Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wera Figner >

Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 44
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
Schließen

Navigation:

Man geht weg

»Von hier wird man nur hinausgetragen, aber nie geht jemand hinaus,« sagte einmal ein hoher Beamter bei seinem Besuch der Festung. Und tatsächlich sind viele hinausgetragen worden. Doch waren nicht alle Gefangenen zu ewiger Gefangenschaft verurteilt. Es waren auch welche dabei, die nach Ablauf ihrer Strafzeit uns verließen.

Der erste von ihnen war der Flottenoffizier Juwatschew, der gleichzeitig mit mir verurteilt worden war. Er war durch Aschenbrenner in unsere Militärorganisation eingeführt worden. Trotzdem er bei Gericht jede Teilnahme an der revolutionären Bewegung der Partei leugnete, wurde er gleich den anderen Offizieren zum Tode verurteilt. Nach Einreichung eines Gnadengesuches wurde das Todesurteil zu 15 Jahren Zwangsarbeit gemildert.

Bald nach seiner Überführung nach Schlüsselburg begann er Anzeichen religiöser Exaltation zu offenbaren. Die Gendarmen waren über diese Anzeichen »moralischer Besserung« eines politischen Gefangenen sehr erfreut und 1886 – also zwei Jahre nach seiner Verurteilung – führten sie den Neubekehrten aus Schlüsselburg fort.

Er wurde auf die Insel Sachalin verbannt. Die lokale Verwaltung nutzte Juwatschews technische Kenntnisse als Seeoffizier aus, und seine Arbeit ermöglichte ihm, an verschiedenen Stellen der Insel das Leben der verbannten Ansiedler und die Beziehungen der Behörden zu diesen jeder menschlichen und juridischen Rechte beraubten Menschen zu beobachten und zu beschreiben.

Der nächste, der uns verließ, war Wasili Andrejewitsch Karaulow, der 1884 in Kiew im Prozeß der Zwölf zu 4 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war. Er war Mitglied des Komitees gewesen, das im Jahre 1883 in Paris von den Emigranten Tichomirow und Oschanina gegründet worden war. Außer ihm gehörten dem Komitee noch an: Lopatin, Salowa, Sergej Iwanow und Suchomlin, die gleich ihm sich alle im Ausland befanden. Nach ihrer Rückkehr nach Rußland schloß sich ihnen noch Jakubowitsch-Melschin an. Noch war kein Jahr vergangen, als schon alle verhaftet waren. Das war einer jener hoffnungslosen Versuche, die Organisation »Volks-Wille« wiederherzustellen, die sich seit 1883 vergeblich wiederholten: im Herzen der Partei wirkte der Verräter-Provokateur Sergej Degajew.

Im November 1884 verurteilt, wurde Karaulow einen Monat später, gleichzeitig mit seinen Schicksalsgenossen Schebalin, Martynow und Pankratow nach Schlüsselburg überführt. Karaulow, ein Mann von riesenhaftem Wuchs, breitschultrig, lebensfreudig, mit einem Gesicht wie Milch und Blut, war die ganzen vier Jahre in der Festung ununterbrochen krank. Er hatte beständig Lungenbluten, und mehr als einmal war er am Rande des Grabes. Wohl infolge seiner Krankheit nahm Karaulow an unseren Protesten nicht teil. Er hatte infolgedessen keine Reibereien mit der Gefängnisverwaltung. In der Gefangenschaft hielten die politischen Überzeugungen Karaulows nicht stand. Bei den Wahlen zur ersten Reichsduma trat er als Kandidat der Kadetten auf. Er forderte nicht mehr das allgemeine Wahlrecht, da seiner neuen Anschauung nach das Volk dazu noch nicht reif war. Sein Standpunkt in der Agrarfrage, die einst der Hauptpunkt unseres gemeinsamen Glaubensbekenntnisses war, wurde nunmehr von den Forderungen der bürgerlich-liberalen Partei, der er sich angeschlossen hatte, bestimmt. In der Duma war Karaulow eine bedeutende Figur und erzwang sich allgemein Achtung durch seine glühende und talentvolle Verteidigung der Glaubensfreiheit. Mutig und geschickt parierte er die Bezeichnung »Zuchthäusler«, die ihm die »Schwarz-hundert-Leute« zuriefen. Er erwiderte sofort: »Daß ihr überhaupt in diesem Saale sitzt, dazu habe ich auch mit einem Tropfen meines Blutes beigetragen.« Und das war wahr. Nicht nur einen, sondern viele, viele Blutstropfen hatte er für die Volksvertretung, für die der »Volks-Wille« gekämpft hatte; geopfert.

Dieser in der Freiheit vor Gesundheit strotzende Athlet verließ Schlüsselburg mit dem Gesicht eines Toten.

In Sibirien erholte er sich allmählich. Nach seinem Tode im Jahre 1907 haben die Altgläubigen aus Dankbarkeit für die treue Verteidigung ihrer religiösen Rechte durch ihn auf sein Grab einen Gedenkstein gesetzt. Aber die absolutistische Regierung duldete einen solchen »Rebellionsakt« nicht und befahl, die Platte zu entfernen.

Nach 1888 folgte eine lange Pause, während der man uns weder jemand brachte noch jemand fortführte. Im Jahre 1890 sollte Lagowski fortkommen.

Das Schicksal dieses Menschen ist wahrhaft tragisch. Wir alle waren nach dem Gesetz gerichtet und verurteilt worden, die Form war gewahrt worden. Er aber geriet nach Schlüsselburg ohne irgendeine vorhergehende Gerichtsverhandlung und wurde auf administrativem Wege auf Befehl des Ministers des Inneren in Schlüsselburg für fünf Jahre eingeschlossen.

Im Jahre 1883 wurde er als Offizier auf administrativem Wege in das Tomsker Gouvernement verbannt; er flüchtete, schloß sich unserer Partei an und wurde im März 1884 in Petersburg auf der Straße verhaftet. Man fand bei ihm das Rezept eines neuen Sprengstoffes; das genügte, um ohne jedes Gericht im Oktober 1885 nach Schlüsselburg zu kommen.

Während der ersten Jahre in Schlüsselburg hatte er keine besonderen Zusammenstöße mit der Administration. Aber im Herbst 1887, noch unter dem Inspektor Sokolow, geriet er für Klopfen ins alte Gefängnis, gerade in jener Zeit, als Gratschewski dort seinen Tod durch Selbstverbrennung fand. Darauf folgten ununterbrochene Reibereien mit dem neuen Inspektor Fedorow, immer um Kleinigkeiten. Das Fenster seiner Zelle lag gerade dem Gärtchen gegenüber, wo die Gefangenen spazierengingen. Um die Kameraden zu sehen, sprang Lagowski auf das Fensterbrett und klammerte sich mit den Händen an dem Rahmen fest. Keine Verweise oder Strafen konnten ihn davon zurückhalten. Er kam in den Karzer, man zog ihm die Zwangsjacke an, man fesselte ihn und warf ihn mit solcher Wucht auf den Boden, daß er bewußtlos und blutüberströmt liegen blieb. Er aber trotzte und schuf sich dadurch im Inspektor einen erbitterten Feind.

Endlich kam der Tag, an dem seine fünf Jahre abgelaufen waren. Nicht nur er, sondern wir alle waren förmlich im Fieber und schwankten zwischen Furcht und Hoffnung, ob Lagowski in Freiheit komme oder nicht.

Am betreffenden Tage betrat der Kommandant seine Zelle und verlas ein amtliches Dokument: der Minister des Inneren bestimmt, daß Lagowski zur Strafe für »schlechtes Benehmen« weitere fünf Jahre in Schlüsselburg bleiben muß ... Auch diese fünf Jahre gingen vorüber.

Lagowski wurde freigelassen.

Er hatte in der Freiheit Mutter und Schwester zurückgelassen, die er zärtlich liebte. Lange konnte er sie nicht ausfindig machen, denn in den langen Jahren seiner Gefangenschaft hatte er keine Nachricht von ihnen gehabt.

Kurz nachdem Lagowski uns verlassen hatte, beendete einer unserer geliebtesten Kameraden, Manutscharow, seine Strafzeit.

Bei seiner Verhaftung in Charkow hatte er bewaffneten Widerstand geleistet, nicht um einen der Gendarmen zu töten, sondern um durch den entstehenden Lärm die Kameraden und Freunde vor dem Hinterhalt zu warnen, den man ihnen wahrscheinlich in der Wohnung bereitet hatte.

Es gelang ihm, aus dem Charkower Gefängnis zu entfliehen, er wurde aber wieder ergriffen und kam nach Schlüsselburg.

Von Geburt war er Armenier. Er besaß weder eine hervorragende Bildung noch besondere äußere Vorzüge, und doch war es schwer, einen liebenswürdigeren, gütigeren Menschen zu finden. Er war gerecht, zartfühlend und geduldig den anderen gegenüber, war der beste Kamerad, den man sich unter den schweren Gefängnisverhältnissen wünschen konnte. Aufmerksam gegen jeden, geduldig in den persönlichen Beziehungen, war er einfach unersetzlich.

An uns allen hing Manutscharow derartig, daß er, als seine Strafe abgelaufen war, sich nicht entschließen konnte, uns zu verlassen. Er ging erst, als der Kommandant ihm sagte, er sei gezwungen, ihn gewaltsam zu entfernen, falls er nicht gutwillig ginge.

Er wurde nach Sibirien verbannt. Dort verheiratete er sich, starb aber schon im Jahre 1909.

Ein Jahr nach seiner Entlassung aus Schlüsselburg fand ich in der Zeitschrift »Russkoje Bogatstwo« ganz unerwartet ein Gedicht von mir und auf der Rückseite eine Antwort in Versen, die mit dem Buchstaben M (Michajlowski) unterzeichnet war. Mein Gedicht war von Manutscharow aus den Mauern des Gefängnisses hinausgetragen worden. Ich war bis zu Tränen gerührt. Meine Stimme hatte meine Freunde in der Freiheit erreicht, ihre zärtlichen Worte flogen durch die Mauern zu mir.

 

Im Jahre 1896 verließen uns gleichzeitig fünf weitere Kameraden. Nikolai II. bestieg im Jahre 1894 den Thron. Eine Welle der Erregung ergriff uns: sicherlich wird es eine Amnestie geben; vielleicht werden auch wir das Licht der Freiheit wiedersehen! Die Gefängnisverwaltung war überzeugt, daß Schlüsselburg sich leeren werde. Der Inspektor Fedorow gratulierte uns schon zu unserer bevorstehenden Befreiung.

Der Offizier, der die Werkstätten verwaltete, offenbarte dabei einen solchen Liberalismus, daß er uns in den unverschlossenen Werkstätten weilen ließ. Wir versammelten uns in der Tischlerei; die Kameraden umringten mich und Ludmila Wolkenstein, und Schebalin ergriff erst die eine und dann die andere und schwang uns im Walzer. Doch erwies sich die Freude als verfrüht. Hangart, der besser unterrichtet war und keine Illusionen hatte, erteilte dem Offizier einen Verweis. Die Freiheiten, die er uns verfrüht gegeben hatte, wurden uns wieder entzogen, und unsere gehobene Stimmung verschwand. Wir wußten von dem, was in der Freiheit vor sich ging, nichts, und nach und nach, als keine Veränderung bei uns eintrat, hörten wir auf, sie zu erwarten.

So verging wieder ein Jahr. Wir waren gerade im alten Gefängnis bei der Arbeit, als ganz unerwartet der Wachtmeister erschien und mehrere Personen, unter ihnen auch Ludmila Wolkenstein, zum Kommandanten führte. Wir blieben bestürzt und voll Unruhe zurück. Doch bald kehrten die Kameraden wieder. Sie waren sehr aufgeregt und erzählten, der Kommandant habe ihnen mitgeteilt, daß infolge des Krönungsmanifestes die »Zwangsarbeit für unbestimmte Zeit«, zu der Wasili Iwanow, Aschenbrenner, Starodworski und Poliwanow verurteilt waren, in 20 Jahre umgewandelt worden sei; daß für Pankratow, Surowzew, Janowitsch und Ludmila Wolkenstein die Strafe auf ein Drittel verkleinert worden sei und daß infolgedessen Ludmila, Surowzew und Janowitsch schon jetzt die Festung verlassen müßten. Diese Teilamnestie, die die anderen Kameraden in der bisherigen Lage zurückließ, machte den Amnestierten keine Freude. Ludmila war empört. Als wir voll Freuden, daß wenigstens einige von uns unser Grab verlassen würden, ihr gratulieren wollten, wollte sie von keiner Gratulation und Freudenäußerung hören. Nur ganz allmählich fand sie sich mit der Tatsache ab. Und nun begannen die eiligen Vorbereitungen zur Abreise.

Es fiel Ludmila sehr schwer, uns nach so vielen Jahren des Zusammenlebens, die so voll gemeinsam getragenen Leids und Ungemachs waren, zu verlassen. Sie liebte uns und wußte, daß sie für manchen unter uns unentbehrlich war, wie Licht und Luft. Ihre zarte Fürsorglichkeit sprach sich in ihren letzten Unterredungen mit mir aus, als sie mich immer wieder bat, ja nicht zu vergessen, daß für diese Menschen ihre Abreise ganz besonders schwer sei ... Am 24. November führte man sie und noch vier Kameraden, Martynow, Schebalin, Janowitsch und Surowzew fort.

Die letzte Stunde vor der Abreise verbrachte sie in meiner Zelle. Die ganze Zeit über – weinte sie, und ich tröstete sie. Ihre letzten, rührenden Worte beim Abschied waren, daß sie in Schlüsselburg die besten Menschen, die sie je im Leben getroffen habe, zurücklassen müsse.

Um 1 Uhr führte man sie nacheinander aus den Zellen und dann aus der Festung hinaus. Noch einmal blieben sie draußen stehen und winkten uns ihr letztes Lebewohl zu. Aus den Fenstern unserer Zellen blickten wir ihren sich entfernenden Gestalten nach. Noch einmal sahen sie sich um und grüßten tief, die Männer nahmen die Mützen ab und winkten damit, Ludmila blieb abermals stehen und winkte mit dem Taschentuch. Auch wir winkten mit weißen Tüchern. Mit unseren Blicken begleiteten wir zum letztenmal unsere Freunde, die ins Leben zurückkehrten, und in diesem Augenblick schien es, als ob rings um uns eine neue, dunkle Leere entstanden wäre. Schon haben sie das letzte Tor erreicht und sind unseren Blicken für immer entschwunden. Für uns haben sie zu existieren aufgehört: es ist, als ob ein Abgrund sie verschlungen hätte. Keine Zeile durfte uns benachrichtigen, was mit ihnen weiter geschehen würde ... Das Dunkle, Unbekannte, umgab uns immer und in allem wie die »Blinden« Maeterlincks.

Die Abreise der fünf Gefährten ließ eine Leere in unserem Leben zurück. Ludmila Wolkenstein nahm eine ganz besondere Stellung ein; die anderen, wie Schebalin und Janowitsch, schätzten wir wegen ihrer persönlichen Eigenschaften sehr hoch, und Surowzew war überhaupt als Mensch einzig in seiner Art.

Ludwig Janowitsch war Mitglied der polnischen Partei »Proletariat« und kam im Jahre 1886 in die Festung. Bei seiner Verhaftung leistete er bewaffneten Widerstand und verwundete einen Geheimpolizisten. Eine derartige Handlung hätte man einem so schüchternen, ruhigen Menschen gar nicht zugetraut. Man brauchte nicht viel Zeit, um ihn als »nicht von dieser Welt« zu erkennen. Den Wert der materiellen Güter schätzte er absolut nicht. Ich glaube, er hätte Essen und Trinken überhaupt vergessen, wenn nicht zu gegebener Stunde die Gendarmen ihm das Essen hereingereicht hätten. Und nie tat er irgend etwas, um irgendwie die Gesundheit in der Festung zu bewahren. Das ewige Sitzen in der dumpfen Zelle konnte natürlich nicht ohne verheerende Folgen für seinen Organismus sein. Doch wandte er sich nie an den Arzt. Ewig saß er über die Bücher gebeugt. Seinen Neigungen nach war er Volkswirtschaftler und widmete sich vollkommen der Statistik. Bei seiner Abreise aus der Festung nahm er einen Stoß gebundener Hefte mit, die mit Notizen, Tabellen, Diagrammen und selbständigen Aufsätzen über ökonomische Fragen und über die industrielle Entwicklung Rußlands, insbesondere Polens, gefüllt waren. Für mich hat Ludwig Janowitsch ein wunderbares statistisches Handbuch verfaßt, in dem sich in gedrängter Form alles fand, was jeder russische Sozialist von seiner Heimat wissen muß. Wäre das Buch erschienen, es würde der erste kurze, für jeden notwendige Leitfaden der Statistik Rußlands gewesen sein. In seinen wissenschaftlichen Untersuchungen war Janowitsch äußerst vorsichtig, ungemein gewissenhaft und objektiv; nie behauptete er etwas leichtfertig, und nichts nahm er kritiklos hin.

Janowitsch war ewig in seine Arbeit vertieft und beteiligte sich wenig an unseren täglichen Angelegenheiten, er lebte ausschließlich seiner geistigen Tätigkeit. Unter den Kameraden neigte er besonders zu jenen, die sich dem Studium widmeten. Abgesehen von Warynski, der schon 1889 starb, war Lukaschewitsch sein intimster Freund. Außer den rein wissenschaftlichen und theoretischen Fragen verband die beiden ihre gemeinsame Nationalität, beide waren Litauer. Man merkte es ihm an, daß er seelisch schwer litt. Einst, als ich und er, jeder für sich, in unseren Käfigen allein spazierengingen, wahrscheinlich, weil keiner von uns das Bedürfnis nach Gesellschaft hatte, wollte ich doch wissen, wer mein Nachbar sei und schaute durch die Ritze; im selben Augenblick aber fuhr ich zurück. Janowitsch ging mit gerunzelter Stirn und gesenktem Blick auf und ab; der Ausdruck von Gram und Schwermut auf seinem blassen, abgezehrten Gesicht war so furchtbar, und die ganze Gestalt drückte ein so grenzenloses Leid aus, daß sich mir das Herz krampfte. Und stets beunruhigte mich der Stempel der Schwermut, der seinem Gesicht aufgeprägt war.

Ein Hauch von Reinheit und Wahrhaftigkeit, ja etwas Heiliges, vom Alltäglichen Losgelöstes, ging von ihm aus. Seine Zurückhaltung ließ keinen engeren Anschluß zu, aber alle schätzten ihn ungemein, und wir, die wir öfter mit ihm in Berührung kamen, liebten ihn sehr, Janowitschs Bild hat sich uns für immer in die Seele gegraben.

Martynow, der gleichzeitig mit Janowitsch Schlüsselburg verließ, war gemeinsam mit Karaulow, Pankratow und Schebalin im Prozeß der Zwölf zu 12 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Im Dezember 1884 wurde er mit seinen Schicksalsgenossen nach Schlüsselburg gebracht, wo er bis 1896 blieb. In der Festung hatte er einen heftigen Zusammenstoß mit dem Inspektor Fedorow, der uns alle aufs tiefste erregte. Er begnügte sich nicht mit dem Spaziergang zu zweien und kletterte regelmäßig, wenn die Kameraden spazierengingen, auf das Fensterbrett, um einen Blick auf sie zu werfen. Einst ertappte ihn der Inspektor dreimal nacheinander dabei. Als er ihm einen Verweis gab, spuckte ihm Martynow ins Gesicht. Diese tödliche Beleidigung des Beamten mußte nach den Gesetzen des Kriegsgerichtes das Todesurteil nach sich ziehen. Wie konnten wir Martynow seinem Schicksal protestlos überlassen? Man überführte Martynow nach dem Zwischenfall in das Gefängnis. Da erklärte Ludmila, man dürfe ihn dorthin nicht allein gehen lassen. Wir sollten fordern, alle überführt zu werden.

Dieser Vorschlag brachte mich in eine sehr schwierige Situation. Martynows Benehmen empörte mich. Wie der Inspektor auch war, er war ein Mensch, und eine Beleidigung, wie Martynow sie ihm angetan hatte, hielt ich für absolut unzulässig, gleichviel, wem sie geschah. Mein Zorn gegen Martynow war so groß, daß ich mir die größte Mühe geben mußte, um dem Inspektor nicht mein Bedauern über das Vorgefallene auszusprechen. Andererseits erschien es mir unmöglich, mich von den Kameraden zu trennen.

Aber zum beabsichtigten kollektiven Protest ist es gar nicht gekommen. Martynow wurde keinem Gericht übergeben. Wir erklärten es uns als Folge eines ausführlichen Berichts, den Lopatin an das Polizeidepartement geschickt hatte, und worin er den krankhaften Zustand Martynows schilderte und darlegte, daß Martynow sogar an epileptischen Anfällen litt.

Im alten Gefängnis blieb Martynow einen Monat. Er war an den Füßen gefesselt. Spaziergang und Bücher waren ihm entzogen. Dann wurde der Vorfall der Vergessenheit anheimgegeben.

Der dritte von denjenigen, die im Jahre 1896 Schlüsselburg verließen, war Michail Schebalin; er war Mathematiker. Bereits als Student erwies er der Partei verschiedene Dienste.

Im Frühling 1883 richtete Schebalin auf Jakubowitschs Vorschlag hin eine illegale Steindruckerei ein, in der revolutionäre Flugblätter gedruckt werden sollten. Dann sollte auch eine Buchdruckerei eingerichtet werden. Schebalin ließ sich zum Schein mit Praskowja Bogoras trauen und bezog mit ihr im April 1883 eine konspirative Wohnung. Als Dienstmädchen figurierte ein intelligentes Mädchen, Maria Kuljabko. Alle drei hatten nicht die leiseste Ahnung von der Buchdruckerkunst. Aber der Eifer war groß, und die Druckerei stellte Flugblätter, eine Broschüre und manches andere her. Die Beziehungen der Druckerei mit der Außenwelt wurden durch Degajew aufrechterhalten, der damals seine provokatorische Tätigkeit in Petersburg entfaltete. Im August oder September reiste Degajew ins Ausland, wo er Tichomirow und Maria Oschanina ein Geständnis seiner Tätigkeit als Provokateur ablegte. Sie trafen mit ihm eine Abmachung, derzufolge sein Leben geschont bleiben sollte, falls er der Partei helfen würde, Sudejkin zu töten. Mit diesem Auftrag kehrte Degajew nach Rußland zurück und setzte seine provokatorische Rolle fort.

Kurz bevor er Sudejkin ermordete, überredete er Schebalin, Petersburg zu verlassen und einen anderen Namen anzunehmen. Tatsächlich übersiedelte Schebalin zunächst nach Moskau, dann nach Kiew, doch ohne den Namen zu wechseln. In Kiew setzte er die Druckerarbeiten fort. Kurz darauf, am 4. März 1884, wurde die Druckerei von der Polizei aufgespürt und das Ehepaar Schebalin verhaftet.

Im Herbst kam ihre Sache vor Gericht. Praskowja Schebalin wurde nach Sibirien verbannt, Michail Schebalin bekam zwölf Jahre Zwangsarbeit und wurde nach Schlüsselburg gebracht.

Im ersten Halbjahr seiner Haft, im Sommer 1885, forderte er seinen Abtransport nach Sibirien und nahm 32 Tage lang keine Nahrung zu sich. Nach seinen eigenen Worten hat er in den ersten zehn Tagen sehr gelitten, aber nach etwa zehn Tagen sei das Hungergefühl verschwunden und eine völlige Gleichgültigkeit habe eingesetzt. Die Behörden bemühten sich auf jede Weise, ihn zur Einstellung des Hungerprotestes zu bewegen. Orschewski versuchte, ihn von der Unmöglichkeit zu überzeugen, sein Ziel auf diesem Wege zu erzwingen. Auf Schebalins Frage, warum man die Zwangsarbeit in Sibirien in Gefangenschaft in Schlüsselburg verwandelt habe, erwiderte der Minister, es sei auf Befehl des Zaren geschehen. Um den Hungernden in Versuchung zu führen, stellte man täglich neben ihn einen Krug Milch. Schebalin erzählt, er habe am 32. Tag bemerkt, daß eine Fliege in die Milch gefallen sei; ganz mechanisch habe er sie herausgezogen und unbewußt die Finger abgeleckt. Da war es mit dem Hungerstreik zu Ende. Er trank den ganzen Inhalt des Kruges in einem Zuge aus.

In der Festung widmete sich Schebalin seinem Mathematikerberuf und dem Studium fremder Sprachen.

Zehn Jahre seiner Gefangenschaft waren vergangen, als er 1895 vom Polizeidepartement die kurze Mitteilung bekam, seine Frau und sein Kind seien im Jahre 1885 im Moskauer Etappengefängnis vor dem Transport nach Sibirien gestorben.

Als vierter verließ uns Dimitri Surowzew. Als Sohn eines Dorfgeistlichen hatte er in Wologda das geistliche Seminar absolviert. Von Natur schweigsam und friedliebend, stand Surowzew jeder geistigen und theoretischen Polemik fern. Auf eine eigenartige Weise geriet er in die Partei: obgleich er Gegner jeder Gewalt war, nahm er den Vorschlag an, die Rolle des Inhabers unserer Druckerei zu übernehmen.

1882 mußten wir die Druckerei aus Moskau nach Odessa verlegen; dort wurde Sergej Degajew Inhaber, Surowzew Setzer. Nach einem Monat schon war diese Druckerei mit ihrem ganzen Personal verhaftet. Surowzew wurde zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

In Schlüsselburg wurde Surowzew Tolstojaner. Bezeichnend für seine einfache und zarte Seele ist, daß er sich an das Polizeidepartement mit der Bitte wandte, ihm zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, zur Erziehung in Schlüsselburg zu überlassen, und sich erbot, sie durch eigene Arbeit zu ernähren. Wir waren über die Idee Surowzews äußerst betroffen, wie auch über seinen naiven Glauben an das gute Herz des Departements. Natürlich redeten wir es ihm aus, das Schreiben abzuschicken, da es weiter nichts als den Spott der Beamten hervorgerufen hätte. Als Gegner jeglichen Mordes war Surowzew Vegetarier, und als man anfing, uns Fleisch zu geben, wies er es hartnäckig zurück.

Surowzew war auch in der Freiheit Idealist und Asket; als ich ihn nach dem Zusammenbruch der Moskauer Gruppe malariakrank in Woronesch fand, lebte er in einem Boot, das er bei schlechtem Wetter umdrehte, und ernährte sich ausschließlich von Kartoffeln. So war er im Gefängnis, und so blieb er auch, als er es verließ. Schwere, beharrliche Arbeit war sein Los im Jakutengebiet, wohin er 1896 nach dem Amnestieerlaß verbannt wurde, und dieselbe schwere Arbeit füllte sein ganzes Leben auch nach seiner Rückkehr in das europäische Rußland aus: die Landarbeit, die er wie ein echter Bauer liebte. Nie dachte er an seine Bedürfnisse, war dagegen immer bereit, mit dem wenigen, was er hatte, anderen zu helfen. 1918, als infolge der Teuerung einige Freunde sich zu einem Komitee vereinigten, um den ehemaligen Schlüsselburgern zu helfen, und auch ihm monatlich 300 Rubel schickten, sandte er dieses Geld, ungeachtet der Not, in der er sich befand, sofort an das Seminar nach Wologda als Rückzahlung für das Stipendium, das er vor 35 Jahren empfangen hatte.

1920 erfuhr ich, daß er in das Wologdaer Gouvernement übergesiedelt war und in Totma ein eigenes Häuschen bewohnte. Ein kleines Gärtchen, das er selbst bearbeitete, ernährte ihn während der einen Hälfte des Jahres, während der anderen begnügte er sich mit 15 Pfund Mehl monatlich, die er gleich allen übrigen Bewohnern des Städtchens zugewiesen bekam. Das war zu wenig zum Leben, und Surowzew hungerte und litt derartige Not, daß er die Nägel aus dem Dache seines Häuschens hervorzog und sie gegen Lebensmittel eintauschte. »Für sieben Nägel bekam ich 20 Pfund Kartoffeln«, schrieb er mir. Und um nicht vor Kälte umzukommen, nahm er das Flechtwerk seines Zaunes und heizte damit. »Im Frühling werde ich im Walde Reisig sammeln und einen neuen flechten«, sagte er in demselben Briefe.

Seine Bescheidenheit war so groß, daß keine Not ihn veranlassen konnte, sich an irgendjemand um Hilfe zu wenden.

Die Gefängniswärter in Moskau und die Polizisten in Sibirien behandelten Surowzew mit ganz besonderem Vertrauen und Respekt. In Moskau ließ man ihn allein auf dem Vorhofe spazierengehen, und die Versuchung zur Flucht lag doch so nahe. Aber Surowzew dachte gar nicht daran. »Wie hätte ich das Vertrauen mißbrauchen können«, sagte er mir einmal, als wir darüber sprachen.

Tatsächlich, seine Uneigennützigkeit, sein Gleichmut gegenüber allem Äußeren, Materiellen, sein direkt kindlich-naiver Glaube an die Menschen und das Leben hoben ihn hoch über die Menge.

 << Kapitel 43  Kapitel 45 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.