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Gutenberg > Maxim Gorki >

Nachtasyl

Maxim Gorki: Nachtasyl - Kapitel 4
Quellenangabe
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typedrama
authorMaxim Gorki
titleNachtasyl
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year
firstpub1902
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
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Zweiter Aufzug

Dieselbe Bühneneinrichtung. Abend. Auf der Pritsche neben dem Ofen sitzen Satin, der Baron, Schiefkopf und der Tatar beim Kartenspiel. Kleschtsch und der Schauspieler sehen dem Spiel zu. Bubnow spielt auf seiner Pritsche mit Medwedew eine Partie Dame. Luka sitzt auf dem Hocker neben Annas Bett. Das Quartier ist durch zwei Lampen erhellt: die eine hängt an der Wand neben den Kartenspielern, die andere neben Bubnows Pritsche.

 

Der Tatar: Einmal spiel ich noch – dann hör ich auf …

Bubnow: Schiefkopf! Sing doch! Stimmt ein Lied an. »Auf und nieder geht die Sonne …«

Schiefkopf  einfallend: »Dunkel bleibt mein Kerker doch …«

Der Tatar  zu Satin: Misch die Karten! Aber misch sie ordentlich! Wir wissen schon, was für 'n Bruder du bist …

Bubnowund Schiefkopf  singen zweistimmig:

»Auf und ab die Posten wandern – a – ach!
Tag und Nacht vor meinem Loch …«

Anna: Schläge und Kränkungen … hab ich ertragen … die waren mein Los … solange ich lebte …

Luka: Ach, du armes Weibchen! Gräm dich nicht zu sehr!

Medwedew: Wohin ziehst du? Gib doch acht!

Bubnow: Aha! So, und so, und so …

Der Tatar  droht Satin mit der Faust: Was versteckst du die Karte? Ich hab's gesehn … Du!

Schiefkopf: Laß ihn laufen , Hassan! Sie betrügen uns doch, so oder so … Sing weiter, Bubnow!

Anna: Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich mal satt war. Mit Zittern und Zagen … hab ich jedes Stückchen Brot gegessen … Gebebt hab ich ewig und mich geängstigt … um ja nicht mehr zu essen als ein andrer … Mein Leben lang bin ich in Lumpen gegangen … mein ganzes, unglückliches Leben lang … Warum das alles?

Luka: Du armes Kind! Bist müde, was? Laß schon gut sein …

Der Schauspieler  zu Schiefkopf: Spiel den Buben aus … den Buben, zum Kuckuck!

Der Baron: Und wir haben den König!

Kleschtsch: Die überstechen jedesmal!

Satin: Das sind wir so gewöhnt …

Medwedew: Eine Dame!

Bubnow: Auch ich hab eine … da!

Anna: Ich sterbe …

Kleschtsch  zum Tataren: Da – sieh doch, sieh! Schmeiß die Karten hin, Fürst – schmeiß hin, sag ich dir!

Der Schauspieler: Meinst du, er weiß nicht, was er zu tun hat?

Der Baron: Sieh dich vor, Andrjuschka, daß ich dich nicht zur Tür rauswerfe!

Der Tatar: Gib noch mal! Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht … So geht's mir auch … Kleschtsch schüttelt den Kopf und geht zu Bubnow hinüber.

Anna: In einem fort denk ich: Mein Gott … soll ich denn auch dort … in jener Welt … solche Qualen erdulden?

Luka: Nicht doch … gar nichts wirst du erdulden! Lieg nur hübsch still … und sei nicht bange … Ruhe wirst du dort finden! Dulde noch ein Weilchen … wir alle müssen dulden, meine Liebe … jeder duldet das Leben auf seine Weise. Er erhebt sich und geht mit raschen Schritten in die Küche.

Bubnow  singt: »Wacht, soviel ihr wollt und wandert …«

Schiefkopf: »Sorgt euch nicht, daß ich entflieh …«

Notenblatt

Beide  zweistimmig:

»In die Freiheit möcht ich gerne – a – ach!
Doch die Kette brech ich nie …«

Der Tatar: Halt! In 'n Ärmel hat er eine Karte gesteckt!

Der Baron  verlegen: Na … soll ich sie vielleicht in deine Nase stecken?

Der Schauspieler  in überzeugtem Tone: Du hast dich geirrt, Fürst! Keinem Menschen fällt's ein …

Der Tatar: Ich hab's gesehn! So 'n Gauner! Ich spiel nicht weiter!

Satin  die Karten zusammenlegend: So geh doch deiner Wege, Hassan … Daß wir Gauner sind, weißt du – warum spielst du also mit uns?

Der Baron: Vierzig Kopeken hat er verloren, und Spektakel macht er für drei Rubel! Das will 'n Fürst sein …

Der Tatar  heftig: Man muß ehrlich spielen!

Satin: Aber warum denn?

Der Tatar: Was heißt »warum?«

Satin: Na, so … warum?

Der Tatar: Das weißt du nicht?

Satin: ich weiß es nicht. Weißt du es? Der Tatar spuckt ärgerlich aus. Alle lachen über ihn.

Schiefkopf: Bist 'n komischer Kauz, Hassan! Überleg doch mal: wenn die es mit der Ehrlichkeit versuchen, sind sie in drei Tagen verhungert …

Der Tatar: Was geht's mich an? Ehrlich muß man leben!

Schiefkopf: Ewig schwatzt er dasselbe! Wollen lieber Tee trinken gehn … Los, Bubnow! …

Bubnow: 

»Ach, ihr Ketten, meine Ketten,
Und ihr Wachen erzbewehrt …«

Schiefkopf: Komm, Hassan! Singend ab. »Kann euch nimmermehr zerschlagen …« Der Tatar droht dem Baron mit der Faust und folgt dann seinen Kameraden.

Satin  zum Baron, lachend: Na, Euer Hochwohlgeboren – da haben wir uns wieder mal glänzend blamiert! Das will 'n gebildeter Mensch sein – nicht mal 'ne Volte schlagen kann er …

Der Baron  achselzuckend: Weiß der Teufel, wie die Karte …

Der Schauspieler: Kein Talent … kein Selbstvertrauen … ohne das wird's eben nie was Rechtes …

Medwedew: Eine Dame hab ich … und du hast zwei … hm – ja!

Bubnow: Auch eine kann's schaffen, wenn du richtig spielst … du bist am Zuge!

Kleschtsch: Die Partie ist verloren, Abram Iwanytsch!

Medwedew: Das geht dich gar nichts an – verstanden? Halt's Maul …

Satin: Dreiundfünfzig Kopeken gewonnen …

Der Schauspieler: Die drei Kopeken sind für mich … Übrigens, wozu brauch ich drei Kopeken?

Luka  kommt aus der Küche: Na, habt ihr den Tataren hochgenommen? Jetzt geht ihr 'n Schnäpschen trinken – hm?

Der Baron: Komm mit uns!

Satin: Möcht gern mal sehen, wie du bist, wenn du einen weg hast …

Luka: Sicher nicht besser, als wenn ich nüchtern bin …

Der Schauspieler: Komm, Alter … ich will dir 'n paar hübsche Couplets vordeklamieren …

Luka: Couplets? Was ist das?

Der Schauspieler: Gedichte, verstehst du …

Luka: Gedichte? Was sollen sie mir, die … Gedichte?

Der Schauspieler: Na, die sind so spaßig … oder manchmal auch traurig …

Satin: Kommst du, Coupletsänger? Ab mit dem Baron.

Der Schauspieler: Ich komme gleich nach. Zu Luka. Da ist zum Beispiel ein Gedicht … ein alter Mann kommt darin vor … wie ist doch gleich der Anfang? … Ich hab's wahrhaftig vergessen! Reibt sich die Stirn.

Bubnow: Deine Dame ist futsch … Zieh!

Medwedew: Teufel noch eins! Warum hab ich nicht dahin gezogen?

Der Schauspieler: Früher, wie mein Organismus noch nicht mit Alkohol vergiftet war, hatt ich ein famoses Gedächtnis … jawohl, Alter! Jetzt … ist alles zu Ende für mich … ich habe dieses Gedicht immer mit großem Erfolg vorgetragen … unter frenetischem Applaus! Du weißt jedenfalls nicht, was das ist … Applaus! Das ist … wie Branntwein, Bruder! … Wenn ich so vortrat, in dieser Haltung … setzt sich in Positur und dann loslegte … und Er schweigt. Nichts weiß ich mehr … nicht ein Wort hab ich behalten! Und es war doch mein Lieblingsgedicht … ist das nicht schrecklich, Alte?

Luka: Freilich ist's schlimm … wenn du schon vergißt, was dir das Liebste ist! In das, was man liebt, legt man seine Seele …

Der Schauspieler: Meine Seele hab ich vertrunken, Alter … Ich bin ein verlorener Mensch … Und warum bin ich verloren? Weil der Glaube an mich selbst mir fehlte … Ich bin fertig …

Luka: Wieso denn? Laß dich doch kurieren! Man kuriert jetzt die Trinker, hab ich gehört! Umsonst kuriert man sie, Bruderherz … Eine Heilanstalt hat man für die Trunkenbolde eingerichtet … da werden sie nun, heißt es, unentgeltlich behandelt … Man hat erkannt, siehst du, daß 'n Trunkenbold auch ein Mensch ist, und man ist sogar froh, wenn einer kommt und sich kurieren lassen will. Beeil dich also! Geh hin …

Der Schauspieler  nachdenklich: Wohin? Wo ist das?

Luka: In einer Stadt ist's … wie heißt sie doch? 's ist so ein merkwürdiger Name … Na, ich sag ihn dir noch … Nur merk dir eins: mußt dich jetzt schon drauf vorbereiten! Sei enthaltsam! Nimm dich zusammen und – halt aus! … Und dann, wenn du auskuriert bist, fängst du ein neues Leben an … ist das nicht schön, Bruder: ein neues Leben? … Nun, entschließ dich … eins, zwei, drei!

Der Schauspieler  lächelt: Ein neues Leben … ganz von vorn …ja, das wäre schön! … Meinst du wirklich? Ein neues Leben? Lacht. Na … ja! Soll ich's versuchen? Ja, ich versuch's …

Luka: Warum denn nicht? Der Mensch – kann alles … wenn er nur will …

Der Schauspieler  plötzlich, wie aus dem Traum erwachend: Bist 'n spaßiger Kauz! Leb wohl einstweilen! Er pfeift. Alterchen … Leb wohl! Ab.

Anna: Großväterchen!

Luka: Was denn, Mütterchen?

Anna: Sprich doch 'n bißchen mit mir …

Luka  zu ihr hintretend: Schön, laß uns plaudern miteinander.

Kleschtsch  sieht sich um, tritt schweigend ans Bett seiner Frau, blickt sie an und gestikuliert mit den Händen, als wenn er etwas sagen wollte.

Luka: Was denn, Bruder?

Kleschtsch  leise: Nichts … Geht langsam zu der Tür nach dem Hausflur, bleibt ein paar Sekunden vor ihr stehen und schreitet dann hinaus.

Luka  folgt im mit dem Blick: Deinen Mann scheint's recht schwer zu drücken …

Anna: Ich habe nichts mehr … mit ihm zu schaffen …

Luka: Hat er dich geschlagen?

Anna: Und wie! … Er hat mich … so weit gebracht …

Bubnow: Meine Frau … hatte mal 'n Liebhaber; der hat ganz famos Dame gespielt, der Bengel …

Medwedew: Hm …

Anna: Großväterchen! Sprich mit mir, mein Lieber … es ist mir so bange …

Luka: Das hat nichts zu sagen! Das überkommt einen so vorm Tode, mein Täubchen. Hat nichts zu sagen, meine Liebe. Hab nur Vertrauen … Du wirst nun sterben, siehst du – und dann hast du Ruhe … Brauchst dann vor nichts mehr Angst zu haben – vor gar nichts! So still wird's sein, so friedlich … und du liegst ganz ruhig da! Der Tod besänftigt alles … Er meint's gut mit uns … Erst in der Truhe findest du Ruhe, heißt es … und 's ist richtig, meine Liebe! Wo soll denn ein Mensch hier sonst Ruhe finden? Pepel tritt ein – ein wenig angetrunken, zerzaust und mürrisch; er setzt sich auf die Pritsche neben der Tür und sitzt schweigend, ohne sich zu rühren, da.

Anna: Und ist denn dort … auch so viel Qual?

Luka: Gar nichts ist dort! Glaub mir's: gar nichts ist! Friede wird sein –weiter nichts! Vor den Herrn werden sie dich führen und werden sagen: Sieh, o Herr – Deine Magd Anna ist gekommen …

Medwedew  streng: Wie kannst du wissen, was sie dort sagen werden? Hört mal, du … Pepel hebt beim Klang von Medwedews Stimmen den Kopf empor und lauscht.

Luka: Ich weiß es eben, Herr Wachtmeister …

Medwedew  sanfter: Hm – ja! Na, das ist schließlich deine Sache … das heißt … Wachtmeister bin ich nicht …

Bubnow: Zwei Steine schlag ich …

Medwedew: Ach du … daß dich …

Luka: Und der Herr wird dich mild und freundlich anschauen und wird sagen: Ich kenne diese Anna! Nun, wird er sagen: Führt sie fort, die Anna – ins Paradies! Mag sie da Frieden finden … ich weiß, ihr Leben war sehr mühselig … sie ist sehr müde … laßt sie ausruhen, die Anna …

Anna: Großväterchen … du, mein Lieber … wenn's doch so wäre … wenn ich dort … Frieden fände … und gar nichts mehr … fühlte …

Luka: Nichts wirst du fühlen! Gar nichts wird sein! Glaub's nur! In Freuden kannst du sterben, ohne Angst … der Tod, sag ich dir, ist für uns wie eine Mutter für ihre kleinen Kinder …

Anna: Aber … vielleicht … werd ich wieder gesund?

Luka  lächelnd: Wozu? Zu neuer Qual?

Anna: Ich möcht doch noch … ein Weilchen leben … ein ganz kleines Weilchen … Wenn's dort keine Qual gibt … könnt ich am Ende hier noch ein wenig dulden …

Luka: Nichts wird dort sein … gar nichts …

Pepel  erhebt sich: Kann richtig sein … kann auch falsch sein!

Anna:  zusammenfahrend: O Gott …

Luka: Ah, mein schöner Junge …

Medwedew: Wer brüllt denn da?

Pepel  auf ihn zutretend: Ich! Was gibt's?

Medwedew: Sei hier nicht so laut, verstanden? Der Mensch muß sich ruhig verhalten …

Pepel: Ach … Dummerjahn! Noch dazu der Onkel … ho ho!

Luka  zu Pepel, leise: Hör mal, du – schrei nicht! Hier stirbt eine Frau … ganz fahl sind ihre Lippen schon … stör sie nicht!

Pepel: Weil du's sagst, Großvater, will ich folgen. Bist 'n Prachtkerl, Alter! Flunkerst ganz famos … erzählst angenehme Märchen! Flunkre nur immer weiter, Bruderherz … 's gibt so wenig Angenehmes auf der Welt …

Bubnow: Stirbt sie wirklich?

Luka: Meinst du, sie spaßt? …

Bubnow: Dann wird endlich das Husten aufhören … War zu störend, ihr ewiges Külstern … Zwei nehm ich …

Medwedew: Ach … daß es dich mitten ins Herz trifft!

Pepel: Abram …

Medwedew: Ich bin für dich kein Abram …

Pepel: Abraschka, sag mal – ist Natascha noch krank?

Medwedew: Was kümmert's dich?

Pepel: Nee, sag doch: hat sie die Wassilissa wirklich so arg geprügelt?

Medwedew: Auch das geht sich nichts an … Das ist 'ne Familienangelegenheit … Wer bist du überhaupt, he?

Pepel: Mag ich sein, wer ich will – aber wenn mir's beliebt, kriegt ihr eure Nataschka nie mehr zu sehn!

Medwedew  das Spiel abbrechend: Was sagst du? Von wem redest du da? Meine Nichte sollte … ach, du Spitzbube!

Pepel: Ein Spitzbube – den du noch nicht gefangen hast! …

Medwedew: Wart! Ich werde dich schon fassen … Sehr bald werde ich dich haben …

Pepel: Immerzu! Dann soll's eurem ganzen Nest hier schlecht gehen. Meinst wohl, ich werde das Maul halten vorm Untersuchungsrichter? Da bist du schief gewickelt! Wer hat dich zum Diebstahl angestiftet? Werden sie fragen – wer hat die Gelegenheit ausbaldowert? Mischka Kostylew und seine Frau! Und wer hat das Gestohlenen abgenommen? Mischka Kostylew und seine Frau!

Medwedew: Da lügst du! Kein Mensch wird's dir glauben!

Pepel: Sie werden's schon glauben – weil's nämlich die Wahrheit ist! Auch dich bring ich in die Patsche … ja! Alle sollt ihr ran, ihr Teufelsbande – wirst schon sehen!

Medwedew  fassungslos: Schwatz doch nicht! Rede keinen Unsinn! Was hab ich dir denn … Böses getan? Hund verrückter …

Pepel: Und was hast du mir Gutes getan?

Luka: Ganz recht …

Medwedew: Was quarrst du? Hast du dich reinzumischen? Hier handelt sich's um 'ne Familienangelegenheit …

Bubnow  zu Luka: Laß sie doch! Uns beiden geht's ja nicht an den Kragen …

Luka  sanft: Ich sag auch nichts weiter! Ich meine nur, wenn ein Mensch dem andern nichts Gutes tut – dann handelt er eben schlecht an ihm …

Medwedew,  der Lukas Worte nicht verstanden hat: Seh doch einer! Wir kennen uns hier alle mit'nander … und du – wer bist du denn? Rasch ab mit wütendem Schnauben.

Luka: Ist böse geworden, der Herr Kavalier … oho! Recht sonderbar, Brüder, scheinen hier eure Sachen zu liegen …

Pepel: Jetzt läuft er zur Wassilissa, er will sich beklagen …

Bubnow: Mach keine Dummheiten, Wassilij! Willst hier den Tapfern rausbeißen … Tapferkeit, mein Sohn, ist gut, wenn du in 'n Wald gehst, nach Pilzen … Hier richtest du nichts damit aus … Sie nehmen dich beim Wickel, eh du dich versiehst …

Pepel: Das wollen wir sehen! Wir Jaroslawer Jungen sind viel zu schlau, uns fängt man nicht so mit bloßen Händen … Wollt ihr Krieg haben – schön, dann werden wir Krieg führen …

Luka: Es wäre wirklich besser, Junge, du gingest fort von hier …

Pepel: Wohin denn? Sag mal …

Luka: Geh … nach Sibirien!

Pepel: He he! Nee, da wart ich doch lieber, bis sie mich auf Staatskosten hinschicken …

Luka: Nein, wirklich, folge mir! Geh hin! Kannst dort deinen Weg machen … Man braucht dort solche Jungen, wie du einer bist!

Pepel: Mir ist mein Weg vorgezeichnet! Mein Vater hat sein Lebtag in den Gefängnissen gesessen, und das hat er mir vermacht … Wie ich noch ganz klein war, nannten mich die Leute schon Dieb und Spitzbubenjunge.

Luka: Ein schönes Land – Sibirien! Ein goldnes Land! Wer gut bei Kräften ist und nicht auf 'n Kopf gefallen, der fühlt sich dort – wie die Gurke im Frühbeet!

Pepel: Sag mal, Alter – warum lügst du immer?

Luka: Wie?

Pepel: Bist wohl taub geworden? Warum du lügst, frag ich …

Luka: Wann hab ich gelogen?

Pepel: In einem fort lügst du … Dort ist's nach deiner Meinung schön, hier ist 's schön … Es ist doch nicht wahr! Warum lügst du also?

Luka: Glaub mir! Oder geh hin, überzeug dich … Wirst mir Dank wissen … Was drückst du dich hier um? Und … warum bist du so auf Wahrheit erpicht? Überleg's doch: die Wahrheit – die kann für sich zur Schlinge werden …

Pepel: Laß sie zur Schlinge werden … Mir ist's gleich …

Luka: Bist doch 'n Sonderling! Warum willst du selbst den Hals hineinstecken?

Bubnow: Was schwatzt ihr beiden eigentlich? Versteh euch nicht … Was für 'ne Wahrheit tut dir not, Wasjka? Wozu soll sie dir? Die Wahrheit über dich selber – die kennst du doch … und alle Welt kennt sie …

Pepel: Halt den Schnabel, krächze nicht! Er soll mir erst sagen … hör mal, Alter – gibt's einen Gott? Luka lächelt und schweigt.

Bubnow: Die Menschen sind wie die Späne, die der Strom wegträgt … Das Haus steht fertig da … aber die Späne sind weg …

Luka  leise: Wenn du an ihn glaubst – gibt's einen; glaubst du nicht, dann gibt's keinen … Woran du glaubst – das gibt's … Pepel blickt schweigend, in starrem Erstaunen, auf den Alten.

Bubnow: Ich geh jetzt Tee trinken … kommt ihr mit in die Schenke? He?

Luka  zu Pepel: Was guckst du?

Pepel: So … Sag mal – du meinst also …

Bubnow: Na, dann geh ich allein … Ab nach der Tür, in der er auf Wassilissa stößt.

Pepel: Du meinst also … daß …

Wassilissa  zu Bubnow: Ist Natascha zu Hause?

Bubnow: Nein. Ab.

Pepel: Ah … da bist du ja …

Wassilissa  an Annas Lager tretend: Ist sie noch am Leben?

Luka: Stör sie nicht!

Wassilissa  nähert sich der Tür zu Pepels Kammer: Wassilij! Ich habe mit dir zu reden … Luka geht nach der Tür zum Hausflur, öffnet sie und schließt sie wieder geräuschvoll. Dann steigt er vorsichtig auf die Pritsche und von da auf den Ofen.

Wassilissa  aus Pepels Kammer: Wasja, komm her!

Pepel: Ich komme nicht … ich will nicht …

Wassilissa: Was ist denn? Was bist du so böse?

Pepel: Langweilig ist's … die ganze Wirtschaft hier hab ich satt …

Wassilissa: Und mich … hast du auch satt?

Pepel: Auch dich … Wassilissa zieht das Tuch, das ihrer Schultern bedeckt, fest an und preßt die Arme gegen die Brust. Sie tritt zu Annas Bett, blickt vorsichtig hinter den Vorhang und kehrt dann zu Pepel zurück.

Pepel: Na … so rede …

Wassilissa: Was soll ich reden? Zur Liebe läßt sich keiner zwingen … meine Art ist's nicht, um Liebe zu betteln … Ich dank dir für deine Aufrichtigkeit …

Pepel: Aufrichtigkeit?

Wassilissa: Na ja … du sagst, du hast mich satt … oder ist's nicht wahr? Pepel sieht sie schweigend an.

Wassilissa  rückt näher an ihn heran: Was guckst du? Du siehst mich wohl nicht?

Pepel  tief Atem holend: Schön bist du, Wasjka … Wassilissa legt den Arm um seinen Hals; er schüttelt ihren Arm mit einer Schulterbewegung ab. Und doch hat mein Herz dir nie gehört … Ich hab mit dir gelebt, und so weiter … aber wirklich geliebt hab ich dich nie …

Wassilissa  leise: So … o … Nu … un …

Pepel: Nun hätten wir nichts weiter zu reden mit'nander! Gar nichts weiter … laß mich ungeschoren …

Wassilissa: Hast an einer andern Gefallen gefunden?

Pepel: Das geht dich nichts an … Wenn's so wäre – dich nehm ich doch nicht zur Brautwerberin …

Wassilissa  mit vielsagender Miene: Wer weiß … vielleicht könnt ich ein Wort für dich einlegen …

Pepel  mißtrauisch: Bei wem denn?

Wassilissa: Du weißt, wen ich meine … verstell dich doch nicht! Ich rede gern von der Leber weg … Leiser. Ich will dir's nur sagen … du hast mich tief gekränkt … mir nichts, dir nichts hast du mir 'nen Hieb versetzt, wie mit der Peitsche … Sagtest immer, du liebst mich, und mit einemmal …

Pepel: Mit einemmal? Ganz und gar nicht … Schon lange hab ich so gedacht … du hast keine Seele, Weib … Eine Frau muß 'ne Seele haben … Wir Männer sind Tiere … wir kennen's nicht anders … uns muß man erst anlernen zum Guten … und du, wozu hast du mich angelernt? …

Wassilissa: Was war, das war … Ich weiß, der Mensch ist nicht frei in seinem Innern … Liebst du mich nicht mehr – schön! Es soll mir recht sein …

Pepel: Na also! Abgemacht! Wir trennen uns in Freundschaft, ohne Zank und Streit … wunderschön!

Wassilissa: Halt, nicht so rasch! Während all der Zeit, die ich mit dir lebte … wartete ich immer, ob du mir nicht heraushelfen würdest … aus dem Sumpf hier … ob du mich nicht von meinem Manne, vom Onkel … von diesem ganzen Leben hier befreien würdest … Und vielleicht hab ich dich gar nicht geliebt, Wasja … vielleicht liebte ich in dir nur … meine eigne Hoffnung, meinen Traum … Verstehst du? Ich hatte gehofft, du würdest mich herausziehen …

Pepel: Bist doch kein Nagel, und ich bin keine Zange … Ich dachte selber, du würdest mit deiner Schlauheit … denn schlau bist du und gewandt …

Wassilissa  neigt sich dicht über ihn: Wasja! Wir wollen uns gegenseitig helfen …

Pepel: Wie denn?

Wassilissa  leise, doch mit Nachdruck: Meine Schwester gefällt dir, ich weiß es …

Pepel: Dafür schlägst du sie auch so grausam! Das sag ich dir, Wasja: rühr sie nicht mehr an!

Wassilissa: So wart doch! Nicht so hitzig! Es läßt sich alles in Ruhe abmachen, im Guten … Heirate sie, wenn du willst! Ich gebe dir noch Geld dazu … dreihundert Rubel! Treib ich mehr auf, geb ich dir noch mehr …

Pepel  rückt auf seinem Platz hin und her: Halt mal … wie meinst du das? Wofür?

Wassilissa: Befreie mich von meinem Manne! Nimm diese Last von mir …

Pepel  pfeift leise: Ei, si–ieh doch! Das hast du dir schlau ausgedacht … Der Mann ins Grab, der Liebhaber in die Zwangsarbeit, und du selber …

Wassilissa: Aber Wasja! Warum denn Zwangsarbeit? Du brauchst doch nicht selbst … deine Kameraden! Und wenn du's auch selber tust – wer erfährt's denn? Natascha wird die Deine … bedenke doch! Geld wirst du haben … wirst wegziehen von hier, irgendwohin … Mich erlösest du für immer … und auch für die Schwester wird's gut sein, daß sie von mir fortkommt. Ich kann sie nicht sehen, ohne rasend zu werden … ich hasse sie deinetwegen … und kann mich nicht beherrschen … Ich schlage sie so hart, daß ich selber vor Mitleid mit ihr weine … Aber – ich schlage sie eben. Und ich werde sie weiter schlagen!

Pepel: Bestie! Rühmst dich noch deiner Roheit!

Wassilissa: Ich rühme mich nicht – nur die Wahrheit sag ich. Denk dran, Wasja, schon zweimal hast du wegen meines Alten gesessen … wegen seiner Habgier … Wie 'ne Wanze hat er sich an mir festgesogen … vier Jahre schon saugt er an mir! Einen solchen Mann zu haben! Und auch Natascha quält er, verhöhnt sie, nennt sie eine Bettlerin! Das reine Gift ist er – für uns alle …

Pepel: Wie schlau du das ausgeheckt hast …

Wassilissa: Ausgeheckt? Was ich sage, ist doch ganz klar … nur ein Dummkopf kann nicht begreifen, was sich will … Kostylew tritt behutsam ein und schleicht leise vorwärts.

Pepel  zu Wassilissa: Na … geh schon!

Wassilissa: Überleg dir's! Sieht ihren Mann. Was gibt's? Bist mir wohl nachgeschlichen? Pepel springt auf und blickt Kostylew wild an.

Kostylew: Jawohl … ich bin's … ich bin's … Und ihr seid hier ganz allein? Ah, ah … habt 'n bißchen geplaudert? Stampft plötzlich mit den Füßen auf und kreischt laut. Zu Wassilissa. Wasjka … Du Bettlerin! Du gemeines Luder! Erschrickt vor seinem eigenen Geschrei, dem nur lautloses Schweigen antwortet. Verzeih mir, o Herr … Schon wieder hast du mich zur Sünde verleitet, Wassilissa … Ich suche dich überall … Quiekend. 's ist Zeit zum Schlafengehen! Hast kein Öl ins Lämpchen gegossen … ach, du! Bettlerin, Schlumpe … Streckt ihr drohend die zitternden Fäuste entgegen. Wassilissa geht langsam nach der Tür zum Hausflur und sieht sich dabei nach Pepel um.

Pepel  zu Kostylew: Du! Geh deiner Wege … scher dich …

Kostylew  schreit: Ich bin hier der Herr! Scher dich selbst hinaus, verstanden? Spitzbube du?

Pepel  dumpf: Geh deiner Wege, Mischka …

Kostylew: Wag's nicht! Sonst soll … sonst will ich … Pepel faßt ihn am Kragen und schüttelt ihn. Von Ofen her hört man lautes Geräusch und vernehmliches Gähnen. Pepel läßt Kostylew los; dieser läuft schreiend zur Tür hinaus, in den Hausflur.

Pepel  springt auf die Pritsche: Wer ist da … wer ist auf dem Ofen?

Luka  streckt den Kopf vor: Was gibt's?

Pepel: Du bist es?

Luka  gelassen: Ich bin's … ich selbst … Ach, Herr Jesus Christus!

Pepel  schließt die Tür zum Hausflur, sucht den Riegel und findet ihn nicht: Ach, zum Teufel … kriech runter, Alter!

Luka: Gleich will ich … runterkriechen …

Pepel  barsch: Warum bist du auf den Ofen geklettert?

Luka: Wohin sollt ich sonst gehen?

Pepel: Du bist doch in den Hausflur gegangen?

Luka:: 's war mir im Hausflur zu kalt, Brüderchen … bin ein alter Mann …

Pepel: Hast du … gehört?

Luka: Freilich hab ich gehört! Wie sollt ich nicht hören? Bin doch nicht taub! Ach, Junge, du hast Glück … wirklich Glück hast du !

Pepel  mißtrauisch: Was für Glück?

Luka: Na, daß ich auf'n Ofen geklettert bin … das war dein Glück …

Pepel: Warum hast du so herumgepoltert?

Luka: Weil mir da so heiß wurde … zu deinem Glück, mein Sohn … Und dann dacht ich: Wenn der Junge nur keine Dummheit macht … und den Alten erwürgt …

Pepel: Ja–a … ich hätt's fertiggebracht … ich hasse ihn …

Luka: 's wär gar kein Wunder … Nichts leichter, als das … Kommt häufig vor, solch eine Dummheit …

Pepel  lächelnd: Hm? Hast auch schon mal … solch eine Dummheit gemacht? …

Luka: Hör, mein Junge, was ich dir sage: dieses Weib, das halte dir vom Leibe! Um keinen Preis laß sie dir nahe kommen … Ihren Mann wird sie sich schon selbst vom Leibe schaffen … noch geschickter, als du es könntest, ja! Hör nicht auf das Satansweib! Sieh mich an: Ganz kahlköpfig bin ich … Und wovon? Einzig und allein von den Weibern … Hab ihrer vielleicht mehr gekannt, dieser Weiber, als ich Haare auf dem Kopfe hatte … Und diese Wassilissa … ist schlimmer als die Pest …

Pepel: Ich weiß nicht … soll ich dir danken, oder … hast auch du …

Luka: Rede nicht weiter! Tu, was ich dir sage! Hast du hier ein Mädel, das dir gefällt – dann nimm's bei der Hand, und marsch alle beide, fort von hier! Nur weg, recht weit weg …

Pepel  düster: Man kennt sich nicht aus in den Menschen! Wer gut ist, wer Böse … nichts läßt sich mit Bestimmtheit sagen! …

Luka: Was ist da viel zu sagen? Der Mensch lebt bald so, bald so … wie sein Herz gestimmt ist, so lebt er …heut ist er gut, morgen böse. Und wenn jenes Mädchen dir wirklich am Herzen liegt – dann zieh mit ihr fort, abgemacht … Oder geh allein … Bist jung, hast noch Zeit genug, dir ein Weib zu nehmen …

Pepel  faßt ihn an der Schulter: Nein, sag doch – warum du das alles …

Luka: Wart! Laß mich los … will nach der Anna sehn … sie hat so geröchelt … Tritt an Annas Lager, schlägt den Vorhang zurück, blickt die Daliegende an und berührt sie mit der Hand. Pepel beobachtet ihn mit nachdenklicher, unsicherer Miene. Jesus Christus, Allgütiger! Nimm die Seele deiner eben verstorbenen Magd Anna in Frieden zu dir …

Pepel  leise: Ist sie tot? Reckt sich empor und blickt, ohne näher zu treten, nach Annas Lager.

Luka  leise: Geendet ist ihre Qual! Und wo ist denn ihr Mann?

Pepel: In der Schenke jedenfalls …

Luka: Man muß es ihm sagen …

Pepel  zusammenschauernd: Ich liebe die Toten nicht.

Luka  geht auf die Tür zu: Warum sollte man sie auch lieben? Die Lebenden muß man lieben … die Lebenden …

Pepel: Ich gehe mit dir …

Luka: Fürchtest dich wohl?

Pepel: Ich liebe sie nicht … Geht hastig mit Luka hinaus. Die Bühne bleibt eine kurze Weile leer. Hinter der Tür zum Hausflur vernimmt man ein dumpfes, wirres, seltsames Geräusch, dann tritt der Schauspieler ein.

Der Schauspieler  bleibt, ohne die Tür zu schließen, auf der Schwelle stehen und schreit, während er sich mit den Händen an den Türpfosten festhält: Alterchen! Luka! He, wo steckst du? Jetzt ist mir's eingefallen … hör mal! Tritt schwankend zwei Schritte vor, setzt sich in Positur und deklamiert.

Und wenn die Sonne aus dem Weltenraum
Ihr Licht der Erde fürder nicht mag senden,
Dann heil dem Toren, dessen goldner Traum
Der Menschheit einen Schimmer doch wird spenden!

Natascha erscheint hinter dem Schauspieler in der Tür.

Der Schauspieler  fährt fort: Alter … hör zu!

Und sollt einmal die Welt aus ihrer Bahn
Auf ihrem Weg zur Wahrheit auch entgleisen,
So wird ein Tor mit seinem lichten Wahn
Der Irrenden die rechten Pfade weisen …

Natascha  lacht: seht doch die Vogelscheuche! Hat der wieder mal 'nen Affen …

Der Schauspieler  dreht sich nach ihr um: A–ah, du bist es! Und wo ist denn unser Alter? Unser liebes, gutes Alterchen? Kein Mensch scheint … zu Hause zu sein … Natascha, leb wohl! Leb wohl – ja!

Natascha  tritt näher: hast mich noch nicht mal begrüßt, und nimmst schon Abschied …

Der Schauspieler  tritt ihr in den Weg: Ich geh fort von hier … ich verreise … Sobald der Frühling ins Land kommt – geh ich auf und davon …

Natascha: Laß mich gehen … Wohin verreist du denn?

Der Schauspieler: Eine Stadt will ich suchen gehen …kurieren will ich mich … Auch du geh hier fort … Ophelia … geh in ein Kloster! … Es gibt nämlich, verstehst du, eine Heilanstalt für Organismen … für Trunkenbolde sozusagen …eine ausgezeichnete Heilanstalt … alles Marmor …marmorner Fußboden! Licht … Sauberkeit … Kost – alles umsonst! Und marmorner Fußboden, ja! Ich werde sie finden, diese Stadt, werde mich auskurieren lassen und … ein neues Leben beginnen … Ich bin auf dem Wege zur Wiedergeburt … wie König Lear sagt! Weißt du auch, Natascha … wie ich mit meinem Bühnennamen heiße? Swertschkow-Sawolschskij heiß ich … kein Mensch weiß das hier, kein Mensch! Hier bin ich namenlos … begreifst du wohl, wie kränkend das ist – seinen Namen zu verlieren? Selbst Hunde haben ihre Namen … Natascha geht leise an dem Schauspieler vorüber, bleibt an Annas Lager stehen und blickt auf die Tote.

Der Schauspieler: Namenlos … ausgestrichen aus dem Buch des Lebens …

Natascha: Sieh doch … die Ärmste … sie ist tot …

Der Schauspieler kopfschüttelnd: Nicht möglich …

Natascha  tritt zur Seite: Bei Gott … sieh doch …

Bubnow  in der Tür: Was gibt's denn da zu sehen?

Natascha: Anna … ist gestorben!

Bubnow: Hat also aufgehört zu husten. Tritt an Annas Bett, schaut eine Weile auf die Tote und geht dann an seinen Platz. Man muß es Kleschtsch sagen … ihn geht's an …

Der Schauspieler: Ich geh … will's ihm sagen … Auch die ist jetzt namenlos! Ab.

Natascha  mitten im Zimmer, halb für sich: Auch ich werde … einmal so … ganz unversehens enden …

Bubnow  breitet auf seiner Pritsche eine zerlumpte alte Decke aus: Was ist? Was brummst du da?

Natascha: Nichts … nur so für mich …

Bubnow: Erwartest wohl den Wasjka? Nimm dich in acht, dieser Wasjka … schlägt dir noch mal den Schädel ein …

Natascha: Ist's nicht gleich, wer ihn mir einschlägt? Dann mag er's schon lieber tun …

Bubnow  legt sich nieder: Wie du willst … was geht's mich an?

Natascha: 's ist wohl das Beste für sie … daß sie gestorben ist … Kann einem wirklich leid tun … Du lieber Gott! … Warum lebt man nun?

Bubnow: Das ist mal 'ne Frage – man lebt eben! Man wird geboren, lebt eine Zeitlang und stirbt. Auch ich werde sterben … auch du wirst sterben … was heißt da leid tun? Luka, der Tatar, Schiefkopf und Kleschtsch treten ein. Kleschtsch geht, in gedrückter Haltung, zögernd hinter den anderen her.

Natascha: S–ßt! Anna …

Schiefkopf: Wir haben schon gehört … Gott habe sie selig …

Der Tatar  zu Kleschtsch: Sie muß rausgebracht werden! In 'n Hausflur muß sie geschafft werden! Hier ist kein Platz für Tote, nur Lebende dürfen hier schlafen …

Kleschtsch  leise: Wir bringen sie gleich raus … Alle treten an das Bett. Kleschtsch betrachtet seine Frau über die Schultern der anderen hinweg.

Schiefkopf  zum Tataren: meinst, sie wird riechen? Die riecht nicht … Die ist schon bei Lebzeiten ganz ausgetrocknet …

Natascha: Du lieber Gott! Habt doch Erbarmen … wenn doch jemand ein Wort sagen wollte! Ach, ihr seid wirklich …

Luka: Nimm's nicht für ungut, meine Tochter … hat nichts zu sagen! Wie sollen wir mit den Toten Erbarmen haben? Wir haben's doch nicht mal mit den Lebenden … nicht mal mit uns selbst, meine Liebe! Was denkst du?!

Bubnow  gähnt: Ein Wort sagen … wenn sie tot ist – hilft ihr kein Wort mehr … Gegen Krankheit gibt's gewisse Worte, gegen den Tod nicht!

Der Tatar  zur Seite tretend: Der Polizei muß man's melden …

Schiefkopf: Natürlich – das ist Vorschrift! Kleschtsch! Hast du's schon gemeldet?

Kleschtsch: Nein … Nun kommt das Begräbnis, und ich hab nur vierzig Kopeken in der Tasche …

Schiefkopf: So borg doch … oder wir machen 'ne Sammlung … jeder gibt, was er kann, der so viel, der so viel … Aber nu rasch zur Polizei, melde es! Sonst denken sie am Ende, du hast dein Weib totgeschlagen … oder sonst was . Geht nach der Pritsche, auf der bereits der Tatar liegt, und schickt sich an, sich neben diesen zu legen.

Natascha  tritt an Bubnows Pritsche heran: Nun werde ich von ihr träumen … ich träume immer von Toten …Ich fürcht mich allein … im Hausflur ist's so dunkel …

Luka  folgt ihr mit den Augen: Vor den Lebenden fürchte dich, das sag ich dir …

Natascha: Begleite mich, Großväterchen …

Luka: Komm … komm … ich begleite dich. Beide ab. Pause.

Schiefkopf  gähnt. Oh – oh – ach! Zum Tataren. Nu wird's bald Frühling, Hassan … Da gibt's wieder 'n bißchen Sonne für uns. Jetzt bringen die Bauern ihre Pflüge und Eggen in Ordnung … bald geht's aufs Feld hinaus … hm – ja! Und wir … Hassan? Er schnarcht ja schon! Mohammed verdammter!

Bubnow: Die Tataren haben 'nen gesunden Schlaf …

Kleschtsch  steht mitten im Quartier und starrt dumpf vor sich hin. Was soll ich jetzt anfangen?

Schiefkopf: Leg dich hin und schlaf! … Weiter nichts …

Kleschtsch  leise: Und … sie? Was soll … mit ihr geschehen? Niemand antwortet ihm. Satin und der Schauspieler treten ein.

Der Schauspieler  schreit: Alterchen! Zu mir, mein getreuer Kent!

Satin: Miklucha-Maclay … ho ho!

Der Schauspieler: Die Sache ist abgemacht! Alter, wo liegt die Stadt … wo bist du?

Satin: Fata Morgana! Der Alte hat dich beschwindelt … Es gibt keine solche Stadt! Keine Städte gibt's, keine Menschen gibt's … gar nichts gibt's überhaupt!

Der Schauspieler: Das lügst du, Kerl …

Der Tatar  springt auf: Wo ist der Wirt? Ich will zum Wirt! Wenn man hier nicht schlafen kann, soll er auch kein Geld verlangen … Tote … Betrunkene … Rasch ab. Satin pfeift hinter ihm her.

Bubnow  verschlafen: Legt euch schlafen, Kinder, macht keinen Lärm … Die Nacht ist zum Schlafen da …

Der Schauspieler: Richtig … wir haben ja hier … eine Tote! »Einen Toten haben wir gefischt mit unsern Netzen …« heißt es in einem … Chanson … von B–Béranger!

Satin  schreit: Die Toten hören nicht! Die Toten fühlen nicht! Schrei … brülle, soviel du willst … kein Toter hört dich! … In der Tür erscheint Luka.

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