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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 58
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Die Mutter

Während diese Gedanken meine Seele, mein Gehirn zernagten, starb meine Mutter. Die Schwestern hatten die Genehmigung bekommen, mir alle 3 bis 4 Wochen kurze Nachrichten über den Verlauf ihrer Krankheit zu geben. Bis zu ihrem Tode, der im November 1903 eintrat, lebte ich im Laufe von 10 Monaten in einer furchtbaren Nervenanspannung. Die sich oft widersprechenden Nachrichten über zeitweilige Besserung, dann wieder Verschlimmerung ihrer Krankheit bereiteten mir unsagbare Qualen. Der Gedanke an die Sterbende verließ mich nie, und die Nachrichten aus Petersburg brachten statt Beruhigung, wie die Schwestern geglaubt hatten, nur eine Verschärfung der Schmerzen, der Unruhe.

Es schien, als ob ein geheimnisvolles Band zwischen meiner Zelle in der Festung und dem Zimmer in Petersburg, wo meine Mutter lag, existierte; wenn sich meine Stimmung etwas hob, dann tröstete mich der Gedanke, der Mutter gehe es besser; wenn mich die Unruhe stärker ergriff, war ich überzeugt, die Mutter liege in Todesschmerzen.

Am 15. November 1903 schloß sie die Augen für immer. Die um mich besorgten Gendarmen, die mich nicht hatten aufregen wollen, wie der Inspektor später erklärte, übergaben mir den Brief, in welchem die Schwestern mir den Tod mitteilten, nicht. Anstatt des Briefes teilte mir der Inspektor die Todesnachricht mündlich mit, wobei er alles durcheinander brachte und mir sagte, die Mutter sei in Petersburg beerdigt worden.

Ich wußte, daß Petersburg der Mutter immer fremd gewesen war; nichts als die Ausbildung der Kinder verband sie mit der Stadt. Lieb und teuer war ihr das Dorf Nikiforowo im Gouvernement Kasan, wo unser »altes Haus« stand und alles an ihre und unsere Kindheit, an Freuden und Schmerzen unseres gemeinsamen Lebens erinnerte. Dort, neben dem Vater und unserer Wärterin, wollte sie liegen ...

Ob ich sie noch sehen werde? ... Nein, ich werde sie nicht sehen ... nicht sehen ... nein ... ich werde sie sehen ... so hatte ich im Laufe von 10 Monaten ununterbrochen geraten, beim Gedanken, ob sie bis zum 28. September 1904, dem Tage, wo ich die Festung verlassen sollte, leben werde. Jetzt hatte das Raten ein Ende. Die Mutter hatte meine Entlassung nicht erlebt, sah mich nicht wieder.

Vielleicht war es so besser: sie hätte mich in dem Alter wiedergesehen, in dem sie selbst stand, als wir uns trennten. Und auch ich hätte nicht mehr dieselbe wiedergesehen, die ich im Jahre 1884 zum letztenmal umarmte; ich hätte eine andere gesehen, eine ganz Veränderte, verändert durch 20 Jahre und durch die furchtbare Krankheit.

Die Nervenanspannung ließ plötzlich nach; ich brach völlig zusammen und verfiel in einen Zustand, in dem man weder sehen noch hören noch sprechen will; wo man keine Worte mehr hat, wo überhaupt nichts weiter als eine grenzenlose körperliche Schwäche und eine absolute Lethargie die Seele ergreift ...

So verging der Dezember, der Januar, und es kam der März.

Der März hatte diesmal eine für Petersburg ganz ungewöhnliche Witterung. Es waren helle, immer klare Tage; die Sonne wärmte ungewöhnlich stark. Ich lag ganze Tage auf dem von besorgten Kameraden ganz primitiv hergerichteten Liegestuhl. Niemand störte mich; ringsum unter dem wolkenlosen Frühlingshimmel war es ruhig. Die Sonne sandte ihre heißen Strahlen; der erschöpfte Körper und die erschöpfte Seele schlummerten.

Im Februar bekam ich den im November zurückgehaltenen Brief der Schwestern. Sie schrieben, daß die ganze Familie die Mutter nach Nikiforowo begleitet und dort begraben hatte, so wie sie es sich gewünscht habe.

Am 9. März antwortete ich ihnen:

Meine Teueren! Ich will nichts von unserer Mutter schreiben, auch nichts – wozu an Eueren Nerven zerren? – von meiner Stimmung: sie ist lauter Trauer und Erschöpfung. Trauer, weil Mutter 21 Jahre lang das Zentrum meiner Empfindungen gewesen ist. Erschöpfung, weil ich ein ganzes Jahr vor ihrem offenen Grabe gestanden, in beständiger Unruhe, Aufregung und Sorge. Für mich ist der Gedanke tröstlich, daß Ihr sie bis zur äußersten Grenze, die dem Menschen möglich ist, begleitet habt, und daß sie nicht im kalten und unfreundlichen Petersburg liegt, sondern in ihrem geliebten Nikiforowo, das auch uns allen immer lieb gewesen und jetzt noch teurer, noch lieber geworden ist. Ich hielt es immer für ein Glück für jeden Menschen, ein Plätzchen zu haben, das mit Kindheitserinnerungen verknüpft ist, wo er zuerst die Weite des Himmels und die der Wiesen lieben gelernt; wo sich verschiedene Familienereignisse abspielten und wo die verstorbenen Angehörigen ruhen ...

Ich denke oft an Euch und stelle mir in Gedanken vor, wie Ihr nach Nikoforow fuhrt, und diese Gedanken rufen unaufhaltsam Tränen hervor ...

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