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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 52
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Nach achtzehn Jahren

Nach wie vor standen die weißen Mauern der Festung mit den eckigen Türmen, und nach wie vor waren die Festungstore geschlossen.

Aber im Innern des Gefängnisses hatte sich alles verändert.

Von der einst so zahlreichen »Bevölkerung« war der größte Teil an Skorbut oder Tuberkulose gestorben; einige hatten ihre Strafzeit vollendet, manche waren begnadigt und drei Geisteskranke 1896 in ein Irrenhaus überführt worden. Für die letzten dreizehn bestand nach wie vor dasselbe Personal. Auf jeden Gefangenen kamen etwa 20 bis 25 Wächter, und der Unterhalt jedes Gefangenen kostete nicht weniger als 7000 Rubel jährlich, was zu jener Zeit eine bedeutende Summe war.

Die geladenen Revolver hingen nach wie vor im Korridor in den Schränken, aber die strengen Zeiten gehörten der Vergangenheit an.

In manchen Zellen hingen noch die »Instruktionen« aus dem Jahre 1884 an den Wänden. Aber tatsächlich war keine Rede mehr davon. Gemeinsamer Spaziergang, Benutzung der Gärten und Werkstätten wurden nicht mehr als Belohnung für »gutes Benehmen« hingestellt. Alle diese »Vergünstigungen« kamen schon lange allen zugute, jede Trennung in Kategorien war verschwunden. Nach unserem Hungerstreik um die Bücher verbesserte sich auch unsere leibliche Kost. Wir bekamen Tee und Zucker zu unserer eigenen Verfügung, anstatt des schwarzen weißes Brot, und die zum täglichen Unterhalt bestimmten 10 Kopeken wurden auf 23 erhöht.

Seit jener Zeit hörte auch das langsame Aussterben an Unterernährung auf, und die Gesundheit aller hob sich bedeutend. Der Spaziergang von 40 Minuten wurde mit der Zeit immer mehr ausgedehnt. Jetzt konnten wir fast den ganzen Tag draußen sein und gingen, wann wir wollten, vom Spaziergang in die Werkstätten. Eine Zeitlang führte man uns sogar nach dem Abendessen noch hinaus. Welch eine Freude war das für uns, die schon längst vergessen hatten, was ein Sommerabend ist! Wir gingen nur für eine halbe Stunde hinaus. Aber welch wunderbare Stunden waren das! Die Luft, so kühl und feucht vom nahen Fluß, umfächelte weich das Gesicht, und die Brust atmete leicht ... Der Himmel voller Sterne; im Westen ging die Sonne glutvoll unter; die Umrisse des Gefängnisses, der steinernen Mauern wurden weniger scharf, verschwammen im Zwielicht und verletzten das Auge nicht so wie bei grellem Tageslicht. Längst vergessene Empfindungen erwachten, alles ringsum war so ungewöhnlich.

Auch Licht hatten wir jetzt genug. Licht und Luft. Der obere Teil der Fenster in unseren Zellen konnte immer geöffnet bleiben. Wie oft lauschte ich jetzt dem melodischen Rauschen des Wellenschlags, und mir schien dann, als sähe ich den Schaum der Wellen an den Festungsmauern zerschellen ...

Die Eintönigkeit jener Tage, die man nur mit Lesen hatte ausfüllen können, war zu Ende. Man sah durch das Gitter die Gesichter der Kameraden, hörte ihre Stimmen, die Genossen arbeiteten draußen gemeinsam, und geistige Arbeit wechselte mit physischer ab. Von 160 bis 170 Bänden war unsere Bibliothek im Laufe der 18 Jahre auf 2000 angewachsen, zum Teil wissenschaftlichen Inhalts, zum Teil schöne Literatur.

Die Beziehungen der Gefängnisverwaltung zu uns waren, abgesehen von den Konflikten Martynows und Lagowskis mit dem Inspektor anfangs der neunziger Jahre, korrekt. Es schien, als hätte die hohe Regierung in Petersburg vergessen, daß nur 40 Kilometer von der Hauptstadt wichtige Staatsgefangene in Haft gehalten wurden. Sie hatte auch ohne sie genug zu tun. Die machtvolle Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung, die ununterbrochenen Studentenunruhen, das Auftreten des industriellen Proletariats, das seine Existenz laut verkündete, nahm die ganze Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch. Die Revolution trat hinaus auf die Straße, und rote Fahnen flatterten auf den Plätzen Rußlands. Wer sollte da an das »Volks-Wille«-Häuflein der achtziger Jahre denken!

Fast ein Vierteljahrhundert war seit dem 1. März vergangen. Die Besuche der Festung durch hohe Würdenträger hörten auf. Die Gendarmen aus dem Alexej-Vorwerk verließen nacheinander den Dienst, wurden pensioniert, und die noch übriggebliebenen wurden grau, taub, hatten sich an die Gefangenen gewöhnt und ... wurden weicher.

Einst standen sie mit starren Gesichtern beim Rundgang des Inspektors Sokolow durch die Zellen. Niemals ließ sie der Inspektor mit uns allein. Jetzt geschah es bisweilen, daß sich ihre Zungen lösten. Sie fürchteten nicht mehr die schwere Verantwortung, sie fürchteten weder Empörung noch die Möglichkeit einer Flucht: die in den Schränken aufbewahrten Revolver waren wahrscheinlich verrostet. Wenn aber die hohe Regierung uns vergessen hatte, welchen Grund sollte die Gefängnisverwaltung haben, uns zu beengen? Die Zügel wurden locker; nur durfte nichts Außergewöhnliches geschehen, das die Petersburger Behörden aufgescheucht hätte, das einen Verweis hätte hervorrufen können. Im Gefängnis, im Umkreis unserer Mauern waren wir die Herren der Situation. Man konnte oft ein Gewirr von Stimmen, Zank und Streit hören, aber sie kamen nicht von der Gefängnisverwaltung, sondern von diesen oder jenen Gefangenen, die besonders erregt oder unbeherrscht waren. Nicht der Inspektor schrie, – man schrie ihn an. In früheren Zeiten bereiteten mir diese Zusammenstöße Entsetzen. Es ist bekannt, wie sie unter Sokolow endigten: Karzer, Zwangsjacke, grausame Mißhandlungen ... Jetzt wußte man im voraus, daß diesen Auseinandersetzungen nichts folgen würde ... Im allgemeinen herrschte Stille ...

Alles, was man mit seinen eigenen Kräften und der Kraft der Zeit innerhalb des Gefängnisses erringen konnte, war erobert und erreicht. Der Stachel der durchlebten Leiden verlor seine Spitze. Wir waren Menschen ähnlich, die Schiffbruch erlitten und die der Sturm auf eine unbewohnte Insel geschleudert hat, verloren im unermeßlichen Ozean, ohne Hoffnung, je wieder zur übrigen Menschheit zurückzukehren, denen nichts anderes übrigblieb, als ihre geistigen Kräfte, soweit es ging, aufrechtzuerhalten und ihr friedliches Arbeitsfeld zu bearbeiten.

... Der Schleier der Vergangenheit senkte sich über uns.

Die lange, schwere Periode der Anpassung war vorbei, wer nicht gestorben, nicht durch Selbstmord zugrunde gegangen, nicht wahnsinnig geworden war, hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Das Leid, der Schmerz war überwunden. Es schien unglaublich, daß draußen noch jemand unserer gedachte. Wir konnten es nicht glauben, daß unsere Namen noch in der Erinnerung jener lebten, die nach uns gekommen, die uns persönlich nicht gekannt hatten.

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