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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 57
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Die Angst vor dem Leben

Also in 20 Monaten sollte ich nach 22jähriger Gefangenschaft die Schlüsselburger Festung verlassen. 20 Monate lagen noch vor mir, in denen ich genug über die Zukunft grübeln konnte.

Eine ungeheure sittliche Aufgabe ist vor mir erstanden. Das Schicksal hat mir ein seltsames Los beschieden: ein zweites Leben; aber ich betrete es nicht wie ein ahnungsloses, unwissendes Kind, vor dem noch alle Möglichkeiten liegen, auch nicht wie ein Jüngling, der hinter sich nichts, vor sich noch alles hat. Ich hatte hinter mir eine lange, komplizierte Vergangenheit; eine schwere Last drückte auf meinen Schultern; der kurze, glühende Weg des revolutionären Kampfes, dann der lange, eisige der Einkerkerung. Und mit einer solchen Bürde auf dem Rücken soll ich von neuem ins Leben treten. Ich bin jetzt 50 Jahre alt und kann noch ganze 20 leben. Wie werde ich diese Jahre ausnutzen? Womit sie ausfüllen? Womit sie erhellen und erleuchten? Meine Blicke waren immer zum Himmel gerichtet, sie müssen es auch weiter bleiben, aber nur, um Lichtstrahlen für die Erde zu gewinnen. Was kann ich dieser Erde bringen? Was werde ich ihr geben?

Wie qualvoll waren diese Fragen, die ununterbrochen Tag und Nacht an der Seele nagten.

Niemand vermochte mir bei der Lösung dieser Fragen zu helfen; weder die Bücher, noch die Kameraden, auch nicht ein Freund.

Allein, in gänzlicher Abgeschiedenheit, von niemand gesehen und gehört, mußte ich versuchen, diese qualvollen Fragen zu lösen. Es war ein letztes Gericht – ein Gericht gegen mich selbst, ein Gericht für die Zukunft ...

Ich fühlte mich in einer Lage wie ein Mensch, der unbedingt schwimmen muß, obgleich er es nicht versteht. Einst, vor langer Zeit, verstand er es, verlernte es aber und begreift nicht, was er mit sich anfangen soll. Vor ihm, rings um ihn das Meer, nichts als das Meer; unter ihm eine Erdscholle, die von allen Seiten vom Wasser umspült ist. Allmählich spülen die Wellen Stück für Stück dieser Scholle weg. Ob er kann oder nicht, er muß schwimmen. Und er denkt darüber nach, solange er noch Zeit hat, wie, auf welche Weise er schwimmen soll. Überlegt die Körperbewegungen, wie er die Hände und Füße bewegen, in welcher Richtung er schwimmen soll, wo ist das Festland, und wie groß ist das Maß seiner Kräfte? Er fürchtet sich und zweifelt an sich, fürchtet die Launen des Meeres, zögert: was wird er tun, wie wird er handeln? Und niemand kann ihm helfen, kann ihm raten, wie er, ins Wasser fallend, sich halten soll.

Und so erhob sich jetzt auch vor mir die Frage, was jenseits dieser Mauern mit mir geschehen werde, wie, welcher Sache und wozu ich überhaupt noch leben sollte.

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