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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 26
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Das Parteizentrum wird nach Moskau verlegt

Ende Oktober bekam ich vom Komitee die Aufforderung, nach Moskau zu kommen. Seit ich Petersburg verlassen hatte, war ein halbes Jahr vergangen. Ich hatte keine Ahnung, wie es um die Zentrale, die mittlerweile nach Moskau verlegt worden war, stehe. Leicht begreiflich, mit welcher Ungeduld ich das Wiedersehen mit jenen Genossen herbeiwünschte, die der Verhaftung in Petersburg entgangen waren. Es waren: Jury Bogdanowitsch, Korba, Gratschewski, Iwanowskaja und andere, die ich nach den Ereignissen, die uns in alle Richtungen versprengt hatten, dort zu treffen hoffte.

Odessa war von den Erschütterungen der Märztage fast verschont geblieben, alles war seinen regelmäßigen Gang weiter gegangen; daher trafen mich die Veränderungen, die mich in Moskau erwarteten, vollkommen unvorbereitet. Voll Schmerz sah ich die ganze Bedeutung der Verluste, die das Vollzugskomitee kurz vor dem 1. März und insbesondere nach dem 1. März erlitten hatte.

Der Sitz des Komitees war nur deshalb von Petersburg nach Moskau verlegt worden, weil es sich als absolut notwendig erwiesen hatte; diejenigen Mitglieder, die noch nicht in die Hände der Polizei geraten waren, konnten nach den Verhaftungen im März und April nicht länger in Petersburg bleiben. Ein längeres Dableiben hätte geheißen, sein Schicksal selbst zu besiegeln. Denn es war klar, daß irgend jemand, der die Organisationsmitglieder persönlich kannte, sie auf der Straße der Polizei verriet.

Jede Verlegung des Zentrums einer revolutionären Partei aus der Hauptstadt in die Provinz muß naturgemäß die Partei schädigen. Wenn wir die revolutionäre Bewegung der 70er Jahre beobachten, so können wir feststellen, daß Petersburg immer der Herd der Bewegung war. Als Zentrum des Staatslebens und aller intellektuellen Kräfte des Landes war es der Ort, wo sich alle oppositionellen Elemente konzentrierten. Die Provinz bekam ihre Anweisungen von hier aus; hier wurden die Losungen des allgemeinen Kampfes formuliert, von hier aus kam die moralische Unterstützung, von hier aus spann die Organisation ihre Fäden. Alle wichtigeren politischen Prozesse, die eine ungeheure agitatorische Bedeutung hatten, fanden hier statt, hier weckten alle revolutionären Akte ihren stärksten Widerhall, hier konzentrierten sich die bedeutendsten literarischen Kräfte Rußlands, besonders jener Teil von ihnen, der mit den revolutionären Strömungen sympathisierte. Die revolutionären Organe wurden nur in Petersburg herausgegeben und von dort aus über ganz Rußland verbreitet.

Die Arbeiterbevölkerung Petersburgs war für die Aufnahme der Ideen des Sozialismus und der Revolution am weitesten vorbereitet. In den Petersburger Fabriken war die Propaganda von jeher systematischer und in breiterem Umfange geführt worden als in irgendeinem anderen Industriezentrum.

Die studierende Jugend Petersburgs war der Vortrupp der gesamten studierenden Jugend Rußlands: bei den Studentenunruhen in den höheren Lehranstalten war es immer Petersburg, das das Signal gab und an der Spitze einer jeden Bewegung schritt. Seit den 70er Jahren war Petersburg nie ohne revolutionäre Organisation gewesen. Petersburg verlassen, das revolutionäre Zentrum in eine andere Stadt verlegen, hieß den Boden unter den Füßen verlieren, aus dem bisher jede revolutionäre Organisation entstanden und gewachsen war. Ein solcher Beschluß kam beinahe einer Auswanderung gleich und bedrohte die Zukunft der Bewegung mit den schlimmsten Folgen.

Moskau, wohin das Vollzugskomitee verlegt worden war, war eine Stadt ohne revolutionäre Tradition. Jede revolutionäre Organisation, die dort entstand, wurde gewöhnlich nach kurzer Zeit durch Verhaftungen zerstört, ohne daß eine andere Organisation die Arbeit der vorhergegangenen unmittelbar fortgesetzt hätte. Im Jahre 1874 gingen dort die Dolguschinzy zu Grunde und vor ihnen die Netschajewzy. Auch die Gruppe der Tschaikowzy in Moskau war keine selbständige, dem Boden Moskaus entwachsene Organisation, sie bestand aus einzelnen zugereisten Petersburgern; zahlenmäßig war sie gering, und sie trug nichts Neues in die Bewegung hinein. In den Jahren 1874-1875 arbeiteten in Moskau alle jene, die später im Prozeß der 50 verurteilt wurden. Es waren keine festgewurzelten Moskauer, diese Züricher Studentinnen und Kaukasier, und obgleich sie in den Fabriken weitverzweigte Verbindungen anknüpften, konnten sie in Moskau keine tiefen Wurzeln schlagen. Menschen, die ihre Arbeit hätten fortsetzen können, hinterließen sie nicht. Auch der Verband »Land und Freiheit« hatte in Moskau keine organisierte Gruppe.

Der »Volks-Wille« wollte Moskau nicht außerhalb seines Einflusses lassen und hatte bald nach seiner Bildung zwei hervorragende Komiteemitglieder hingesandt: P. A. Telalow und M. N. Oschanina. Sie gründeten auch bald dank ihrer Energie eine lokale Gruppe, die sehr energisch unter den Arbeitern und der studierenden Jugend arbeitete.

Infolge der Verlegung des Zentrums nach Moskau sank Petersburg im revolutionären Sinne vollkommen zur Bedeutung einer Provinzstadt herab. Allerdings bestand dort noch eine lokale Gruppe.

 

Ungeheuer war die quantitative und qualitative Veränderung in der Zusammensetzung des Vollzugskomitees. Es wäre töricht gewesen, sich dieser Tatsache zu verschließen – das Komitee des Jahres 1879 existierte nicht mehr. Wir alle sahen es, aber sonderbarerweise sprach niemand darüber. Wir versammelten uns, berieten die verschiedensten Fragen und gingen wieder auseinander, als sähen wir unsere verzweifelte Situation nicht. Von den früheren 28 Mitgliedern, die die Gründer des »Volks-Willens« und Mitglieder des Vollzugskomitees gewesen waren, waren nur 8 in Freiheit geblieben: drei Frauen – Korba, Oschanina (sehr krank) und ich, und fünf Männer: 1. Gratschewski, ein sehr energischer und der revolutionären Sache fanatisch ergebener Mensch, der als erfahrener Praktiker in der früheren Periode nur die technische Seite der Arbeiten geleitet hatte, ohne an den organisatorischen teilzunehmen. 2. Telalow, ein hervorragender Propagandist und Agitator und Gründer der Moskauer Gruppe, der früher infolge seines Aufenthalts in Moskau an der Tätigkeit des Komitees in Petersburg nicht hatte teilnehmen können. 3. Juri N. Bogdanowitsch, Anfang der 70er Jahre Propagandist auf dem Lande, früher zu den »Tschaikowzy« gehörend. Er war ein sehr tüchtiger und tapferer Kamerad, aber im Umgang mit den Menschen sehr weich. 4. Saweli Slatopolski, der auf die Empfehlung Frolenkos und Kolodkewitschs ins Komitee aufgenommen worden war; weich und gütig, wie er war, gehörte er nicht zu jenen, die sich Ansehen und Einfluß zu verschaffen verstehen. 5. Lew Tichomirow, unser ideologischer Wortführer, Theoretiker und Schriftsteller, zeigte schon im Jahre 1881 verschiedene Eigenheiten. Schon damals trug er wahrscheinlich den Keim zu jenem psychologischen Umschwung in sich, der ihn später zur vollkommenen Verleugnung seiner revolutionären Anschauungen bewogen hat. Aus dem Revolutionär und Republikaner wurde ein Monarchist, aus dem Atheisten ein Frömmler, aus dem Sozialisten ein Anhänger Katkows und Gringmuts Zwei reaktionäre Schriftsteller. Schon in Petersburg hatte er uns durch sein Benehmen in Erstaunen gesetzt. So z. B. erschien er nach dem 1. März plötzlich mit der Trauerbinde am Arm, wie die Militär- und Zivilbeamten sie nach dem Tod Alexanders II. trugen. Ein anderes Mal erzählte er uns, daß er in der Kirche dem neuen Kaiser den Eid geleistet hätte. Wir konnten uns diese Komödie nicht erklären, doch Tichomirow erklärte, sie sei notwendig, da sie ihn in den Augen des Portiers legalisiere. Es schien, als sei er vom Verfolgungswahn ergriffen. Als er in Moskau ein möbliertes Zimmer bewohnte, war er fest überzeugt, daß seine Zimmernachbarn Löcher in die Wand gemacht hätten, um die Gespräche in seiner Wohnung zu belauschen. Er gab sofort diese Wohnung auf, begab sich ins Troitzki-Sergewski-Kloster und ließ sich dort anmelden, um dadurch seine politische Verläßlichkeit zu beweisen und seinen Aufenthalt in Moskau zu legalisieren. Nie hat jemand von uns Illegalen zu solchen Tricks gegriffen, weder vor noch nach ihm.

Aus dem Vorhergesagten geht klar hervor, was vom Komitee übriggeblieben war. Die Grundpfeiler unserer Organisation, die Initiatoren und Schöpfer des »Volks-Willens«, waren nicht mehr unter uns – sie waren von der revolutionären Bühne abgetreten, waren zum Teil hingerichtet worden, und die noch Lebenden, die sich in Haft befanden, erwartete ein hartes Urteil. Es war nur noch eine Wüste, es fehlte ebenso an geistigen politischen Arbeitern wie an technischen. Noch im Jahre 1879 konzentrierte das Vollzugskomitee alle revolutionären Kräfte in sich, es hatte alle diese Kräfte in den politischen Kampf gerissen, Ungeheures geleistet, aber gleichzeitig seinen ganzen Vorrat an Kräften verschwendet. Jetzt, im Jahre 1881, blieb nur noch eine kleine Gruppe übrig –, jene, die die Verteidiger in meinem Prozeß 1884 als »Schüler« charakterisiert haben.

In ihrer neuen Zusammensetzung konnte die Zentrale des »Volks-Willens« unmöglich die frühere Rolle spielen. Mit dem Verlust seiner hervorragendsten Mitglieder hatte das Komitee seine Kampffähigkeit eingebüßt. Uns blieb nur die propagandistische und organisatorische Arbeit übrig; es war notwendig, unsere noch gebliebenen Kräfte zu sammeln. Die Arbeitsbedingungen waren sehr schwierig geworden. Die Spionage entwickelte sich bis zur Vollendung, Spezialisten und Meister auf dem Gebiete des politischen Polizeidienstes, der Spionage und Provokation, wie Sudejkin, standen der Regierung zur Verfügung, so daß die Anforderungen an die persönlichen Eigenschaften der Berufsrevolutionäre im Verhältnis zu jenen der 70er Jahre gesteigert werden mußten. Wir konnten nur reife Persönlichkeiten brauchen. Aber sie waren so selten. Mittelmäßige Parteiarbeiter für die Provinz waren genügend da, aber entsprechende Kandidaten für die Zentrale, an die wir ganz andere Anforderungen stellen mußten, waren nicht zu finden.

 

Aufs tiefste aufgewühlt durch die Ermordung Alexanders II. erwartete ein bedeutender Teil der Bevölkerung nach dem 1. März neue große Erschütterungen. Die öffentliche Meinung hatte, geblendet durch die Tätigkeit des Komitees, Illusionen in bezug auf die Kräfte, die hinter dem Komitee standen: hatte ja doch das Vollzugskomitee selbst wiederholt in seinen Veröffentlichungen erklärt, daß es den Zarenmord systematisch betreiben und die Waffen nicht eher niederlegen werde, als bis das Selbstherrschertum kapitulierte und freie Institutionen an die Stelle des Zarenregiments träten.

In der Tat, als zwei Tage nach dem 1. März die Wohnung Sablins und Hesja Helfmans entdeckt worden war, und Sablin sich das Leben genommen hatte, schlug ich in der Sitzung des Komitees vor, das Käsegeschäft in der Kleinen Sadowaja nicht zu liquidieren, wie die Mehrheit des Komitees es wollte, sondern es noch einige Tage zu behalten, um von dem Laden aus ein neues Attentat gegen Alexander III. vorzubereiten. Bei der Besprechung der Vorgänge vom 2. und 3. März war es uns klar geworden, daß der neue Zar mit seiner Frau am Laden hätte vorbeifahren können. Dies erwägend, war ich der Ansicht, daß wir den Laden noch einige Zeit behalten sollten, um, falls der Zar vorbeifahren sollte, die Mine zu sprengen, die für seinen Vater bestimmt gewesen war. Ich wies darauf hin, daß das Risiko, das die Beteiligten dabei trugen, der Sache wert sei, daß das Vollzugskomitee das Recht habe, dieses Risiko auf sich zu nehmen ... Alle übrigen Komiteemitglieder waren gegen mich. Ich konnte meinen Unmut nicht beherrschen und rief: »Das ist Feigheit!« Tichomirow und Langhans erwiderten voll Entrüstung: »Sie haben kein Recht, so zu sprechen!« Die übrigen schwiegen, es blieb dabei, daß Jakimova und Bogdanowitsch sofort den Laden verlassen sollten.

So geschah es, und als am 4. März der Portier bemerkt hatte, daß der Laden nicht geöffnet wurde, die Inhaber kein Lebenszeichen von sich gaben, benachrichtigte er die Polizei, die gleich darauf erschien. Sie fand eine Handvoll Kupfermünzen mit einem Zettel vor, auf dem die Mieterin bat, mit dem Geld den Schlächter zu zahlen, bei dem sie für ihre Katze Fleischabfälle gekauft habe ...

Darauf setzte im öffentlichen Leben Grabesruhe ein. Wir waren zu geschwächt, sie zu stören, die öffentliche Meinung aber glaubte in ihr die Stille vor dem Sturm zu sehen. Auch die Regierung teilte diese Meinung und erwartete neue tragische Ereignisse. Diese gespannte Erwartung war ein charakteristisches Merkmal der öffentlichen Stimmung jener Zeit. Alle Unternehmungen des Komitees in der vergangenen Periode waren in tiefstes Geheimnis gehüllt gewesen: niemand ahnte, wann eigentlich und in welcher Form der Schlag fallen werde. Niemand wußte je, über welche Mittel und über welche technischen Möglichkeiten der »Volks-Wille« verfügte. Diese völlige Ungewißheit und die gleichzeitige Anerkennung des Vollzugskomitees als Vollstrecker von Rußlands Schicksal drückte, wenn auch in scherzhafter Form, in einer Unterredung mit mir nach den Ereignissen des 1. März Gleb Iwanowitsch Uspenski mit folgenden Worten aus: »Was wird Wera Nikolajewna jetzt mit uns vornehmen?« Unter Wera Nikolajewna verstand er selbstverständlich das Vollzugskomitee.

Nach einer kurzen Periode des Schwankens und Zögerns seitens der Regierung war es klar, daß vom neuen Zaren nichts zu erwarten war. Die reaktionäre Richtung in der inneren Politik äußerte sich vollkommen deutlich, das Manifest des 29. April erklärte die Grundsätze des Selbstherrschertums als unerschütterlich: die Verabschiedung Loris-Melikows, Miljutins und Abasas zeigte, daß die liberalen Gesten, irgendwie den Bedürfnissen nach Freiheit entgegenzukommen, vorbei waren, und alles den alten Gang gehen werde.

Aber wird die revolutionäre Partei, das Vollzugskomitee, zu all dem schweigen? Wird sie tatsächlich, nachdem ihre im Brief an Alexander III. formulierten Forderungen nicht erfüllt wurden, nichts unternehmen? Alle jene, die mit der alten Ordnung unzufrieden waren, glaubten nicht daran, wollten es jedenfalls nicht glauben. Das Benehmen der Regierung bestärkte sie darin: der neue Zar ließ sich nicht krönen, man sprach überhaupt nicht von der Krönung, und als einzige Erklärung dafür diente die Angst vor den Terroristen. Phantastische Gerüchte schwirrten im Publikum über die Absichten und Pläne des Vollzugskomitees. Man erzählte unter anderem, daß in Moskau schon Räume gemietet wären, von wo aus der Krönungszug in die Luft gesprengt werden sollte, und daß man Dachböden gemietet hätte, von wo aus Bomben geworfen werden sollten. Die Kunde ging von Mund zu Mund, daß der Käsehändler Kobosew (d. h. Bogdanowitsch in eigener Person) mit terroristischen Absichten die Organisierung der Illumination der Stadt während der Festtage übernommen habe. Es hieß, er beschäftigte sich nach wie vor mit dem Käsehandel, kaufe Käse in der Provinz ein, fülle ihn mit Dynamit und bringe ihn nach Moskau, usw. In den ersten Tagen nach dem 1. März war es Perowskaja, die, vom soeben Durchlebten in einem fieberhaft erregten Zustande, schon an einen Anschlag auf den neuen Zaren dachte. Sie knüpfte Beziehungen zu verschiedenen Schneiderinnen, Wäscherinnen an, die für das Hofpersonal arbeiteten, und suchte auf alle mögliche Weise mit jenen Personen bekannt zu werden, die Zutritt zur kaiserlichen Familie hatten. Persönlich überwachte sie die Ausfahrten des Kaisers aus dem Anitschkow-Palais, bis sie endlich in der Nähe des Palais verhaftet wurde. Mit ihrer Verhaftung und der Verlegung des Komiteesitzes nach Moskau wurden diese fieberhaften Versuche eingestellt. Wir wußten genau, daß der Zar sich in Gatschina eingeschlossen hielt und dort wie ein Gefangener lebte, zu dem der Zutritt unmöglich war. Das Komitee unternahm nichts, und es wurden keine terroristischen Projekte, die während der Krönung ausgeführt werden sollten, erörtert. Ja, die Frage des Zarenmordes wurde nicht einmal aufgeworfen. Jedenfalls wurde während meines Aufenthaltes in Moskau bei den Beratungen überhaupt nicht darüber gesprochen, so unmöglich war ein ähnliches Unternehmen bei den Kräften, über die wir damals verfügten.

 

An Stelle jener, die unseren Reihen entrissen worden waren, fand ich als neue Mitglieder: Martynow, Lebedew und Romanenko. Als vierter ist noch Stefanowitsch zu nennen, der ebenso wie die alten Komiteemitglieder Telalow und Saweli Slatopolski in Petersburg tätig war.

Martynow und Lebedew waren von Beruf Ärzte und gehörten der lokalen Gruppe an, die von Telalow und Oschanina gegründet worden war. Oschanina sprach mir viel von Martynow als einem äußerst interessanten, klugen, originellen Menschen und einem wunderbaren Improvisator im Erzählen. Er war ihrer Ansicht nach unter den Moskauern der Begabteste. Bei meinen persönlichen Begegnungen mit ihm und Lebedew machten mir beide keinen besonderen Eindruck. Ihre Bedeutung im Komitee war nicht groß, schon weil sie nur kurze Zeit als Mitglieder darin tätig waren. Martynow, der zur Arbeit nach Petersburg geschickt worden war, wurde schon im Januar 1882 verhaftet; kurz vorher, Mitte Dezember 1881, war Telalow verhaftet worden. Das Polizeidepartement hatte jedoch keine Ahnung, daß Martynow unserer Zentrale nahe gestanden hatte, und so kam er mit administrativer Verbannung davon. Sein Schicksal teilte Lebedew, der im Februar 1882 verhaftet wurde. Zwanzig Jahre später beteiligte sich Martynow, in einem anderen Prozeß nach Archangelsk verbannt, an einer wissenschaftlichen Expedition und wurde für seine Arbeit von der Akademie der Wissenschaften mit der goldenen Medaille ausgezeichnet.

Gerasim Romanenko kannte ich noch aus Odessa. Er war ein kluger, gebildeter Mensch, von Beruf Jurist. Er hatte eine elegante Gestalt und ein feines, durchgeistigtes Gesicht, das schon das Gepräge eines Lungenleidens trug. Sein bezauberndes Wesen nahmen mich und Kolodkewitsch sehr für ihn ein. Ich sah ihn oft, und wir entschieden über alle Angelegenheiten gemeinsam.

Nach Goldenbergs Verhaftung in Jelisawetgrad reiste Romanenko ins Ausland. In der Schweiz traf er Morosow und schrieb gemeinsam mit ihm eine Broschüre über den terroristischen Kampf, die Romanenko unter dem Pseudonym Tarnowski herausgab. Sie führten dort aus, daß, wenn das Volk sich passiv verhalte und zur Revolution nicht reif sei, die revolutionäre Intelligenz dazu berufen sei, vermittels des systematischen politischen Terrors Revolution zu machen und dieser Aufgabe alle Kräfte zu widmen.

Als die Broschüre nach Rußland gelangte, hatte das Komitee die Absicht, eine Erwiderung darauf in dem Organ des »Volks-Willens« zu veröffentlichen. Der »Volks-Wille« hat seine Aufgabe nie so eng aufgefaßt, wie es in der Broschüre geschah. Der »Volks-Wille« glaubte an das Volk und sah in ihm seinen Stützpunkt. In der Broschüre Morosows und Romanenkos war dagegen der Schwerpunkt der ganzen Bewegung in die Intelligenz verlegt, sie wurde dort zur einzigen Trägerin der revolutionären Idee gemacht, die fähig wäre, auch ohne das Volk die Freiheit zu erobern. Den Gedanken, eine Polemik gegen die Ausführungen der Broschüre Tarnowskis zu eröffnen, hat das Vollzugskomitee dann später aufgegeben. Romanenkos Tätigkeit hat in späteren Jahren ein klägliches Ende gefunden: er betätigte sich Anfang des XX. Jahrhunderts an der Seite des berüchtigten Pogromhetzers Kruschewan.

Weder Romanenko noch Stefanowitsch hatten nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande Zeit gefunden, ihre Tätigkeit als Mitglieder des »Volks-Willens« zu entwickeln. Stefanowitsch, der in Petersburg lebte, wurde am 6. Februar 1882 verhaftet, und Romanenko fiel noch früher in die Hände der Gendarmen. Er wurde in Moskau bei Olga Ljubatowitsch am 6. November 1881 verhaftet.

Olga Ljubatowitsch war Mitglied des Komitees schon seit dem Jahre 1879 bald nach der Gründung des »Volks-Willens«. Ich kannte sie noch aus Zürich als einen lebhaften, energischen und sehr begabten Menschen.

Das Polizeidepartement ahnte bei Romanenko ebensowenig wie bei Martynow und Lebedew, wie nahe sie dem Vollzugskomitee standen. Romanenko wurde mit Rücksicht auf sein Lungenleiden nicht nach Sibirien, sondern nach Taschkent verbannt. Olga Ljubatowitsch wurde abermals nach Sibirien verschickt.

Telalow und Stefanowitsch wurden dem Prozeß der 17 angeschlossen und im Jahre 1883 zu Zwangsarbeit verurteilt. Stefanowitsch wurde in die Kara-Bergwerke geschickt, Telalow im Alexej-Vorwerk eingeschlossen, wo er an Unterernährung starb.

 

Die Moskauer Organisation war zweifellos eine der besten Ortsgruppen des »Volks-Willens«; sie war umfangreicher und aktiver als alle anderen. Sie befaßte sich mit Propaganda in den verschiedensten Kreisen der Intelligenz; für ihre Arbeit in den Fabriken verfügte sie über eine sogenannte »Arbeiter«-gruppe aus Intellektuellen, die wieder Untergruppen bildeten. Als im Juli 1881 Telalow Moskau verließ, trat an seine Stelle an die Spitze der Arbeitergruppe der uns schon bekannte Chalturin. Aber Chalturin unterschied sich in seinen Anschauungen von Telalow darin, daß er das Zweckmäßigere im Terror sah. Telalow hatte es für notwendig gehalten, alle Kräfte auf die Propaganda und Agitation zu konzentrieren. Der Organisator des Nordrussischen Arbeiterverbandes und der Urheber des Attentates im Winterpalast fand dagegen, daß bei der herrschenden Ordnung des Selbstherrschertums keine umfassende Organisationsarbeit in Rußland möglich sei; um diese Ordnung zu brechen, mußten nach seiner Meinung alle Kräfte auf den terroristischen Kampf konzentriert werden. Bald darauf ging er nach Odessa, um das Attentat gegen den Militär-Staatsanwalt Strelnikow vorzubereiten. Bei diesem Attentat ging er zu Grunde.

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