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Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
projectidf325346c
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Sechste Nacht.

Unser täglich Brot gieb uns heute!

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden
Barmherzigkeit erlangen. –
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen
getröstet werden.

Matth. 5, 4. 7.

Wer denkt nicht mit Wehmut zurück an die selige Zeit der Kindheit, da uns Großmütterchen noch auf den Knieen schaukelte? Wenn sie der zudringlichen kleinen Schar, die sie umlagerte und mit strahlenden Augen an dem alten lieben Munde hing, beschwichtigend das Köpfchen streichelte und die glühenden Wangen? Und Märchen über Märchen erzählte, bis die kleinen Denkerstirnen tiefer und tiefer sanken und ganz zuletzt das Sandmännchen kam und in die müden Kinderaugen den goldenen Schlaf streute?

In diese Welt heimlicher, süßer Erinnerungen führte mich heute nacht der Gram und erweckte mit ihrem wehmütigen Zauber in meinem Herzen das längst verblaßte Bild der eigenen frühseligen Jugendzeit ...

... Ein elend Stübchen! Eine Mutter darin, vier liebe Kinder, und ein Hündlein! Mütterchen sitzt auf dem Bettrande und erzählt der lauschenden kleinen Gesellschaft das Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen, vom Rotkäppchen und dem bösen Wolfe, vom Dornröschen, vom Hänschen, der das Gruseln gelernt, und noch viele, viele andere. Sie hat sich schon ganz heiser erzählt, die gute Mutter, aber sie wird nicht müde. Ach, sie will und darf nicht müde werden, denn ihre Kleinen haben heute außer einem schmalen Rand trockenen Brotes nichts weiter zu essen gehabt, und sie sollen ihren Hunger ja vergessen! Und so erzählt die arme blasse Frau Märchen über Märchen, und ihr Mund lächelt dazu, und ihr Herz blutet! –

Wir waren so leise eingetreten, daß die Kleinen gar nichts merkten. Nur die Mutter hob lässig das Haupt und nickte dem Gram wie einem lieben Bekannten zu, denn schon seit vielen Jahren war er fast Tag für Tag der Gast an ihrem armen Tische. Aber seine Anwesenheit schien sie gar nicht zu stören: sie erzählte ruhig weiter. Ach, hatte sie aber auch dankbare Zuhörer! Wie die Orgelpfeifen, eines immer winziger als das andere, saßen die drei kleinen Burschen andächtig auf ihrem Fußbänkchen; dann kam Fein Susele, das Nesthäkchen, mit ihrer wunderschönen Goldpuppe »Lieschen«, und neben ihr würdevoll als der treue Hüter: Bobbchen, das schlanke Hündlein.

Es dauerte aber gar nicht lange, und siehe! – da sank ein braunes Lockenköpfchen vorn über, und bald folgte ein kleiner Blondkopf, und dann noch einer, und ein viertes Köpflein – und da schliefen sie alle zusammen! Nur Bobb, der Heuchler, hatte sich bis zuletzt den Anschein gegeben, als ob er alles am besten verstünde. Aber schließlich fühlte auch er das Bedürfnis, von den Anforderungen dieser Welt auszuruhen, und da legte er sein kluges Hundköpfchen über die Pfote.

Nun war es ganz still geworden in der armen Stube. Die Mutter hatte die Kleinen zu Bett gebracht, Erich und Willy in das schmale Kinderbett an der Wand, und Heinz und Herzblättchen in ihr eigenes Bett. Die blutleeren Lippen flüsterten ein leises Nachtgebet für die kleinen Schläfer, und das blasse Frauenhaupt neigte sich zärtlich über die goldumbuschten jungen Stirnen, als sie plötzlich auflauschte. Schwere Schritte tappten die Treppe herauf. Es war der Vater der Kinder. Er trat ein.

»Wo bist den lieben langen Tag geblieben? unn die ganze vergangene Nacht?« fragte mit zitternder Stimme seine Frau.

»Im Hafen war ich wegen Arbeet, unn Schneeschippens wegen, unn in de Druckerei ooch, und was weeß ich sunst noch!«

»Nu –?«

»Nischt iß! De Stelzen hab' ich mer schief geloofen – aber nischt iß! Überall ze spät oder –«

»Oder –?«

»'s iß'n Jammer! Nischt hat ma zu beißen, unn nu kriegt ma nischt, weil ma nischt hat!«

»Auch im Hafen nich –?«

»Ooch nich.«

»Unn wo bist'n ganzen Tag über geblieben –?«

»Na, wo sull ma groß geblieben sin!«

»Mann, de hatt'st doch vier Groschen noch –? Hast de Brot für mitgebracht?«

»Nischt hab'ch.« –

»Also vertrunken!« –

Der Mann gab seiner Frau keine Antwort und starrte dumpf vor sich hin in die Ecke. Auch sie sagte nichts mehr, nur ein schwerer Seufzer entrang sich ihr tief aus der Brust, dann ging sie still zu ihrem Bett.

Wir wandten uns ab von diesem Anblick des Elends und gingen heim. Aber in der ganzen Nacht zog keine Ruhe in mein brennend Auge, und das Bild der märchenerzählenden armen Frau und ihrer kleinen Zuhörerschaft mit den strahlenden blauen Vergißmeinnicht-Augen, und mit den wilden Buschelköpfchen, und mit Bobb, dem treuen Hündlein, wollte in meiner Seele nicht wieder verblassen! ...

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