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Gutenberg > Kurt Geucke >

Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
projectidf325346c
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Sylvesternacht.

Zu fernen Gestaden.

I.
Adagio.

Winterfriede lag weiß auf Türmen und Dächern.

Ich stand sinnend am Fenster, und mein Auge schweifte hinaus über die dämmernden Gassen. Der letzte Tag im alten Jahre neigte das müde Haupt zur Mutter Erde, und hernieder von des Weltmünsters dunklen Domhöhen schwebte wie ein flüsterndes Geheimnis die hellgestirnte Nacht.

Sylvesternacht! Wer fühlte nicht den Zauber, der um dieses Wort webt! Auch ich stand im Bann der Stunde. Und wie Tag und Nacht ihr sinnend Janushaupt der Vergangenheit und der Zukunft zugewendet halten, so irrte mein Geist in längstversunkenen Tiefen und schweifte von dannen zu fernen, nebelverschleierten Häfen. –

Das Ende ist die Mutter des Anfangs! ...

Wenn zu den flimmernden Gestirnen der Neujahrsnacht der neugeborne Tag wie ein junger Adler aufsteigt und mit seinen morgenkühnen Schwingen im Fluge ihre sinkenden Fittiche berührt, dann tönen die Glocken die frohe Botschaft von den Türmen hinaus in alle Lande. Aber in ihre jubelnden Klänge mischen sich ernste Töne. Es ist wie ein Sterbelied, das sie verkünden, wie das ewige Lied der Menschheit, von deren Gesange wiederum ein Ton verklungen ist und verweht.

Die Neujahrsnacht ist die Nacht der Träumer und Denker. Wie keine andere in tausend Nächten und auch wie kein Tag im irdischen Sonnenjahre übt sie auf Einbildung und Gedankenwelt der armen Menschenkinder einen eigenen, unsagbar geheimnisvollen Reiz aus. Sie erinnert den Menschen durch ihre Beziehungen zum Wechsel aller Dinge, daß das menschliche Leben doch eigentlich nichts weiter ist, als ein ununterbrochenes Dahinsterben, ein Jagen nach dem Tode!

Den trübsinnigen Zweifler kann wohl dieser Gedanke entmutigen. Was ist alles menschliche Streben wert, so wird er sich fragen, wenn alle deine Ideale nieerreichbare Phantome bleiben, wenn dich vor der Zeit die unerbittliche Hand des Todes fällt und dich mit allen Lebenswurzeln aus deinem Wirkungskreise herausreißt?

Mein Geist schweifte hinaus in die dunkelnde Unendlichkeit, und meine Seele lauschte in die Tiefe ihrer Brunnen. Und sie vernahm die Antwort, die zu ihr in tausend Zungen die ewige Natur sprach; und sie las die Antwort im Anblick der nächtigen Sylvesterlandschaft ...

Winterfriede liegt auf Gräbern und Dächern, aber geboren hat ihn der Dezembersturm, der die weißen, fröhlichen Flocken von den klaren Sternenhöhen herniederwirbelte auf die frierende, müde Erde. Und da liegen sie nun, die armen Flocken, verdichtet zu blitzenden Kristallen, und schlafen und träumen, bis der goldene Tag die weiße Nacht verscheuchen wird, und in das Land wieder Stürme brausen werden, laue Frühlingsstürme, die den leuchtenden Lenz bringen und mit ihm das junge, warme, blühende Leben ...

Wintertod trennet den Lenz vom Lenze, die Nacht scheidet den Tag vom Tage, und wenn Sonnen sterben, so erblühen zwischen Abendröte und Morgenröte aus dem Kelch der Nacht die Gestirne der Finsternis. Auf und nieder strömt das Licht, auf und nieder schwebt der Tropfen ...

Welches Leben aber blüht aus dem Winterschlafe, der nicht heute und morgen endet? Welcher Tag entquillt der Nacht, die Toren die ewige nennen? Kein Leben mehr? kein Tag des Lichtes?

Träumen nicht zwischen den Lichtgestirnen, die Tag um Tag aus Menschenseelen leuchten, zur Nacht die müden Mohnblumen des Schlafes? Wenn aber die Mohnblume des Todes verblüht ist – dann geht keine Morgenröte auf –?

Mich schmerzte die Stirn, als ich in dieser Stunde daran dachte, wie es Menschen giebt, die sich selber so armselig schätzen, daß sie an ihre Gottnatur nicht mehr glauben können. Die ihren Ursprung so ganz vergessen haben, daß sie sich nicht mehr sind als ein schlechter Klumpen Erde, den ein Tag der Vernichtung in die Pfütze rollt!

»Wär nicht das Auge sonnenhaft,
»Die Sonne könnt es nie erblicken.
»Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft –
»Wie könnt uns Göttliches entzücken!?«

* * *

II.
Marcia funebre. Capriccio.

Von der Friedhofskirche schlug die Uhr mit dumpfen Schlägen Elf, als ich zurück in mein Stübchen trat. Noch eine Stunde also, die das müde Jahr von der letzten Mitternacht trennte.

Ach, eine solche Mitternacht nach tausend Jahren! Was wird die den Menschen erzählen können! Nur noch einmal Mensch sein dürfen unter späten Enkeln, und unsrer Saaten Ernte schauen! Nur einen Tag, nur eine Nacht in tausend Jahren! ...

Ich warf mich auf mein Bett, um dort wachend das neue Jahr zu erwarten. Noch zitterte der elfte Glockenschlag in den Lüften, als draußen jemand an meine Tür pochte. Bevor ich Zeit hatte, mich von meinem Lager zu erheben, stand auch schon der Ankömmling vor mir. Es war der schöne Jüngling, der mich vor Nächten nach der Insel der Seligen geleitet hatte. Auch diesmal hing die Fiedel an seiner Seite. – Wie ich heute wiederum sein junges, glanzumwalltes Haupt sah, mußt' ich an den Goldener des alten Märchens denken, das ich einst als Kind von meiner Mutter gehört hatte. Und doch sann ich noch immer vergebens, wer er sein könnte, und wo ich ihm schon einmal in meinem Leben begegnet war. – –

Seine sanfte Stimme sprach mich an: »Ich habe dich in der Nacht der Wintersonnenwende nach den Ufern der Seligen geführt – heute will ich deine Seele über sieben Berge und sieben Meere und sieben Sterne zu den Gestaden einer fernen Erde lenken. Dort quillt ein Brunnen der Zukunft, davon ich dir zu trinken gebe.«

Dabei griff er in die Saiten seiner Fiedel und entlockte ihr wie damals am Waldbrunnen einen wunderbaren Ton. Ich fühlte, wie sich willenlos meine Augen schlossen, und wie der Hauch seines Mundes kühl an meine Stirn wehte ...

Ich hatte ein Gefühl, als sei ich gestorben. Sie legten mich in einen schmalen Sarg hinein, nagelten ihn mit zwölf Nägeln zu – und dann wurde ich fortgetragen ...

Es war eine weite Reise, und ich fühlte es jedesmal, wenn der Leichenwagen über das schlechte Pflaster holperte. –

Endlich waren wir am Ziele. Ich merkte ganz deutlich, wie der Sarg aus dem Wagen herausgehoben wurde und wie ihn die Männer über die Gräber hinwegtrugen und niedersetzten. Die Sinne schwanden mir – ich fühlte noch dumpf am Reiben und Schüttern der Seile, wie ich in meinem schwarzen Kasten hinabglitt ... Dann wurde es auf Augenblicke totenstill über mir – – dann ein dumpfes Stimmengewirr – ferner, verschwebender Gesang – und nun – nun kam das Schauderhafte, das Entsetzliche ... Erdschollen polterten hohl herab auf den Sarg, und wahnwitzig vor Schreck, fuhr ich auf und stieß mit dem Haupt an den Deckel, daß meine Stirn blutete ...

Da schlug ich die Augen auf ... feuchter Morgendunst umfloß mich, und ich lag am Rand einer unabsehbaren Einöde, über die mit ungewissem Flug einige Totenvögel flatterten. Neben mir aber stand an einem Feldstein der schöne Jüngling mit Wanderstecken und Fiedel. Das erste Frührot fiel auf seine bleichen Wangen, und wie ich ihn anschaute, wußte ich, daß es der Tod war.

»Wo befinden wir uns?« fragte ich verwundert.

»Siehest du dort im Süden jenen blauen, flimmernden Stern?«

»Ich sehe den Stern, allein sein Glanz ist mir fremd.«

»So wisse, mein Freund, jener blaue, helle Stern ist die Erde, von wannen du gekommen bist.«

»So weile ich nicht mehr unter den Menschen?« stammelte ich, ganz fassungslos vor Staunen. »Wo bin ich alsdann? Wohin hast du mich geführt?«

»Wir sind auf einem anderen Stern,« antwortete der Tod, »einem Zwillingsgestirn der Erde, das wie diese um die Sonne kreist. So wie die Sonne um die Urmutter aller Sonnen wandelt, die dein Auge noch niemals erschaut hat.«

»Und wohin gedenkst du mich weiter zu führen?«

»In ein Reich, dessen Zeit auf deinem Erdenstern noch nicht gekommen ist. – Gehe mit mir!« –

* * *

Wir zogen mitten durch die Wüste, und am siebenten Tage wurde die Gegend fruchtbar und wir stiegen in ein Tal hinab, in dem eine große Stadt lag. Ihre Zinnen und Türme tauchten golden aus dem Abenddunst, als der erste menschliche Laut auf diesem Stern an mein Ohr klang. Ich wendete mich um und erblickte drei Männer, die singend desselben Weges kamen.

»Grüß Gott, ihr lieben Gesellen,« sagte der eine zu meinem ernsten Begleiter, »kommen wir auf diesem Wege nach der Hauptstadt?«

»Sehet ihr nicht die Zinnen leuchten?« antwortete der Tod, »kommt nur getrost mit uns!«

Unterwegs erfuhr ich von den Dreien, daß sie Freunde waren: ein Künstler, ein Gelehrter und ein Erfinder, und daß sie in der Hauptstadt ihr Glück versuchen wollten. Vor hundert Tagen war im Lande eine gewaltige Empörung ausgebrochen, die zum vollen Umsturz der Verhältnisse geführt hatte. Der König war abgesetzt worden, und das Volk selber hatte die Zügel der Regierung in die Hand genommen und alle Einwohner des Reiches als Gleiche erklärt. Die drei Freunde kamen aus einer entfernten Hafenstadt und hofften ihr Wissen und Können in der Volkshauptstadt besser zu verwerten. – Diese Mitteilungen erweckten in hohem Grade meine Erwartungen, denn ich durfte daraus schließen, daß mir Irdischem das unerwartete Glück beschieden war, den auch auf unsrer Erde vielgenannten und ersehnten Zukunftsstaat hier in seiner Verwirklichung kennen zu lernen.

Schon funkelten die Sterne am Himmel, als wir an das Stadttor anklopften. Ein grämlicher Schließer öffnete und ließ uns ein. Gleich darauf verabschiedete sich der Tod von uns Vieren und flüsterte mir dabei zu, daß er an meiner Seite stehen werde, sobald ich seiner bedürfe. – Der Torwärter teilte uns mit, daß infolge des großen Zustroms aus dem Lande schon seit Wochen alle Herbergen überfüllt seien. Und wenn wir goldne Berge bieten könnten, ein Unterkommen für uns sei nicht zu beschaffen: einmal weil das Geld von der neuen Regierung entwertet und aufgehoben sei, und dann, weil diese die Verwaltung der Wirtshäuser als öffentlicher Staatsanstalten selbst übernommen habe.

Das war kein freundlicher Empfang. Doch wir ließen den Mut nicht sinken und begaben uns trotz der schlimmen Botschaft auf die Suche nach einem Unterkommen.

Schließlich nach vielem Umherirren wurden unsre Mühen gelohnt. In einer Herberge der äußersten Vorstadt standen grade noch vier Betten frei, und wir fanden nach einigen Schwierigkeiten Unterkunft. Allerdings mußten wir uns als Fremde verpflichten, daß wir am andern Morgen durch Übernahme einiger häuslichen Arbeiten die Verwaltung für ihre Unkosten entschädigen würden.

Man führte uns in einen endlosen Schlafsaal, in dem einige hundert Betten standen, und in der äußersten Ecke legten wir uns nieder. Aber in der ganzen Nacht wollte kein Schlaf in unser Auge ziehen, und so tauschten wir auf meinen Vorschlag hin flüsternd die Erfahrungen unseres Lebens aus und unsre Hoffnungen auf die Zukunft.

Der Künstler war ein armer, junger Bildhauer, der sich mit einem großen Entwurfe trug. In einer wunderbaren Marmorgruppe wollte er die Tragödie der Menschheit in versöhnender Verklärung zu ihrem ewigen Ausdruck bringen. Da alles schlief in dem großen Saale, zündete er einen Wachsstumpf an, den er bei sich führte, und zeigte mir seinen Entwurf, den er verborgen auf der Brust trug. Ich traute kaum meinem Auge, so betroffen war ich von der Kraft und Kühnheit des Gedankens und von der lichttrunkenen Schönheitsgewalt der bloßen Zeichnung, und aus überzeugtem Herzen sprach ich dem jungen Schöpfer Mut und Hoffnung zu.

Mein Erstaunen wuchs aber auf das höchste, als ich den jungen Gelehrten und gar zuletzt den dritten, einen armen Handwerker, vernahm. Sie hatten beide, fast zu gleicher Zeit, eine große, ja weltbedeutende Entdeckung und Erfindung gemacht. Und nun war es ein wunderbarer Zufall, daß ich, als früherer Erdbewohner, beiden die Richtigkeit ihrer Errungenschaften bestätigen konnte.

Der junge Forscher, der von meiner irdischen Herkunft keine Ahnung hatte, sprach zuerst. Halb aufgerichtet in seinem Bette, neigte er sich zu meinem Lager herüber und flüsterte mit geheimnisvoller Stimme: »Siehest du dort im Süden jenen blauen Stern flimmern, der der hellste von allen ist?«

Mein Auge folgte der Richtung seines ausgestreckten Armes. »Ich sehe ihn wohl,« sagte ich erstaunt. Und sehnsüchtig breitete ich nach dem blauen Gestirn meine Arme aus, denn es war ja meine ferne, meine geliebte, ewigschöne Erde!

»Siehe, du fremder Mann,« fuhr jener fort, »ich habe in vielen, klaren Nächten jenen Stern betrachtet, und ich bin ihm gefolgt durch die Himmelsräume, wie ein Hirte seinem Schäflein folgt. Und ach, nun hab' ichs gefunden – ich hab' es gefunden!«

»Was fandest du?« sagte ich, erfaßt von der seligen Freude, die von den Lippen jenes Mannes zitterte.

»O, ich hab' es gefunden!« wiederholte er. »Siehst du, lieber Fremdling, seit sieben Nächten weiß ich, daß jener blaue Stern ein Stern wie der ist, auf dem du und ich atmen! Ich habe entdeckt, daß er Länder und Gewässer hat, Inseln, Ströme und brausende Meere; daß auf ihm Sommer und Winter wechseln, Frost und Hitze, Tag und Nacht; ich habe gefunden, daß über Wasser und Land jenes Sternes allüberall ein Meer der Winde und Wolken fließt, und daß seine Bahnen um Sonnen führen und rollende Ursonnen. Und aus der Schlüsse letztem Schluß zog ich diese Wurzel: daß auf jener blauen Erde, die dort droben im klaren Äther schwimmt, Blumen sprießen wie in irdischen Gärten, Waldvögel jauchzen und Nachtigallen klagen wie in irdischen Tälern, ja, daß dort droben Wesen atmen müssen, wie auf unserer Erde, Menschenkinder fühlen und denken müssen wie auf unserer Erde, und daß ein Gott über ihnen waltet, nicht anders als auf unserer Erde! ...«

Ich wollte mich nicht verraten, darum sagte ich nur: »Mein Freund, ich glaube an dich!«

Da ergriff der Mann stürmisch meine Hand und bedeckte sie weinend mit Küssen: »Ach, Einer, der an mich glaubt! – Was aber wird morgen die Menge sagen –?«

»Auch ich muß morgen,« fiel der Handwerker ein, »vor das Urteil der Masse treten, doch ich fürchte mich nicht vor ihr.«

Nun war ich begierig zu hören, von welcher Art des Dritten Erfindung sei. Und ich fragte ihn.

»Siehe, Fremdling,« sagte dieser, indem er sich in seinem Bett aufsetzte, »ein wunderbares Spiel des Zufalls hat mir eine geheimnisvolle, ungeahnte Naturkraft entdeckt. Und ich habe auch gefunden, wie ich sie der Menschheit dienstbar machen kann. Es ist eine Kraft, die im sprühenden Funken mit der Schnelligkeit des Blitzes Berge, Täler, Länder und Meere überspringt, und in der ganzen Welt ist keine Entfernung zwischen Menschen und Völkern, die ihr Lichtgeheimnis in der Frist eines Atemzuges nicht überbrückte. Es ist eine Kraft, deren kleinster Funke die Helligkeit des Tages in die tiefsten Schächte der Finsternis schleudert, und deren Gewalt, schneller als Rosseshuf, Bergeslasten über Fels und Abgrund trägt! ...«

Seufzend hielt er inne, und ich wußte, daß er recht hatte. – Wir waren müd geworden und schliefen bald nach diesen Gesprächen ein.

Am andern Morgen standen wir in aller Frühe auf. Nachdem wir den Preis für unser Nachtlager in zweistündiger, grober Hausarbeit gründlich abgefegt und abgescheuert hatten, gingen wir in die Stadt. Unser Ziel war das Berufsamt des Reviers, in dem wir uns zur Empfangnahme einer Beschäftigung zu melden hatten. Denn wie Grund und Boden und alles bewegliche Gut im Lande, war auch die Arbeit im Reiche der Volksgenossen ganz und gar verstaatlicht worden. Das Eigentum hatte man als Diebstahl, das Geld als ein Raubmittel erklärt und deshalb beides vollkommen abgeschafft. Alles gehörte allen, aber keinem gehörte etwas. Denn jeder Besitz, so sagte man mir, fördere die Ungleichheit und sei die Wurzel alles Übels in der Welt.

Auch Mann und Weib gehörten sich nicht mehr wahrhaft zu eigen. Die ehelichen Bande waren als Ketten verpönt, und wie mir unterwegs der junge Weltforscher erzählte, wurden in diesem Eden – um der Haussklaverei weise vorzubeugen – sämtliche Ehen nur noch auf tägliche Kündigung geschlossen. Damit glaubte man die ewigen Rechte beider Teile sichergestellt zu haben. – Alles Tote und Lebendige im Lande gehörte einzig dem freien großen Ganzen, und so war selbstverständlich auch das Anrecht aller Väter und Mütter auf ihre Kinder erloschen. Die kleinen Weltbürger hatten nach Ablegung der Windeln als Schutzlose das unveräußerliche Menschenrecht, ihren oft sehr unvernünftigen Eltern weggenommen zu werden und zum Wohle des Ganzen und ihrer selbst in den Staatsanstalten eine zielbewußte Erziehung zu erhalten. Überhaupt konnt' ich mich bald überzeugen, daß der Grundsatz der Gerechtigkeit und Gleichheit in diesem bevorzugten Lande folgerecht bis zur äußersten Möglichkeit durchgebildet war. –

Das zeigte schon ein Blick in das Straßenleben. Für den unsinnigen Kleideraufwand, wie er beispielsweise auf unserem Weltkörper herrscht, hatte man in dem Lande des zielbewußten Ernstes sichtlich keinen Sinn. Alle Menschen – gleichviel ob Männlein oder Weiblein – gingen eines wie das andere gewandet. So deutete schon die übereinstimmende Tracht in sinnigster Weise die Fortgeschrittenheit der Menschheit und im besonderen auch die Gleichstellung der Geschlechter an. Daß man diese Gleichheit nicht noch weiter bis zum Ideale durchbilden konnte, lag an einer Unvollkommenheit der Weltordnung.

Es soll nicht verschwiegen werden, daß in jener Kleiderordnung auch der Sinn für das Schöne nicht zu kurz kam. Um die Einförmigkeit – soweit das ohne Gefährdung des obersten Staatsgrundsatzes möglich war – tunlichst zu vermeiden, hatte die Regierung wohlweislich für die neue Volkstracht wenigstens zwei Farben gestattet – grau und braun, und dazu rote Hüte und Schleifen. Ich muß bekennen, daß ich die Einheitstracht, die für Männer wie Weiblein sehr zielbewußt nur aus Kittel, Weste und Hose bestand, keineswegs unkleidsam fand. Allerdings erinnerte sie ein wenig an die Sträflingstracht unsrer irdischen Zuchthäuser, allein das störte mich nur in den ersten Stunden.

Mehr Anstoß nahm mein Auge an dem einförmigen Gefängnisstil der Häuser, deren fünfstockhohe Reihen in den in kürzester Frist neuerbauten Stadtteilen in trostloser Gleichförmigkeit sich stundenlang hinzogen. Die Menschheit war zwar keine Hammelherde, der es recht und billig war, wenn man sie einpferchte, da aber auf jeden Kopf im Lande eine Stube kommen sollte und die Räume rar waren, so blieb es das einfachste, dabei wohlfeil und landzuträglich, Kasernen zu bauen – eine wie die andere. Selbstverständlich waren sämtliche Stuben in den neuen Vorstädten von gleicher Größe und vollkommen gleichmäßig ausgestattet. In allen Neubauten führte ein Fahrstuhl bis zum Dach hinauf, so daß auch in Hinsicht auf die Treppenhöhe die Bewohner der unteren Stockwerke vor denen der oberen Regionen keinerlei Vorzug genossen. Höchstens im Falle eines Fahrstuhlunglücks lag die Möglichkeit, auf eine schmerzlose Art und Weise sich den Hals zu brechen, für die unteren Stockbewohner allerdings etwas ungünstiger. Aber du lieber Himmel, selbst in einer idealen Welteinrichtung werden sich alle Forderungen niemals vereinigen lassen! Überdies kam die Ungleichheit in der Stockhöhe und Lage der Wohnungen auch dadurch zum Ausgleich, daß sämtliche Räume alljährlich neu ausgelost wurden. Das machte durchaus keine Schwierigkeiten, da man überall die gleiche Einrichtung fand und außer dem bißchen Wolle, die man auf dem Leibe trug, nichts mitnehmen durfte.

Alle diese schönen Dinge sah und hörte ich auf dem Weg zum Berufsamte. Ja, als uns ein Mann, auf jedem Arme mit einem Baby, begegnete, erzählten mir meine Begleiter, daß im Lande der Zielbewußten jeder Ehemann, genau wie seine schönere Hälfte auf Kündigung, dasselbe, ihm staatsrechtlich verbriefte Recht habe, den Kinderwagen zu schieben und Erstlingswäsche zu trocknen. Und wen das Jahreslos traf, der hatte sogar die Pflicht dazu! – Ich fing an zu begreifen, daß der mittelalterliche Haussklavereizustand der armen Frau von ehedem hier ein überwundener Standpunkt war. –

Nach einstündiger Wanderung standen wir vor dem Amte. Über dem Tore prangte ein gelbes Schild. Darauf stand in großen Lettern zu lesen:

Das Ideal alles Menschlichen ist das Mittelmaß.

Zunächst traten wir in ein großes Meldezimmer ein, in dem unser Name, Stand, Alter und Herkunft festgestellt und gebucht wurden. Da ich doch nicht sagen konnte, daß ich von einem anderen Weltkörper komme, nannt' ich als meine Heimat den Namen einer um etliche Tagereisen entfernten Hafenstadt. Leider kam ich mit dieser Notlüge nur vom Regen in die Traufe, denn man forderte meinen Reisepaß. Im neuen Ordnungsstaat nämlich durften Reisen und Verlegungen des Wohnsitzes nur noch nach sorgfältigster Prüfung und mit hoher Genehmigung der Volksbehörde unternommen werden. Seit Verstaatlichung der Arbeit und Ernährung hatte die Regierung natürlich auch die Pflicht, über die Arbeitsteilung und Anordnung zu befinden. Wohin hätte es nun führen sollen, wenn alle Kräfte im Land nach Belieben bald hierhin, bald dorthin geströmt wären? – Wahrscheinlich bemerkte man, daß ich ein sehr verdutztes Gesicht machte. Ein Schreiber belehrte mich, daß die freie Betätigung des großen Ganzen selbstverständlich über der kleinlichen Freiheit des einzelnen stehen müsse!

Ich steckte meine Rüge und dazu eine Strafanweisung, die auf Entziehung dreier Abendmahlzeiten lautete, schweigend in die Tasche und begab mich mit meinen Schicksalsgefährten in den Einkleidungsraum. Auch sie, die Freunde, befanden sich noch in der verfehmten Tracht der früheren Gesellschaft, da noch nicht in allen Landesteilen die neue Ordnung hatte durchgeführt werden können.

Das erste war, daß man uns sämtliche Wertsachen abnahm. Ganz untröstlich gebärdete sich der junge Bildhauer, der ein teures Andenken seines verstorbenen Vaters – einen kostbaren Diamantreif, der sein einziger Reichtum war – schlechterdings nicht herausgeben wollte. Doch all sein Sträuben half dem Jüngling wenig. Man erklärte ihm kurz und bündig, daß die Besitzlassung eines so unnützen Prachtgegenstandes eine unverzeihliche Benachteiligung aller anderen bedeuten würde; denn es sei ein Ding der Unmöglichkeit, sämtliche Staatsbürger mit ähnlichen Ringen oder Kostbarkeiten zu bedenken. Das Gesetz schreibe vor, derartige Dinge einzuziehen und an das Ausland gegen Bedarfswaren umzutauschen.

In kaum einer Viertelstunde hatten wir unsre äußere Persönlichkeit abgetan und waren in der schmucken Zuchthaustracht (das Wort »Zuchthaus« wird im Staate der zielbewußten Menschenzüchtung nur im edelsten Sinne gebraucht!) kaum noch zu unterscheiden. Nicht gerade zu unserer Betrübnis ließ man uns wenigstens diejenigen Eigentümlichkeiten, die uns der liebe Gott mitgegeben hatte – man klebte also dem armen Bildhauer weder den fehlenden Bart an, noch beschnitt man die allzuüppige Bartfülle des Freundes Erfinder.

Aus dem Einkleidungsraume traten wir nunmehr in das eigentliche Heiligtum des Hauses – in die große Halle der Berufswahl. Zwölf würdige Männer saßen an einer grüngetuchten Tafel auf zwölf hohen Stühlen. Vor jedem stand ein großes Tintenfaß und lag ein Foliant aufgeschlagen mit ledernem Rücken und metallbeschlagenen Ecken. Darin war nichts zu lesen als Zahlen und immer wieder Zahlen. Alle diese Zahlen aber sprachen durch den Mund ihrer Nullen zu den weisen Männern eine Sprache, die lauter und beredter an ihr Ohr klang, als die schüchternen Wünsche und Klagen ihrer armen Opfer.

Wir Vier waren ganz allein. Auf Rat des Herbergsvaters hatte ein jeder von uns seine Berufswünsche bereits am Morgen auf einen Bogen Papier geschrieben und dieses Gesuch gleich bei der Meldung auf den Tisch des Saales niederlegen lassen. Zuerst wurde der Bildhauer aufgerufen. Er schien seinen Schmerz in diesem Augenblicke vergessen zu haben. Denn mit keckem Schritt und blitzendem Auge trat er an den Grüntisch heran und legte in die Hand des Ältesten das Heiligtum seines Herzens – seinen Entwurf.

Ich muß bekennen, daß ich auf den Ausspruch der Erwählten kaum weniger begierig war, als der junge Schöpfer dieser herrlichen Gedanken. – Mit strenger und sehr verständnisvoller Miene musterte zunächst der Älteste das Blatt. »Recht sauber gemacht – recht niedlich! Nur weiß man nicht, was eigentlich die Geschichte vorstellen soll?«

»Erlaubt, ehrwürdiger Herr, das bedeutet die Tragödie der Menschheit. Wenn es vergönnt ist –«

»Hm!« meinte der alte Herr, indem er auf die Sanduhr neben dem Tintenfaß blickte. »Das muß man freilich glauben.« Und damit gab er das Blatt gelassen an den nächsten.

Als das Blatt rundum gelangt war, zogen sich die ehrwürdigen Herren auf kurze Zeit in das Beratungszimmer zurück. Nach bangen Minuten für meinen armen Freund kamen sie wieder.

Der Älteste trat an den Tisch heran und sprach also: »Zum Heile der Gesamtheit! Vernehmt, mein junger Freund, was die Weisheit des Rates der Gerechten beschlossen hat. Zunächst zu deinem ersten Wunsche! ... Einen Marmorblock zur Ausführung deines Kunstwerkes können wir dir nicht bewilligen. Vor allem verbietet die wirtschaftliche Notlage des Landes infolge der großen Mißernte und der vielen Neubauten derzeit alle Nebenausgaben für Kunst- und Prachtzwecke; wir dürfen nicht vergessen, daß uns die erste Frage im Gleichheitsstaate stets und allerwärts die Magenfrage bleiben muß. Zum andern vermag der Hohe Rat ein unabweisbares Staatsbedürfnis für ein solches Kunstwerk beim besten Willen an und für sich nicht zu erkennen. Und endlich zum dritten verträgt sich auch der Gedanke deines Werkes nicht mit den Zuständen, die in unserer neuen Ordnung herrschen: Eine Tragödie der Menschen giebt es nicht in unserm Gleichheitsstaate! –

»Dagegen steht der Hohe Rat wohlwollend deiner zweiten Bitte gegenüber. Zwar allsogleich können wir auch deinem Wunsch um Aufnahme in die Hohe Staatskunstschule nicht willfahren. Der Andrang ist ein großer und überfüllt die Anstalt auf lange Zeit hinaus. Doch werden wir dich um deiner vielversprechenden Begabung willen wohlmeinend im Auge behalten und dich nach drei Jahren zur Verlosung des nächsten Freiplatzes huldvoll zulassen. – Lasse den Kopf nicht sinken! Du weißt, mein junger Freund, Arbeit ist keine Schande und Demut eine Zierde der Jugend. Darum lerne zunächst für das erhabene Wohl des großen Ganzen arbeiten und gehe drei Jahre lang als Schweinehirt in die Granitbrüche von Primboria.« –

Ich sah das junge Blut erbleichen, und die Saalwärter führten den Ärmsten hinaus wie nach dem Todesurteil einen wankenden Verbrecher.

Nun trat der Erdentdecker vor den Tisch. Mit überzeugender Beredsamkeit und scharfer Beweisführung entwickelte er die kühnen, geistesmächtigen Gedanken, die seinesgleichen auf unserem Stern die Unsterblichkeit gebracht haben.

Der Eindruck seiner Rede auf den Rat der Gerechten schien ein tiefer zu sein. Auch diesmal war die Beratung ziemlich kurzweilig und der Älteste verkündete:

»Zum Heile der Gesamtheit! Reiche die Handschrift deines Buches der Hohen Schule ein. Wenn der Zwölfrat der Weisen im Lande deine Lehren für richtig, heilsam und gut erachten und also auch beglaubigen sollte, so wollen wir dirs allergnädigst nachlassen, dein Werk an die Staatsdruckerei zu schicken. Dort mag es gedruckt werden, sobald im Arbeitsdrang der Tage ein stiller Augenblick gekommen ist. Denn du mußt wissen, ihrer sind viele, die auf die Gunst der Stunde harren!« –

Der Alte räusperte sich und fuhr dann fort: »Nun deine andre Bitte! ... Wir setzen den Fall, dein Buch sollte Gnade finden vor den Augen der zwölf Weisesten im Lande; und es sollte alsdann auch gedruckt werden; und die allgemeine Anerkennung sollte des weiteren seinen Wert bestätigen, wohlgemerkt! ohne Widerspruch bestätigen – dann, glückseliger Mann, möge dirs gern vergönnt sein, deine Bitte um Gewährung eines Lehrstuhls an der Hohen Schule in Demut zu wiederholen! Bis dahin aber vertraue der Weisheit und Gerechtigkeit deiner Vorgesetzten und vernimm, was nach den Grundsätzen der allgemeinen Arbeitspflicht ihr Rat über dich beschlossen hat. Seit Auflösung der Familie herrscht im Lande ein Mangel an Kinderwärtern. Wie die allgemeine Reichsverzifferung hier in diesen ganz großartig geführten Listen ausweist, erfordern unsere Reichsbabyanstalten noch tagtäglich die Anstellung von 999 bis 1000 zuverlässigen Ammen und Kinderfräuleinen und derselben Anzahl Wärtern in männlicher Spezies.

»Dich, Genosse, hat das Los auf drei Jahre getroffen. Darum gehe jetzt von hinnen und folge dem Ruf des Vaterlandes!«

Der ärmste aller Reichswindelwärter wandte sich zerknirscht von dannen, und schon nach einer Stunde mußt' ich den Anblick erleben, wie der unglückliche Mann Gelegenheit hatte, Weltentdeckungen hinter dem Wagen eines Säuglings anzustellen, mit dem er trübselig durch die Straßen schob. Zum einzigen Trost wandelte an seiner Seite auf dem Bürgersteig die glückstrahlende Amme des Kleinen. Stolzerhobenen Hauptes, und im Munde eine dampfende Freiheitspfeife, aus der sie mit sichtlichem Behagen vorurteilsfreie Wölklein blies.

Am schlechtesten aber war der Dritte weggekommen, der bedauernswerte Erfinder. Ich will zugeben, daß die geistigen Verständnisfelder seiner Beurteiler mangelhaft vorgeackert waren; denn auf jenem glückseligen Sterne war zufällig selbst die Kraft des Dampfes noch unbekannt, und es gab dort weder Eisenbahnen noch Dampfschiffe. Indessen betrübte es mich doch tief, mit welcher Verblendung und Verständnisspröde die gewaltige Geisteserrungenschaft jenes kühnen Denkers einer fremden Welt belächelt und verhöhnt wurde. Eine Errungenschaft, die doch auf unserer Erde ganze Menschenalter ausgebaut haben, und an deren Vervollkommnung noch heute mit Ameisenfleiß gearbeitet wird! Ich will es mir versagen, den Auftritt zu schildern, der sich nunmehr abspielte. Genug, des schwergekränkten Mannes bemächtigte sich eine Erregtheit, daß sich ein kluger Mitsitzender im Rate, der Arzt war, veranlaßt fand, ihn seiner gesunden Vernunft und Geistesmacht verlustig zu erklären. Auf die Anordnung jenes weisen Ratsherrn wurde der Unglückliche in eine Zwangsjacke geworfen und von der Stelle weg in eine Heilanstalt für Irrsinnige überführt.

Von meinem eigenen Mißgeschick will ich nicht viel sagen. Im Verhältnis zu dem meiner Leidensbrüder, war mein Los beneidenswert. Ich wurde Kanalarbeiter und trat mein Handwerk noch am selben Morgen an.

Nach vierstündiger Arbeit erhielt ich drei Lohnmarken ausgezahlt, und zwar auf meinen Wunsch eine Speisemarke, eine Kaffee- und eine Lesemarke. Die Stuben- oder Schlafmarke mußt' ich mir noch am Nachmittage verdienen. – Die harte Arbeit hatte meinen Hunger erweckt, und so suchte ich in der Mittagspause die nächstgelegene Staatsküche auf. Über dem Eingang leuchtete in großen, goldenen Lettern eine Inschrift:

Erkenne dich selbst!
Der Mensch ist, was er ißt!

In der großen Speisehalle waren zwölf lange Tafeln gedeckt. Trotzdem standen um die eisernen Säulen und lehnten an den Wänden noch Hunderte von Menschen, die nicht gleich Platz gefunden hatten. Auch ich mußte eine ziemliche Weile warten, bis ein Sitz frei wurde. Und kaum hatte ich mich an der Seite eines jungen bräutlich geschmückten Mädchens niedergelassen, als mich ein Mann auf die Schulter klopfte und sehr höflich bat, meinen Platz doch freundlichst mit dem seinen zu vertauschen. Es sei heute sein Hochzeitstag und der tückische Zufall habe ihn leider von seiner jungen Frau getrennt. In Wiederholungsfällen würde er sich erlauben, andere zu belästigen, und er sei bei eintretender Gelegenheit auch mir gegenüber zu demselben Gegendienste bereit. Da ich die mißliche Lage des Mannes ihm nachempfand, schenkte ich seiner Bitte Gehör.

Das Glück in der papierenen Gestalt des Regierungs-Speisezettels schaute mich hold an – Erbsen und Sauerkraut! Um so unbegreiflicher war es mir, wie mein Gegenüber, ein dürres Schneiderlein, über diese Wahl einer weisen Volksregierung Zeter und Mordio schreien konnte. »Was?« ächzte er mit heiserer Stimme, »und in diesem gelben Zeuge soll man sich noch selbst erkennen? Das hat mir nicht einmal meine verabschiedete Ehehälfte nach den Flitterwochen zugemutet!«

Doch in diesem Augenblicke nahte sich schon das waltende Schicksal in Gestalt eines Vertreters der hohen Obrigkeit: »Ich hörte aus dieser Gegend hochverräterische Worte schallen. Wer ist es, der die Maßnahmen einer weisen Volksregierung so mißliebig zu bekritteln sucht? ...« Aller Blicke richteten sich auf das unglückliche, wie Espenlaub zitternde Schneiderlein. »Weiß Er nicht, Er Scherenreiter, daß der menschliche Körper zu seiner wissenschaftlichen Ernährung der wohlerwogensten Abwechslung bedarf? Weiß Er nicht, daß in zielbewußter Erwägung dieses Naturgesetzes das hohe Einwohner-Vervielfältigungs-Kollegium ein- und allemal für die Donnerstage Erbsen und Sauerkraut festgesetzt hat? Ich sehe an Euerm Zittern, daß Er Reue empfindet, und ich will es bei dieser Verwarnung bewenden lassen. Aber schäm' Er sich seiner Gesinnung: sie läßt mich auf schlechtgenährten Patriotismus schließen!«

»Er sollte«, meinte ein wohlgesinnter Nachbar, der an seinem Teile nicht genug zu haben schien und lüstern nach der Schüssel schielte, »er sollte doch dem menschlichen Fortschritt dankbar sein, der es so herrlich weit gebracht hat, daß heutzutage eine weise, landesväterliche Regierung den Menschen zu ihrem Heile selbst bis in den Magen schauen kann!«

Als der Diener der Obrigkeit das Schneiderlein also zernichtet hatte, zwirbelte er mit Wohlgefallen seinen grimmen Schnurrbart auf und verschwand sodann.

Auch ich erhob mich bald, und da mir noch eine freie Stunde und zwei Marken blieben, begab ich mich in das Reichs-Kaffee- und Lesehaus, das der Staatsküche gegenüber lag. Auch hier konnt' ich über dem Eintritt eine Inschrift bewundern:

Lange Weile erhält die Gesundheit.

Ich ließ mir den Volksanzeiger geben und vertiefte mich in seinen Spalten in die neue Ordnung. Mein erster Blick fiel auf eine neue Verfügung: »Mit heutigem Tage wird als Landeszuchtmittel die allgemeine Prügelzüchtigung eingeführt. Diese ist in allen Fällen nicht als Strafe aufzufassen, sondern als Erziehungsmittel und soziale Notwendigkeit. Als Zuchtvollstreckungswerkzeug dient die Staatszuchtrute, deren Streiche jede ehrenrührige Nebenbedeutung mit dem heutigen Tage verlieren. Am 12. Tage des Heumonates – Die Volksregierung.« –

Ich vertiefte mich noch mehr. Die Zeitungsschreiber auf jenem Stern schienen von einer Gesinnungstüchtigkeit zu sein, die mir völlig neu war. Alles und das geringste der jungen Staatseinrichtung wurde bis in den siebenten Himmel gepriesen; Mißstände im Lande und ernsthafte Schwierigkeiten für das Regieren von Millionen Köpfen schien es überhaupt nicht mehr zu geben. Alles wurde spielend erledigt; so war es zu lesen. – Ich weiß nicht, ob mich des Schneiders Sauerkraut so mißtrauisch gemacht hatte – ich verlangte eine andre Zeitung.

»Eine andere Zeitung, mein Herr?« wiederholte erstaunt der bedienende Reichsoberkellner und ließ dabei als ehemaliger a. D. gestellter Staatsminister des Innern um seine Lippen ein feines diplomatisches Lächeln spielen. »Wie soll ich das verstehen?«

Jetzt war die Reihe an mir, ein sehr aufgeklärtes Gesicht zu schneiden. »Ich bitte um ein anderes, unabhängiges Blatt, Herr Genosse – verstehen Sie nicht? eine Zeitung freier Richtung? ... Man möchte doch gern wissen, wie auch andre Leute von gewissen Dingen denken ...?« ...

»Mein hochverehrter Herr,« begann der ehemalige Staatsminister, indem er das Tellertuch mit Anstand unter den Arm warf, »Sie sprechen von Dingen, die vergangen sind, die alle der große Staatspapierkorb mit Haut und Haaren verschlungen hat. Wir leben in einem Ordnungsstaat, und die Ordnung vereinfacht. In jeder Stadt dieses glücklichen Landes giebt es – gottlob! – nur eine Druckerei, und die gehört dem Staate; und in jeder Druckerei des Landes wird natürlich auch nur eine Zeitung hergestellt, und das ist die große Staats- und Landeszeitung, unser Volksanzeiger, den Sie, mein Herr, das Glück haben in der Hand zu halten. Oder verlangen Sie von einer Staatsdruckerei, daß sie sich auch von den Feinden der Staatsordnung mißbrauchen lasse?«

Ich fühlte das Zerschmetternde dieses Einwandes. Mit stammelnder Zunge bracht' ich meinen letzten Trumpf heraus ... »Aber, bester Reichsoberkellner und Staatsminister a. D., aller Menschen Werke sind doch Menschenwerke, und alle Menschen können doch nicht eine Meinung haben?«

»Mein Herr!« sprach jener mit großer Entrüstung, »in einem zielbewußten Gleichheitsstaate und auf der Höhe der Gesittung, da muß und darf es nur eine Meinung geben! Auch unterschätzen Sie die großartigen Zuchtergebnisse, die auf naturwissenschaftlicher Grundlage die gleichmäßige Erziehung und Ernährung aller Staatsbürger für die Zukunft des Landes gewährleisten!« – Also sprach der ehemalige Staatsminister und verneigte sich vor mir mit Würde.

Ein Lärm am Nachbartische schreckte mich aus meinen Betrachtungen. Eine vierschrötige Bierbrauergestalt brüllte mit Stentorstimme: »Ja, warum nicht? Ist es nicht eine schreiende Ungerechtigkeit, daß manche Menschen einen schönen und klangvollen Namen spazieren führen dürfen, während sich andre mit Müller und Meyer begnügen müssen, oder auch Flohbein wie ich heißen und noch abscheulicher?«

»Na,« lachte ein andrer, »wenn das Gesetz durchgeht, darf man Ew. Wohlbeleibtheit wohl künftig also respektieren: Guten Morgen, Meister 0,525! Was macht Eure liebe Frau 70777?«

»Oho, spotte nur,« grunzte mit Behagen die Bierschröterstimme. »Die Frau ist keine Null mehr hinter der Ziffer des Mannes, sie ist eine freie Persönlichkeit, und ihre Nummer wert so gut als unsereins!« Dabei hob der Dicke seine Mokka-Tasse: »Zwar ist's nur braunes Kaffeegebräu – aber gleichviel, die Gleichheit soll leben! Hurra, wir alle sind Nummern, wir wollen Nummern sein!«

»Halten Sie gefälligst Ruhe, meine Herren! Entweder sollen alle randalieren oder keiner!« schnarrte ein aufgeblasner subalterner Esel dazwischen, dessen bureaukratische Ahnenbilder auch auf der geduldigen Erde hinreichend anzutreffen waren.

Ich erhob mich, denn meine Zeit war um, und ich hatte noch vier volle Stunden mein Nachtquartier und Frühstück für den anderen Morgen abzuarbeiten. In einer Viertelstunde war ich wieder draußen im Hafen. – Ich hatte in dem alten, sumpfigen Flußbett schon meine zehn bis zwölf Karren voll Schlamm geschaufelt, und der Schweiß der ungewohnten Arbeit tropfte mir in hellen Perlen von den Augenwimpern, als ich über mir in der Ferne die Klänge eines Leierkastens vernahm. Wunderbarerweise war es eine ganz bekannte Melodie, die ich drüben auf der Erde unzählige Male gehört hatte ...

»Muß i denn, muß i denn
»Zum Städtle hinaus ...«

Ich trat einige Schritte zurück auf einen umgestülpten Karren, um die Musikanten besser sehen zu können. Das Schauspiel, das sich meinen Blicken bot, war ganz unerwartet; im Lande der reinen Vernunft hätt' ich nimmer solche poesievolle und kunstsinnige Volksbetätigung für möglich gehalten.

Der erste Eindruck war der eines Festzuges. Voran schritten sechs weißgekleidete Jungfrauen – Weiß war die Landesfesttracht – die hohe Standarten mit wehenden Rotfähnlein trugen. Hinter ihnen schritt der Leierkastenmann, ein kleiner Buckliger, und ihm wiederum folgten in einer Reihe vier langhälsige Dudelsackpfeifer. – – Was aber nun, von zwei Rappen gezogen und auf vier Rädern, in seiner einsamen, rundgewölbten Größe reichbekränzt heranrollte – das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall war es ein mit Blumengewinden geschmückter Wagen. Freilich die Spezies! Wenn ich noch auf der mangelhaften Erde gelebt hätte, würde ich geglaubt haben, daß jenes bauchige Ungeheuer das vielfach verkannte und doch so unentbehrliche Vehikel einer nur zu Unrecht etwas anrüchigen, im tiefsten Grunde aber sehr kulturfreundlichen und nützlichen Gesellschaft sei. So aber konnt' ich nur annehmen, daß ich in jenem Unbeschreiblichen ein fahrendes Gefäß der Regierung erblickte. – »Was soll das alles bedeuten?« wendete ich mich an den Nächststehenden.

»Das ist auch eine Errungenschaft der neuen Zeit,« belehrte mich der Gefragte. »Bist du so fremd im Lande, daß du noch gar nichts von dem Gesetze der Verschönerung weißt, das die Regierung ebenso weise als menschenfreundlich erlassen hat? Dem Gesetze, wonach alle unsauberen und häßlichen Arbeiten im Lande um der sittlichen Gerechtigkeit willen durch Kunst und Wissenschaft verangenehmt und erleichtert werden sollen? Hier, mein Freund und Genosse, siehst du die Anwendung!«

In diesem Augenblick erinnerte ich mich dunkel, daß schon auf Erden drunten ein berühmter Apostel des Zukunftstaates in einem vielgelesenen Buche solche menschenfreundlichen Verheißungen gegeben hatte. Und dieser Mann, der bereits mit Begeisterung auch jene unaussprechliche Materie der dampfenden Felder draußen als die geheimnisvolle Urbedingung aller Entwicklung und Kultur verkündet hatte – er war verketzert worden! O heiliges Lachen der Weltgeschichte! – –

Doch die Stimmen der Gegenwart schlugen an mein lauschendes Gemüt ...

»Muß i denn, muß i denn
»Zum Städtle hinaus – Städtle hinaus ...«

Ja, das war ein Fortschritt! – Ich konnte nicht umhin, dem sonderbaren Zuge mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht noch lange nachzublicken. Erst jetzt bemerkte ich, daß zum Beschluß ein würdiger Mann schritt, der mit himmelverklärten Augen dem Wagen nachwandelte.

»Wer ist das?« fragte ich.

»Siehst du es nicht an seinen verrenkten Augen? Das ist ein frommer Mann, ein ehemaliger Hof... a. D., den die Vorsehung dazu berufen hat, nach beendeter Feier vor den Arbeitern draußen auf dem Felde eine Lobrede zu halten dort auf jenes Wagens inneren Gehalt, und seinen Einfluß nachzuweisen auf die zielbewußte Züchtung eines neuen Menschengeschlechtes.«

Mein Gefährte schien die Erschütterung meiner Seele bemerkt zu haben, denn mit Beflissenheit fuhr er in seinem Panegyrikus fort: »O, du Neuling, du kannst nicht glauben, wie vorausschauend sich unsre Volksregierung in allem und jedem bewährt, wie fein ihre Nase selbst in den geringsten Kleinigkeiten wittert. Nur eine Bestimmung möcht' ich hervorheben, die hinreicht, die Schmähungen Übelwollender, daß wir uns in einem Zwangsstaate befänden, als grundlose Verdächtigung zu widerlegen. Du erblickst, mein Freund und Genosse, dort einen Leierkastenmann und vier Dudelsackpfeifer –?«

»Ich sehe und höre sie,« antwortete ich. »Sie spielen in diesem Augenblicke: ›Ach, wie ist's möglich dann‹, usw.«

»Ganz recht!« sagte mein Gefährte, beiläufig ein ehemaliger Professor. »Nun siehe also, obwohl es sich zweifellos schöner und ästhetischer ausnimmt, wenn diese Leute vor dem Wagen marschieren, so ist es ihnen doch gnädigst nachgelassen worden, unter gewissen Verhältnissen, die von der Windrichtung abhängen, ihre Weisen auch hinter dem Fuhrwerk ertönen zu lassen. Daß ihnen dann und wann gegen etwaige Schwindelanfälle auch stärkende Riechfläschchen mitgegeben werden, will ich gar nicht hervorheben, weil diese Vergünstigung nur unter ganz erschwerenden Umständen, so z. B. nach Sauerkraut- und Erbsbrei-Tagen, huldvollst gewährt werden kann.«

Wäre mir eine Zwiebel zur Hand gewesen, ich hätte salzige Freudentränen vergießen können, so war ich gerührt von dieser landesväterlichen Weisheit und Güte. Aber ich vergoß keine Tränen, ich ließ mir nur meine Lebensmarken für den nächsten Tag auszahlen und schlenderte trübselig heimwärts. Ach, ich fühlte mich als ein Unwürdiger, Unreifer in diesem Schneiderreich der goldnen Mitte! Auch auf der lieben Erde gab es Dutzendmenschen, die auf eine Elle mit Vergnügen gingen, mehr als zu viel – aber ein Durchschnitt durch die ganze Menschheit, das war ein Gedanke, dessen Erhabenheit mein schwaches Gemüt noch nicht zu ertragen vermochte. Mitten im Menschengewühl der Straßen fühlte ich mich als ein Einsamer, und als ich spät am Abend wieder vor meiner Herberge stand, überfiel mich plötzlich eine unerklärliche Angst. Ich mußte unwillkürlich an das Bett des Prokrustes denken, und ich bildete mir ein, über Nacht würden ein paar Reichsschneider mit ihren Ellen und Scheren an mein Lager treten und mir entweder den Kopf abschneiden oder alle Glieder meines Leibes tückisch verrenken und zerbrechen.

Ich kehrte um und streifte ohne Ruh' und Ziel durch die nächtigen Gassen. Die schwere, ungewohnte Arbeit hatte mich müde gemacht. Sollt' ich mich morgen wieder acht Stunden lang quälen? Wofür? Für welches Leben? ... Und was konnt' ich mit dem größten Fleiß erreichen? Mit allem Streben? – – – Nicht mehr, sagte ich mir, als der entlassene Sträfling, der Säufer, der Faulenzer neben mir, der die Hände in den Schoß legt und pfiffig denkt: »der Staat sorgt, wozu sollst du dich plagen?«

Wie ich so gedankenvoll durch die äußerste Vorstadt schlenderte, bemerkte ich plötzlich beim Einbiegen in eine breite Seitenstraße eine unübersehbare Reihe schwarzverhängter Wagen. Erstaunt wendete ich mich an einen Vorübergehenden um Aufklärung.

»O, das ist im neuen Reiche ein ganz allnächtlicher Anblick,« gab mir der Mann zur Antwort. »Das ist der Leichenzug der Selbstmörder, die hier draußen vor der Stadt ihren eigenen Friedhof haben.« – Ich folgte dem Zug noch eine Weile und ging dann hinaus auf das freie Feld. Und vor meinem Geiste zog wie ein wüster, wilder Traum alles vorüber, was ich an diesem einen Tag in diesem Lande der Zukunft erlebt hatte.

Da faßte mich der große Ekel an, und ich rief den Tod ...

* * *

III.
Andante maëstoso.

Der Tod kam zu mir. Er blies den Wind an, daß ihm Sturmflügel wuchsen und wir hoch emporgehoben wurden. Siebenmal sieben Tage und Nächte fuhren wir dahin über sieben Berge und sieben Meere und sieben Gestirne. Und auf einem glückseligen Stern landeten wir. Ein gelinder Hauch wehte uns heimatduftig von den Ufergeländen entgegen, und an die auflauschenden Sinne klang süß und vertraut das silberne Getön von fernen Herdenglocken.

Am Gestade saß ein Fischer und flickte seine Netze. Zu dem traten wir heran. Und wie ihm der Tod ins Auge sah, da erzählte ihm der Alte die Geschichte seines Lebens. Unter drei Herrschern hatte er seine Netze geworfen. Der erste war ein schlechter König gewesen, der sich um die Not seines Volkes nicht bekümmert hatte; und der letzte, der noch regierte, war ein milder und gerechter König, der ein Herz für sein Volk hatte und den Menschen im Menschen ehrte. Zwischen den Regierungszeiten dieser beiden Könige aber lag das Reich der Tausend Tage, in dem sich das ganze Volk, Alle über Alle, selbst regiert hatte. Aus dem Elend war jenes Reich, in dem alle gleich waren, hervorgegangen, und im Elend war es wieder versunken. – Das erzählte uns der alte Fischer und noch manches mehr. Und wie er zu Ende war mit seiner Geschichte, sang er sterbend ein letztes Lied und fiel tot in seine Netze.

Wir aber wanderten durch das fruchtbare Land drei Tagereisen lang von Dorf zu Stadt, von Wald zu Flur. Am Abend des dritten Tages kamen wir vor die Gärten der Hauptstadt. Sie lag in einem blühenden Tale, darin die Rebe grünte und über die Nacht der Lauben schattendunkler Efeu rankte. An den Toren und Türmen waren noch die Spuren gefallener Mauern wahrzunehmen, die ehedem die Stadt umgürtet hatten.

Wie wir zum Goldenen Tore, das nach Abend lag, herabstiegen, erblickten wir am Wege drei grauenhafte Gestalten. Es waren zwei Weiber und ein Greis, die vor uns am Berghang lagerten. Um die schmutzigbraunen, ausgedörrten Leiber, aus denen die Knochen spießten, schlotterten zerfetzte Lumpen, und von den vertierten Häuptern ringelten sich an Stelle der schmeichelnden Locken fauchende Schlangen herab.

Als uns die Lagernden sahen, stimmten sie ein gräßliches Geheul an und riefen in einem heisren, singenden Tone: »Erbarmet, erbarmt euch unser, ach nehmet uns mit!« Ich fühlte schon ein Regen des Mitleids in meiner Brust, als von der Stadt her die Schritte zweier Männer nahten. Im selben Augenblick sprangen die drei Klagegestalten auf und rannten in wahnwitziger Angst feldeinwärts, als würden sie mit Hunden gehetzt.

»Laßt sie laufen,« sagte der eine der Kommenden, ein Jüngling, »die haben lange genug auf Erden gehaust. Die goldnen Tore dieser Stadt verschließen sich vor keinem Wanderer; aber diese Drei sind fürder ausgeschlossen – der dürre Hunger, die bleiche Not und das fahle Elend. Das ist Königsgebot!«

Ich sah mich nach meinem Begleiter um. »Mein Freund,« sprach der Tod mit milder Stimme, »verlasse mich nun und gehe allein in diese Stadt! Was du suchest, wirst du nicht finden, aber auch nicht finden, was du gefürchtet. Wohl auch in ihren Mauern wirst du der Schuld begegnen und allen Prüfungen des Lebens; denn der Mensch wandelt zwischen Gut und Böse und zwischen Schicksal und Selbstbestimmung. Aber sein Weg ist der ewige! Dem wehe, der das vergißt! Meere waren Tropfen, und funkelnde Tropfen werden Ozeane.«

Der Tod ging und ich sah ihn nicht wieder. – In allen Straßen und Gassen der Stadt wogte ein farbenfreudiges Gewimmel; es schien mir, als würde ein hohes Fest gefeiert. Ich mischte mich unter die Fröhlichen, und bald hatte ich die Veranlassung des bunten Treibens erfahren. Es wurde der zwölfte Jahrestag der Wiedergeburt des Reiches begangen, der übereinfiel mit dem Zusammenbruch des Reiches der Tausend Tage. Und der König hatte bei Sonnenaufgang dieses Tages seinem Volke zwei neue Gesetze verkündet. Das eine lautete: » Das Recht der Arbeit«, und das andere: » Das Recht zu leben«!

Im ganzen Lande hatte der gute König große Arbeitshäuser erbauen lassen; und jedermann im Volke, der Arbeit nicht finden konnte, sollte nun das Recht haben, Arbeit vom Reiche zu verlangen. Die Müden und Gebrechlichen aber, die ihr Tagewerk getan und nicht mehr schaffen konnten, und die nicht Speise und Trank hatten: die sollten keine Almosen mehr empfangen, zum Verhungern zu viel und zum Leben zu wenig, sondern das Recht haben, vom Reiche zum wenigsten soviel Brot zu fordern, als sie täglich brauchten, um ihres Leibes Notdurft und Hunger zu stillen.

Ferner sollte der Anbau der unentbehrlichsten Lebensmittel nach Ankauf des nötigen Grund und Bodens in derselben Weise wie Post- und Weltverkehr reichseinverwest und dem Volke sein tägliches Brot künftighin ohne jeden Zwischenwucher zum erdenklich billigsten Preise, dem der Selbstherstellung, von Reichs wegen verkauft werden. Seit Monaten war um dieses Gesetz in der Volksvertretung zwischen einer eigennützigen Minderheit und den Freunden der allgemeinen Wohlfahrt und Menschenpflicht ein erbitterter Kampf ausgefochten worden. Mit dem endgültigen Triumphe des ewigen Fortschrittes wurden die blutsaugerischen Erpressungsringe der Großgrundbesitzer, die wahnwitzigen Zölle und andere Geistesstreiche einer früheren unvernünftigen Regierung, die dem armen Volke sein Brot und Unentbehrlichstes in sündlicher Weise verteuert und unterschlagen hatten, für ewige Zeiten in die Rumpelkammer geworfen. – In gleicher Weise verpflichtete sich die Regierung, für billige und gesunde Volkswohnungen in Zukunft Sorge zu tragen. Jenseits dieser Grenzen aber der ehernen Notwendigkeit, stand in allem Allen frei der Wettbewerb.

Ich fragte meine Gewährsleute, was nun mit allen den freiwerdenden Arbeitskräften geschehen sollte, und hörte, daß diese, da dieselben Hände natürlich auch künftighin erforderlich wären, sofort in den Reichsdienst übertreten könnten. Im ganzen Volke herrsche helle Freude darüber. Und auch Pächter und Bauer, Müller und Knecht, die unter der immer mehr und mehr erdrückenden Macht des Großbetriebes kaum noch aufatmen konnten, sie hätten nun alle ihr gutes, sicheres Brot.

Ein drittes Gesetz, von dem ich hörte, stand schon seit Jahren in Kraft und hatte Blüten und Früchte getragen. Es lautete: » Das Recht des Ertrages.« Für jede Zeiteinheit mühseliger Not- und Brotarbeit hatte der gute und gerechte König von seinen Räten einen Mindestlohn aufstellen lassen, der sich nach den Ernteverhältnissen richtete und nicht unterboten werden durfte. Übertreter dieses Gesetzes wurden als Verbrecher geachtet, weit schlimmer als Wucherer, und mit den schwersten und schmachvollsten Strafen belegt. – Dieselben Leute, die einst über die Eingrenzung der Freiheit des goldnen Mammon Jammer und Trübsal geblasen und die geschrieen hatten von den tausend Unmöglichkeiten einer Zins- und Zinseszinsbeschränkung: sie waren auch die grimmen Gegner dieses Gesetzes gewesen! – –

Der brausende Jubel wälzte sich nach dem Herzen der Stadt, wo die Königsburg stand. Auch mich riß die Menschenflut dahin, und es war gegen Mitternacht, als unser Strom das Schloß erreichte. Glänzende Lichter fielen auf die altertümlichen Mauern und Türme, als plötzlich auf dem weiten Platze ein Gemurmel durch die Reihen lief und dann tiefste Stille eintrat. Auf dem Altan des Schlosses erschien der König – ein hoher, milder Mann in wallendem Bart, dessen braunes Haupt schon ernste Silberfäden bleichten. Ich konnte ihn in der Fackelbeleuchtung deutlich erkennen. Er machte eine Bewegung mit dem Arme und jetzt sprach er ...

Totenstille atmete auf dem weiten Platze, daß man die Stimmen des Windes vernahm und das Flüstern des fernen Flusses ...

Der König sagte ... »Ich gebe Euch das, was Ihr von Ewigkeit hättet besitzen müssen – das Recht der Arbeit ... und das Recht zu leben ...«

In diesem Augenblicke schlug es vom Schloßturm in zwölf dumpfen Schlägen Mitternacht ... durch die zitternde Luft brauste ein Glockensturm wie Sylvestergeläute ... und da schlug ich die Augen auf und lag daheim im Stübchen – auf meinem Bette! ...

* * *

IV.
Finale.

... War das alles nur ein Traum gewesen? Ich trat an mein Fenster und schaute hinaus in die Nacht. In die Neujahrsnacht, die unter ihrem Sternenmantel zu Hütte und Palast eine Welt von Verheißungen trägt und in selige Menschenherzen, geschwellt von unerfüllten Wünschen, den ahnungsvollen Schimmer der süßen Hoffnung streut.

Ja, die Hoffnung, das ist die Blüte dieser Nacht! – Und der Tod? ... Was ist Tod? Giebt es überhaupt einen Tod? Bildet die Natur ein Gleichnis zu dem Zustande, den wir an uns selbst, am Menschen, und an anderen Wesen Tod nennen? Nirgends. Nur den Wechsel kennt die Natur, die Verwandlung, die als Durchgangsstufe zu einem höheren Zustand vorbereitet. Und der Mensch sollte eine Ausnahme machen? Könnte die ewige Vernunft so unvernünftig handeln, das höchste Geschöpf der Erde, bevor es sein Ziel erreicht und seinen Zweck erfüllt hat, wie ein unbrauchbares Spielzeug wegzuwerfen, es zurückfallen zu lassen in ein leeres »Nichts« –?

Ich schaute empor und mein Auge trank in sich die schimmernden Lichter der Hoffnung, die aus dem Dunkel der Sylvesternacht hervorquellen und die leuchten in Millionen Augen. Es bewegen sich Welten und Gestirne im ewigen Kreislauf: End' ist Anfang, Anfang Ende – und der Mensch, könnte er außerhalb der urewigen Weltgesetze stehen?

Nein und tausendfach nein! Die Natur kennt keine Brüche: sie entwickelt und reift aus. » Mensch, Du bist ewig!« Das ist der Gedanke, der in dem Janushaupte der Sylvesternacht schlummert und der mit Flammenschrift an dem ewigen Firmament gezeichnet steht. Die weißen Nebel der Sylvesternacht mögen sich auf die Vergangenheit legen und auch die Sonne der Zukunft uns verschleiert halten: die Sonne bricht durch, und wenn auch unser Menschenleben und Schicksal in Nacht und Nebel vor uns liegt, wie das offene weite unbekannte Meer: wir sind Piloten, und unsere Losung heißt –

hindurch!

Hymnus an die Freiheit.

        O Freiheit, Berauschende, Goldne,
        Du Himmelerstürmerin!
        O Freiheit, Hochherrliche, Holde,
        Du Weltenerlöserin!
        O Freiheit, Dich will ich preisen,
        Solange mein Wesen besteht,
        Als droben die Sterne kreisen,
        Und göttlich mein Odem weht!

Frohlocket, ihr Menschen, es sinkt die Nacht,
Den Tag schon kündet der Wächter –
Er taucht empor in goldener Pracht –
Da entflattern die Rabengeschlechter ...
Die Sonne, die Sonne steigt himmelan,
Ihr könnt sie mit Ketten nicht halten,
Und die Freiheit, die Wahrheit, sie bricht sich Bahn
Und strahlt über alle Gewalten!

        Die Menschheit ist frei geboren –
        Der König nicht mehr als der Knecht –
        Wir Alle, wir Alle sind Brüder
        Im heiligen Menschengeschlecht.
        Wir Alle sind ewig, unsterblich,
        Und die Ewigkeit ist gerecht
!
        Das Gute, uns selber ists erblich,
        Und das Echte bleibt ewig echt!

Frohlocket, o Menschen! Von Turm zu Turm,
Alle Lande von Mund zu Munde
Braust Glockenklang und Frühlingssturm
Den Völkern erlösende Kunde:
Ihr schliefet, ihr schliefet in tiefer Nacht,
Verschliefet die goldenen Jahre,
Ihr träumtet und träumtet – nun seid ihr erwacht!
Erkennt ihr das Wunderbare?

        O Freiheit, Lichttrunkene, Goldne,
        Du Himmelerstürmerin!
        O Freiheit, Hochherrliche, Holde,
        Du Weltenbegnaderin!
        O Freiheit, Dich will ich preisen,
        Solange mein Wesen besteht,
        Als Sonnen droben kreisen,
        Und selig mein Odem weht!

Frohlocket, frohlockt! Aus Nacht bricht Glanz,
Um Firnen wehn Frühlingslüfte,
Und das rollende Rad im Zeitentanz –
Es rollt über Särge und Grüfte!
Und ob der Nachtwind zu Tale saust
Und fährt in die dunkelnden Fernen –
Zu den Bergen das Lied der Freiheit braust
Und schwebt zu den funkelnden Sternen!

        Frei ist die Menschheit geboren –
        Die Botschaft verkündete Gott!
        Welt ging in Banden verloren,
        Doch Freiheit, Du wirst kein Spott!
        Der Ärmling nur kann Dich verneinen,
        Der Mann, der die Menschheit nicht ehrt,
        Den, unwert, die Sterne bescheinen,
        Der des Namens »ein Mann« nicht wert!

O Menschheit, frohlocke! Schon sinkt die Nacht,
Den Tag verkündet der Wächter –
Er taucht empor in goldener Pracht –
Da entflattern die Rabengeschlechter ...
Die Sonne, die Sonne steigt himmelan,
Ihr könnt sie mit Ketten nicht halten,
Und die Wahrheit, die Freiheit, sie bricht sich Bahn
Und strahlt über alle Gewalten!

        O Freiheit, Berauschende, Goldne,
        Du Himmelerstürmerin!
        O Freiheit, Hochherrliche, Holde,
        Du Menschenversöhnerin!
        O Freiheit, Dich will ich preisen,
        Solange mein Wesen besteht,
        Als ewige Sterne kreisen,
        Und göttlich mein Odem weht!

— — — — — — — —

 

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