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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 31
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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In Untersuchungshaft

Es war an einem Sonnabend – der Tag neigte sich seinem Ende zu – als wir Petersburg erreichten. Ich wurde im Hause des Polizeidepartements in einer Zelle untergebracht. Da der folgende Tag ein Sonntag war, konnte ich ungestört meinen Gedanken nachhängen. Woran dachte ich? An wen? – An meine Mutter, die ich seit Jahren nicht gesehen, an das bevorstehende Wiedersehen mit ihr, an den Gram, der sie erwartete ...

Im Polizeidepartement blieb ich drei Tage. Später erfuhr ich, daß meine Verhaftung in den höheren Sphären der Gesellschaft freudige Überraschung hervorgerufen hatte. Als Alexander III. die Nachricht von meiner Verhaftung erhielt, soll er freudig erregt ausgerufen haben: »Gott sei Dank, endlich ist diese schreckliche Frau arretiert!« Der Sohn des damaligen Justizministers Nabokow erinnerte sich später noch aus seiner Kindheit, wie hoch erfreut sein Vater über das Telegramm war, das die Nachricht von meiner Verhaftung brachte.

Im Polizeidepartement drängten sich die Beamten müßig in den Gängen und gafften mich an. Die vorhergegangenen politischen Prozesse, in denen mein Name so oft genannt worden war, machten mich augenscheinlich zum Gegenstand ihrer Neugier.

Man zeigte mich auch den hohen Würdenträgern: dem Direktor des Polizeidepartements, Plehwe, dem Minister des Inneren, Graf D. A. Tolstoj, und dem Staatssekretär des Inneren, Orchewski. Plehwe benahm sich grob. Nachlässig mit dem Kopf nach den an der Wand aufgestellten Stühlen weisend, stieß er undeutlich durch die Zähne: »Nehmen Sie sich einen Stuhl!« Als ich mich gesetzt hatte, begann er mich zu verhöhnen. Es wäre unmöglich, jemanden von den Studierenden zu verhaften, der nicht mit Begeisterung von mir spräche. »Kann eine solche Begeisterung für Sie wirklich etwas bedeuten?« Er zuckte verächtlich die Achseln und fuhr ironisch fort: »Vielleicht wären Sie jetzt nicht abgeneigt, jene gesellschaftliche Stellung einzunehmen, die Sie einst verschmäht haben.« Als ob er in die Seele eines vom illegalen Leben zermürbten Menschen tief hineinblicken wollte, fügte er noch hinzu: »Übrigens sind Sie vielleicht so müde, daß sie sich über das eingetretene Ende freuen.«

Orchewski benahm sich höflicher. Er verhielt sich wie ein guterzogener Mensch aus besseren Kreisen. Den Takt wahrend, weich in seinen Manieren, bemühte er sich, mich zu einer politischen Unterhaltung zu bewegen. Ich wich diesen Versuchen aus und erklärte, daß es zweckmäßiger wäre, meine politischen Auffassungen vor Gericht darzulegen.

Tolstoj war gutmütig und einfältig, wie es seinem hohen Alter entsprach. »Wie bescheiden Sie aussehen!« begrüßte er mich. »Ich erwartete etwas ganz anderes« ... Er begann sofort über die klassische Bildung zu sprechen, über den Widerwillen, den die Revolutionäre gegen dieses System hegten, über die bösen Ränke, die sie gegen sein Leben schmiedeten. Dann ging er zu den politischen Morden über, zu den Attentaten gegen die Mitglieder des Herrscherhauses insbesondere. Er sagte: »Was können Sie durch diese Methode erreichen? Sie werden einen Zaren töten – an seine Stelle tritt ein anderer.« Er sprach geistlos, schwach und in einem Tone, wie etwa ein Großvater zu seiner Enkelin. Es lohnte sich nicht einmal, ihm zu erwidern. »Schade,« sagte er zum Schluß, »daß ich zu wenig Zeit habe, ich würde Sie bekehrt haben.« Ich wollte nicht, daß er das letzte Wort behalte und sagte deshalb: »Ich bedauere ebenfalls. Ich glaube, ich hätte Sie zu einem Narodowoletz gemacht.«

Dieser Scherz ist zum geflügelten Wort geworden. Der Staatsanwalt Dobrschinski fragte mich bei der nächsten Vernehmung: »Stimmt es, daß Sie die Hoffnung gehabt haben, den Grafen Tolstoj zu ihrem Glauben zu bekehren?« Ich antwortete lächelnd: »Warum sollte ich nicht?«

Ich wurde aus dem Polizeidepartement in die Peter-Pauls-Festung gebracht. Dort blieb ich bis zur Gerichtsverhandlung, also 20 Monate lang. Anfangs wurde ich einige Male ins Polizeidepartement zum Verhör gerufen. Ich hatte sofort nach meiner Verhaftung erklärt, daß ich nicht die Absicht habe, etwas von meiner revolutionären Tätigkeit bis zum 1. März 1881 zu verheimlichen, da meine Aussagen lediglich schon bekannte Ereignisse und Menschen, die bereits verurteilt worden waren, berühren würden. Was dagegen die spätere Zeit betrifft, so könne ich über sie keine Aussagen machen. Da mir die Fahrten nach der Stadt und die Gespräche mit den Staatsanwälten lästig und peinlich waren, bat ich, mir Papier und Schreibzeug in meine Gefängniszelle zu geben, damit ich dort meine Aussagen niederschreiben könne.

So ist das Dokument entstanden, das viele Jahre später im Jahre 1917 nach dem Sieg der Revolution entdeckt und veröffentlicht worden ist.

Anderthalb Monate waren vergangen, als einmal ein hochgewachsener, älterer Gendarmeriegeneral in meine Zelle trat. »Mein Name ist Sereda,« sagte er. »Ich bin durch Allerhöchsten Befehl bestellt worden, die politische Propaganda in den Truppen des ganzen Reichs zu untersuchen.«

Er nahm meine Hand und küßte sie trotz meines Widerstandes. »Sie sind ein guter Mensch«, sagte er. »Ihr Unglück war, daß Sie nach der Heirat keine Kinder gehabt haben!«

Nach dieser eigenartigen Einleitung erklärte er mir auf meine Frage, ob er die Absicht habe, einen Monstreprozeß einzuleiten, um auf diese Weise Karriere zu machen, daß er nur die aktivsten Revolutionäre vor Gericht zu stellen gedächte. Er hat auch tatsächlich so gehandelt: er hat dem Gericht 14 Angeklagte, darunter 6 Militärpersonen, übergeben, obgleich er es mit Dutzenden hätte machen können.

Dann begann der General, mir sein Herz auszuschütten. Er sei kein Reaktionär und kein Anhänger des bestehenden Systems. Er sei nur durch seine Schulden gezwungen, im Dienst zu bleiben. Er sei für die Freiheit; wenn er auch keine Sympathie für politische Morde empfinde. Er verstehe den Barrikadenkampf, könne aber auf keinen Fall den Dolchstoß in den Rücken begreifen.

Nach diesem Besuch ließ man mich in Ruhe. Meine Aussagen waren noch vor diesem Besuch fertiggestellt und abgeliefert worden. Sie stellten eine Skizze der revolutionären Bewegung und gleichzeitig eine Autobiographie dar. Sereda hatte sie vor seinem Besuch bei mir gelesen; sie machten auf die Gendarmen einen starken Eindruck. Einer von ihnen sagte mir, daß sie von Hand zu Hand gingen und wie ein Roman gelesen würden. Der Staatsanwalt, der spätere Justizminister N. W. Murawjow, hat einige Jahre später meinem Mann A. V. Filipow, der im Justizministerium als Beamter tätig war, eine Abschrift zum Lesen gegeben.

 

In mein Leben trat Stille ein. Der übererregte Zustand, hervorgerufen durch die Verhaftung, durch das Neue der Lage, durch den Rückblick in die Vergangenheit, anfangend mit der Kindheit und endend mit dem Eintritt ins Gefängnis –, ein Rückblick, den wahrscheinlich alle anstellen, die das Gefängnis betreten und ihr Leben als beendet ansehen, und der so natürlich ist –, diese Erregung legte sich allmählich, und das graue, einförmige Leben begann, das nur durch Lesen ausgefüllt wurde. Tage und Wochen hindurch sprach ich kein Wort. Ich hatte alle zwei Wochen einmal ein Wiedersehen von 20 Minuten mit Mutter und Schwester. So schrieb es das Gesetz vor. Zwei Gitter, einen Meter voneinander entfernt, trennten uns. Kein einzigesmal durfte ich die Hand der Mutter küssen. Einmal, als mir besonders schwer zumute war, bat ich den Inspektor, mir das doch zu erlauben. Ich hatte so ein starkes Bedürfnis, mich an sie anzuschmiegen, mit meinen Lippen ihre kleine, warme Hand zu berühren. Vergeblich! Das Gesetz ließ es nicht zu.

Im Frühling erwachte in mir die Sehnsucht nach Blumen. Nur ein Blümchen wenigstens wollte ich haben. Meine Schwester brachte mir eine Hyazinthe mit, doch ich durfte sie nicht bekommen. Es war verboten, in der Festung irgend etwas den Gefangenen zu übergeben, und der Inspektor blieb unerbittlich.

Im Sommer reiste meine Mutter in das Kasaner Gouvernement, meine Schwester Olga auf die Insel Ösel zur Kur, und ich sah lange Zeit hindurch niemand.

Schweigen, ewiges Schweigen ringsum. Viel später las ich einmal in den Erinnerungen des im Petraschewskiprozeß verurteilten Achscharumow, daß er, als er sich in der Festung in ähnlicher Lage befand, sich bemühte, die Tätigkeit seiner Stimmbänder zu bewahren, indem er laut las. Ich selbst kam nicht auf diesen Gedanken. Meine Stimmbänder wurden immer schwächer, die Stimme brach und schwand dann ganz; meine tiefe Altstimme wurde dünn vibrierend, wie nach einer langen Krankheit: die Worte lösten sich schwer und stockend von der Zunge. Gleichzeitig mit diesem physischen Zusammenbruch veränderte sich auch meine ganze Psyche. Es entstand der Wunsch, die Stimmung – zu schweigen. Ich wollte immer schweigen, und wenn es doch notwendig wurde, zu sprechen, irgend etwas zu sagen, so war dazu eine ungeheure Willensanstrengung und große Selbstüberwindung erforderlich.

Im Herbst kehrte meine Mutter nach Petersburg zurück und besuchte mich wieder regelmäßig. Mir wurde es sehr schwer, zum Wiedersehen hinauszugehen. Und je länger, desto schwerer wurde mir dieses Hinaustreten aus meiner Einsamkeit, aus meinem Schweigen. Wozu? Wozu das Tempo meines Lebens unterbrechen, die natürliche Tagesordnung und die Stimmung verändern? Wozu das seelische Gleichgewicht durch ein Wiedersehen von 20 Minuten zerstören, in welchem man nicht weiß, was sagen, worüber sprechen, wonach fragen, um dann nach der Rückkehr in die Zelle lange keine Ruhe zu finden und schließlich wieder für zwei Wochen im Schweigen zu erstarren? Jedesmal, wenn die Gendarmen die Tür aufschlossen und ihr monotones »zum Wiedersehen« erschallte, hatte ich den dringenden Wunsch, zu sagen, daß ich dieses Wiedersehen nicht mehr wolle. Und nur der Wunsch, Mutter und Schwester nicht zu erschrecken, nicht zu ängstigen, ließ mich immer wieder aufstehen und hinausgehen.

Wieder verging viel Zeit. Einmal, ich weiß nicht mehr genau wann, wurde meine Einsamkeit durch folgenden Zwischenfall unterbrochen: Man rief mich eines Tages in die Kanzlei. Dort erwartete mich Romanow, einer der zehn Staatsanwaltsadjunkten, die die Untersuchung im Prozeß führten.

»Wera Nikolajewna,« sagte er sofort, »ich bin zu Ihnen in einer besonderen Angelegenheit gekommen, und ich wende mich an Sie, weil ich sicher bin, daß Sie die Wahrheit sagen werden.«

Verwundert und beunruhigt durch diese Einleitung fragte ich ihn, um was es sich handle.

Er fuhr fort: »Es handelt sich um die Flucht Wasili Iwanows aus dem Kiewer Gefängnis. Zwei Gefängnisaufseher, die der Mithilfe an der Flucht beschuldigt wurden, hat man zu Zwangsarbeit nach Sibirien verurteilt und schon abtransportiert. Unterdessen aber hat der Offizier Tichonowitsch, der in Ihren Prozeß mitverwickelt ist, kategorisch erklärt, daß er Iwanow während seines Dienstes ohne irgendwessen Mithilfe aus der Zelle und aus dem Gefängnis hinausgeführt habe. Diese Aussage bestätigt Nikitina, die die Flucht organisierte und die Verhandlungen darüber mit Tichonowitsch führte. Beider Aussagen habe ich bei mir, Sie können sie lesen. Trotzdem lehnt Iwanow hartnäckig Tichonowitschs Aussagen ab und behauptet, daß seine Flucht durch den Ofen mit Hilfe der Aufseher erfolgt sei.

»Wir brauchen notwendig Ihre Aussage: davon hängt das Schicksal der zwei Verurteilten ab. Die Sache wird noch einmal untersucht, und die Verurteilten werden eventuell zurückgeholt. Sagen Sie also, welche Aussage entspricht tatsächlich der Wahrheit.«

Er übergab mir zwei große Hefte, und ich las in ihnen die Aussagen Tichonowitschs und Nikitinas. Diese Aussagen entsprachen vollkommen dem, was mir seinerzeit Iwanow von seiner Flucht erzählt hatte. Die Gefängnisaufseher hatten keine Ahnung davon. Die Öffnung im Ofen war gemacht worden, um von der richtigen Spur, d. h. vom Offizier, der die Tür geöffnet, abzulenken; tatsächlich war sie so klein, daß ein Mensch von so starkem Körperbau, wie Iwanow ihn besaß, nie hätte hindurchkommen können. Warum Iwanow sich trotz der kategorischen Aussage Tichonowitschs auf seine Aussage versteifte und die Aufseher dadurch zu Zwangsarbeit verurteilen ließ – war mir unbegreiflich. Sein Benehmen war inkorrekt. Ich mußte entweder ihn, den Kameraden, mit dem ich durch Partei- wie auch durch persönlich-freundschaftliche Beziehungen verbunden war, der Lüge bezichtigen, oder Teilnehmer seiner Lüge werden und die Aufseher ihrem Schicksal überlassen. Ich zögerte: ich schämte mich in beiden Fällen. Ich bat Romanow um einige Minuten Bedenkzeit; dann schrieb ich, als ich mich entschlossen hatte, meine Erklärung nieder, daß ich genau wisse, daß die Aufseher nichts von der Flucht aus dem Gefängnis gewußt hätten.

Ich erinnere mich lebhaft dieser Episode, die mich seinerzeit stark erregt hatte. Später las ich das vorzügliche Drama von Romain Rolland »Die Wölfe« aus der Zeit der französischen Revolution. Dort ist der Konflikt zwischen der Partei und dem Gerechtigkeitsgefühl breit ausgebaut und endet zum Nachteil des letzteren.

Im Frühling 1884 rief man mich abermals in die Kanzlei: Dort fand ich Dobrschinski und den General Sereda. Sie saßen mit ernsten Gesichtern am Tisch, der mit Folianten bedeckt war.

»Erkennen Sie diese Handschrift?« fragte mich Dobrschinski und legte ein ungebundenes Heft vor mich hin. Ich kannte diese Handschrift nicht und sagte »nein«. Da wandte er das Heft um und zeigte mir die Unterschrift Sergej Degajews.

Dobrschinski blätterte im Heft und zeigte mir einzelne Stellen, während er andere mit der Hand bedeckte.

Es war kein Zweifel: vor mir lag ein Dokument von höchster Wichtigkeit, es verriet der Regierung alles, was der Verfasser dank seinen Beziehungen zur Partei wußte. Nicht nur die Parteifunktionäre waren beim Namen genannt, selbst die unbedeutendsten Personen, die jemals der Partei irgendwelchen Dienst erwiesen hatten, waren verraten. Die Militärorganisation im Norden wie im Süden war bis auf den letzten Mann verraten. Alle Fäden der Organisation befanden sich in den Händen der Regierung.

Ich war betäubt. Degajew! Das hatte Degajew getan! Ich sprang auf und ging mehrere Minuten lang erregt im Zimmer auf und ab, während Dobrschinski und Sereda schweigend in ihren Akten blätterten.

Als ich auf meinen Platz zurückkehrte, zeigte mir Dobrschinski die Aussagen einiger anderer Offiziere. Alle begannen mit denselben beschämenden Worten: ich bereue meine Verirrung und bekenne usw. Es bereuten Männer von 35-40 Jahren. Kraiski, an den ich so fest geglaubt und auf den ich so viele Hoffnungen gesetzt hatte als auf einen Menschen mit starkem Charakter, der nie zurückweichen werde, – auch er »bereute« ...

Alle diese Verschwörer, die geschworen hatten, auf das erste Signal hin sich mit der Waffe in der Hand zu erheben und ihr Leben dem Volke zu weihen, sie alle sagten sich jetzt kleinmütig los von der Sache, für welche sie hatten kämpfen wollen, der sie ihr Wort verpfändet hatten. Sie hätten sich »verirrt« – sie, die jahrelang über Revolution und Barrikadenkämpfe diskutiert hatten. Diese Aussagen machten einen unsagbar kläglichen Eindruck auf mich. Aber was bedeutete das alles im Verhältnis zu dem, was Degajew getan hatte! – Er hatte den Glauben an die Grundlagen des Lebens erschüttert – den Glauben an den Menschen, jenen Glauben, ohne den der Revolutionär überhaupt nicht mehr fähig ist zu handeln. Er log, spielte Komödie, betrog; er forschte aus, um dann zu verraten, er heuchelte. Viele Fäden verbanden mich mit ihm und seiner Familie; er war mit einer Anzahl Kameraden, die uns gemeinsam teuer waren, befreundet. Er war kein kleiner, unerfahrener Offizier aus der Provinz, der bis dahin in einer engen, grauen Alltagssphäre gelebt und die Schlingen der Polizei nicht gekannt hatte. Vier Jahre lang hatte er in den Reihen der revolutionären Partei gearbeitet, Hand in Hand mit den erlesensten Genossen, hatte mehr als einmal mit Gendarmen zu tun gehabt, öfters seine Freiheit aufs Spiel gesetzt und sich einen politischen Ruf erworben. Seine Flucht war also nur vorgetäuscht gewesen. Die Polizei hatte ihn freigelassen, um seinen Verrat zu verhüllen. Mit dem Verrat begann er, dann wurde er zum Agent-Provocateur. Absichtlich lockte er neue Menschen in die revolutionäre Tätigkeit, um sie dann der Polizei auszuliefern. Einen solchen Verrat überleben, war ein Unglück, das zu ertragen, über menschliche Kräfte ging; – das hieß, die Menschen ihrer moralischen Schönheit berauben, die Schönheit der Revolution und die des Lebens einbüßen. Von den Höhen meiner Ideale fühlte ich mich in den tiefsten Erdensumpf hinabgezerrt ...

Als ich das nächstemal zum Wiedersehen hinausging, begriffen die Meinigen sofort, daß mir etwas Furchtbares widerfahren sei.

Ich wollte sterben. Ich wollte sterben und mußte trotzdem leben. Ich mußte leben, um vor Gericht zu erscheinen – um diesen letzten Akt in der Laufbahn des aktiven Revolutionärs zu vollenden. Als Mitglied des Vollzugskomitees hatte ich noch mein letztes Wort zu sagen – meine letzte Pflicht zu erfüllen, wie sie alle meine Vorgänger erfüllt hatten. Und als Kamerad all jener, die Degajew verraten hatte, mußte ich unser gemeinsames Schicksal bis zuletzt teilen.

Aber das Leben war nur noch möglich, wenn ich die Zeit durch irgend etwas ausfüllte, das in keinerlei Beziehungen zu dem, was ich jetzt erlebt hatte, stand. Ich mußte irgendeine Arbeit finden, die mir keinen Augenblick Zeit zum Nachdenken ließ. Ich warf mich auf das Studium der englischen Sprache, mit einem solchen Eifer, daß ich nach zwei Wochen Macaulays Geschichte Englands im Original lesen konnte. Doch wäre mir das trotz allen Eifers unmöglich gewesen, wenn ich nicht vor Jahren auf das Drängen der Institutsvorsteherin hin mit großem Widerwillen und kleinem Erfolg einige englische Stunden bei unserer Engländerin genommen hätte. Offenbar waren Spuren davon im Gedächtnis zurückgeblieben.

Sobald ich die englische Sprache beherrschte, vergrub ich mich tagelang in die Bücher und ließ mir keine Minute zum Nachdenken. Schon bald nach meiner Verhaftung hatte ich eifrig zu lesen begonnen, und nie in meinem Leben habe ich mit einer solchen Hingabe und so produktiv gelesen, wie zu jener Zeit in der Festung. Mein Bildungsgang war eigentlich unregelmäßig und systemlos gewesen. Vom Institut schon gar nicht zu reden, denn dort war das Lesen nicht nur verboten, es war überhaupt keine Bibliothek für die Schülerinnen vorhanden. In Zürich, an der Universität, hatte das Studium der Medizin so viel Zeit verschlungen, daß fast keine zum Lesen übrig blieb. Und nach meiner Rückkehr nach Rußland ließ die revolutionäre Tätigkeit keinerlei tieferes Studium zu. In den revolutionären Kreisen, in welchen ich mich bewegte, schaute man zur Wissenschaft mit großer Hochachtung empor, aber die Verhältnisse waren derartig, daß man sich ihr nicht widmen konnte. Während meines Dienstes im Samaraer und Saratower Gouvernement beanspruchte die ärztliche Arbeit einen äußerst großen Aufwand von Zeit und Kraft, und als 1879 mein illegales Leben begann, erlaubten die Nervenanspannung und die Gefahren nicht, an Bücher auch nur zu denken. Die revolutionäre Sache erforderte die ganze Spannkraft, die Gedanken mußten ausschließlich auf die Fragen der Parteibewegung konzentriert werden. Und so wurde es immer schwieriger, an seine eigene Bildung zu denken.

In jener Periode, als das Parteiorgan »Narodnaja Wolja« in Petersburg erschien, lag die redaktionelle Hauptarbeit auf unserem Theoretiker – Tichomirow. Nach einiger Zeit erklärte er dem Vollzugskomitee: Wollt ihr, daß ich schreiben soll, dann befreit mich von den Pflichten eines Mitgliedes der Verwaltungskommission, überhaupt von jeder praktischen Arbeit. Es sei – sagte er – ganz unmöglich, die literarische Arbeit mit der praktischen zu verbinden. Um schreiben zu können, muß man lesen, alles verfolgen, was in der Presse geschrieben wird, es gründlich durchdenken – dazu sei absolut notwendig, von Arbeiten befreit zu sein, die eine geistige Konzentration verhinderten. Das Vollzugskomitee konnte sich der Richtigkeit dieser Argumente nicht verschließen und überließ Tichomirow ausschließlich der literarischen Arbeit.

Erst jetzt im Gefängnis war ich imstande, meinen wissenschaftlichen Interessen nachzugehen: ich las viel Geschichte, politische Ökonomie, Soziologie – und ganz besonders studierte ich zu jener Zeit alles, was Spencer auf dem Gebiet der Psychologie und Biologie geschrieben hat. In den Briefen, die ich aus der Peter-Paulsfestung an meine Mutter und Schwester schrieb, ging ich auf alle diese von mir gelesenen Werke ein. Die Festungsbibliothek, die sehr reichhaltig war, lieferte mir genügend Material, und als ich dieses durchstudiert hatte, bekam ich die Erlaubnis, auch die noch nicht gebundenen Werke, die noch nicht im Katalog eingetragen waren, zu entleihen.

Die Bücher halfen mir über das Schwerste hinweg. Sie waren es, die von Anfang an den Schmerz in mir betäubten, der an mir nach allen in der Freiheit erlittenen Niederlagen und Mißerfolgen zehrte. Sie halfen mir über die moralische Erschütterung hinweg, die der Verrat Degajews herbeigeführt hatte. Übrigens wurde die schwere moralische Qual noch durch eine physische etwas abgelenkt: durch die Feuchtigkeit in meiner Zelle bekam ich ein Geschwür am Finger, das mir die heftigsten Schmerzen verursachte. Man mußte das Geschwür öffnen, und erst da kam der Arzt auf den Gedanken, meine Zelle näher zu besichtigen. Sie war groß, aber dunkel, feucht, schmutzig und voll Schimmel und Staub. Nach der Besichtigung erklärte er, daß ich in eine andere Zelle überführt werden müsse.

Am 16. oder 18. September 1884 wurden mir die Anklageakten eingehändigt. Mit noch 13 Personen wurde ich vor das Militärgericht gestellt. Bald erschien auch der vom Gericht gestellte Verteidiger. Ich entschuldigte mich, daß ich von seinen Diensten keinen Gebrauch machen könne. Nachdem er mit mir allein geblieben war, flüsterte er mir zu: »Sudejkin ist tot. Degajew hat ihn getötet und ist entflohen.« Für einen Augenblick schwand die Dunkelheit, die auf meiner Seele gelastet hatte. Ein sonderbares Gefühl – konzentriert und höchst widerspruchsvoll, erfaßte mich. Blitzartig tauchte es auf und verschwand.

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