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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 5
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
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Am Scheidewege

Im Jahre 1869 verließ ich das Institut als ein lebhaftes, frohes, mutwilliges Mädchen, wenn auch äußerlich zart, aber moralisch und körperlich gesund. Das abgeschlossene Leben in der Schule hatte mich nicht verkümmert, aber ich hatte das Leben und die Menschen nur aus Romanen und Novellen kennengelernt. Die Wirklichkeit war mir fremd. Auch zu Hause, wohin ich in den Ferien mit meiner Schwester reiste, trafen wir nie mit fremden Leuten zusammen. Nur ein einziges Mal – zwei Jahre vor meiner Entlassung aus dem Institut, als wir gerade das letztemal in den Ferien daheim waren –, besuchten den Vater zwei junge Leute, von denen der eine Student der naturwissenschaftlichen Fakultät der Kasaner Universität war. Beide blieben vier Tage als Gäste bei uns. Der Student – ein sehr lebhafter Mensch – sprach sehr viel und interessant. Er sprach über die Beschaffenheit der Sonne, des Mondes und der Sterne, kritisierte die Erziehung im Institut, verneinte alle Werte und verspottete die Religion. Er las mir auch einiges aus den Dramen Ostrowskis vor. Übrigens hat diese Bekanntschaft keinen tieferen Eindruck hinterlassen; doch blieb sie mir als die einzige aus jener Zeit in der Erinnerung haften.

Meine Eltern lebten beständig auf dem Lande, und nach der Beendigung meiner Schulzeit setzte ich dasselbe Leben dort fort, welches wir während der Ferien geführt hatten. Dieses ruhige, gleichmäßige Landleben regte zum Nachdenken an.

Meine Mutter hatte in ihrer Kindheit keine Ausbildung genossen. Sie war aber äußerst intelligent und erreichte ein hohes geistiges Niveau. Ihrem Einfluß verdanke ich es, daß ich sogleich nach dem Verlassen des Instituts geistig zu arbeiten begann. Sie gab mir die beste Zeitschrift der damaligen Jahre zum Lesen.

Mein Bekanntenkreis veränderte sich nicht. Die einzigen Menschen, mit denen wir öfters verkehrten, waren unsere Verwandten, Onkel Kuprijanow mit seiner Frau und das Ehepaar Golownia. Diese Menschen ragten geistig weit über die damalige Umgebung hervor. Das waren »liberale Demokraten« oder »denkende Realisten«, wie man sie später nannte. Sie waren keine Sozialisten, und über diese Lehre hörte ich von ihnen kein Wort. Nie erwähnten sie die Namen der ersten Vorläufer der sozialistischen Lehre: Fourier, Saint-Simon und andere. Ich kannte nicht einmal den Namen Lassalles. Als ich später ins Ausland reiste und zum erstenmal einer Unterhaltung über diesen Arbeiterführer beiwohnte, verwechselte ich den Namen Lassalles mit dem von Laplace. Meine Verwandten waren auch keine Republikaner, obgleich sie die politische Verfassung der Schweiz und der Vereinigten Staaten sehr lobten. Sie empfahlen mir Dixons: »Die Schweiz und die Schweizer« und »Amerika und die Amerikaner«, die ich mit großer Begeisterung las. Aber sie sprachen nie darüber, auf welche Weise wir eine solche Staatsform in Rußland erreichen könnten. Ich war damals noch zu wenig entwickelt, als daß diese Frage in mir von selbst aufgetaucht wäre.

Als Anhänger Pissarews schätzten sie vor allem die Naturwissenschaft sehr hoch, und auf ihre Anregung hin las ich Darwin, Lyell, Lewis und Vogt und die populären Aufsätze Pissarews, obgleich ich infolge mangelhafter Vorbildung manches nicht verstand.

Weder mein Onkel noch Golownias hatten religiöse oder soziale Vorurteile. Sie waren für die allgemeine Volksbildung, für die Gleichberechtigung der Frau und für ein bescheidenes Leben. Der Onkel, der der Gebildetste unter ihnen war, verspottete oft meine modische Kleidung und die goldenen Sächelchen, die ich trug. Sie hielten mich infolge der Erziehung im Institut für sehr flach und sprachen oft die Ansicht aus, daß ich höchstwahrscheinlich einen reichen Greis heiraten werde. Überhaupt war ihre Meinung über mich anfangs nicht sehr schmeichelhaft. Einst erwachte ich spät in der Nacht und hörte auf dem Balkon zwei Verwandte über mich sprechen – es waren die jüngste Schwester meiner Mutter und eine Kusine, die zu Besuch gekommen war. Sie sprachen über mich und Lydia. Lydia ist ein tief veranlagter Mensch, sie wird etwas im Leben leisten, sagte Warja von meiner Schwester. Wera ist nur eine schöne Puppe – ihr Äußeres ist zwar schön, innerlich ist sie aber hohl. Ich wühlte mich tief in die Kissen ein und weinte bitterlich.

Der Onkel war ein Anhänger von Tschernyschewski, Dobroljubow und Pissarew; doch gab er mir Pissarew wenig zum Lesen. Von Tschernyschewski verstand ich damals überhaupt nicht viel. Ich stand zu jener Zeit jeder sozialen und politischen Idee noch vollkommen fremd gegenüber; doch empfand ich Ehrfurcht vor der Wissenschaft und fühlte auch schon das Streben nach einer sozialen Betätigung in mir.

Ich war etwa zwölf Jahre, als bei Golownias eine Katastrophe eintrat, die ihr ganzes Leben von Grund aus umwandelte. Er, Metschislaw Felixjanowitsch Golownia, von Geburt Pole, war in Rußland erzogen worden. Seine Mutter, seine Schwestern und sein Bruder waren polnische Gutsbesitzer und lebten in Warschau. Als Teilnehmer am Aufstand im Jahre 63-64 waren sie verhaftet, ihr großes Gut konfisziert und sie in die inneren Gouvernements Rußlands verbannt worden. Gleichzeitig erinnerten sich die Gendarmen auch an Metschislaw Felixjanowitsch, der nach Beendigung der Forstschule als Förster in unserem Gouvernement diente und – wie ich schon erwähnte – meine Tante Elisabeth Kuprijanow geheiratet hatte. Zwei Kilometer von uns hatten sie sich ihr gemütliches Nest in der Meierei eines bekannten Gutsbesitzers eingerichtet, der immer in Petersburg wohnte. Es schien, als ob ihnen ein ruhiges und glückliches Leben beschieden sei. Da plötzlich in der Nacht erschienen Gendarmen – machten Haussuchung, verhafteten Golownia und nahmen ihn nach Kasan. Dieser Fall erregte in unserem Krähwinkel ungeheures Aufsehen, und meine Tante Elisabeth, die zudem noch schwanger war, war natürlich in Verzweiflung. Drei Monate saß Golownia in der Festung, dann ließ man ihn zwar frei, enthob ihn jedoch seiner Stelle und verbot ihm, je wieder ein Regierungs- oder öffentliches Amt zu bekleiden. Die Situation des jungen Paares war sehr kritisch. Schwere Zeiten brachen für die beiden herein. Aus dieser Situation rettete sie der in der Gegend bekannte Arzt Kramer. Der war ein alter Bekannter meines Großvaters, kannte meine Mutter noch aus ihrer Kindheit und half jetzt ihrer Schwester. Er stellte zunächst Golownia als Verwalter auf seinem Gut an, das 40 Kilometer von uns entfernt lag, später schlug er ihm vor, dieses unter sehr günstigen Bedingungen zu kaufen. Golownia begann tapfer zu arbeiten und legte alles ab, was an das frühere Herrentum erinnerte. Er, der früher sehr verwöhnt gewesen, arbeitete jetzt von früh bis spät im Sommer auf dem Feld, im Winter an der Dreschmaschine. Sie fanden sich sehr tapfer mit ihrer veränderten Lage ab und verloren ihre Zeit nicht mit nutzlosen Klagen. Er wurde ein tüchtiger Landwirt, der überall war und alles selbst machte. Meine Tante, die bis dahin ein sentimentales, verwöhntes Mädchen gewesen war, die beständig auf zarte Hände und schlanke Taille bedacht gewesen war, verwandelte sich in eine tüchtige Hausfrau, die mit großer Umsicht ihre Milchwirtschaft leitete, in der Küche herumhantierte und ihre Kinder selbst pflegte und erzog. Dieser moralische Umschwung, der sich hier vor meinen Augen vollzog, machte auf mich einen ungeheueren Eindruck. Sie waren so voll Mut und Energie, diese zwei Menschen. Sie verzichteten so ohne weiteres auf den früheren Komfort und die Annehmlichkeiten des Lebens, lebten so bescheiden und arbeitsam, daß alle diejenigen, die ihre Vergangenheit kannten, sie bewundern mußten.

In jener Zeit war ich oft bei ihnen zu Besuch. Es war mir ein großes Vergnügen, mit diesen herrlichen Menschen in einer Atmosphäre von Arbeit, Mut und gegenseitiger Freundschaft zu leben. Auch ihr Verhältnis zu mir war voll Wärme und Zärtlichkeit.

In dieser Periode erwachte auch meine Sympathie für Polen, für seine Unabhängigkeits- und Freiheitsbestrebungen. Unserem Freundschaftskreise gehörte auch der Kreisarzt, der Pole Swentizki, an. Er war ein geschickter Mediziner, dazu sehr klug, heiter und unterhaltsam. Er verkehrte bei uns sowohl als Arzt wie als Freund mit seiner jungen Frau, die auch Polin war. Im Sommer waren wir, Kuprijanows, Golownias und Swentizkis oft zusammen. Wir unterhielten uns viel über Polen, über die dortigen Ereignisse und die Repressalien, durch die man den Aufstand unterdrückt hatte. Swentizki zog dann häufig die Photographie »Murawjows des Henkers« aus der Tasche; es war die Gestalt einer Bulldogge. Golownia zeigte die Bilder seiner Schwestern im polnischen Nationalkostüm. Man verspottete dabei den Gendarmerieoffizier Lodi aus unserer Gegend, der überall herumschnüffelte, um in unserem Krähwinkel die »polnische Intrigue« aufzuspüren. Mit gemachter Ängstlichkeit beobachtete dann die Mutter das dunkle Gebüsch im Garten, indem sie mit einer Geste andeutete, daß sich darin vielleicht Lodi versteckt halte. Und Swentizki deklamierte mit viel Ausdruck Rastopschins Gedicht »Die erzwungene Ehe«. Polen spricht darin voll Zorn: »Erniedrigt, beleidigt ... ich bin verraten, verkauft ... ich bin Gefangene, ich bin Sklavin, – nicht Frau!«

 

Einige Monate waren seit meiner Heimkehr aus dem Institut vergangen, und schon fühlte ich, daß mich das eintönige Landleben zu bedrücken begann. Ich grübelte viel darüber, was ich mit mir anfangen solle, um mir eine Tätigkeit – einen Wirkungskreis zu schaffen. Sollte ich zur Bühne gehen oder Volksschullehrerin werden? Zu letzterem Beruf hatte ich gar keine Veranlagung; ich merkte es, als ich meine Schwester Eugenie zum Eintritt in das Institut vorbereitete. Die Strömung unter den Frauen, sich dem Universitätsstudium zuzuwenden, war damals noch neu. Aber die erste russische Frau, Suslowa, hatte soeben in Zürich ihr Diplom als Doktor der Medizin und Chirurgie bekommen. Die Nachricht davon las ich in der Zeitschrift »Djelo«, und diese Notiz zeigte mir plötzlich klar, wohin ich meine Schritte lenken sollte.

Ich kann nicht behaupten, daß ich es damals schon als meine Pflicht dem Volke gegenüber empfand, Arzt zu werden, daß die Gewissensbisse des »bereuenden Edelmannes« mich dazu trieben. Diese und ähnliche Gedanken entstanden erst später unter dem Einfluß der Literatur. Meine damalige Triebfeder war nur meine Stimmung.

Der Umstand, daß ich mich – verglichen mit meinen Freundinnen – in einer besonders glücklichen materiellen und moralischen Lage befand, daß ich mich von allen, die mich umgaben, geliebt wußte, rührte mich tief und löste in mir ein großes Gefühl der Dankbarkeit aus. Es war nicht Dankbarkeit für etwas ausgesprochen Bestimmtes, nein – eher ein warmes Gefühl für alles und jeden. In mir entstand der Wunsch, diese Dankbarkeit durch irgend etwas zu beweisen. Etwas Gutes zu leisten ... etwas so Gutes, daß mir selbst und anderen davon wohl werde.

Doch zu dieser Stimmung kamen noch gute Worte, die auf mich großen Einfluß hatten. Vom Onkel hörte ich zuerst über den Utilitarismus; von ihm bekam ich auch einen Aufsatz darüber zu lesen. »Das größtmögliche Glück einer möglichst großen Anzahl Menschen verschaffen« soll das Ziel eines jeden Menschen sein ... Dieser Gedanke packte mich. Mein Geist war noch nicht von Ideen und Zweifeln belastet. Ich nahm alles widerspruchslos, gläubig auf, was der Onkel sagte. Die Lehre vom Utilitarismus schien mir augenscheinliche Wahrheit; ich hatte die Empfindung, als ob der Onkel nur das formuliert hätte, wovon ich schon innerlich überzeugt war. Ich muß noch sagen, daß es mir unmöglich schien, etwas nicht zu tun, was mir als das Wahre, das Richtige erschien. Das Wahre, das Wünschenswerte und die Pflicht waren für mich unzertrennlich, und jede Wahrheit, die ich als solche erkannt hatte, übte sofort einen Zwang auf meinen Willen aus; das war die Logik meines Charakters.

All diese Stimmungen und Einflüsse mußten mir allmählich das eintönige Leben im Schoße der Familie verleiden. Ich konnte mich nicht mehr mit einem tatenlosen Leben ohne Arbeit, ohne ein großes Ziel in der Ferne begnügen. Die Notiz über die Suslowa entschied über meine Zukunft. Der Weg, den sie zurückgelegt hatte, schien auch mir wünschenswert. Ich begann, um die Einwilligung der Eltern zu kämpfen. Es war mir gleichgültig, wo es geschehen sollte, ob in Kasan, Petersburg oder im Auslande; nur studieren wollte ich, Arzt werden und dann mein Wissen dem Volke geben, gegen Krankheit und Unwissenheit ankämpfen.

Ich flehte meinen Vater an, mich ins Ausland fahren zu lassen – vergeblich. Zu jener Zeit war das Frauenstudium noch so neu, so ungewohnt. Die Eltern ängstigte es, ihre Kinder in das offene Meer des Lebens hinauszulassen.

Einen Trost hatte ich damals: Einst, als ich den Vater wieder mit meinen Bitten bestürmte, er aber unerbittlich blieb, fragte ich ihn zuletzt: »Du glaubst also nicht, daß ich mein Ziel erreichen werde, daß meine Kräfte ausreichen werden? ...«

Und er erwiderte: »Das nicht. Ich weiß, wenn du etwas anfängst, so führst du es auch zu Ende!«

Ich weiß es nicht, wodurch ich diese Überzeugung in ihm erweckt hatte, jedenfalls aber hat mein Selbstvertrauen viel dadurch gewonnen. Diese ernst gesprochenen Worte meines Vaters hatten einen ungeheueren Einfluß auf meine Persönlichkeit. Sie festigten meinen Willen.

Einen bedeutenden Einfluß auf mich hatte auch eine Episode, die sich im ersten Jahr nach Verlassen des Instituts ereignete. Ich sollte über eine wichtige Lebensfrage entscheiden. Der Vater war krank. Es war Abend, ich stand neben ihm, sprach und fragte um Rat.

Der Vater wandte sein Gesicht ab und sagte traurig und leise: »Ich weiß nicht.«

Warum nur hatte ich gesprochen? Warum meine Seele geöffnet? dachte ich voll brennender Scham.

Scharf prägte sich in mir der Gedanke aus: » Große Entschlüsse muß jeder Mensch für sich selbst fassen

Damals kristallisierte sich meine Seele.

 

Während mein Streben der Universität galt, versuchten meine Eltern meine Standhaftigkeit durch Vergnügungen zu brechen. Sie brachten mich nach Kasan, dort sollte ich das Leben der »Gesellschaft« kennenlernen. Wir wohnten im Hause einer befreundeten Familie, deren ältester Sohn – Alexei Viktorowitsch Filipow – mein steter Begleiter auf allen Ausfahrten wurde. Er war Kandidat der Rechte und versah das Amt des Untersuchungsrichters. Ich kann nicht sagen, daß mein erster Ball mir Vergnügen gemacht hätte.

Im großen, glänzend erleuchteten Saal, wo bei den Klängen der Musik sich die schönen, graziösen Paare im Tanze wiegten, die mir alle fremd und unbekannt waren, fühlte ich mich plötzlich so einsam, daß ich fast in Tränen ausbrach. Aber Alexei Viktorowitsch und noch einige junge Leute umringten mich, und im Wirbel des Tanzes vergaß ich bald meine Angst und mein Einsamkeitsgefühl. Das nächste Mal war ich schon weniger schüchtern und begann allmählich, diesem Leben Geschmack abzugewinnen.

Doch blieben wir nicht lange in Kasan und, heimgekehrt in die dörfliche Stille, verging dieser Rausch ebenso schnell, wie er gekommen.

Bald darauf ließ Alexei Viktorowitsch sich in unsere Gegend versetzen, um die Möglichkeit zu haben, bei uns zu verkehren. Er teilte meine Anschauungen, begriff meine Absichten. Wir lasen zusammen und waren uns darüber einig, daß ich studieren müsse. Das erste Jahr unserer Bekanntschaft war noch nicht zu Ende, als wir uns am 16. Oktober 1870 in unserer Dorfkirche trauen ließen.

Einige Wochen darauf starb mein Vater, und meine Mutter siedelte mit den zwei jüngsten Töchtern nach Kasan über, wo meine Brüder das Gymnasium und meine Schwester Lydia das Institut besuchten. Wir, mein Mann und ich, blieben zunächst auf dem Lande, da uns das Provinzstadtleben nicht lockte.

Nach meiner Heirat veränderte sich nichts in meinem Leben. Mein Eintritt in die Universität war beschlossen. Es kam nur auf die materiellen Mittel an, die ich zur Reise nach Zürich benötigte; ich konnte sie erst in ein bis anderthalb Jahren auftreiben.

Die deutsche Sprache kannte ich genügend. Die Mutter hatte mir nach meiner Rückkehr aus dem Institut Schiller und Goethe geschenkt, und ich setzte jetzt das Studium dieser Sprache fort. Unter der Leitung von Alexei Viktorowitsch beschäftigte ich mich mit Geometrie und Algebra. Damals überredete ich Alexei Viktorowitsch, sein Amt aufzugeben und mit mir in die Schweiz zu reisen. Ich war schon damals der Ansicht, daß alles Verbrechen durch Armut und Unwissenheit erzeugt wird, und fand die Rolle des Untersuchungsrichters abscheulich. Mehrmals hatte ich, im Nebenzimmer sitzend, ein Verhör mit angehört. Das ganze Verfahren, mit den Ausflüchten auf der einen Seite und den Fallen auf der anderen, empörte mich aufs tiefste. Ich schlug Alexei Viktorowitsch vor, auch Medizin zu studieren oder sich um ein Amt in der Landesverwaltung zu bemühen. Ich war bereit, alle Entbehrungen auf mich zu nehmen, die ein solcher Wechsel mit sich bringen mußte, wenn er nur den verhaßten Dienst aufgäbe.

Es gelang mir endlich, Alexei Viktorowitsch zur Befolgung meines Rates zu bewegen.

In dieser Periode waren die Beziehungen meiner Freunde und Verwandten zu mir die allerbesten, sie begünstigten meine Absichten und wünschten mir den besten Erfolg.

Da, wie gesagt, unsere Abreise ins Ausland sich noch nicht so schnell bewerkstelligen ließ, so beschloß ich, einstweilen nach Kasan zu fahren, um dort zu versuchen, in die Universität aufgenommen zu werden. Meine Schwester Lydia hatte unterdessen das Institut absolviert und wollte, gleich mir, studieren.

 

Auf den Rat des Onkels hin begab ich mich zuerst zum Professor Petrow. Es hieß, daß dieser Professor das Streben der Frauen nach höherer Bildung begünstige. Er schickte mich zum Professor der Chemie Markownikow und zum Professor der Anatomie Leshaft. Markownikow hörte uns gutmütig an und versprach uns ebenso gutmütig Plätze in seinem Laboratorium. Er riet uns, anfangs praktisch zu arbeiten und erst nach einiger Zeit mit dem Besuch der Vorlesungen zu beginnen. Außerdem empfahl er uns, die »Analytische Chemie« von Menschutkin zu kaufen, und damit war die Sache für ihn erledigt.

Am nächsten Morgen kamen wir, Lydia und ich, pünktlich in das Laboratorium. Wir mischten, kochten, brauten, filtrierten alles durcheinander und – verstanden von der ganzen Sache gar nichts.

Die wundervolle Wissenschaft, die so ungeheure Welträtsel enthüllt, die schön wie ein Traumgebilde ist, lief hier, im Laboratorium, auf mechanische Manipulationen hinaus, deren Sinn und Bedeutung uns schleierhaft blieben.

Kein einziges Mal kam Markownikow zu uns, um zu sehen, wie es uns bei der Arbeit ging. Nie gab er uns irgendwelche Anweisungen ... nie interessierte er sich überhaupt dafür, ob wir auch nur die leiseste Ahnung von Chemie hatten, welche Kenntnisse wir uns aus dieser Wissenschaft angeeignet hatten. Verzweiflung über das Nutzlose unserer Arbeit ergriff uns. Wir sahen deutlich, daß wir gar nicht das Rechte taten. Aber wir jungen Provinznärrinnen kochten und filtrierten geduldig weiter fort in der Erwartung, daß das Wunder geschehen, das Licht unerwartet uns durchdringen werde, und wir endlich begreifen würden, was, warum und wozu? ... Aber das Licht kam nicht, und das Wunder geschah nicht ...

Wir begaben uns dann in das Anatomische Institut. Das war ein Gebäude für sich im Hofe der Universität, und Peter Franzewitsch Leshaft war dort Herr.

Wir stiegen die Treppe hinauf und betraten den Saal. Auf den Tischen lagen Leichen von Frauen und Männern, alte und junge, auf anderen einzelne Teile des menschlichen Körpers, Hände, Füße usw. Über sie gebeugt standen junge Menschen in ihre Arbeit vertieft. Alle waren sie weiß gekleidet. Niemand wandte uns irgendwelche Aufmerksamkeit zu. Ein hohes, mageres Mädchen mit einem unschönen, fast männlichen Gesicht war allem Anscheine nach die Assistentin, die übrigen waren Studenten, und jeder war mit irgendeinem Präparat beschäftigt.

Im Saal war eine furchtbare Luft; man gebrauchte damals noch nicht Formalin zur Desinfektion der Leichen, und die Studenten arbeiteten in einer ungesunden, erstickenden Atmosphäre.

Wir waren darauf gefaßt, die nackten, toten Körper zu sehen und den furchtbaren Geruch zu ertragen. Wir wußten es im voraus und hatten uns mit Mut gegen den abstoßenden Eindruck gewappnet. Und wir hielten Stand.

Vor uns stand der Professor. Er war nicht groß, dunkel und mochte etwa 32 bis 34 Jahre alt sein. Die dunklen Augen im mageren, ernsten Gesicht schauten uns durchdringend an, als wollte er prüfen, ob wir auch tatsächlich etwas leisten würden.

Er gab uns in freundschaftlichem Tone die Einwilligung, seine Vorlesungen zu besuchen, und versprach, für den nächsten Morgen auch für uns anatomische Präparate vorzubereiten.

Der Professor war so schlicht im Umgang, daß wir das Gefühl hatten, ihn schon lange zu kennen. Wir fühlten uns in seiner Gegenwart vollkommen frei. Und doch war ringsum eine Atmosphäre ernster Arbeit, und uns ergriff das Gefühl, daß sich vor uns die Tore der Wissenschaft geöffnet, daß wir den Weg des ernsten Strebens zum fernen Ideal betreten hätten.

Am nächsten Morgen gab uns die Assistentin die nötigen Instrumente und eine tote Katze, deren Skelett wir präparieren sollten. Wir mußten systematisch alle Weichteile entfernen und dabei genau die Muskeln, die Nerven und die Gefäße beobachten. Wir zogen weiße Schürzen an; ernst und ängstlich – daß wir nicht irgend etwas verdürben – griffen wir zur Arbeit.

Man kann sich kaum vorstellen, welch einen Zauber Professor Leshaft auf uns ausübte. Worüber er auch sprach, das ganze Auditorium hing wie gebannt an seinen Lippen. Er hatte die Gabe, die Aufmerksamkeit der Zuhörer in höchstem Grade zu fesseln. Wir fühlten alle, daß in seiner Darstellung alles notwendig sei, daß man nichts verlieren dürfe – daß man alles Gehörte in sein Gehirn einprägen müsse. Wir fühlten deutlich, vor uns steht ein Meister, und dieser Meister legt die Grundlagen zu unserer medizinischen Ausbildung.

Die Studenten vergötterten Leshaft. In den Pausen und bei jedem Zusammensein sprach man über ihn.

Er war eine stolze, unabhängige Persönlichkeit. Leidenschaftlich liebte er die Wissenschaft und überwachte eifersüchtig die Arbeiten seiner Studenten. Stark, gut, schlicht und ernst, wie er war, unterlag jeder dem Zauber seiner Persönlichkeit schon beim ersten Zusammentreffen. Er war das Ideal der Jugend, die das Glück hatte, unter seiner Leitung zu studieren.

Seine starke, hingebende Liebe zur Wissenschaft teilte sich unwillkürlich seinen Schülern mit. Sie waren nicht seine Zuhörer, sondern seine Schüler im vollsten Sinne des Wortes. Sobald sie den anatomischen Saal betraten, verschwand für sie die Außenwelt, und sie hingen nur noch an den Lippen ihres Meisters. Jede Einzelheit in seinem Vortrag war bedeutungsvoll, jeder Satz eine Offenbarung, jeder Hinweis auf die Entwicklungsgeschichte des Organismus beleuchtete blitzschnell das Problem.

Und da, in dem Moment, als wir glaubten, an der Quelle der Wissenschaft zu stehen, wurde unsere Arbeit jählings auf eine sinnlose, unerwartete, brutale Weise unterbrochen.

Eines Tages, als wir den anatomischen Saal betraten, starrte uns zu unserem Staunen nur eine Leere entgegen. Keine Leiche, keine Studenten, kein Leshaft zu sehen! ...

Wir erfuhren, daß auf allerhöchsten Befehl Leshaft seines Amtes in Kasan und für ganz Rußland enthoben worden sei.

Die Nachricht schien uns ungeheuerlich, blödsinnig ...

Die Leshaft näherstehenden Studenten erklärten uns, ein Teil der Professoren, die Leshaft seiner geraden und ehrlichen Natur wegen haßten, hätten Denunziationen über Denunziationen geschrieben, in denen sie ihn anklagten, einen schädlichen Einfluß auf die Jugend auszuüben.

Dieselben Studenten erzählten auch, daß ein anderer Teil der Professoren, empört über das Leshaft widerfahrene Los, zum Zeichen des Protestes ihr Lehramt in Kasan niedergelegt hätten. Eine ganze Anzahl von Studenten wären auch aus der Universität ausgeschieden, um Leshaft nach Petersburg zu folgen.

Ich stand der Politik damals noch so fern, daß ich den Zusammenhang dieser Ereignisse mit unserer ganzen Staatsordnung nicht verstand; meine Empörung richtete sich hauptsächlich gegen die Denunzianten.

Mein Plan, in Rußland zu studieren, war zusammengebrochen; ähnliches würde sich auch in Zukunft wiederholen. Ich beschloß, so schnell wie möglich ins Ausland abzureisen. Ich hoffte, dort ohne Störungen mein Studium zu Ende führen zu können.

Nachdem Leshaft Kasan verlassen hatte, kehrten wir nach Hause zurück. Im Frühjahr 1872 reisten wir alle drei – mein Mann, ich und meine Schwester Lydia, die sich uns anschloß, nach Zürich.

Neue, weite, freie Horizonte eröffneten sich uns.

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