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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 7
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Rückkehr nach Rußland

Unterdessen arbeitete unser Kreis in Rußland mit Volldampf. Er hatte einen Organisationsplan ausgearbeitet (der im Prozeß der Fünfzig während der Gerichtsverhandlungen bekannt wurde). Es waren höchstens 25 Mitglieder; die übrigen 25 Angeklagten waren fälschlich von der Polizei mit ihnen in Verbindung gebracht worden. Wir gaben eine eigene Zeitung heraus: »Rabotnik« (»Der Arbeiter«), die im Ausland erschien.

Die Organisation hatte sich die Aufgabe gestellt, unter dem Volke die sozialistischen Ideen auf friedliche Weise zu propagieren, sie erkannte aber auch die Notwendigkeit an, Teilaufstände zu unterstützen und sie herbeizuführen, ohne erst den allgemeinen, siegreichen Aufstand abzuwarten. Der Aufbau der Organisation war rein föderativ, ihrem Inhalt nach sollte sie eine demokratische Arbeiterorganisation sein. Zu ihrem Tätigkeitsgebiet hatte sie sich die Fabrikarbeiterschaft erwählt, erstens weil sie am entwickeltsten war, zweitens weil sie ihre Verbindung mit dem flachen Lande, woher sie kam, noch nicht gelöst hatte, und darum leicht unsere Ideen in das Bauerntum hineintragen konnte, wenn sie im Sommer zur Feldarbeit zurückkehrte. Die Mitglieder der Organisation ließen sich in verschiedenen Fabrikzentren nieder, manche ließen sich als Arbeiter in Moskauer Fabriken einstellen, andere gingen als Weber nach Iwanowo-Wosnessensk, wieder andere arbeiteten in Zuckerfabriken in Kiew, noch andere siedelten sich in Tula an. Im Herbst 1875 aber flog die ganze Organisation auf: die Mitglieder und viele Arbeiter, die der Organisation nahe gestanden hatten, wurden verhaftet. Trotzdem gedachten die noch in Freiheit Gebliebenen, die Arbeit fortzusetzen.

Da erinnerte man sich an uns, die noch im Auslande waren und seinerzeit das Versprechen gegeben hatten: »Alle für Einen und Einer für Alle«. Bald erhielten wir, Dorothea Aptekmann und ich, die Aufforderung, uns nach Moskau zu begeben. Ich muß gestehen, daß es mich einen schweren inneren Kampf gekostet hat, ehe ich mich zu diesem Schritt durchgerungen habe. Freilich war mir mein Mann keine Störung mehr, da ich ihm bereits im Frühjahr 1875 geschrieben hatte, daß ich auf die materielle Hilfe von seiner Seite verzichte und ihn bitte, jede Beziehung zu mir abzubrechen. Aber die Medizin, das Diplom? Zur Beendigung meines Studiums brauchte ich noch etwa ein halbes Jahr; ich hatte schon einen Entwurf meiner Doktorarbeit ausgearbeitet und wollte in zwei, drei Monaten damit beginnen. Die Hoffnungen der Mutter, die Erwartungen der Bekannten und Verwandten, Eigenliebe, Ehrgeiz, das alles galt es jetzt mit eigenen Händen zu zerstören in dem Augenblick, als das Ziel schon so nahe winkte. Andererseits mußte ich jener gedenken, die denselben Kampf durchgekämpft, das Gleiche aufgegeben und sich mit größter Selbstverleugnung der Sache hingegeben hatten, ohne auf die Bitten und Wünsche ihrer Verwandten zu achten. Ich mußte jener gedenken, die in den Gefängnissen schmachteten und das schwere Los trugen, das uns allen schon in unseren Zukunftsträumen vorgeschwebt hatte. Ich dachte auch daran, daß ich schon über jenes Wissen verfügte, das dem Arzte unentbehrlich ist; daß mir nur das offizielle Dokument fehlte, daß ich nach der Meinung der Menschen, die mich persönlich und den Stand der Bewegung kannten, jetzt unentbehrlich notwendig sei, gerade jetzt notwendig und gerade für jene Sache, der ich mich doch widmen wollte. Ich beschloß zu fahren, damit meine Taten nicht meinen Worten widersprächen. Mein Entschluß war durchdacht und unumstößlich; ich habe ihn später nie bereut. Im Dezember 1875 verließ ich die Schweiz mit einer lichten Erinnerung an die Jahre, die mir wissenschaftliche Kenntnisse, Freunde und ein Ziel im Leben gegeben hatten, so erhaben, daß alle Opfer daneben verblaßten.

Um dieselbe Zeit, als ich nach Rußland reiste, war die Mutter gerade im Begriff, zu ihrer Erholung nach der Schweiz zu reisen. Lydia war unterdessen verhaftet worden, und das hatte die Gesundheit meiner Mutter stark erschüttert. Ich hatte sie von meinem Entschluß, heimzukehren, vorher nicht benachrichtigt, und ich traf sie gerade noch in Petersburg. Einige Tage später reiste sie mit meinen beiden jüngsten Schwestern Eugenie und Olga ab.

Nach der Abreise meiner Mutter siedelte ich nach Moskau über, wo sich das Zentrum der zerschlagenen Organisation befand.

Um nicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf mich und die neuen Genossen zu lenken, versagte ich mir das Wiedersehen mit meiner Schwester Lydia, die in einem der Polizeireviere in Moskau in Haft saß. Ich fand mich leicht damit ab, war ich doch nicht ihretwegen gekommen. Ich war der festen Überzeugung, daß die mir bevorstehende Arbeit so hohe Anforderungen an meine geistigen und moralischen Kräfte stellen werde, daß das persönliche Element aus meinem Leben vollkommen ausscheiden müsse. Mich erwartete eine bittere Enttäuschung; die Kameraden, die gleich mir sich zur Arbeit gestellt hatten, bildeten eine lose, undisziplinierte Gruppe ohne irgendwelche Erfahrung und ohne einen allgemeinen Plan. Die Tüchtigsten und Erfahrensten waren bald verhaftet worden, die Jugend hatte nicht die geringste Vorbereitung, die Arbeiter, mit denen man in Berührung kam, waren korrumpiert und entlockten uns gewissenlos Geld. Statt vor einem großen, fruchtbaren Arbeitsfeld standen wir vor system- und zusammenhangloser Kleinarbeit; ich konnte mich in diesem Chaos nicht zurechtfinden.

Man übertrug mir die Verbindung mit den Genossen, die im Gefängnis saßen. Lange Tage widmete ich mich der Entzifferung chiffrierter Briefe, abends ging ich in schmutzige Kneipen, um irgendwelche dunkle Persönlichkeiten zu treffen, oder hatte in den düsteren Moskauer Seitengäßchen Besprechungen mit Schutzleuten und Gendarmen. Es war ekelerregend, diese Menschen zu sehen, die immer bereit waren, für Geld die eine wie die andere Seite zu verkaufen und zu verraten. Wir versuchten, die Flucht einiger Genossen zu organisieren, aber es kam dabei nichts heraus, abgesehen vom Verlust einer bedeutenden Geldsumme. Um diese Zeit fand der Prozeß des Gendarmerie-Unteroffiziers Buchanow statt, der zur Versetzung in das Strafbataillon verurteilt wurde, weil er zwei Genossen zur Flucht hatte verhelfen wollen.

Die revolutionäre Partei lag wie unter einem schweren Alp; alle Zirkel waren durch die Verfolgungen der Regierung zerschmettert, nach dem Bericht des Justizministers Graf Pahlen waren etwa 800 Menschen strafrechtlich verfolgt, die Zahl der Personen, die eine kurze Haft oder eine Haussuchung erleiden mußten, war bedeutend höher; es gab kaum eine Familie, die von Repressalien verschont blieb, jeder verlor entweder einen Freund oder einen Verwandten. Und doch waren alle diese schweren Prüfungen nichts im Vergleich mit jener moralischen Erschütterung, die der Mißerfolg der propagandistischen Bewegung herbeiführte; bei vielen brachen die Hoffnungen zusammen; das Programm, das so real schien, hatte die erwarteten Resultate nicht gebracht; der Glaube an die eigenen Kräfte und an die Richtigkeit des Arbeitsplanes war erschüttert; je größer der Enthusiasmus der Menschen war, die sich der Propaganda gewidmet hatten, desto größer war ihre Enttäuschung. Das Alte war zerbrochen, neue Anschauungen noch nicht herausgearbeitet.

Umsonst bemühten sich Einzelne, die auseinandergefallenen Reihen wieder zusammenzuschweißen. Dem Begabtesten unter ihnen, Mark Andrejewitsch Natanson, gelang es, die noch übrig gebliebenen »Tschaikowzy« Mitglieder der Tschaikowski-Gruppe mit den »Lawristen« Anhänger von P. Lawrow zu verschmelzen; aber schon nach einem Monat zerfiel der neue Verband. Um diese Zeit begab sich eine Gruppe Propagandisten nach dem Gouvernement Nischni-Nowgorod (Kwatkowski und andere). Sie kehrten bald zurück. Die polizeilichen Vorschriften waren derartig verschärft worden, daß es unmöglich war, sich auf dem Lande zu halten. Nach diesen Versuchen schwand auch die Initiative. Ich persönlich war in einer Stimmung, daß ich mir den Tod wünschte. An einen meiner Bekannten aus dieser Periode denke ich voll Liebe zurück: an den illegalen Lawrow-Anhänger Anton Taksis. Er war mir in meinen schwersten Monaten eine Stütze; manchen Grundsätzen, die er mir in jener Zeit beigebracht hat, bin ich bis heute treu geblieben. Er machte mich auf die Ursachen unseres Mißerfolges aufmerksam; als echter Lawrow-Mann sah er die Ursachen der Mißerfolge nicht in der mangelhaften Organisation, die übrigens zu theoretisch aufgebaut war, sondern in der Untüchtigkeit und Unerfahrenheit der Revolutionäre; er glaubte fest an die Zukunft der Revolution und betrachtete den gegenwärtigen Zustand als etwas Vorübergehendes, das am Beginn einer Bewegung unausbleiblich sei. Außerdem prägte er mir ununterbrochen ein, daß man für die revolutionäre Sache weniger stürmischen Enthusiasmus als geduldige, zähe und ausdauernde Kleinarbeit brauche. Die augenblicklichen Resultate dieser wahrhaft harten Arbeit mögen auch noch so gering sein, man müsse sich damit abfinden und nicht verzweifeln; denn jede neue Idee werde nur langsam im Leben verwirklicht, und die Menschen erreichten nur soviel, wie ihnen unter den gegebenen historischen Bedingungen möglich sei. Taksis bestärkte mich im Entschluß, Moskau zu verlassen, mich auf dem Lande niederzulassen und mich selbst zu überzeugen, welch eine »Sphinx« das Volk sei.

Im Frühjahr fand ich jemand, der meine Parteipflichten in Moskau übernahm, und ich verreiste nach Jaroslawl. Ich hatte den Behörden meinen Aufenthalt und meine Universitätsstudien im Ausland verheimlicht, denn beides kennzeichnete den Menschen in ihren Augen als ein verdächtiges Subjekt, und begann in Jaroslawl das Kreiskrankenhaus zu besuchen. Nach sechs Wochen meldete ich mich zur Prüfung als Feldscherin vor der Sanitärbehörde. Ich bestand das Examen glänzend, was in meinem Diplom verzeichnet wurde. Mehr als einmal mußte ich mir Zwang antun, um mich nicht in eine gelehrte Diskussion mit dem Inspektor einzulassen.

Von Jaroslawl begab ich mich nach Kasan, um meine Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen; mein Mann und ich wollten uns formell scheiden lassen. Die Scheidung kam nach einigen Monaten zustande, und ich nahm wieder meinen Mädchennamen an. Nach der Rückkehr nach Petersburg bestand ich in der medizinisch-chirurgischen Akademie die Prüfung als Hebamme. Im November 1876 waren alle meine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung, und ich machte unter die Vergangenheit unwiderruflich einen Strich. Von meinem 24. Jahr an war mein Leben ausschließlich mit den Geschicken der russischen revolutionären Partei verbunden.

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