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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 50
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Bücher und Zeitschriften

Unsere Gefängnisbibliothek war in den ersten Jahren sehr arm. Als wir um Anschaffung von neuen Büchern baten, antwortete man uns höhnisch, es sei kein Geld dazu da. Belletristik gab man uns auch keine, da nach den Worten eines unserer hohen »Besucher« man uns »nicht aufregen« wollte. Aber allmählich, insbesondere dank der Beharrlichkeit Morosows, bekamen wir die Möglichkeit, Neuanschaffungen zu machen. Seit 1895 konnten wir das selbstverdiente Geld für diesen Zweck verwenden. Die Liste der anzuschaffenden Bücher unterlag selbstverständlich der Zensur. Dabei ging es nicht ohne kuriose Zwischenfälle ab. Einmal verbot man uns ein agronomisches Buch, ein anderes Mal eine Darstellung der soziologischen Auffassungen Spencers. Später verbot man uns Gorki und Tschechow.

Im Jahre 1896, nach dem Besuch Goremykins, beschloß das Polizeidepartement, uns jährlich einen Betrag von 140 Rubeln zur Ergänzung der Bibliothek zur Verfügung zu stellen. Wie sollten wir Achtundzwanzig die Bücher zum Einkauf wählen? Die Bestimmung der anzuschaffenden Bücher auf Grund einer Stimmenmehrheit trug die Gefahr in sich, daß individuelle Bedürfnisse solcher Genossen wie Lukaschewitsch, Morosow, Janowitsch nicht genügend berücksichtigt würden. Wir entschieden uns, daß jeder beliebig über seinen Teil, also fünf Rubel, verfügen dürfte, im übrigen konnte er sich mit anderen verständigen, um gemeinsam die benötigten Werke anzuschaffen. Wir abonnierten kollektiv die deutsche »Naturwissenschaftliche Wochenschrift«, die englische Zeitschrift »Knowledge« u. a. Wir alle interessierten uns für wissenschaftliche Neuigkeiten. Das ganze Gefängnis war durch die Mitteilungen über das Radium und Helium aufgewühlt. Die Frage, ob der Äther existiere oder nicht, beschäftigte uns sehr; unsere beiden Naturwissenschaftler Morosow und Lukaschewitsch gingen in dieser Frage auseinander. Mit Enthusiasmus nahmen wir die ersten Mitteilungen über das Fliegen auf. Unsere Wächter-Gendarmen waren durch unsere Gespräche über dieses Thema sehr beunruhigt und befürchteten, wir wären im Begriff, aus der Festung zu fliegen.

Von allgemeinen Zeitschriften bekamen wir »Russkoje Bogatstwo«, »Mir Boschi« und »Russkaja Mysl«; alles ein Jahr nach dem Erscheinen und meistens, nachdem man die »Innerpolitische Übersicht« beseitigt hatte. Nur einmal gelang es mir, den »Westnik Jewropy« (Europabote) für das laufende Jahr zu bekommen Die erste Zeitschrift stand den Narodniki, die zweite den Marxisten, die dritte den Liberalen, die letztere den Liberal-Konservativen nahe.. Von Zeit zu Zeit bekamen wir einige andere Blätter. So erfuhren wir 1900 und 1901 vom Erwachen Rußlands, von den Studentenunruhen, Demonstrationen usw.

Von Bedeutung für unser geistiges Leben waren zwei Zeitschriften »Chosjain« (Wirt), ein Organ der Landwirte, und der »Westnik Finansow« (Finanzbote), ein Organ, das der Verteidigung der Finanz- und Handelspolitik Wittes gewidmet war; das letztere wurde uns regelmäßig vom Polizeidepartement selbst geliefert. Aus diesen beiden Organen schöpften wir unser ganzes Wissen über die ökonomischen Probleme und die Entwicklung Rußlands. Wir interessierten uns glühend für diese Fragen, und heiße Debatten setzten ein; wenn auch der Mehrheit von uns die Interessen der Landwirtschaft näher waren, so gab es doch auch unter uns Anhänger der Politik Wittes.

Sensation rief eine uns vom Kommandanten zum Einbinden gegebene Zeitschrift »Nowoje Slowo« Marxistisch (Neues Wort) hervor. Seit 15 Jahren, seitdem wir aus dem öffentlichen Leben ausgeschieden waren, hatten wir nichts Neues gehört. Jetzt, mit einemmal, brach über uns wie eine Lawine so viel Neues aus den Blättern dieser Zeitschrift herein. Eine neue Ideologie erklärte den uns teuren Grundsätzen der Narodniki den Kampf. Die neuen Ideen der im Entstehen begriffenen russischen Sozialdemokratie wirkten auf uns wie eine Bombe. Zu unserer Zeit war sogar die Möglichkeit einer Entwicklung des Kapitalismus in Rußland in Zweifel gezogen worden, und nun stand plötzlich vor uns ein Gegner, der in scharfer, kategorischer Form an den uns teuren Ideen, an geliebten Schriftstellern Kritik übte, talentvoll, ja sogar glänzend, neue Ideen verkündete. Dort draußen hieß es: der Bauer muß erst im Fabrikkessel kochen. In unseren Köpfen brauste es. Vieles traf uns schmerzlich, manches verletzte und kränkte, im ganzen aber war der Eindruck erschütternd, weil wir unsere Begriffe und Überzeugungen angegriffen sahen. Alsbald bildeten sich in unserem Kreise zwei Lager. Lukaschewitsch und Noworusski, diese Terroristen des Jahres 1887, die einen neuen 1. März vorzubereiten gedachten, erklärten, sie seien Sozialdemokraten, wenn sie sich auch an die Taktik des »Volks-Willens« hielten. Auch Schebalin, Janowitsch und Morosow schlossen sich ihnen an. Die übrigen, die alten Mitglieder von »Land und Freiheit« und des »Volks-Willens« blieben ihren Anschauungen treu. Heiße Debatten setzten ein, wahrscheinlich nicht weniger heiß als draußen in der Freiheit. Sie nahmen manchmal so scharfe Formen an, daß ich mich einst gezwungen sah, die hochgehenden Wellen der Polemik dadurch zu besänftigen, daß ich erklärte, unter den Bedingungen, in welchen wir lebten, sei der Frieden wichtiger als theoretische Streitigkeiten.

Als Karpowitsch im Jahre 1901 zu uns kam, fand er, daß wir alle durch den Zeitgeist berührt seien. Nur Michael Popow stehe fest wie eine Säule zur Lehre der Narodniki.

Je reicher wir an Büchern, insbesondere an wissenschaftlichen Lehrmitteln wurden, desto wichtiger wurde für uns das Papier, das wir seit dem Jahre 1887 bekamen. Jetzt war es den Kameraden, die dieses oder jenes Fach speziell pflegten, möglich, das nötige wissenschaftliche Material zu sammeln und auf dem selbstgewählten Gebiete schöpferisch zu arbeiten. In Schlüsselburg schuf Morosow eines seiner wichtigsten Werke: »Die Struktur der Materie«, das in so hinreißender Sprache geschrieben ist, daß es ein wahrer Genuß ist, es zu lesen. Eine Unmenge von Aufsätzen aus dem Gebiete der Chemie, Physik und Astronomie nahm er beim Verlassen der Festung mit sich.

Welch ein reiches Material über Statistik Janowitsch mitgenommen hat, habe ich schon erwähnt. Lukaschewitsch, der unter uns über das reichste Wissen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften verfügte, arbeitete an einem umfangreichen Werk: »Elementargrundlagen der wissenschaftlichen Philosophie«; beim Verlassen der Festung hatte er davon vier Bände und Material zu weiteren Bänden fertig. Für den Teil dieser Arbeit »Das organische Leben der Erde«, der später im Druck erschien, wurde er von der geographischen Gesellschaft und von der Akademie der Wissenschaften prämiiert.

Während die genannten Kameraden wissenschaftlich arbeiteten, schufen die übrigen literarisch. Ich erwähnte schon die schönen Memoiren Poliwanows über das Alexej-Vorwerk; Frolenko beschrieb seine Kindheit; Popow bearbeitete seine in den Karabergwerken geschriebenen Erinnerungen und schrieb kleine Erzählungen, in denen er verschiedene Bauerntypen schilderte; Sergej Iwanow schrieb Erzählungen aus dem Leben in Sibirien. Jurkowski seinen Roman »Das Nest der Terroristen«; Morosow erfreute uns mit der schönen Skizze »Die Morgenröte meines Lebens«, in der die Naivität des Kindes sich mit der Romantik des Jünglings vereinte. In einer Polemik gegen einen Artikel von mir, worin ich den hauptsächlichen geistigen Einfluß auf die Generation der siebziger Jahre der Literatur zuschrieb, gab Noworusski eine interessante Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse, die sich nach der Bauernbefreiung herausgebildet und die revolutionäre Bewegung hervorgerufen hatten.

Solange man sich der Gesundheit, des Lichts erfreut, schätzt man sie wenig; wie schätzten wir dagegen das Papier, das man sonst im Leben immer zur Verfügung hat! Nur diejenigen, die im Gefängnis gewesen sind, können fassen, was für den Gefangenen der Mangel an Papier bedeutet.

Unser Leben in Schlüsselburg war so eintönig, daß, was die Kameraden gaben – ein Gedicht, das erheiterte, oder eine ernste Arbeit, die neue Gedanken anregte – hochwillkommen war. Aber ohne Papier und Feder wäre es unmöglich gewesen, das alles festzuhalten.

Unser Leben war so unsäglich arm, so arm in jeder Beziehung. Als Lukaschewitsch seine ersten geologischen Karten zeichnete, verwandte er als schwarze Farbe Lampenruß; um blaue zu haben, kratzte er den blauen Streifen von der Wand seiner Zelle, und als rote benutzte er das eigene Blut.

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