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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 35
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Minakow und Myschkin erschossen

Gleich im ersten Halbjahr nach der Eröffnung des neuen Schlüsselburger Gefängnisses wurden zwei Kameraden, Minakow und Myschkin, erschossen. Beide waren in der revolutionären Bewegung keine Neulinge.

Minakow war im Jahre 1879 in Odessa zu Zwangsarbeit in den Kara-Bergwerken verurteilt worden. Er versuchte, zu flüchten. Es mißlang. Er wurde nach dem europäischen Rußland zurückgeschickt, wo er anfangs in der Peter-Pauls-Festung, dann in Schlüsselburg eingeschlossen wurde. Das hieß, für immer lebendig begraben sein. Minakow wollte nicht eines langsamen Todes in der neuen Bastille sterben. Er forderte Genehmigung zum Wiedersehen seiner Verwandten, Briefe, Tabak und Bücher; als ihm das verweigert wurde, trat er in den Hungerstreik ein. Gleichzeitig ohrfeigte er den Gefängnisarzt Sarkewitsch.

In der Festung hieß es, er habe den Arzt geohrfeigt wegen des Versuches, ihn während des Hungerstreiks künstlich zu ernähren. Aber aus den Dokumenten, die man nach der Revolution 1917 in den Archiven vorfand, geht hervor, daß Minakow an Geschmackshalluzinationen litt und den Verdacht hegte, daß der Arzt seiner Nahrung Gift hinzufügte, um ihn zu vergiften.

Um so empörender ist es, daß man einen psychisch kranken Menschen dem Kriegsgericht übergab und binnen 24 Stunden niederschoß.

Ein Gesuch um Begnadigung einzureichen, lehnte Minakow ab.

Das war im September 1884, einen Monat bevor meine Kameraden aus dem Prozeß der 14 und ich nach Schlüsselburg kamen.

Im Dezember, am Weihnachtstage, wurden wir alle durch einen tragischen Vorfall aufs tiefste erschüttert.

Während des Abendessens hörten wir plötzlich das Klirren zur Erde fallenden Geschirrs und den Lärm eines Handgemenges; eine halberstickte Stimme rief: »Nicht schlagen! Nicht schlagen! Tötet, aber schlagt nicht!«

Es war Myschkins Stimme.

Myschkin war eine der tragischsten Gestalten der russischen revolutionären Bewegung. Er besaß in Moskau eine Druckerei, in der ausschließlich junge Intellektuelle arbeiteten; Myschkin und seine Mitarbeiter wohnten gemeinsam in demselben Hause, wo sich die Druckerei befand, und bildeten eine Kommune.

Als Sozialist stand Myschkin in Verbindung mit jenen, die »ins Volk gingen«. Man druckte in seiner Druckerei illegale Schriften. Es dauerte aber nicht lange, und die Polizei hatte die Spur zur Druckerei gefunden. Sie nahm eine Haussuchung vor und verhaftete alle Mitarbeiter. Myschkin war gerade abwesend, und es gelang, ihn noch rechtzeitig zu warnen; anfangs verbarg er sich, später flüchtete er ins Ausland. Dort faßte er den Plan, nach Sibirien zu reisen und aus eigenen Kräften Tschernyschewski zu befreien. In der Uniform eines Gendarmerieoffiziers erschien er beim Chef der Landpolizei in Wilnysk, wo Tschernyschewski sich befand, mit dem Befehl der III. Abteilung Abteilung der Kanzlei S. M., in deren Ressort die wichtigsten politischen Angelegenheiten fielen., Tschernyschewski in seiner Begleitung nach Petersburg zu schicken. Doch dem »Isprawnik« schien die Sache verdächtig, und er schlug Myschkin vor, nach Jakutsk in Begleitung zweier Kosaken zu reisen, um dort die Genehmigung des Gouverneurs zu erhalten. Myschkin begriff, daß die Sache verloren war und beschloß, sich der aufgedrungenen Kosaken zu entledigen; in der Nähe von Jakutsk erschoß er den einen, der zweite entkam.

Myschkin kam aber nicht weit; er wurde unterwegs gefangen genommen, nach Petersburg gebracht und in den Prozeß der 193 miteinbezogen.

Die Angeklagten des Prozesses beschlossen, aus ihrer Mitte einen Redner zu wählen, der die gemeinsam ausgearbeitete revolutionäre Rede vor Gericht halten sollte. Die Wahl traf Myschkin, und er erfüllte seine Aufgabe vollkommen. Umsonst versuchte der Vorsitzende des Senats, Peters, durch grobe Zwischenrufe die scharfe, schneidende Rede Myschkins zu unterbrechen. Vergeblich: Peters war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen; das Gericht zog sich zurück, die Gendarmen stürzten sich auf Myschkin, um ihn aus dem Saal zu entfernen. Die Angeklagten warfen sich dazwischen, um den Kameraden zu verteidigen.

Unter allgemeinem Geschrei entwickelte sich ein Handgemenge, das in den Annalen des Gerichts nicht seinesgleichen hat.

Myschkin, der schon bis zur Gerichtsverhandlung 3 Jahre im Gefängnis zugebracht hatte, wurde zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er wurde in ein Zuchthaus in der Nähe von Charkow gebracht. Dort herrschten furchtbare Zustände, unter denen er die Zeit von 1878-1880 zubrachte. Während der Diktatur Loris-Melikows wurden die zu Zwangsarbeit Verurteilten nach Kara gebracht. Zwei Jahre darauf flüchtete ein Teil der Sträflinge, unter ihnen auch Myschkin. Er hatte schon glücklich Wladiwostok erreicht, als er erkannt und nach Petersburg gebracht wurde. Er kam in das Alexej-Vorwerk der Peter-Pauls-Festung, wo die Narodowolzy langsam dahinstarben.

In dieser Festung versuchte Myschkin wiederholt, gegen das dort herrschende tödliche Regime eine allgemeine Empörung hervorzurufen; aber seine Aufforderungen fanden keinen Widerhall. Die Festung blieb stumm.

Dann wurden alle nach Schlüsselburg gebracht.

Fast 10 Jahre hatte Myschkin in den verschiedensten Gefängnissen und Zuchthäusern zugebracht, um zuletzt, nach all den durchlittenen Martyrien, in die hoffnungsloseste der russischen Bastillen zu geraten. Das überstieg selbst die Kräfte eines so eisernen Menschen wie Myschkin. Er beschloß, zu sterben, vorerst aber den Inspektor tätlich zu beleidigen, um ein Gericht zu erzwingen. Vor dem Gericht wollte er dann das ganze grausame Geheimnis von Schlüsselburg zur Sprache bringen und, wie er hoffte, mit dem Preis seines Lebens das Schicksal seiner Leidensgenossen erleichtern.

Am 25. Dezember 1884 führte er sein Vorhaben aus, und im Januar wurde er auf dem Platz vor der alten Zitadelle erschossen, wo drei Monate vor ihm Minakow das gleiche Schicksal erlitten hatte.

Durch seinen Zellennachbar hinterließ er sein Vermächtnis, ihn durch einen allgemeinen Protest zu unterstützen. Aber das Gefängnis blieb stumm. Wir waren so isoliert voneinander, daß das Vermächtnis nicht weiter als bis zur nächsten Zelle drang.

Nach seiner Hinrichtung besuchte der stellvertretende Minister Orschewski Schlüsselburg und ging durch alle Zellen. Das Resultat dieses Besuches und, wie wir meinten, die Folge von Myschkins Tod war, daß sechs der schwächsten unter den Gefangenen die Erlaubnis bekamen, zu zweit spazieren zu gehen. Das waren frühere Insassen des Alexej-Vorwerks. Morosow und Butzewitsch, der bald darauf an Tuberkulose starb; Trigoni und Gratschewski, der sich selbst verbrannte; Frolenko und Issajew, der sich im letzten Stadium der Tuberkulose befand.

Der Spaziergang zu zweit war die erste Bresche, die in unseren steinernen Sarg geschlagen wurde. Freilich war in den Instruktionen, die an der Wand hingen, gesagt, daß als Belohnung für »gute Führung« der Spaziergang zu zweit gestattet sei, aber das waren bisher nur tote Buchstaben geblieben.

Auch nach dem Besuch Orschewskis erstreckte sich die Vergünstigung auf niemand sonst.

So war der Wille des Inspektors: wir führten uns alle nicht gut genug auf.

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