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Gutenberg > Kurt Geucke >

Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
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Die Osternacht.

Von künftigen Dingen.

Gespräche mit der Sehnsucht.

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewige regt sich fort in Allen.
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig; den Gesetze
Bewahren die lebend'gen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Goethe, »Vermächtnis«

Heute am Osterabend hätt' ich weinen mögen! So bitterlich, wie ein Kind weint, wenn es auf Erden seine Mutter verloren hat. Aber mein Auge blieb trocken. Und wie ich so dalag auf meinem Bette, da kam's herangekrochen, das Gewürm des Zweifels ... Kalt schlich es an mir herauf und schlug seine gelben Zähne in mein Hirn und träufelte Gift in meine Seele. Und ich begann an Gott zu irren, an der ganzen Menschheit und an mir selber. Und zuletzt sprang ich auf und stürzte, gepeitscht wie von dämonischen Geistern und Gesichten, hinaus in die sinkende Nacht.

Draußen vor der Stadt, in einer Gegend, wo es ganz verlassen ist, beruhigten sich etwas meine Gedanken; und bald gesellte sich eine verhüllte dunkle Gestalt zu mir, die stumm an meiner Seite schritt. Lange wagte ich nicht sie anzureden, denn ich erkannte sie nicht. Aber ich empfand ihre Nähe gar nicht wie ein furchterweckendes Geheimnis, sondern als eine Linderung meiner Qualen. Und endlich faßt' ich mir ein Herz und wandte mich zu ihr. Da schlug sie den Schleier zurück und ich blickte in ein Angesicht, so überschön, daß alle Menschenzungen in mir stockten! Und doch! die milden, schwermutseligen Züge, sie waren mir wohlvertraut – es war die Mutter meiner Seele, die Sehnsucht, die uns Alle geboren hat. Und nun sprach sie auch zu mir ...

Erstes Gespräch.
Vom Dasein Gottes.

... Sie sprach: Wen suchest du, mein Freund, in dieser Einsamkeit?

»Ich suche Gott,« sprach ich, »den ich verloren habe; aber ich kann ihn nicht mehr finden. – Ach, wer in die tiefsten Tiefen der eigenen Seele tauchen könnte! Aber ich ergründe mich selber nicht. Und siehe, nun bin ich ein gehetzter Narr, der der Ewigkeit nachläuft, der Unermeßlichkeit, und mein Fuß kann sie doch niemals einholen, meine Arme sie nicht umspannen!«

Schaue mich an, sprach die Sehnsucht mit ernster Stimme. Und nun sage mir, ob du in diesem Augenblicke den Hauch meines Mundes erblickst?

»Ich sehe ihn nicht,« gab ich erstaunt zur Antwort.

Dann schaue in die unterste Tiefe meines Auges und verkünde mir, welche Gedanken du am Grunde meiner Seele liesest?

»Aber wie vermag ich solches?!« antwortete ich abermals. »Mein Auge ist auf das Lesen unsichtbarer Dinge nicht eingerichtet.«

Mein Freund! Kannst du nun sagen, daß in meiner Brust kein Odem wohne? Und kein Gedanke im Lichtbrunnen meiner Seele? Und weil dir Gott den Sinn nicht schenkte, Ihn zu sehen, dir nicht diesen Sinn – darum ist kein Gott? ...

Jenseits des Flusses, an dessen Ufern wir abwärts gingen, versank über fernen Fichtenhöhen die Abendsonne.

Die Sonne, mein Freund, sieht dein Auge. Glaubst du an die Sonne?

»Muß ich nicht? Sehe ich nicht täglich, wie sie auf Rädern ewiger Gesetze ihre umgeschriebenen Bahnen rollt?«

Wie? Das Gesetz erkennest du, und seinen Schöpfer nicht?? Das leuchtende Wunder deines Auges, und doch seinen Bildner nicht und des Lichtes Spender? Wo das kleinste Organ eines Wesens der Natur – gehöre es Mensch, Tier oder Pflanze an – einen Gedanken verkörpert, einen Gedanken, gerichtet auf die ganz ihm eigene Bestimmung, die es erfüllen muß: da sollte kein Denker dieser Gedanken gewesen sein? kein Erdenker dieser Wunderwerke einer höchsten Zweckmäßigkeit? Wo Gedanken, Wille und Bewußtsein dem stumpfesten Menschen, ja selbst dem Tiere gegeben sind, die aus der ewigen Allkraft hervorgegangen, da sollte diese unendliche, welterzeugende Allkraft, die wir Gott nennen, ohne Bewußtsein, Wille und Gedanken sein? Sollte also niederer Art sein als die aus ihr erst entsprungenen irdischen Gebilde –?! Und wo das winzigste Staubkorn der Erde, so wie die gewaltigste Weltkraft der Fernen, nach ewigen, unverbrüchlichen Gesetzen gelenkt werden, da wäre kein Gesetzgeber? Eine lebendige Wirkung nur und keine lebende, webende Ursache? Eine ewige Weltordnung und doch keine weltdurchdringende, welteingeborne, ordnungwirkende Seele?!

Freilich, mein Freund – der Verstand der Menschen erklettert schon Höhen der Weisheit, wo ihnen über der Kühlkammer ihres Herzens die arme Vernunft zu Eis gefriert. Wo ihnen der wahnwitzigste, in Stetigkeit erklärte Zufall als ewiger Weltenbildner vernunftwahrscheinlicher und natürlicher erscheint, als sie selber, die alldurchdringende Urvernunft, die in den Weltgesetzen alle Dinge weise vorgesehen hat.

Das ist das Torenlächeln des Verstandes! Des entgötterten Verstandes, der sich selbst ableitet, der Geist aus dem Ungeistigen, die Seele aus dem Schmutz des Stoffes, die denkende, lebendige Vernunft des Menschen, des Gott-Ebenbildes, aus einem blinden Ungefähr unbeseelter, durcheinanderwirbelnder Atome! – Laßt die Hand des Zufalls Milliarden tote Buchstaben, ja alle Lettern der Welt von Alpha bis Omega Jahrtausende durcheinander wirbeln, – es kommt noch kein Gedicht heraus! War es nicht eine tolle, wundersame Laune jenes augenlosen Götzen »Zufall«, daß er aus den Urschmutzanfängen der Welt zuletzt so hochbegeistete Menschen schuf –?

»O Sehnsucht, Sehnsucht!« rief ich mit zitternder Stimme und breitete meine Arme nach der geliebten ernsten Gestalt: »Du rufst in mir eine Stimme wach, die, ach, schon längst verklungen war! Sprich weiter, sprich weiter! ...«

* * *

Weltgerechtigkeit und göttliches Wesen.

Tiefe Dämmerung hatte sich über Fluß und Flur gebreitet, und hoch über allem Verstand und Unverstand der Menschen schwebte das silberne Lächeln des Mondes dahin. – Wir schlugen einen schmalen Feldweg ein, der seitab vom Weidengebüsch des Ufers durch schwarzgefurchtes Ackerland und Heide hinunter zum See führt. Etwa in der Mitte des Weges blieb die Sehnsucht stehen. Sie wandte sich zu mir und sprach:

Glaubst du an einen Gott?

Ich antwortete: »Was sagt, was erschöpft ein Name! Ich glaube an eine höchste unendliche Liebe, die auch die unendliche höchste Vernunft ist und die höchste unermeßliche Kraft. Wenn du diese Dreieinigkeit auf den Namen Gottes taufen willst, dann glaub' ich an Gott und fasse ihn mit Herz, Hirn und Händen.«

Antworte mir weiter, mein Freund! Kannst du dir jenes höchste Allwesen, das wir Gott nennen mögen, ohne die Eigenschaft der Vollkommenheit vorstellen?

»Nein. Gott muß vollkommen sein. Denn wäre er nicht vollkommen, so wäre er eben nicht Gott: entweder nicht die unendliche Liebe, oder nicht die weltumspannende Vernunft, oder nicht die allvermögende Kraft.«

So sei es eingegraben: Gott ist vollkommen. So auch vollkommen in seiner unendlichen Liebe. Sage mir weiter, mein Freund: Giebt es eine ungerechte Liebe, die vollkommen wäre?

»Das wäre wie das Göttliche, das nicht göttlich ist.«

Sage weiter! Wenn Gott die Liebe ist, der liebende Allvater, und die Menschen alle sind seine Kinder, wird er Eines unter ihnen mehr oder minder lieben als das Andere? Eines bevorzugen und das Andere hintansetzen –?

»Nein. Wenn Gott Gott ist, so gilt eines Königs Geblüt nicht mehr vor Ihm als der Herzschlag eines Betteljungen.«

Dereinst. Aber wie ist es mit der Weltgerechtigkeit in diesem Erdenleben bestellt?

»Der irdische Schein ist gegen Gottes Gerechtigkeit; aber ich meine, es könnte vielleicht –«

Nicht ausgebeugt! Geht es gerecht auf Erden zu oder nicht –?

»O Freundin, zu welchen Geständnissen möchtest du mich zwingen!«

Antworte! Gerecht oder nicht?

»Nun, wenn du es verlangst – nein! Gerechtigkeit wohnt nicht auf Erden.«

Das wollt' ich von dir hören, sprach die Sehnsucht. – Von den gleißenden Schätzen der Welt, die so ungleich verteilt sind, will ich schweigen. Denn Gold ist nicht das höchste Lebensgut. Auch von den Gaben des Geistes laß uns still sein. Ein Gut, das man nicht kennt, schätzt und vermißt man kaum; und das Glück baut auch Hütten im kleinen Wirkungskreise.

Aber tiefer laß uns in des Lebens Abgründe tauchen! Ist es nicht eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit, wenn es geschehen kann, daß unglückliche Geschöpfe in die Welt geboren werden, die Krüppel an Geist und Körper bleiben ihr Leben lang? Unschuldige Kinder, die für die Sünden ihrer Väter büßen müssen?! Ist es nicht eine Grausamkeit der sittlichen Weltordnung, die zuläßt, daß es wie oftmals den allerbesten, edelsten Menschen so jammerschlecht ergeht, während Schlechten, was sie nur beginnen mögen, alles zum Guten ausschlägt? ...

Nun weiß ich wohl, was ihr einwendet. Das reine Bewußtsein, sagt ihr, und das strafende Gewissen bringen die Ausgleichung. – Wirklich? Kann das strafende Gewissen eines Verleumders, eines meuchlerischen Ehrenmörders, ein Trost sein für das Opfer seines Hasses? Vermag die Reue eines Mörders ein vernichtet Menschenleben in die holde Welt des Atmens zurückzurufen? Kann die Gewissensangst des unerbittlichen Wucherers die Tränen einer Mutter stillen? das Bewußtsein ihres unverdienten Loses die bittenden Mäulchen ihrer hungernden Kleinen schließen –? Und darin vermessen sich solche, die hoch über der Erde Elend und Verzweiflung auf des Lebens Sonnenhöhen wandeln, die nicht wissen, wie wehe Hunger tut – eine göttliche Weltgerechtigkeit zu erkennen?! ...

Ich zitterte im Gedenken an die Folgerungen dieser Worte, und nur mit schwacher Stimme wendete ich ein: »Muß nicht Gott die Menschen prüfen?

Muß er das? Wie? Gott der Vollkommne, der Allwissende? Dessen Blick in die geheimsten Fältchen eines Herzens dringt –?! Und wenn er es notwendig hätte, die Geschöpfe seines Willens erst »prüfen zu müssen« – warum mit so ungleichen Mitteln? Die Einen liebreich mit Milde, Nachsicht und überhäufender Güte, und die Anderen unerbittlich mit so furchtbarer Grausamkeit? Ist das Gott der Liebende? der Allgerechte? der Vater aller seiner Kinder? – Die Sehnsucht blickte mich an.

»So drängst du mich auf einen Scheideweg!« sprach ich jetzt mit starker Stimme. »Entweder es giebt keine Weltgerechtigkeit, und dann ist auch kein Gott. Oder aber – es kann mit diesem Leben nicht zu Ende sein: es ist eines Gottes Gerechtigkeit, aber sie liegt jenseits des Todes und des Staubes dieser Erde.«

Und dort drüben, meinest du, da werden alle Menschen selig?

»Die Schrift lehrt: Alle, die da glauben! Sünder und Gerechte! Denn für Alle ist Gottes Sohn am Kreuz gestorben.«

* * *

Von der Unmöglichkeit einer ausgleichenden himmlischen Seligkeit.

Die Sehnsucht schwieg. Aber es war mir, als hörte ich neben uns eine dritte Stimme sprechen. Jene Stimme des Zweifels, die erst vor Stunden mit den Peitschenhieben ihrer dürren Gedanken mich hinausgejagt hatte in die menschenleere Einöde.

Glaubensglück – Glaubensgnade! Das nennt ihr eines Gottes Gerechtigkeit! Und welcher Art und Herrlichkeit sie ist! Eine Gerechtigkeit, die die irdischen Verschiedenheiten mit einer ewigen himmlischen Gleichheit ausgleichen will! Ziehet nur mit dieser Lehre in die Sümpfe der Riesenstädte und streut ihr Samenkorn in die Schlünde des Lasters aus. Steigt mit flatternden Fahnen hinab in die Mördergruben und in die Höhlen der Vampyre, die ihre Opfer zu einem Elendtode langsam einspinnen und ausschlürfen, und sprecht zu den vollgesogenen Verbrechern also: Ihr ehrenwerten Gauner, Bluthunde und Mörder, ihr großen Ich- und Übermenschen, vollsaftige Kraftnaturen, hört auf meine Stimme! Ihr solltet eigentlich einige Reue verspüren und zudem eurer irdischen Strafe gewärtig sein, wenn ihr euch nur immer fassen, nur erwischen ließet! Aber wie es nun auch kommen möge: Vergießet mir nicht zuviel der Reuetränen, denn das Leben mit seiner Last an Lust und Leid, Schuld und Sühne hat einmal ein fröhlich Ende, und dann kommt die ewige Seligkeit, die ich euch verkünde. Denn ihr müßt wissen, ihr lieben verkappten Schufte, und ihr ehrlichen offenbaren Gurgelabschneider: des Welterlösers Blut ist auch für euch am Kreuze geflossen!‹

»Und was wird die Antwort sein?« fragte ich schüchtern die Stimme an meiner Seite.

Die antwortete: ›Ein Hohngelächter der Hölle. Und die wiehernde Stimme des bleichen Verbrechers wird aus jenem Lachen also heraustönen: Darum lasset uns lustig weiter sündigen! Von der himmlischen Strafe erlöset uns euer Heiland, und gegen die irdische, wenn wir uns selber nur nicht fangen und fassen lassen, soll uns die göttliche Schlauheit unsres Verstandes feien. Entbehren, Dulden, Leiden, Selbstbeschränken sei Dummköpfen und Schwärmern überlassen, die mit den schönen weißschimmernden Segeln ihrer hochgetakelten Menschlichkeit nicht weiter fahren, als wir auf Sturmesfittichen der Sünde.‹ »O Sehnsucht, sprich Du zu mir! Was will neben mir jene grauenhafte Stimme vernichten?!« So wandte ich mich schaudernd zu meiner schweigenden Begleiterin. »Nun zweifle ich schon an meinen eigenen Worten.«

»Ist Christus wirklich für Alle gestorben? Und wenn er nicht für Alle starb – wo blieb dann Gottes Göttlichkeit? Denn wenn auch ein Sünder wäre, der alle Todsünden der Welt auf sein Haupt geladen hätte, ist er nicht einst ein unschuldig Kind gewesen? Ein Kind Gottes wie seine Brüder? Ein Kind, das vielleicht mit frommen Lippen Gottes Namen lallte? Und sollte einer verirrten Menschenseele auch der Dornenweg der Reue abgeschnitten sein? die Möglichkeit der Besserung –? Ist Gott nicht die unendliche Liebe, Gnade und Barmherzigkeit? Ist ers nicht, auch ohne Glaubenszwang und Vorbehalte? – Ach, wer löst mir alle diese Rätsel? ... Urwiderspruch auf Widerspruch! ... Die ewige Seligkeit Aller eine zwecklose, gefährliche Ungerechtigkeit im Himmel wie auf Erden, und ein Gottesreich erwählter Seelen eine ebenso ungöttliche, grauenvolle Grausamkeit!

»O Sehnsucht, rede mit den Zungen des Trostes zu mir – ich steh' an meinem letzten Schlusse. Hilf mir! Sonst kommt der Wahnsinn heran und kriecht mit klebenden Spinnenfüßen an mir herauf und schlägt noch tiefer als jenes abgeschüttelte Gewürm in die hämmernden Pulse dieses Hauptes seine gelben, eklen, mißgestalteten Zähne ... Gieb mir Wahrheit – Wahrheit! ... Wenn ein Gott nicht der Vollkommenheit ermangeln kann, nicht ungerecht und auch nicht grausam ist, so kann auch niemals ein Himmelreich, eine Seligkeit bestehen, wie die Priester dieser Welt mit klüglichen Zungen predigen. Denn wäre ein solches Himmelreich – dann ist kein Gott ... Und ist nichts von alledem, kein Jenseits jener mangelhaften Welt und ihrer letzten Schwelle, die wir Tod nennen – dann ist wieder kein Gott ...«

Ich trocknete den rinnenden Schweiß von meinen Schläfen und ließ mich erschöpft auf einem Steine nieder, der am Feldrain lag. Die Sehnsucht stand vor mir, und blauer Mondenglanz wob einen helldämmernden Schimmer um ihren lichten Scheitel, als sie mit wunderbarer Stimme mir Antwort gab:

Wahrlich, ich sage dir, mein Freund: es ist ein Gott, so wahr eine Vergeltung ist und ein ewiges Leben. –

* * *

Ich schüttelte wild das Haupt, denn schon wieder erwachten die hundert Zungen des Zweifels, die in und neben, vor und hinter mir durch die Luft wie schneidende Klingen zischten.

»Wie erbarmungslos müßte eine Vergeltung in jenem körperlosen Jenseits beschaffen sein, das keinen Tod, keinen Schlaf und niemals ein Vergessen schenkt! Nein, lieber will ich an meine Brust die Dornenrosen vergänglicher Schmerzen drücken, wie die vergängliche wesenhafte Erde giebt, als drüben in jenem Schattenlande die Qualen des Gewissens erdulden, die ewig, unverlöschbar lodern müßten, wie die Schuld-Erkenntnis der ewigen Seele!«

Du stehst vor einem Tore der Erkenntnis, sprach die Sehnsucht. Doch ehe wir eintreten, sage mir zuvor: Was wäre auch eine letzte Vergeltung wert, die eben nur Vergeltung, nur noch Strafe ist und nicht mehr im höchsten Sinne eines Gottes Erziehungsmittel? Eine Strafe, die nie mehr Gelegenheit der Besserung gewährt? Die für ewig niederdrückt und nimmermehr erhebt? Die kein Tor der Umkehr ist, sondern der zermalmende Schlußstein eines Menschenlebens? – Und sind die Menschen nicht Sünder allzumal? Wäre es nicht eine Wahnsinn bringende Vergeltung, die einen Irrtum, eine Schuld, einen Fehltritt mit der Beize ewiger Scham und Reue übergießt, doch nichts mehr gut machen, niemals mehr vergessen läßt?!

Würden nicht die Seelen am Tage des Gerichtes zu Gott schreien: »Unser Wandel war nicht gut auf Erden; doch wir haben den Willen zur Besserung, und wir bitten dich, gütiger Vater: Versage uns zum Werke dieses Willens nicht die Gelegenheit! Schenke uns nicht was wertlos wäre, Vollkommenheit; lasse uns aber und nimm uns nicht die tausend Möglichkeiten der Vervollkommnung! Nicht sein nach deinem Wunsche – aber laß uns also werden! Versuch es noch einmal mit deinen Kindern!« – Und einer solchen Bitte vorausschauend, sollte Gottes Gemüt sich verschlossen haben?? ...

Wie ein Blitz schlug dieses Wort der Sehnsucht in meine Sinne, und aus der Nacht meiner Seele tauchte rettend eines Gedankens grünschimmerndes Eiland auf ...

* * *

Von der einzig möglichen, der wahren Unsterblichkeit.

Wir gingen schweigend weiter. Nach etwa hundert Schritten blieb die Sehnsucht stehen, beugte sich zur Erde herab und pflückte eine Blume, die am Wege blühte.

Sage mir den Zweck, den diese schlichte Blume im Haushalt der Natur erfüllt.

»Ich kenne ihn nicht.«

Vielleicht aber kennst du den Zweck deines Lebens?

»Ich diene der Menschheit.«

Und hast du nicht auch an dir selber eine Aufgabe zu erfüllen?

»Ich strebe danach, ein guter Mensch zu werden und immer tiefer einzudringen in die Erkenntnis aller Dinge.«

Wie weit bist du zu diesen Zielen vorgeschritten?

»Ach, Freundin! der Mensch ist schwach, und ein Leben gar so kurz!«

Und du meintest noch vor einer Stunde, es müsse mit dieses Lebens Schluß zu Ende sein?

»Es war mir nicht wahrscheinlich, daß es Gott der Mühe wert achten sollte, eine so nichtige Kreatur, wie der Mensch ist, für die Ewigkeit zu erhalten.«

Die Sehnsucht lächelte. Wozu hat Gott den »nichtigen« Menschen und die »nichtige« Welt dann überhaupt geschaffen?

Ich schwieg.

Meinst du, nur als einen Zeitvertreib, ein Spielzeug zu seinem göttlichen Wohlgefallen?

»Das kann ich unmöglich von Gottes Ernste denken.«

Oder aus einer gedankenlosen Laune?

»Das kann ich von der Höchsten Vernunft nicht glauben. Gott ist vollkommen und er tut nichts Zweckloses.«

Und welcher Art, meinest du, müsse der Zweck sein, den Gott der Menschheit gesetzt hat?

»Es könnte das nur ein sittlicher Zweck sein – der Zweck der Entwickelung und Vervollkommnung bis zum Ziele der Vollendung.«

Wird dieses Ziel in einem Menschenleben erreicht?

»Nicht im kleinsten Teile.«

Könnt' es nach dem Tode noch, im Zustande einer ewigen Seligkeit, erreicht werden?

»Niemals. Denn ein Zustand hat keine Entwicklung mehr.«

Könnte die Vollendung nicht auch ohne Entwickelung gewonnen werden? Durch Gottes allmächtiges Wort? Durch die im Spiegel der Ewigkeit der Seele vollgewonnene Erkenntnis der irdischen, fehltrittreichen Vergangenheit?

»Nein. Denn welchen Wert hätte eine Vollendung, die nicht mitten zwischen böse und gut, durch Kampf und Selbstüberwindung von der Freiheit des sittlichen Willens errungen wird?«

So wäre die sittliche Vollendung des Menschengeschlechtes im Zustande einer ewigen Seligkeit nach diesem Leben unmöglich –?

» Unmöglich,« rief ich mit bebender Stimme aus. Und der Donnermund der Berge und ferngipfelnden Wälder hallte es wider ... » Unmöglich!! «

Doch sagtest du vor einer Weile, begann die Sehnsucht abermals und blickte mir fest in die Tiefe meines Auges: Gott müsse die Menschheit zu dieser Vollendung führen! Müsse ihr die Möglichkeiten bahnen!

»Gott muß es, wofern er ist ... Gott ist! Das ist das ›Muß‹, dem auch Gott unterliegt, weil er Gott ist und das Göttliche will. Das ist das sittliche Weltgebot, das die Höchste Sittlichkeit sich selber stellen mußte! ...

»Denn was ist göttlicher und Gottes erhaltender Liebe würdiger als sein vornehmstes Schöpfungswerk, der Mensch? Und den Menschen, den er liebend schuf, den könnte er vernichten wollen, so weit von seinem göttlichen Ziele? Sein eigengöttliches, Ihm gottähnliches Werk, das Er begonnen hat – das sollte er zerbrechen lassen, und so unvollendet??? – Niemals! Wozu dann alle Drangsal dieses Lebens? Wozu der Mensch und Gottes Weltenwerk dann überhaupt? Lohnte es nur des Eintrittes in diese mangelhafte Welt?« – Es war, als ob ich, der Zweifler vor einer Stunde, an meiner jungen Erkenntnis mich selbst berauschte.

Die Sehnsucht lächelte. Dann sprach sie weiter: Wir kommen zum letzten Schlusse. In diesem Leben liegt keine Vollendung, und keine in einer ewigen Seligkeit. – Wo dann?

Ich antwortete: »So bleibt nur Eines noch – ein neues Sein, ein immer neues Leben! Denn nur das Leben erfüllt Gottes Zwecke: giebt Versuchung, Kampf und Siegesfreude. Und Fleisch und Blut allein wirkt die Stärke der unsterblichen Seele. –

»O meine Freundin! Das ist Morgenröte! ... Wird sie den Sonnenaufgang einer uralten Erkenntnis bringen? – Wer mag es wissen! Doch du, mein unsterbliches Gemüt, – ich höre deine Stimme in dieser heiligen Stunde! Ja, es ist – es ist eine ewige Wiedergeburt! Sei es zur holden Erde, seis auch zu schöneren Sternen! Denn Gottes wunderreiche Welt ist weit, und seiner Kraft und Fülle und Liebe wird kein Ende. Der ewige Fortschritt von Leben zu edlerem Leben: das ist die Seligkeit, die Gott uns schenkte! Wahrlich, ein Gedanke, der Tränen trocknet und viele, viele, ach wie viele dunkle Lebensrätsel löst! Über diese Erkenntnis ist keine mehr! ...«

* * *

Zweites Gespräch.
Der Tod als Verkünder der Wiedergeburt.

Wir schritten schweigend durch die thauende Nacht, und die frühlingsfeuchte Luft strich kühlend um unsre glühenden Stirnen. Am Seegestade, wo unser Feldweg in eine breite, mit Pappeln bestandene Landstraße einmündete, bot sich uns ein trauriger Anblick. Ein Armenleichenwagen aus der Stadt wars, der einen kleinen Kindersarg trug und eben vorüberfuhr. Hinter ihm wankte in tränenlosem Schmerze ein abgehärmtes Weib, die Mutter des kleinen Weltbürgers, der schon so frühe schlafen ging.

Siehe, sprach die Sehnsucht, hier predigt auch der Tod ein Zeugnis vom ewigen Leben. Wie viele Menschen welken vor ihrer Zeit dahin! Wäre keine Wiedergeburt ins Leben – wo bliebe abermals die göttliche Gerechtigkeit?

»Ja,« sagte ich, »denn man weiß nicht, ob nicht manche dieser jungen Blumen auf Erden dem Glück erblüht wären; und schließlich hängt an dem dürren bißchen Leben doch ein jedes Blümlein und hebt sein Köpfchen sehnsüchtig zum holden Sonnenlichte.«

Das, mein Freund, entgegnete die Sehnsucht, wäre wohl der geringere Verlust. Aber würde ein junges Menschenleben, das so vor seiner Zeit vergehen mußte, nicht auch um seine sittliche Erziehung betrogen?

»Vielleicht könnte man einwenden,« sagte ich, »daß das unschuldige Kind, so wie es ist, gut ist und zu Gottes Zwecken taugt.«

Wenn Gottes Weisheit eine solche Puppenunschuld wollte – warum ließ er dann nicht alle Menschen als Kinder sterben und vor ihrer Sünden Blüte selig werden? Warum schuf er die unsterblichen Seelen nicht von vornherein als unversuchbar und vollkommen –? Warum dann überhaupt ein Erdenleben?! ... Nein, glaube mir und erkenne das zwingende sittliche Weltgebot der Verkörperung! Nur eine ewige Wiedergeburt löst alle Welt- und Lebensrätsel. Und ich sage dir abermals: Eine Tugend ohne Kampf ist eine Tugend ohne Wert, und eine Seligkeit ohne Verdienst eine Unseligkeit ohne Glück und Würde.

Einst, da du ein Kind warst, lerntest du und glaubtest eine Verklärung des Leibes nach dem Tode und träumtest von einem Falterleben über den Wolken und von weichen, weißschimmernden Flügeln. Nun du aber Mann geworden, will ich dir andere Schwingen zeigen, und dich im Tode die Verklärung der Seele lehren! Was mag dir höher gelten? –

Die funkelnden Fluten des mondbeglänzten Sees rauschten zu unsern Füßen, und vom anderen Gestade herüber, wo der Friedhof dunkelte und Weiden über das Wasser hingen, tönte durch die Frühlingsstille der Nacht friedvoll und leise das Totenglöcklein.

Von meinen Kinderjahren an hat der geheimnisvolle Ernst ewiger Ruhestätten auf mein Gemüt einen unsagbar rätselhaften Zauber geübt, und auch heute abend wandelte mich die alte Versuchung an, meine Schritte nach dem stillen Ort zu lenken.

Die Sehnsucht erfüllte meine Bitte gern. Aber ein Kahn am Ufer lag festgeschlossen, und so mußten wir den See umwandern. Als wir gegen Mitternacht anlangten, fanden wir das Tor, das vermutlich des toten Kindleins harrte, offen, und wir traten ein ...

* * *

Tod und Leben als Erzieher.

Es war schwül geworden. Die feuchte Nachtluft drückte schwer herab, und im Süden schob sich blauschwarzes Gewölk zusammen. In das Zypressendunkel der schmalen Gräberwege aber fiel noch grell das volle Mondlicht ein, so daß man auf den weißschimmernden Kreuzen und Marmortafeln deutlich jede Inschrift lesen konnte.

Siehe, sprach die Sehnsucht, indem sie vor einer ganz neuen, noch mit frischen Blumen geschmückten Stätte stehen blieb: Hier in dieser prunkumgitterten Gruft schläft der Sohn eines Diamantenkönigs den langen Rausch seines Lebens aus. Nun ist er die letzte Schicht in eine Grube gefahren, die ihm mit flinken Händen ein gar wackrer Bergmann teufte – Todesbruder Leichtsinn. Aber alles in allem: unser Diamantenprinz starb doch als ein unantastbar ehrlicher Mann! – Ich möchte dein ahnungsvolles Gemüt in die Fluten der Zukunft tauchen lassen. Was meinest du wohl, wie sein unsterblich Teil du wiederfinden würdest?

»Vielleicht – in eines Bettlers Hülle,« sprach ich, »damit er auch vom Elend kostet und ringen muß mit den Versuchungen des Hungers.«

Die Sehnsucht seufzte. Ich bange mehr um ihn. Der unbesiegte Leichtsinn des alten Lebens wird seines nächsten Wandels Mitgift sein und vielleicht ihn sinken lassen von Stufe zu Stufe. Doch das sei deinem Mitgefühl ein Trost: In der tiefsten Schmach, wenn Schuld und Verzweiflung den stolzen Nacken gebrochen haben werden, wenn gar vielleicht auf die notzerfurchte Stirn das Verbrechen seinen Stempel drückte, dann steht er in seiner sittlichen Erfahrung doch noch höher als wie vor kurzen Monden auf dem einsamen, von den Versuchungen des Daseinskampfes unerreichbaren Gipfel eines Scheinglückes. Denn glaube mir: Oft ist der erste Schritt zu einem großen Ziele ein Schritt zurück.

»So wird jeder Gute,« fragte ich begierig, »wieder zum Guten geboren werden, und jeder Sünder wiederum zur Sünde?«

Da schien es mir fast, als glitte ein mildes Lächeln über das stille Angesicht der Freundin, und sie sagte: Wäre Gott ein so unbedachter Vater, daß er dem Menschen die freie Selbstbestimmung nimmt? Liegt es nicht so nahe, daß die Kraft zum Guten und die Schwäche vor dem Schlechten, die ein Mensch in früheren Lebensfahrten durch Verdienst und Schuld sich aufgespeichert hat, seinem freien Willen und Gewissen als Kraft und Schwäche, als selbsterworbene Anlage zum Guten und Schlechten in jedes neue Leben wiederum mitgegeben wird. Nur dasmal in diese Lebenslage, diesmal in jene? Und liegt es nicht einzig am Menschen, die Kraft zum Guten in ihm zu stärken, und die Schwäche gegenüber der Versuchung zu überwinden? – Gott gab das eherne Gesetz; doch zwischen Schicksal und Selbstbestimmung wandelt der freie Mensch in des Gesetzes Grenzen. Und wenn du innerstes Menschenschicksal an seinen Wurzeln zutage hebst, so magst du staunen. Denn oft ist auch des Menschen Geschick nur ein von ihm ihm-selbst vererbtes Geschick. Wie kein Gesetz als das von Gott besteht, so ist auch keine Vorbestimmung als die in uns!

* * *

Wahnsinn und Unsterblichkeit.

Wir schritten weiter. In unmittelbarer Nähe lag ein moosbewachsener Hügel, aus dem schief und zermorscht ein eingesunkenes Holzkreuz ragte. Die Inschrift war nicht mehr zu entrunen.

Das ist das Grab eines Mannes, sprach die Sehnsucht, der einst ein Pfadsucher der Menschheit gewesen.

»Und wie ist sein Name?« fragte ich.

Vergessen, versunken wie sein Gebein.

»Wie konnte das geschehen?«

Er hatte das Unglück, daß er auf Erden nicht heimisch wurde. Wie das im Leben begegnet! Wenn die einen in einem großen Wollen nichts als Vogelflug erblicken mögen, so die andern, die nur das Unterirdische darin gewahren, nichts als Maulwurfsgang. Also ist es ihm ergangen. Sein Erbe haben Spätere angetreten. –

Im dunklen Süden zuckte ein Wetterleuchten.

»Und sein Ende?«

Im Irrenhaus.

»Auch so eine Spötterlaune des Lebens!« Aber – da durchzuckte mich ein Gedanke, so gäh wie jenes falbe Leuchten im Süden ... Wie konnt' es jemals möglich sein, daß eine unsterbliche Seele in Wahnsinn fiel? – »Wie willst dus mir erklären, Sehnsucht, daß ein Menschengeist des Todes Beute wurde? Und noch, bevor sein Körper starb?!«

O du Kleingläubiger! Wie schnell doch ein Windhauch so junge Blütenpracht verwehen kann! Wann hast du je erlebt, daß ein Bewußtsein sich in Staub gewandelt –? Staub in Bewußtsein? ... Was stirbt? Ein Körper stirbt. Ein Fleisch und Blut, das keinen Stoff mehr wechselt. Tauscht auch die Seele Staub und Stoffe aus? Kann eine Seele sterben? ... Was heißt denn sterben? – Sterben heißt zerfallen. Zerfallen aber kann nur das, was zusammengesetzt ist. Die Seele ist nicht zusammengesetzt, sondern sie ist eine unteilbare Einheit. Kann die Seele sterben?

Und dann – was krankt, mein junger Zweifler? Ein Körper krankt, ein Leib aus Blut und Stoffen. Kann eine Seele auch nur »kranken«? Wäre ein krankes Hirn etwa das Gleiche wie eine »kranke Seele«? –

Dein Schweigen antwortet »Nein«. Und so will ich dir die Wahrheit sagen: Es giebt wohl Krankheit des Gehirns, aber »Geisteskrankheit« ist ein Widersinn. Und das nicht weniger, als es widersinnig wäre, etwa von den weltüberfliegenden Gedanken einer Hirnzelle, oder von der ausgebreiteten Lebensweisheit eines Hirngewindes, oder von der tiefen Schwermut einiger Nervenfasern, oder wohl gar von den mannigfachen Leidenschaften eurer heißen Blutkörperchen zu reden! Die treibende Denk- und Willenskraft ist eben ein anderes als Stoff und Maschine, und das Werk-Gerät ein anderes als der Werkmeister. Ebenso, mein Freund, als andrerseits die auslaufende Enderregung selbst des allerletzten, tiefinnersten Nervenendes noch nicht das Bewußtsein ist, noch nicht der Schatten eines Bewußtseins! Wie jene Weisen, die am Leime der Erscheinung kleben, so oft vergessen!

So überzeugend sprach die Sehnsucht, daß ich ihr folgen mußte: »Wäre es wahr,« sagte ich, »daß der Geist nur eine Wirkung des Stoffes wäre: müßte dann nicht unbedingt die geringste Verletzung der ›Ursache‹, also des Gehirns, endgültig irgend eine geistige Vernichtung bedeuten? Aber haben wir nicht Beispiele selbst der allerschlimmsten Zerstörungen, bei denen dennoch der Geist unberührt blieb und das bildende Etwas die Aufgaben der zerstörten Regionen von andern Teilen übernehmen ließ?«

Die Gefährtin neigte zustimmend das ernste Haupt: Und noch Eines vergessen jene Klugen, die da sagen: »Das was ihr Seele nennt, ist nur ein Ausfluß des Stoffes und dem Vergänglichkeitsgesetze des Stoffes untertan.« – Ihr wisset, euer Leib verwandelt sich beständig und erneuert sich von Atemzug zu Atemzug in unausgesetztem Wechsel aller Stoffe. Sieben Jahre mag es brauchen, bis der Kreis geschlossen und der alten Form des Körpers ein völlig neuer Leib geschaffen ist. Wäre nun die Seele nur ein Zweites im Menschen, nur eine Folge, Wirkung des Stoffes – müßte nicht mit ihrer Ursache auch sie in Jahren eine vollkommen andere, eine neue geworden sein? Aber unser »Ich« bleibt das selbe, unberührt von allen Wandlungen des Leibes. Und das Bewußtsein des Greises, das seine Wurzeln tiefhinab in früheste Kindheit erstreckt, ist noch gänzlich das nämliche und fühlt sich als das nämliche, wie einst das dämmernde Ich-Gefühl der jungen Kindesseele. Wie mögen nun jene Weisen das Geheimnis der vollkommenen Einheit und Beständigkeit unsres Ichs erklären? Und wie das Wunder der Bewußtseinsenge, in die durch einen unsichtbaren Faden Millionen und Milliarden Fäden münden, und nichts verwirrt sich in dem letzten Punkte!? Und wie das tiefste Rätsel des Bewußtseins, das, wie ein Auge in dem Auge, sich selbst betrachtet!? und in sich sich belauscht!? Das wie ein Meer im Meere unergründlich sich versenkt in seine eigene tiefste Tiefe –!?

»Um so unerklärlicher,« warf ich ein, »muß es dann erscheinen, wie ein krankes Hirn die gesunde Seele in Mitleidenschaft bringen kann!«

Die Sehnsucht schien mich nicht gehört zu haben, denn ihr träumerischer Blick schweifte in die Leere ... Dann aber vernahm ich den sinnenden Klang ihrer Stimme ... Ein altes Bild nennt den Körper das Kleid der Seele. Ich möchte sagen: Der gesunde Leib ist ein Prachtgewand, aus dem sie göttergleich ausstrahlt wie eine junge Königin aus schimmerndem Purpur. Der kranke Körper aber ist eine Zwangsjacke, aus der sie müd und gebrochen schaut wie eine arme Gefangene aus dumpfer Kerkergruft. –

Ich will dir noch ein anderes Gleichnis sagen:

Denke an den völkerverbindenden Draht, der heute schon die Erde umspannt. Eine tiefgeheimnisvolle Weltkraft trägt den springenden Funkenblitz in der Frist eines Gedankens als Sendboten der Menschheit über ganze Meere und Länder dahin. Diese unsichtbare Kraft laß mich der Weltseele, den elektrischen Funken der aus ihr entflossenen Menschenseele, und die eherne Leitung dem Körper vergleichen, an den sich gern die Seele bindet. – Nun folge der Richtung meiner Hand ... Da drüben unter den Schwarzpappeln sehen wir längs der Kirchhofsmauer eine solche Leitung laufen. Jetzt folge mir im Geist und denke, wir stiegen auf jenes Grabmal dort an der Mauer, und diese meine Hand hier zerschnitte den Draht mit der Schärfe deines Messers ... die Leitung ist zerstört. Der Funke erreicht sein Ziel nicht mehr; die Botschaft, die er mit sich trug, trifft nicht ein – der Draht bleibt stumm und tot.

Ich frage dich: Ist darum auch seine »Seele« gestorben, hat der Schnitt meines Messers auch den elektrischen Funken getroffen, oder gar die Quelle seiner Kraft zerstören können –? ... Das Instrument ist hin – nichts weiter! – Und so ists mit der Seele. Ihr ist der Leib nicht mehr als Hülle, Werkzeug, Instrument. Eine von ihrer eigenen Kraft betriebene Leitung aus der geistigen in die körperliche Welt. Sie selbst bleibt gesund auch in einem kranken Gehirn. Nur, daß ihr irdisches Instrument zerbrach. Die Zellen, in denen sie wie eine gute Hausfrau sonst so frei und herrlich gewaltet, verfielen; die Nervenfäden, die sie mit der eindrucksreichen Außenwelt verknüpften, zerrissen: sie muß der Welt verstummen, und die Welt schweigt ihr. Und nun scheint sie allen Sinnensklaven selbst zerstört zu sein, weil sie sich mit zertrümmerten Organen den andern Seelen und Sinnen nicht mehr offenbaren kann. Nicht mehr in diesem Leben ... Des Menschen Seele ist ein Musikant. Zerbrach das Saitenspiel, dann lockt zum Tanz kein Fiedelmann!

* * *

Wiedergeburt und Tierabstammung.

Ich küßte die liebevolle Hand, die mich in dieser Nacht der Fragen zu lichteren Höhen lenkte. »Ach, ich zweifle nicht mehr, holde Sehnsucht; aber so manches doch ist mir dunkel, und du weißt es ja, ich möchte so gern vom Lichte trinken, denn meine Seele dürstet.«

»Eines aber kann ich noch immer nicht erfassen. Eine neue Weisheit sagt, daß des Menschen Leib vom Tiere stamme –?«

Und warum nicht? Noch ist es nicht bewiesen. Aber wenn es getrost erwiesen würde (und vielleicht wird das einst geschehen) – was könnte das gegen Ur-Gott beweisen? Was gegen die unsterbliche Seele?

Weil Gott so selbstherrlich war, sich nicht unserm Bilde von ihm nachzuformen, sondern zu sein wie Er ist – darum soll er nun Lüge sein?! Weil seine Weisheit bei der Weltenschöpfung anders zu Werke ging, als einst der unwissende Mensch im frommen Kinderglauben sich ausgemalt hatte: darum soll ein Weltbaumeister, eine gesetzgebende Urvernunft nun gar nicht wirksam gewesen sein? nicht noch wirken?! Darum sich alles blindlings aus dem Großen Wirrwarr so herrlich herausgezufallt haben –?

Wahrlich, ich sage dir: Es giebt nur ein Weltproblem, und dieses heißt Entwickelung. Das aber erkannte ich als das Urgesetz der Gesetze: Werde! Denn unser Aller Ziel – wenn auch vielleicht nicht restlos erreichbares Ziel – ist durch Kampf und Leid hindurch die Vollkommenheit und ewige Glückseligkeit aus Verdienst! –

* * *

Vergangenes Leben und Erinnerung.

»Vergieb mein Ungestüm. Nur eine Frage liegt mir noch am Herzen. Wie kann es sein, daß uns an jedes frühere Leben so gänzlich die Erinnerung verschwand?«

Du lebtest schon im Mutterleibe. Dann könntest du auch dies verleugnen, weil die Erinnerung dir geschwunden ist!

»Und warum schwand das Erinnern an unsre ewige Vergangenheit? Nach welchem Gesetze der Notwendigkeit –?«

Hat Gottes Weisheit nicht wohlgetan, daß sie das Hinter-Dir-Gelegene wie das Bild zu Sais verschleierte? Würde das Erinnern an deine Vergangenheiten nicht auch ein Erinnern all deiner früheren Irrungen und Übeltaten sein und dir auf ewig eine Gewissenslast an Scham und Reue aufbürden, unter welcher du zusammenbrechen müßtest? Und wenn alle Schwingen des Lebensmutes also brächen, wäre dann noch ein froher, tatenkräftiger Aufflug, ein sittlicher Fortschritt möglich? Wäre ohne die dunklen Knoten, die Tod und Vergessen mit verjüngender Hand in unsern ewigen Lebensfaden einknüpfen, der Mensch nicht ein ruheloser, ewigmüder, greisenhafter Ahasveros ohne Ziel und Frieden? Sind es nicht einzig jene Runen-Ruhesteine zwischen Grab und Wiege, die uns die Ewigkeit erträglich machen? – Nein, mein braungelockter Freund! Laß das Gewesene gewesen sein und das Gebüßte – abgebüßt! Nicht in das dunkle Hinter-Dir-Versunkene schaue – Dein Weg geht vorwärts, der Sonne entgegen, in helldämmernde Zukunft!

* * *

Wiedergeburt und Wiedersehen.

»O tröstliches Licht,« rief ich aus, »du wirfst nur einen Schatten!«

Und der wäre?

»Es giebt kein Wiedersehen –«

Wer sagte das? – Könnte nicht vielleicht ein Wiedersehen schon in einem Zwischenzustand sein, da sich die von Leibeslast befreite Seele noch keinem Körper wieder anvermählte? Und dann – giebt es nicht ein ewigkehrendes Wiedersehen im Leben? Müssen sich in der Ewigkeit nicht alle Seelen wiederfinden? Immer und immer wieder?! Ist das unerklärliche Geheimnis der Sympathie, die uns im Herzen wie ein Blitz entspringt, die wildfremde Menschenkinder, die sich nie zuvor im Leben trafen, beim ersten Anblick in heißem Begehren aufflammen läßt, nicht vielleicht nur ein unbewußtes, liebevolles Erinnern an eine frühere Seelengemeinschaft?

»Es könnte sein. –«

Und ist ein Wieder-lieb-Gewinnen nicht vielleicht noch schöner als ein ewig gleich sich bleibendes Lieb-Behalten?

»O, es wäre kein schlechter Ersatz ...«

Und die sich niemals noch begegneten, müssen nicht auch sie einmal sich finden und verschwistern, verbrüdern, und sich lieben lernen? Ist nicht die ganze Menschheit eine Familie? Um deren Glieder die läuternde Ewigkeit immer festere und innigere Bande schlingt?

»Fast überzeugest du mich ... Ach, meine Freundin, daß alle Lebensrätsel so sich lösten! ...«

* * *

Von der Thorheit des Selbstmordes.

Unter diesen Gesprächen waren wir unversehens bis in die äußerste Ecke des Friedhofs gelangt. Der Himmel hatte sich weithin verfinstert und das Frühlingsnachtgewitter stand jetzt drohend über unsern Häupten. Nur durch eine schwarze Wolkenschlucht brach noch um so greller der kalte silberne Blick des Mondes und schielte wie mit einem höhnischen Lächeln auf ein armselig Sandgrab, das öd und kahl abseits im Mauerwinkel lag. Kein Kreuz schmückte es, kein Kranz, keine Blume.

Da haben sie gestern, sagte die Sehnsucht, einen Selbstmörder eingescharrt – einen armen Narren.

Eine Erinnerung überlief mich wie ein kalter Schauer. –

Ich kannte ihn. Er war ein Geigenspieler, der den lieben Gott belauschte, fünf Treppen über der Erde. Dessen Herz da droben heimliche Symphonieen ausblutete! Vor drei Tagen hat er sich drüben in den See gestürzt. Und gestern haben sie ihn herausgefischt ... Da liegt er nun, eingescharrt bei Nacht und Nebel, duldsam und zahm – ein stiller Musikant.

»Warum nanntest du ihn einen Narren?«

Weil er meinte einen Todessprung zu tun, und es war doch nur – der Sprung in ein neues Leben ...

Ein armer Narr, der, weil sein Los mißlungen,
Nur in das gleiche Schicksal ist hinabgesprungen;
Denn in den Schoß wirft auch kein neues Leben,
Was unerfüllt blieb schwachem Erdenstreben. –

Da hast du deine Grabschrift! – –

Die Sehnsucht wandte sich zu mir. – »So wäre Selbstmord,« fragte ich, »nichts anderes, als gewaltsame – Selbstwiedergeburt?«

Nichts anderes. Eine Widersinnigkeit in sich selber, und zudem auch eine Zwecklosigkeit, die niemals ein Schicksal verbessert. Denn wie die Sterne aus dem Meer, so taucht ein Menschenschicksal aus den Tiefen der Seele. Und was der Mensch in diesem Leben nicht geschlichtet und überwunden hat, das kehrt ihm auch in ein neues Dasein ungelöst, ungeschlichtet wieder. Ein weltflüchtiges Entweichen aus diesem Entwickelungskampfe giebt es nicht. Der Mensch entfliehe seinem Schicksal – er flieht in seines Schicksals Arme ...

Die Sehnsucht hatte das letzte Wort noch nicht vollendet, da zerriß den Himmel ein Blitz in flammender Zickzacklinie und ließ alles ringsherum in einem schwefelgelben Lichtmeere untergehen. Ein krachender Donnerschlag folgte unmittelbar, und durch die zerspaltenen Wolkenwände fielen schwer die ersten Tropfen.

Augenblicke lang standen wir – war es vom Schrecken, wars vom Andruck der Luft – völlig betäubt. Dann eilten wir den Ausgang zu gewinnen. Laß uns von dannen gehn, sagte die Sehnsucht, diese Steine hier könnten noch vieles reden! –

* * *

Ein Intermezzo des Todes.

Unser Weg führte uns an einem offenen Kindergrabe vorbei, das vielleicht den kleinen, voreiligen Weltbürger noch erwartete, dem wir vor zwei Stunden mit seiner trauernden Mutter auf der Landstraße begegnet waren. Seitab, etwa in der Mitte des weiten Gräberfeldes, wo in das Dunkel der Nacht eine hohe, schwarze Zypresse ragte, schien hinter aufgeworfenem Erdreich noch eine zweite, größere Grube ihres künftigen Insassen zu harren. Wir wollten schon vorübereilen, als ein verirrter Mondstrahl in ein weißes Gesicht leuchtete.

Ich erfaßte die warme Hand meiner Begleiterin und dann traten wir näher. Ein schauervoller Anblick bot sich unseren Augen. In dem frischen, schon zur halben Tiefe ausgeworfenen Grabe lag mit den Füßen die Gestalt eines Mannes, während das Haupt oben über den aufgeschütteten Rand der Grube entseelt zurückgefallen war.

Die Sehnsucht brach das lange Schweigen, das uns hier überfiel.

Da sieh den fleißigen Gesellen, der sich sein kümmerliches Brot zu morgen, hier nächtlicher Weile aus feuchter Erde und morschen Gebeinen mit Maulwurfsemsigkeit herausgeschaufelt! Hier liegt sein Spaten, aber zwischen dem leeren Lächeln der Lippen hängt ihm noch in den Zähnen – die erloschne Tabakspfeife! ... Wackrer Spatenmann! Grubst du heute auch nach Springwurzeln? O, wer das Maulwurfsherz verschlingen könnte, das dir vielleicht noch zitternd im Busen zuckt!

Mir war, als sähe ich auf dem ausgeworfenen Schädel zu des Toten Füßen, wie die beingewordne grinsende Ironie dieser Welt, seinen Brotherrn sitzen, wie er höhnisch die fleischlosen Kiefern fletschte und die Knochenhand hinüber nach der ausgebrannten Pfeife streckte ... War es Schadenfreude, die die brüchigen Gebeine schüttelte? Oder Mißmut, daß noch ein glimmend Fünkchen dem Alten hinüberreichen könne in ein neues Leben? ...

Wir wandten uns ab und verließen in eiligen Schritten diese Stätte des Todes.

* * *

Drittes Gespräch.
Von der Erhaltung der Kraft und der Ewigkeit des Stoffes.

Draußen auf der offnen Landstraße goß es Bäche und Ströme vom Himmel, und da wir in der Richtung nach der Stadt weit und breit weder Haus noch Hütte wußten, beschlossen wir, das nächstgelegene Dorf im Gebirge zu erreichen.

Zuvor aber, bis die Gewalt des Gewitters gebrochen wäre, wollten wir Unterschlupf im hohlen Stamme einer riesenmächtigen, uralten Eiche suchen, die ganz in der Nähe auf einer Anhöhe am See ihre dürren, aber immer noch grünbelaubten Äste weitverbreitete.

Nur noch wenige Schritte waren wir vom Ziel entfernt, als prasselnd ein greller Blitzstrahl niederfuhr und den herrlichen Baum unter zermalmendem Donnerschlage von der Krone bis zur Wurzel auseinander spaltete und augenblicks in eine Flammensäule verwandelte. Zischend spritzte das glühende Mark in die Nacht hinaus.

Lange standen wir schaudernd und ich dankte Gott im Herzen für so wunderbare Rettung. – Bald darauf ließ der Regen nach, und das Gewitter verzog sich. Nur dann und wann noch zuckte ein Blitz um uns, ein frühlingsnächtiges Wetterleuchten, und der Donner vergrollte mehr und mehr abrollend in den Fernen.

Meine Begleiterin bückte sich und hob einen brennenden Ast auf, den jener mörderische Strahl von der Eiche abgesplittert hatte. Das soll uns bis zum nahenden Morgen, sagte sie, auf unserm Wege nach dem Hochgebirg eine gute Fackel sein.

Was du aus meinem Munde vernahmst, bis zu dieser Stunde, das waren nur Stimmen der Vernunft und des Herzens. Was du aber hier erblickst, in lodernder Flammenschrift – das ist ein greifbares Zeugnis der ewigen Natur.

Mein junger Freund! Möchtest du mir wohl das Schicksal des Baumes erzählen, der eine Brandfackel dieser Nacht geworden –?

»Asche ist sein Schicksal,« gab ich zur Antwort.

Asche nicht allein, sagte die Sehnsucht. Asche und Wiederkunft. Oder meintest du, daß jene brennende Eiche in ein körperloses Nichts zerfalle? Daß Nichts aus einem Etwas werde?

»Ich weiß,« gab ich zur Antwort, »daß die brennenden Stoffe dieses Baumes nicht mehr und auch nicht minder werden, als sie sind und waren – Asche und Rauch, Dampf und erdgeschwängertes Wasser. Ich weiß, daß sie sich nur trennen und scheiden, um sich der gebietenden Luft, dem Atem der Welt, im Flammenkusse zu verbinden. Weiß, daß ihre unsichtbaren Kräfte in aller Elemente Form vom Himmel ungemindert wiederkehren zur Mutter Erde, und ihrem Schoße den Aufbau neuer Lebensgebilde wirken helfen. Denn ewig ist der Kreislauf aller Dinge.«

Und was von den Stoffen dieses brennenden Baumes gilt und von den Urstoffen der ganzen Welt, die nicht wächst und nicht schwindet und doch sich ewig wandelt – sollte das nicht anwendbar auch auf den Menschen sein? Denn was ist dein Körper anderes als eine Summe von Atomen? von kleinsten, unteilbaren, so auch unvergänglichen Stoffeinheiten, die die Weltbausteine der Natur sind? – So sagte die Sehnsucht.

»O,« gab ich zur Antwort, »das wußte schon der arme Dänenprinz, als er seiner Einbildung befahl, ein Spundloch mit dem Staube Alexanders zu verstopfen ..., Alexander starb, Alexander ward begraben, Alexander verwandelte sich in Staub; der Staub ist Erde; aus Erde machen wir Lehm: und warum sollte man nicht mit dem Lehm, worein er verwandelt ward, ein Bierfaß stopfen können?

›Der große Cäsar, tot und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden.
O, daß die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!‹

Ein sieghaftes Lächeln glitt über die milden Züge meiner Freundin: Nun siehe! Wenn sich der Unvergänglichkeit schon der seelenlose Stoff berühmt, und selbst der geringste Körper von der sparsamen Weisheit der Mutter Natur nach allen Zerstörungen seiner Form, in allen seinen Stoffen immer und ewig wieder zu neuen Schöpfungen andrer oder ähnlicher Art verwendet wird: da sollte Das sterblich und vergänglich sein, was höher steht als aller Erdenstaub – die erst den Leib belebende, bildende, königliche Seele?

Der Stoff, also das Nebensächliche, wäre der ewigen Weltvernunft das Wertvolle, das sie erhält; und die Wesenheit das Geringere, das sie vernichtet?

Eine Form verfällt, ein Gefäß zerschellt – Gehalt aber bleibt Gehalt. Wie der Thau der Nacht vergeht und das Gras in den Winden, aber noch niemand hörte des Windes Woher, des Windes Wohin – geht und entweht nicht so auch des Menschenhauches Erdenspur? Wenn nicht der Athem aller Gestirne – was trank den Thau, wer blies den Wind –?

Siehe, mein Freund! dein Kleid ist zeitlich, ewig ist dein Wesen. – Es ist noch nicht allsolange her, daß auf Erden ein kühner Denker lebte, der in den Eingeweiden der Natur Bescheid wußte und darinnen das Gesetz entdeckte, auf dem die Ewigkeit der Welt beruht. Er erkannte die Natur, diese Verschwenderin im wechselnden Gestalten, als eine Geizige im innersten Erhalten. Unter der Fülle der Formen, des unendlichen Reichtums Fülle, erspähte sein Adlerauge das Ewig-Eine, ewig Beständige und er fand den Grundstein der Erkenntnis, auf dem die Forschung fernster Zeiten noch wird bauen müssen – das Gesetz von der Erhaltung der Kraft.

Nun frage ich dich: Ist die den starren Leib erst belebende und regierende, ihrer selbst bewußte, sich erinnernde, erkennende, fühlende, wollende, denkende, geistig schaffende Seele etwa keine Kraft?

»Wer könnte daran zweifeln!«

Nun dann! Wenn sie eine Kraft ist, die Gottentflossene höchste Weltenkraft – dann rufe nunmehr den Verleugner herbei, der sich hinstellt unter die Gestirne des Himmels und hinaus in die Fernen ruft: »Es ist kein Gott und keine unsterbliche Seele.«

Die Sehnsucht schürte mit schwingenden Armen die Glut ihrer knorrigen Naturfackel, denn die Mondscheibe war hinter dem ziehenden Nachtgewölk verschwunden, und es dunkelte auf allen Wegen.

* * *

Von der Selbstvererbung der Geisteskräfte.

Ich sprach: »Ich zweifle nicht mehr, meine Freundin. Aber damit in meiner Brust nichts ungeschlichtet bleibt – widerlege mir auch den letzten Einwand.

»Es könnten welche kommen und sagen: die Seele stirbt dennoch, nur ihre Kraft bleibt erhalten. In des Menschen Kindern und Kindeskindern und in allen seinen Werken.«

Du vergissest das eine: Wirkung und Ursache, sind sie nicht zweierlei? Wohl sind des Menschen Werke Ausstrahlungen seiner Kraft, allein die ewige, unerschöpfliche Kraft in ihm nicht selber.

»Und des Menschen Kinder und Kindeskinder?«

Das Kind des Menschen ist eine eigene Kraft, so uralt und ewig, wie die Daseinskräfte seiner Zeuger. Denn ein jedes Kind war vor seinen Eltern und mit ihnen – ein ewiger Stoff und ein ewiger Geist, die sich, dem Weltgesetze folgend, nur neu in ihm verbanden.

»Das kann ich nicht ergründen.«

Und solltest du nie den Grund erreichen, möchtest du nicht hinabtauchen? ... Höre und folge mir! – Es ist eine Seele und die Seele eine Kraft, daran ist in uns kein Zweifel.

Und wir erkannten: Alle Kraft erhält sich! Wenn sich des Menschen Seele der Welt nicht in sich selbst erhält und vererbt, sondern nur in den Seelenkräften seiner Nachkommenschaft, so müßte sich von Glied zu Glied die zeugende Kraft in ihrer Umsetzung restlos erschöpfen; denn Kraft, die sich selber unterschlägt, vererbt sich nicht. Und sie »soll« sich vererben, gar und ganz. Dein Einwand will es so, weil du weißt, daß sich alle Kraft erhalten muß.

Wir nehmen an, es sei. – Nun hätte das Kind entweder die Seele des Vaters, oder die Seele der Mutter, oder ein Stück Seele von jedem ererbt –? Denn ein Viertes ist unmöglich. Und Vater und Mutter? Sie sind seelenlos geworden? Sie haben Geist und Geisteskraft verloren? Oder da beide Eltern zu ihres Kindes Seele gaben: so hätten sie ein jedes – nur eine halbe Seele noch behalten?

Du lächelst, mein Freund. Aber wenn der Satz von der Erhaltung aller Kraft richtig ist, und auch dein Einwand wäre wahr, so müßten wir zu diesem Schlusse gelangen. Und noch zu schlimmeren!

Wie viele Eltern haben viele Kinder! Und diese Kinder zeugen wieder Kinder, und die Enkel Urenkel! – Dein Einwand sagt: Die Seelenkräfte des Menschen erhalten sich nicht ihm selber, sondern sie vererben sich seinen Kindern. Dein Einwand vergißt, daß die Seele eine unteilbare Kraft, keine Vielheit, sondern eine Einheit ist. Also, mit anderen Worten geprägt, es verlangt dein Einwand: das Unteilbare soll sich verteilen! – Laß uns aber dennoch annehmen, das Widersinnige sei möglich! ... Was wäre der Erfolg? Viele Scheren, wenig Wolle! Viele Erben, kleiner Anteil! – Und der Lauf der Welt? Ewiger Krebsgang, Rückentwickelung, aber kein Menschen-Götterschritt!

Nun denke erst an die vielen Menschen, denen nie das Glück blüht, wenigstens nicht in diesem Leben, ein goldnes Kinderköpfchen an ihr Herz zu drücken. Sie sterben einsam. – Wie leben sie fort? Wo bleiben ihre Geisteskräfte?

Oder denk an jenen Totengräber, den heute vor seiner Zeit die Sense des großen Schnitters jählings dahinraffte. Ich kannte den Alten. Und ich will dir sagen, daß er ein kluger Mann war, und daß ihn Leben und Beruf unter der schlichten Mütze zu einem heimlichen Weltweisen erzogen hatten. – Wohin nun mit der Fülle einer denkenden Lebenskraft, die eine Stunde früher noch unzerbrechlich schien?

Oder denke an dich selber vor einer Stunde! Es war um wenige Schritte noch, daß jener Wetterstrahl, der die Eiche am Wasser traf, auch dich, mein ernster Freund, zerschmettert hätte. In der drängenden Fülle deiner jungen Kraft! Wohin mit ihr? Ist dein Tagewerk schon getan, daß du meinen könntest, du seiest zur letzten Ernte reif? In welche Taten setzte deines Geistes Kraft sich um?

Oder in welche Fortwirkungen wurden die frischen Seelenkräfte eines Jünglings, eines Kindes umgewandelt, die in der fruchtlosen Blütenpracht ihrer knospenden Lenze starben?

Ich schwieg.

Was wäre das auch für eine jämmerliche Weltordnung, die ein Menschenleben jeder blinden Zufallstücke unwiederbringlich preisgäbe, die unsre sittliche Entwickelung von einem fallenden Dachziegel, oder von der Laune eines Wetterstrahles, oder von dem Messerstoße eines Meuchlers jählings abbrechen ließe, ohne ihr nicht gleichzeitig eine neue Laufbahn aufzuschließen?! Wie engbrüstig und vernunftverlassen wäre eine Natur, die sich in ihren mörderischen Unerbittlichkeiten, ihrer Blindheit und Gleichgültigkeit gegen Tod und Leben, nicht gerechtfertigt wüßte durch die lachende Unvernichtbarkeit aller Wesenheiten?!

Nein, glaube! Wenn keine ewige Seele wäre, so wäre auch kaum das Wort und das geistgeschaffene Bild dafür: denn aus einem Nichts kommt für ein Nichts kein Gedanke. Es giebt kein Nichts, wie es keine völlige Leere giebt. – »Ich denke und also bin ich.« Ich bin! Und dieses stolze Lebensgefühl sollte dir verlöschen können wie eine ausgebrannte Kerze?! Versuch es nur zu denken! ...

* * *

Von seelischer Entfaltung und gerechter Verteilung der Geistesgaben.

Ich antwortete: »Ich bin überzeugt von deinen Gründen. Nur kann ich nicht verstehen, wie es möglich ist, daß die Seele mit dem Menschen werden und wachsen kann.«

Meine Gefährtin bewegte das ernste Haupt: Alle Kraft ist da – seit Ewigkeit. So kann eine Kraft niemals aus dem Nichts kommen, werden und wachsen, sondern die vorhandene Kraft kann einzig in die Erscheinung treten.

Also »wächst« auch nicht die Seele, wie z. B. eine Pflanze zum Baum erwächst, sondern sie entfaltet sich nur wie die Blüte aus der Knospe. – Ihre Kraft ist von Anbeginn im Menschen voll vorhanden – aber sie schlummert noch, sie ist gebunden. Und mit dem werdenden Menschenkörper »wird« nicht, »wächst« nicht, »entwickelt« sich nicht die Seele im körperlichen Sinne; sondern sie erhebt sich nur mehr und mehr, erblühend aus der Knospe ihrer körperlichen Gebundenheit, über den Leib, bis sie sich im »Tode« von des Leibes Banden gänzlich löst und zu ihrer ewigen Ursprünglichkeit auf Zeit zurückbefreit. Traumkünstler sind wir Alle, und schaffen träumend Wunderwerke!

»Wenn ich dich recht verstehe,« warf ich ein, »so wäre es also unsere Menschenaufgabe, das, was wir seit Ewigkeit aus Natur und göttlichem Wesen schon besitzen, uns noch einmal aus eigener Kraft zu erringen, zu erwerben, zu verdienen?«

Wenn ich das Wesen der Welt erkannte, dann ist das Menschenaufgabe. Denn alle Geisteskraft und Begabung ist und fließt seit Ewigkeit. Aber wie es ohne Kampf keine Tugend giebt, also ohne Kampf auch keine Erkenntnis. Ringen und kämpfen muß der Mensch, damit das Ewige in ihm nicht roste! Ringen mit der züngelnden Sünde, ringen mit dem gleißenden Irrtum. Kämpfen um die Tugend, die Freundin seines Glückes, und kämpfen um die Wahrheit, die Geliebte seiner Seele! Denn nur allein der Kampf und Sieg ist sittlich. Und die einzige Kraft der Welt, von der es gelten kann, daß sie in steten Daseinskämpfen werde und wachse mit uns, ist einzig – die sittliche Kraft! Denn sie, die Tochter des Kampfes, ist die alleinige, unangeborene, die nicht war von Anbeginn.

»Wenn das alles Wahrheit ist, was du da sagest,« sprach ich weiter, »wäre dann nicht auch eine gerechte Urbegabung aller Menschen wahrscheinlich?«

Ich muß es glauben: die seelischen Urkräfte des Menschen sind wohl die gleichen. Nur, daß sich in der Mannigfaltigkeit der fortgesetzten Lebens- und Schicksalsläufe die Geisteskräfte in verschiedener Entwicklungsfolge aus der leiblichen Gebundenheit befreien. Doch zum Ziele kommt ein Jeder! Und was du in einem Leben erreichst, das ist dein Erbteil für die Ewigkeit; es geht dir nichts verloren.

Aber es wird auch keinem etwas geschenkt! Und wenn du vor einem Wunderkinde mit staunenden Sinnen stehst und auf die Offenbarungen einer kindlichen Seele lauschest, die aus ihren Rätseltiefen über dein Gemüt ein Meer von Tönen erfluten läßt – du weißt nicht woher und von wannen – was meinest du wohl, mein Freund, welche Schmerzen dieses Kind überstanden haben muß schon in manchem früheren Lebenswandel?!

Denn was ist Genius? Erinnerung an die Leiden eines vergangenen Lebens! Die geheimnisvolle Macht, die längstversunkene Schatten aufsteigen läßt über die Schwellen deiner Seele!

Ein Rätsel, aber kein Wunder! Denn es giebt kein Wunder im Himmel und auf Erden. So weise und herrlich sind Gottes Gesetze, daß seine Welt der kleinen unwürdigen Zauberkünste und übernatürlichen Einwirkungen entraten kann. Und das Allernatürlichste ist das tiefste Wunder ...

Und das wundert euch Menschen –?

* * *

Wiedergeburt und Menschenvermehrung.

Die letzten Donnerschläge waren längst verrollt, und im Osten säumte sich die Welt schon mit hellen rötlichen Streifen, als wir am Fuße des Waldgebirgs anlangten und dem Morgen rüstig entgegenstiegen.

Noch einmal trat mir eine Frage auf die Zunge: »Das Menschengeschlecht vermehrt sich von Stunde zu Stunde. Woher immer und immer die vielen neuen Menschen?«

Vielleicht findest du selbst eine Lösung ...? Der Mensch ist Leib und Seele. Also scheidet sich deine Frage in diese zwei: Woher der Stoff? – Woher der Geist?

Wir fanden und erkannten, die Welt wandelt und veredelt sich wohl, aber sie vermehrt sich nicht und sie nimmt nicht ab: Stoff und Kraft waren seit Ewigkeit und sie bleiben ewig, die sie waren. Beides ist unendlich, beides unerschöpflich. – Woher also der Stoff?

Ich antwortete: »Auf unserem Stern wohl aus dem Schoß der urmütterlichen Erde, die so lange giebt als sie hat und nähren kann. Nicht weiter. Ein ewiger Kreislauf – das ist alles. Der Mensch war Erde; er saugt an den Brüsten der Erde; ißt irdisches Brot, das Erde gewesen, sein Leben lang; um zu werden, was er war – Erde. So kann es kommen, daß ein Mensch in den Früchten des Feldes vom Leibe seiner Väter und Urväter isset oder auch von den Umwandlungen seines eigenen Leibes schon in diesem und aus früherem Leben. Und jeder Trunk Wassers oder Weines, den wir zu uns nehmen, ist ein Trunk vom ewigkreisenden Lebensblute aller Welt- und Menschengeschlechter auf Erden und Sternen.«

Ja, sagte die Sehnsucht, so beißt sich die Schlange in den Schwanz. Die Erde giebt und die Erde nimmt, was irdisch ist – nicht mehr, nicht weniger. Aber sie wuchert nicht und sie läßt nicht mit sich feilschen. Also ist des Menschen Leib in allen seinen Grundstoffen weiter nichts als eine Anleihe an das Welterbgut der mütterlichen Erde. Und der große Schuldeneintreiber Tod ist der Unerbittliche, der am Fälligkeitstage die Forderungen der Gestirne einlöst.

»Das, meine Freundin, erklärt den ewigen Kreislauf des Stoffes. Allein der Geist?«

Der Geist? Wüßtest du keinen Brunnen, der Zufluß spendet?

»Vielleicht – die unerschöpfliche Weltseele, aus der alles geflossen ist.«

Nun siehe! Der Stoff ist unerschöpflich, und unerschöpfbar ist der Geist; sie beide haben nicht Anfang, nicht Ende.

»So glaubst du, daß Gott aus den ewigen Elementen Stoff und Geist immer neue Verbindungen: Lebensgeschöpfe und Menschen bildet?«

Ein unsagbares Lächeln der Verneinung spielte um den ernsten Mund meiner Begleiterin. Ich meine, sagte sie: hat Gott nicht die ewigen, alldurchdringenden Weltgesetze gegeben, in denen alle Entwickelung, Vervollkommnung und Endvollendung in umfassender Weisheit vorgesehen ist? Wäre nicht eine Welt, an der er ewig bessern und nachhelfen müßte, seiner ganz unwürdig?

Und vor allem – wie könnte Gottes Gerechtigkeit zwischen Seele und Seele unterscheiden? Wie könnte Gott die eine Seele von Urzeiten an in unendlicher Entwickelung steigend von Form zu Form geführt haben, und die andere ohne diese Entfaltung im Daseinskampfe erst so spät und dann gleich auf so hoher Stufe beginnen lassen?

Ist eine Erklärung dieses scheinbaren Zwiespaltes der Erscheinung und der unbedingten Forderung der sittlichen Weltvernunft so gar undenkbar? Vielleicht nur deshalb so undenkbar, weil wir die Lösung jenes Welträtsels nicht finden konnten?!

Wenn wir alle unsterblich sind, heißt das nicht auch, daß ein jedes Menschenwesen in seines ewigen Ichs »Urkeime« so urewig ist, als alle anderen? Warum in aller Welt »müssen« denn die Menschen, die nach unsern Vätern und nach uns selber scheinbar »mehr« geboren wurden oder noch werden, nun »ganz neue« Menschen sein? Wieder nur deswegen, weil wir Kurzsichtigen uns sonst vielleicht nicht erklären können, woher sie alle kommen –? Ja – woher?

»O, könntest du mir das sagen!«

Mein junger Freund – blicke hinauf zum nächtigen Himmel und lies die Antwort in der goldnen Schrift des Firmamentes. Millionen Sterne wandeln durch den Weltenraum. Soweit dein irdisches Auge reicht, bis zu den fernsten Milchstraßen und Nebelflecken, siehst du in schwindelnder Fülle Lichter an Lichter!

Und was kommt dann? Ist je die Welt mit Brettern und Planken verzäunt? Und wenn dir Flügel wüchsen und trügen dich durch das Grenzenlose Millionen mal Millionen Meilen – und immer weiter – und ewig, ewig weiter ... wo fände der Raum ein Ende?

Und wenn du stündest auf dem äußersten Sternenufer des letzten Nebelfleckes, der dir im stärksten Fernenglas, das Menschengeist erfand, als ein winziges Lichtpünktlein hier von Erden aus noch sichtbar wird – sollte sich dann plötzlich eine ewige Raumwüste ausdehnen, der gähnende Rachen einer endlosen Leere auftun? – Niemals! Und wenn du tausendmal noch weiterhin führest und abertausendmal weiter – es werden sich immer und ewig wieder die Wunder neuer Firmamente dir erschließen! Ewig – und ohne Ende! ...

Laß uns hinaus auf diesen Felsenvorsprung treten! ...

Das gestirnte Himmelsrund, das von diesem Erdensterne aus dein sterblich Auge in sich fassen kann – was ist das? Noch nicht der winzigste Bruchteil eines Tropfens in der grenzenlosen Unermeßlichkeit! Schaue hinaus! Wandelsterne rollen um Sonnen, Sonnen und Sonnengeschlechter um Ursonnen, und vielleicht um eine, letzte, nieerblickte Weltenursonne alle Millionen Sternenheere bis in die tiefste purpurne Unendlichkeit.

»O Sehnsucht, schweige! Wer kann Unendliches ertragen?!«

Der ewige Mensch! – Meinest du nun, du armer Rechner, daß im grenzenlosen Sternenmeere der Unermeßlichkeit – Gottes Odem nur auf dem winzigen Erdenstäublein atme?! Daß jene Milliarden Sonnen und Sternenwelten ohne Leben und Zweck sind! Einzig – ein Anblick für dich?!

Und kannst du glauben, daß die freie, überirdische Seele an das Irdische gebunden ist? Steht ihr nicht die ganze blühende, lebenquellende Unendlichkeit offen? Und nicht den Seelen anderer Gestirne die holde, gestaltenspendende Erde –? Wird nicht die ewige Wandlung aller Welten und Stoffe auch einen ewigen Wechsel und Austausch aller Kräfte bedingen –?

Und wenn heute Erden zertrümmern, Sterne verglühen – was tut es? Kann jemals ein Ende sein, das in seinem Schoße keinen Anfang birgt? Bildet und erschließt nicht jede Stunde im uferlosen Weltenozean neue Sterneninseln, auf denen wir Schiffbrüchigen landen können? O, ihr blindäugigen Meerfahrer, die ihr nicht wisset, wie ihr euer Schifflein steuern sollt! Die ihr hinaus in die Wogenbrandung des Lebens schreit: »Von wannen kamen wir und wohin sollen wir lenken?«

Ich antwortete nicht. Die Tannenwipfel rauschten über unseren Häupten, und wir schritten schweigend im Erdrauch des dämmernden Morgens.

* * *

Schluß.

Menschenliebe ... Welterlösung.

Ein schwimmender Glanz brach aus dem dunkeln Auge der Sehnsucht, als sie in der halben Höhe des Berges sich zu mir wendete:

Nun wirst du auch verstehen, was mir noch am Herzen liegt, dir zu sagen: Ein Wort vom künftigen Christentum! Dem Christentum, das das wahre Tum Christi sein wird! Siehe, ihr Alle seid Gottes Kinder und göttlicher Art; und Christus, der euch die Liebe gelehrt, war euer göttlicher Bruder! Und also hat euch der Heiland die Erlösung gebracht, als er der Erste war, der es vollbrachte, sich selber zu erlösen. Zu erlösen durch die Macht seiner Menschenliebe, die jenes unendliche, nieverklingende Wort sprach: » Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst!« ... Wandelt nach seinem Wort und tut desgleichen!

Der Mensch ist Ebbe und Flut: eine Welle im Ozean der ewigen Weltseele; und er fließt zurück, daher er gekommen: von Gott und in Gott, sein ewiges, unendliches ureine Sich! Darum wie Gott von seiner starren Gottheit göttlich sich erlöste und aus sittlicher Urnotwendigkeit seine ewigangeborene Vollkommenheit der irdischen Versuchung in Raum und Zeiten überantwortete und Mensch ward – so muß sich nun durch die allbefreiende Macht der Menschenliebe der Mensch zu Gott zurückerlösen. Der Mensch ein Selbsterlöser!

Das war das letzte Wort von göttlichen Dingen, das die Sehnsucht in dieser heiligen Nacht zu mir sprach. Mir aber fiel eine Nacht vor vielen Nächten ein, in der ich an der Hand des Schicksals gewandert war, jenseits von Gut und Böse. Und was ich schon damals mit geheimem Entzücken geahnet hatte, daß in der scheinbaren Unvollkommenheit der Welt gerade ihre Vollkommenheit beruht, das stand nun mit leuchtender Gewißheit vor meiner zitternden Seele. Und aus den fernher rollenden Wettern der letzten Menschen-Götterdämmerung vernahm ich die donnernden Stimmen der Unendlichkeit:

» Wandle, Mensch, und werde, – werde und wandle! Denn ewig bist Du, göttlich und unsterblich!« ...

Als wir hoch über den schweigenden Wäldern der Tiefe auf dem Gipfel anlangten, erfaßte die Sehnsucht meine Hand und führte mich nahe an den Abgrund. Dort erhob ihre Rechte fester umklammernd die Fackel, die uns geleuchtet hatte, und schleuderte sie hinunter in die Nachtgründe, darinnen sie wie eine goldene Schlange zischend versank.

Doch über das wogende Nebelmeer in den Tälern schweifte mein Blick hinüber zu fernen Morgenröten. Hinter grauen Bergen ging die Sonne auf, und ihr hoffnungsjunger Glanz sah ein Wiederleuchten in den aufstrahlenden Augen der Sehnsucht ...

Ich aber weinte bitterlich.

Welt-Pfingsten.

Flieh, dunkle Nacht! Aus Wolkenritzen
Lugt morgenkühn der junge Tag
Und küßt mit Purpurmund die Spitzen
Der fernsten Gipfel, Hain und Hag.

Das ist ein Glühen und ein Blühen
Von Tal zu Berg, von Berg zu Tal,
Das ist ein Licht- und Liebe-Sprühen –
Ein Bluterguß vom heil'gen Gral!

O Pfingsttags goldner Zaubermorgen,
Wie wirkt dein Wunder Lebenslust,
Wie kühlt dein Odem Sehnsuchtsorgen
In müd gequälter Menschenbrust! –

Zum Frührot jauchzt ein Walderklingen,
Waldein ein nievernommen Lied –
Das will sich in die Seele singen,
Der Lenz und Hoffnung abgeblüht!

Das soll geheimnisvoll verkünden
Ein ewig Werden und Vergehn,
Wenn wir das »Wie?« auch nie ergründen:
Ein Wechseln ewig und Entstehn!

Was vor Jahrtausenden gewesen,
Uralter Sterne Dämmerlicht –
Am Firmamente kannst du lesen:
Es ging der Welt verloren nicht!

Was du gepflanzt in deinen Tagen,
Von Kind zu Enkeln zweigt es fort
Dir selbst, und wird noch Früchte tragen,
Bis einst der letzte Stamm verdorrt.

Wenn dann der engste Kreis vollendet,
Der letzte Stern zertrümmert glüht,
Dann hat ein Erdentag geendet,
Und neues Licht und Leben blüht!

Dann ist der Menschheit Pfingsten kommen,
Den neuen Lauf beginnt die Welt –
Bis wieder ihre Glut verglommen
Und wieder sie zusammenfällt. –

O Pfingsttags goldner Zaubermorgen,
Wie wirkt dein Wunder Lebenslust,
Wie kühlt dein Odem Sehnsuchtsorgen
In müd gequälter Menschenbrust!

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