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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 45
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Selbstausbildung

Im Jahre 1892 oder 93 gab uns der Kommandant Hangart eine Zeitschrift zum Einbinden, worin ich einen Artikel fand, der meinen Gedanken eine neue Richtung gab und eine Periode meines Lebens in Schlüsselburg einleitete, die voll Licht und gesunder Freude war. Ich las dort, daß in den Vereinigten Staaten eine Bewegung entstanden sei, die, von dem Standpunkt ausgehend, daß der Mensch um das 40. bis 45. Lebensjahr vieles vergißt, was er in der Schule gelernt hat, zur Errichtung von Fortbildungskursen für Erwachsene geführt habe. Wie einfach der Gedanke auch war, er wirkte wie eine Entdeckung und wurde von der Masse des Volkes aufgegriffen. Zum Zentrum der Bewegung wurde ein kleines Städtchen an einem der großen nordamerikanischen Seen, und bald war der Andrang von Männern und Frauen reiferen Alters, die ihre Kenntnisse erneuen und ergänzen wollten, ungeheuer. Ich beschloß, sofort, alles was ich gelernt, systematisch zu wiederholen und jene Lücken auszufüllen, die ich während meines Studiums nicht beachtet hatte.

Die geringen Bruchstücke der Naturwissenschaft, die man uns in der Schule lehrte, waren nur geeignet, jedes Interesse daran zu vernichten. Der enge Gesichtskreis, in dem ich mich während meines medizinischen Studiums bewegte, bestärkte diese Gleichgültigkeit, und die revolutionäre Tätigkeit verdrängte das Interesse für alles außer für soziale Fragen.

Erst in Schlüsselburg, als von allem, was ich in der Freiheit besessen, nur ein Stückchen Erde und ein Streifchen Himmel übrig geblieben war, wandelte sich meine Beziehung zur Natur, und ich begriff, daß ich gar nichts von ihr wußte. Die Geschichte des Himmels, die Entstehung und Entwicklung der Erde, die Zusammensetzung und die Entwicklung der Gesteinsarten, aus denen unsere Festung gebaut war, und deren Bruchstücke unsere Füße beim Gehen berührten, waren für mich Geheimnisse. Ebenso kannte ich den von der Sonne erwärmten heißen Sand nicht, ich wußte nicht, was diese durchsichtigen Körnchen enthielten, die mir gleich einem dünnen Strom aus der Hand rieselten. Hier dieses Gras, das gleiche, wie es auf dem Friedhof unseres Dorfes wächst, das Blümchen dort, dem ich so oft im Walde begegnete, als wir Maiglöckchen sammelten –, ich kannte nicht seinen Namen, konnte es nicht bezeichnen. Eine Unmenge von Fragen tauchten auf und fanden keine Antwort.

Diese späte Erkenntnis kam mir beim Lesen des Artikels über die amerikanischen Fortbildungsbestrebungen.

In unserer damals noch sehr ärmlichen Bibliothek besaßen wir ein schönes Buch: botanische Aufsätze mit farbigen Illustrationen. Ich las es mit dem größten Interesse und ging darauf zu mikroskopischen Untersuchungen der Pflanzen über. Ein Mikroskop besaßen wir, Hangart hatte es für unser selbstverdientes Geld gekauft, und die notwendigen Reagenzien lieferte uns der Gefängnisarzt, der überhaupt unseren Bedürfnissen sehr entgegenkam.

In jener Zeit begannen auch meine Arbeiten auf dem Gebiete der Chemie; ich nahm wieder das vorzügliche Lehrbuch von Mendelejew: »Die Grundlagen der Chemie« durch, das mir in den Universitätsjahren so viel gegeben hatte. Doch das alles befriedigte mich nicht; ich wollte Anweisungen von Kameraden, die auf diesem Gebiete bereits mehr Kenntnisse besaßen. Unter uns war der Naturwissenschaftler Lukaschewitsch. Als er noch Student war, setzten die Professoren große Hoffnungen auf ihn und wollten ihn an der Universität behalten. Lukaschewitsch hatte eine streng wissenschaftliche Schulung und verfügte über ein so großes Wissen, daß er jede auf sein Gebiet bezügliche Frage beantworten konnte; bescheiden wie ein echter Gelehrter, war er äußerst vorsichtig beim Aufstellen wissenschaftlicher Hypothesen; gleichzeitig war er von einer bestrickenden Bereitwilligkeit, sein Wissen mit jedem zu teilen, der ihn um Hilfe bat. Auch ich wandte mich an ihn und bat ihn um eine Reihe von Vorlesungen und um seine Unterstützung bei praktischen naturwissenschaftlichen Arbeiten. Lukaschewitsch willigte ein und als Zuhörer schlossen sich mir an: Noworusski, Morosow und Pankratow. Die regelmäßigen Vorlesungen begannen. Sie fanden draußen in den Gärten statt. Wir hatten einen botanischen und einen zoologischen Vorlesungszyklus. Zur Illustration seiner Vorträge verfertigte Lukaschewitsch vorzügliche Modelle aus japanischem Wachs: seine Medusen waren wunderbar, und seine histologischen Präparate und Zeichnungen machten seinen Vortrag im höchsten Maße anschaulich. Als wir 1896 aus dem Petersburger Museum die reichhaltigen Sammlungen bekamen, konnten wir zur Mineralogie, Geologie und Paläontologie übergehen. Aus passiven Schülern wurden wir zu aktiven Mitarbeitern und arbeiteten an der Zusammenstellung neuer Sammlungen und Modelle; gleichzeitig trugen diese praktischen Arbeiten auf dem Gebiete der Botanik und Mineralogie dazu bei, das Wissen zu vertiefen, das wir uns aus den Büchern und Lukaschewitschs Vorlesungen angeeignet hatten. Als Noworusski einmal eine Aufstellung unserer Arbeiten aus den letzten drei bis vier Jahren machte, waren wir selbst erstaunt darüber, wieviel wir in dieser Zeit geleistet hatten. Später, als wir die Festung verlassen hatten, mußten wir uns leider überzeugen, daß lange nicht alles von uns Hergestellte seinen Bestimmungsort erreicht hatte. Lukaschewitsch, Noworusski und ich hatten Tausende von Pflanzen getrocknet, und sie lagen in ganzen Stößen in der Werkstätte, wo wir sie auf weiße Pappe klebten. Wir erreichten in dieser Arbeit eine solche Vollkommenheit, daß die Frische der Farben und die Schönheit der Zusammenstellungen sogar auf der Pariser Ausstellung, wohin sie das Museum geschickt hatte, höchstes Lob eintrugen. Daß die Sammlungen aus der russischen Bastille kamen, davon hatte man auf der Ausstellung natürlich keine Ahnung. Die Muße und die Notwendigkeit, mit geringen Mitteln zu arbeiten, hatten unsere Erfindungsgabe so angespornt, daß wir wahre Wunder verrichteten. So haben wir es fertig gebracht, aus eigener Kraft für unsere physikalischen Arbeiten einen Elektrophor, ein Elektroskop und sogar eine kleine Elektrisiermaschine herzustellen.

Wir stellten Sammlungen aus dem Gebiete der Entomologie, Botanik, Geologie und Kristallographie her. Auf letzterem Gebiete zeichnete ich mich im Gegensatz zu Noworusski durch keine besondere Begabung aus und konnte anfangs Modelle von Kristallen schlecht unterscheiden. Nur allmählich erwarb mein Auge mehr Sicherheit.

Noworusski und ich betrieben unter Leitung von Lukaschewitsch auch analytische Chemie.

Im Laufe einiger Jahre hatten wir die hauptsächlichsten Gebiete der Naturwissenschaften durchgenommen.

Für mich waren diese Vorträge und praktischen Arbeiten ein Rettungsanker, mein leeres Leben in der Festung bekam dadurch einen Inhalt. Die geistige Arbeit an sich bot reichliche Befriedigung. Das Bewußtsein, an einer kulturellen Arbeit gemeinsam zu wirken, hat uns, Lukaschewitsch, Morosow, Noworusski und mich, eng miteinander verbunden, und in der Zusammenarbeit festigten sich die Freundschaftsbande, die über Schlüsselburg hinausreichten.

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