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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 24
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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S. L. Perowskaja

Sofja Lwowna Perowskaja ist eine jener wenigen Gestalten, die sowohl durch ihre ganze revolutionäre Tätigkeit als auch durch ihr Schicksal der Geschichte angehören – sie war die erste russische Frau, die als politische »Verbrecherin« hingerichtet wurde.

Vom Standpunkte der Vererbungslehre und der Lehre vom Einfluß des Milieus ist die Feststellung von Interesse, daß Perowskaja – diese asketische Revolutionärin – Urenkelin des letzten ukrainischen Hetmans Rasumowski, Enkelin des Gouverneurs der Krim zur Zeit der Regierung Alexanders I. und Tochter des Gouverneurs von Petersburg unter der Herrschaft Alexanders II. war.

Die Bedingungen, unter denen Perowskaja ihre Kindheit verbrachte, haben Menschlichkeit und Ehrgefühl in ihrer Seele geweckt. Zu jener Zeit der Leibeigenschaft kam es öfter vor, daß sich in den Kindern, im Gegensatz zu den Eltern und im Widerspruch zu deren Sitten, ein Widerwille und Haß gegen den herrschenden Despotismus entwickelte. So war es auch mit Perowskaja. Ihr Vater war ein Vertreter der Leibeigenschaft schlimmster Sorte. Er mißhandelte nicht nur seine Leibeigenen, sondern auch die Mutter seiner Kinder, ja, er zwang dazu auch seinen kleinen Sohn. Sofjas Mutter war die Verkörperung der Güte und Sanftmut. In der schweren, drückenden Familienatmosphäre lernte Sofja Lwowna den Menschen, den Leidenden, lieben, so wie sie ihre mißhandelte Mutter liebte, mit der sie bis zu den letzten tragischen Tagen ihres Lebens durch Zärtlichkeit und Liebe verbunden blieb. Während meiner Untersuchungshaft erzählte mir die Aufseherin, daß Perowskaja bei ihrem letzten Zusammensein mit der Mutter sehr wenig gesprochen habe. Wie ein krankes, gequältes Kind habe sie, den Kopf auf den Knien der Mutter, regungslos dagelegen. Zwei Gendarmen, die Tag und Nacht in ihrer Zelle wachten, verließen sie auch in diesen Momenten nicht.

Sofja Lwowna hatte kaum selbständig zu denken begonnen, als sie auch schon beschloß, ihre Familie zu verlassen, in der weiter zu leben ihr moralisch unmöglich war. Aber der Vater verweigerte ihr den Paß und drohte, falls sie gegen seinen Willen ginge, sie durch die Polizei in das elterliche Haus zurückholen zu lassen. Doch Perowskaja blieb in ihrem Beschluß fest; sie ging heimlich fort und hielt sich eine Zeitlang bei Freundinnen – Studentinnen – verborgen. Gemeinsam mit einer von ihnen stand sie dann im Prozeß der 193 vor Gericht.

Als Mitglied der Tschaikowski-Gruppe war Perowskaja längere Zeit auf dem Lande als Arztgehilfin und Propagandistin der Narodnikiprinzipien tätig. Da soll sie ihre ganze verborgene Zärtlichkeit und weibliche Güte, die sie von der Mutter ererbt hatte, dem arbeitenden Volke gegeben haben. Augenzeugen erzählten, daß in ihrer Beziehung zu den Kranken unendliche Güte und mütterliche Zärtlichkeit zum Ausdruck kam. Welch moralische Befriedigung ihr das nahe Zusammenleben mit den Bauern gab, und wie schwer es ihr war, sich von diesem armseligen, lichtlosen Dorfleben loszureißen, zeigte ihre Haltung auf dem Woronescher Kongreß und ihr Schwanken anläßlich der Spaltung des Bundes »Land und Freiheit«. Damals waren wir beide – sie und ich –, die wir soeben erst das Dorfleben verlassen hatten, noch mit ganzer Seele mit ihm verbunden. Man forderte uns zur Teilnahme am politischen Kampf auf, man rief uns in die Stadt, wir aber fühlten, daß das Dorf unsere Kräfte brauche, wir waren der Überzeugung, daß es ohne uns dort – noch finsterer sei. Der Verstand riet, gemeinsam mit den Genossen zu gehen, die den Weg des politischen Terrors einschlugen. Das Gefühl aber zog uns zurück in die Welt der Elenden und Enterbten. Später erst erkannten wir, daß jene Stimmung der Drang nach einem sittlich-reinen Leben, nach höheren persönlichen Werten war; – damals aber legten wir uns noch keine Rechenschaft darüber ab. Nach einem inneren Kampfe hatten wir unser Gefühl, unsere Stimmung gemeistert; wir verzichteten auf die moralische Befriedigung, die uns das Leben und die Arbeit auf dem flachen Lande gegeben hätte, und stellten uns in Reih und Glied mit den Genossen, die uns durch ihren politischen Instinkt überlegen waren.

Seit dem Woronescher Kongreß nahm Perowskaja bei allen terroristischen Unternehmungen des Vollzugskomitees des »Volkswillens« den ersten Platz ein. Sie war es, die die Rolle der liebenswürdigen, einfachen Wirtin in dem ärmlichen Häuschen spielte, das in Moskau, am Rande der Stadt, für 700-800 Rubel gekauft worden war, und von dem aus das Attentat auf den kaiserlichen Zug am 19. November 1879 ausgeführt wurde. Im entscheidenden Moment blieb sie mit Stepan Schirajew im Häuschen, um, sobald der kaiserliche Zug sichtbar wurde, das Signal zum Sprengen der Mine zu geben.

Immer wachsam, immer auf der Hut, gab sie es rechtzeitig, und nicht sie war schuld daran, daß statt des kaiserlichen Zuges der seiner Begleitung durch die Explosion zur Entgleisung gebracht wurde.

Nach der Explosion am 5. Februar 1880 im Winterpalast kam Perowskaja im Sommer nach Odessa, um dort ein neues Attentat zu organisieren.

Im Jahre 1881, als das Vollzugskomitee seinen siebenten Anschlag vorbereitete, organisierte Perowskaja gemeinsam mit Scheljabow die Kolonne, die die Aufgabe hatte, die Fahrten des Zaren auszukundschaften und zu signalisieren; sie leitete die Bombenwerfer nicht nur in den Tagen der Vorbereitung, sondern auch während des Attentats am 1. März. Sie war es, die, als sich die Situation infolge der veränderten Marschroute des Zaren verschob, den ganzen Plan aus eigener Initiative umstellte; ihrer Geistesgegenwart war es zu verdanken, daß der Kaiser den zwei Terroristenbomben zum Opfer fiel. Sie hat den 1. März gerettet und ihn mit ihrem Leben bezahlt.

Ich lernte Sofja Lwowna im Jahre 1877 kennen, als sie im Prozeß der 193 angeklagt war. Sie war gegen Kaution bis zum Gerichtsverfahren auf freien Fuß gesetzt worden. Jemand brachte sie zu mir zum Übernachten. Ihr Äußeres fesselte beim ersten Blick meine Aufmerksamkeit. Mit ihrem blonden Zopf, den hellgrauen Augen und den kindlich-rosigen, runden Wangen, im einfachen russischen Blusenhemd, sah sie ganz wie ein jugendfrisches russisches Bauermädchen aus. Nur die hohe Stirn widersprach dem harmlosen Aussehen. Den kindlichen Ausdruck bewahrte ihr hübsches Gesicht bis zu ihrem Ende, trotz der tragischen Momente, die sie in den Märztagen durchlebte.

An ihrem einfachen Äußeren hätte man nie erraten können, aus welcher Sphäre sie stammte, unter welchen Bedingungen sie ihre Kindheit und Mädchenzeit verbracht hatte. Ihr allgemeiner Gesichtsausdruck mit den weichen, kindlichen Linien verriet nichts von der Festigkeit des Charakters und dem eisernen Willen, den sie anscheinend vom Vater ererbt hatte. Überhaupt war in ihrer Natur weibliche Zartheit mit männlicher Strenge gepaart. Während sie für das Volk eine echt mütterliche Zärtlichkeit hatte, war sie in ihren Anforderungen ihren Gesinnungsgenossen gegenüber streng und unerbittlich. Ihre politischen Feinde und die Regierung bekämpfte sie unermüdlich. Nach dem Prozeß der 193 war ihre Wohnung in Petersburg das Zentrum, in dem die freigesprochenen Kameraden sich trafen. Aber nur diejenigen wurden zu diesen Zusammenkünften zugelassen, die gegen das Gericht protestiert und es nicht als Gericht anerkannt hatten.

Der Angeklagte Myschkin hatte durch seine starke Persönlichkeit und seine wunderbare Rede, die er vor Gericht hielt, einen solchen Eindruck auf Sofja Lwowna gemacht, daß der Gedanke, ihn aus seinem Gefängnis zu befreien, zu ihrer fixen Idee geworden war. Der Verwirklichung dieser Idee hat sie viel Kraft geopfert.

Im Einklang mit den Idealen der Epoche war Perowskaja eine große Asketin. In ihrer täglichen Lebenshaltung war sie unsagbar anspruchlos; wie streng sie in bezug auf die der Organisation gehörenden Mittel war, davon zeugt, daß sie mich einmal bat, 15 Rubel für sie irgendwo zu leihen, die sie für Arzneien ausgegeben hatte; sie wollte diese Ausgabe nicht mit Organisationsgeldern bestreiten, sondern beabsichtigte, zu diesem Zweck ein Kleid zu verkaufen, das ihr die Mutter geschickt hatte.

In jenen unvergeßlichen Tagen, die dem 1. März vorangingen, lernte ich auch ihre zarte Fürsorge für ihre Kampfgenossen kennen, deretwegen sie nie zögerte, ihre eigenen Interessen zu opfern. Als sie nach Scheljabows Verhaftung gezwungen war, ihre Wohnung zu verlassen, übernachtete sie bei Fremden, bald hier, bald dort.

»Werotschka, kann ich bei dir übernachten?« fragte sie mich zwei bis drei Tage vor ihrer Verhaftung. Erstaunt über ihre Frage, entgegnete ich ihr vorwurfsvoll: »Wie kannst du danach fragen? Ist es nicht selbstverständlich?« »Wenn man hier Haussuchung hält und mich bei dir findet,« erwiderte Perowskaja, »so wirst du gehängt – darum frage ich dich.« Ich umarmte sie und antwortete, auf den Revolver zeigend, der am Kopfende meines Bettes lag: »Ob sie dich finden oder nicht, ich werde schießen.«

Im schwarzen Gewand, mit gefesselten Händen, ein Brett mit der Inschrift »Zarenmörder« auf der Brust – so brachte man sie alle zum Hinrichtungsplatz: Scheljabow – den Bauer, Kibaltschitsch – den Pfarrerssohn, Timofej Michailow – den Arbeiter, Ryssakow – den Bürger, Perowskaja – aus altem adligem Stamme; – als ob sie alle Stände des russischen Reiches symbolisieren sollten. Auf dem Schafott umarmte Perowskaja Scheljabow, Kibaltschitsch, Michailow, wandte sich aber von Ryssakow ab, der die Adresse der Wohnung in der Teleschnajastraße verraten und dadurch Hesja Helfman, Sablin und Michailow den Händen der Henker ausgeliefert hatte, im Wahn, sich dadurch selbst retten zu können.

Perowskaja starb, im Leben wie im Sterben sich selbst getreu.

 

Die Bedeutung des 1. März war ungeheuer. Um dies zu verstehen, ist es notwendig, sich die Zustände jener Epoche zu vergegenwärtigen.

Nach jahrhundertelanger Reaktion hatte Alexander II. die Bauern-, Selbstverwaltungs- und Gerichts-Reform durchgeführt und dadurch der Entwicklung Rußlands einen gewaltigen Stoß nach vorwärts gegeben; er lenkte sie in die Bahnen des allgemein-menschlichen Fortschritts. Aber schon die erste und größte dieser Reformen – die Bauernbefreiung – blieb in ökonomischer Beziehung weit hinter den Forderungen der besten Vertreter der damaligen russischen Gesellschaft zurück, und 15 Jahre später, als an Stelle einer elenden Lobhudelei eine ernste Kritik eingesetzt hatte, wurde sie von der Publizistik offen als ein unter dem Druck des interessierten Standes – der Gutsbesitzer – durchgeführtes Kompromiß bezeichnet, das in keiner Weise dem gesteckten Ziele »der Besserung der wirtschaftlichen Existenz des Bauernstandes« entsprach. Die anderen Reformen wurden unter dem Einfluß der Gegner der Reformen und der jetzt vom Zaren selbst an den Tag gelegten reaktionären Gesinnung verstümmelt und durch allerlei Ergänzungen, Ausnahmen, Auslegungen jeglichen Wertes beraubt. So kam es, daß die besten Elemente der Gesellschaft und die Regierung verschiedene Wege einschlugen, und daß erstere jeglichen Einfluß auf die Regierung und Staatsverwaltung einbüßten.

Diese Unzufriedenheit der besten Elemente der russischen Gesellschaft hatte sich schon bei Beginn der Herrschaft Alexanders II., in den sechziger Jahren, in den Studentenunruhen Luft gemacht und war in den Prozessen von Tschernyschewski, Michailow, Karakosow, Netschajew und Genossen zum Ausdruck gekommen. Im Zusammenhang mit dem polnischen Aufstand führten diese Bewegungen eine Verschärfung der Reaktion herbei: die Reaktionäre nutzten die Lage aus, und Anfang der 70er Jahre war die Spaltung zwischen der Regierung und der Gesellschaft vollständig. Seit jener Zeit war die Auflehnung eines Teils der Untertanen des Zaren gegen seine Methode der Staatsverwaltung chronisch geworden. Dies zog die strengsten Repressalien und die äußerste Unterdrückung nach sich, was wiederum eine schärfere Auflehnung hervorrief. Ende der 70er Jahre war das ganze innere Leben Rußlands vom Kampf gegen die »Kramola« (= Revolution) beherrscht. Aber weder die Generalgouverneure und Kriegsgerichte noch der Ausnahmezustand und die grausamen Hinrichtungen, weder Hunderttausende Soldaten noch Scharen von Schutzwachen und Spitzeln und das ganze Gold des Kaisertresors waren imstande, den Herrscher aller Reußen, den Herrn der Geschicke von achtzig Millionen Menschen, vor der strafenden Hand der Revolutionäre zu schützen.

Der 1. März war insofern lehrreich, als er der letzte Akt im zwanzigjährigen Kampf zwischen Gesellschaft und Regierung war. 20 Jahre Repressalien, Grausamkeiten und Maßregelungen, die gegen eine Minderheit gerichtet waren, aber auf allen lasteten, – und das Resultat: der Zar wurde getötet. Die ganze Gesellschaft erwartete diesen Tod mit der größten Gewißheit: die einen in höchster Angst, die anderen mit Ungeduld. Eine solche Lage war in der Weltgeschichte beispiellos und jedenfalls geeignet, sowohl Philosophen wie Moralisten und Politiker zu veranlassen, sich in ihr Wesen zu vertiefen. Die Bomben des Vollzugskomitees, die ganz Rußland erschütterten, warfen vor dem Lande die Frage auf: Wo ist der Ausweg aus dieser abnormen Lage? Wo liegen die Ursachen? Wir glaubten, daß die Erfolglosigkeit aller Maßnahmen der Regierung im Kampfe gegen die revolutionäre Bewegung und ihre Unfähigkeit, die Unzufriedenheit durch Beseitigung der energischsten Leute unter den Unzufriedenen aus der Welt zu schaffen, durch die zwanzigjährige Erfahrung, die zum 1. März geführt hatte, genügend bewiesen worden sei. Nach unserer Überzeugung mußte – wenn nicht der Zar – so jedenfalls Rußland daraus seine Schlüsse ziehen. Wir glaubten, daß die frei zum Ausdruck kommende öffentliche Meinung vorschlagen würde, die wirklichen Ursachen der Unzufriedenheit, die in den allgemeinen politischen Zuständen begründet waren, zu beseitigen, statt einzelne ihrer Erscheinungsformen zu bekämpfen. Die ungewöhnlichen Umstände, die die Ereignisse des 1. März begleiteten und ihr großzügiger Charakter schienen dazu beizutragen, daß breite Kreise der Gesellschaft sich über diese Bedeutung des 1. März klar wurden.

Der 1. März hat auch die Bauernschaft aufs tiefste erschüttert. An die Stelle der täglichen Sorgen und Lokalinteressen trat plötzlich die Frage: »Wer hat den Zaren getötet und weshalb?« Alle, die zu jener Zeit und später auf dem flachen Lande wohnten, berichten übereinstimmend, daß die Ermordung des Zaren und die Ursachen dieser Tat die Bauern stark bewegt und gezwungen habe, intensiv darüber nachzudenken. Zwei Schlußfolgerungen waren dabei möglich: entweder wurde der Zar durch Sozialisten getötet, die dem Volke Grund und Boden geben und es von der Unterdrückung durch das Beamtentum befreien wollen, oder durch die Gutsbesitzer, die rebellieren, weil der Zar die Bauern befreit hat, und sie die Leibeigenschaft wieder herstellen wollen. In dem einen Fall wurde das Volk durch die Gleichheit der Interessen für die Partei gewonnen, und die Partei fand in den Massen einen Stützpunkt, wie sie ihn selbst durch jahrzehntelange Propaganda nicht erworben hätte; in dem anderen Falle entstand in ihm heftiger Haß gegen die besitzende Klasse, und dieser Haß konnte in Anbetracht der furchtbaren ökonomischen Lage, in der sich das einfache Volk befand, zu einem entsetzlichen Blutbad unter dem privilegierten Stand ausarten. In beiden Fällen hoffte die Partei, die Revolte, zu der die Ermordung des Zaren Veranlassung geben konnte, für ihre revolutionären Ziele auswerten zu können. Der 1. März eröffnete Aussichten auf ein Bündnis der Partei mit dem Volk.

Auch für die Partei selbst, für ihre revolutionäre Tätigkeit, waren die Ereignisse vom 1. März von größter Bedeutung. Sie hatten das Vollzugskomitee in den Augen seiner Anhänger auf eine bisher unerreichte Höhe erhoben. Von allen Seiten erging an uns der Ruf: »Kommt und herrscht über uns!« Leider mußten wir uns immer wieder sagen, daß, wie reich auch die Ernte sein mochte, es uns dennoch an Schnittern fehlte.

Die Kehrseite des Ereignisses war, daß der 1. März weder das Signal zu einem Volksaufstand gegeben hatte, noch die Regierung zu zwingen vermochte, irgendwelche grundsätzlichen politischen und wirtschaftlichen Änderungen vorzunehmen, die den Unzufriedenen Zugeständnisse gemacht hätten. In Wirklichkeit gab sich die Partei nie der Illusion hin, die Zarentötung könne an und für sich einen Volksaufstand zur Folge haben; wir waren uns im Gegenteil immer darüber im klaren, daß dazu noch ungeheuer viel Arbeit und Mühe gehöre.

 

Es ist notwendig, noch auf die durch die Kampfmethoden sowohl der revolutionären Partei als auch der Regierung herbeigeführte Demoralisation einzugehen.

Gewalt als Mittel des politischen Kampfes ruft Verrohung hervor, weckt Raubtierinstinkte, veranlaßt zu schnödestem Vertrauensbruch. Freilich gleichen die Revolutionäre die dunkle Seite ihrer Tätigkeit durch das hohe Ziel der Verteidigung der Sache aller Unterdrückten und Enterbten aus, durch die Solidarität und Brüderlichkeit, die die Beziehungen der Kämpfer untereinander kennzeichnen, durch die Selbstlosigkeit ihres Wirkens, den Verzicht auf alles materielle Wohl, auf jegliches persönliche Glück, durch das heroische Ertragen aller Leiden, beginnend mit Verfolgung, Gefängnis, Verbannung, Zuchthaus und mit dem Tod endend. Auf der anderen Seite ging die Zarenregierung mit größter Rücksichtslosigkeit und furchtbarster Grausamkeit gegen die Revolutionäre vor. Der Gedanke wurde in Fesseln, das Wort in Ketten gehalten, die Freiheit geraubt, Todesurteile ereilten die Besten. Die Verbannung auf administrativem Wege war eine tägliche Erscheinung, die Gefängnisse waren überfüllt, der Henker arbeitete rastlos; in den Gefängnissen und Zuchthäusern mißhandelte und peinigte man die »politischen Verbrecher« auf die ungeheuerlichste Art.

Um sich Waffen gegen die revolutionäre Gefahr zu beschaffen, hatte die Regierung ein System weitverzweigtester und raffiniertester Spionage ausgebaut: alle Stände, Geschlechter und Altersstufen – angefangen mit 14 jährigen Mädchen und 11 jährigen Knaben – waren unter den Helfershelfern der Gendarmerie vertreten. Doch nichts versetzte der revolutionären Bewegung einen so furchtbaren Schlag wie der geglückte Versuch, einen Revolutionär im Netz des schmutzigen Spitzeldienstes zu fangen. Nichts schmerzte mehr, als in einem ehemaligen Kampfgenossen, den man oft jahrelang als Kameraden und Bruder betrachtet hatte, einen Gendarmerieschergen zu entdecken, der uns zynisch zurief: »Das haben Sie wohl nicht erwartet?« Und wie oft wurde mit Erfolg Mißtrauen in unseren eigenen Reihen gesät, Bruder gegen Bruder aufgehetzt, so daß manch einer bereit war, die Hand gegen den eigenen Kampfgenossen zu erheben, in dem man einen Verräter erkannt zu haben glaubte.

Ich selbst war zweimal nicht mehr weit davon entfernt, Menschen aus der Welt zu schaffen – in einem Falle eigenhändig –, die ich selbst oder Genossen mit felsenfester Sicherheit als Verräter und Schurken betrachteten, die ihr Leben also durch Verrat verwirkt hatten.

Ja, es ging so weit, daß es einem vor den Menschen graute.

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