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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 28
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Auf der Suche nach einer neuen Zentrale

In Charkow fand ich eine kleine Ortsgruppe, die aus tüchtigen und energischen Kampfgenossen bestand. Die Hauptform – ja, die einzige Form der Tätigkeit der Gruppe war die Propaganda unter den Arbeitern. Charkow war in jener Zeit noch eine unbedeutende Provinzstadt, weder als Industrie- noch als kulturelles und Bildungszentrum hervorragend. In der Universität war keine Opposition vorhanden, wie in Petersburg, Moskau und Kiew. Das kleine tierärztliche Institut stand bei den Revolutionären in besserem Ruf als die Universität. Fügen wir noch die Schule für Medizinerinnen hinzu, so war mit diesen drei Anstalten der Betätigungskreis der revolutionären Partei in den Schulen erschöpft.

Die Charkower Gruppe hatte wenig Fühlung mit der Intelligenz und der Studentenschaft, und ihre wenigen Anhänger unter den Studenten stellten kein besonders wertvolles Material dar. Der Wirkungskreis der Gruppe erstreckte sich außer auf Charkow noch auf einige Städte der nächsten Umgebung (Poltawa, Rostow a. Don, Jelisawetgrad usw.). Die Gruppe verfügte über sehr geringe Geldmittel, sodaß der Besuch der umliegenden Städte mit den größten Schwierigkeiten verbunden war.

Im Juni erfuhr ich, daß in Petersburg die Komiteemitglieder A. Korba, Gratschewski und mit ihnen zusammen der Leutnant A. R. Butzewitsch, der damals in Petersburg eine sehr rege Aktivität entfaltete, verhaftet worden waren; auch die Dynamitwerkstätte war ausgehoben worden, und gleichzeitig wurden einige Personen verhaftet. Das versetzte dem Vollzugskomitee den Todesstoß. Da Oschanina und Tichomirow ins Ausland abgereist waren, so war ich der einzige und letzte Vertreter des Komitees in Rußland.

Meine Tätigkeit konzentrierte ich nun darauf, die Kräfte, die uns geblieben waren, zu sammeln, um an Stelle der zerstörten Zentrale eine neue zu schaffen. Die Lage war katastrophal. In Petersburg und Moskau war die Organisation gänzlich zerstört, die Verbindungen mit diesen Städten waren ganz abgebrochen. In Odessa war nach der Strelnikow-Periode und dank der Verräterei Merkulows nichts von der Organisation übrig geblieben. Die Führer der Kiewer und Charkower Organisation hatten noch wenig Erfahrung in der Arbeit.

Mit G. Tschernjawskaja und Surowzew, den letzten Mitgliedern der Moskauer Organisation, die vor deren Liquidierung zu flüchten vermochten (die dritte Genossin, die mit ihnen arbeitete, P. Iwanowskaja, kam zu mir nach Charkow), und mit Sergej Degajew vereinbarte ich, daß wir alle in Charkow uns versammeln sollten, um den weiteren Plan unserer Tätigkeit auszuarbeiten. In der Zwischenzeit ging ich nach Kiew, um die dortige Gruppe kennenzulernen. Sie beschäftigte sich mit Propaganda unter den Arbeitern, der Jugend und anderen Elementen der Gesellschaft, sowohl in Kiew selbst als auch in den nächsten Ortschaften und Städten. Ihrer quantitativen wie qualitativen Zusammensetzung nach war sie der Moskauer Gruppe fast ebenbürtig. Die Genossen, die ich in Kiew kennenlernte, machten auf mich einen ausgezeichneten Eindruck. Ich beschloß, Spandoni als den Erfahrensten zur Arbeit im Zentrum heranzuziehen. Er willigte ein und kam seitdem öfters nach Charkow, wo er sich vollständig der Organisation zur Verfügung stellte.

 

Weder nach der Petersburger noch nach der Moskauer Periode hatten wir irgendwelche Geldmittel übrig behalten, und so war für uns die Geldfrage die akuteste. Spandoni wußte einen Ausweg. In seiner Verbannungszeit hatte er Eugenie Subbotina (Mitangeklagte im Prozeß der 50) kennengelernt, die einst gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Schwestern ein großes Vermögen der revolutionären Tätigkeit geopfert hatte. Subbotina äußerte Spandoni gegenüber ihre Bereitschaft, die letzten ihr zur Verfügung stehenden 8000 Rubel dem gleichen Zweck zu opfern, bat sich nur von der revolutionären Partei aus, ihr eine Unterstützung von 25 Rubel monatlich nach ihrem Verbannungsort zu schicken. Das Geld wurde bei einer Verwandten der Subbotina, Wera Andrejewna Schatilowa, aufbewahrt, die einst auch der revolutionären Propaganda nahegestanden hatte, und die ich zufällig aus Moskau, noch vom Jahre 1876 her, kannte. Aber seit 1878, seitdem die Mutter Subbotina und ihre beiden Töchter in die Verbannung geschickt waren und die dritte Tochter Subbotina dort gestorben war, stand Schatilowa der revolutionären Tätigkeit fern.

Spandoni hatte Schatilowa den Entschluß Eugenie Subbotinas, das Geld der Partei zur Verfügung zu stellen, mitgeteilt. Ich sollte gleichzeitig nach Orel fahren, wo Schatilowa wohnte, um sie in dieser Angelegenheit persönlich zu sprechen und von ihr das Geld in Empfang zu nehmen. Auf dem Wege dorthin wollte ich einen Abstecher nach Woronesch machen, um dort Surowzew ausfindig zu machen und gleichzeitig jenen Gutsbesitzer zu besuchen, der einst Mitglied der Gruppe »Freiheit oder Tod« gewesen war und nach der Spaltung von »Land und Freiheit« unserer Partei 23 000 Rubel geopfert hatte. Trotzdem beide schon seit Jahren der revolutionären Bewegung fern standen, hoffte ich dennoch auf ihre Bereitwilligkeit, der Partei in dieser kritischen Lage zu helfen.

Es waren heiße Sommertage, als ich meine Reise antrat. Ich war sehr niedergeschlagen. Das Auffliegen der Petersburger Organisation, das der Moskauer Gruppe, von dem Iwanowskaja mir berichtet hatte, Mißerfolge, die ich bei Versuchen, Verbindungen mit dem Norden herzustellen, erlitten hatte – all das bedrückte mich. Während meines Aufenthaltes in Kiew beauftragte ich ein Mitglied der dortigen Organisation, Nikitina, nach Petersburg zu gehen, um sich dort über die Lage zu orientieren. Kaum war sie dort angekommen, als sie auch schon verhaftet wurde. Darauf schickte ich das beste Mitglied der Charkower Organisation, Komarnitzki, hin. Auch er verschwand spurlos. Aus dem Norden kamen furchtbare Gerüchte über die Tätigkeit Sudejkins. Dieser Gendarm stellte sich allen Verhafteten als Sozialist vor; er sagte, er sei Anhänger der friedlichen Propaganda und bekämpfe daher den Terror. Allen Verhafteten schlug er vor, in den Dienst der Polizei zu treten – wie er erklärte, sollte das geschehen, nicht um Genossen in die Hände der Regierung zu liefern, sondern ausschließlich, um sich über die Stimmung unter der Jugend und in der Partei zu informieren. Er bewertete die Dienste der Verräter nicht besonders hoch. Er machte seinen niederträchtigen Vorschlag auch Komarnitzki, den man beim ersten Blick als einen ernsten, klugen und ehrlichen Menschen erkennen konnte. Er bot ihm 25 Rubel monatlich.

In Orel wurde ich von Schatilowa sehr herzlich empfangen. Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und Sorgen, gemeinsame Freunde und Sympathien verbanden uns. Der herzliche Empfang ließ mich hoffen, daß ich in der Angelegenheit, die mich zu Schatilowa führte, Erfolg haben werde. Aber es war mir unmöglich, mit Schatilowa über die Lage, in der sich die Partei in diesem Moment befand, zu sprechen und sie um Geld zu bitten. Stand ja doch Wera Andrejewna schon seit fünf Jahren der revolutionären Bewegung fern. Ich konnte keine Worte finden, um mit ihr über die Geldangelegenheit zu sprechen. Ich schrieb ihr einen Brief. Ich berief mich auf Spandoni, auf den Wunsch Subbotinas, ich bat, wenigstens einen Teil des Geldes herauszugeben, das Eugenie dem Genossen Spandoni versprochen hatte.

Die Antwort der Schatilowa war, es sei ihr unmöglich, meinen Wunsch zu erfüllen, sie müsse die schriftliche Anordnung Subbotinas abwarten.

Innerlich totwund reiste ich nach Woronesch.

Doch hatte ich auch dort keinen Erfolg. Der Gutsbesitzer, auf den ich meine Hoffnungen gesetzt hatte, lehnte unter vielen Ausflüchten ab, mir Geld für die Partei, die im Augenblick keinen Erfolg aufzuweisen hatte, zu geben. Surowzew traf ich malariakrank und in den schwersten Verhältnissen lebend an. Er hatte keine Wohnung und übernachtete auf freiem Felde. Wenn es nachts sehr kalt war, kroch er unter ein umgestülptes Boot. Der einzige lichte Eindruck, den ich aus Woronesch davontrug, war eine alte Frau, bei der ich untergebracht worden war. Sie war eine Hostienbäckerin, die außerhalb der Stadt in ihrem eigenen Häuschen wohnte. Sie begrüßte mich mit warmer Herzlichkeit. Ihr ganzes Gesicht strahlte. Als ich von ihr Abschied nahm, sagte sie mir, bei ihr hätte eine zeitlang Chalturin gewohnt. Sie wisse nicht, was wir tuen und warum die Regierung uns verfolge. Sie sei aber sicher, daß wir gute Menschen seien, und sie sei bereit, uns zu helfen, soweit sie nur könne.

Jahrelang blieb das geistige Bild dieser Frau in meiner Erinnerung. Nie hörte es auf, mir ein Trost und eine Freude in schweren Stunden zu sein.

Bald darauf kam Surowzew nach Charkow. Er brachte 600 Rubel mit. Das Geld war bei der alten Frau geliehen worden; es waren die Ersparnisse ihres ganzen Lebens, die zukünftige Mitgift ihrer Tochter. Ich war empört, daß Surowzew das Geld genommen hatte. Wir konnten verhaftet werden, ohne die Möglichkeit zu haben, das Geld zurückzugeben. Glücklicherweise erhielt Schatilowa bald die geforderte Bestätigung der Subbotina und schickte Spandoni das Geld. So konnten wir das geliehene Geld zurückerstatten.

 

Laut Vereinbarung kam Sergej Degajew mit seiner Frau im September aus dem Kaukasus nach Charkow. Bald nach seiner Ankunft erhielten wir von dort die Nachricht über das Auffliegen des von A. P. Korba im Herbst 1881 organisierten Offizierzirkels ...

Ich hatte Degajew und seine Familie im Herbst 1880 in Petersburg kennengelernt. Meine Komiteekollegen stellten ihn als einen sehr fähigen und klugen Menschen hin, der der Partei sehr ergeben sei. Ich war mit diesem Urteil nicht einverstanden, sondern war der Meinung, daß er nichts Individuelles, Eigenes, Festes in sich hatte. Er schien mir vom ersten Augenblick an weich und nachgiebig. Vor den Mitgliedern des Komitees, mit denen er zu tun hatte, verbeugte er sich auf eine kriecherische und abgeschmackte Weise. Dank seinem nachgiebigen Charakter stand Degajew in guten Beziehungen zu allen. Wir schätzten ihn, weil er für uns wichtige Verbindungen zu unterhalten wußte. So organisierte er z. B. im Institut der Verkehrswege einen Zirkel, dem auch Kunitzki, ein hervorragendes Mitglied der polnischen revolutionären Partei »Proletariat«, später angehörte. Auch war Degajew ein nützlicher Vermittler zwischen dem Komitee und den Militärgruppen in Petersburg und Kronstadt. Von Korba erfuhr ich dagegen über Degajew etwas, was nicht besonders geeignet war, ihn in unseren Augen zu heben. Zweimal kam er nämlich mit ihr auf die Frage seiner Aufnahme in das Vollzugskomitee zu sprechen. So etwas kam unter uns Revolutionären nur sehr selten vor und galt nicht gerade als ein Sympathie verdienender Zug. Ich persönlich bemerkte keinen kleinlichen Ehrgeiz an Degajew.

Nach seiner Ankunft in Charkow erzählte mir Degajew, wie er jene anderthalb Jahre verbracht hatte, während deren ich ihn nicht gesehen hatte. Nach dem 1. März war er unter Anklage der Beteiligung an dem Attentat in der Kleinen Sadowaja verhaftet worden. Es sei ihm aber trotzdem gelungen, den Krallen der Zarenjustiz zu entgehen. Ich war über dieses Glück nicht wenig erstaunt. Der Einzige, der ihn damals verraten konnte, war der Verräter Merkulow; es war aber keine leichte Sache, sich von den Anzeigen dieses Schurken weißzuwaschen! Später erst stellte ich fest, daß mir Degajew einen sehr wichtigen Vorgang aus jener Periode seines Lebens ganz verschwiegen hatte. Sergej Degajews Bruder Wolodja war nämlich mit Slatopolskis und Sergej Degajews Genehmigung in den Dienst Sudejkins getreten. Er sollte Sudejkin irreführen; ohne ihm tatsächlich irgendwelches Material über die Tätigkeit der Revolutionäre zu liefern, hatte er vielmehr die Aufgabe, der Partei über die Tätigkeit Sudejkins zu berichten. Im Frühjahr 1882 war Sudejkin zu der Überzeugung gekommen, daß Wolodja Degajew für ihn wertlos sei, und verzichtete auf seine Dienste. Daraufhin dachte man in Petersburg etwas Neues aus, um die Verbindungen mit Sudejkin aufrechterhalten zu können: Wolodja Degajew ließ Sudejkin wissen, daß sein Bruder Sergej Verdienstgelegenheit suche und bereit sein würde, Zeichenarbeiten bei ihm zu übernehmen. Sudejkin willigte ein und gab Degajew die in Frage kommende Arbeit. Degajew sah Sudejkin einige Male, führte mit ihm (laut seiner Berichterstattung an Gratschewski) rein geschäftliche Gespräche und verreiste bald darauf nach dem Kaukasus, ohne das für Gratschewski nötige Material beschafft zu haben.

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