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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Im Auslande

Nach meiner Ankunft in Zürich beherrschte mich ausschließlich der Wunsch, mich vollständig dem Studium der Medizin zu widmen. Voll Andacht bezog ich die Universität; wenn ich auch damals erst 19 Jahre alt war, so war ich doch fest entschlossen, jedes Vergnügen, jede Zerstreuung zu meiden, um nur ja keine Minute der kostbaren Zeit zu verlieren. Ich vergrub mich in die Vorlesungen, Lehrbücher und praktischen Arbeiten mit einer glühenden Hingabe, die im Laufe von mehr als drei Jahren in nichts nachließ.

Anfangs hatten wir keine Bekannten. Aber bald wurde meine Schwester Lydia durch eine Kollegin in den Kreis der Studentinnen eingeführt, die schon vor uns gekommen waren und schon vom Baum der Erkenntnis gekostet hatten. Diesem Kreis gehörten an: Bardina, Kaminskaja, die Schwestern Ljubatowitsch und noch andere. Es entstand ein enges Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen, und bald darauf siedelte Lydia ganz zu ihnen über. Das erste Studienjahr näherte sich seinem Ende, als plötzlich ein Ereignis eintrat, das uns aus unserer Zurückgezogenheit herausriß. Es war die Frage der Verwaltung der Bibliothek in der russischen Lesehalle, deren Abonnenten, das war die gesamte Studentenkolonie, sie unter eigene Kontrolle nehmen wollten.

Die Leser forderten die gleichen Rechte, wie sie die Gründer der Bibliothek besaßen. Beratungen, Versammlungen, Debatten setzten ein, man beschloß zu kämpfen und, falls es sich als notwendig erweisen sollte, aus der Bibliothek auszuscheiden, um eine neue zu gründen, die allen Lesern gleiche Rechte einräumen würde und ihrer Kontrolle unterstellt wäre. Das Ultimatum der Leser wurde von der Verwaltung abgelehnt, und 120 Personen schieden sofort aus. Unter dem frischen Eindruck wurden Versammlungen einberufen, es wurde beschlossen, eine Lesehalle auf einer neuen Grundlage zu gründen: Geld und Bücher wurden von allen Anwesenden für die neue Stiftung gespendet. Kaum ein Monat war vergangen, und die neue Lesehalle wurde eröffnet.

Man gründete bald darauf auch eine Studentenküche und eine spezielle Kasse zur Unterstützung der Unbemittelten. Ein Haus wurde gekauft, in dem alle diese Einrichtungen untergebracht wurden, ein Klub eröffnet; Projekte von zwei Werkstätten, einer Tischlerei und einer Buchbinderei, ebenso von einem Arbeitsnachweis, wurden ausgearbeitet, usw.

Noch zur Zeit, als wir die alte Lesehalle besuchten, wurden dort öfters Geldsammlungen vorgenommen; sei es für streikende Arbeiter, für die Märtyrer der Pariser Kommune, für russische Emigranten, die spanische Revolution, usw. Die meisten der jungen Studenten spendeten ihr Geld, ohne den Zweck recht zu kennen; die stets wiederkehrenden Aufforderungen riefen naturgemäß Fragen nach dem Ziel hervor, und Erklärungen wurden gegeben.

Auch hingen an den Wänden Anzeigen von Arbeiterversammlungen, von Vorträgen für Arbeiter usw. Wir besuchten solche Versammlungen, Festmahle zu Ehren der Kommune, die Sitzungen der schweizerischen Arbeitervereine und der Sektionen der Internationale. Wir begannen uns in starkem Maße für Theorie und Praxis des Sozialismus zu interessieren, zu dessen Studium besondere Zirkel ins Leben gerufen wurden. Einer dieser Zirkel, dem ich und elf andere Personen, ausschließlich Frauen, angehörten, und dessen Mitglieder später im Prozeß der Fünfzig als Angeklagte auftraten, machte sich zur Aufgabe, folgende Gegenstände zu studieren:

1. die sozialistischen Lehren von Thomas Morus bis zur Gegenwart, vor allem Fourier, St. Simon, Cabet, Louis Blanc, Proudhon, Lassalle,

2. die politische Ökonomie,

3. Volksbewegungen und Revolutionen,

4. die zeitgenössische Arbeiterfrage und -bewegung im Westen (Geschichte der englischen Trade Unions, der Internationalen Arbeiter-Assoziation, des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins usw.). Wir befaßten uns sehr ernst und eingehend mit diesem Studium und widmeten ihm zwei Jahre.

Trotzdem lenkten uns diese sozialen Interessen und Studien keineswegs von unserem Spezialstudium ab. Wir verstanden das Interesse für Leben, Literatur und Wissenschaft in harmonischer Weise miteinander zu verbinden. Wir wußten die anatomischen und noch mehr die praktischen Arbeiten hoch zu schätzen, wir interessierten uns lebhaft für die zoologischen Vorträge, und unser Professor der Histologie hob unser Interesse für die praktischen Übungen in seinem Fach hervor. Wir fehlten bei keinem einzigen Physiologievortrag des berühmten Professors Hermann, der sich lange gegen die Zulassung von Studentinnen in Zürich gewehrt hatte. Die Vorträge aus der Chemie und Mineralogie mieden wir, da sie langweilig und weniger lehrreich als die Bücher waren, drängten uns dagegen ins chemische Laboratorium.

Im allgemeinen waren wir Studentinnen fleißiger als unsere männlichen Kollegen.

Im Sommer 1873 wurde von der russischen Regierung ein Ukas an die Studentinnen der Universität Zürich erlassen, diese Universität unverzüglich zu verlassen, bei Strafe der Nichtzulassung zu den Staatsprüfungen in Rußland. Wir waren aufs höchste betroffen. In der Begründung wurde gesagt, daß die Studentinnen sich sozialistischen Ideen widmeten. In einem anderen Punkt, der geeignet war, uns Frauen in hohem Maße zu verletzen, hieß es, daß die russischen Frauen unter dem Vorwand des Studiums sich den Gelüsten der »freien Liebe« im Ausland hingäben. Diese freche Verleumdung führte dazu, daß manche Ausländer von nun an uns als leichtlebige Frauen zu betrachten begannen.

In einer allgemeinen Studentinnenversammlung beschlossen wir, einen Protest gegen die Verletzung unserer Ehre zu verfassen und in allen europäischen Zeitungen erscheinen zu lassen. Doch die konservativen Elemente – die älteren Semester – widersetzten sich dem. Da der Erlaß nur von Zürich sprach, so beschlossen diejenigen, die im Ausland bleiben wollten, andere Universitäten zu beziehen, sie gingen zum Teil nach Paris, Bern, Genf, andere kehrten in die Heimat zurück, noch andere trachteten die Ideen, die sie sich in der Schweiz zu eigen gemacht hatten, in Rußland zu verwirklichen.

In meinem Leben hatte sich unterdessen manches geändert. Unter dem Einfluß neuer Persönlichkeiten und Probleme entstanden zwischen mir und meinem Mann große Meinungsverschiedenheiten: er schloß sich dem Lager der älteren, der Konservativen, ich mich dem der Extremen an. Ursprünglich hatte ich dem Kreis der sozialistischen Studentinnen nicht angehört. Sie luden mich nicht ein, weil sie meinen Mann nicht leiden mochten, wegen des Dünkels, mit dem er auf sie herabblickte. Man nahm an, ich dächte wie er. Mein Stolz erlaubte mir nicht, mich auszusprechen, bis ich zufällig eines Abends bei der Bardina geblieben war, wo an jenem Tag eine Vorlesung angesagt war. Bei Beginn der Versammlung sprang ich auf, um wegzulaufen. Aber die Bardina hielt mich freundlich zurück, wir sprachen uns aus. Seitdem versäumte ich keine einzige Zusammenkunft mehr.

In meiner Weltanschauung ging im Laufe dieses Züricher Jahres ebenso wie bei den anderen eine große Umwälzung vor sich. Was früher das Ziel erschien, war jetzt zum Mittel geworden; die Tätigkeit des Mediziners, Agronomen, Technikers als solche verlor in unseren Augen ihren Sinn, erschien nur als eine Art von Wohltätigkeit, als ein Palliativ. Wir wollten nicht die Krankheitssymptome heilen, sondern ihre Ursachen beseitigen. Wir meinten jetzt, wenn wir das Volk auch noch so viel mit Arzneien, Pillen und Mixturen behandeln würden, könnte man günstigstenfalls nur eine vorübergehende Besserung herbeiführen. Die Krankheiten würden nicht abnehmen, da das Milieu, die ungünstigen Wohnungs-, Ernährungs- und Bekleidungsverhältnisse der Kranken unverändert blieben. Das Berufsziel, das uns als so edel und hoch vorgeschwebt hatte, war in unseren Augen herabgewürdigt zu einem – noch dazu unnützen – Handwerk.

Wohin den Blick richten, woran die Kräfte wenden? Was sollte der Mensch anfangen, der seinen Tätigkeitsdrang im gesellschaftlichen Interesse befriedigen wollte? Das ganze Übel – sagten uns unsere neuen Eindrücke – wurzelt in den bestehenden wirtschaftlichen Verhältnissen.

Wie sind diese Verhältnisse? Eine ganz geringfügige Minderheit verfügt durch das Recht des Privateigentums über alle Produktionsmittel. Alle übrigen Menschen dagegen, die ungeheure Mehrheit, verfügt nur über ihre Arbeitskraft. Vom Hunger getrieben, verkauft sie ihre Arbeitskraft an die Minderheit, erhält aber infolge der gegenseitigen Unterbietung dafür nur einen kleinen Teil dessen, was durch ihre Arbeit erzeugt wird: nur den Teil der Produkte, der zur Aufrechterhaltung des Lebens der Arbeitenden und zu ihrer Fortpflanzung unbedingt notwendig ist. Der verbleibende Rest der Arbeitsprodukte wird von den Besitzern der Produktionsmittel behalten. Die Konkurrenz der Kapitalisten untereinander wiederum vernichtet allmählich den behäbigen Mittelstand, reibt ihn auf und führt zu einer immer größeren Konzentration der Kapitalien. Gleichzeitig schwellen die Reihen der Ausgeplünderten immer mehr an. Während oben eine dünne Schicht von Glückspilzen alles genießt, was die Zivilisation nur an Luxus bietet, kriechen unten Millionen von Menschen in Armut, Unwissenheit, Verbrechen und Lastern und sind zu körperlicher, geistiger und sittlicher Entartung verdammt.

Um mit einer solch abscheulichen Ordnung der Dinge aufzuräumen, tut eins not: die Produktionsmittel vom Privatbesitz auszuschließen und sie, als kollektives Eigentum allen Werktätigen zu übergeben. Diese Umwälzung ist nur durch Kampf zu erreichen, da die Klasse, die sich in bevorzugten Verhältnissen befindet, freiwillig niemals darauf verzichten wird. Zu diesem Kampf muß die Klasse organisiert werden, die am erfolgreichen Ausgang des Kampfes das größte Interesse hat, d. h. die Arbeiterklasse, das Volk.

Die Menschen nun, die die Interessen der Arbeiterklasse als die Interessen der ganzen Menschheit erkannt haben, müssen alle ihre Kräfte einsetzen, um die sozialistischen Ideen ins Volk zu tragen und es zum aktiven Kampf für diese Ideen zu organisieren.

Das war das Fazit des Züricher Lebens.

 

Im Sommer 1873, bei Beginn der Ferien, trennten wir uns alle; meine Schwester Lydia, einige Kolleginnen und ich ließen uns in Lutry am Neuenburger See nieder. An einem wunderschönen Schweizer Abend während eines Spazierganges zu zweien in den Weinbergen stellte mir meine Schwester Lydia in tiefbewegten Worten folgende Fragen: ob ich mich entschlossen habe, meine Kräfte der revolutionären Sache zu widmen, nötigenfalls auch mit meinem Manne zu brechen, die Wissenschaft zu opfern, die bürgerliche Laufbahn aufzugeben. Ich bejahte voll Enthusiasmus. Darauf teilte mir die Schwester mit, daß ein geheimer revolutionärer Verein gebildet sei, der beabsichtige, in Rußland zu wirken. Man las mir die Statuten und das Programm vor, und als ich mich mit den Bestimmungen einverstanden erklärte, wurde ich als Mitglied des Vereins aufgenommen. Ich war damals 21 Jahre alt.

Diese ursprünglichen Satzungen unseres Vereins waren eine getreue Kopie der Statuten irgendeiner beliebigen Sektion der Internationalen Arbeiter-Assoziation; sie enthielten auch nicht die leiseste Andeutung der Eigenart des russischen Volkes und der Verhältnisse des russischen Lebens. Die fertige westeuropäische Formel wurde von A bis Z auf russischen Boden übertragen. Der ganze Werdegang der Arbeiterbewegung blieb unberücksichtigt. Da wir sahen, daß die politische Freiheit in Westeuropa das Volk nicht glücklich gemacht hatte, daß sie seine wirtschaftliche Lage unbeachtet ließ, griffen wir die letzten Forderungen der Arbeiterklasse auf und stellten uns ausschließlich auf den Boden des wirtschaftlichen Kampfes. Wir hielten es für unmöglich, das russische Volk zu einem Kampf um Rechte aufzufordern, die ihm kein Brot geben würden; wir hofften, durch den Kampf für eine Umwälzung der bestehenden Wirtschaftsordnung gleichzeitig die Idee des Zarismus zu bekämpfen und damit die Demokratisierung des politischen Systems erringen zu können. An das Joch des damaligen politischen Regimes in Rußland, an die Unmöglichkeit, unter den bestehenden Bedingungen schriftlich oder mündlich unsere Tätigkeit zu entfalten, dachten wir gar nicht. Wir dachten zwar daran, daß uns Verbannung und Zuchthaus erwarteten, aber wir hatten keine reale Vorstellung von den uns bevorstehenden Schwierigkeiten, Hindernissen und Gefahren. Wir sollten das später teuer bezahlen!

Wir wollten sozialistische Ideen unter das Volk tragen, ohne alle Zugeständnisse an die im Volke herrschende Weltanschauung; wir hielten es für nötig, dem Volk nicht nur vom Kollektiv-, vom Gemein eigentum zu sprechen, sondern auch von der Kollektiv arbeit – nach dem Grundsatz: »Jeder gebe gemäß seinen Fähigkeiten« – und vom kollektiven Verbrauch (Konsum) der Arbeitserzeugnisse nach dem Grundsatz: »Jeder erhalte nach seinem Bedürfnis«. Kurz: wir dachten aus dem Volke bewußte Sozialisten im westeuropäischen Sinne heranzubilden. Dazu war natürlich nötig, mitten unter dem Volke zu leben, womöglich gar mit ihm zu verschmelzen. Zu allererst hatten wir es nicht für nötig gehalten, daß die Intellektuellen dabei zu Handarbeitern würden; darauf kamen wir erst später. Von allem Anfang an jedoch verwarfen wir die stark privilegierten Stände, wie die eines Gutsbesitzers, Arztes, Friedensrichters usw. Das Programm der Gesellschaft, deren Mitglied ich geworden, faßte diese Anschauungen zusammen und sprach von der sozialen Revolution, die die sozialistischen Ideale verwirklichen werde, als einem Ereignis der nahen Zukunft. Wir waren im ganzen zwölf Studentinnen, aber wir wußten, daß neben uns viele andere Gruppen mit denselben Zielen bestanden, und waren deshalb überzeugt, daß die Arbeit auf breiter Basis vorangehen werde.

In diesem Sommer 1873 erschien die erste Nummer der Zeitschrift »Wperjod« (»Vorwärts«). Sie gab unserem Denken einen starken Antrieb, rief viele Diskussionen und Debatten hervor.

Nach der Sprengung der Züricher Kolonie reiste eine von unseren Kolleginnen, Eugenie Dimitrijewna Subbotina, nach Rußland, fünf andere – Bardina, Alexandrowa, Lydia Figner und zwei jüngere Schwestern der Subbotina – gingen nach Paris, noch andere – darunter die beiden Ljubatowitsch, die Kaminskaja und ich – bezogen die Berner Universität.

Bald darauf kam Tkatschow nach Bern. Er schlug unserer Gruppe vor, in föderative Beziehungen zu den »Zehn Dutzend« der Revolutionäre in Rußland zu treten. Ebenso wie die große Mehrheit der damaligen sozialistischen Jugend waren auch wir Anhänger der föderalistischen Organisationsform. Im Konflikt, der die gesamte Internationale in zwei Lager trennte, stellten wir uns auf Seite Bakunins, wie wir überhaupt unter dem Zauber seiner Persönlichkeit standen. Tkatschow dagegen kam mit einem jakobinischen und zentralistischen Programm, und da er noch dazu den Ruf eines Menschen genoß, der Fiktionen im revolutionären Kampfe für notwendig hielt, wir außerdem Gegnerinnen der Netschajewschen Politik waren, lehnten wir das angebotene Bündnis ab.

Bald darauf reisten die beiden Schwestern der Subbotina nach Rußland, um sich dort revolutionär zu betätigen. Wir anderen traten in Verbindung mit dem Revolutionär Fesjenko, der uns in Beziehung zu Serbien brachte, und da wir damals alles vom internationalen Standpunkt betrachteten, wurde beschlossen, unbedingt jemand nach Serbien zu schicken zur Agitation und Gründung eines sozialistischen Blattes mit Hilfe dortiger Genossen. Die Wahl fiel auf mich; ich war damals schon fast frei, da mein Mann in Rußland den Posten eines Bezirksgerichtssekretärs angenommen hatte. Da ich aber gar kein Serbisch konnte, bat ich, man möge jemand anders hinschicken. Nun wurde Maria Subbotina dazu ausersehen, die aber von Serbien geradewegs nach Rußland weiter fuhr. Bei Schluß des Semesters gingen noch sechs andere Kolleginnen nach Rußland, um sich der revolutionären Tätigkeit zu widmen. Ich konnte mich noch immer nicht entschließen, dem Beispiel zu folgen. Die noch nicht abgebrochenen Familienbeziehungen und der Wunsch, mein Studium zu beenden, hielten mich zurück. Die Bitten meiner Mutter, die sehr bekümmert war, weil Lydia ihr Studium aufgegeben hatte, bestärkten mich in meinem Beschluß. Noch eins kam hinzu. Einige Genossinnen unserer Gruppe, die nach Rußland abgereist waren, gedachten, dort ihre Hebammenprüfung abzulegen. Ich wußte genau, daß sie die dafür nötigen medizinischen Kenntnisse nicht besaßen. Ich aber wollte nach Vollendung meines Studiums zwar auch nur eine bescheidene Feldscherin oder Hebamme auf dem Lande werden wie sie, wollte aber dem Volke mit aller Erfahrung und den Kenntnissen eines Arztes und Chirurgen helfen können.

Um diese Zeit hatten in Rußland die Sozialistenverfolgungen eingesetzt, und viele flüchteten ins Ausland. Während der Ferien traf ich manche von ihnen in Genf; einige kannte ich noch von Zürich her, als sie zusammen mit mir studierten. In Genf lernte ich kennen: Tschubarow, Nikolai Schebunew mit seiner Frau, Nikolai Morosow, Sablin, Sudsilowski, später noch Klemenz, Krawtschinski, Iwantschin-Pissarew, Iwan Debagorio-Mokrijewitsch und viele andere. Auch mit verschiedenen ausländischen Emigranten wurde ich bekannt, z. B. mit den Mitgliedern der Pariser Kommune Pindy und Lefrançais, mit den Mitgliedern der Ersten Internationale Brousse, Guillaume usw. Einige Russen besuchten mich in Bern, und da sie bei mir Sympathie und auch materielle Hilfe fanden, wußten von meiner Existenz viele Zirkel in Rußland schon vor meiner Rückkehr in die Heimat. Viele kehrten auf meine Kosten in die Heimat zurück, z. B. der später gehenkte Tschubarow, Nikolai Morosow und Sablin (beide wurden an der Grenze verhaftet), Iwan Mokrijewitsch, Enkuwatow und noch ein paar Kameraden. Auch unterstützte ich in Berlin und London mir unbekannt gebliebene Russen. Zu jener Zeit standen mir noch meine persönlichen Geldmittel zur Verfügung, und da ich meine eigenen Ausgaben auf ein Minimum beschränkte, konnte ich ziemlich vielen meiner Kameraden helfen; außerdem bemühte ich mich auch, Sympathien für die Sozialisten zu wecken und meine Umgebung zu Geldspenden zu bewegen. Ich glaube, in jener Zeit entstand die damals verbreitete Meinung, daß man sich, falls es an Geld fehlte, nur an mich wenden müsse. Tatsächlich konnte ich mich nie mit dem Gedanken aussöhnen, daß eine nützliche Sache aus Mangel an verächtlichem Metall scheitern solle, und ich verstand, immer wieder irgendwie Geld aufzutreiben.

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