Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wera Figner >

Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 29
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
Schließen

Navigation:

Die letzten Versuche

Nachdem wir im Juni Gratschewski, Korba, Butzewitsch, Pribylew und andere in Petersburg verloren hatten; nachdem Iwanowskaja, die ich nach Witebsk geschickt hatte, um die dortige Druckerei nach dem Süden zu überführen, dort verhaftet worden war; nachdem Franscholi, der aus Saratow zu mir nach Charkow gekommen war, sich aus Gesundheitsrücksichten als untauglich für jede Arbeit erwiesen hatte, betrachtete ich Degajew und Spandoni als die einzigen Kandidaten, die für die Zentrale in Frage kamen. Ich weihte Degajew, wie schon früher Spandoni, in die ganze Lage ein und schlug ihm vor, mit uns beiden an der Spitze der Organisation zu arbeiten. Degajew hörte stillschweigend zu und willigte in den Vorschlag ein.

Aber weder Spandoni noch Degajew waren ihrer Aufgabe gewachsen. Sie hatten weder eine bestimmte Meinung über die vor uns stehenden Aufgaben, noch waren sie imstande, eigene Initiative zu entfalten. Sie ordneten sich mir völlig passiv unter und billigten ohne Widerspuch alle meine Vorschläge. Ich empfand das Unzureichende meiner Kräfte, und dieses Bewußtsein verursachte mir viel Qual. Das erste Komitee hatte soviel geleistet, nicht nur, weil ihm so hervorragende Menschen angehörten, sondern auch, weil diese Menschen eine glückliche Zusammenstellung der verschiedenartigsten, einander ergänzenden Typen bildeten. Neben dem Theoretiker Tichomirow standen der Praktiker Frolenko, der Agitator Scheljabow und die Organisatoren Kwatkowski und Alexander Michailow – so hatte sich ein harmonisches Ganzes ergeben. Der Niedergang des Vollzugskomitees begann mit der Verhaftung einzelner Komiteemitglieder, wodurch die Harmonie und das Gleichgewicht des Ganzen zerstört wurde.

Ich tat alles mögliche, um etwas Ähnliches wie die alte Zentrale zu schaffen. Vielleicht wählte ich meine Mitarbeiter unglücklich, aber ich konnte nur das Material verwenden, das mir zur Verfügung stand. Blickt man heute auf die achtziger Jahre zurück, so stellt man fest, daß einzelne Persönlichkeiten und Gruppen immer wieder dieselben fruchtlosen Versuche unternahmen, das wieder ins Leben zu rufen, was tatsächlich nicht mehr lebensfähig war. Der »Volks-Wille« als Organisation hatte sich überlebt. In Rußland gab es zu jener Zeit nicht mehr so viele revolutionäre Kräfte, daß die Organisation trotz der Massenverhaftungen und des raffinierten Spionagedienstes das hätte leisten können, was sie in den Jahren 1879 bis 1881 geleistet hatte. Doch hatte der »Volks-Wille« das seinige getan. Er hatte Rußland, diesen passiven, unbeweglichen Koloß, erschüttert. Auch gingen seine Erfahrungen für die weitere Entwicklung nicht verloren; das Bewußtsein, die politische Freiheit sei unbedingt notwendig und infolgedessen der aktive Kampf unvermeidlich, blieb den folgenden Generationen eingeprägt, in allen späteren revolutionären Programmen tritt die politische Freiheit als Hauptforderung auf. In seinem Streben nach einer freien Gesellschaftsordnung war der »Volks-Wille« der Vortrupp der russischen Intelligenz. Dieser Vortrupp eilte zum mindesten um ein Vierteljahrhundert der Gesamtarmee voraus und blieb vereinsamt. Die »Narodnaja Wolja« glaubte, daß die Katastrophe des 1. März, die dem Zaren den Todesstoß versetzte, gleichzeitig die lebendigen Kräfte der mit ihrer ökonomischen Lage unzufriedenen Volksmassen entfesseln werde, daß die Massen sich in Bewegung setzen und den günstigen Moment benutzen würden, um ihre politischen Forderungen kundzugeben. Das Volk aber stand dem 1. März teilnahmslos gegenüber, und die Gesellschaft verharrte in Schweigen. So kam es, daß die »Narodnaja Wolja« keine Stützpunkte in der Gesellschaft und keine Basis im Volke fand, und die Versuche vergeblich blieben, die Organisation wieder aufzubauen, um den aktiven Kampf gegen die bestehende Ordnung fortzusetzen. Alle Bemühungen, etwas Dauerhaftes zu schaffen, blieben erfolglos, die neu auftauchenden Organisationen gingen zu Grunde, ehe noch der Augenblick zu aktivem Handeln gekommen war.

Die »Narodnaja Wolja« schien nach ihren ersten politischen Erfolgen vollständig isoliert zu sein, und das lag einesteils an dem niedrigen kulturellen Niveau des Bauerntums, das wiederum eine Folge der geringen wirtschaftlichen Entwicklung Rußlands überhaupt war, zum anderen Teil am Fehlen eines Industrieproletariats im westeuropäischen Sinne, an der Unmöglichkeit, das gedruckte und lebendige Wort an die Volksmassen zu richten. Man mußte erst das Fundament legen, eine neue Partei auf der Grundlage der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung Rußlands aufbauen. Das mußte das Werk der Zukunft sein. Eine neue Partei mußte entstehen – ihr Keim war der »Bund für die Befreiung der Arbeit«, der Kern der zukünftigen Sozialdemokratischen Partei, die sich aus der Arbeiterklasse aufzubauen begann. Aber, wie das immer so ist, konnte das Alte nicht plötzlich von der Schaubühne zurücktreten. Die Generation, die sich an der Bewegung der »Narodnaja Wolja« beteiligt hatte, die in der glänzenden Periode der Tätigkeit des Komitees erzogen und durch das Beispiel seines heldenmütigen Kampfes beseelt worden war, konnte unmöglich auf die Hoffnung verzichten, den Kampf in demselben Geist und in denselben Formen fortzuführen.

Nachdem ich Degajew und Spandoni die allgemeine Lage geschildert hatte und zwar: den vollständigen Zusammenbruch des Vollzugskomitees, das Einstellen seiner ganzen Verlagstätigkeit, die Stillegung seiner Druckereien, den Zusammenbruch seiner Finanzen, die Erschöpfung seiner lebendigen Kräfte in Odessa, Kiew, Charkow, Orel, Moskau und Saratow und den Abbruch der Beziehungen zu Petersburg, – schlug ich vor, vor allen Dingen an die Wiedererrichtung der Zentrale zu gehen; dann mußte die Presse neu ausgebaut werden, denn sie war und blieb der bedeutendste Exponent der Parteitätigkeit.

Laut meinem Vorschlag sollten wir die uns in der Zentrale fehlenden Kräfte den Militärorganisationen entnehmen. Zu diesem Zweck sollten die Betreffenden den Militärdienst aufgeben, aus der Militärorganisation als aktive Mitglieder austreten und sich vollauf der Tätigkeit im Zentrum widmen. Geeignete Kräfte außerhalb der Militärorganisation sah ich nicht, während die allgemeine Parteilage nicht annehmen ließ, daß diese Organisation in der nächsten Zukunft für ihre eigenen Zwecke nötig sein würde. Wenn schon im Januar-Februar 1881 das Vollzugskomitee zu der Einsicht gelangt war, daß es an organisierten Kräften für einen Versuch zum militärischen Aufstand fehlte, so konnte davon um so weniger im Jahre 1882, nach so vielen Verlusten, die Rede sein. Die Mitglieder der Militärorganisation waren der Partei gegenüber verpflichtet, auf ihre Aufforderung hin zur Waffe zu greifen. Da in nächster Zukunft eine solche Aufforderung nicht zu erwarten war, so verlor auch die in Frage kommende Verpflichtung der Mitglieder der Militärorganisation jeden reellen Sinn und setzte trotzdem die Betreffenden nutzlos einem äußerst schweren Risiko aus. Unter diesen Umständen hielt ich es für das Zweckmäßigste, fünf der besten Offiziere aus der Militärorganisation abzuberufen, um sie in der Zentrale zu verwenden. Ich wußte, daß die Militärgruppen in Odessa und Nikolajew ihre Existenz kaum fristen konnten und daß in der Petersburger Gruppe ähnliches vorging. Ich schlug vor, daß Degajew beauftragt werde, die Gruppen in Petersburg, Odessa und Nikolajew in dieser Angelegenheit zu besuchen; er sollte sich dann mit seiner Frau in Odessa als Inhaber der Geheimdruckerei niederlassen, die ich in der Zwischenzeit einrichten wollte.

Wir handelten diesen Beschlüssen entsprechend. Aber das Glück war uns nicht günstig. Pochitonow, der im Poltawaer Gouvernement diente, konnte sich nicht zu dem von ihm verlangten Schritt entschließen, weil er krank war; die Ärzte meinten, daß er im Falle einer Verhaftung Gefahr laufe, geisteskrank zu werden. Er wurde trotzdem bald darauf verhaftet. Während seiner Haft in der Schlüsselburg ist er tatsächlich wahnsinnig geworden. (Er starb 1896 in einer Petersburger Irrenanstalt.) Rogatschew dagegen hatte sich nach längerer Unterredung mit mir einverstanden erklärt, den Militärdienst aufzugeben und sich ausschließlich der revolutionären Tätigkeit zu widmen. In Odessa hatte Degajew zwar die Einwilligung Aschenbrenners, aber die Absage Kraiskis bekommen. Die Antwort Sawalischins aus Petersburg, wo Degajew – ganz wie ich vorausgesehen – die Militärorganisation sehr träge vorgefunden hatte, war unbestimmt.

 

Am 15. Oktober – Degajew war noch auf Reisen – suchte mich in Charkow Michajlowski Berühmter russischer Schriftsteller. auf. Der Zweck seines Besuches war folgender: ein Bekannter von ihm, ein Schriftsteller, hatte ihn im Auftrag einer hochstehenden Persönlichkeit (des Grafen Worontzow-Daschkow) gebeten, als Mittelsmann zwischen der Regierung und der »Narodnaja Wolja« zu sondieren, ob die Partei nicht geneigt wäre, mit der Regierung einen Waffenstillstand zu schließen. Die Regierung wäre des Kampfes müde und wollte Frieden haben. Sie wäre sich darüber klar, daß eine Erweiterung des Rahmens der gesellschaftlichen Freiheit notwendig sei, und wäre bereit, den Weg der Reformen einzuschlagen. Sie hielte es aber für unmöglich, Zugeständnisse unter dem Druck des Terrors zu machen. Der Terror allein verhinderte die Verwirklichung der Reformen. Sobald der »Volks-Wille« sich entschließen würde, seine terroristische Tätigkeit aufzugeben, sollten Reformen eingeleitet werden. In diesem Falle wäre die Regierung bereit, anläßlich der Krönung ein Manifest zu erlassen mit der Erklärung voller politischer Amnestie, der Pressefreiheit, der Freiheit friedlicher sozialistischer Propaganda. Um ihren aufrichtigen Willen zu beweisen, wäre sie geneigt, einen der Narodowoltzy – z. B. Issajew – freizulassen.

Ich war der Meinung, daß dieser Vorschlag nur eine Wiederholung jener Komödie sei, die der zarische Staatsanwalt Dobrschinski gegenüber Goldenberg mit Erfolg aufgeführt hatte. Auch er hatte Goldenberg versichert, daß allein der Terror die Regierung daran hindere, den Weg der Reformen einzuschlagen, und ihn beschworen, der Regierung im Interesse der Freiheit im Kampf gegen ihre politischen Feinde behilflich zu sein. Goldenberg hatte sich betören lassen; doch als er eingesehen hatte, wie er betrogen worden war, erhängte er sich in der Peter-Paulsfestung (im Sommer 1880). Ich persönlich war überzeugt, daß Michajlowskis Mission keinen anderen Zweck verfolge, als entweder der Regierung einen ungestörten Verlauf der Krönung zu sichern, oder Anhaltspunkte zu finden, um die Organisation des »Volks-Willens« auszuspionieren. Als ich Michajlowski darauf hinwies, wie wenig ernst die Angebote der Regierung seien, wie gefährlich es wäre, mit ihr in Verbindung zu treten, stellte er mir die Frage: »Ist die Partei imstande, gegenwärtig irgendwelche terroristischen Akte zu unternehmen?« Ich sah mich gezwungen, das zu verneinen. Da sagte mir Michajlowski: »In diesem Falle habt ihr nichts zu verlieren, könnt aber immerhin manches gewinnen!«

Wir einigten uns dahin, daß ich kategorisch ablehnte, mich in Rußland in irgendwelche Verhandlungen in der fraglichen Angelegenheit einzulassen, und daß Michajlowski seiner Mittelsperson erklären sollte, er habe kein Mitglied des Vollzugskomitees in Rußland ausfindig machen können, da sich alle im Auslande befänden. Ich wollte gleichzeitig Tichomirow und Oschanina von der ganzen Angelegenheit unterrichten und ihnen anheimstellen, gegebenenfalls nach ihrem Gutdünken zu handeln, wobei keinerlei von ihnen übernommene Verpflichtungen uns in Rußland binden sollten.

Degajew und Spandoni hatten nach ihrem Eintreffen meine Entscheidung vollauf gebilligt, und wir schickten eine Genossin nach Paris zu Tichomirow, die wir zu diesem Zweck aus Odessa kommen ließen.

Wir begannen nun mit der Einrichtung der Parteidruckerei. Wir konnten auf die literarische Mitarbeit Michajlowskis, der sie mir während seines Besuches in Charkow zugesagt hatte, und Lessewitschs, den ich einigemal in Poltawa besucht hatte, rechnen. Surowzew holte in Moskau das typographische Material und ließ es nach Odessa schicken. Als Hilfe für Degajew und seine Frau, in deren Wohnung die Druckerei eingerichtet werden sollte, hatte ich eine sehr passende Genossin, die Schwester eines zu Zuchthaus verurteilten Revolutionärs, Marie Kaluschnaja, ausfindig gemacht. Mitte November 1882 begaben sich zuerst Degajews nach Odessa, dann folgten ihnen Surowzew und Kaluschnaja. Spandoni sollte als Verbindungsmann zwischen der Druckerei und der Außenwelt tätig sein; seine Aufgabe war, der Druckerei Manuskripte zuzustellen und gedruckte Schriften abzuholen.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.