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Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
projectidf325346c
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Fünfte Nacht.

Brot.

Für seinen Nächsten schafft und
wagt der edle Mann;
Doch wer sein Herz auf eignen
Vorteil nur gewandt,
frommt nicht dem Staat.

Euripides.

Noch Tage und Wochen lag ich krank, und die Sehnsucht ist in dieser Zeit nicht wieder von meiner Seite gewichen. Von Nacht zu Nacht keimte in meinem Herzen noch immer die leise Hoffnung, die Liebe würde mich wieder einmal besuchen, aber mein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Seit der Brandnacht habe ich sie nicht mehr gesehen. Ich glaube, sie trauert um die arme Mutter des kleinen Walther!

Am letzten Sonntag bin ich zum ersten Male wieder aufgestanden, und als ich an das Fenster trat, sahen meine erstaunten Augen, daß inzwischen der Winter eingezogen war im blitzenden Flimmergewande. Ich würde um der Freuden willen, die er bringt, der Freund des rauhen Gesellen sein, wenn er nur nicht gar so grausam und herrschsüchtig wäre. Und immer sind es die armen Leute, die sich seine Willkür aussucht! Auch mein bescheidenes Dachstübchen scheint er sich zu einer Lieblingsresidenz erkoren zu haben; wenigstens muß ich sein strenges Regiment bei Tag und Nacht zur Genüge verspüren.

Heute abend z. B. trat der eisbärtige Alte in meinen vier Pfählen ganz besonders unverschämt und grimmig auf, so daß ich mich seinem Einfluß schon entziehen und in mein Bett kriechen wollte. Da klopfte es aber an die Türe, und eh' ich noch »Herein!« rufen konnte, trat ein abgezehrtes Weib in meine Stube, das in einen grauen, geflickten Mantel eingehüllt war. Es war die Not!

Sie blinzelte mich mit ihren rotgeweinten Augen an und reichte mir die dürre Schwesterhand, die ich ohne Widerstreben erfaßte. Als wir zusammen hinaustraten in die weiße Winternacht, überrieselte mich ein kalter Schauer, und die Zähne schlugen mir klappernd zusammen. Ohne ein Wort zu sagen, riß die Not ihren weiten Mantel mitten auseinander und hüllte mich sorgsam in den abgerissenen Fetzen. Er war noch reichlich genug, um die mörderische Kälte von meinen Gliedmaßen abzuhalten.

Straße und Fußweg seufzten unter der starrgefrorenen Schneekruste, die unter meinen festen Tritten ingrimmig knirschte und quietschte. Und immer neuer Schnee wirbelte in Massen aus den weißen Nebelnetzen des Himmels hernieder.

Nach etwa einstündiger Wanderung standen wir vor einem großen Gehöft, das auf freiem Felde vor der Stadt lag. Mitten darin erhob sich ein kleines Häuschen, in dessen Erdgeschoß zwei Fenster erleuchtet waren. Um dieses Häuschen herum schob und drängte sich in dem weiten Hofraume, den einige Laternen spärlich erhellten, eine vielköpfige Menschenmenge. Und jedesmal, wenn sich am Vorbau des Häuschens die gläserne Windtür um einen schmalen Spalt öffnete, einem kleinen Trupp von Harrenden Einlaß zu gewähren, da ging es durch die zitternde Menschenmasse, die hier in der schneidenden Winterkälte geduldig fror und wartete, wie ein Aufatmen, ein befreiender Seufzer.

Der Anblick, den ich mir anfangs nicht erklären konnte, machte auf mich einen unsagbaren Eindruck. Diese armen, frierenden Teufel, deren trübe Augen so unverwandt sehnsüchtig nach den warmen, hellen Fenstern des Häuschens starrten, und die, um sich zu erwärmen, unausgesetzt mit den Füßen stampften, kamen mir vor wie arme, lichtdürstende Nachtfalter, welche ein geheimnisvolles Schicksal in die lockende Flamme treibt, die sie töten wird! Ach, wäre das Licht, nach dem sie so heiß verlangten, doch ihrer aller Los geworden! Aber der Elenden, die am Teiche Bethesda warten, sind zu viele! –

Siehe, sagte die Not, das sind die Parias der Weltstadt! Sie bilden eine einzige große Familie – die der Hungernden! Die Unbilden der harten Winterszeit, vor denen andere Menschen flüchten und Zuflucht finden am warmen, heimischen Herde, diese sind gerade ihre Hoffnung, die sie aus ihren elenden Schlupfwinkeln herauslockt an die kalten Lichter der Nacht! Aber nur wenige unter ihnen finden das kärgliche Brot, das sie suchen, und für das sie oft dankbar sind als wie für ein außerordentliches Glück! – In längstens einer Stunde werden diese Lichter dort verlöschen, und der Hof wird verödet liegen. Und was geschieht dann mit den Vielen, die wieder einmal die ewige Schlacht im Kampfe um das Dasein verloren haben? Was wird aus den müden Gestalten, die mit der Erkenntnis, daß auch zum armseligsten Kärrneramt eines Schneeschippers Gunst und Glück gehören, enttäuscht von dannen wanken? Vielleicht folgen wir ein andermal ihren Spuren. Jetzt komme weiter mit mir! –

* * *

Von einem nahen Kirchturm schlug es die dritte Stunde nach Mitternacht, als wir vor dem vornehmen Hause einer Hauptstraße standen. Es war das Palastgebäude einer großen Zeitung. In dem breiten Torwege, der nach der Druckerei im Hofe führt, standen bis zur Straße heraus viele Leute – in der Mehrzahl dürftige und verkommene Gestalten. Wir schritten hindurch nach dem Hofe. Der war dermaßen vollgepfropft mit Menschen jedes Alters und Geschlechtes, daß wir es aufgaben durchzukommen. Die hohen, breiten Bogenfenster der Druckerei erstrahlten im geheimnisvollen Blaulicht elektrischer Sonnen, und durch das vielhundertstimmige Surren und Summen der ungeduldigen Menge im Hofe hörte man dumpf das gleichmäßige Stampfen der Druckmaschinen.

»Was soll dieses Schauspiel bedeuten?« fragte ich erstaunt meine Begleiterin. »Was sind das für Leute, die sich nun hier wieder in diesen kalten Mauern drücken, und zu hoffen und harren scheinen wie auf ein kommendes Evangelium?«

»Siehst du es nicht?« antwortete mir die Not, »Menschen sind es, Gottes Geschöpfe wie du, mein Bruder!«

»Und was wollen sie hier,« entgegnete ich, »um diese nachtschlafende Zeit?«

»Es ist drei Uhr,« sagte die Not, »und um fünf Uhr kommen aus der Maschine die ersten Abzüge der Zeitung, darin die offenen Stellen der Weltstadt für den nächsten Tag angekündigt stehen. Schon seit zwei Uhr warten diese Brot- und Obdachlosen hier, um die ersten zu sein, wann das Blatt erscheint; denn der Kampf darum entbrennt stets wie eine förmliche Schlacht, und die Entfernungen in der Riesenstadt sind stundenweit!« –

Ich war noch ernster geworden als zuvor, und als ich der Not keine Antwort gab, sagte sie: »Laß uns wieder gehen, auch wir haben noch einen weiten Weg vor uns.« –

* * *

Unser Ziel war der Hafen. In diesem Winter noch sollte das Riesenwerk, das bestimmt war, die Gewässer zweier Meere nach der Hauptstadt des Reiches zu leiten und die Beherrscherin der Lande auch zur Königin der Meere zu krönen, zum gigantischen Abschluß gelangen. Tag und Nacht wurde hier gegraben und gezimmert, gerüstet und gerichtet; und früh und spät, in den hellen Lärm des Marktes, wie in die Stille nächtiger Gassen, ertönte das Pochen, Schweißen, Nieten und Hämmern fleißiger Menschen. Der Zustrom von Arbeitskräften aus allen Winkeln des Reiches schwoll von Tag zu Tage immer gewaltiger an. Tausende fanden Lohn und Brot auf lange Wochen und Monde hinaus, doch Abertausende ihrer Brüder waren einer trügerischen Hoffnung gefolgt!

Dasselbe Bild, das in dieser Nacht schon zweimal vor meinen Augen gestanden hatte, brannte hier zum dritten Male in meine Seele und zog vorüber! Es war der Zug der Hungernden – der Enterbten! Eine lange Reihe – unabsehbar und traurig! Vor dem löwenbewachten Turmtore des Hafenhauses machten sie Halt, und ihr Gemurmel, in dem nur dumpf die Worte: »Brot – Brot!« vernehmbar wurden, trug der seufzende Nachtwind herüber an unser Ohr. Dann öffneten sich ächzend die eisernen Flügeltüren, ein kleines Häuflein der Andrängenden wurde eingelassen, und das Tor schloß sich wieder, denn die Zahl war voll. Am Gitterfenster daneben aber erschien der Schließer und rief mit heiserer Stimme hinaus in die Winternacht: »Morgen ist wieder ein Tag – kommt morgen!« ...

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