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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 53
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Die Achselstücke

In unsere Ruhe brach 1902 plötzlich ein Unwetter herein, das unsere, wie es schien, so festen Errungenschaften zertrümmerte wie ein armseliges Spielzeug.

Am 2. März, wir waren um 5 Uhr vom Spaziergang zurückgekehrt, die Zellen waren verschlossen, hörte ich plötzlich den Lärm sich nacheinander öffnender Türen, was mir sagte, daß irgend etwas Außergewöhnliches geschehen sei. Der Riegel knarrte endlich auch an meiner Tür, und der Inspektor, begleitet von zwei Gendarmen, betrat die Kammer.

»Der Kommandant ist unzufrieden mit der Unordnung im Gefängnis,« sagte er mit wichtiger Miene. »Das muß ein Ende nehmen, und vom heutigen Tage an treten die Instruktionen wieder in Kraft,« schloß er und wandte sich zum Gehen. »Was bedeutet das, welche Unordnung?« fragte ich. »Man hat uns keine Bemerkungen gemacht, Ihre Erklärung ist mir vollkommen unbegreiflich.« »Der Kommandant ist unzufrieden. Die Instruktionen treten mit dem heutigen Tage wieder in Kraft,« wiederholte er. »Mehr kann ich nicht sagen.« »Vielleicht ist draußen etwas geschehen?« fragte ich, wohl wissend, daß jeder Vorfall draußen in der Welt gewöhnlich mit Repressalien im Gefängnis endigt. »Ich weiß nichts.«

»Aber woher kommt denn diese Verfügung: aus Petersburg oder von hier?«

»Von hier,« erwiderte der Inspektor und wandte sich zur Tür.

»Wir können uns der Instruktion nicht unterwerfen,« rufe ich ihm nach. »Sie bindet uns an Händen und Füßen. Unter dieser Instruktion kann man nicht atmen: man kann sich an sie unmöglich halten. Sie werden sofort den Karzer gebrauchsfertig machen müssen!« »Das werden wir auch,« erwiderte ruhig der Inspektor. Ähnliche Gespräche kamen aus jeder Zelle.

Aufgeregt, beunruhigt, wußten wir nicht, was wir davon halten sollten: woher dieser Überfall? Der Zustand im Gefängnis gab nicht den geringsten Anlaß dazu: wir lebten friedlich, störten niemand, und niemand störte uns, warum bedroht uns also die Wiederherstellung des alten Regimes, die Beseitigung all jener kleinen Erleichterungen, die wir im Laufe von so viel Jahren erobert hatten? 18 bis 20 Jahre, ja manche noch länger, waren wir im Gefängnis. Es schien, als könnte man uns die friedliche Arbeit gönnen. Aber nein, wieder wollte man Skandale, Zusammenstöße. Wir konnten nicht mehr die alten Instruktionen ertragen: wir waren keine Neulinge. Unsere Geistesverfassung war nicht mehr die der ersten Jahre. Unsere Nerven waren bis aufs äußerste angespannt und reagierten auf alles aufs heftigste.

Voll Unruhe war dieser Abend. Die einen liefen erregt in der Zelle auf und nieder; die anderen lagen unbeweglich auf der Pritsche; man war außerstande, zu lesen, das Buch fiel einem aus der Hand. Manche sprachen auf dem üblichen Wege miteinander. Die Nerven waren wie straff gezogene Saiten: was erwartete uns? Wodurch waren die Repressalien hervorgerufen? Wieder diese Ungewißheit. Wieder waren wir die »Blinden« von Maeterlinck. Im Gefängnis war alles in Ordnung; bedeutete das also, daß draußen in der Welt etwas geschehen sei? Irgendeine Katastrophe? Ein welterschütterndes Ereignis? Die Phantasie arbeitete fieberhaft, die Erregung wuchs, und in derselben Nacht kam es zu Szenen, wie sie selbst in den ersten Jahren in Schlüsselburg sich nicht abgespielt haben.

Gegen 10 Uhr hörte das gespannte Ohr, wie sich am entfernten Ende des Korridors das Schiebefenster einer Zelle in der oberen Etage öffnete und dann wieder zugeworfen wurde. Nach 10 Minuten wiederholte sich das, und man hörte ein kurzes Gespräch. Und zum dritten Male wiederholte sich dasselbe.

In der unteren Etage entstand eine Bewegung; dann hörte man wieder dieselben Türen gehen, und die Gendarmen schleppten etwas Schweres hinaus. Es war klar, man schleppte einen menschlichen Körper, Gendarmen trugen jemand an Händen und Füßen. Man hörte Keuchen.

In diesem Augenblick standen alle Gefangenen an den Türen ihrer Zellen und lauschten angestrengt; jeder dachte dasselbe: jemand hat sich das Leben genommen, und jeder von uns begann den Wachhabenden zu rufen, um zu erfahren, was geschehen sei. Der Gendarm öffnete zwar das Guckloch an der Tür, antwortete aber auf die Frage mit keinem Laut.

Plötzlich erscholl die Stimme des Kommandanten, und man hörte die Worte: »Losbinden!« Also ... jemand hat sich erhängt ... Mit Händen und Füßen, ja mit Büchern schlugen wir an die Türen und schrien: »Was ist geschehen?« Die Stimme des Kommandanten erwiderte: »Nr. 28 (das war Sergej Iwanow) bricht die Disziplin.«

Wie, ein Mensch macht einen Selbstmordversuch, und das wird mit »Disziplinbruch« bezeichnet? Die Türen dröhnten. Jemand schrie laut um Hilfe. Ein ohrenbetäubender Lärm erhob sich von oben und unten, rechts und links. Das Gefängnis raste. Und zum dritten Male erscholl die befehlende Stimme des Kommandanten: »Den Arzt!«

Raserei ergriff uns, das Gefängnis verwandelte sich in ein Irrenhaus.

Halbtot von der überstandenen Nacht trafen wir uns am nächsten Morgen beim üblichen Spaziergang. Iwanows nächste Zellennachbarn erzählten Einzelheiten über das Vorgefallene. Gereizt und erregt über das häufige Hineinschauen in die Zelle, hatte er das Guckloch mit einem Papier verklebt und sich geweigert, es abzunehmen.

Vergeblich bemühte sich der Inspektor, ihn dazu zu bewegen. Iwanow weigerte sich hartnäckig; da warfen sich die Gendarmen über ihn, zogen ihm die Zwangsjacke über und fesselten ihn unter den spöttischen Bemerkungen des Kommandanten. Dann schleiften sie ihn in die nächste leere Zelle, die diesmal als Karzer dienen sollte. Aber während des Hinaustragens bekam er einen hystero-epileptischen Anfall, wie später der herbeigerufene Arzt feststellte. Eben dann rief der Kommandant: »Losbinden!« Wir hatten daraufhin angenommen, es habe sich jemand erhängt. Sergej Iwanow lag leblos da, und die Gendarmen bemühten sich, ihn ins Leben zurückzurufen; doch nach ihren vergeblichen Versuchen mußte der Kommandant nach dem Arzt rufen. Aus irgendwelchen Gründen kam er nicht gleich, und als er endlich kam, gelang es ihm nicht sofort, Iwanow zu sich zu bringen. Die Ohnmacht dauerte 40 Minuten.

Niedergedrückt hörten wir dieser Erzählung zu. Was sollten wir tun? Solche Szenen konnten sich nun täglich wiederholen? Wir konnten sie nicht mehr ertragen. Widerstand war absolut notwendig, aber in welcher Form? Es war ganz undenkbar, diese Sache ohne Protest hinzunehmen. Man würde uns ersticken; man mußte auf alle Fälle Widerstand leisten.

Wir waren ganz verwirrt. Die einen schlugen den üblichen Weg der Selbstgeißelung vor, den Verzicht auf den Spaziergang; die anderen sprachen vom Boykott des Kommandanten; jede Beziehung zu ihm abbrechen, sogar keine Briefe von den Verwandten aus seiner Hand empfangen. Mit gesenkten Köpfen, unbefriedigt gingen wir auseinander, ohne etwas beschlossen zu haben.

Ein qualvoller Tag verging. Jeder zerbrach sich den Kopf über die Frage: Was wird weiter sein? Was unternehmen?

Am Abend kam mir der Gedanke, der Mutter einen Brief zu schreiben; einige Zeilen eines derartigen Inhaltes, daß das Polizeidepartement den Brief zwar nicht befördern, ihn aber lesen und sich interessieren werde, was in der Festung geschehen sei, und natürlich die Sache nicht ohne Untersuchung lassen werde.

Ich schrieb:

Geliebtes Mütterchen! Ich wollte Dir antworten, aber bei uns ist etwas vorgefallen, was alles über den Haufen wirft. Wende Dich an den Minister des Inneren oder an den Direktor des Polizeidepartements, damit er an Ort und Stelle eine Untersuchung einleitet.

3. III. 1902.
Deine Wera

Ich teilte den Kameraden den Inhalt des Briefes mit, und am gleichen Abend noch übergab ich ihn dem Inspektor.

»Man wird diesen Brief dem Departement nicht übergeben,« sagte Morosow.

Auch die anderen zweifelten. Nur ich war meiner Sache sicher.

Am nächsten Tage saßen alle »zu Hause«; nur einige, darunter auch ich, gingen hinaus zum Spaziergang. Draußen, getrennt durch das Gitter, das die Käfige voneinander abgrenzte, unterhielt ich mich mit Poliwanow. Wir waren traurig und bekümmert. Ich sagte, daß dies ein Fall sei, wo es sich lohne, als Protest sein Leben einzusetzen durch eine der Wera Sassulitsch würdige Tat. Nicht der Tod schrecke mich, aber die Einsamkeit, die Isolierung, im alten Gefängnis für immer eingeschlossen zu werden. Allein mit den Gendarmen. Ohne Bücher ... das ist schlimmer als der Tod ... Man kann doch nicht zweimal dasselbe durchleben, was wir in den ersten Jahren durchlebt haben. Die Kräfte waren nicht mehr dieselben, ich würde wahnsinnig werden ... Wahnsinn ... davor graute mir ...

Aber ich hatte das Bild Wera Sassulitschs ständig vor Augen. Ich unterrichtete Poliwanow von dem Brief, den ich dem Inspektor übergeben hatte. Er schaute mich mit seinen großen, traurigen Gazellenaugen an: »Und wenn dein Brief nicht befördert wird?« fragte er.

»Nein, das ist ausgeschlossen,« rief ich, »der Kommandant wird sich nicht unterstehen, den Brief nicht abzuschicken, er wird es nicht wagen. Ich kann diesen Gedanken gar nicht ausdenken.«

Poliwanow ging fort, ich blieb. Ich konnte mich nicht von der frischen Luft trennen, sie schien mir berauschend, jetzt um so mehr, wo ich bald auf sie verzichten sollte. Ich konnte doch nicht mehr spazierengehen, wenn die Genossen darauf verzichteten. Wie lange sollten wir jetzt ohne frische Luft bleiben? Monate oder vielleicht noch länger, vielleicht immer?

Als ich mich endlich entschloß, in meine Zelle zurückzukehren, folgte mir auf dem Fuße der Inspektor und erklärte: »Ihr Brief kann nicht befördert werden. Schreiben Sie einen andern.« »Warum?« fragte ich gereizt. »Sie müssen ihn befördern, die Zensur obliegt dem Polizeidepartement, nicht Ihnen!« »In Ihren Briefen dürfen Sie nur von sich sprechen. So lautet die Instruktion.« »Ich kenne die Instruktion. Schicken Sie den Brief ab.« »Nach den Instruktionen darf ich ihn nicht durchlassen; ich werde Ihnen die Vorschriften zeigen,« und damit verließ er die Zelle.

Der Inspektor kehrte mit einem Buch in der Hand zurück und las mir die entsprechende Stelle vor.

Mit erhobener Stimme sagte ich in befehlendem Ton: »Lassen Sie Ihre Paragraphen. Ich weiß, alle Briefe müssen an das Departement geschickt werden: seine Sache ist es, die Briefe zurückzuhalten oder weiter zu befördern.« »Schreien Sie nicht. Ich bin höflich, seien Sie es auch,« protestierte der Inspektor. »Sie würgen uns zuerst, und dann fordern Sie Höflichkeit,« rief ich zornig. »Schicken Sie den Brief ab!« »Bitte, schreien Sie nicht, und schreiben Sie einen anderen Brief, dann werde ich ihn befördern.« »Ich werde nicht schreiben.« »In diesem Falle entziehen wir Ihnen überhaupt das Recht auf den Briefwechsel.«

In diesem Moment wurde mir der ganze Ernst der Situation klar. Es galt zu handeln. Ich mußte mich sofort entschließen, und doch hatte ich noch gar nicht überlegt, was zu tun sei. Ich mußte unbedingt einige Minuten Zeit gewinnen, mich sammeln, die Selbstbeherrschung wieder gewinnen und dann ... Instinktiv suchte ich den Streit in die Länge zu ziehen und fragte, schon wieder beherrscht: »Wofür können Sie mir das Recht auf den Briefwechsel entziehen? Ich habe mich gegen nichts vergangen.« »Sie weigern sich, den Brief umzuschreiben, und darum entziehen wir Ihnen das Recht auf den Briefwechsel.«

Gleichzeitig arbeiteten meine Gedanken fieberhaft: der Brief wird nicht abgeschickt ... das Departement wird also nichts erfahren. Die Instruktion wird in Kraft treten. Das alte Regime wird wieder hergestellt. – Wir können es aber nicht mehr ertragen! ... Die Kameraden ... Was wird aus ihnen werden? Und dann fragte ich mich selbst: Wirst du alle Folgen ertragen können?

Kriegsgericht, Todesstrafe oder die Schrecken der Einzelhaft, Wahnsinn und Tod ... Wirst du es nicht bereuen? Das Geschehene bedauern? Wird deine Kraft für all das ausreichen?«

Und langsam, um ganz sicher zu sein, daß es von Seiten des Inspektors keine leere Drohung sei, fragte ich noch einmal: »Also, Sie entziehen mir tatsächlich das Recht auf den Briefwechsel?«

»Ja,« erwiderte der Inspektor fest.

Einem Blitz gleich durchfuhr mich ein Gedanke und beseitigte alles Zögern: » Nur im Handeln erkennst du deine Kraft.« Im nächsten Moment erhoben sich meine Hände, ich faßte die Schultern des Inspektors, und mit Aufbietung aller meiner Kräfte riß ich ihm die Achselstücke ab ... Sie flogen nach rechts und links. Der Inspektor schreit schrill auf: »Was machen Sie?« und stürzt aus der Zelle. Der fassungslose Wachtmeister hebt die zerrissenen Achselstücke vom Boden auf.

... Nun werde ich sofort in das alte Gefängnis überführt, denke ich, und in fieberhafter Eile benachrichtige ich die Kameraden vom Geschehenen. Ein Sturm erhebt sich im Gefängnis. Aber ich bitte die Kameraden um einen Dienst: ich muß vollkommen Herr meiner selbst sein. Meine Selbstbeherrschung bewahren kann ich nur, wenn die Kameraden keinen Aufruhr herbeiführen werden. Er ist jetzt unnötig. Alles, was nötig war, ist getan worden. Nur um eins bitte ich: um Ruhe!

Es wurde still. Ein unheimliches Schweigen trat ein. Die Seelen waren erschüttert, und die Angst der Ungewißheit ergriff alle. Und furchtbar war der Schrei Popows, der vom entfernten Ende des Korridors erscholl: »Was geschieht mit Wera?« Das bedeutete die Frage, ob man mich schon abgeführt habe. Das war kein Schrei mehr, sondern ein Geheul.

Es erschütterte mich ...

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