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Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
projectidf325346c
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Achte Nacht.

Und erlöse uns!

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Goethe.

Das war eine wunderbare Winternacht! Am Himmel flutete tief und dunkel die blaue Unendlichkeit, und die silbernen Wogen des zitternden Sternenmeeres spülten hernieder bis zu den weißen irdischen Gestaden.

Versunken stand ich lange an meines Dachstübchens niederem Fenster, und mein sinnend Auge schweifte hinaus in das Grenzenlose, als sich ringsum ein Glanz verbreitete. Ich wandte mich um und sah den schönen Jüngling von vergangener Nacht. Ernst und mild ruhte auf mir sein Angesicht, das die goldenen Locken hold umflossen, und seine Hand umspannte lose den Hals seiner silberbesaiteten Fiedel.

Er winkte mir. Und ohne ein Wort zu sagen und ohne mich anzurühren, führte er mich vor die Stadt hinaus über beeiste Felder und Fluren in den verschneiten Winterwald. Tief drinnen in dem weißen Waldgeheimnis wußt' ich einen verborgenen Brunnen, der Sommer und Winter floß. Im Volksmunde hieß er seit uralten Zeiten der Jungbrunnen, und es ging von ihm die Sage, daß sein Wasser aller hundert Jahre um die Wende der zwölften Stunde der Osternacht die wunderbare Kraft besäße, einem Greise, der gläubig davon tränke, noch einmal Schönheit und Jugend zu verleihen. Auch erzählten alte Leute, daß die Seelen der neugebornen Kinder alle aus diesem Brunnen kämen.

Als wir uns dem Walde zuwandten, ahnte mir sogleich, daß mein Begleiter gedachte mich zu diesem Brunnen zu führen. – Unterwegs mußt' ich immer sinnen, wo ich den schönen, ernsten Jüngling an meiner Seite, vor heute und gestern, schon einmal in meinem Leben gesehen hatte. Aber soviel ich sann und dachte, ich konnt' es nicht ergründen.

Nach langer Wanderung durch den kristallenen Wald, der mir heute vorkam wie ein endloses säulengetragenes Labyrinth mit einem schimmernden Dach aus feinstem Silbergespinste, standen wir endlich vor dem dichten Dornbusch, dahinter der Brunnen sich verbarg. Aus dem Wirrwarr des vom Schnee wie überzuckerten Geästes glühten hier und da die feuerroten Dolden der Eberesche. Und als von unseren Schritten einige Zweige brachen, flatterte ein erschrecktes Amselpärchen auf, das hier im lieben deutschen Märchenwalde die Rückkehr zu den heiligen Strömen und Sykomoren der fernen Fremde wohl vergessen hatte.

Hier sprach mein Begleiter das erste Wort: »Heut ist Wintersonnenwende, willst du mir noch weiter folgen in mein Reich?«

»Gern möcht' ich dir noch weiter folgen, holder Jüngling,« gab ich zur Antwort, »aber noch kenne ich dich kaum, willst du mir nicht deinen Namen sagen?«

»Ich habe mich schon einmal dir genannt in einer Traumstunde, da mir hierzu die Macht gegeben war. Wollt' ich dir meinen Namen mit meiner wahren Stimme sagen, so würde im selben Augenblicke dein Odem stocken, und die Ströme deines Lebens würden erbleichen und zurück sich stauen zu deinem brechenden Herzen, und du würdest niedersinken vor mir, und dein Mund trüge nimmermehr. Darum schweige, mein Freund, und fürchte dich nicht!«

Da faßte ich Vertrauen zu dem schönen Jüngling und wollt' ihm meine Hand reichen; doch er betrübte mich und zog erschreckt seine Rechte zurück, indem er mit ernster Stimme sagte: »Dein junges Leben sei dir lieb – berühre mich nicht!«

Darauf schritten wir durch den glitzernden Busch hindurch und kamen an den Brunnen. Stufen führten abwärts, und ich blickte hinunter. Auf dem Spiegel schwammen drei Lilien, und drunten in seiner Tiefe badete sich der Glanz der Gestirne. Da nahm der junge Spielmann seine Fiedel hervor und entlockte ihren Saiten eine gar wundersame Weise. Und aus den Tiefen herauf klang es wieder, wie ein längst vergessenes Lied der Kindheit. Und da rauschten die raunenden Wässer herauf und traten zurück und teilten sich, und auf silbernen Stufen schritten wir zwischen den erstarrten kristallenen Wänden hinunter in die Tiefe. Ich fühlte in meinen geschlossenen Augen die Nähe des kalten Wassers und sah doch Alles. Und als wir die letzte Stufe auf dem Grund erreicht hatten, da wich der Bann über unserem Haupte, die Wellen schlugen wieder zusammen, und ich sah die Fischlein, die hoch über uns fröhlich dahinschossen.

Vor unseren Füßen aber breitete sich weithin eine grünende Wiese aus. Ratlos sah ich meinen Begleiter an, als vor uns eine weiße Taube aufflatterte. Die trug wie Noahs Taube ein Ölblatt im Schnabel und flog immer her vor unseren Häupten. Am Ende der Wiese floß ein schwarzer, glanzloser Strom vorbei. Drüben am andern Ufer lag ein goldener Kahn, und der Fährmann stand daneben. »Hol' über!« rief mein Begleiter, daß es hinüberdröhnte: »hol' über!« Da stieß der Ferge vom Ufer und nahm uns in seinen Nachen. Aber er landete uns an keinem Gestade, sondern führte uns stromabwärts, mitten auf den trägen Wellen. Und immer breiter und breiter wurde der Strom, und am siebenten Tage kamen wir hinaus auf das uferlose Meer. Da fuhren wir tausend Jahre, Tage und Nächte, dahin. Und als die letzte Nacht in die purpurnen Tiefen versank, da gab es nicht mehr Raum und Zeiten, da waren tausend Jahre und Nächte wie eine Nacht, und eine Nacht wie ein Seufzer der Nacht. Vor unseren Augen aber ging die Sonne auf und strahlte auf ein fernes Gestade. Das war die Insel der Seligen ...

Schon überglühte die Abendsonne den goldumflossenen Scheitel meines schwermütigen Freundes, als wir landeten. Immer noch flog die weiße Taube voran und leitete uns durch die Gärten der Seligen, darinnen der Frühling nicht scheidet und die Ströme von Milch und Honig in Marmelbetten fließen, nach den Zinnen der ewigen Stadt. Es war schon spät, als wir anlangten, und ein bleiches Gestirn der Nacht leuchtete in die goldenen Gassen.

Wir gingen in viele Häuser hinein und fanden überall nur Friede und Glück. Hier waren aller Menschen Seelen friedvoll und glückselig, weil der Trieb zum Bösen, zu Haß und Neid und Eigensucht, mit dem irdischen Gewande von ihnen gefallen war. Aber bald sollte eine Ahnung in mir zur Gewißheit werden, daß die Schuld der Menschen in ihrem früheren Leben immer und immer wieder ihre Seelen zwingt, in das irdische Dasein zurückzukehren und den Kampf mit ihrer bösen Widernatur von neuem aufzunehmen.

Schweigend schritten wir nebeneinander weiter, als uns zwei Menschenbilder begegneten, deren Hände verschlungen waren wie die von Freunden. »Wer waren diese Gestalten ehedem im anderen Leben?«

Mein ernster Freund antwortete: »Ein König und ein Bettelmann. Wahrlich, ich sage dir, einst wird kommen der Tag, da werden die Könige zum Bettler geboren und die Bettler als Königskinder! Jedem kommt seine Stunde. Denn Gottes Reich ist ohne Ende, und unergründlich sind die Wunder seiner Weisheit!«

Und weiter kamen wir zu einem Haus, vor dem ein großes Trauern war. »Was ist hier geschehen?« fragte ich meinen Begleiter.

Der antwortete: »Ehedenn ich heute zu dir kam, habe ich an die Tür dieses Hauses meine Hand gelegt. Zwei Menschenseelen darinnen sind geschieden; die eine Seele war einst auf Erden ein guter Mensch, und die andere war ein schlechter Mensch. Nun sende ich sie beide, in ihrer irdischen Vergangenheiten Kraft und Schwäche, zurück in den Kampf des Lebens. Denn erst in weiter, weiter Ferne dämmert des Menschen Ziel!«

»So können auch die Seelen in der Seligkeit sterben?« fragte ich erstaunt.

»Was heißest du ›sterben‹?« sagte mein ernster Gefährte, »das alles, mein Freund, ist nur ein Gleichnis – ein Wechsel wandelnder Formen. Wir sterben, um geboren zu werden, und werden geboren, um zu sterben. Wie könnt' auch jemals ein Wille, eine Kraft, ein Leben der Welt verloren gehen, sogar doch ewig wirkend der Strahl deines Auges bleibt –? nimmer der Atem deines Mundes verweht?! – Ich sage dir, in Gottes Auge wird eines Menschen Lächeln in Jahrtausenden noch leuchten, und in seinem Herzen ein Menschenstöhnen noch bluten in Urewigkeiten!«

Wir gingen weiter und kamen zuletzt in einen wunderbaren Garten, über dem im blauen Äther Millionen blitzender Sternlein schwammen. Die ließen ihre Lichter herab in die springenden Wasser und Bronnen fallen, die von den Geheimnissen der Insel ringsum im Haine geschwätzig plauschten. Und im tiefen Wacholderbusche schluchzte dazu eine späte Nachtigall, und auf der spiegelnden Silberflut, darin der Schwan seine stillen Kreise zog, lauschte traumlos die Lotosblume. Das war das Eden der gestorbenen kleinen Kinder, und ungezählte Schwärme holder Kinderseelen, denen allen der liebe Gott so schneeweiße Schmetterlingsflügel geschenkt hatte, schwirrten hier zwischen Duft und Blumen auf und nieder.

Wir waren noch gar nicht lange eingetreten in den schönen Garten, da schlang auf einmal so ein kleiner Bursch mit zwei Flügelein seine dünnen Ärmchen zärtlich um meine Kniee. Und eh' ich mirs versah, da hingen mir gleich noch drei andere Englein, so zart wie blauer Mondenschein, an Händen und Füßen. Seine beiden kleinen Brüder und ein Schwesterchen! Alle zusammen! Aber siehe – das waren ja meine kleinen Märchenfreunde aus der Dachstube! Und dort, an dem schimmernden Smaragdbrunnen, der alle irdischen Tränen sammelt – stand da nicht auch ihr armes, blasses Mütterlein, die die Verzweiflung mit ihren guten Kindern aus der harten, feindseligen Welt getrieben hatte? Woher erkannten nur die Kleinen mich gleich wieder? Sie, die mich doch damals gar nicht gesehen haben konnten? Aber zu solchen Fragen blieb mir keine Zeit mehr. Wie ich den holden, lieben Englein in die treuherzigen Kinderaugen sah, und wie sich gleichzeitig acht Ärmchen lösten und sehnsüchtig nach meinem Halse streckten, da konnt' ich nicht mehr an mich halten – da nahm ich mir der Reihe nach die kleinen lieben Burschen und ihr süßes Schwesterchen her und küßte sie ab nach Herzenslust.

Aber ach! – in meiner Freude geschah ein Wunder, das mir nicht willkommen war, das aller Brunnen Zauber ringsherum verlöschte! Es war mir, als wär' ich erwacht aus einem holden Traume. Und wie ich die Augen aufschlug, da gewahrte ich zu meinem Leide, daß ich nicht mehr auf der Insel der Seligen weilte, sondern daheim im armseligen Stübchen in meinem Bette, auf dessen Träumerkissen eben noch ein letztes, freundliches Lächeln des Mondes fiel ...

Gute Nacht, ihr lieben Englein!

Schlaf.

Wenn von des Weltenmünsters Hochaltar
Die Nacht sich neigt im funkelnden Geschmeide,
Und sanft, gleich einem losen Schlummerkleide,
Schlingt um die Welt ihr flimmernd Rabenhaar –

Dann träufst auch Gnade, reich und wunderbar,
Du Schlaf, du Friedensbringer allem Leide,
Dem Menschenauge draußen auf der Heide,
Dem ärmsten Haupt, für das kein Heimblick war!

O heiliger Schlaf, Entwöhner aller Schmerzen,
Wenn einst verlöschen unsre Pilgerkerzen:
Du lösest, weiß ich, auch aus jener Nacht

Verwelktes Sein zu neuer Blütenpracht!
Denn jedem Aug' wohnt tief im Grund ein Schimmer:
Was in uns Wesen ist, das stirbt uns nimmer!

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