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Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
projectidf325346c
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Siebzehnte Nacht.

Blondinchen.

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

Goethe.

Auf meinen Ausgängen begegnete ich zuweilen einem alten, verlottert und verlumpt aussehenden Manne, der trotz seiner weißen Haare das traurige Los erfüllte, überall wo er sich blicken ließ, der Spott der Gassenbuben zu sein. Als ein seltenes Menschenexemplar war der Mann im ganzen Viertel unter dem Namen »Der blöde Messerrichard« jung und alt bekannt. Aber so viel ich auch forschte und fragte, konnte mir doch kein Mensch sagen, was es eigentlich mit dem Alten für eine Bewandtnis habe. Mir hatte der gebückte, weißhaarige Mann durchaus nichts Lächerliches an sich; im Gegenteil, ich empfand in seiner Erscheinung stets etwas Geheimnisvolles, ja fast Unheimliches, und dabei doch auch wieder Tieferbarmungswürdiges. Aus den düsteren dunklen Augen, deren Blick irr und unstet flackerte, sprach ein stiller Wahnsinn; und die wunderliche Eigenart, die dem Armen seinen Spottnamen gegeben hatte, eine ganz seltsame stete Handbewegung, als ob er tiefbedächtig ein Messer wetze, und dann mit ihm irgend etwas schneide, hatte für mein Empfinden geradezu etwas Grauenhaftes.

Heute abend, als ich, um ein wenig Luft zu schöpfen, ziellos durch die verödeten Gassen schlenderte, erblickte ich den Alten wiederum. Er stand still an einer Ecke, wie in tiefen Gedanken versunken, und die dürre Hand mit den gelben, knöchernen Fingern führte wie immer jene mechanische, entsetzliche Handbewegung aus.

Die Lust weiterzugehen war mir vergangen, und so lenkte ich meine Schritte wieder nach Hause. Schon eine ganze Weile lehnte ich, verstimmt wie Nachbars Fiedel, droben in meiner Fensterecke, als es draußen leis an die Tür pochte. Ich öffnete und erblickte zu meiner Freude die treueste meiner Freundinnen, die Liebe. Sie kam, um mich hinauszuführen in die junge Frühlingsnacht und draußen vor der dumpfen Stadt unter blühendem Fliederdach mit mir zu plaudern. Aber ich fühlte mich ermüdet, und so bat ich die Freundin, ein karges Stündchen bei mir zu bleiben, und mir mit dem Klang ihrer Seele die Zeit zu kürzen. Ich sprach mit ihr vom Grunde meiner Verstimmung und war fast beglückt, als ich hörte, daß die Liebe den alten Mann kannte. Ich will dir, sagte die Freundin, die Geschichte seines Lebens erzählen – es ist die Geschichte seiner jungen Liebe ... des armen Blondinchen ...

Durch das offene Fenster quoll vom Friedhofe herauf ein süßer, schlehdornduftiger Lenzhauch, als die Liebe begann:

... Sie war ein kleines, zierliches Figürchen. Wenn man sie im Frühgold des jungen Sommertages so husch, husch, dahinschweben sah durch die stillen Gassen, so dachten wohl die Bäckerjungen, die um die Wette mit den Spatzen hinauf zu den blitzenden Dächern ihr frohes Morgenlied pfiffen: in dem blonden Gretchenköpflein, da müsse unbedingt König Frohsinn wohnen. Ach, sie hatten der flinkfüßigen Kleinen wohl nicht in die sehnsüchtigen tiefen Augen gesehen, aus denen in die herzleere Welt hinein ein liebes Seelchen guckte – so unsagbar traurig! Die arme Else hatte keine Mutter mehr! Gerade am Johannistage vor einem Jahre war ihr Mütterchen hinauf zum lieben Gott gegangen und hatte sie auf der kalten Erde mutterseelenallein gelassen. Ihr Vater lebte wohl noch – irgendwo in der weiten Welt verschollen, aber den hatte sie ja nie gekannt. Drüben, über dem großen Wasser, so verlautete einmal, sollte er ein reicher Mann geworden sein, der Weib und Kind vergessen hatte.

So stand das arme Mädchen in der harten Welt allein – nur in seiner Armut schlichtem Kleidchen und im Glanze seiner jungen siebzehn Jahre. Nicht einmal eine wahre Freundin nannte sie ihr eigen, denn unter dem frühen, tiefen Schatten ihres Lebens war das Blümchen ihrer Seele ganz anders geartet, als alle die kecken Sonnenröschen, ihre Gespielinnen, mit denen sie in den hohen Mauern der Stadt aufgeblüht war.

Niemand liebte sie, niemand half ihr – nur die schönen, braunen Augen, deren dunkle Feuchte so wundereigen zu der lichten Goldflut ihres Haares schimmerte, und dann die kleinen, feinen, fleißigen Hände! die waren die einzigen treuen Freunde, die ihr unermüdlich dienten, vom frühen, dunklen Morgen an bis in die tiefe, dunkle Nacht hinein ... Wo sie wohnte, die kleine hübsche Elsbeth? Ach, lieber Gott! Bei einer armen Witwe, droben im allerengsten, niederen Dachkämmerchen, wo sie vor Sonnenaufgang das Frühgezwitscher der Vöglein weckte, und ihr Schlummerlied des Nachts die müden Sterne sangen. Da saß sie die langen Stunden wie ein emsiges Bienchen und schuf mit ihren geschickten, schlanken Fingerchen, aus Duft und Glanz, Sammet und Seide, für unsere lieben Frauen und Jungfräulein die wunderschönsten Blumen und Schleier.

Es konnte nicht ausbleiben, daß an das junge Blut die Versuchungen der Weltstadt so manches Mal in verlockender Gestalt herantraten. Dornröschen der Dachstube aber war unnahbar! Und sie hatte dann stets – lag es im Klang eines Wortes? lag es in einem jungfräulichen Blicke ihrer dunklen, unergründlichen Kinderaugen? – eine Art der Abwehr, die sie vor allen ernstlichen Angriffen schützte.

Das kleine Fräulein war sich ihrer Macht auch recht wohl bewußt und fürchtete sich niemals. Nur ein einziges Mal erst, da war ihr urplötzlich ein unerklärliches Angstgefühl gekommen, und das war an einem späten Herbstabend, als sie von einem Gange aus der Innenstadt zurückkam und auf der Treppe von einem jungen Studenten angesprochen wurde, der kaum vor einigen Tagen in das Haus gezogen war. Auch ihn hatte sie in ihrer unsagbaren Weise, ohne dabei ein Wort zu sprechen, mit einem einzigen, ruhigen Blick zurechtgewiesen, so daß er niemals wieder eine Annäherung versuchte. Doch wenn er sie traf, was nicht gar oft begegnete, so grüßte er sie stets sehr höflich, und sie dankte ihm freundlich, ohne jede Ziererei. Aber es war wunderbar – stets erschrak sie wiederum, und sie fühlte ihr kleines Herz klopfen, sobald sie seiner ansichtig wurde!

Leider sah und hörte man im Hause nicht viel Gutes von dem jungen Manne. Es war bekannt geworden, daß Richard G. der Sohn eines armen Beamten war und daß sich die Eltern den Bissen vom Munde abbrachen, um ihren Einzigen zu einem tüchtigen Manne zu machen. Langsam, unerträglich fast, waren den armen Leuten die schweren Jahre seiner Vorbereitung hingeschlichen; nun weilte er schon wieder drei unsagbar lange Jahre auf der Universität und sollte Medizin studieren. Ja, aber! Wenn da nicht die vielen guten Freunde alle gewesen wären, und dann die fidelen Kneipen, und darinnen gar die blitzsauberen, schmucken Schenkmägdelein! O, und Richard war kein Philisterherz! Er hatte seinen Stolz und wußte, daß wohl manche Straße nach Rom, aber der Weg männlichen Ruhmes einzig durch seine Gurgel führte! – In den Hörsälen war Richard längst ein seltner Gast geworden, denn er war gewöhnt, die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht zu verkehren. Natürlich war seine Lebensführung, die im Hause wiederholt zu nächtlichen Auftritten mit den Mitbewohnern geführt hatte, auch der kleinen Elsbeth kein Geheimnis geblieben.

Eines Morgens wollte sie schon in aller Frühe in die Stadt gehen, um in einem Geschäft bestellte Arbeit abzuliefern. Wie sie unten durch den Flur kommt, wird die Haustür aufgestoßen, und herein stolpert Richard – sinnlos betrunken. Als er das Mädel erblickt, bricht aus den stieren Augen ein begehrliches Leuchten, und indem er den Arm frech um der Vorüberschlüpfenden Hüfte schlingt, lallt er mit zärtlicher Zunge: »Nun, wo will das Blondinchen schon so frühe hin?«

»Lassen Sie mich!« gab Else diesmal ganz heftig zurück und riß sich mit einem flammenden Blick aus seiner Umarmung.

»O, Blondinchen, das tun wir noch lange nicht, denn wir sind reiche Leute!« Und damit griff er in seine Westentasche, zog einen Hundertmarkschein hervor, den einzigen, den er besaß, und versuchte ihn, mit einem trunkenen Lächeln, dem Mädchen in die Hand zu drücken.

Ganz blaß und weinend vor Empörung, stieß ihn die Kleine heftig zurück: »Rühren Sie mich nicht an! ich bin ein ehrliches Mädchen, das sich durch ihrer Hände Fleiß ernährt. Sie aber sollten vor mir rot werden, und hätten Sie Ehrgefühl, Herr Gruber, Sie müßten sich schämen vor Ihren armen Eltern! Gehen Sie – ich – ich hasse Sie, – ja – und ich verachte Sie!!«

Damit ließ sie den Verblüfften stehen, und eh' er noch ein stammelndes Wort der Erwiderung fand, schlug schon die Haustür hinter ihr klirrend ins Schloß. – –

Wochen waren seit diesem Vorkommnisse hingegangen, und der Zufall hatte Else und Richard nicht wieder zusammengeführt. Wenn sich das Mädchen über die schwere Kränkung schließlich auch beruhigt hatte, so war es doch wunderbar, daß des Übeltäters Bild in dem blonden Köpfchen nicht mehr erblassen wollte. Manchmal im stillen schalt sich Else, daß sie ihres Beleidigers so ohne Zorn gedachte. Aber, was half es! Nur zu heiß pochte es unter dem schlanken Mieder, wenn sich die allergeheimsten Mädchengedanken auf solchen verschlungenen Wegen ertappten! –

So ging es Tage um Tage. Und auch aus Richards Sinn wollte die jungfräulich liebliche Gestalt mit dem reichen Blondhaupte nicht mehr weichen. Stundenlang oft konnt' er drunten auf der Gasse herumlungern, nur in der Hoffnung, daß er dem schönen Mädchen wieder einmal begegnen möchte. Doch alles blieb vergebens.

Er verzweifelte schon an seinem Glück, als sich endlich doch einmal sein heißer Wunsch erfüllen sollte. Es war eines Abends, als Else heimkam. Richard ging ihr mit hastigen Schritten entgegen und begrüßte sie, wenn auch nicht ohne Verlegenheit, leuchtenden Blickes und überglücklich. Blondinchen, die sich eine Wiederbegegnung schon längst im stillen ausgemalt und sich vorgenommen hatte, in solchem Falle jeden Gruß Richards mit kühlem Dank abzuweisen, war über sein unvermutetes Entgegentreten so erschrocken, daß ihr, atemstockend und wie gelähmt im Augenblicke, jeder Gegengruß versagte. Erst wie sie an ihm vorüber war, kam ihr alles zum Bewußtsein; und nun tat es ihr fast leid, daß sie Richard unbeabsichtigt tiefer gekränkt hatte, als es sogar ihr Stolz begehrte.

Doch ihr Mitgefühl irrte. Richard hatte die Verwirrung des Mädchens, das bis tief an den Hals errötet war, recht wohl bemerkt, und es war ein Hoffnungsblitz, der das Glückverlangen in seiner Brust jetzt zu hellen Flammen entfachte ...

Am andern Morgen klopfte es an Fräulein Elses Tür. Sie öffnete. Der hereintrat – war Richard.

»Ich komme,« sagte er, »um Verzeihung zu bitten wegen neulich, Fräulein Elsbeth! ... Ich wollte schon lange kommen, aber ich glaubte immer, ich –«

Sie wehrte ab: »Was kann Ihnen, Herr Gruber, an eines armen Mädchens Verzeihung liegen!«

»Würd' ich Sie darum bitten, Fräulein Else –?« erwiderte Richard.

»Und was hilft mein Wort –?!« sagte sie und wurde rot dabei.

»Viel, Fräulein Else – ich versprech' es Ihnen!«

»Sie mir ver –?« Sie brach ab und erglühte bis in die Stirn hinauf.

Es lag etwas Gutherziges in Richards Stimme, und wenn es ihm Ernst war um eine Sache, und sie ihn ganz erfüllte, dann mußte man ihm glauben. So sprach er jetzt – leise und schlicht – aber seine Stimme zitterte ... »Fräulein Else – ich glaube, Sie könnten mich gut machen ... aber Sie müßten es wollen! ...«

»Ich müßt' es – wollen?«

Ein glückseliger Schimmer brach aus dem dunklen, fragenden Mädchenauge.

Er sah es wohl! Und da kam es über ihn – der Zauber der jungen Unschuld – und ihre Schönheit – und die ganze Allgewalt der berauschenden Leidenschaft – – er wußte nicht mehr, was er stammelte ...

»Ja – ich meine ... Sie müßten mir ein wenig gut sein – und Sie müßten mir ein ganz klein wenig Hoffnung geben ... Sehen Sie, Fräulein Else, wenn ich jetzt so fleißig arbeite wie Sie, in einem Jahre bin ich fertig – dann kommt das Examen – und dann – nun ja, dann will man sich doch ein kleines, bescheidenes Heim gründen, und an den Herd im trauten Heime – gehört da nicht auch – ich meine – eine kleine saubere Hausfrau, die alles blank und am Bändel hält –? ... So eine vielleicht wie Sie, Fräulein Else –? ... Ach, nun sehen Sie nur nicht so bös vorbei an mir – Mädel! – Blondinchen! – ich hab' dich ja so lieb! so wahnsinnig lieb!«

Und da flog er auf sie zu und riß die Zitternde in seine starken Arme, und flammte einen langen, heißen, glühenden Kuß auf die süßen, bebenden Mädchenlippen ...

Was ihm die kleine Elsbeth geantwortet hat, das weiß ich nicht genau, mein Freund. Aber ich glaube, ausgezankt hat sie ihn diesmal nicht!

Von diesem Tage an war Richard wie verwandelt. Er, der keine Abendstunde sonst im Hause verbracht hatte, saß Abend für Abend in seinem Zimmer und studierte bis in die tiefe Nacht hinein. Und wenn er einmal müde wurde, oder wenn ihn wiedermal der alte Freiheitsdrang anwandelte und ihn hinaustreiben wollte in die tolle Ungebundenheit von ehedem, da erinnerte er sich, daß eine Treppe höher, gerade über ihm, im schmalen Kämmerlein ein kleines, süßes, blondes Mädchen auch noch wachte und mit Ameisenfleiß tief über ihre mühsame Arbeit gebeugt saß. Da sah er dann im Geiste, wie sich zehn feine Fingerchen rastlos regten, und wie das güldne Ringlein mit dem winzigen Rubinherzen, das den Goldenen seit Blondinchens letztem Geburtstage schmückte, sich eitel im seligen Glanze eines dunkelfeuchten braunen Auges spiegelte.

Alle Tage sahen sie sich ein wenig. Wenn das Dämmerstündchen kam, ging Richard hinauf. Und diese kargen, heimlich dunkelnden Stunden zwischen Tag und Abend waren die seligsten seines Lebens. Aber glaube nicht, mein Freund, daß da bloß gelacht und geschwatzt, gekost und geküßt wurde. O nein, da würdest du unser Blondinchen schlecht kennen. Dazu war sie ein viel zu ernstes Mädchen. Sie war ihrem Schatze gewissermaßen ein zweites Mütterchen geworden, und ihr allein verdankte Richard, wie er sich ausdrückte, die sittliche Wiedergeburt seiner Seele. Sollte sie nun ihren Schatz beschämen? Nur ihm geben und nicht ihn wiedergeben lassen? O nein! Nun wollte sie zu seinen Füßen sitzen, wollte mit ihm lernen und aufschauend zu ihm heraufwachsen!

Und so glichen sich in diesen glücklichen Stunden in seligem Austausch Geist in Geist und Seele in Seele aus. – Daß die Nachbarsleute, die früher die kleine Elsbeth als ein keusches Engelchen fast vergöttert hatten, jetzt die Mäuler zischelnd zusammen brachten, wenn sie vorüberkam, kümmerte das charaktervolle Mädchen wenig. Was gingen sie in ihrer Liebe die Leute an! Ihr Bewußtsein genügte ihr, und dann hatte sie auch ihre eigenen Gedanken. Aber trotzdem Richard mit der Beredsamkeit der Leidenschaft sie innerlichst überzeugte, daß die Liebe nur ihre selbstherrlichen Gesetze kennt, und daß es einzig die Gesinnung ist, die den Adel giebt und niemals die oftentweihte, zerbrechliche Form, blieb das Mädchen standhaft.

Doch was kommen mußte, schließlich kam es doch einmal. –

Winter und Frühling waren vergangen. Der Atem der Sonne wehte immer heißer herab, und es kam ein wunderschöner Sommertag im Juni, als die beiden Liebenden der drückenden Schwüle des unendlichen Häusermeeres einmal entflohen und einen kleinen Ausflug in den Wald vor der Stadt unternahmen. Am späten Abend kamen sie heim. Wie immer wollten sie sich auch diesmal vor Richards Türe trennen. Da fiel ihm ein, daß er am Nachmittag ein Buch oben liegen gelassen hatte, in dem er – es war seine Gewohnheit so – noch lesen wollte. Er begleitete sie hinauf in ihr Stübchen und nahm sein Buch.

Ein inniger Kuß und Händedruck, und da hatte er schon wieder die Tür in der Hand. Aber wie er sich nochmals zurückwendete und sein Blick auf das stille, goldblonde Mädchenhaupt fiel, das ihm in der fließenden Abenddämmerung wie ein berauschendes Lächeln der holden Nacht dünkte – da ward es ihm leid um sein Scheiden. »Wir könnten wohl noch plaudern, Else,« sagte er, und seine Stimme zitterte – »nur diese karge, kurze Dämmerstunde – ach, es ist ja heute so schön, so sterbensschön!« Und dabei schlang er den Arm zärtlich um ihren schlanken Leib und zog die nicht Widerstrebende leise in die stille, traute Ecke an seine Seite.

Nicht alle Worte hab' ich erlauschen können, die in jener traumvollen Stunde die beiden Liebesleute bangend Mund von Munde tranken. Denn ich weilte gaßüber in einem andern Dachstübchen, am Krankenbette eines einsamen, alten Mädchens, das mich einst in seinen jungen Jahren von dem stolzen Herzen zurückgestoßen hatte. Und nur manchmal war es ein Hauch der Nacht, der einen Flüsterton der glücklichen Menschenkinder herübertrug zu unseren wachen Sinnen. Aber einmal vernahm ich doch deutlich, was er zu ihr gesagt hat ... »O, du meines Lebens liebe Sonne!« sprach er, »wenn es einmal kommen sollte, daß du mir verlöschen müßtest, und dein junger, goldener Glanz würde nicht mehr in mein armes, heißes Herz leuchten – ach, dann wird es dunkel darinnen und verödet sein, und ich glaube, dann wohl müßt' es sterben!«

Weiter hab' ich nichts mehr vernommen. Draußen über den im Sternenglanz flimmernden Dächern, wehte der weiche Atem der Sommernacht, und ihr Zauber ertränkte mehr und mehr die müden, eingeschläferten Sinne. Die Gassen lagen so lautlos – keine Regung in der schlummernden Welt ... Nur von drüben her, vom Blumenbrett vor dem offnen Dachfensterchen, da wehte an das stille Seufzerbett der Kranken ein lauer, verschwimmender Duft von Rosmarin und Reseda ...

Die Einsame an meiner Seite schlief. – Auch ich schloß die Augen ... träumte – und träumte ... Längst war es draußen still und dunkel geworden. Und stille, stille ward es auch drüben im engen, heimlichen Dachkämmerlein ... Das trunkne Liebesgestammel zweier Seligen verstummte ... zerfloß in das weiche, zitternde Weben der Juninacht ...

* * *

Ach, wie es dann gekommen ist! – Meine schöne Erzählerin seufzte und bedeckte einen Augenblick die feuchtschimmernden Augen mit ihrer weißen Hand. –

Dann fuhr sie mit leiser Stimme fort: Das Ende ist bald erzählt. Eines Vormittags hatte es an Blondinchens Tür gepocht. Ein alter würdiger Herr war gekommen, Richards Vater, um dem Mädchen klar zu machen, daß sie von ihrem Liebsten scheiden müsse. Richard, dessen Examen in wenigen Monaten bevorstand, werde in die Wohnung der Eltern ziehen, um dort fleißig sich vorzubereiten. Und als der alte Herr alle Einwände ihres liebenden Herzens zurückwies und ihr auseinandersetzte, daß sie ihrem Richard nur ein Hemmschuh und eine Last sei, daß die Eltern um ihretwillen den ungehorsamen Sohn verstoßen müßten – da hatte schließlich das arme Blondinchen die Notwendigkeit der Trennung begriffen. Zu allem, was man von ihr verlangte, sagte sie ja und amen.

Nur nach schweren Kämpfen und einzig auf die Bitten der weinenden Geliebten hin fügte sich Richard dem Machtgebot des Vaters. Aber er versprach, täglich seinem guten Schatz zu schreiben, und so oft es ging, sie heimlich zu besuchen. Und wenn die große Staatsprüfung mit all ihrer Plagerei erst vorüber wäre, dann wollte der junge Doktor wiederkehren als glücklicher Bräutigam und wollte sein Blondinchen heimholen.

Du lieber Gott! Wenn die Wege in der großen Stadt nicht so weit gewesen wären! Und diese Briefschreiberei! Wenn das nicht gar so schwer hielte, tagtäglich sich etwas Hübsches und Neues zu sagen! Und dann erst die besorgte Mutter und der strenge Vater daheim, und die klugen Schwestern und Tanten alle! Wenn die nicht den Wankelmütigen tagtäglich bestürmt hätten, von seiner unvernünftigen Liebe und dem armen Mädel abzulassen, und lieber das schöne, reiche Bäschen vom Lande zu freien, in deren heißblickenden Augen ihm Toren ja das Glück entgegenleuchtete!

So ist es gekommen! Allmählich, aber doch! – Die Besuche Richards bei der kleinen Elsbeth wurden immer seltner und lauer, die Briefe an das Mädchen immer karger und knapper, und schließlich, es war am Tage vor dem Schlußexamen – da kam an das arme Blondinchen ein allerletzter Brief ...

* * *

Nun hatte ers hinter sich! ... Wie frei mußte sich des jungen Doktors Brust fühlen, als er an jenem blühenden Frühlingsmorgen zum letzten Male die breite Freitreppe hinaufstieg zur Anatomie. Heute kam der langen Mühen letzte. In allen Fächern hatte er sein Wissen glänzend dargetan; nun galt es nur Eines noch zu zeigen – sein Können am Seziertisch! Den festen Blick und die sichre Hand des Anatomen! –

Drunten im Universitätsgarten flötete grade ein Rotkehlchen, als der junge Doktor, ein leichtes Liedchen trällernd, in den großen, weißgetünchten Sektionsraum eintrat. Er war noch ganz allein.

Auf dem langen Seziertisch mitten im Saale lag bereits die Leiche, an der der neue Jünger der Wissenschaft seine Kunst beweisen sollte. Ein weißes Linnen verhüllte den Körper.

Außer dem Tische befand sich in dem kahlen Raum nur weniges Gerät. Ein Stuhl für den Professor, ein Stehpult für den Berichtschreiber, und zwei Seitentischchen an der Wand mit den Messern und Schüsseln. Richard, der sich schnell des Rockes entledigt und eine Schürze vorgebunden hatte, prüfte gerade am Widerstand seines Fingers eines der Messer auf seine Biegsamkeit hin, als der Professor mit dem Assistenten erschien.

Ehrerbietig verneigte sich Richard und trat dann an sein Werk heran. Die Formen waren durch das verhüllende Linnen deutlich zu erkennen. Das mußte eine feine, zarte Mädchengestalt sein! – Jetzt erst bemerkte Richard, daß unter dem Tuch an der Seite eine kleine, weiße Frauenhand hervorsah, die wie Alabaster schimmerte. Aber, was war das –?! An dem Goldfingerchen, da glänzte ja ein Ringlein! Hatte den der Diener nicht abstreifen können? –

Richard hatte sich ein wenig herabgebeugt, als er plötzlich mit einem Aufschrei totenbleich zurückfuhr – »Barmherziger Gott – dieser Ring – dieser Ring mit dem kleinen Rubinherzen ... Aber nein, – das kann ja nicht sein! – das – das – unmöglich ist es – undenkbar!! – Wird es nicht – viele – viele solcher Ringe geben? ... So murmelte er, wie abwesend, unverständliche, abgerissene Worte. Ein peinliches Schweigen entstand. »Verzeihung, Herr Professor,« wendet er sich bestürzt schließlich an diesen, »die große Aufregung – schlaflose Nächte – es war nur eine Anwandlung ... gleich ist alles vorüber ...«

Staunend wechselte der Angeredete mit seinem Gehilfen Blicke: »Beruhigen Sie sich – Sie sind überanstrengt!« – Richard antwortet nicht – er ringt nach Atem – dann rafft er mit einem Male alle seine Kraft zusammen und erfaßt über dem Haupte der toten Mädchengestalt mit heftig zitternder Hand das Ende des verhüllenden Tuches. Aber, als ob ihn eine unsichtbare Kraft lähme – er kann es nicht aufheben, das Tuch entgleitet seinen starren Fingern und fällt zurück auf das stumme Haupt. Dem aber entquillt eine Fülle goldgewellten Blondhaares und flutet herab wie ein schimmernder Tränenbach ...

Er sieht es! Da ist's, als wüchsen seine Augen in ihren Höhlen und wollten sie sprengen – um den verzerrten Mund grinst ein wahnsinniges Lächeln – krampfhaft umklammert seine Rechte das Messer – und wie ein Raubtier auf sein Opfer, so stürzt er sich wild über die tote Mädchengestalt und reißt mit einem entschlossenen Ruck das Tuch weit zurück ...

Gellend brach er zusammen. Sie trugen ihn hinaus – und als er erwachte, da war sein Geist in die Arme der ewigen Nacht gesunken! – – –

... Auf dem Tische – in blendender Marmorschönheit – da lag das arme Blondinchen! Ach, das Sterben mußte ihr leicht gefallen sein! Auf dem süßen Gesicht, da schlief ein Glanz des Friedens, und um den bleichen Mund schwebte ein verklärend Lächeln. Ein leises, glückseliges Lächeln, das ich erst in den letzten Tagen ihres Liebesglückes manchmal bei ihr bemerkt hatte. Fast sahs ein wenig schalkhaft aus, so in sich stille, als wäre gerad' ihr Herz dem Liebsten in die dunklen Augen gesunken ... Ja, schlafe süß, schlaf wohl, mein armes Blondinchen! ...

* * *

So hatte die Liebe geendet. – Was war es wohl, das in meinen Sinnen so wundersam noch lange, lange nachzitterte –? Ich weiß es nicht ... Keine Schmerzensträne – nur ein Glanz – ein Duft ein Ton ...

Die weiße Nacht.

Schlummernd liegen alle Gassen.
          Was geweint, gelacht:
Menschenliebe, Menschenhassen
Ruht im Arm der weißen Nacht.

Schlummernd liegen alle Gassen.
          Ach, in mancher Nacht
Wollte Sehnsucht wild mich fassen,
Niederringen heiße Macht! –

Gramgestalten seh' ich quellen
           Wieder dort empor,
Feucht zur Lebensfülle schwellen
Aus Gedünst und Nebelflor.

Wie ein Dieb auf leisen Sohlen
          Schleicht ein blutlos Weib
Dort, von Haus zu Haus verstohlen,
Reckt und streckt den dürren Leib.

Sorge –! Weich' von jenem Fenster,
          Sorge, von der Tür!
Schlimmstes aller Nachtgespenster,
Willst du weilen, seis nicht hier!

Gehe du auch schlummern, gehe
          In dein Sorgenbett –
Dort, zum tiefsten Lebenswehe,
Lockt dich kaum ein Stroh und Brett!

Dort die Armenärmsten wohnen –
           Lasse deine Hand!
Nur die Müden wolle schonen,
Sorge, ziehst du durch das Land!

Ach, wer einst, ein Selbst-Entzweier,
           Bräche deinen Bann –
Lichterlöser, Weltbefreier,
Hochbeglückter, sel'ger Mann! ...

Bleiche Träume – eitel Schäume!
          Fließet rein ein Glück?
Forscht' ich durch die Sternenräume –
Mit dem Leid käm' ich zurück!

Und ich weiß wohl: auch auf Thronen
          Bleibt ein Platz ihm leer,
Legt die Hand auf Königskronen
Manchmal auch Frau Sorge schwer! –

Weiße Nebelschleier fallen,
          Glanz bricht klärend ein;
Auf dem Strom ein Weichen, Wallen,
Droben Welten-Kerzenschein ...

Dich nur finden, Welt versöhnen:
          Das verbleibt allein;
Menschenjubel, Menschenstöhnen –
Also wird es ewig sein!

Friedvoll, wer sich still beschieden
          Und nicht Gram genährt,
Friedglückselig, der hienieden
Menschlich-Edelstes bewährt! –

Über allen Dächern Schweigen –
          Nur in mein Gemüt
Lullt die Nacht zum Schlummerreigen
Leise leises Flüsterlied.

Traumvoll ruhen alle Gassen.
          Was geweint, gelacht:
Menschenliebe, Menschenhassen
Schweigt im Arm der milden Nacht.

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