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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 61
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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»Hüte Dich«

Am 28. September 1904 waren 20 Jahre seit meiner Verurteilung verflossen, und an diesem Tage sollte ich Schlüsselburg verlassen.

Aber am Vorabend wurde mir mitgeteilt, daß ich nicht am nächsten, sondern erst am übernächsten Tage, d. h. am 29. September, fortgeführt werden sollte.

Ich aber hatte in der Erwartung der bevorstehenden Abreise mich von den Kameraden schon verabschiedet: es blieben ihrer in der Festung noch neun zurück.

Alles, was man sich gegenseitig hatte sagen wollen, war gesagt, alle Wünsche waren ausgesprochen, und die kleinen Bitten und Aufträge dem Gedächtnis eingeprägt worden. Da, ganz unerwartet – ein Aufschub: ganze 24 Stunden, die mit nichts mehr auszufüllen waren als mit verhaltener Erwartung.

Als wir uns am 27. verabschiedeten, beherrschten wir uns alle; wir durften uns doch von unseren Gefühlen nicht übermannen lassen und beim letzten Abschied, der für immer galt, nicht schwach werden. Der eine schluckte Tränen, dem anderen versagte die Stimme. »Nein, nein, es darf nicht sein!« sagte ich und wandte mich ab, um meine Tränen zu verbergen.

»Sie werden sicherlich beim Verlassen Schlüsselburgs weinen,« sagte mir ein paar Tage vor meiner Abreise ein Kamerad.

»Wieso?« widersprach ich heftig. »Warum? Wie sollte man weinen, wenn man diesen Ort verläßt?«

O weh! Nicht während des Verlassens, aber später auf dem Dampfer, als die Türme und weißen Mauern der Festung meinen Augen entschwanden, weinte und schluchzte ich voll Verzweiflung.

Als ich jene Worte sprach, hatte ich nur an das steinerne Grab gedacht, in dem ich so viele Jahre geschmachtet hatte, und nicht an die lebendigen Menschen, die ich gegen meinen Willen verlassen mußte. Und als ich jetzt an sie dachte, ergriff mich Kummer und Verzweiflung. Kummer um jene, die hoffnungslos in der Festung zurückgeblieben, Verzweiflung über den unersetzlichen Verlust, der über mich hereingebrochen. Ja, ich verlor Menschen, mit denen ich unter ganz außerordentlichen Verhältnissen, eng verbunden, 20 Jahre gelebt hatte. Im Laufe von 20 Jahren waren diese Menschen die einzigen, mit denen mich die Bande der Brüderlichkeit und der Solidarität, der Liebe und Freundschaft verknüpften. Bei ihnen fand ich Halt, Trost und Freude. Die Welt war mir verschlossen, alle menschlichen Bande zu ihr zerrissen, und sie, nur sie hatten mir die Familie, die Gesellschaft, die Partei, die Heimat und die ganze Menschheit ersetzt.

Ich hatte Grund genug zum Weinen, zu verzweiflungsvollem Schluchzen!

Jene blieben schmachtend in der Hoffnungslosigkeit zurück, vielleicht, um in ihr zu sterben, und ich, die seelisch von allem entblößt war, trat in eine neue Periode meines Lebens ein, die Befreiung, Auferstehung heißen sollte, aber als verspätete und einsame Freude wie ein Hohn wirkte.

Am 29. September 1904 um 4 Uhr öffnete der Wachtmeister meine Tür, und ich überschritt zum letztenmal die Schwelle. Ernst, gesammelt, freudlos durchschritt ich den Korridor.

Festen, gewohnten Schrittes gehe ich den bekannten Weg, so wie ich ihn unzählige Male gegangen; ich gehe, als ob mich der übliche Spaziergang oder die Arbeit in der Werkstatt erwarte und nicht die große Umwälzung in meinem Leben, – die Rückkehr ins »Leben«.

Doch kaum habe ich die gewohnten Grenzen überschritten und bin in die Wachstube eingetreten, da erfaßt mich ein Schwindel. Der Körper verliert sein Gleichgewicht, der Boden schwankt unter meinen Füßen, und die Wand, nach welcher ich vergeblich greifen will, flieht vor mir. Unter Tränen rufe ich: »Ich kann nicht gehen, die Wand bewegt sich! – ich kann nicht gehen!«

Die mich begleitenden Gendarmen stützen mich und trösten mich mit der Erklärung, das komme von der frischen Luft. Diese Worte, die sich auf die Luft in einem Zimmer beziehen, das nie gelüftet wird, und in dem Jahr für Jahr zwölf Soldaten der Garnison, die jetzt in Reih und Glied dastehen, sich Tag und Nacht aufhalten, bringen mich sofort wieder zur Besinnung.

Einen Moment noch, – und wir gehen hinaus. Ich wende mich noch einmal um, schicke die letzten Grüße in der Richtung der Festung. Dort stehen die Kameraden, eng an die Fensterscheiben gepreßt, und schwenken weiße Tücher zum letzten Gruß: »Lebt wohl! Lebt wohl!«

Der Dampfer, der mich nach Petersburg bringen soll, ist noch nicht da; ich muß in der dumpfen, stickigen Kanzlei warten, wo der Kommandant und seine Untergebenen sich befinden.

»Vielleicht wollen Sie Tee, Wera Nikolajewna?« fragt mich der Kommandant.

Wera Nikolajewna! Im Laufe von 20 Jahren hatte ich hier bei diesen Menschen keinen Namen. 20 Jahre lang war ich nur eine Nummer. Nr. 11 nannte man mich gewöhnlich; vor etwa 10 Minuten war ich noch Nr. 11 ... und nun plötzlich: Wera Nikolajewna!

Nein, ich will ihre Liebenswürdigkeit nicht!

Eine Stunde, vielleicht auch mehr, vergeht. Endlich erscheint der Inspektor: ein unangenehmer, kleinlicher Mensch, gegen den wir alle einen Widerwillen hegten. »Bitte,« sagt er, und wir gehen zum Festungstor hinaus. Nur einige Schritte noch, – und das Gefängnis, wo die Kameraden zurückbleiben, entschwindet meinen Augen. Ich wende mich nicht um, ich fürchte mich davor; ich muß unter allen Umständen meine Fassung bewahren.

Rechts vom Tore liegt der Ladoga-See. Die Sonne wirft ihre Strahlen über ihn, und in den zurückgeworfenen Strahlen glänzt er wie Quecksilber.

Vorne sieht man die dunkle Newa; ihre Gewässer, auf denen sich kleine Wellen bilden, glänzen bleiern. Mitten im Strom steht unbeweglich der Dampfer, auf dem anderen Ufer sieht man in rosarotem Schimmer die trüben Umrisse einer Ortschaft.

Alles ist schön; ich bin mir dieser Schönheit bewußt, aber ich fühle sie nicht, ich freue mich ihrer nicht, ich bin nicht hingerissen, und ich wundere mich selbst, daß ich so kalt bin und nur beobachte.

Die Sonne steht am freien, unbegrenzten Horizont. Ich empfinde nichts bei diesem Anblick. Dunkle Wolken ziehen nach dem Westen. Ich denke: welcher Farbe entspricht diese Wolke? Ich bestimme: Neutraltinte. Ich schaue mir das genau an, und ein sonderbarer Gedanke kommt mir in den Kopf: welcher mir bekannten Illustration aus einer Zeitschrift ähnelt diese Landschaft wieder?

In Begleitung des Inspektors und mehrerer Gendarmen fahre ich im Kutter zum Dampfer: keine Seele ist auf ihm sichtbar.

»Polundra« lese ich, und die Bezeichnung prägt sich mir ein.

»Polundra« bedeutet im Matrosenjargon »Hüte dich«, erklärte mir einige Tage später während des Wiedersehens mein Bruder Nikolai.

Wie oft hat mir später das Wort »Polundra« das Herz beklemmt ... An der Schwelle eines neuen Lebens, nach allem, was gewesen, ruft mir das Schicksal anstatt eines freundlichen Begrüßungswortes sein drohendes »Hüte dich« entgegen.

Wollte es mich warnen, keine Illusionen zu haben? Wollte es sagen: »Nicht genug. Noch manches steht dir bevor?« Die unheilverkündende Warnung quälte mich und weckte Unruhe und Trauer in mir.

Auf dem Dampfer fragte ich den Inspektor, wohin man mich führe.

Er erwiderte: »Gestern habe ich Ihre zwei Kameraden in das Untersuchungsgefängnis gebracht, Sie aber kommen in die Peter-Pauls-Festung.«

Das Herz zog sich mir zusammen: wieder in die Festung!

Der herrliche Kai der Newa war hell erleuchtet, als »Polundra« gegen 10 Uhr abends an der Peter-Pauls-Festung anlegte.

Es dunkelte mir vor den Augen, und ich sah nichts mehr vor mir.

Zwei Gendarmen faßten mich am Arme und führten mich vom Schiff. An der Landungsbrücke erwartete uns ein Wagen ... Die eisernen Tore der Festung sind mir bekannt. Vor 20 Jahren ging ich hier heraus, jeder Hoffnung bar, und nur der mitleidige Blick des Festungssoldaten begleitete meine Gestalt im grauen Sträflingsmantel mit dem gelben Fleck auf dem Rücken.

Ich kenne auch die Treppe und den langen Korridor; durch ihn ging ich alle zwei Wochen einmal zum Wiedersehen mit Mutter und Schwester.

Hier ist die Zelle Nr. 43, in der ich fast zwei Jahre bis zur Verhandlung verbracht hatte. Aber wir schritten an ihr vorbei; ich wurde in einer anderen Zelle, in einem anderen Korridor untergebracht. Die Zelle war groß, aber niedrig. Anstatt der Petroleumlampe brannte ein elektrisches Lämpchen. Es war so unangenehm in der neuen Umgebung. Doch kaum hatte ich mich auf die Pritsche gesetzt und meine Gedanken sammeln wollen, als das Schloß rasselte und schnellen Schrittes ein hoher Mann in mittleren Jahren in Offizierskleidung die Zelle betrat. Sein Gesicht war blaß und farblos, die Augen unangenehm.

»Hier bei uns werden Sie es gut haben,« empfahl er meine neue Wohnung. »Nicht mehr dasselbe wie früher: elektrisches Licht und alle Bequemlichkeiten,« sagte er und zeigte mit der Hand auf die Lampe und das W. C., das ohne Deckel war.

Was bedeutet das, frage ich mich beunruhigt. Allem Anschein nach rechnet dieser Herr darauf, daß ich noch lange seine Gastfreundschaft genießen werde.

Soll ich, anstatt nach Sibirien geschickt zu werden, hier bleiben, bin ich nur aus einer Festung in die andere überführt worden? Er begann indessen mich mit Fragen über Schlüsselburg zu überschütten. Wie ich dort gelebt? Ob ich Bücher, Zusammenkünfte mit den Verwandten gehabt habe? Zu alledem setzte er sich, ohne mich zu fragen, auf meine Pritsche, einen Fuß über den anderen geschlagen. Ich war im Gefängnis menschenscheu geworden; ich war nie mit jemand allein in meiner Zelle geblieben, mich erschreckte dieser unbekannte, aufdringliche Mensch, der sich da so familiär auf meine Pritsche setzte.

»Gehen Sie fort! Fort!« rief ich zornig aus und sprang auf.

Der Inspektor hatte wohl einen solchen Empfang nicht erwartet, sprang auf und verschwand im nächsten Augenblick.

Endlich bin ich allein, kann mich aber nicht beruhigen. Wieviel hatte ich an diesem Tage durchlebt, und wieviel Unbekanntes stand mir noch bevor. Werde ich fortgeführt, oder bleibe ich hier? Wie werde ich meine Angehörigen wiedersehen? Die Mutter ist tot, – hat es nicht erlebt. Es ist besser so. Welch ein Wiedersehen wäre das geworden? Sie – auf dem Sterbebett; von Gendarmen begleitet wäre ich zu ihr gekommen ... Was hätten wir uns da sagen können: die sterbende Mutter und die Tochter, die nach zwanzig Jahren das Gefängnis verläßt. Kein Mensch könnte ein solches Wiedersehen ertragen ... Und die Gendarmen an der Tür ...

Ich kann mich nicht beruhigen; auf welche Weise den Gedanken entfliehen? Wenn ich wenigstens ein Buch hätte, um mit fremden Gedanken die eigenen zu betäuben!

Ich klopfte an die Tür. »Wachhabender, bitte, besorgen Sie mir ein Buch; ich kann auf einer neuen Stelle nicht schlafen!«

»Ich weiß nicht,« erwiderte der Gendarm, »die Bibliothek ist geschlossen, aber ich werde fragen.«

Nach einer Viertelstunde erschien ein Unteroffizier mit schönem, intelligentem Gesicht. Er reichte mir ein Buch, und im selben Augenblick fiel ein Blatt heraus. Ich hob es auf, und, o Wunder, vor mir ist das schöne Porträt Nadsons.

Ich blättere in seinen Gedichten. Nadsons Poesie befriedigt mich nicht. Zu sehr fühle ich in ihr den Mangel an Tatkraft, und das stößt mich ab.

Aber meine Stimmung schlägt um: der schwache Wille Nadsons weckt meine Kraft.

Ich fürchte nichts mehr; die Angst hat mich verlassen. Heute wird nichts mehr geschehen, und morgen – an morgen will ich nicht denken! ... Ich stelle das Porträt vor mich auf den Tisch, an den Wasserkrug gelehnt: mit mir ist ein Freund, ich bin nicht mehr allein.

Die Glocken der Peter-Pauls-Festung singen, sie singen dasselbe Lied, das sie vor 20 Jahren gesungen ... Ich schlummere ein.

Die dunklen Wellen der Newa rauschen, der weiße Dampfer »Polundra« fährt ins Unbekannte. Aber ich weiß noch nicht, daß »Polundra« »Hüte dich« bedeutet.

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