den Marmor lief. Was mag das für ein Hippolyt gewesen sein? dachte er, denn unter seinen Vorfahren kam der Name nicht vor. Dann ärgerte er sich aber doch wieder, daß über dem Wappen nur ein Kardinalshut mit Troddeln, keine Herzogskrone abgebildet war. Aber schnell verwischte sich das Bild und jetzt erkannte er bei der Säule eine kleine, graue Gestalt: die Parze, die den Bajazet erschreckt hatte, und wieder stach sie ihn mit der Spindel durchs Hirn, daß er aufstöhnte. Dann saß sie bei ihm auf dem Bettrand und spann und spann. Draußen heulte und bellte der tote Sacripante, stieß an die Tür und wollte zu seinem Herrn.

Ippolito fürchtete sich vor der Alten, wie er sich noch nie in seinem Leben gefürchtet hatte. Besonders grauenvoll war es, wenn sie zuweilen die Spindel an langem Faden hinunterschießen und wieder in die Höhe tanzen ließ. Und jedesmal ging dabei der lange, schmerzhafte Stich durch sein Hirn. Das dauerte für die Empfindung des Kranken die ganze Nacht.

Am Morgen waren die Traumgespenster verweht, aber der Kardinal fühlte sich an allen Gliedern zerschlagen und begriff, daß es ein Anfall von Malaria war, was ihn geschüttelt hatte. Nur jetzt nicht krank werden, nur keiner Schwäche nachgeben, wo seine ganze Tatkraft für den Aufbruch erforderlich war. Er wollte aufstehen, aber er sank schwindelnd mit ausgeschöpftem Hirn auf sein Bette zurück.

Sein Vetter Salviati eilte auf die Nachricht von seiner Unpäßlichkeit herbei und wollte ihn bereden, etwas Stärkendes zu sich zu nehmen, allein Ippolito empfand Widerwillen gegen jede Art von Nahrung. Gegen Mittag jedoch, als seine Ungeduld, sich zu erheben und nach dem Rechten zu sehen, immer größer wurde, schickte er seinen Ascan in die Küche um eine Hühnerbrühe.

*

In der Abendkühle ging der Bischof mit seinem Freunde Molza vor dem Stadttor auf und nieder.

Wie geht es Seiner hochwürdigsten Herrlichkeit? Man hat ihn seit Tagen nicht in Fondi gesehen, fragte der Kirchenfürst.

Er ist stark beschäftigt, antwortete der Gelehrte, denn er wird in den nächsten Tagen unter Segel gehen. Gestern sprach ich seinen Geheimschreiber, der mir sagte, der Kardinal glühe mehr nach Afrika als jemals Hannibal nach Italien.

Und werdet Ihr ihn wirklich begleiten?

Ich fürchte, nein. Er braucht jetzt Männer des Schwertes, nicht solche der Feder. Aber ich darf ihn bei seiner Rückkehr in Neapel erwarten, um ihn als Sieger zu begrüßen.

Diese Pille war ihm von Donna Julia auf Bitte des Kardinals so versüßt wie möglich beigebracht worden.

Haltet mir meinen Molza warm, hatte er ihr schon bei seinem ersten Besuche gesagt, ich empfehle ihn Eurer Güte. Er hat sich in ein wahres Kriegsfieber hineingedichtet und ich mochte ihm den Spaß nicht vor der Zeit verderben. Ihr wißt, sein Herz ist ebenso weich wie seine Führung lose; er braucht die Nähe einer edlen Frau, damit er nicht aus dem Neste fällt. Meine Bitte ist selbstsüchtig, denn ich weiß, daß er mich liebt und daß er mein Andenken bei Euch wach erhalten wird.

Als ob es dessen bedürfte. Aber zweifelt nicht, ich will ihm ein Nest bereiten, aus dem er nicht entschlüpfen soll.

Und die zwei Jungen, Schönen hatten gelächelt in beiderseitiger Schonung der Schwächen des liebenswürdigen Graukopfs.

Zu seinem eigenen Trost und um den Auszug des Gebieters nicht müßig zu erleben, schmiedete der Molza darauf ein neues Sonett mit reicher, mythologischer Verbrämung, durch das er alle Schutzgeister der Tapferkeit um das Haupt des Vielgeliebten versammeln wollte. Erst heute war es fertig geworden und er brannte danach, es dem Bischof zu lesen.

Dieser sagte sinnend:

Mir scheint, die Natur ist verliebt in dieses Geschlecht der Medici. Wie es auch eilt, sich zugrunde zu richten, sie kann davon nicht lassen: immer stellt sie das Muster von neuem her. In diesem Spätling hat sie gar noch einmal die Züge aller zusammengefaßt: den Hochsinn des großen Lorenzo, Leos Prachtliebe, die Liebenswürdigkeit der beiden Juliane und die Kriegslust unseres unvergeßlichen Herrn Johann, den sie den Großen Teufel nannten und der vielleicht geboren war, der Engel seines Vaterlandes zu werden. Aber ob sich ein neuer Aufgang in ihm vorbereitet oder ob er nur die schöne Abendröte seines Hauses ist? In Afrika wird das Schicksal die Antwort geben.

Indes sie redeten, war die Antwort schon unterwegs.

Aber nach den letzten Worten des Bischofs konnte der Dichter sich nicht mehr halten und begann gleich mit der Mütze gestikulierend:

Nave che colma degli antichi onori –
Fr. M. Molza, Sonetti
Du edles Schiff, wie gleichst du jenem Kiele,
Wie strebst du seine Taten zu erneuern,
Der einst aus Gier nach Heldenabenteuern
Die Argonauten trug zum hehren Ziele.

So Gott dir helfe aus der Wogen Spiele
Durch Kampf und Klippen siegreich heimzusteuern,
Beschirm und führ uns Hippolyt, den teuern
Gebieter heim. Er ist ein Hort für viele.

Vergiß es nicht, du trägst auf deinen Planken
Das eine Haupt, wo Aller Hoffen mündet.
Auf dieses Ziel vereine du dein Streben.

Von ihm getrennt durchs Leben hinzuschwanken
Ertrüg' ich nicht –

Hier brach er ab und der Schluß sollte für immer ungesprochen bleiben. Denn von Itri her kam ein Reiter in gestrecktem Lauf und sprengte durch das Tor; seinem Pferd stand der Schaum vor dem Munde. Es war Ascan. Molza wollte ihn mit Fragen aufhalten, aber er rief schreiend:

Der Herr stirbt, Andrea hat ihn vergiftet – und jagte weiter, dem Schlosse zu.

Vorübergehende hatten den Schreckensruf aufgefangen und verbreiteten ihn mit Jammergeschrei durch die ganze Stadt:

Der Kardinal stirbt, sein Küchenmeister hat ihn vergiftet.

*

Eine dichte Menge umlagerte lautlos und entgeistert den Palast und die anstoßenden Straßen, als die Torflügel sich öffneten und die Gräfin von Fondi in Begleitung der Herren Molza und Porrino zu Pferde erschien. Sie saß aufrecht im Sattel, aber in ihrem Gesicht war kein Blutstropfen mehr. Und doch hatte sie keinen Augenblick den Kopf verloren, als wäre sie auf eine solche Botschaft vorbereitet! Kaum daß der Page gesprochen, so waren ihre Befehle schon gegeben und sie saß zu Pferd, um nach Itri zu eilen. Jetzt gab es keine menschlichen Bedenken mehr. Der Freund stirbt und er verlangt nach ihr. Sie muß zu ihm, wenn er auch ein Kirchenfürst ist, in dessen Hause nur Männer wohnen.

Fast immer galoppierend jagten die Drei ihre Pferde die lange, ansteigende Straße gegen Itri hinauf. Zwei Franziskanerbrüder kamen ihnen entgegen und traten grüßend herzu. In den verstörten Mienen glaubte Julia schon die Todesbotschaft zu lesen. Sie hielt das Pferd an: Wie steht es?

Ein bedauerndes Achselzucken.

Ist noch kein Arzt zur Stelle?

Sie strömen von allen Seiten herbei, Euer Gnaden. Aber Seine hoch würdigste Herrlichkeit nennt sie Gaukler und Dummköpfe und wirft sie einen um den andern aus der Tür. Er sagt, der alte Hippokrates habe am kleinen Finger mehr Menschenverstand besessen als die gesamte medizinische Fakultät von ganz Europa. Unsern Guardian, der ihm die Tröstungen der Religion bringen wollte, läßt er gar nicht mehr vor sich. Wenn es so weiter geht, wird er ohne die Sakramente in unseren Mauern sterben. Ein so großer Kirchenfürst. Es ist nicht auszudenken.

Wir hoffen nur noch auf Euch, setzte der andere hinzu. Er fragt immerfort nach Euer Gnaden.

Schweigend trieb sie ihr Pferd aufs neue an, im Herzen nur das eine Gebet, ihn noch lebend zu finden.

Die Herren, die ihr folgten, hielten sich noch einen Augenblick im Gespräch mit den Mönchen auf.

Es ist ein Eilreiter Hals über Kopf nach Rom abgegangen, erklärten diese, um von dem heiligen Vater ein Elixier zu erbitten, das nur er besitzt. Sie nennen es Lieblebensöl, denn es soll die Wirkung jedes Giftes aufheben. Gebe Gott, daß der Mann zeitig zurückkehrt.

Vor den Mauern von Itri glänzten den Ankommenden – grausamer Hohn! – die halbfertigen Tribünen entgegen, die für das Fest errichtet waren, der Glücksbaum mitten inne. Aber die Werkleute hatten ihre Arbeit eingestellt und standen bestürzt umher. Um das Kloster und die anstoßenden Straßen scharten sich Ippolitos farbige Stämme mit allen Zeichen tiefster Niedergeschlagenheit. Der Vorraum seiner Wohnung war dicht gefüllt mit geistlichem und weltlichem Gefolge, unter ihnen die Häupter der Verbannten.

Ein Mönch kam soeben aus dem Zimmer des Kranken.

Was sagt Seine hochwürdigste Herrlichkeit?

Er will nicht. Er nennt uns Narren. Er sei nicht nach Itri gekommen, um zu sterben. Es sei zu früh, um mit geschorenen Pfaffen und singenden Engeln auf der Himmelswiese zu tanzen. Er wolle leben oder auf dem Schlachtfeld fallen.

Die heiligste Jungfrau stehe ihm bei und wende sein Herz, solange es Zeit ist.

Porrino wandte sich an den weinenden Salviati:

Wie ist das zugegangen?

Er wollte aufstehen, und weil ihn das Fieber geschwächt hatte, verlangte er eine Stärkung. Andrea brachte ihm eine Tasse Hühnerbrühe. Er mochte sie nicht, ich selber redete ihm zu, – dabei schluchzte der Sprecher laut auf. Kaum hatte der Kardinal getrunken, so schleuderte er die Tasse weg, schrie: Ich bin vergiftet! und wand sich in Krämpfen. Ich stürzte fort, um den Andrea zu suchen, der Schurke klagt sich selber an, er ist verschwunden.

Molza war zu einer anderen Gruppe gestürzt, in deren Mitte Monsignore Ridolfi stand:

Wird der Papst das Gegenmittel schicken?

Er wird sich's überlegen, war die Antwort. Jetzt werden die größten Einkünfte der Kirche für das Haus Farnese frei.

Der Dichter rang die Hände und weinte wie ein Kind.

Unterdessen stand Julia schon am Lager des Kranken. Der erste Blick in sein Gesicht hatte ihr jede Hoffnung genommen: die Wangen blaß und schmal, von jenem harten Umriß, der den Knochenbau durchzeichnet, die Nase gestreckt, die Augen tief eingesunken, der schöne Ippolito kaum noch zu erkennen. Sie sieht: mit diesem Stempel zeichnet der Tod. Jetzt geschieht, was ihre Schwermut in ihren versunkensten Stunden vorausgewußt hat: der Freund stirbt und sie haben sich nicht besessen. Ihre Liebe ist zu groß geworden für irdische Erfüllung. Bist du zufrieden, Schatten des Rodomont?

Der Kranke suchte sie mit den Augen, aber ihm schien es, als schaute sie ihn aus weiter Ferne, vom Ende eines langen Ganges an.

Ich muß sehr häßlich geworden sein, daß es Donna Julia vor mir graut. Man soll mir einen Spiegel geben, daß ich selber meine Häßlichkeit sehen kann.

Wozu einen Spiegel? sagte sie, sich zärtlich über ihn beugend. Habt Ihr nicht meine Augen, in denen Ihr Euch immer schön sehen werdet?

Ach Julia, warum so ferne?

Ich bin nicht ferne, sagte sie tröstend und legte ihre Wange an die seinige.

Einziges Heilmittel, hauchte er leise und lag eine Zeitlang still und befriedigt, bis die Schmerzen ihn wieder faßten und mit ihnen das Bewußtsein des drohenden Endes.

Hinweg sollen, verschwinden ohne Spur in der Geschichte, er der einzige von den jungen Sprossen des Hauses, der noch mit innerem Rechte den großen Namen trug. Der das Leben liebte wie kein Zweiter und ebenso von ihm geliebt war. Ohne Sieg, ohne Ruhm, in der Vorhalle von beiden. Fort von der Liebe, die er nicht errungen hat. Ungerächt sterben, während sein Mörder auf dem Throne triumphiert! Und nichts, das von ihm auf die Nachwelt kommen wird als ein schwankender Schein, ein Glanz an der Stelle, wo er gestanden hat, unter dem seine Züge nicht mehr kenntlich sein werden. Wer denkt die Verzweiflung aus? Regiert ein Teufel die Erde?

Doch sobald er sich wieder besser fühlte, kehrte die Hoffnung zurück:

Der heilige Vater wird das Elixier schicken. Die Stafette wird rechtzeitig kommen. Ich habe den Weg einmal in sechs Stunden gemacht und ritt in Waffen. Die Strecke von Fondi nach Itri lege ich zu und bis er den Papst gefunden hat. Er könnte schon morgen früh zurück sein. Im schlimmsten Falle wird es Mittag werden. So lange halten meine Kräfte vor. Seit ich Euch bei mir habe, fühle ich mich löwenstark.

Es wurde Morgen, es wurde Mittag, der Bote kam nicht zurück. Der leichte Ascan warf sich aufs Pferd und jagte ihm entgegen, um schneller mit dem Mittel da zu sein, falls den Mann bei der großen Hitze die Kräfte verlassen hätten.

Aus Salerno war ein berühmter Arzt erschienen und hatte sich lange mit dem Kranken beschäftigt, der ihn sanftmütiger behandelte als seine Kollegen, weil er seinen Schmerzen einige Erleichterung verschaffte.

Als er aufbrach, fragte ihn Julia auf dem Gange:

Ist keine Hoffnung?

Seine hochwürdigsten Gnaden haben ganz recht, war die Antwort, unsere heutige Wissenschaft ist keine. Hier bleibt nur die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit.

Es klang doppelsinnig und war es auch. Den Tod im Herzen, nahm sie ihren Platz am Lager des Kranken wieder ein.

Dieser aber sagte aufleuchtend:

Geliebter Wundertrank, wenn ich Euch nur sehe, wird mir schon besser.

Da trat Bernardino Salviati ein.

Wir haben ihn, Eure Herrlichkeit. Meister Andrea ist gefangen. Was sollen wir mit ihm anfangen?

Die Wangen des Kranken glühten auf und seine Augen schossen Blitze:

Foltert ihn, bis er bekennt, wer ihn gedungen hat.

Herr, es ist schon geschehen, aber er hat nichts bekannt.

So knüpft ihn an den nächsten Baum, den Hund, damit er früher stirbt als ich.

Julia hielt den Geschäftigen zurück und warf sich vor dem Bette des Sterbenden auf die Knie.

Erbarmen, Herr, nicht für ihn, für Euch selber. Auch Ihr seid in Gottes Hand. Befleckt nicht die Stunden Eures Leidens mit einem Todesurteil. Laßt den Elenden der Rache Gottes, er wird ihr nicht entgehen.

Der Kranke biß sich auf die Lippen, während Salviati wartend stand. Aber Julia ließ nicht ab mit Flehen.

Ihrem Blick und Ton wich allmählich seine Wut.

So laßt ihn laufen, sagte er finster.

Aber die Umbiegung seines Willens kam ihm so schmerzhaft an, daß er sich mit einem tiefen Unmutsseufzer nach der Seite kehrte.

So konnte der Giftmischer entkommen und sich am Hofe des Herzogs von Florenz in Sicherheit bringen. Aber er blieb für ein schlimmeres Ende aufgespart, da wenige Wochen später in Borgo San Sepolcro, seinem eigenen Heimatort, das erbitterte Volk den Mörder des Allgeliebten in Stücke riß.

Julia faßte die abgezehrte Hand des Sterbenden und drückte einen langen, andächtigen Kuß darauf.

Zürnt Ihr mir wegen meiner Bitte? Gott wird Euch die Gnade mit tausendfachen Gnaden lohnen.

Da kehrte er sich wieder zu ihr:

Ich Euch zürnen, Julia? Wie könnte ich? Es ist mein Dank für die Wohltat Eurer Gegenwart. Ihr wußtet ja immer das Bessere.

Dann seufzte er wieder:

Ascan, die Schnecke! Wo bleibt er nur? Er könnte längst mit dem Mittel zurück sein.

Ach, der arme Ascan war unschuldig, er war seit einer Stunde zurück und wälzte sich jammernd im Klosterhof: der Kurier war mit leeren Händen gekommen, der Papst hatte das Gegenmittel nicht gegeben.

An eine solche Möglichkeit dachte Ippolito nicht einmal.

Der Statthalter Christi kann mich nicht sterben lassen, sagte er zu dem Salviati: Ich war es ja, der ihm die Tiara aufsetzte.

Unglücklicher Ippolito, dachte Bernardino, seine Tränen verschluckend, eben weil er dir seine Wahl verdankt, erspart er sich den Dank und läßt dich sterben.

Jetzt war die Frage, ob man ihm durch einen frommen Betrug die Hoffnung noch länger nähren oder die Wahrheit sagen sollte.

Julia entschied für die Wahrheit.

Wer wird es wagen, sie ihm beizubringen?

Ich, sagte sie ergeben.

Ärzte, Priester und Laien, alle flohen entsetzt vor dem Wutausbruch, der der furchtbaren Enthüllung folgte. Vor den Flüchen, die der Unglückliche gegen Paul III. schleuderte, bekreuzten sich die Hörer noch nach Jahren.

Es war zu erwarten, daß es so gehen würde, sagte draußen im Vorzimmer der Bischof von Fondi traurig zu seinem Amtsbruder von Nocera, dem Geschichtsschreiber Paulus Jovius, der gekommen war, dem Kardinal aufzuwarten und ihn sterbend fand. Es liegt nicht in der Natur des Geschaffenen, gegen den Schöpfer dankbar zu sein.

Ein schweres Sterben, sagte Piero Strozzi mit einer Träne im Auge.

Ja, und kein erbauliches, erwiderte Ridolfi, ich wollte, es wäre vorüber.

Doch Piero entgegnete bewegt:

Ich glaube nicht, daß wir Freunde geblieben wären, wenn er gelebt hätte. Aber das muß ich bekennen: wenn dieser Mann verschwunden ist, wird die Welt um vieles ärmer und nüchterner sein.

Julia blieb allein im Sterbezimmer zurück. Wenn ein Mann so rast, kann nur eine Frau sich noch in seiner Nähe halten. Sie lag auf den Knien und rang die Hände zum Himmel:

Herr, erbarme dich, berühre sein Herz, sende einen Engel, der ihn tröstet, laß ihn nicht in Verzweiflung, mit Lästerungen sterben.

Endlich legte sich auch dieser Sturm in ihren Armen. Der Engel, um den sie flehte, war sie selber.

Von dem Augenzeugen Paulus Jovius stammt der lakonische Bericht: »Daß Donna Julia bei ihm war und ihn mit Hingebung pflegte, erleichterte ihm das Sterben.« Welch ein Übermaß von Leid und Liebe hinter diesen kargen Worten. Julia weinte und klagte nicht, ihr Lächeln und ihre Schönheit, die sein Sonnenlicht gewesen, sollten ihm strahlen bis ans Ende. Aber alle verhaltene Zärtlichkeit ihres Lebens strömte sie über den Geliebten aus, sie leistete ihm jede Hilfe, schmiegte sich zu ihm, um die Lebenswärme festzuhalten, und jeder Ton ihrer Stimme war eine Liebkosung.

Unterdessen irrte der unglückliche Molza in Jammer verloren durch die Ölwälder von Itri. Seit er in das entstellte Angesicht des Gebieters geblickt und den nahen Tod darin gelesen hatte, wagte er sich kein zweitesmal in seine Nähe, er konnte das Unabwendbare nicht mit Augen schauen. Wo wird sein verwaistes Haupt künftig ruhen? Ein einsamer Sperling auf fremden Dächern wird er sein. Jede kleine Versäumnis fiel ihm nun schwer aufs Herz, da er nichts mehr für einen so nachsichtigen Beschützer tun konnte. Aber die Muse kam zu dem armen, alten Kinde und redete ihm Worte zu, vor denen er oft staunend stillestand um zu horchen. Sein Leid fügte sich ihm schon zu Strophen von solcher Innigkeit und Wahrheit, wie er noch keine gedichtet hatte. Unfaßlich schien es nur, daß der, dem sie gehörten, sie niemals vernehmen sollte.

Trotz allem schimmerte noch einmal ein schwaches Licht der Hoffnung auf, als es bekannt wurde, daß Herr Dante Berlinghieri und ein anderer Edelmann namens Ranieri an den gleichen Anzeichen darniederlagen. Der Bischof von Nocera, der selber Medizin studiert hatte, wollte daraus folgern, daß der Kardinal gar kein Gift bekommen habe und daß bei allen Dreien die Krankheitserscheinungen die der Malaria seien.

Aber Molza blickte tiefer:

Der Schurke hat die beiden mitvergiftet, damit es scheinen soll, als seien es die gleichen Fälle von Sumpffieber.

In der Tat stellte sich's heraus, daß Meister Andrea auch den zwei anderen, an leichtem Fieber Erkrankten, ein stärkendes Süppchen gereicht hatte.

Der Kardinal erkundigte sich täglich nach dem Befinden seiner Leidensgenossen. Vom dritten Tage ab fragte er nicht mehr, als ob er fühlte, daß es nichts mehr zu fragen gab.

Sechs volle Tage wehrte sich der ungeheure Lebenswille in dem gestählten jungen Körper gegen den doppelten Angriff des Fiebers und des Giftes. Die Klosterbrüder führten einen langen Kampf, bis er sich den Vorschriften der Religion bequemte.

Was soll mir der Leib des Herrn, wenn ich nicht verzeihen kann? sagte er immer.

Versucht es, hochwürdigster Herr, Gott wird barmherzig sein, wenn Ihr nur den guten Willen habt.

Aber sein Herz blieb im Irdischen verhaftet.

Ist wirklich keine Rettung mehr, Julia? Muß ich hinweg von dem süßen, süßen Leben und hinweg von Euch?

Vertraut auf den, der noch keinen verlassen hat, der auf ihn vertraute.

Ach, Julia, Ihr wißt es nicht, was sterben heißt.

Dürft' ich es für Euch leiden! Ich bin nur ein Weib, habe keine Männertaten getan, aber wann der Tod zu mir tritt, er wird mich gefaßt und willig finden.

Ja, ich wußte stets, daß Ihr tapferer seid als ich. Ach, Julia, warum mußten wir unser Leben getrennt verbringen? Jetzt wird ein anderer Euch besitzen und ich werde Würmerfraß sein.

Keiner vor Euch und keiner nach Euch, und möge meine Seele verloren sein, wenn ich falsch geschworen habe.

Ich danke Euch, nun sterbe ich leichter. Es hätte mich im Paradiese nicht ruhen lassen, Euch im Arm eines andern zu wissen! Laßt mich nicht vergessen sein, wenn Ihr hier seid ohne mich.

Keine Minute meines Lebens werde ich ohne Euch sein. Laßt alle irdischen Sorgen fahren und wendet Euch mit mir zu dem, der am Kreuz noch mehr gelitten hat.

Er ließ keine Julia zurück.

Sie rang die Hände: Mein Heiland, vergib ihm, er weiß nicht, was er redet.

Endlich ergab er sich und lag beschwichtigt, eingebettet in der großen Liebe. Julia wich nicht von seinem Lager und wußte nichts von Tag und Nacht. Kein Gedanke mehr an Lob oder Tadel der Welt. Zuweilen scheint sie dem Tode näher als er; denn ihr Blutlauf stockt und ihr Herz schlägt so schwach, als wäre es am Vergehen. Aber sie ist ja von Fleisch und Bein, das nicht von Herzweh schmilzt, sie darf nicht wie die glücklichen Geschöpfe der Dichtkunst mit dem Geliebten sterben, sie muß ihre Erdentage ausdauern. Und die Stunden rinnen und rinnen mit dem unaufhaltsamen und doch so seltsam schleppenden Gang wie ihn nur letzte Stunden an sich haben.

Als schon um ihn die Sterbegebete gemurmelt wurden, an denen er keinen Teil mehr nahm, weil sein Geist ferne war, richtete er sich noch einmal auf, starrte mit wilden Blicken auf eine Erscheinung und rief schmetternd:

Recht so, Lorenzino! Stoß zu! Noch einmal! Triff! Mach ganze Arbeit!

Dann sank er erschöpft zurück.

Erst Monate später verstanden die Zeugen des Auftrittes den Sinn dieser schrecklichen Worte, als der Tyrann von Florenz unter den wütenden Händen seines schwachen, verachteten Vetters verblutet war.

Ein schöner Traum führte den sterbenden Ippolito hinüber. Eine Frau von überirdischer Schönheit saß, den Kronreif um die Stirn, im Schatten eines Lorbeerbaums, sie hielt die blaue Irisblume am langen Stengel, das florentinische Wahrzeichen, in der Hand und hieß Fiorenza, aber sie hatte die Züge Julias. Sie neigte sich gegen ihn, um ihm die Blume zu reichen, da war es eine weiße Lilie, wie man sie abgeschnitten auf Gräber stellt. Der Träumer murmelte: Meine schöne Herzogin! Das waren seine letzten, noch halbverständlichen Worte.

Endlich, um die Mittagsstunde – es war am 10. August – glätteten sich seine Züge und er lag stille in großer Schönheit. Da wußte man, daß es vorüber war. Die Klosterglocke fing an zu läuten, alle Glocken von Itri fielen ein und klagten ins Land hinaus, daß ein so großer Fürst der Kirche in ihren Mauern entschlafen war. Julia kniete noch immer auf dem seidenen Kissen am Bette des Toten, selber wie tot und erstarrt, bis man sie wegführte, um ihn zu waschen und einzukleiden.

Als sie nach einer Stunde wiederkam, um Abschied von dem zu nehmen, der der Glanz und der Schmerz ihres Lebens gewesen war, fand sie ihn schon in der Kapelle aufgebahrt, von Lichtern umgeben, im prunkvollen geistlichen Ornat, ihr fremd und entrückt. Er hat schon begonnen ihr zu entwandeln auf seinem unbekannten Wege und sie drückt die Augen zu, um sich das Bild des Nahen, Liebenden im Innern zu bewahren.

Man hob sie aufs Pferd und sie ritt hinweg, aufrecht wie sie gekommen war. Dieses Schicksal ist zu heilig, um es durch Mitleid entweihen zu lassen. Noch hat sie auch die ganze Größe ihres Verlustes nicht erfaßt, denn sein Wesen ist um sie her wie eine ausgegossene Essenz, die die ganze Luft erfüllt. Aber von morgen an wird es für sie heißen: »O wie öde sind die Straßen der volkreichen Stadt«, weil ihr das geliebteste Angesicht niemals wieder begegnen kann.

Um das Klostertor drängten sich die farbigen Begleiter des Kardinals in ihren phantastischen Trachten mit leidenschaftlichen Gebärden und gellendem Jammergeschrei, in dem sich immer dieselben Töne wiederholten.

Was schreien sie? fragte Donna Julia, die zwischen Molza und Porrino ritt.

Der Molza, der die längste Zeit am Hofe des Kardinals gelebt hatte und einiges von dem orientalischen Sprachgemenge verstand, gab Antwort:

Sie wollen ihn wiederhaben.

Der Treue hatte schon im stillen angefangen, seine Leier für die lebenslange Klage um seinen Einzigen, seinen »großen Medici« zu stimmen, die erst nach Jahrzehnten mit seinem letzten Dichterwort verstummen sollte.

Ihn wieder haben, wiederholte die unglückliche Frau halb bewußtlos. Und von der Bedeutung des Wortes plötzlich wie von Krallen ins Herz gepackt, sank sie erschlafft vornüber auf den Hals ihres Pferdes.

– – Vor den Mauern von San Francesco ordnete sich der Zug, der den erlauchten Toten nach Rom zurückführen sollte. Dann kam er bei einbrechender Dunkelheit den Klosterweg von Itri herunter mit lodernden Fackeln und gesenkten Fahnen und lenkte in die Via Appia ein. Voran in tiefer Trauer das Hofgesinde lichtertragend. Darauf die Geistlichkeit mit Kreuzen und Standarten und solchem Pomp, wie es der hohen kirchlichen Würde des Verblichenen geziemte. Ein Trupp Fußsoldaten folgte, von ihren Hauptleuten mit gezogenen Degen geführt. Unmittelbar vor dem Sarge der Bajazet prachtvoll geschirrt und ganz in schwarzen Flor gehüllt, von zwei Edelleuten rechts und links gehalten, denn das Tier zitterte und schnaubte und war nur mit Mühe zu besänftigen. Und nun auf den Schultern brauner Wüstensöhne schwankend die Bahre, die der große Kardinalshut, Harnisch und Waffen des Verstorbenen schmücken. Ihr folgt die unabsehbare Reihe der Berittenen, Edelleute, Pagen, Freunde, Dienstmannen, zuletzt in langen Scharen das Volk aus Stadt und Land. Die Angehörigen der zweiundzwanzig farbigen Stämme in Turban und Pelzmütze, die den exotischen Hofhalt des Kardinals bildeten, teilten sich abwechselnd in die Ehre, den toten Gebieter zu tragen. Sie gingen feierlich in seltsam kadenziertem Schritt, während ihre Kameraden sich mit wilden Gebärden das Gesicht zerkratzten und ein so grauenvolles barbarisches Wehgeschrei ausstießen, daß es alles Glockengeläute aus nah und fern übertönte und die Herzen der Hörer gefrieren machte. So fand Ippolito de'Medici im Tode noch einmal den Weg nach Fondi und durchzog am Schlosse vorüber die Stadt, die ihm zum Verhängnis geworden war, indes die schaurigen Töne herz- und markzerreißend weitergingen, als ob alle Saiten des Wohllauts auf immer zerrissen wären. Es war der erste Anfang einer unendlichen gleichgestimmten Totenklage, die sich über ganz Italien ergoß, um den zu ehren, der nach der Meinung der Zeitgenossen der schönste Schmuck der Erde gewesen, und diese Trauer war echt, da ja niemand übrig war, sie zu belohnen.

In jener Nacht starb Julia Gonzaga dem Irdischen. Erst zweiundzwanzigjährig blieb sie allein mit ihrem großen Leid und dem Ruhm ihrer großen Schönheit, die vergeblich geblüht hatte. In ihr Inneres hat nie ein Freundesauge geblickt. Sie trug ihren Schmerz dahin, wo alle Schmerzen der Menschheit zusammenströmen, dahin wo sie hoffte, daß ihr Geliebter sei. Über Formeln und Dogmen, über Anfechtungen und Gefahren hinweg ging ihre verwaiste Liebe unmittelbar zu dem, der den ewigen Trost der Menschheit gab: Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Als Isabella, die jetzt Fürstin von Sulmona hieß, ihr nach und nach das ganze Colonnaerbe entriß, hatte die Armut keinen Stachel mehr für sie, und sie blieb doch die Siegerin, denn ihr wurde von dem Oberhaupt der Familie die Leitung des kleinen Neffen übertragen. Die Sternenaugen haben niemals wieder gelächelt und ihre Gesundheit war gebrochen, aber wo Leid und Krankheit ausbrach, erschien Julia Gonzaga zum Helfen und Trösten. Sie kehrte sogar um Vespasianos willen aus dem neapolitanischen Kloster, wo sie seit dem Trauerspiel von Itri ihren Wohnsitz hatte, vorübergehend in die Welt zurück und sammelte noch einmal die feinsten Geister ihrer Zeit in ihrem Hause, denn ganz vergaß sie auch jetzt nicht, daß sie eine Gonzaga war. Aber ihr Herz war nicht mehr dabei, es lag in Rom in der Kirche San Lorenzo in Damaso, und jedes Wort von ihr, das uns aus der Zeitenferne noch erreicht, klingt wie aus einer zersprungenen Glocke.

Als dann die Glaubenskämpfe begannen und die Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen die Neuerer vorging, stand Julia Gonzaga unerschüttert und half bedrängten Freunden zur Flucht, während die Anklage der Ketzerei über ihrem eigenen Haupte hing, der sie ein erbarmender Tod rechtzeitig entrücken sollte. Für sich selber fürchtete und hoffte sie nichts mehr auf der Erde. Weitab vom Streite der Theologen und achtlos der Gefahr, suchte sie die Nähe ihres Gottes, bis der Tod verschlungen war in den Sieg. Im Glanze des Urbilds verzehrte sich allmählich das schöne, vergängliche Abbild, Ippolito de' Medici geheißen, es ging ein in das große Glänzen.

 


 

 << Kapitel 3 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.