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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 38
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Papier

Fünf Jahre waren seit meiner Verhaftung vergangen, und die drei ersten, schwersten Jahre in Schlüsselburg lagen hinter mir, als wir zum erstenmal Papier bekamen. Das war ein frohes Ereignis. Doch bald verdrängten die feiertägliche Stimmung Zweifel: Was sollten wir auf dem Papier schreiben? Als uns der Inspektor das Heft mit numerierten Seiten gab, sagte er: »Sobald das vollgeschrieben ist, muß es abgeliefert werden; dann wird ein neues gegeben.« Das bedeutete, daß das Geschriebene erst die Gefängnisverwaltung lesen wird und dann das Polizeidepartement. Und anstatt Feiertags- setzte Alltagsstimmung ein.

In unserer dürftigen Bibliothek hatten wir gar keine Belletristik, weder Prosa noch Poesie. Ich erinnere mich noch, daß ich als erstes in mein Heft ein Bruchstück aus Nekrassows Poem »Wem geht es in Rußland gut?« eintrug. Dann folgten andere Gedichte, die im Gedächtnis haften blieben. Doch bald darauf eröffnete sich eine Fülle neuen Materials. Lopatin übermittelte mir vermittels Klopfen ein Gedicht, das seinen grenzenlosen Groll gegen sein Schicksal ausdrückte. Das Gedicht begann und schloß mit Verwünschungen.

Meine Stimmung und die Stimmung der Mehrzahl der Kameraden war diesem furchtbaren Pessimismus so fern, daß wir aufs tiefste betroffen waren.

In der Freiheit hatte ich nie Gedichte geschrieben, hier kam mir der Gedanke, auf Lopatins Verse in Versen zu antworten.

Meine Antwort wurde von allen Kameraden beifällig aufgenommen, und Lopatin antwortete mir, daß er bis zu Tränen gerührt sei.

Nach einem solchen Erfolg erwachte in mir das Verlangen, die Gefühle, die man beständig unterdrücken mußte, in Versen auszudrücken. Ich schrieb die Gedichte »An die Mutter«, »An die Schwester«, »Das alte Haus« usw.

Die Kameraden folgten meinem Beispiel, und in unserem Leben setzte eine Aera poetischer Schöpfungen ein: es regnete Gedichte von allen Seiten. Es erwies sich, daß unter uns sechzehn Dichter waren. Jeder griff nach der Lyra; Schlüsselburg war zum Parnaß geworden; die Mauern ächzten derartig unter dem Klopfen, daß Morosow, der in einer der unteren Zellen saß, glaubte, spiritistische Geister hätten sich des Gefängnisses bemächtigt. Selbst die Nüchternsten unter uns wurden von diesem Rausch mitgerissen: selbst solche Realisten wie Popow und Frolenko schrieben je ein Gedicht. Nur Lukaschewitsch, Janowitsch, Aschenbrenner und noch einige andere hielten sich zurück. Das Grundthema bildeten Erinnerungen; sie entsprachen am meisten der lyrischen Stimmung, die für die ersten Jahre der Gefangenschaft typisch ist. Über den künstlerischen Wert der Gedichte will ich nicht sprechen; zweifellos erleichterte das Dichten unser damaliges Leben, indem es den angehäuften Gefühlen einen Ausweg gab; andererseits brachte der gegenseitige Gedankenaustausch etwas Abwechslung in unsere Einsamkeit, und auch das gab eine gewisse Befriedigung, ja bereitete oft auch große Freude, wie z. B., wenn man am Geburts- oder Namenstag ein rührendes Gedicht zugeklopft bekam.

Die Möglichkeit, zu schreiben, gab nicht nur Gelegenheit, unsere Gefühle auszudrücken und dadurch unsere Schwermut zu lindern, sondern sie erwies uns noch einen Dienst anderer Art.

Im Laufe der drei ersten Jahre wurden wir jeden Sonnabend einer Leibesvisitation unterzogen. Obgleich wir nichts zu verstecken hatten, wurden wir trotzdem drei Jahre lang allwöchentlich dieser Erniedrigung unterworfen.

Die Männer wurden auf eine gemeine Weise von den Gendarmen revidiert; mich führte man in eine leere Kammer, wo eine speziell dazu hergerufene Frau mich erwartete. Ich mußte mich vollkommen entkleiden, und sie reichte dem Gendarmen durch die halbgeöffnete Tür meine Kleidungsstücke hinaus. Dann betastete sie meinen ganzen Körper. Später kam anstatt ihrer eine Finnin, ein blondes, ungeschlachtes Weib. Mit ihren ekelhaften Fingern betastete sie mich; dann nahm sie meine Haare und warf meinen Kopf von einer Hand in die andere, als ob er ein großer Ball wäre. Ich verließ das Zimmer jedesmal in Tränen.

Damals führte Martynow ein Tagebuch, das er, sobald es vollgeschrieben war, dem Inspektor übergab. Der sandte es in das Polizeidepartement. In diesem Tagebuch hatte Martynow auch die Revisionen beschrieben. Ob aus diesem Grunde oder aus einem anderen – die Leibesvisitationen hörten plötzlich auf.

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