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Gutenberg > Maxim Gorki >

Nachtasyl

Maxim Gorki: Nachtasyl - Kapitel 3
Quellenangabe
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typedrama
authorMaxim Gorki
titleNachtasyl
publisher
year
firstpub1902
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
created20090730
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Erster Aufzug

Ein höhlenartiger Kellerraum. Die massive, schwere Deckenwölbung ist von Rauch geschwärzt, ihr Kalkbewurf abgefallen. Das Licht fällt vom Zuschauer her auf die Bühne, und von oben nach unten, durch ein quadratisches Fenster auf der rechten Seite. Die rechte Ecke wird von Pepels Kammer eingenommen, die durch dünne Scheidewände von dem übrigen Raum abgetrennt ist; neben der Tür, die in diese Kammer führt, befindet sich Bubnows Pritsche. In der linken Ecke ein großer russischer Ofen; in der linken, massiven Wand die Tür zur Küche, in der Kwaschnja, der Baron und Nastja wohnen. Zwischen dem Ofen und der Tür an der Wand ein breites Bett, das ein unsauberer Kattunvorhang verbirgt. Überall an den Wänden Pritschen. Im Vordergrund an der Wand links ein Holzklotz mit einem Schraubstock und einem kleinen Amboß, die beide an dem Klotz befestigt sind; vor diesem ein zweiter, kleinerer Holzklotz, auf dem Kleschtsch vor dem Amboß sitzt. Er hat ein paar alte Schlösser in Arbeit, in die er Schlüssel einpaßt. Zu seinen Füßen zwei große Bunde verschiedener Schlüssel, die auf Drahtringe aufgereiht sind, ein verbogener blecherner Samowar, ein Hammer, Feilen. In der Mitte des Raumes ein großer Tisch, zwei Bänke, ein Hocker, alles ohne Anstrich und unsauber. Am Tische Kwaschnja, die sich am Samowar zu schaffen macht und die Hausfrau spielt, ferner der Baron, der an einem Stück Schwarzbrot kaut, und Nastja, die auf einem Hocker sitzt, sich mit den Ellbogen auf den Tisch stützt und in einem zerfetzten Buch liest. Auf dem Bett, hinter dem Vorhang, liegt Anna, die man häufig husten hört. Bubnow sitzt auf seiner Pritsche, mißt auf einer Holzform für Mützen, die er zwischen den Knien hält, ein paar alte, zertrennte Beinkleider ab und überlegt, wie er sie zu Mützen zuschneiden soll. Neben ihm eine zerbrochene Hutschachtel, die er zu Mützenschirmen zerschneidet, Stücke Wachsleinwand, Abfälle. Satin, der eben erwacht ist, liegt auf der Pritsche und brüllt. Auf dem Ofen liegt, dem Zuschauer unsichtbar, der Schauspieler, man hört ihn husten und hin und her rücken. Es ist Morgen, im Anfang des Frühlings.

 

Der Baron: Also weiter!

Kwaschnja: Nee, sag ich dir, mein Lieber – damit bleib mir hübsch weg! Ich kann ein Lied davon singen, sag ich dir … Nicht zehn Pferde bringen mich zum zweitenmal an den Traualtar!

Bubnow  zu Satin: Was grunzt du denn? Satin brüllt.

Kwaschnja: Ich um 'ne Mannsperson meine Freiheit verkaufen? Ich mich wieder an 'nen Kerl hängen – wo ich jetzt so dastehe, daß mir keiner was zu sagen hat? Fällt mir nicht im Traum ein! Und wenn's ein Prinz aus Amerika wäre – ich mag ihn nicht haben!

Kleschtsch: Du schwindelst ja!

Kwaschnja: Wa-as?

Kleschtsch: Schwindeln tust du. Den Abramka heiratest du …

Der Baron  nimmt Nastja das Buch weg, liest den Titel: »Verhängnisvolle Liebe« … Lacht.

Nastja  streckt die Hand nach dem Buche aus: Gib her! … Gib's zurück! Na … laß deine Späße! Der Baron sieht sie an und schwenkt dabei das Buch in der Luft.

Kwaschnja  zu Kleschtsch: Du bist es, der schwindelt, rothaariger Ziegenbock, du! Wie kannst du so frech mit mir reden?

Der Baron  gibt Nastja mit dem Buch einen Klaps auf den Kopf: Bist 'ne dumme Gans, Nastjka …

Nastja  nimmt ihm das Buch weg: Gib her! …

Kleschtsch  zu Kwaschnja: Was für 'ne große Dame … Und den Abramka heiratest du doch … zappelst nur so drauf …

Kwaschnja: Natürlich! Das fehlte mir grade … was denn noch? Und du – hast dein Weib da halb tot geprügelt –

Kleschtsch: Halt's Maul, alte Hexe! Was geht's dich an? …

Kwaschnja: Aha! Die Wahrheit kannst du nicht hören!

Der Baron: Jetzt geht's los! Nastja – wo bist du?

Nastja  ohne den Kopf zu heben: Was? Laß mich in Ruhe!

Anna  steckt den Kopf hinter dem Bettvorhang hervor: 's ist schon Tag. Um Gottes willen … schreit nicht … zankt euch nicht!

Kleschtsch: Da, sie greint wieder!

Anna:Jeden Tag, den Gott gibt, streitet ihr euch … Laßt mich wenigstens ruhig sterben!

Bubnow: Der Lärm hindert dich doch nicht am Sterben …

Kwaschnja  tritt an Annas Lager: Sag Mütterchen, wie hast du's nur mit solch einem Schuft aushalten können?

Anna:Laß mich in Frieden … laß mich …

Kwaschnja: Nun, nun! Du arme Duldnerin! … Wird's noch immer nicht besser mit deiner Brust?

Der Baron: 's ist Zeit, daß wir auf 'n Markt gehen, Kwaschnja! …

Kwaschnja: Gleich gehen wir. Zu Anna. Magst du ein paar heiße Pastetchen?

Anna:Nicht nötig … ich dank dir schön. Wozu soll ich noch essen?

Kwaschnja: Iß nur! Heißes Essen tut immer gut – es löst. Ich will sie dir in 'ne Tasse tun und beiseite stellen … wenn du Appetit bekommst, iß! Zum Baron. Gehen wir, gnädiger Herr! Zu Kleschtsch. Hu, du Satan … Ab in die Küche.

Anna  hustet: O Gott …

Der Baron  stößt Nastja leicht in den Nacken: Wirf doch die Schwarte weg … närrisches Ding!

Nastja  murmelt: Geh schon … ich bin dir doch nicht im Wege! Der Baron pfeift vor sich hin; ab hinter Kwaschnja.

Satin  richtet sich von seiner Pritsche auf: Wer hat mich eigentlich gestern verhauen?

Bubnow: Kann dir das nicht gleich sein?

Satin: Das schon … aber was war der Grund?

Bubnow: Habt ihr Karten gespielt?

Satin: Allerdings …

Bubnow: Dabei wird's wohl passiert sein …

Satin: Diese Schurken!

Der Schauspieler  auf dem Ofen, den Kopf vorstreckend: Einmal werden sie dich noch ganz totschlagen …

Satin: Und du bist ein Dummkopf!

Der Schauspieler: Ein Dummkopf? Wieso?

Satin: Na – zweimal können Sie mich doch nicht totschlagen!

Der Schauspieler  nach kurzem Schweigen: Versteh ich nicht – warum können sie das nicht?

Kleschtsch: Kriech vom Ofen runter und räum die Bude auf! Verzärtelst dich viel zu sehr …

Der Schauspieler: Das geht dich gar nichts an …

Kleschtsch: Wart … wenn Wassilissa kommt, die wird's dir besorgen …

Der Schauspieler: Der Teufel hole die Wassilissa! Heut muß der Baron aufräumen, er ist dran … Baron!

Der Baron  kommt aus der Küche herein: Hab keine Zeit … ich muß mit Kwaschnja auf den Markt …

Der Schauspieler: Das ist mir ganz gleich … geh meinetwegen zum Henker … aber die Stube mußt du ausfegen, du bist an der Reihe … Fällt mir nicht ein, mich für andere zu rackern …

Der Baron: Na, dann hol dich der Teufel! Nastenjka wird ausfegen … He, du – verhängnisvolle Liebe! Wach auf! Nimmt Nastja das Buch weg.

Nastja  erhebt sich: Was willst du? Gib her! Frecher Kerl! Das will 'n feiner Herr sein …

Der Baron  gibt ihr das Buch zurück: Du, Nastja, feg doch für mich aus – ja?

Nastja  geht nach der Küche ab: Das fehlte mir gerade … was denn sonst noch?

Kwaschnja  von der Küche her, durch die Tür; zum Baron: So komm doch endlich! Sie werden schon aufräumen, auch ohne dich … Wenn man dich drum bittet, mußt du's tun, Schauspieler! Wirst dir nicht gleich die Rippen brechen!

Der Schauspieler: Immer ich … hm … das versteh ich nicht …

Der Baron  trägt an einem Tragejoch zwei Körbe aus der Küche; in den Körben befinden sich bauchige Töpfe, die mit Zeuglappen bedeckt sind: 's ist heute recht schwer …

Satin: Es hat sich wirklich verlohnt, daß du als Baron zur Welt gekommen bist!

Kwaschnja  zum Schauspieler: Sieh schon zu, daß du ausfegst! Ab in den Hausflur, wohin sie den Baron vorausgehen läßt.

Der Schauspieler  kriecht vom Ofen herunter: Ich darf keinen Staub einatmen … das schadet mir. Selbstbewußt. Mein Organismus ist mit Alkohol vergiftete … Sitzt nachdenklich auf der Pritsche.

Satin: Organon … Organismus …

Anna  zu Kleschtsch: Andrej Mitritsch …

Kleschtsch: Was gibt's wieder?

Anna: Die Kwaschnja hat Pasteten für mich dagelassen … geh, iß du sie!

Kleschtsch  tritt näher an ihr Lager: Wirst du nicht essen?

Anna: Ich mag nicht … Wozu soll ich essen? Du arbeitest … du mußt essen …

Kleschtsch: Hast angst? Hab keine Angst … vielleicht wird's wieder gut …

Anna: Geh, iß! Mir ist so schwer ums Herz … es geht bald zu Ende …

Kleschtsch  entfernt sich von ihr: Nicht doch … vielleicht – stehst du wieder auf … 's ist schon vorgekommen! Ab in die Küche.

Der Schauspieler  laut, als wenn er plötzlich aus dem Traum erwacht: Gestern, im Krankenhaus, sagte der Doktor zu mir: Ihr Organismus ist durch und durch mit Alkohol vergiftet …

Satin  lächelt: Organon …

Der Schauspieler  mit Nachdruck: Nicht Organon, sondern Or–ga–nis–mus …

Satin: Sikambrer …

Der Schauspieler  mit abwehrender Handbewegung: Ach, Unsinn! Ich rede im Ernst – ja … Mein Organismus ist vergiftet … folglich schadet es mir, wenn ich die Stube ausfege … und den Staub einatme …

Satin: Makrobiotik … ha!

Bubnow: Was brummst du da?

Satin: Wörter … Dann gibt's noch ein Wort: Transzendental …

Bubnow: Was bedeutet das?

Satin: Weiß nicht … hab's vergessen …

Bubnow: Warum sagst du es also?

Satin: So … Unsere gewöhnlichen Wörter hab ich satt, mein Lieber … Jedes von ihnen hab ich wenigstens tausendmal gehört …

Der Schauspieler: »Worte, nichts als Worte!« heißt es im Hamlet. Ein großartiges Stück, der Hamlet! … Ich hab darin den Totengräber gespielt …

Kleschtsch  kommt aus der Küche: Wirst du nun bald mit dem Besen spielen?

Der Schauspieler: Das geht dich 'nen Quark an … Schlägt sich mit der Faust vor die Brust. Ophelia! Schließ in dein Gebet all meine Sünden ein! Hinter der Szene, irgendwo in der Ferne, läßt sich dumpfes Lärmen und Schreien und der Pfiff eines Polizisten vernehmen. Kleschtsch setzt sich an die Arbeit; man hört das Geräusch seiner Feile.

Satin: Ich liebe die seltsamen, unverständlichen Wörter … Als junger Mann … ich war damals beim Telegrafendienst … hab ich viele Bücher gelesen …

Bubnow: Telegrafist bist du auch gewesen?

Satin: Gewiß! Lächelt. Es gibt sehr schöne Bücher … und eine Menge interessanter Wörter … Ich war ein Mann von Bildung, verstehst du?

Bubnow: Hab's schon gehört … wohl hundertmal! Was einer war, darauf pfeift die Welt. Ich war zum Beispiel Kürschner … hab mein eigenes Geschäft gehabt … Meine Arme waren ganz gelb – von der Farbe, weißt du, wenn ich die Pelze färbte – ganz gelb, mein Lieber, bis an die Ellbogen ran! Ich dachte schon, ich würde sie mein Lebtag nicht mehr reinwaschen, sondern so, mit den gelben Händen ins Grab steigen … Na, und jetzt sind sie … einfach schmutzig … ja!

Satin: Und was weiter?

Bubnow: Weiter nichts …

Satin: Was willst du damit sagen?

Bubnow: Ich meine nur … beispielshalber … Mag sich einer von außen noch so bunt anmalen – es reibt sich alles wieder ab … alles wieder ab, ja!

Satin: Hm, die Knochen tun mir weh!

Der Schauspieler  sitzt da, die Arme um die Knie geschlungen: Bildung ist Unsinn, die Hauptsache ist Talent. Ich hab einen Schauspieler gekannt, der hat seine Rollen buchstabiert, aber spielen konnte er seine Helden, daß das Theater in den Fugen krachte … von der Begeisterung des Publikums …

Satin: Bubnow, gib mir 'n Fünfer!

Bubnow: Hab selber nur zwei Kopeken …

Der Schauspieler: Talent muß ein Heldenspieler haben, das behaupt ich. Talent – das ist der Glaube an sich selbst, an die eigne Kraft …

Satin: Gib mir 'nen Fünfer, und ich will dir's glauben, daß du ein Talent, ein Held, ein Krokodil, ein Reviervorsteher bist … Kleschtsch, gib 'nen Fünfer her!

Kleschtsch: Geh zum Teufel! Da könnte jeder kommen …

Satin: Schimpf doch nicht gleich! Ich weiß ja, du hast selber nichts …

Anna: Andrej Mitritsch … es ist so stickig … ich krieg keine Luft …

Kleschtsch: Was kann ich dazu tun?

Bubnow: Mach die Tür nach dem Hausflur auf!

Kleschtsch: Hast schön reden! Du sitzt auf der Pritsche, und ich auf der Erde … Laß mich mit dir tauschen, dann mach ich auf … Bin ohnedies erkältet …

Bubnow  in ruhigem Tone: Meinetwegen laß es … deine Frau bittet drum …

Kleschtsch  finster: Da könnte jeder kommen …

Satin: Der Schädel brummt mir … äh! Warum sich die Leute nur immer gegenseitig auf die Köpfe schlagen?

Bubnow: Sie schlagen sich nicht bloß auf die Köpfe, sondern auch auf die andern Körperteile. Erhebt sich. Ich muß mir Zwirn besorgen … Unsere Wirtsleute lassen sich heut so lange nicht sehen … sind am Ende verreckt! Ab. Anna hustet. Satin hat die Hände unter den Nacken geschoben und liegt unbeweglich da.

Der Schauspieler  schaut melancholisch um sich und tritt dann auf Anna zu: Wie steht's? Schlecht?

Anna: So stickig ist's hier …

Der Schauspieler: Ich führ dich in den Hausflur, wenn du willst. Steh auf. Er hilft der Kranken, die sich vom Lager aufrichtet, wirft ihr ein altes Tuch um die Schultern und stützt sie, während sie in den Hausflur wankt. Nun, nun … immer Mut! Auch ich bin ein kranker Mensch … bin mit Alkohol vergiftet. Kostylew tritt ein.

Kostylew  in der Tür: 'nen Spaziergang machen? Was für ein schmuckes Pärchen – der Bock mit der Zicke! …

Der Schauspieler: Tritt auf die Seite … siehst du nicht, daß hier Kranke kommen?

Kostylew: Bitte, geht vorüber. Die Melodie eines Kirchenliedes vor sich hinsummend, hält er mißtrauisch Umschau in dem Keller und neigt den Kopf nach links, als wollte er etwas in Pepels Kammer belauschen. Kleschtsch klappert wütend mit den Schlüsseln und feilt heftig darauf los, wobei er den Wirt mit finstern Blicken beobachtet. Na, raspelst du fleißig?

Kleschtsch: Was?

Kostylew: Ob du fleißig raspelst, frag ich … Pause. Hm – ja, was wollt ich doch gleich sagen? Hastig, mit leiser Stimme. War meine Frau nicht da?

Kleschtsch: Hab sie nicht gesehen …

Kostylew  nähert sich behutsam der Tür von Pepels Kammer: Wieviel Platz du mir wegnimmst für deine zwei Rubel monatlich! Das Bett dort … du selber sitzt ewig hier – n-ja! Wenigstens für fünf Rubel Raum, bei Gott! Ich werde dich um 'nen halben Rubel steigern müssen …

Kleschtsch: Leg mir doch gleich 'nen Strick um den Hals … und erwürg mich! Wirts bald krepieren und denkst nur ans Geldmachen …

Kostylew:: Warum soll ich dich erwürgen? Wer hätte davon einen Nutzen? Lebe in Gottes Namen und sei vergnügt … Ich steigre dich um 'nen halben Rubel, kaufe Öl für die heilige Lampe – und mein Opfer wird brennen vor dem Heiligenbilde … zur Vergebung meiner Sünden und auch der deinigen … du selber denkst doch nie an deine Sünden, siehst du … Ach, Andrjuschka, was für ein schlechter Kerl bist du doch! Deine Frau hat die Auszehrung gekriegt, so hast du ihr zugesetzt … kein Mensch hat dich gern, kein Mensch achtet dich … deine Arbeit ist so geräuschvoll, für jedermann störend …

Kleschtsch  schreit: Bist du gekommen … um auf mich loszuhacken? Satin brüllt laut.

Kostylew  fährt zusammen: Ach …was fällt dir ein, mein Lieber!

Der Schauspieler  kommt herein: Im Hausflur hab ich sie untergebracht, die arme Frau … hab sie hübsch eingemummelt …

Kostylew: Was für ein guter Mensch du bist! Sehr löblich von dir … Wird dir alles vergolten werden …

Der Schauspieler: Wann?

Kostylew: Im Jenseits, Brüderchen … Dort wird über alles, über jede unsrer Handlungen genau Rechnung geführt …

Der Schauspieler: Wie wär's, wenn du mich schon hier für mein gutes Herz belohntest?

Kostylew: Wie könnt ich das?

Der Schauspieler: Laß mir die Hälfte meiner Schuld nach …

Kostylew: He, he! Mußt immer deine Späßchen machen, kleiner Schäker, immer necken! … Kann man Herzensgüte überhaupt mit Geld bezahlen? Herzensgüte steht höher als alle Schätze dieser Welt. Na, und deine Schuld – ist eben eine Schuld! Die mußt du einfach begleichen … Herzensgüte mußt du mir altem Manne unentgeltlich erweisen.

Der Schauspieler: Bist 'n Filou, alter Mann … Ab in die Küche. Kleschtsch erhebt sich und geht in den Hausflur.

Kostylew  zu Satin. Wer ging da eben fort? Der Raspler? Er kann mich nicht leiden, he he …

Satin: Wer könnte dich leiden – außerm Teufel …

Kostylew  lächelt spöttisch: Du mußt nicht gleich schimpfen! Ich hab euch doch alle so gern … meine lieben Brüderchen, ihr meine Galgenvögel und Taugenichtse … Plötzlich, rasch. Sag mal … ist Wasjka zu Hause?

Satin: Sieh nach …

Kostylew  geht nach der Tür von Wasjkas Kammer und klopft: Wasjka! Der Schauspieler erscheint in der Tür, die nach der Küche führt; er kaut irgend etwas.

Pepel: Wer ist da?

Kostylew: Ich bin's … ich, Wasjka …

Pepel: Was willst du?

Kostylew  zurücktretend: Mach mal auf …

Satin  ohne Kostylew anzusehen: Er würde schon aufmachen, aber … sie ist drin … Der Schauspieler räuspert sich.

Kostylew  unruhig, leise: He? Wer ist drin? Was … sagst du?

Satin: Hm? Sprichst du zu mir?

Kostylew: Was sagtest du?

Satin: Nichts weiter … nur so … für mich …

Kostylew: Nimm dich in acht, mein Lieber! Laß deine Späße … ja! Klopft langsam an die Tür. Wassilij! …

Pepel  öffnet die Tür: Na, warum störst du mich?

Kostylew  guckt in Pepels Kammer: Ich wollte dir nämlich … verstehst du …

Pepel: Hast du das Geld gebracht?

Kostylew: Ich möchte mit dir was besprechen …

Pepel:: Hast du das Geld gebracht?

Kostylew: Was für Geld? Erlaub mal …

Pepel:: Die sieben Rubel für die Uhr – na?

Kostylew: Für welche Uhr, Wasjka? … Ach du …

Pepel: Sieh dich vor, du! Nur keine Winkelzüge! Ich hab dir gestern vor Zeugen eine Taschenuhr verkauft für zehn Rubel … Drei hab ich bekommen, die übrigen sieben verlang ich jetzt. Nur raus damit! Was plinkerst du denn so? Schleicht hier rum, beunruhigt die Leute … und vergißt die Hauptsache …

Kostylew: Ss-st! Nicht gleich so böse, Wasjka … Die Taschenuhr war doch …

Satin:: Gestohlen …

Kostylew  streng: Ich kaufe niemals gestohlene Sachen … wie kannst du …

Pepel  faßt ihn an der Schulter: Sag mal – was belästigst du mich? Was willst du von mir?

Kostylew: Ich? Gar nichts … ich geh schon … wenn du so bist …

Pepel: Scher dich fort, hol das Geld!

Kostylew  im Abgehen: Ist das ein grobes Volk! Oh, oh!

Der Schauspieler: Die richtige Komödie!

Satin: Sehr gut! So hab ich's gern …

Pepel: Was wollte er hier eigentlich?

Satin  lachend: Das hast du noch nicht begriffen? Seine Frau sucht er … Sag mal, Wassilij – warum bringst du den Kerl nicht um die Ecke?

Pepel: Um so 'nen Schuft mein Leben verpfuschen? Ne …

Satin: Mußt es natürlich schlau anfangen. Heiratest dann die Wassilissa … und wirst unser Herbergsvater …

Pepel: Da hätt ich mal was Rechtes! Ihr würdet meine ganze Wirtschaft versaufen und mich selber dazu … bin viel zu gutherzig für euch … Setzt sich auf die Pritsche. So 'n alter Satan! Weckt mich aus 'm besten Schlaf auf … Ich hatte grade so 'nen schönen Traum: ich träumte, daß ich angelte, und mit einemmal saß mir 'n mächtiger Blei an der Angel! Ein Blei, sag ich euch … nur im Traume gibt's solche Riesenkerle … Ich zieh und zieh ihn und hab Angst, daß die Schnur zerreißt … und wie ich eben mit 'm Handnetz zufassen will, da … mit einemmal …

Satin: … war's gar kein Blei, sondern die Wassilissa …

Der Schauspieler: Die ist ihm schon längst ins Netz gegangen …

Pepel  ärgerlich: Schert euch zum Teufel mit eurer Wassilissa!

Kleschtsch  kommt aus dem Hausflur: Ist das 'ne Hundekälte …

Der Schauspieler: Warum hast du die Anna nicht reingeführt? Die erfriert ja draußen …

Kleschtsch: Nataschka hat sie zu sich in die Küche genommen …

Der Schauspieler: Der Alte wird sie rauswerfen …

Kleschtsch  setzt sich an seine Arbeit: Nataschka wird sie schon herbringen …

Satin: Wassilij, spendier mal 'nen Fünfer …

Der Schauspieler  zu Satin: Ach was, 'nen Fünfer. Wasja, gib uns 'nen Zwanziger …

Pepel: Ich muß mich beeilen … sonst verlangt ihr noch 'nen ganzen Rubel … da! Gibt dem Schauspieler ein Geldstück.

Satin: Giblartarr. 's gibt keine besseren Menschen auf der Welt als die Diebe!

Kleschtsch: Die kommen auf leichte Art zu Gelde … Sie arbeiten nicht …

Satin: Zu Gelde kommen viele auf leichte Art, aber nicht viele können sich auf leichte Art davon trennen … Arbeit! Richt es so ein, daß die Arbeit mir Freude macht, dann werde ich vielleicht auch arbeiten … ja! Vielleicht! Ist die Arbeit ein Vergnügen – dann ist das Leben schön! Ist die Arbeit aber erzwungen – dann wird das Leben zur elenden Sklaverei! Zum Schauspieler. Komm, Sardanapal! Wir wollen gehen …

Der Schauspieler: Komm, Nebukadnezar! Ich will mich betrinken – wie vierzigtausend Säufer … Beide ab.

Pepel  gähnt: Na, was macht deine Frau?

Kleschtsch: Es geht zu Ende, scheint's … Pause.

Pepel: Wenn ich dir so zuseh – kommt deine ganze Raspelei mir zwecklos vor …

Kleschtsch: Was soll ich denn sonst tun?

Pepel: Gar nichts …

Kleschtsch: Wovon soll ich leben?

Pepel: Sieh die andre Leute an – die quälen sich nicht und leben doch!

Kleschtsch: Andre Leute? Meinst wohl das Lumpenpack hier, die Gauner und Tagediebe … nette Leute das! 'ne Schande ist's, wenn man's so mit ansieht … Ich bin ein Mensch, der arbeitet … von Kindesbeinen an hab ich gearbeitet … Meinst du, ich krabble mich nicht mehr raus aus dem Loch hier? Ganz gewiß tu ich's – und wenn meine Haut dabei in Fetzen geht, aber raus muß ich … Laß nur erst meine Frau sterben … ein halbes Jahr hab ich hier zugebracht … und mir ist's, als wären es sechs Jahre gewesen …

Pepel: Red keinen Unsinn … Hast vor keinem was voraus! Keine Ehre haben sie, kein Gewissen …

Pepel  in gleichgültigem Tone: Was brauchen sie Ehre und Gewissen? Die ersetzen ihnen die Stiefel nicht, wenn sie im Winter frieren … Ehre und Gewissen brauchen jene, die Macht und Gewalt haben …

Bubnow  tritt ein: Hu-uh! Bin ich durchgefroren!

Pepel: Sag mal, Bubnow – hast du ein Gewissen?

Bubnow: Wa–as? Ein Gewissen?

Pepel  bejahend: Hm …

Bubnow: Was brauch ich ein Gewissen? Ich bin kein reicher Mann …

Pepel: Das sag ich auch: Ehre und Gewissen sind nur für die Reichen nötig, ja! Und Kleschtsch ist eben über uns hergezogen: wir hätten kein Gewissen, sagt er …

Bubnow: Wollt er sich eins von uns borgen?

Pepel: Hat selber genug von dem Zeug …

Bubnow: Also willst du's verkaufen? Na, hier wird's dir niemand abnehmen. Ja, wenn's zerbrochene Pappschachteln wären, die würd ich kaufen … aber auch nur auf Pump …

Pepel  in belehrendem Tone zu Kleschtsch: Bist 'n dummer Kerl, Andrjuschka! Solltest mal hören, wie Satin über's Gewissen denkt … oder der Baron …

Kleschtsch: Ich mag's gar nicht wissen …

Pepel: Die haben auch mehr weg als du … wenn sie auch Säufer sind …

Bubnow: Ein kluger Kerl, der säugt, ist das Doppelte wert …

Pepel: Satin sagt: Jeder Mensch will, daß sein Nachbar ein Gewissen habe – ihm selbst aber ist's unbequem … Und das stimmt … Natascha tritt ein. Hinter ihr Luka, mit einem Wandstab in der Hand, einem Ranzen auf dem Rücken, einem kleinen Kessel und einer Teekanne am Gürtel.

Luka: Guten Tag, ehrbare Leute!

Pepel  streicht sich den Schnurrbart: A-ah, Natascha!

Bubnow  zu Luka: Ehrbar waren wir mal, aber seit vorvergangenem Frühjahr …

Natascha: Hier, ein neuer Mietsmann …

Luka  zu Bubnow: Hat nichts zu sagen! Ich weiß auch Spitzbuben zu achten – ein Floh, mein ich, ist so gut wie der andre: alle sind schwarz, und alle hopsen … so ist's. Wo soll ich mich hier einquartieren, meine Liebe?

Natascha  zeigt auf die Tür zur Küche: Geh da hinein, Großväterchen …

Luka: Danke, meine Tochter. Ist mir recht … Ein warmes Eckchen … das ist für 'nen alten Mann die Hauptsache … da fühlt er sich heimisch …

Pepel: Was für 'nen spaßigen Graubart haben Sie uns da hergebracht, Natascha?

Natascha: Spaßiger ist er schon als Sie … Zu Kleschtsch. Andrej, deine Frau ist bei uns in der Küche … hol sie nach 'ner Weile.

Kleschtsch: Schon gut, ich hole sie dann …

Natascha: Sei nur recht gut gegen sie … es dauert ja nicht mehr lange …

Kleschtsch: Ich weiß es …

Natascha: Du weißt es … das ist nicht genug! Mach dir nur klar, was das heißt: sterben … Schrecklich ist's …

Pepel: Ich fürchte mich nicht vorm Sterben …

Natascha: Freilich, wer so tapfer ist …

Bubnow  läßt einen Pfiff ertönen: Der Zwirn taugt gar nichts …

Pepel: Ich fürchte mich wirklich nicht! Auf der Stelle will ich sterben! Nehmen Sie ein Messer und stechen sie mich ins Herz – nicht 'nen Laut geb ich von mir! Mit Freuden sterb ich sogar … von einer reinen Hand …

Natascha  während sie abgeht: Machen Sie andern was weis! …

Bubnow  gedehnt: Der Zwirn ist wirklich nicht zu gebrauchen …

Natascha  von der Tür her, die nach dem Hausflur führt: Vergiß deine Frau nicht, Andrej!

Kleschtsch: Schon gut ….

Pepel: Ein prächtiges Mädel …

Bubnow: An dem Mädel ist nichts auszusetzen …

Pepel: Warum sie nur … so sonderbar gegen mich ist? Will nichts von mir wissen … Hier muß sie zugrunde gehen …

Bubnow: Dafür wirst du schon sorgen …

Pepel: Ich? Wieso ich? Mir tut sie leid …

Bubnow: Wie das Lamm dem Wolfe …

Pepel: Schwatz nicht! Sie tut mir wirklich … sehr leid … hat's hier nicht gut … ich seh's doch …

Kleschtsch: Wenn dich Wassilissa mit ihr sieht … dann geht's dir schlecht …

Bubnow: Ja, die Wassilissa! Die läßt sich die Butter nicht vom Brot nehmen … ein Mordsweib …

Pepel  streckt sich auf der Pritsche aus: Hol euch beide der Teufel, ihr … Propheten!

Kleschtsch: Wart's ab … wirst ja sehen …

Luka  in der Küche, stimmt ein Lied an:

»Mitten in der dunklen Nacht
Ist kein Pfad, kein Weg zu schauen …«

Kleschtsch  geht in den Hausflur: Nu fängt der an zu heulen … das fehlte noch …

Pepel: Ich langweile mich … Wie kommt das? Man lebt, man lebt, alles geht gut – und mit einemmal ist's, als wär einem der Frost in die Glieder gefahren: man langweilt sich …

Bubnow: Du langweilst dich? Hm …

Pepel: Ja …

Luka  in der Küche singt: »Ist kein Pfad, kein Weg zu schauen …«

Pepel: Heda! Du, Alter!

Luka  sieht durch die Tür herein: Meinst du mich?

Pepel: Ja, dich mein ich. Laß das Singen!

Luka  tritt näher: Hörst du nicht gern singen?

Pepel: Wenn gut gesungen wird, hör ich's gern …

Luka: Ich singe also nicht gut?

Pepel: 's ist nicht weit her …

Luka: Sieh doch! Und ich dachte, daß ich sehr schön singe. So geht's aber immer: der Mensch denkt bei sich: das hast du gut gemacht! Und den Leuten gefällt's nicht …

Pepel  lachend: Das stimmt …

Bubnow: Nanu? Du lachst ja! Und dabei sagst du, du langweilst dich!

Pepel: Was willst du? Alter Rabe …

Luka: Wer langweilt sich?

Pepel: Ich. Der Baron tritt ein.

Luka: Sie h doch an! Und dort in der Küche sitzt ein Mädchen, liest in einem Buch und weint! Wahrhaftig! Ihre Tränen fließen nur so … Ich frag sie: »Was fehlt dir, meine Liebe – he?« Und sie meint: »Sie tun mir so leid …« – »Wer denn?« frag ich sie … »Na, hier im Buch, die Leute«, sagt sie … Mit sowas verbringt nun ein Mensch seine Zeit, was? Auch aus Langeweile, scheint's …

Der Baron: Das ist ja närrisch …

Pepel: Hast du schon Tee getrunken, Baron?

Der Baron: Allerdings … Was weiter?

Pepel: Soll ich 'ne Flasche Schnaps zum besten geben?

Der Baron: Versteht sich … Was weiter?

Pepel: Kriech auf allen vieren und belle wie 'n Hund!

Der Baron: Dummkopf! Bist du ein Protz, ein Kaufmann? Oder bist du bezecht?

Pepel: Na, so bell schon! Es wird mir Spaß machen … Bist 'n Herr … 's gab mal 'ne Zeit, wo du unsereinen nicht für 'nen Menschen ansahst …

Der Baron: Na – und was weiter?

Pepel:: Was weiter? Na, und jetzt werd ich dich wie 'nen Hund bellen lassen. Wirst doch bellen, was?

Der Baron: Meinetwegen … Dummkopf! Wie dir das nur Spaß machen kann … Wo ich doch selbst weiß, daß ich womöglich noch tiefer gesunken bin als du … Hättest es mal früher versuchen sollen, mich auf allen vieren kriechen zu lassen … damals, als ich noch nicht deinesgleichen war …

Bubnow: Hast recht!

Luka: Auch ich meine: So ist's richtig …

Bubnow: Was gewesen ist, ist gewesen. Übriggeblieben ist nicht viel davon … hier kennen wir keine Herren … der Putz ist weg, nur der nackte Mensch ist geblieben …

Luka: Alle sind gleich, heißt das … Du warst also mal ein Baron, mein Lieber?

Der Baron: Was ist denn das für 'n Kerl? Wer bist du, alter Kauz?

Luka  lacht: Einen Grafen hab ich schon gesehen und auch einen Fürsten … einen Baron seh ich zum erstenmal, und auch nur einen verkommenen …

Pepel  lacht: Ha ha ha! Du hast mich verlegen gemacht, Baron …

Der Baron: Sei vernünftig, Wassilij …

Luka: Ei, ei, meine Lieben! Wenn ich's mir so anseh … euer Leben hier … hm …

Bubnow: Ein Leben, sag ich dir … heulen könnte man, schon vom frühen Morgen an …

Der Baron: Gewiß! Man hat's schon besser gehabt! Ich zum Beispiel … wenn ich früh erwachte, trank ich meinen Kaffee im Bett … Kaffee mit Sahne … ja!

Luka: Und warst doch nur 'n Mensch wie alle andern! Was du auch anstellst, wie du dich auch aufspielst – als Mensch bist du geboren und wirst als Mensch sterben … Immer klüger, seh ich, werden die Leute, immer spaßiger … leben immer schlechter und wollen's doch immer besser haben … die Trotzköpfe!

Der Baron: Sag mal, Alter – wer bist du eigentlich? Woher kommst du?

Luka: Wer? Ich?

Der Baron: Bist wohl ein Pilger?

Luka: Wir sind alle Pilger hier auf Erden … Man sagt sogar, hab ich gehört, daß auch unsere Erde nur 'ne Pilgerin ist im Himmelsraum …

Der Baron  streng: Das stimmt, aber nun sag mal … hast du einen Paß?

Luka  zögernd: Wer bist du? Ein Geheimpolizist?

Pepel  lebhaft: Gut gesagt, Alter! Was, Baronchen – der Hieb sitzt?

Bubnow: Hast dein Fett weg, gnädiger Herr …

Der Baron  verlegen: Was denn? Ich spaße doch nur, Alter! Hab selber keine Papiere, mein Lieber …

Bubnow: Lüg doch nicht!

Der Baron: Das heißt … ich hab wohl Papiere … aber sie sind für die Katze …

Luka: So ist es mit allen papieren … sie sind alle für die Katze ….

Pepel: Komm, Baron! Wollen einen auf 'n Durst nehmen …

Der Baron: Ich bin dabei. Auf Wiedersehen, Alter … bist 'n Schelm!

Luka: Kann schon sein, mein Lieber …

Pepel  an der Tür zum Hausflur: Na, so komm schon … Ab. Der Baron folgt ihm rasch.

Luka: Ist der Mensch wirklich ein Baron gewesen?

Bubnow: Wer mag's wissen? Vom Herrenstande ist er, das ist sicher. Möcht auch heut noch manchmal den Herrn rausbeißen. Hat sich's noch nicht abgewöhnt, scheint's.

Luka: 's ist mit dem Herrentum wie mit den Pocken … der Mensch übersteht's, aber die Narben bleiben …

Bubnow: Ist sonst 'n guter Kerl … Nur daß er öfter mal patzig wird … wie vorhin, wegen deines Passes …

Aljoschka  kommt betrunken herein, mit einer Harmonika unterm Arm; er pfeift: Heda, ihr Schlafburschen!

Bubnow: Was brüllst du denn?

Aljoschka: Entschuldigt nur … verzeiht! Ich bin 'n gemütlicher Junge …

Bubnow: Wieder mal durchgegangen?

Aljoschka: Aber gehörig! Eben hat mich der Wachtmeister Medjakin von der Wache fortgejagt – »Daß du dich auf der Straße nicht sehen läßt!« sagte er – »sonst wehe dir!« Na, ich bin doch 'n Kerl von Charakter … Der Meister rüffelt mich natürlich … Pah! Was ich mir aus 'm Meister mache! Der kann mich sonstwo suchen, der Saufsack … Ich bin 'n Mensch, der … überhaupt keinen Wunsch hat! Gar nichts will ich – abgemacht, basta! Da, nimm mich hin – für einen Rubel zwanzig kannst du mich kaufen! Und ich will überhaupt nichts haben. Nastja kommt aus der Küche herein. Gib mir 'ne Million – ich w–will sie nicht! Und daß 'n Saufsack, der nicht mehr ist als ich, mich guten Kerl kommandiert – das will ich nicht! Ich leid's nicht! Nastja ist an der Tür stehengeblieben und sieht kopfschüttelnd auf Aljoschka.

Luka  gutmütig: Ach, Junge, was schwatzt du für Zeug …

Bubnow: Zu dumme Kerle gibt's …

Aljoschka  streckt sich auf dem Fußboden hin: Da, friß mich! Und ich will gar nichts haben. Ich bin ein ganz toller Bursche! Erklärt mir doch mal: bin ich schlechter als die andern? Warum sollt ich schlechter sein? Seht ihr! Medjakin sagt: »Zeig dich nicht auf der Straße, sonst gibt's was in die Schnauze!« Ich geh aber doch … quer über die Straße leg ich mich: da, fahrt mich tot! Ich – will gar nichts haben! …

Natascha: Unglücklicher! … So jung, und macht sich so mausig! …

Aljoschka  erblickt sie und kniet vor ihr nieder: Mein Fräulein! Mamsell! Parlez français … Preis-Courant! Ich hab einen Affen …

Nastja  flüstert laut: Wassilissa!

Wassilissa  öffnet rasch die Tür, zu Aljoschka: Bist du schon wieder hier?!

Aljoschka: Guten Morgen! Bitte treten Sie näher …

Wassilissa: Ein für allemal hab ich dir 's Haus verboten, du Köter – und du kommst doch wieder her?

Aljoschka: Wassilissa Karpowna – soll ich dir mal … einen Trauermarsch vorspielen?

Wassilissa  stößt ihn gegen die Schulter: Fort! Hinaus!

Aljoschka  sich der Tür nähernd: Nein – nicht so! Erst der Trauermarsch … hab ihn erst neulich gelernt! Ganz frische Musik … wart mal! …, So geht's nicht!

Wassilissa: Ich werde dir zeigen, ob's so geht … die ganze Straße hetz ich auf dich – verdammter Klätscher … So 'n grüner Bengel … wird mich vor den Leuten schlecht machen …

Aljoschka  läuft hinaus: Na, ich geh ja schon …

Wassilissa  zu Bubnow: Daß er nicht wieder seinen Fuß hierher setzt! Hörst du?

Bubnow: Ich bin doch hier nicht als Wächter angestellt …

Wassilissa: Was du bist, geht mich gar nichts an. Nur vergiß nicht, daß du hier nur aus Gnade lebst! Wieviel schuldest du mir?

Bubnow  ruhig: Hab's nicht zusammengerechnet …

Wassilissa: Daß ich's nicht zusammenrechne!

Aljoschka  öffnet die Tür und schreit: Wassilissa Karpowna! Ich hab keine Angst vor dir … gar keine Angst! Versteckt sich. Luka lacht.

Wassilissa: Wer bist du denn?

Luka: Ein Wandersmann … von Ort zu Ort zieh ich …

Wassilissa: Willst du nächtigen oder wohnen bleiben?

Luka: Will noch sehen …

Wassilissa: Den Paß her!

Luka: Kannst ihn haben …

Wassilissa: Gib her!

Luka: Ich gebe ihn dir schon … nach der Wohnung trag ich dir ihn hin …

Wassilissa: Ein Wandersmann … siehst mir danach aus! Sag lieber gleich ein Landstreicher … das wird eher stimmen …

Luka  mit einem Seufzer: Ach, du bist nicht sehr freundlich, Mütterchen … Wassilissa geht nach der Tür, die zu Pepels Zimmer führt.

Aljoschka  guckt aus der Küche herein, flüsternd: Ist sie fort? Hm?

Wassilissa  wendet sich nach ihm um: Bist du noch immer da? Aljoschka versteckt sich und pfeift. Nasta und Luka lachen.

Bubnow  zu Wassilissa: Er ist nicht da.

Wassilissa: Wer?

Bubnow:: Na, Wasjka …

Wassilissa: Hab ich dich nach ihm gefragt?

Bubnow: Ich seh doch, wie du in alle Ecken guckst …

Wassilissa: Nach der Ordnung seh ich, verstanden? Warum habt ihr noch nicht ausgefegt? Wie oft hab ich's gesagt, daß ihr die Bude rein halten sollt?

Bubnow: Der Schauspieler ist heute dran …

Wassilissa: Das ist mir ganz gleich, wer dran ist! Wenn die Sanitätsleute kommen und mich in Strafe nehmen, jag ich euch alle zum Teufel!

Bubnow  gelassen: Und wovon wirst du leben?

Wassilissa: Daß mir kein Stäubchen liegenbleibt! Geht in die Küche. Zu Nastja. Und du – was stehst du hier herum? Wovon ist deine Fratze so geschwollen? Was starrst du so blöde drein? Feg aus! Hast du nicht … die Natalja gesehen? Ist sie hier gewesen?

Nastja: Ich weiß nicht … hab sie nicht gesehn …

Wassilissa: Bubnow! War meine Schwester da?

Bubnow: Sie hat doch den Alten hergebracht …

Wassilissa: Und er … war er zu Hause?

Bubnow: Wassilij? Gewiß … mit Kleschtsch hat sie gesprochen … die Natalja …

Wassilissa: Ich frag dich nicht, mit wem sie gesprochen hat. Überall liegt Schmutz … faustdicker Schmutz! Ach, ihr … Schweine! Daß ihr mir hier Ordnung macht … hört ihr? Rasch ab.

Bubnow: Die hat 'ne Portion Bosheit in sich!

Luka: Ein böses Frauchen!

Nastja: Bei dem Leben muß ja eins verrohen! An solch einen Mann gebunden zu sein – das soll ein Mensch aushalten!

Bubnow: Na, gar so fest fühlt sie sich nicht gebunden …

Luka: Ist sie immer so … bissig?

Bubnow: Immer … Sie wollte hier ihren Liebsten besuchen, verstehst du, und der ist nicht da …

Luka: So, drum der Ärger … Ach ja! Was doch für Volk auf Erden rumkommandiert! … Auf jede Art suchen sie die Menschen einzuschüchtern – und doch schaffen sie keine Ordnung im Leben … keine Sauberkeit …

Bubnow: Ordnung möchten sie wohl schaffen, doch die nötige Vernunft fehlt! … Das heißt … ausfegen müssen wir schließlich … Nastja! Willst du's nicht tun?

Nastja: Das fehlte mir gerade! Ich bin doch nicht euer Stubenmädel … Schweigt ein Weilchen. Betrinken will ich mich heut … tüchtig betrinken!

Bubnow: Das ist mal was Gescheites!

Luka: Warum willst du dich denn betrinken, meine Tochter? Vorhin hast du geweint, und jetzt sagst du, du willst dich betrinken …

Nastja  herausfordernd: Und wenn ich mich betrunken habe, werde ich wieder weinen … nun weißt du's!

Bubnow: Viel Sinn hat's nicht …

Luka: Aber was für 'ne Ursache hast du denn, sag mal? Alles hat doch eine Ursache, selbst der kleinste Pickel im Gesicht! Nastja schweigt und schüttelt den Kopf.

Luka: Ei, ei! Seid ihr Menschen … Was soll aus euch werden? Na, ich will mal ausfegen … Wo habt ihr 'nen Besen?

Bubnow: Im Hausflur, hinter der Tür … Luka ab in den Hausflur.

Bubnow:: Sag mal, Nastenjka …

Nastja: Hm?

Bubnow: Warum ist denn Wassilissa über den Aljoschka so hergefallen?

Nastja: Er hat erzählt, daß Wasjka sie nicht mehr mag … daß er auf Natascha ein Auge geworfen hat … Ich zieh hier fort, such mir ein andres Quartier …

Bubnow: Warum denn?

Nastja: Es paßt mir nicht mehr …Ich bin hier überflüssig …

Bubnow  gelassen: Wo wärst du nicht überflüssig?! Schließlich sind wir alle hier auf Erden überflüssig … Nastja schüttelt den Kopf. Sie erhebt sich und geht still in den Hausflur. Medwedew tritt ein, hinter ihm Luka mit dem Besen.

Medwedew  zu Luka: Sag mal – wer bist du? Ich kenne dich nicht.

Luka: Kennst du denn sonst alle Leute?

Medwedew: In meinem Revier muß ich jeden kennen – und dich kenn ich nicht …

Luka: Das kommt wohl daher, Onkelchen, daß dein Revier nicht die ganze Erde umfaßt… 's ist da noch ein Endchen draußen geblieben … Ab in die Küche.

Medwedew  tritt auf Bubnow zu: Das stimmt, mein Revier ist nicht groß … und der Dienst ist schlimmer, als in manchem großen … Eben, wie ich abgelöst werden sollte, hab ich den Schuster Aljoschka eingelocht … Legt sich der Kerl, verstehst du, quer über die Straße, spielt auf seiner Harmonika und brüllt: »Nichts will ich haben, nichts wünsch ich!« Und von beiden Seiten kommen Wagen, und überhaupt … ein Trubel … wie leicht kann der Mensch überfahren werden, oder sonst was … Ein toller Bengel … Na, ich hab ihn natürlich gleich vorgeführt … er treibt's zu bunt …

Bubnow: Kommst du abends heran … auf 'ne Partie Dame?

Medwedew: Ich komme. Hm – ja … und was macht denn … Wasjka?

Bubnow: Was soll er machen? Was er immer macht …

Medwedew: Er lebt wohl … seinen guten Tag?

Bubnow: Warum soll er nicht? Wenn er's dazu hat …

Medwedew  zweifelnd: So, so … er hat's dazu? Luka geht in den Hausflur, mit dem Eimer in der Hand. Hm – ja … es geht hier so das Gerücht … von wegen Wasjka … hast du nichts gehört?

Bubnow: Ich hab allerhand gehört …

Medwedew: Von wegen Wassilissa, daß er … hast du nichts bemerkt?

Bubnow: Was?

Medwedew: So … im allgemeinen … du weißt es schon, willst es bloß nicht sagen. Es ist doch schon bekannt … Streng. Nur nicht flunkern, mein Lieber!

Bubnow: Warum sollt ich flunkern?

Bubnow: Na, ich dächte auch … Ach, die Hunde … Sie erzählen nämlich, daß Wasjka mit der Wassilissa … sozusagen … Na, was geht's mich an? Ich bin ja nicht ihr Vater, sondern nur … ihr Onkel … mich kann's also nicht treffen, wenn sie drüber lachen … Kwaschnja tritt ein. Ein freches Pack. … Ah! Du bist gekommen …

Kwaschnja: Mein lieber Stadtsoldat! Denk dir, Bubnow: er hat mir eben auf dem Markte wieder 'nen Antrag gemacht …

Bubnow: Los doch … was zauderst du noch? Er hat Geld, ist noch 'n recht schneidiger Kerl …

Medwedew: Ich? Na und ob!

Kwaschnja: Ach, du alter Grauschimmel! Nein, damit komm mir ja nicht! Die Dummheit begeht man nur einmal im Leben. Heiraten heißt für 'ne Frau so viel, wie im Winter ins Wasser springen: hat sie's einmal getan – dann denkt sie ihr Lebtag dran.

Medwedew: Erlaube mal … die Männer sind doch nicht alle gleich …

Kwaschnja: Ich bleibe mir aber immer gleich! Wie mein lieber Gatte – der Teufel mag ihn holen – damals verreckte, bin ich vor lauter Freude den ganzen Tag nicht aus dem Hause gegangen: ganz allein saß ich da und konnte an soviel Glück gar nicht glauben …

Medwedew: Warum hast du'

s gelitten, daß dein Mann dich prügelte? Hättest dich auf der Polizei beschweren sollen …

Kwaschnja: Beim Herrgott hab ich mich beschwert, acht Jahre lang – aber 's half nichts!

Medwedew: Jetzt ist's verboten, die Weiber zu prügeln … Jetzt geht's in allem streng nach Gesetz und Ordnung … Niemanden darf man so ohne weiters prügeln … Geprügelt wird nur, wo's die Ordnung verlangt…

Luka  führt Anna herein: Na, siehst du – da wären wir ja … Ach, du Ärmste! Wie kannst du nur so allein herumgehen, in dem Zustand? Wo ist denn dein Platz?

Anna  zeigt nach ihrem Platz: Danke, Großväterchen …

Kwaschnja: Da habt ihr 'ne verheiratete Frau … seht sie euch an!

Luka: So 'n armes, schwaches Ding … kriecht ganz allein im Hausflur rum, stützt sich gegen die Wand – und stöhnt in einem fort … Warum laßt ihr sie denn allein heraus?

Kwaschnja: Wir haben's nicht bemerkt – verzeih nur, Großväterchen! Ihre Kammerzofe ist wahrscheinlich spazierengegangen …

Luka: Da lachst du nun … Darf man denn gegen einen Menschen so rücksichtslos sein? Wie er auch sein mag – er behält doch immer als Mensch seinen Wert …

Medwedew: Aufsicht ist nötig! Wenn sie nun plötzlich stirbt? Dann gibt's nur Scherereien … Habt acht auf sie!

Luka: Ganz recht, Herr Wachtmeister …

Medwedew: Hm – ja … das heißt … Wachtmeister bin ich noch nicht …

Luka: Ist's möglich?! Aber nach dem aussehen zu schließen – der richtige Held! Aus dem Hausflur ertönt Lärm, das Stampfen von Füßen und gedämpftes Geschrei.

Medwedew: Doch nicht etwa – 'n Skandal?

Bubnow: Es hört sich so an …

Kwaschnja: Man müßte mal nachsehen …

Medwedew: Gleich … ich muß ohnedies gehen … Ach ja, der Dienst! Warum man eigentlich die Leute auseinander bringt, wenn sie sich prügeln? Sie hören doch schließlich von selbst auf … werden müde vom Zuschlagen … Man sollte sie ruhig auf'nander losschlagen lassen, soviel sie Lust haben … Sie würden sich dann immer seltener prügeln, weil sie sich die Hiebe besser merken …

Bubnow  erhebt sich von der Pritsche: Das mußt du mal deiner Behörde vortragen …

Kostylew  reißt die Tür auf, schreit: Abram! Komm rasch … Wassilissa … schlägt die Nataschka tot … So komm doch! Kwaschnja, Medwedew, Bubnow stürzen nach dem Hausflur. Luka sieht ihnen kopfschüttelnd nach.

Anna: O Gott … die arme Natschenka!

Luka: Wer prügelt sich denn da herum?

Anna: Unsere Wirtinnen … die beiden Schwestern …

Luka:  tritt näher an Anna heran: Um was geht's denn?

Anna: Um nichts … beide sind satt … und gesund …

Luka: Und du … wie heißt du?

Anna: Anna heiß ich … Wenn ich dich so anseh … bist du ganz meinem Vater ähnlich … meinem Väterchen … ebenso liebreich bist du … und so weich …

Luka: Weil sie mich tüchtig geklopft haben, darum bin ich weich … Kichert leise.

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