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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 49
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Besuche von Würdenträgern.

Im ersten Jahrzehnt besuchte uns jedes halbe Jahr irgendein hoher Beamter aus Petersburg. Es waren gewöhnlich Minister des Inneren, Direktoren der Polizeidepartements und verschiedene Generäle. So sind in den langen Jahren unserer Gefangenschaft eine ganze Reihe hochgestellter Persönlichkeiten, die einander im Staatsdienst ablösten, an uns vorübergezogen.

Die erste derartige Persönlichkeit, die uns im Jahre 1885 besuchte, war der stellvertretende Innenminister und Gendarmeriechef Orschewski. Sein Besuch ist für mich mit folgender Erinnerung verbunden.

Die nächste Zelle neben mir war leer, die zweitnächste bewohnte irgend jemand. Anfangs hörte man abends immer schwere Schritte: fünf vorwärts, fünf zurück! Ich riet hin und her, wer das sein könnte. Nach einigen Wochen verstummten die Schritte; zur Zeit des Spazierganges wurde die Tür der Zelle nicht mehr geöffnet: der Gefangene war erkrankt. Und Tag und Nacht hörte ich jetzt stets ein leises, fast ununterbrochenes Stöhnen, und diese Laute nahmen mir jegliche Ruhe: in meiner nächsten Nähe litt jemand. Wer ist es? Kenne ich ihn? Ich lauschte mit angehaltenem Atem auf jeden Laut, der im Korridor hörbar war, um den Gefangenen zu erkennen.

Links die zweitnächste Zelle von mir bewohnte ein Sterbender. Das waren meine nächsten Nachbarn. Als daher Orschewski meine Zelle betrat und mich fragte, ob ich irgendwelche Beschwerden habe, bat ich, man möchte mich von den unnützen Qualen befreien, das Stöhnen der Kranken und Sterbenden ununterbrochen anzuhören. Dieses Stöhnen verfolge mich Tag und Nacht. Ob man die Kranken nicht etwas weiter von mir unterbringen könne. Orschewski hörte mich schweigend an und verließ ebenso schweigend meine Zelle.

Die Kranken rechts und links von mir blieben nach wie vor in ihren Zellen. Auch die anderen an Orschewski gerichteten Beschwerden waren resultatlos.

Wasili Iwanow beschwerte sich, daß die Gendarmen ihn auf dem Wege zum Karzer geschlagen hatten. Der General wandte sich um eine Bestätigung an den Arzt Sarkewitsch, auf dessen Zeugnis sich Iwanow berief. Dieser Feigling bestätigte die Beschwerde nicht, obgleich er selbst Iwanow nach den Mißhandlungen aus seiner Ohnmacht ins Leben zurückgerufen hatte. Infolgedessen hatte Orschewski für die Beschwerde nur ein Achselzucken.

Und auf die Beschwerde eines tuberkulösen Kranken, daß sein abgezehrter Organismus die Arrestantenkost, Kohl und Grütze, nicht vertrage, erwiderte Orschewski lächelnd, daß Grütze eine vortreffliche Speise sei, die er selbst mit Vorliebe esse.

In den ersten Jahren war es immer kalt. Es ist möglich, daß das Kältegefühl von der Blutarmut abhing, an der ich litt, jedenfalls mußte ich in der Zelle immer den Halbpelz tragen, den ich beim Spazierengehen anhatte. So war ich auch im Halbpelz, als im Herbst 1885 der Direktor des Polizeidepartements, Durnowo, mit seinem Gefolge meine Zelle betrat. Sein Gesicht glänzte vor Zufriedenheit. »Warum sind Sie im Halbpelz?« wandte er sich an mich.

»Mir ist kalt,« erwiderte ich.

»Seltsam, ich finde nicht, daß es hier kalt ist,« entgegnete er.

Seine Wangen glühten, der Geruch von Portwein ging von ihm aus. Man merkte, er hatte gut und reichhaltig beim Kommandanten gefrühstückt, in dessen Begleitung er dann seinen Rundgang machte: leicht begreiflich, daß ihm nicht kalt war.

»Das Kälte- und Wärmegefühl ist ganz subjektiv,« erwiderte ich ihm trocken.

... Noch einmal kam Durnowo zu mir, etwa zwei bis drei Jahre später. Er kam, wie immer, mit ganzem Gefolge, das aus dem Kommandanten, dem Inspektor und mehreren Gendarmerieoffizieren aus der Festung bestand.

Das waren die üblichen Vorsichtsmaßregeln, die die hohen Würdenträger bei ihren Besuchen der Festung trafen. »Haben Sie Beschwerde zu führen? Wie ist der Gesundheitszustand?« Immer die gleichen offiziellen Fragen. Darauf verließen sie sofort die Zelle.

Und plötzlich öffnete sich die Tür noch einmal und Durnowo kam allein zurück. Ich stand in diesem Augenblick noch erregt vom Besuch, wie wir es nach jedem Eindringen in unsere Einsamkeit waren, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Schnellen Schrittes kam er auf mich zu, legte vertraulich die Hand auf meinen Arm, und mir freundlich in die Augen blickend sagte er leise: »Langweilen Sie sich hier?«

Die Augen verrieten mich wahrscheinlich, aber ich sagte: »Nein!« Die Hand, die auf meinem Arm gelegen, hob sich sofort und in ganz verändertem, offiziellem Tone fragte er, während er auf ein Bündel Gemüse zeigte, das auf dem Tisch lag: »Ist das aus dem Garten?« und verschwand dann sofort.

Größeren Erfolg hatte Durnowo, der scheinbar große Lust hatte, mit jemand von den Schlüsselburgern zu plaudern, bei Lopatin, der mit ihm ein längeres Gespräch über die Lebensbedingungen in der Festung führte.

Diese Herren taten sich keinen Zwang an, wenn es galt, einem Gefangenen eine schwere Nachricht zu überbringen. Nach etwa fünf Jahren seines Aufenthaltes in der Festung teilten sie Janowitsch den Tod von sieben nahen Verwandten mit. Einem anderen erzählte Durnowo, daß dessen Frau sich wieder verheiratet habe.

Die übrigen Besucher der Festung bildeten eine bunte Galerie von Typen verschiedenartigsten Charakters.

Es besuchte uns der grobe, herausfordernde Soldat, General von Wahl. In meiner Zelle frappierte diesen frommen Christen das Fehlen eines Heiligenbildes, und er fragte den Inspektor, warum keines da sei. »Die Gefangenen nehmen sie ab,« erwiderte er. Ich wollte keinen Streit heraufbeschwören und verschwieg, daß die Gendarmen sie, da wir nicht beteten, abgenommen und höchstwahrscheinlich zu sich nach Hause genommen hatten.

Dreimal war bei uns General Schebeko. Es war im Jahre 1887, ich hatte eine ernste Beschwerde. Kurz vorher hatten wir Papier und Bleistift bekommen, und ich hatte ein winziges Zettelchen mit ein paar freundlichen Worten meinem Freunde und Kameraden Juri Bogdanowitsch geschrieben. Ich legte den Zettel in den Einband des Buches, den ich aufgetrennt und später mit Schwarzbrot wieder zugeklebt hatte. Das erstemal gelang es uns, und dadurch ermutigt, versuchte ich es noch einmal. Doch dieses Mal mißlang es. Die Gendarmen fanden den Zettel. Der Inspektor Sokolow stürzte vor Wut bebend in meine Zelle und schrie mich roh an: »Man behandelt dich menschlich, du verstehst es aber nicht zu schätzen. Zettel willst du schreiben, ich werde dir was!« Als nun Schebeko bei seinem Besuch mich fragte, ob ich mich über etwas zu beschweren habe, erklärte ich, daß, falls Sokolow uns nicht anders behandeln wolle, ich mich zur Wehr setzen werde. Seine grobe Art und Weise, mit uns umzugehen, könnten wir uns nicht mehr gefallen lassen. Darauf erwiderte mir Schebeko mit teilnahmsvoller Stimme: »Sie haben das Unglück gehabt, in dieses Gefängnis zu geraten; jeder Widerstand kann ihre Lage nur verschlimmern.«

Es scheint, daß nur ich das Glück hatte, von Schebeko so milde behandelt zu werden. Denn in der Zelle Schebalins fragte er den Aufseher: »Was ist das für eine freche Fratze?« Auf eine Beschwerde Trigonis erwiderte er mit Schimpfereien über die Ansprüche der Leute, denen alle Rechte aberkannt seien, und empfahl beim Weggehen dem Aufseher: »Ruten, Herr Inspektor, Ruten!« Ähnlich sprach er in der Zelle eines anderen Gefangenen. Ludmila Wolkenstein schalt er wegen ihres widerspenstigen Benehmens und schloß mit der Drohung: »Die Gefängnisordnung sieht die körperliche Züchtigung vor.«

Wir beschlossen, ihn bei seinem nächsten Besuch zu boykottieren und seine Fragen nicht zu beantworten. Ein oder anderthalb Jahre später erschien er wieder in Schlüsselburg. Er ging zuerst zu Ludmila Wolkenstein. »Ihre Mutter,« begann er, allem Anschein nach hatte er ihr etwas über ihre Mutter mitzuteilen. Es war die erste Nachricht, die Ludmila über ihre Mutter bekommen sollte. Aber sie unterbrach ihn: »Von Ihnen will ich gar nichts hören, sogar über meine Mutter nicht.« Schebeko verließ die Festung, ohne jemand zu besuchen. Er war allem Anschein nach über unseren Beschluß durch die Gendarmen unterrichtet worden.

Der Besuch Swiatopolk-Mirskis ist in meiner Erinnerung mit folgender charakteristischen Episode verknüpft. Auf Sergej Iwanows Bitte erteilte uns Swiatopolk-Mirski die Erlaubnis, die Erzeugnisse unserer Arbeiten an unsere Verwandten zu schicken. Jeder von uns wollte sein Kunstwerk senden. Auch ich verfertigte für meine Mutter eine wunderschöne botanische Sammlung von Algen und Moosen und ein kleines Kästchen aus Nußbaum mit den Initialen meiner Mutter. Aber meine Verwandten haben nichts davon erhalten. Man erklärte ihnen im Polizeidepartement, daß man nicht wolle, daß diese Sachen zu »Reliquien« würden.

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