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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 40
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Der Hungerstreik

Wie jedes staatliche Institut unterlag auch unser Gefängnis periodischen Revisionen. Gewöhnlich fanden sie zweimal im Jahre statt. Diese Besuche beunruhigten und erregten uns stets. In der Eintönigkeit unseres Lebens war jede Störung quälend. Alles, was den alltäglichen Gang störte, riß uns aus unserem seelischen Gleichgewicht.

Eine Zelle nach der anderen wird geöffnet, zahlreiche Schritte und Stimmengewirr werden im Korridor laut. Gleich geht auch meine Tür auf. Eine ganze feindliche Menge tritt in die Kammer. Dann beginnen die Fragen, die die wundesten Stellen in unserer Seele ungeschickt berühren. Hastig, verwirrt beantworten wir die offiziellen Fragen: »Ja« ... »Nein« ... Die in zwei Reihen aufgestellten Gendarmen verschlingen uns mit den Augen, jederzeit bereit, mit ihrem Körper den hohen Besuch wie vor einem wilden Tier zu schützen. Der aufgeschreckte, aus seinem Gleichgewicht gerissene Gefangene, mit dem aufs neue verschärften Gefühl, daß er eingemauert ist, beginnt erregt in der Kammer hin- und herzulaufen und bemüht sich lange vergeblich, die Erregung zu meistern.

Ach, diese Besuche, Revisionen! Dieses brutale Eindringen! Jedesmal ist die Gefängnisverwaltung vorher von dem Besuch unterrichtet und bereitet sich entsprechend darauf vor. So war es im Herbst 1889. Der Inspektor Fedorow, rechtzeitig unterrichtet, schärfte bei der Inspektion der Zellen jedem von uns ein: »Laßt keine überflüssigen Bücher umherliegen, verbergt sie, oder gebt sie in die Bibliothek.« Er meinte die Bücher, die wir mitgebracht hatten; nach vielen Bemühungen hatten wir nämlich erreicht, daß sie in die allgemeine Bibliothek – vielleicht ohne Wissen des Polizeidepartements – aufgenommen worden waren. Der Rat war gut, und alle befolgten ihn. Alle mit einer Ausnahme.

Der Direktor des Polizeidepartements, Durnowo, passiert eine Zelle nach der anderen. Er betritt die Sergej Iwanows. Auf der herabgelassenen Pritsche liegt ein Buch; Durnowo greift danach. »Hm ... hm,« knurrt er, »die Geschichte der Großen Französischen Revolution von Mignet.« Und im Hinausgehen drückt er dem Kommandanten und dem Inspektor seine Verwunderung darüber aus, daß derartige Bücher im Gefängnis zugelassen sind. Dann bestimmt er, den Katalog von neuem durchzusehen und alle Bücher zu entfernen, die in irgendeiner Beziehung zu den sozialen und politischen Anschauungen der Gefangenen stehen.

35 Bücher, die besten aus unserer kleinen Bibliothek, die allein in uns die Gedankenarbeit noch aufrecht erhielten, wurden uns genommen, gerade die, die wir mitgebracht hatten, die wertvollsten, die wir überhaupt besaßen: Motley, »Geschichte der Revolution in Niederland«, Gervinus, »Geschichte des 19. Jahrhunderts« (5 Bände), Spencer, »Soziologie« und »Studium der Soziologie«, Maudsley, »Körper und Geist« (englisch), Lincolns Biographie, die »Geschichte des Bürgerkrieges in den Vereinigten Staaten« usw. Man entzog uns unser einziges geistiges Eigentum, und wir sahen, bis aufs Innerste erschüttert, neuen Repressalien entgegen. Es war ein moralischer Verlust, der das ganze Gefängnis erschütterte.

Kurz vorher hatten einige Kameraden, die sich besonders nach Aussprachen untereinander sehnten, die Entdeckung gemacht, daß die Wasserröhren in den Zellen nicht jede für sich isoliert, sondern nur an vier Stellen getrennt waren, und auf diese Weise jeder Teil des Gefängnisses sich mit dem anderen unterhalten konnte. So wurde die Nachricht von der Entziehung der Bücher im ganzen Gefängnis sofort bekannt.

Beratungen setzten ein, was wir dagegen tun sollten. Alle waren sich darin einig, daß man die Sache nicht ohne Protest auf sich beruhen lassen könne. Wir hatten ohnehin wenig Bücher, neue anschaffen konnten wir nicht, und nun nahm man uns noch von dem Wenigen das Wertvollste. Unterwarfen wir uns schweigend, so mußten wir darauf gefaßt sein, neue Verluste zu erleiden.

Die Mehrzahl, darunter Ludmila Wolkenstein und ihre Nachbarn, waren für den Verzicht auf den Spaziergang und verließen auch nicht mehr ihre Zellen. Die Minderheit, darunter auch ich, fanden diese Form des Protestes viel zu unbedeutend und drangen auf einen allgemeinen Hungerstreik. Als es klar wurde, daß ein einheitlicher Beschluß nicht erreicht werden könnte, beschloß unsere Minderheit, die aus fünf Personen bestand, den Hungerstreik, ohne die Meinung der Mehrheit zu berücksichtigen.

Damit hatten wir einen ungeheuren Fehler begangen. Erst viele Jahre später begriff ich seine ganze Bedeutung. Ich begriff, daß unser Beschluß ungerecht und unzulässig gewesen war: einen derartigen Protest im Gefängnis darf man weder individuell noch als Gruppe unternehmen. Das kann nur mit Einwilligung aller Kameraden geschehen. Es ist unzulässig, weil der Hungerstreik die anderen gegen ihren Willen mitzieht. Keiner wird bei dem Gedanken, daß nebenan Kameraden, um irgend etwas kämpfend, hungern, passiv bleiben. Gleichgültig, ob er im Prinzip einverstanden ist oder nicht, das Gefühl der Kameradschaftlichkeit zwingt ihn, sich anzuschließen. Aber es ist klar, daß es unter solchen Umständen keine Standhaftigkeit im Protest geben kann. Man darf aber keinen Hungerstreik anfangen, wenn man nicht fest entschlossen ist, ihn zu Ende zu führen. Andererseits soll man nicht Menschen gegen ihren Willen in den Kampf mitreißen. Eine zeitweilige Unterstützung und ein teilweiser Rückzug bedeuten aber von vornherein eine Niederlage.

Leider dachte ich damals gar nicht an all das und rechnete überhaupt so wenig mit der Stimmung der anderen, daß ich nur Zorn gegen sie empfand. Ich hielt ihren Widerstand für Schwäche und war entrüstet, weil nur der Selbsterhaltungstrieb in ihnen zum Ausdruck käme. Sie wollen einfach ihr Leben nicht riskieren, dachte ich erbittert. Und es ist doch notwendig.

Die Folgen waren traurig; insbesondere für mich. Kaum hatte der Streik eingesetzt, als sich tatsächlich alle ihm anschlossen, auch jene, die nicht mit ihm einverstanden gewesen waren. Es erwies sich später, daß sie sofort untereinander beschlossen hatten, sich solange als möglich zu widersetzen, wenn wir aber doch beginnen sollten, sich sofort anzuschließen.

Unsere Gruppe: Jurkowski, Popow, Martynow, Starodworski und ich, wir lagen alle auf unseren Pritschen und sprachen fast gar nicht miteinander. In Ludmilas Gruppe dagegen ging es lebhaft zu. Man sprach untereinander, fragte nach dem Befinden. Nach einigen Tagen hatte der eine Schwindelanfälle, der andere konnte nicht mehr stehen, Buzinski erbrach Blut.

Buzinskis Blutsturz erfolgte am neunten Tage des Streiks. Bald darauf schlug jemand vor, den Streik abzubrechen. Die Mehrzahl nahm den Vorschlag an. Popow teilte mir den Beschluß mit und setzte hinzu, daß er infolgedessen nicht mehr hungern werde.

Martynow, ein gesunder, kräftiger Mensch, hielt es von Anfang an nicht aus und begann schon am dritten Tage zu essen. Ich, in meiner Strenge, brach jede Beziehung zu ihm ab.

Starodworski, der gesagt hatte, daß er sich die Pulsadern öffnen werde, machte einen ungeschickten Versuch dazu. Die Gendarmen bemerkten es und überführten ihn in das alte Gefängnis. Dort, wie er später selbst erzählte, packte ihn der Wunsch, zu leben, und er stellte das Hungern ein.

So hungerten nur noch Jurkowski und ich.

Jurkowski klopfte mir zu, daß er sich ganz meinem Entschluß anschließe. Ich erwiderte ihm, daß ich von jeher jede Sache zu Ende geführt habe, daß der Beschluß der Mehrheit für mich nicht bindend sei, und daß ich fortfahre, zu protestieren. Der Rückzug der Kameraden war für mich ein schwerer Schlag. Gewiß, das Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins tat weh, aber es kam noch etwas hinzu, das viel tiefer schmerzte. Vor fünf Jahren hatte ich dieses Gefängnis voll idealer Begriffe vom Revolutionär überhaupt und von revolutionärer Gemeinschaft insbesondere betreten. Die Gestalten Scheljabows, Frolenkos und anderer Mitglieder des Komitees schwebten mir als die Verkörperung des Revolutionärs, der nie schwankt, vor; über revolutionäre Gemeinschaft urteilte ich nach der Einheitlichkeit und Solidarität unseres Vollzugskomitees. Jetzt brachen diese meine Begriffe zusammen. Und doch hatten die Kameraden vom Sterben gesprochen, hatten ihre Bereitwilligkeit, den Protest bis zum Ende durchzuführen, kundgetan. Was war das? Waren sie aufrichtig gewesen, oder hatten sie geheuchelt? Betrogen sie sich selbst, oder wollten sie andere betrügen? Oder es waren tatsächlich nur leere Drohungen gewesen, und die Beteiligten wußten genau, daß niemand bei diesem Protest sein Leben aufs Spiel setzte? Wenn dem so war, dann hätten die Kameraden mich vorher unterrichten sollen. Waren aber die Absichten ernst gewesen, so war ein Rückzug Schwäche, Mangel an Mut. Und ich war so tief von der Stärke meiner Kameraden überzeugt gewesen, sie waren die stärksten Menschen, die Rußland überhaupt besaß. Sonst hätten sie ja nicht so gehandelt, wie sie in der Freiheit gehandelt haben, damals, als sie noch nicht in diesem steinernen Grabe eingemauert waren. Ja gewiß, sie waren starke Menschen und mußten deshalb auch stark bleiben.

Aber trotzdem, sie führten nicht zu Ende, was sie versprochen hatten. Das war eine brennende Enttäuschung, die mich tief ergriff. Besonders empörte mich, daß die Initiative zum Abbrechen des Streiks von jenen ausging, die von Anfang an dagegen gewesen waren. Ungerechte, dunkle Verdächtigungen erfüllten mich, und mir schien, daß ich alle Kameraden haßte. Sie allein waren mir nur noch vom Leben geblieben, und diese Kameraden, die sich selbst untreu wurden, waren mir von nun an Fremde. Ich hatte an sie geglaubt, an ihren Mut, ihre Ausdauer, an ihren unbeugsamen Willen geglaubt, und statt dessen sah ich schwache, haltlose Menschen, die genau so unterlagen wie andere, gewöhnliche Menschen.

Diese Gedanken zerrissen mich innerlich. Der Hungerstreik war schon weit vorgeschritten und mit ihm meine Entschlossenheit, ihn zu Ende zu führen. Nach all dem, was ich durchlebt hatte, war mir der Tod leichter als das Leben. Mein ganzes Ich ersehnte ihn.

Ja, ich werde weiter hungern bis zum Tode. Ich werde das Begonnene zu Ende führen. Mögen sie zurückweichen, das ist ihre Sache; ich führe zu Ende, was ich beschlossen habe.

Aber im Augenblick, wo ich nichts heißer wünschte, als dieses Leben zu verlassen, zu fliehen, fortzugehen aus diesem elenden, in den Alltag gezogenen Leben, versetzten mir zwei von diesen Kameraden einen neuen Schlag.

Es gibt für einen willensstarken, klar denkenden Menschen, der sich zu einem festen Entschluß durchgerungen hat, nichts Kränkenderes, Verletzenderes, als eine Einmischung in diesen Beschluß, die seine Verwirklichung hindert. Diese Einmischung bedeutet einen Angriff auf das ihm gehörende Recht, seine Individualität zu offenbaren und seine sich nie mehr wiederholende Form des Lebens zu gestalten. Und Kameraden waren es, die meinen Entschluß angriffen, meinen Willen brachen.

Jurkowski und ich hungerten schon zwei Tage, als Popow und Starodworski, ohne es untereinander verabredet zu haben, erklärten, daß sie, falls ich stürbe, sich das Leben nehmen würden.

Das war eine moralische Vergewaltigung und versetzte mich in Raserei. Wie! Diese Männer, die mit mir gemeinsam den Streik beschlossen und die, ohne mich zu fragen, den Rückzug angetreten hatten, wagen es jetzt, von mir dasselbe zu fordern! Ihr männlicher Ehrgeiz kann es nicht zugeben, daß dort, wo sie nachgeben, eine Frau stärker und konsequenter sein könnte: sie schämen sich und wollen mich auf ihr eigenes Niveau bringen, sie wollen nicht sterben und zwingen mich zu leben!

Es wäre vielleicht angebracht gewesen, über ihre Erklärung zu lächeln und ihr einfach keinen Glauben zu schenken. Aber es war etwas daran, das zum Glauben zwang, und ich glaubte. Was sollte ich anders tun? Durfte ich zwei Menschen in den Tod reißen, die soeben gezeigt hatten, daß sie am Leben hängen. Nein, ich konnte sie nicht gewaltsam ins Grab mitreißen ... Ich wollte nicht, daß sie meinetwegen, statt um der gemeinsamen Sache willen stürben.

Und ich brach den Hungerstreik ab, tat es aber in einem Zustand völliger Verzweiflung. In diesem Augenblick brach ich geistig mit dem ganzen Gefängnis und gab mir das Versprechen, nie mehr an einem kollektiven Protest teilzunehmen. Wenn es nötig sein sollte, so wollte ich es von nun an allein tun, nach eigenem Ermessen und eigenem Entschluß. Von nun an wollte ich meinen Weg allein gehen und allein meine Entschlüsse fassen. Ich teilte dies den Kameraden mit.

Es erübrigt sich, zu sagen, daß unser Streik uns keine positiven Resultate brachte und daß wir unsere Bücher nicht wiederbekamen. Im Gegenteil, es folgten sogar einige Repressalien. An einem der Tage, als ich noch hungerte, besuchte der neuernannte Kommandant alle Zellen. Er verlas uns ein Papier, in welchem gesagt war, daß das Geld, das jeder von uns beim Eintritt in die Festung mitgebracht hatte, konfisziert sei. Vor dem Streik hatten wir die Erlaubnis, diese kleinen Summen zur Vergrößerung unserer Bibliothek zu verwenden. Zum Teil hatten wir das schon getan; so z. B. hatte Morosow die mehrbändige Geographie von Reclus gekauft. Jetzt wurde uns auch diese Möglichkeit geraubt. So endete diese Gefängnisgeschichte, die allen viel Kränkung und Aufregung verursacht und mich an den Rand des Untergangs gebracht hatte. Die moralische Katastrophe, die ich durchlebte, hatte mir jene innere Ruhe genommen, die ich während des Hungerns in Erwartung des Todes gewonnen hatte. Meine Seele war tief erschüttert, und viele Jahre mußten vergehen, ehe ich mich seelisch wieder aufrichtete. Die Erinnerung und die Spuren des Erlebten leben bis heute in mir.

Während der neun Tage, an denen ich keine Nahrung zu mir nahm, verursachte mir der Hunger keine Leiden, ich empfand ihn gar nicht. Die körperlich Starken und weniger Nervösen litten schon am dritten und vierten Tage große Qualen. Der gesunde, kräftige Martynow hielt es nicht einmal drei Tage aus. Ich dagegen hatte die ganze Zeit kein Bedürfnis nach Nahrung: ich lag ruhig auf meiner Pritsche und las. Mein Kopf war ganz klar, und ich las mit Vergnügen Molière französisch. Nur eine allgemeine Schwäche machte sich fühlbar, und nach neun Tagen des Hungerns dunkelte es mir vor den Augen bei jeder Bewegung. Auf diese Weise verlangte mein Entschluß, den Streik fortzusetzen, keine besondere Überwindung oder Ausdauer von mir. Von dieser Seite gesehen, war meine Lage eine unvergleichlich günstigere als die meiner Kameraden. Doch wenn mein Organismus während des Streiks nicht litt, so waren doch die Folgen fühlbar. Abgesehen von der Stimmung war es mein Nervensystem, das vollkommen zusammenbrach. Alle Hemmungszentren hörten auf zu funktionieren. In vielen Richtungen war mein Wille vollkommen gebrochen. Die Gehörreflexe, die vorher schon sehr stark gewesen waren, nahmen eine unglaubliche Heftigkeit an. Bei jedem unerwarteten Laut entrang sich meiner Brust ein Schrei, dem unaufhaltsames Schluchzen folgte, das das ganze Gefängnis in Aufregung versetzte; und das Schlimmste war, daß ich kein Bedürfnis empfand, mich zu beherrschen.

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