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Nächte

Kurt Geucke: Nächte - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Geucke
titleNächte
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite, veränderte Auflage
year1906
illustratorFidus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150202
projectidf325346c
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Neunte Nacht.

Golgatha.

Heute nacht nahte mir der Ruhm, von dem man sagt, er sei ein Bruder des Todes. Schon lange hatte ihn mein Auge ersehnt, doch immer vergebens. Nun, da ich zerfallen mit der Welt, wieder einmal daheim am alten Trübsinnsfaden spann, kam er ungebeten. Mir fiel seine wunderbare Ähnlichkeit auf mit dem holden Jüngling der vergangenen Nacht. Aber die Flammenaugen des jungen Ruhmes loderten glutvoll wie gärende Sterne. Und vom Scheitel floß ihm das Haar nicht sanft in goldenen Wellen herab, sondern wie der Nacht schwarzes Rabengefieder umflog es wildgelockt die stolze, bleiche Königsstirn. Auch ihm ruhte in der Hand ein strahlendes Saitenspiel, und immergrüner Lorbeer schimmerte licht von dem dunklen Haupte.

Er erfaßte meine Hand. »Klage nicht, mein Freund,« sagte er mit wunderbar tönender Stimme, »sondern trage dein Schicksal. Glaube, du bist der erste, einzige nicht, den es so herb geküßt hat! Komme mit mir, und wenn du die Genossen deines Grams gesehen hast, dann suche in deiner Brust den Frieden! Ich führe dich heute zu einem armen Dichter, der gerungen hat wie du, geliebt, geglaubt wie du, und der gelitten hat wie noch keiner!«

Wir gingen, und unterwegs erzählte mir der Ruhm eine ganze Leidensgeschichte. Die Pilgerfahrt des armen Dichters begann schon frühe, da er noch ein träumerischer Knabe war, und, das Ränzlein auf dem Rücken, zur Schule ging. Ein strenger Lehrmeister, der Mangel war es, der ihn nach kurzer, glückseliger Kindheit in seine Zucht nahm und ihn schon im zarten Alter mit dem großen Einmaleins der Not vertraut machte. Und als an den Jüngling die schwere Lehrzeit des Lebens herantrat, da wurde es nicht viel besser. Manchmal wollte fast ein Verzagen über ihn kommen, und manchmal hat er heimlich die Fäuste geballt und geknirscht mit den Zähnen. Aber geduckt hat sich der Trotzkopf mit dem weichen Herzen niemals. Und wenn die erbärmlichsten Gesellen kamen und mit höhnischem Lächeln sagten: »Vergiß nicht, daß du mein Brot issest! ducke nieder, mein Freund, ducke nieder!« – da hat sich das Göttliche in ihm aufgebäumt, und der Aufschrei der in ihm beleidigten Menschheit ist hinaus in die Stille schlafloser Nächte gedrungen. – So ging es Jahre um Jahre. Abseits von den Alltagsgeleisen, in denen es so hübsch glatt und verlässig sich fährt, hat er auf eigenen, rauhen Lebenspfaden sich durchgebahnt.

»So ist es mit der Zeit unserm armen Freunde besser ergangen?« unterbrach ich meinen Begleiter.

»Nein,« sagte der Jüngling, »er hat sich weiter quälen müssen bis zum heutigen Tage. Und wenn das bißchen Öl des Lebens verdient war, dann reichte es gerade so weit, daß er die müde Maschine wieder schmieren konnte und gangbar machen zum neuen Leidenstage.«

»Und nie hat der Arme den Mut verloren?« fragte ich wiederum.

Mein Begleiter schwieg. –

»Niemals –? Und was ist nun aus ihm geworden? Aus seiner heiligen Kunst? Aus allen seinen Plänen und Entwürfen?«

»Frage mich nicht,« sagte mit trauriger Stimme der Ruhm. »Du weißt es ja, daß er hat arbeiten müssen, der arme Dichter, um das liebe bißchen Brot. Und wenn er am Abend nach Hause kam, ausgesogen von der Sonnenglut des feindseligen Tages, niedergedrückt von seinen Lasten – da war er ein stiller, müder Mann, dem die gelähmten Flügel seiner Seele trauernd zu Erden hingen. So ist ihm Frühling um Frühling verblüht, Sommer um Sommer verrauscht, und die schöne Jugendzeit – sie ist zerronnen.«

»Hat ihn niemals eine Liebe beglückt?«

»O ja. Er hat jahrelang ein schönes, vornehmes Mädchen geliebt und an ihr gehangen mit allen Fasern seiner Seele. – Allein, ich glaube, sie werden sich trennen. Seine Zukunft liegt so ungewiß vor ihm und dunkel. Und vor einigen Wochen, in einer Stunde der tiefsten Verzweiflung, hat er es deshalb für seine Pflicht gehalten, ihr das Treuwort zurückzugeben.«

»Und sie –?«

»Erst heute hat sie ihm geantwortet. Ich bringe ihm selbst den Brief, den mir das Schicksal vertraute. Aber ich fürchte seinen Inhalt, denn meine Freundin, die Treue, wußte nichts davon.«

Mein Begleiter zeigte mir den Brief, den er in den Falten seines Gewandes verborgen hatte. Die Aufschrift trug fast allzufeine, aber fliegende Züge, gar nicht wie von einer liebenden Mädchenhand. –

»Aber du hast ja noch einen zweiten Brief?« fragte ich erstaunt.

»Den hat mir das Schicksal im Auftrage eines vornehmen Herrn gegeben. Den Inhalt dieses Schreibens kenne ich. Es schließt das späte Glück unseres armen Freundes ein!«

Ich sah meinen Begleiter fragend an.

»Nun, ich will es dir anvertrauen,« sagte er. »Sein letztes Bühnenspiel, das ihm endlich die Freude des Erfolges zu bringen scheint und unlängst angenommen wurde, geht schon zu einem der nächsten Tage seiner Aufführung entgegen.«

»Ach, wie freue ich mich!« brach ich aus.

Der Ruhm lächelte herb: »Ja, und ich werde Zeuge sein! – Doch, da stehen wir schon vor dem Hause, nun sollst du unsern Freund auch kennen lernen!«

* * *

Fünf steile Treppen war's, wie bei mir daheim! Aber gegen den verlassenen, trostlosen Raum, in den wir eintraten – ach, da war mein trautes Stübchen ein kleines Königreich!

Eine lange, schmale Kammer, deren ganzes Gerät ein Bett, ein Tisch mit einer grünbeschirmten Lampe, ein Stuhl, ein Bücherbrett und ein Topf mit verblühtem Heidekraut bildete. In die Türpfosten rechts und links waren Nägel eingeschlagen, an denen ein paar abgetragene Kleidungsstücke hingen. Ein kleiner eiserner Ofen stand in der Ecke, aber er konnte nicht benutzt werden, denn das Rohr war oben abgebrochen und lehnte im Winkel.

Die tiefe Stille im Stübchen ward uns durch die regelmäßigen Unterbrechungen eines eintönigen, kaum vernehmbaren Geräusches noch fühlbarer. Als ich mich umsah, bemerkte ich in der Nähe des Rauchfanges einen großen feuchten Fleck an der Decke, von dem das durchsickernde Schneewasser von Zeit zu Zeit, Tropfen auf Tropfen, in eine untergestellte braune Schüssel herabglitschte.

Unser Freund hatte sich den Tisch an die Wand gerückt und saß, mit dem Rücken gegen den kalten Ofen, und den Kopf in die Hand gestützt, sinnend vor seiner Arbeit. Gegen die markdurchdringende Kälte draußen, die bei jedem Windstoße an das zitternde Fenster schlug und durch die notdürftig verklebten Lücken die eisige Luft bis herüber zu Tisch und Lampe blies, so daß bisweilen die Flamme hoch aufflackerte, hatte er sich verwahrt so gut als möglich. Den müden, schmächtigen Körper im verschossenen Sommerüberzieher umhüllte ein großes braunes Reisetuch, und zwischen Rücken und Stuhllehne hatte sich der arme Teufel das Kopfkissen seines Bettes gestopft. Dennoch schien ihm die kalte Luft auf der Brust zu liegen; sie arbeitete schwer, und wenn er einmal seufzte, entrang sich ihr krampfhaft ein häßlicher trockner Husten.

Wir traten leise hinter ihn. Er war so vertieft in seine Gedanken, daß er uns nicht bemerkte. Ich blickte ihm über die Schulter, und mein Auge fiel auf ein beschriebenes Blatt Papier, dessen letzte Zeilen in feuchtem Schwarz noch schimmerten, wie so dunkle geweinte Tränen. Wir lasen die Überschrift ...

Es war einmal ...

Da legte der Ruhm seine Hand auf das müde Träumerhaupt, und leise bewegten sich seine Lippen ...

Es war einmal! So klingt mirs oft im Herzen
Aus fernen Tagen wie ein Märchen an –
Das Glück entfloh, es blieben nur die Schmerzen,
Und tiefgebrannt sind nun die Lebenskerzen,
Um die einst Licht wie schimmernd Freude rann.
Und zuckt bisweilen ein Erinn'rungsstrahl –
Dann raunt er leis: Es war einmal!

O Traum der Jugend! Wo bist du geblieben?!
So karg mein Lenz, du starbst zu früh dahin!
Da konnt' ich hassen noch, und – konnte lieben!
Vermochte noch mit warmen Schaffenstrieben
Zu regen froh den tatenkräftigen Sinn. –
Das ist vorbei – die Welt liegt trüb und fahl –
O Jugendzeit – du warst einmal!

Bin ich einst hin, dann wird man von mir sagen,
's ist um ihn leid; kam ihm das Schicksal hold,
So konnte wohl sein Nachtgestirn ihm tagen
Und einst sein Sommer edle Früchte tragen.
Doch so ward ihm sein tiefstes Seelengold
Verschüttet früh, es brach sein Geistesstahl –
Ein Dichterlos – er war einmal ...

* * *

Der Träumer hatte sich erhoben. Ein milder Mann – so stand vor uns die hohe Gestalt mit der königlichen Stirn und dem ernsten, schwermütigen Munde. Braune Lockenfülle umrahmte das blasse, edelgeprägte Gesicht; aber auf den bleichen Wangen blühten ihm glühende Rosen, und wunderbar, fast fieberhaft glänzend, leuchteten die dunklen Augensterne.

Nun sah er beglückt und doch mit einem trüben Lächeln dem Ruhm ins tiefe Auge und fragte ihn mit ungläubiger Stimme: »Was bringst du mir?« –

Er nahm die beiden Schreiben. Wie er die bekannten Züge des einen sah, wurden die blassen Wangen noch bleicher, die brennenden Rosen auf ihnen noch glühender, die dunklen, sehnsuchtsfeuchten Augen noch angstvoll verzehrender, und mit unsicherer Hand riß er hastig die Hülle auf ...

Was da drinnen gestanden in jenen duftgetränkten Blättern – wir haben es nie erfahren! Aber meine Augen haben gesehen und gelesen mit dem Herzen ...

Totenblaß, mit verstörten Blicken, starrte der Schweigende lange, lange Zeit immer nur auf jenes eine, unfaßbar einzige Wort – das er doch seit Wochen erwartet hatte! Fester noch bissen sich die Zähne, preßten sich die herben Lippen zusammen, und nur die Hand erzitterte ihm merkbar leise, als er, mit scheuem Blick auf uns, das Blatt an seiner Brust verbarg ... »Ich wußte es ja!« murmelten seine Lippen, um die es zuckte, unendlich bitter. Dann aber prägte sich in die scharfgeschnittenen, stolzen Züge eine wundersame, steinerne Ruhe, und er wandte sich ab. – –

»So stirbt am Ruhm die Liebe!« flüsterte mir mein Begleiter zu. »Und sie war das Gestirn seiner Nacht!«

Der einsame Mann war an das Fenster getreten und sah hinunter auf die Gasse. Drüben im ersten Stock des großen Eckhauses war alles hell erleuchtet, und die halbe Straße hinauf hielt eine lange Reihe glänzender Karossen. Heute war große Gesellschaft drüben! Und die umschwärmte, jugendschöne Königin des Festes, mit den blitzenden Augen und dem silberhellen Lachen, die an jener Spiegelscheibe eben vorüberschwebte, mit so heißen, lusterglühten Wangen – ich glaube, ein wenig hat sie unser stummer Freund gekannt! –

Er trat zurück vom Fenster, öffnete ruhig den anderen Brief und überflog den Inhalt. Aber mitten im Lesen stockte er, ein heiseres, bittres Lachen brach krampfhaft von den trockenen Lippen, seine Finger gruben sich wild in die glückverkündenden Zeilen und ballten sie zum Knäuel. Und da wankte er – taumelte an sein Lager – und blutigen Schaum vor dem Munde – ohnmächtig sank er nieder ...

* * *

Es war einige Tage später, als mich in früher Abendstunde mein Weg zufällig wieder im Herzen der Stadt durch die enge Gasse führte. Da bemerkte ich, daß vor dem rauchgeschwärzten Dichterhause eine Droschke hielt, der soeben ein Herr in einem grauen Künstlermantel entstieg. Ungeachtet des feinen Regens, der eintönig auf das Pflaster niederrieselte, beschloß ich einige Augenblicke am schrägüberstehenden Laternenpfahl zu warten. Eine Ahnung war mir aufgestiegen, und sie täuschte mich nicht. Nach einiger Zeit kam der Herr zurück, und an seiner Seite trat der kranke Dichter aus dem Hause. Unwillkürlich, vielleicht auch aus alter Gewohnheit, fiel sein erster Blick auf die hellerleuchtete Fensterflucht des Eckhauses. In diesem Winter schien hier Fest auf Fest zu folgen. –

Ein Frösteln überlief die schlanke Gestalt des Kranken. Dann erinnerte ihn wohl die hilfreiche Hand seines Begleiters, daß auch ihn heute ein hohes Fest erwartete. Die beiden stiegen ein, und bald war der Wagen meinen Blicken entschwunden. – –

* * *

In der Umgebung des Schauspielhauses herrschte heute das ungewöhnliche Treiben vor einer Erstaufführung. Die elektrischen Bogenlampen der Auffahrt und vielarmige Gaskandelaber ergossen ihre blendende Lichtflut rundum auf den weiten Platz, und seit einer halben Stunde bereits rollten in ununterbrochener Folge Wagen auf Wagen die breite Rampe herauf. Obwohl nur noch wenige Minuten bis zum Glockenzeichen fehlten, drängten sich noch immer Hunderte von Menschen vor den Türen, und drinnen erst im Treppenhause stauten sich die Wogen zu einem förmlichen Ansturm gegen den Schalter.

Dank meinen guten Beziehungen zu jener schöngemalten Welt, die sich jenseits des Eisernen Vorhanges auf- und abrollt, glückte es mir, noch einen leidlichen Platz zu erobern.

Im Nebenaufgang, den ich benutzte, begegnete ich einer Gruppe jener Leute, die verwandtschaftlich in die große Familie der »Hyänen des Schlachtfeldes« fallen. Geformt von der Mutter Natur aus Gift, Neid und Meinungswut, finden sie ihre edelste Lebensfreude darin, in drei kurzen Stunden grundsätzlich das niederzulärmen und zu vernichten, was ernststrebende Männer oft schmerzlich aus Schweiß und Blut in Jahren geschaffen haben. Die Gesichter von Dreien oder Vieren waren mir bekannt, und aus einigen im Vorbeigehen aufgefangenen Worten konnt' ich entnehmen, daß der Anordner soeben nochmals seinem Stabe die Losung für die beschlossenen Kundgebungen eingeschärft hatte.

Beim Eintreten in den Zuschauerraum schlug mir eine heiße Flutwelle aus Glut und Dunst entgegen, und tausendstimmiges Summen, Surren ging wie ein Sommerschwärmen durch den lichterfüllten Raum.

Was zur geistigen Erlesenheit der Stadt gehörte, war zur Stelle; und die diamantenblitzende Prachtentfaltung schöner Frauen, auch da und dort buntschillernde Uniformen, wechselten wohltuend mit dem ernsten Schwarz der Künstler und Gelehrten.

Eine bange Spannung sondergleichen schien über dem glänzenden Raume fast wie Gewitterschwüle zu lagern. Wohin auch das Auge blickte – erwartungsvolle Gesichter; und allenthalben, in den Gängen, Stuhlreihen, Logen: erregte, stehende Gruppen, die in halbunterdrücktem Flüsterton Zweifel und Zuversicht, ungewöhnliche Hoffnungen und Befürchtungen austauschten. Sonderbare Gerüchte mußten es sein, die von den Bühnenproben aus in weite Kreise schon hinausgeflattert waren.

»Der neue Messias« hieß es überschwenglich da; »ein schwächlicher Epigone« lautete es absprechend dort; und aus allen kastengeistigen Vorurteilen war maßvoll nur das eine herauszuschälen, daß der neue Dichter ein Mann sein mußte, der dem Tagesgeschmack nicht schmeichelte. Daß er auch in diesem Werke, wie man wissen wollte: einer Tragödie des Genius, trotz jahrelangen, vergeblichen Ringens unentwegt auf den Pfaden wandelte, die ihn sein Gewissen führte. –

Ein Klingelzeichen hinter der Bühne – tiefste Stille – das Haus verdunkelt sich – – ein zweites Klingelzeichen ... der Vorhang rauscht empor ...

Eine Bewegung läuft durch Saal und Ränge, fast wie leise innerste Enttäuschung – mir ist, als könnt' ich aus Mienen alle Gedanken raten! ...

»Was soll uns das? Sind das nicht Altnürnbergs traute Gassen? Will der uns die Vergangenheit beschwören?! – – Und gar zum Überdrusse in verachteten, geächteten Versen?! Läßt sich denn Wahrheit in Gefäße gießen? Natur in Formen fassen menschlichen Gepräges? Giebt es überhaupt eine Wahrheit, die nicht auf der Gasse liegt? Giebt es Menschen unter uns, uns Vorgeschrittenen, die noch jenen Menschen von damals gleichen?!« –

Die merkbare Unruhe im Hause scheint nichts Gutes zu verkünden. Hier und dort glaube ich lauernden Blicken zu begegnen, die mit Begier nach dem ersten Anlaß spähen, der das Zeichen giebt, gegen Dichter und Werk loszubrechen.

Aber die Gefahr geht vorüber. Die Aufmerksamkeit verfängt sich in den schnellgeschürzten Schlingen der Handlung, und als am Aktschluß der Vorhang niedergeht, scheint weder Freund noch Feind des Dichters eine Kundgebung zu wagen. Nirgends ein Zischlaut, aber auch nirgendwo das leiseste Beifallszeichen. –

Unter lautloser Stille beginnt der zweite Akt. Man hört und hört und noch immer sind es Verse, die man hört. Allerdings – es sind Verse! Erz und Stahl! Wie glühende Pfeile zischen sie herüber, herunter in die Dunkelheit und bohren sich erbarmungslos in Herz und Nieren. Da trifft einer – dort sitzt einer – ich fühle, wie sie auch in mein Innerstes zielen, es zerfasern wollen – und darein schreiben mit blitzendem Demant!

Und wunderbar – bald höre ich keine Verse mehr ... nur dann und wann wie ferne Musik das Knistern und Rauschen der Soffittenflammen ... Meine Wangen fiebern, der Atem stockt mir, weit beugt sich mein Körper vor, und ich lausch' und lausche hinein in jene geheimnisoffenbarte Welt, möchte tauchend mich selber stürzen in ihre Rätsel und Tiefen.

So habe ich gesessen – lange – lange. Und es war mir, als würd' ich rauh aus einem Traume gerüttelt, als plötzlich an meine Sinne rauschender Beifall brauste ...

Ich wollte den Zwischenakt benutzen, um auf die Bühne zu eilen. Allein es war unmöglich. Aus allen Türen strömte die erregte Menge wie eine Hochflut in den schmalen Wandelgang und vereitelte alles Vordringen. Es war keine Frage, daß der heftig wogende Meinungskampf, der sich überall in Gesichtern und Gesten malte, schon weit zu des Dichters Gunsten neigte. –

Es kam der dritte, gipfelnde Akt. Ich darf sagen, ich habe ihn erlebt – mitgelebt! Eine Gewalt der Leben atmenden Sprache, eine Glut der lodernden Leidenschaft, und Tiefen, versinkende Tiefen der Seelendeutung, die niemand vorausgeahnt hätte! – Der Abend war gewonnen! Der Beifall toste und wollte sich nicht mehr legen, und die Rufe nach dem Dichter – dem Neuentdeckten! – erschollen von allen Seiten und Weiten.

Schon meinte ich in der Tiefe einer Kulissengasse, an der Seite des Ruhmes, das bleiche Antlitz meines armen, glücklichen Freundes mit den fieberglänzenden, aber heute so überselig leuchtenden Augen erkannt zu haben. Allein, es war wohl eine Täuschung – der blasse Kämpfer schien den lauten Dank der Menge zu scheuen und blieb ihm fern. –

Noch zwei Akte folgten, türmten sich mit zwingender, steigender Gewalt bis zum Schlusse. Ja – das war die Tragödie des menschlichen Genius! Und als zum letzten Male der Vorhang niederging – – atemlose Stille der Erschütterung! Nicht eine Hand, die es getan hätte, die Weihe des Augenblickes zuerst durch rohen Beifallslärm zu stören. Keiner rührte sich vom Platze – eine Stille, die in Augenblicken die Spannen von Unendlichkeiten zu umschlingen schien. Dann aber – dann mit einem Male brach es los ... ein Aufruhr ohne Ende, ein Sturm des Jubels, wie ihn die Freunde des Hauses wohl kaum noch erlebt hatten. Immer und immer wieder mußte sich der Vorhang heben, und hundertstimmig, ungezählte Male, brauste der neugeprägte Namensklang des Dichters hinauf zu den weltbedeutenden Brettern – es war, als ob sie ihren Dichter sich ertrotzen wollten!

Der aber – kam noch immer nicht.

Mich litt es nicht länger an meinem Platze – ich mußte ihn sprechen! In der rechten Loge des Proscenium wußte ich eine Tapetentür, die auf eine verbotene Treppe zur Bühne führt. Ich hatte ja auch Freunde oben, und so eilte ich mit schnellen Schritten über alle geheimen Stufen und Bedenken hinauf zur hinteren Bühne ...

Dort war die Tragödie noch nicht zu Ende! Dort kämpfte mein armer, kranker Freund an der Seite des Ruhms und umringt von seinen tapferen Siegeshelfern den allerletzten Kampf – ich kam zu einem Ende! Ich mußte es mit ansehen, wie er schwankte – – wie ein feuchter Glanz aus dem dunkelumflorten Auge brach – und die zitternden Hände sehnsüchtig hinaustasteten nach den verschwimmenden Lichtern der schönen, ach, so schönen Erdenwelt ...

Da hob es die müde, gequälte Brust – heiß und voll – und da entquoll es dem bleichen Mund der Lieder rot und warm und blühend wie schwimmende Rosen. Bewußtlos – um die Lippen ein seliges Lächeln – sank ein stiller Mann in den Arm des Ruhmes ...

Und draußen standen sie noch immer wie eingewurzelt und jubelten »Hosiannah – Hosiannah!«

* * *

Wir haben den Freund still nach Haus gebracht und in sein ärmliches Bett gelegt. Noch in tiefer Nacht kam der Arzt – es war zu spät ...

Über die Gasse her, von den noch immer erleuchteten Fenstern drüben, scholl Gesang und Geigenklang herauf zum Sterbekämmerlein! Und in die jauchzenden Klänge mischte sich die Weise des Windes, die draußen heulend der Dezember blies ...

Am andern Morgen schien durch das blinde Dachfensterchen auf das stumme Lager heller Sonnenschein.

Und als wie mit einem Zauberschlage die guten Freunde alle kamen, die von dem neuen Trauerspiel vernommen, da weinte die Sonne lichte Tränen auf ein blasses Dichterhaupt und wob um die müdgeküßten Locken einen schimmernden Strahlenkranz.

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