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Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
projectidf325346c
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Buch der Tränen.

Erste bis neunte Nacht.

Ecce homo.

Als einst auf Golgatha vor grauen Tagen
Der Heiland litt, am Marterholz entstellt,
Da drang das Eisen in das Herz der Welt,
Da ward ans Kreuz die Menschheit selbst geschlagen.

Und kam ein Menschenfürst in spätern Tagen
Und wollte Liebe künden – sein Vergelt? –
Ja, schaut nur! – von der Meute angebellt,
Hat er sein Kreuz zum Schmerzensberg getragen! ...

Du armes Erdenkind! Die Dornkron' dorrt
Auf Deinem Haupte auch, und immerfort
Enthüllt sich dir ein Menschenrätselwort:

Du hast gelebt – drum gehe hin und scheide;
Geliebt hast du – drum wende dich und meide;
Du hast gestrebt – so wandre still und leide!

Es war einmal ein armer Dichter. Der wohnte fünf Treppen hoch in einem engen Dachstübchen. Darinnen bestand der ganze Hausrat in einem braunen, abgenutzten Ledersofa, einem Tisch und Stuhl, einer Truhe, einem wurmstichigen, mit alten Bänden und Schriften vollgestopften Büchergestell und einem großen schmalen Bett, über dem ein vergilbter Lorbeerkranz mit neun ganz eingetrockneten Rosen hing. Kupferstiche und einige Bilder schmückten die kleine Eckstube. Von den beiden Fensterchen, die weiße Vorhänge sauber umrahmten, ging das eine, gegenüber der Tür gelegene, auf eine enge Gasse mit etwas tiefer liegenden Giebeln und Dächern hinaus, während das andere auf die Ulmen und Zypressen eines halbverfallenen Friedhofes zeigte, der, von Häusern und hohen Mauern ganz eingeschlagen, zu Füßen einer alten gotischen Kirche lag. – Hier, in seiner traulichen Dachklause, wo ihn mit goldenem Mund früh am Morgen schon unsere liebe Frau Sonne küßte, und wo er in einsamen Nächten so nahe Gott sich fühlte und den bleichen silbernen Sternen: hier, zwischen Himmel und Erde, da träumte und sann der stille Mann schon manche Jahre.

Hier hatte er schon zwei große Trauerspiele geschrieben und einen ganzen Band lyrischer Gedichte. – Damals, als er noch ein schwärmerischer Jüngling war, der abseits von den breitgetretenen Straßen der Altersgenossen seine eigenen Wege ging, da hatte er manchen bitteren Hohn und Spott ertragen müssen. Das freilich änderte sich im Lauf der Jahre. Zeitungen schrieben, sein Morgen und seine Sonne würden ihm kommen, denn er sei ein »Nachtgänger« und Freund des Künftigen. Was man aber schwarz auf weiß in seinem Blatte lesen konnte, das mußte wohl wahr sein! – Allein das alles half ihm wenig. Kein Theaterdirektor fand sich, der seine Stücke aufführen wollte, kein Verleger, der Neigung hatte, seine Gedichte zu drucken. So spann sich die Idylle vom Apfel und dem Glas Wasser für unsern armen Freund durch manche Jahre weiter.

Seine letzte Hoffnung, die ihn alle Entsagungen mit der Wollust der zukunftgläubigen Phantasie stillschweigend erdulden ließ, war der Entwurf zu einem neuen Trauerspiele: dem gewaltigsten, das er schreiben wollte. Darin gedachte er das gigantische Ringen einer neuen Zeit darzustellen und eine Tragödie der Menschheit zu gestalten und des menschlichen Genius, wie sie unser Geschlecht in allen Dämmerzeiten vor Tagesanbruch neuer großer Weltepochen an sich selber erlebt hat. – Leider blieb ihm für sein Lebenswerk nur wenig Zeit übrig. Er war eben ein armer Dichter, der um elenden Tagelohn von früh bis spät die Finger sich weh schreiben mußte für das liebe bißchen Brot. Wer kann es ihm da übel nehmen, wenn er manchmal doch mißmutig wurde und glaubte, am lieben Gott und an sich selber verzagen zu müssen? Aber immer und immer wieder richtete sich sein Haupt empor, und solche trüben Stunden gingen vorüber, wie sie gekommen waren.

* * *

Es ist an einem nassen, stürmischen Herbstabend – der Wind rüttelt an den Fenstern und schüttelt das vergilbte Laub der alten Friedhofsulmen hinunter auf die eingesunkenen Grabstätten – als der einsame Denker im Dachstübchen wieder einmal in trübem Sinnen am schmalen Giebelfenster lehnt und hinunterstarrt auf den feuchten Totenacker.

Ob wohl so ein Schläfer da unten mit ihm, dem armen Dichter, tauschen würde? Ob Einer von jenen Abgeschiedenen seine Ruhe hingeben würde für ein Leben der Entsagung und Verkennung, und dabei doch voller Neid und Anfeindung?! Ein bitteres, kurzes Lachen bricht von seinen Lippen. Dann tritt er zurück vom Fenster und wirft sich mißmutig in die Ecke des alten Sofas. Er denkt über das Elend dieser Welt nach und über die Kleinlichkeit der Menschen, und er hadert mit Gott und Gottes Gerechtigkeit, daß er nicht alle Menschen gleich gut und glückselig und vollkommen erschaffen hat. – Es dauert aber gar nicht lange, da sinkt das müde Dichterhaupt herab, und die schwermütigen, dunklen Augen küßt leise der Friedensbringer, der goldene Schlaf. Es ist ganz dunkel geworden und ganz still in der kleinen Stube. Nur der Wind septembert an die Fenster, und das Ticken des Holzwurms in dem schwarzen Gebälk des Giebels ist noch schwach vernehmbar ...

Siehe, da mit einem Male scheint sich im Grunde des Stübchens die Wand zu teilen, und herein auf einer rosigen Wolke und umwallt von zarten, duftgewebten Nebelschleiern, schwebt ein hohes, wunderbares Weib. Die blühenden, königlichen Glieder verhüllt ein azurblaues Gewand, das mit blitzenden Edelsteinen besäet ist wie das gestirnte Firmament, und auf dem schönen, lichtumflossenen Haupte trägt sie ein Diadem aus lauter strahlenden Demanten und Perlen und Rubinen. Sie schwebt heran zu dem einsamen Schläfer und neigt das Haupt, und ihre Purpurlippen küssen ihm leise die bleiche, braunumlockte Stirn. Mit einem tiefen Seufzer wendet er sein Angesicht. Da flüstert das schöne Weib seinen Namen ...

Wer bist du? Wenn du kein überirdisch Wesen – sage, was willst du von mir?

»Ich bin nicht überirdisch, denn ich bin das Glück.«

Das Glück? Du bist es wirklich? und du kommst zu mir? – O dann, mein Glück, verweile auch bei mir, und küsse mich, küsse mich!!

»Ich bringe deinem Wunsch Erfüllung. Nur gieb mir den Lorbeer, der wie eine Dornenkrone über deinem Haupte schwebt, und das Saitenspiel, das deine bleiche Hand wie eine Harfe umklammert!«

Dann aber nimmst du mir mein Glück –?!

»Ich will mich bekränzen und ein Lied dir singen, das meinem Liebling Vergessenheit bringt und wunschlosen Frieden.«

Und was gewährst du mir sonst?

»Mich selber; meiner Schönheit weiße Blüte und alle meine Schätze.«

Und deine unsterbliche Seele –?

»Wie, meine Seele?«

Giebt es ein seelenloses Liebesglück?

»Ungenügsamer! Auch meine ewige Seele willst du zu eigen haben? Bist du einzig und urewig?«

Wenn ich vom tiefsten Brunnen deiner Seele nicht trinken darf – dann fahre wohl, mein Glück! Dann will ich auch nimmer genießen deiner wonneblühenden Schönheit, nimmer mich berauschen an so süßen Lippen, an der Goldflut deiner Sonnenlocken – dann fahre wohl, mein Glück – fahr wohl! ...

* * *

Das Glück war entschwunden. In traumlosem Schlafe lag noch immer unser einsamer Freund. Vom Turme schlug es eben Mitternacht, da öffnet sich mit dem letzten Schlage plötzlich die Tür, und herein in langem Zuge wandeln sieben Gestalten. Sie alle schreiten an ihm vorüber und jede spricht ein Wort zu ihm ...

»Ich bin die Not – deine Schwester.«

»Ich bin der Gram – dein Bruder.«

»Ich bin die Sehnsucht – deine Mutter.«

»Ich bin die Liebe – deine Freundin.«

»Ich bin der Ruhm – dein Tröster.«

»Ich bin das Schicksal – deine Göttin.«

»Ich bin der Tod – dein Erlöser.«

Da lächelte der arme Dichter, schlug verwundert die Augen auf und sagte leise: Ihr Lieben, was bringt ihr mir? Und sie antworteten ihm:

»Ich, die Not, gebe dir mein armes Gewand; sei ein Mensch und darbe!« –

»Ich, der Gram, gebe dir meine Dornenkrone; sei ein Mensch und dulde!« –

»Ich, die Sehnsucht, gebe dir meine unsterbliche Seele; sei ein Mensch und hoffe!« –

»Ich, die Liebe, gebe dir mein Blut und mein Herz und mein alles. Sei ein Mensch und liebe!« –

»Ich, der Ruhm, verheiße dir den unverwelklichen Lorbeer. Sei ein Mensch und wirke!«

»Ich, das Schicksal, gebe dir das eherne Gesetz, Sei ein Mensch und glaube!« –

»Ich, der Tod, gebe dir das Rätsel vom ewigen Leben. Sei ein Mensch und denke!« – – – –

Da breitete der einsame Mann die Arme aus und sprach: Ihr lieben Gestalten, kommet wieder! Führt mich durch die Finsternis der Nächte zum nahen Morgenrot und durch die Täler und Tiefen des Lebens hinauf zu seinen lichtverklärten Höhen. Wo ihr wandelt, meine Freunde, da will auch ich wandern! –

* * *

Und der Wunsch des armen Dichters erfüllte sich. Fast in jeder Nacht, die vom Himmel auf die Erde niederthaute, nahete ihm eine jener geheimnisvollen Gestalten, und sie küßten ihn und faßten ihn bei der Hand und führten ihn in die Nacht hinaus, in das tiefströmende Leben.

Was unser armer Freund da erlauscht und erlebt hat, das soll er selbst erzählen.

Erste Nacht.

Jenseits von Gut und Böse.

Ich weiß, daß ich ein Mensch bin.
Sophokles

Stehet nicht geschrieben in eurem Gesetz:
»Ich habe gesagt, ihr seid Götter?«
Jesus Christus (Ev. Johannes X, 34.)

In der Nacht nach jenem Traume kam mir abermals ein seltsames Gesicht. Ich lag in meinem Bett und konnte nicht einschlafen. Da trat das Schicksal zu mir heran, in derselben Gestalt wie am Abende zuvor. Es faßte mich bei der Hand und sagte mit geheimnisvoller Stimme: »Folge mir!«

Wohin? fragte ich.

»Du wirst es sehen – an den Anfang der Welt.«

Mich überfiel ein Grauen. Aber ich war nicht imstande, meinen Blick von dem unergründlich dunkeln Auge abzuwenden, mit dem mich das Schicksal ansah, und ich reichte ihm willenlos meine Hand. Darauf führte es mich vor die Stadt hinaus. Es war Neumond und so finster, daß ich kaum meine schweigende Gefährtin neben mir erkennen konnte. Unser Weg führte über Halden und öde Felder hinauf in das Hochgebirge. Auf einem einsamen Gipfel machten wir Halt. Tief unten floß ein schwarzblauer Wolkenzug dahin und verhüllte unseren Blicken die schlummernde Stadt. Um uns und über uns lagerte graue Dämmerung.

So stand ich, schauernd im feuchten Nebel, eine Weile stumm neben meiner Begleiterin. Da geschah etwas Wunderbares. Die Wolkenwand barst mitten auseinander, und am Grunde der ungeheuern Nebelkluft, die sich gebildet hatte, sahen wir im blitzenden Sonnenscheine die Welt liegen. Sie schien sich wie eine Scheibe vor uns zu drehen. Denn wir sahen in buntem Wechsel ganze Länder und Erdteile, Völker und Menschengeschlechter vor unserem Auge vorüberziehen.

Ich sah den großen Korsen bei Austerlitz und bei Waterloo, und ich traf ihn wieder im fernen Weltmeere auf St. Helena. Ich erlebte vor meinen Augen nochmals die Schrecken der Septembertage und des neunten Thermidor, und ich schaute es mit an, wie das eigene Medusenhaupt der Großen Revolution in den Kot der Gasse rollte. Ich war Zeuge, wie der kühne Augustinermönch die neunzig Thesen an die Schloßkirchentür zu Wittenberg heftete, und ich sah ihn wieder im prunkvollen Kaisersaale zu Worms, als er mannhaft jenes Wort sprach: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders!« Ich habe auch die großen Ketzer, seine Vorgänger, gesehen, den Huß und den Savonarola, wie sie zu Konstanz und Firenze auf dem Scheiterhaufen geendet. Dann las ich zum ersten Male das Wort »Zukunft« in den Weltlettern der schwarzen Kunst; ich hörte das stolze Wort Galileis sprechen: »Und sie bewegt sich doch!«; und in der weiten, weiten Wasserwüste vernahm ich den Jubelruf des großen Colon: »Land, Land!«

Ich habe in jener Nacht die Raben gehört, die ehedem um den Kyffhäuser krächzten, ich habe deutsches Kaiserblut am Golfe von Neapel fließen sehen, und ich sah auf demselben Boden ein blondes gewaltiges Geschlecht die Sehnsucht nach der Fremde in seinem Blute stillen. Über meinem Haupte rauschten dahin die Stürme der Völkerwanderung, und ein Sonnenstrom ergriff mich auf den ewigen Schneehöhen der geierumkreisten Alpen und führte mich hinunter durch das gesegnete Land der Tiefe nach den sieben Hügeln und der ewigen Stadt am Tiber. Und als ich in der völkerwimmelnden goldnen Roma den Nero und den Ahasveros gesehen, da floh ich weiter, über das blaue Meer hinüber in das Land der Hellenen. Da sah ich das Titanidenschicksal: Prometheus, an den Fels geschmiedet, und – hockend auf seinem Haupte – den Geier, der an seinem Herzen fraß!

Aber auch dieses Bild zog vorüber. Ich fand mich wieder im fernen Morgenlande auf einem Hügel, der hieß Golgatha. Drei Kreuze waren errichtet zu meinen Häupten, und als ich erschauernd dem gekreuzigten Manne am mittleren Holze näher trat, da sah ich, wie sein Haupt von einem Glanz umflossen war, und ich erkannte Jesum von Nazareth ...

Da verhüllte ich mein Haupt und mußte weinen. – Als ich wieder zu mir kam, war die Erscheinung verschwunden und ich wandelte an der Hand des Schicksals im Paradiese. Ich erblickte die schöne Urmutter aller Menschentöchter, und neben ihr sah ich den Baum der Erkenntnis blühen und gewahrte die Schlange, die um ihn geringelt war.

Da fiel ich – so träumte ich im Traume – in einen tiefen Schlaf. Und wie ich so schlummerte, sieh, da schlängelte sich die züngelnde Versucherin an mein Haupt heran, und sie träufelte Gift in mein Ohr und raunte seltsame Worte.

»Iß vom Baume mitten im Garten«, sprach sie, »davon zu essen dir verboten ist. Denn welches Tages du davon issest, so werden deine Augen aufgetan und wirst sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist. Dann wirst du abtun an dir, was göttlich ist, und Gott gehorchen nimmer. Denn Gott ist nicht göttlicher als du bist, und mit welchem Rechte ist er König über dich?« –

Und ich tat nach dem Gebot der Schlange und fiel in Sünde, doch meine Augen wurden aufgetan ...

* * *

... Am Anfang war Gott und Gott war das Wort und nichts war außer Gott. Und Gottes Stimme sprach zu Ihm: Gott ist Gott ohne Verdienst, denn Gott ist Gott, weil er ist. Und Gott ist gut, weil er gut sein muß und nicht anders handeln kann als gut. Und vollkommen ist Gott, weil er jenseits aller Unvollkommenheit stehet von Anfang an, und weil sein Wesen das Vollkommene ist. –

Da sprach Gott zu seinem Herzen: Ich will nicht gut und vollkommen sein, weil ich also sein muß, sondern ich will gut und vollkommen sein, weil ich göttlich bin und das Gute liebe. Darum will ich die Wahl schaffen zwischen Gut und Böse, und will einen Unterschied machen zwischen Licht und Finsternis, zwischen Tugend und Zwang, zwischen Freiheit und Notwendigkeit.

Und mir zur Freude will ich Den erschaffen – der da ewig war in mir; und in mir sein wird; und will Raum und Zeiten setzen ihn zu messen; und will ihn » Mensch« nennen. Nicht daß er für den Geist eine Puppe sei, die keine Seele hat, noch ein Spielzeug, das man abbraucht und zerbricht; sondern daß er Gutes tue nach seinem freien Willen, und daß er von Jahrtausend zu Jahrtausend und von Ewigkeit zu Ewigkeit mehr und mehr mir ähnlich werde und vollkommen.

Darum will ich dem Menschen die unsterbliche Seele geben und will ihn im steten Fortschritt ewigen Wechsels von Form zu Form, von Leben zu Leben, von Stufe zu Stufe führen, und will ihn geleiten durch alle Zeiten und Lande, durch alle Lagen und Leiden, Feindseligkeiten und Freuden bis über die letzten Höhen des Daseins und durch seine tiefsten Tiefen. Und von Wandlung zu Wandlung will ich entfalten immer weiter sein Menschenwesen, reifen seine Weisheit und erstarken in ihm den Willen zur Vollkommenheit, daß er immer mehr werde zu meinem Ebenbild.

Und weiter sprach Gott: Ich selbst will Mensch werden, und wenn die Zeit erfüllt sein wird, als Gottes eingeborener Sohn herniedersteigen zu den Menschen, meinen Brüdern, und auf Erden als der Gottmensch-Brudermensch wandeln unter den Menschenkindern, damit ich sie und die Welt erlöse und ich selber – der Herr der Welt zu sein verdiene! Darum also will ich Mensch werden und will leiden und fühlen mit der Menschheit, kämpfen und streben mit der Menschheit, und will die Versuchung, die ich den Menschen in das Paradies senden werde, in Gestalt der Schlange, auch an mich herantreten lassen, Gottes Sohn, und alle Schätze der Welt soll sie mir zeigen ...

Also schuf Gott Licht und Finsternis, Raum und Zeiten, Gut und Böse; und damit die Menschen sehen könnten den Unterschied zwischen Gut und Böse, und Gott selber gegenwärtig sei in ihnen, durchdrang er sie und erfüllte sie mit seinem heiligen Geiste. Also ward Gott zum Menschen und der Mensch ein Teil von Gott.

Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag ...

* * *

Als ich erwachte – es war in tiefer Nacht und die Sterne leuchteten in mein Stübchen – da warf ich einen Blick in meine Seele und ich begriff es zum ersten Male, daß die Unvollkommenheit der Welt ihre Vollkommenheit ist ...

Ewig!

Vom dunklen Himmelsdom auf müden Schwingen
Zum stillen Erdentale sank die Nacht,
Geheimnisreich in stummer Sternenpracht,
Doch wollte sie den goldnen Schlaf nicht bringen.

Wird nie mein Geist in jene Höhen dringen,
Nie, was ein Menschenherz mit heißer Macht
Umklammernd einschloß, was ein Gott entfacht,
Das blasse Wort »Vergänglichkeit« bezwingen?

Heißt es »fahr wohl und niemals Wiedersehen!«?
Wärs nur der Wandel, der bestehen bliebe? –
O mag die Welt zertrümmern und verwehen:

Ein Stern, der wird mir niemals untergehen –
Ihm glaub' ich! – und im irdischen Getriebe,
Mein Wesen ist urewig, denn – ich liebe ...

Unsterblich

Urewig ist mein Wesen, denn ich liebe!
Urewig ist der Gott, der mich geliebt,
Der jedes Glück und jede Sehnsucht giebt,
Und dessen Herz durchstrahlt das Weltgetriebe.

Wär nicht der Mensch unsterblich und die Liebe,
Hätt' ich die Seelen, die mein Gott mir giebt,
Auf diesem Stern vergebens nur geliebt –
Was in der Welt wär sonst wert, daß es bliebe –?

O Gottes Liebe Gottes Wunder preisen,
Solange die Gestirne droben kreisen
Und wandeln durch das weite Weltenrund –

Solang als Sonnen glühn auf ewige Firnen,
Als Gottes Odem weht von Menschenmund,
Und sein Gedanke strahlt von Menschenstirnen! ...

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