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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 37
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Im Karzer (1887)

In den ersten Jahren war ich, wie die Mehrzahl der Neulinge, in derartig niedergedrückter Stimmung, daß ich glaubte, der einzige Ausweg eines an Händen und Füßen gefesselten Menschen sei Schweigen. Aber in dieser Stimmung sprach sich nicht nur das Bewußtsein aus, daß jeder Widerstand und jeglicher Kampf vergeblich seien, sondern noch etwas anderes war in ihr enthalten. Jeder, der gleich mir in der Kindheit unter dem berückenden Einfluß Jesu Christi gestanden hat (der im Namen seiner Idee Beschimpfungen, Leiden und Tod ertragen hat, und dessen Leben ein Vorbild der selbstlosen Liebe gewesen ist), wird die Stimmung eines verurteilten Revolutionärs begreifen, der für die Idee der Volksbefreiung lebendig begraben wurde. Nach dem Urteilsspruch bemächtigt sich seiner ein ganz besonderes Gefühl. Ruhig und gefaßt läßt er alles zurück und blickt in die Zukunft im vollen Bewußtsein, daß das Kommende unvermeidlich und unabwendbar ist. In einer solchen Stimmung ist irgendwelcher Kampf mit der Gefängnisadministration undenkbar. Auch Jesus wehrte sich nicht, als man ihn verspottete und schlug. Jeder Gedanke daran wäre eine Profanierung seiner reinen Persönlichkeit und seiner sanften Größe gewesen.

Aber trotz dieser nachgiebigen Stimmung hatte ich ein halbes Jahr nach meiner Trennung von Ludmila Wolkenstein einen Zusammenstoß mit dem Gefängnisregime, der leicht hätte tragisch enden können.

Eines Abends, es war schon neun Uhr, und der Inspektor machte gerade die übliche Runde, rief mich das laute Klopfen Popows.

Ich war müde: der leere, öde Gefängnistag ist unendlich lang und ermüdend. Ich wollte mich schon auf das Lager werfen, um einzuschlafen, aber ich hatte doch nicht den Mut, dem Kameraden die Antwort zu verweigern, und antwortete.

Kaum aber hatte Popow den ersten Satz zu klopfen begonnen, als die Töne plötzlich abbrachen. Ich hörte eine Tür ins Schloß fallen und vernahm laute Schritte in der Richtung zum Ausgang; dann wurde alles still. Ich verstand sofort: der Inspektor hatte Popow in den Karzer abgeführt.

Der Karzer war ein Ort, von dem der Inspektor drohend zu sagen pflegte: »Ich werde dich dorthin führen, wo dich keine lebendige Seele hören wird!« Keine Menschenseele, wie furchtbar! ...

Hier unter dem Gefängnisdach sind wir doch zusammen, wenn auch eingeschlossen in den steinernen Zellen, wir sind alle hier, und darin liegt ein gewisser Schutz. Jeden Schrei und jedes Stöhnen hörten wir alle. Aber »dort« ... Dort hört dich keine Seele! Ich wußte, daß Popow erst vor kurzem dort gewesen war, und man ihn grausam geschlagen hatte. Dieser Gedanke, daß er wieder ganz allein an diesem schrecklichen Orte sei, und daß die ganze Gendarmenbande sich wieder auf ihn, den Wehrlosen, stürzen werde, dieser Gedanke, der mich im nächsten Augenblick durchfuhr, erschien mir so furchtbar, daß ich meinen Entschluß faßte: auch ich werde dorthin gehen; wenigstens wird er dann das Bewußtsein haben, daß er nicht allein ist, und daß er einen Zeugen hat. Ich klopfte und bat, den Inspektor zu rufen. »Was gibts?« fragte er ärgerlich. »Es ist ungerecht, einen zu bestrafen, wenn zwei geklopft haben. Führen Sie mich auch in den Karzer!« »Gut,« erwiderte ohne Zögern der Inspektor und öffnete die Tür.

Kaum hatte ich den Gang durchschritten und mich der Treppe genähert, als die Stimme meines Nachbars erscholl: »Wera wird in den Karzer geführt!« und Dutzende von Händen begannen an die Türe zu schlagen mit dem Ruf: »Führt auch uns in den Karzer!«

In dieser düsteren Umgebung, die mich tief erregte, riefen die Stimmen dieser unsichtbaren Menschen, die Stimmen der Kameraden, die ich schon viele Jahre nicht gehört, eine schmerzliche Freude in mir hervor: wir sind zwar getrennt, aber doch solidarisch; getrennt, aber seelisch einig.

Der Inspektor geriet in Raserei. Als wir den Hof in Begleitung von mehreren Gendarmen betraten, schüttelte er konvulsivisch die geballte Faust, die krampfhaft den Schlüsselbund festhielt. Mit verzerrtem Gesicht und vor Wut zitterndem Barte zischte er durch die Zähne: »Rühre dich dort nur, und ich werde dir zeigen!«

Dieser Mensch flößte mir Angst ein; ich hatte von den Mißhandlungen gehört, die auf seinen Befehl die Gendarmen dort vollzogen, und der Gedanke durchzuckte mich: Wenn sie mich schlagen, werde ich sterben. Aber mit ruhiger, mir selbst fremd erscheinender Stimme erwiderte ich: »Ich gehe nicht dahin, um zu klopfen.«

Weit öffnete sich das Tor der Zitadelle, und das Entsetzen in mir wich dem Gefühl des Entzückens. Fünf Jahre schon hatte ich den nächtlichen Himmel nicht gesehen. Jetzt wölbte er sich über mir, und die Sterne leuchteten mir.

Die hohen Mauern der Zitadelle schimmerten weiß, und wie in einen tiefen Brunnen strömte das silberne Licht der Mondnacht herab. Der ganze Hof war mit Gras bewachsen; der Fuß versank darin und empfand seine erfrischende Kühle, es lockte und sprach von grünen Wiesen, von freien Feldern.

Von einer Mauer zur andern zog sich ein niedriges, weißes Gebäude hin. In der Ecke stand ein hoher Baum. Hundert Jahre schon wuchs er einsam ohne Kameraden, und in seiner Einsamkeit entfaltete er ungehemmt seine wunderbare Krone.

Das weiße Gebäude war das »alte« Gefängnis, das im ganzen für zehn Gefangene berechnet war.

Die Schlüssel klirrten, und mit Mühe nur ließ sich die Tür öffnen. Aus dem unbewohnten, kalten und feuchten Gebäude schlug mir Moderluft entgegen. In der kalten Dämmerung erkannte man nur undeutlich die Gestalten der Gendarmen, die im Halbdunkel liegenden Türen, die dunklen Ecken, alles war so unheilverkündend, daß ich unwillkürlich an eine Folterkammer dachte ... Der Inspektor sagte mit Recht, es sei ein Ort, wo keine lebende Seele etwas hört.

Im nächsten Augenblick wurde die Tür links geöffnet und ein brennendes Lämpchen hineingestellt; die Tür fiel zu, und ich war allein. Die enge Zelle war kalt und unsauber: die Wände schmutzig, der angestrichene Asphaltboden löchrig, ein unbeweglicher kleiner Tisch und eine kalte, eiserne Pritsche, weder Matratze noch Strohsack ... Stille ringsum.

Umsonst wartete ich darauf, daß die Gendarmen mit einem Strohsack und einer Decke zurückkommen würden. Ich hatte nichts als das Hemd, einen dünnen Baumwollrock und den Arrestantenmantel an und begann vor Kälte zu zittern. Wie ich auf dem eisernen Geflecht ohne Matratze schlafen sollte, wußte ich nicht. Ich versuchte es aber trotzdem und legte mich hin.

Doch es war unmöglich, einzuschlafen, oder auch nur darauf zu liegen; es wehte eisig vom Boden, von den steinernen Wänden, und den Körper durchlief ein Schauer bei der Berührung mit dem Eisen. Am nächsten Tag nahm man mir auch die Pritsche; sie wurde hochgeschlagen und an die Wand angeschlossen. Die nächste Nacht mußte ich auf dem steinernen Fußboden in Schmutz und Staub liegen. Schon abgesehen von dem Schmutz konnte ich unmöglich den Kopf auf den eiskalten Boden legen. Um den Kopf zu retten, mußte ich die Füße opfern: ich zog die groben Arrestantenschuhe aus, sie dienten mir als Kopfkissen. Als Nahrung bekam ich schwarzes, steinhartes Brot; als ich es durchbrach, war es innen ganz verschimmelt. Nur die Rinde war eßbar. Salz gab es nicht. Von Handtuch und Seife gar keine Rede.

Als ich in den Karzer ging, dachte ich nicht daran, zu klopfen: ich ging, um Popow die Einsamkeit zu erleichtern.

Aber Popow dachte nicht daran, zu schweigen, er wollte sich unterhalten. Am nächsten Morgen rief er mich an, und ich war schwach genug, zu antworten. Kaum aber hatte er den Versuch zum Klopfen gemacht, als die Gendarmen Holzscheite ergriffen und meine und Popows Tür zu bombardieren begannen. Es entstand ein nicht zu beschreibender Lärm.

Man kann sich unmöglich einen Begriff davon machen, welche Qualen einem ein solcher Lärm bereiten kann, wenn man durch die jahrelange Grabesstille des Gefängnisses aller Geräusche entwöhnt ist. Unfähig, diese wahnsinnige Klopferei aufzuhalten, geriet ich in rasende Wut und begann ebenfalls mit den Fäusten an die Tür zu schlagen, hinter welcher die Gendarmen tobten.

Diese Szenen waren unerträglich. Trotzdem unternahm Popow immer wieder seine Versuche und steigerte dadurch die Wut der Gendarmen aufs höchste. Endlich riß ihnen die Geduld. Der Höllenlärm brach plötzlich ab, im Korridor wurden die schweren Schritte des Inspektors laut, und in der unheimlichen Stille begannen im Flüsterton unheilverkündende Beratungen und irgendwelche Vorbereitungen. Nun, dachte ich, wird Popows Tür geöffnet und sie stürzen sich auf ihn, schlagen ihn. Und ich soll passiver Zeuge dieses wilden Gerichtes sein? Nein, ich halte es nicht aus. Ich begann, den Inspektor zu rufen.

Er öffnete die Tür, und ich sagte ihm mit heiserer Stimme: »Sie wollen Popow schlagen, schlagen Sie ihn nicht. Sie haben es schon einmal getan – auch für Sie kann die Vergeltung kommen!«

»Ich dachte nicht daran, ihn zu schlagen,« begann unerwartet der Inspektor sich zu verteidigen, »wir haben ihn gefesselt, und er hat sich gewehrt, das ist alles.«

»Nein, Sie haben ihn geschlagen,« erwiderte ich fest. »Sie haben ihn geschlagen, es gibt Zeugen dafür. Nr. 5 wird nicht mehr klopfen,« setzte ich hinzu, »ich werde es ihm sagen, und er wird aufhören. »Gut,« knurrte der Inspektor. Ich rief Popow und sagte ihm, daß ich keine Kraft mehr habe, einen derartigen Krieg zu führen, und ihn bitte, nicht mehr zu klopfen.

Am nächsten Tage brachte man mir Tee und einen Strohsack. Da Popow das nicht bekam, goß ich den Tee dem Inspektor vor die Füße und verzichtete auf den Strohsack. Aber ich brach ein Stück Brot mitten durch und sagte, auf den Schimmel zeigend: »Sie nähren uns mit Brot und Wasser, sehen Sie sich erst einmal das Brot an, mit dem Sie uns ernähren.«

Der Inspektor wurde rot. »Tauscht das um,« befahl er den Gendarmen, und nach fünf Minuten brachte man mir ein Stück weiches, frisches Brot.

Drei Nächte noch lag ich auf dem Boden in erniedrigendem Schmutz, in furchtbarer Kälte, mit den Schuhen als Kopfkissen unterm Kopf. Ich lag und sann. Sann darüber nach, wie ich mich in Zukunft verhalten sollte. Er war klar: zahllose Zusammenstöße aus verschiedenen Gründen standen mir noch bevor. Vor mir erhob sich die Frage: in welchen Fällen muß man, unter welchen Bedingungen kann man und wann lohnt es sich, mit der Administration einen Konflikt herbeizuführen. Mit welchen Mitteln gegen sie kämpfen!? Wie protestieren? Ist es immer notwendig, den Kameraden zu verteidigen? Der erste Impuls sagt »immer«. Hat aber der Kamerad tatsächlich immer recht?

Ich hatte meine Erfahrungen gemacht; sie waren schwer. Ich durchdachte noch einmal die Erlebnisse der letzten Tage; ich prüfte Popows und mein Benehmen und fragte mich: will ich, habe ich die Kraft, mit denselben Mitteln zu kämpfen, zu denen Popow greift? Er hat eiserne Nerven, eine große Selbstbeherrschung, eine ungeheure Widerstandskraft, die gestählt wurde in der Schule der Kara-Bergwerke und dem Alexej-Vorwerk; ein kaltblütiger, stahlharter, beharrlicher Kämpfer. Schimpft man ihn aus, so erwidert er mit gleicher Münze. Die Roheit der Gendarmen, die lärmenden Zusammenstöße mit ihnen können ihm nichts anhaben. Man fesselte ihn, man schlug ihn, schlug ihn mehr als einmal. Man schlug ihn grausam, und er ertrug es, ohne sich zu rächen, und konnte weiterleben. Und ich? ... ich könnte das nicht.

Mir wurde klar, daß unsere Wege sich hier trennten. Für einen Kampf, wie er ihn führte, reichten meine physischen Kräfte, meine Nerven nicht aus, und vom moralischen Standpunkt aus wollte ich keine Proteste, die ich nicht zu Ende führen konnte. Jetzt mußte ich meine Richtlinie wählen, nach der ich handeln wollte, mußte die inneren und äußeren Bedingungen erwägen und entscheiden, wie ich mich weiter verhalten sollte, um dann nicht mehr zu zaudern.

Die kleinen täglichen Reibereien, die groben Szenen, die gewöhnlich mit Erniedrigung endeten, entsprachen weder meiner Natur noch meinem Charakter. Und so beschloß ich, auf diese Kampfmittel zu verzichten. Ich hatte das Maß meiner Kräfte erkannt und wußte nun, was ich konnte und was ich wollte. Ich beschloß, das Mögliche zu ertragen, wenn sich aber ein Fall bieten sollte, wo es sich lohnte zu sterben, dann wollte ich protestieren und protestieren bis zum Tode.

Ich befand mich den fünften Tag im Karzer, als mir der Inspektor sagte: »Nr. 5 hat den Strohsack und alles übrige bekommen.« Ich fühlte mich erschöpft und geschlagen, wie nach einer schweren Krankheit, als ich mich endlich auf das Lager legte. Es war auch schon die höchste Zeit. In den Ohren sauste es ununterbrochen, mein Kopf war benommen, und ich lag in einem lethargischen Halbschlaf. In der Dämmerstunde hörte ich plötzlich Gesang. Es war eine angenehme, nicht allzustarke Baritonstimme, die mich an irgendetwas Bekanntes erinnerte: an eine Person? an irgendeinen Sachverhalt? Es war ein eintöniges Volkslied. Wer sang da? Wer konnte hier singen? Vielleicht war es ein Handwerker, der wegen Reparaturen hineingelassen worden war. Aber das ist unmöglich. Und woher kommen diese Töne? Es ist, als ob sie von außen kämen? Vielleicht wird das Dach repariert?

Es war mir ein Rätsel, wer da sang. Noch lange quälte mich diese Frage, als ich den Karzer schon verlassen hatte. Der Sänger war schon tot, war freiwillig aus dem Leben geschieden, als mich plötzlich der Gedanke durchzuckte: Gratschewski. Es war seine Stimme gewesen. Später erfuhr ich, daß er tatsächlich zu jener Zeit, als ich im Karzer war, im alten Gefängnis gewesen ist.

Noch zwei Tage gingen hin. »Zum Spaziergang« sagte der Inspektor und öffnete die Tür. Das bedeutete das Ende der Strafe. »Ich gehe nicht, wenn Sie nur mich von hier fortführen,« sagte ich und setzte mit verhaltener Angst hinzu: »Sie werden mich doch nicht gewaltsam hinausschleppen?« Der Inspektor maß die kleine, zerbrechliche, in einem Winkel lehnende Gestalt vom Kopf bis zu den Füßen, zuckte dann mit den Achseln und sagte geringschätzig: »Was soll denn da zu schleppen sein? Nr. 5 ist schon hinausgegangen,« setzte er hinzu. So ging also auch ich.

Nach dem Spaziergang feuchtete ich die Schiefertafel mit Wasser an und betrachtete mich darin wie in einem Spiegel: mein Gesicht, um zehn Jahre gealtert in diesen sieben Tagen, blickte mir entgegen; unzählige Fältchen bedeckten es. Diese Fältchen vergingen zwar wieder, aber die Erlebnisse dieser Tage blieben tief in meine Seele geprägt.

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