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Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
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Siebente Nacht.

Vergieb uns unsere Schuld!

Am anderen Abend wartete ich mit Ungeduld, welche Gestalt diesmal zu mir kommen würde. Es war schon spät und der Mond durchbrach gerade das Nachtgewölk über dem Totenacker, als plötzlich an meiner Seite das Schicksal stand. Ich erschrak heftig, denn es war so leise eingetreten, daß ich sein Kommen gar nicht bemerkt hatte. Es sah mich mit denselben unergründlichen Augen an, vor denen ich schon einmal so sehr geschaudert hatte, in jener ersten Nacht, da ich an seiner Hand jenseits der Ufer von Gut und Böse durch die Jahre und Jahrhunderte bis an den Anfang der Welt wanderte im Garten Eden.

»Komme mit mir!« sprach das Schicksal in dem geheimnisvollen Ton wie damals. Und ohne nach dem »Wohin?« zu fragen, gehorchte ich auch diesmal. Zu meinem Erstaunen standen wir nach kaum einstündiger Wanderung durch die Gassen der Stadt vor demselben Hause, in das mich zu der armen Mutter und ihren Kindern gestern abend der Gram geführt. Wir hatten uns die dunkle Treppe etwa bis zum dritten Stockwerk hinaufgetastet, als sich mit einem Male in das Treppenhaus von ganz oben herab ein blauer, geheimnisvoller Glanz ergoß. Und als ich aufschaute, sah ich von den Stufen des vierten Stockes zwei strahlende Männer herniedersteigen. Den einen von ihnen erkannte ich sofort als meinen ernsten Begleiter von gestern abend – den Gram; den anderen aber an seiner Seite, einen überirdisch schönen Jüngling mit langwallendem goldenem Lockenhaar und mit einer Fiedel in der Hand, glaubte ich noch niemals in meinem Leben gesehen zu haben. Und doch täuschte ich mich; nur war er mir in jener Nacht nicht entschleiert entgegengetreten. –

Die beiden im Lichte schritten schweigend an uns vorüber, wobei mich der Gram mit einem seltsamen, fast wehmütigen Lächeln ansah.

Als wir vor der schmalen Tür im vierten Stockwerk angelangt waren, lag das Haus wiederum im Dunkeln, und ich vernahm zu meinen Füßen ein klägliches Winseln.

Ich zündete ein Feuerhölzchen an. Da sah ich Bobbchen vor der Tür, der mich mit seinen flehenden treuen Hundeaugen so vorwurfsvoll ansah, als wollt' er mir sagen: »Warum bist du nicht eher gekommen?« –

Das Schicksal pochte an die Türe, doch es erfolgte keine Antwort. Es pochte zum zweitenmal – drinnen regte sich nichts.

In diesem Augenblicke polterten Schritte die Treppe herauf und es wurde hell. Ein Mann mit einem brennenden Lichte war's – der Mann jener armen Frau da drinnen und der Vater ihrer vier Kinder.

Als er vor seiner Tür uns beide und das wimmernde Hündchen sah, wurde er totenbleich; die irren Pfeile seiner flackernden Augen schienen die schwache Tür, die ihn von seinem Liebsten auf Erden trennte, förmlich durchbohren zu wollen, und mit zitternden Händen suchte er das Schloß und öffnete. – Wir traten mit ihm ein. –

Eine heiße, erstickende Gasluft wehte uns betäubend entgegen und würgte mit ihrem Gifthauche fast unseren Atem. Der erste Blick zeigte uns den Herd des Dunstes: ein eisernes Becken mit glühenden Kohlen, das mitten in der Stube auf der Diele stand. Das waren für den letzten Groschen die ersten Kohlen in diesem harten Winter! –

Augenblicke lang, während ich schnell das Fenster öffnete, stand der Mann, völlig starr vor Schreck, mit gestreckten Armen und gespreizten Händen; dann hoben sich langsam seine Füße von der Diele wie schwere Magnete und trugen ihn auf schlotternden Knieen zum Bettlein seiner Kinder.

»Will, mein Dicker, und Eri, mein Krauskopf, – wollt ihr nich aufstehen? Vater bringt Kuchen mit!« Und dabei stieß er mit seinen plumpen Fingern die kleinen Schläfer wie scherzhaft in die Seiten ... Alles blieb totenstumm. – Der Mann taumelte hinüber zum Bette seiner Frau ... »Heinz, mein Goldener! Susel, mein Sonnenschein – schlaft ihr schon so feste? – Na, wartet! ...«

»Brüderlein fein, Brüderlein fein,
Einmal muß geschieden sein –
Scheint die Sonne noch so schön,
Am Ende muß sie – – –
Brüderlein fein – – Brüderlein – –«

»He, Frau –? – Liebes Liesel –?« ...

Keine Antwort. – Er beugte sich über das stumme Frauenhaupt und belauschte den Atem – aber nichts, außer seinem klopfenden Herzen, nichts regte sich! ... Zögernd – zaghaft – schob er die Hand vor – er betastete ihr Gesicht – da fuhr seine Hand, wie vom Blitz getroffen, zurück, und mit einem Aufschrei brach er an dem Totenlager seines Glückes zusammen.

Ich raffte das seiner Linken entfallene Licht auf und leuchtete Mutter und Kindern ins Angesicht.

Da sah ich's – das war ein Schlaf, aus dem hienieden kein Erwachen ist! Aber der Tod hatte es sanft getan! Friede lag in ihren Zügen, und drei Ärmchen umschlangen zärtlich Hals und Leib der toten Mutter, während sich in ein viertes Ärmchen »Liesel«, die geliebte Puppe, schmiegte. Und drüben in dem andern Bettchen, da lagen auch zwei kleine Burschen so traut und brüderlich umschlungen, als hätten sie eben zum Nachtgebet gesungen:

»Brüderlein fein, Brüderlein fein,
Einmal muß geschieden sein!« – – –

Wir wandten uns zum Gehen, und als ich auf der Schwelle noch einen Blick zurückwarf in die einsame, stille Stube, da erfaßte das Schicksal meine Hand und sagte zu mir mit leiser Stimme: Lerne verstehen, mein Freund, und präg' es in dein Herz: Gott ist gerecht, das heißt –

Mensch, du bist unsterblich! ...

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