Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wera Figner >

Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 20
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
Schließen

Navigation:

Attentate

Als die ganze theoretische und organisatorische Vorarbeit beendet war, ging das Komitee zum Praktischen über und beschloß, einen Anschlag auf den Zaren bei seiner Rückkehr aus der Krim an drei verschiedenen Strecken zu organisieren. Einige Mitglieder wurden sofort nach Moskau, Charkow und Odessa entsandt. Alle Attentate sollten mit Dynamit ausgeführt werden. Gleichzeitig bereitete das Komitee eine Sprengung des Winterpalastes vor; sie wurde aber selbst unter uns strengstens geheim gehalten und war einer Verwaltungskommission, drei aus der Mitte des Komitees gewählten Personen, anvertraut: Michailow, Tichomirow und Kwatkowski. Von letzterem hörte ich einmal die rätselhaften Worte: »Während hier diese Vorbereitungen getroffen werden, kann der persönliche Mut eines Einzelnen allem ein Ende machen.« Diese Andeutung bezog sich auf Chalturin, der mir später einmal erzählte, zufällig sei er eines Tages im Winterpalast mit dem Zaren ganz allein gewesen, und ein einziger Hammerschlag hätte genügt, ihn auf der Stelle zu töten ...

Ich war mit den Attentaten durchaus einverstanden, gehörte aber nicht zu den mit ihrer Ausführung Betrauten. Da mir der Gedanke unerträglich war, nicht direkt mitzuwirken, sondern nur die moralische Verantwortung einer Sache zu tragen, für die das Gesetz die Genossen mit schwersten Strafen bedrohte, ersuchte ich die Organisation, mir auch irgendeine Funktion bei den Vorbereitungsarbeiten zu übertragen. Ich bekam einen Verweis, daß ich nur persönliche Befriedigung suche, anstatt es der Organisation zu überlassen, über meine Kräfte nach ihrer besten Einsicht zu verfügen. Trotzdem machte man mir ein Zugeständnis, indem man mich mit Dynamit nach Odessa sandte. Um die konspirative Wohnung, die ich mit Kwatkowski bewohnte, ›dicht zu halten‹, brachte ich meine Schwester Eugenie dort unter, die kurz vorher aus dem Gouvernement Rjasan nach Petersburg gekommen war und hier unter dem Namen Pobereschskaja lebte. Unglücklicherweise wußte ich nicht, daß meine Schwester sich aus Unerfahrenheit mit demselben Namen vorzustellen pflegte, unter dem sie gemeldet war. So verursachte ich indirekt das furchtbare Ende Kwatkowskis:

Bei der Boguslawskaja, einer Hochschülerin, die von ihrem Verlobten denunziert worden war, fand man Exemplare der »Narodnaja Wolja«, und sie gab an, sie von der Pobereschskaja erhalten zu haben. Im Meldeamt wurde die Adresse festgestellt, und Eugenie wurde am 24. November 1879 verhaftet, mit ihr Kwatkowski. Er wurde 1880 hingerichtet, sie nach Sibirien verschickt. In der Wohnung fand man Dynamit, Zünder und einen Zettel, den Kwatkowski nicht mehr vernichten konnte, nur noch rasch zerknüllt in die Ecke warf. Die Gendarmen hoben den Zettel auf, konnten aber den Sinn nicht deuten. Es war die Skizze eines Planes, und eine Stelle war angekreuzt. Dieser Zettel kostete Kwatkowski das Leben: Nach der Explosion im Winterpalast am 5. Februar 1880 enträtselten die Gendarmen, daß der Zettel den Plan des Palastes darstellte und das Kreuz das Speisezimmer bezeichnete, dem die Sprengung galt, weil hier die ganze kaiserliche Familie gewöhnlich zusammenkam. –

Ich war, mit der nötigen Menge Dynamit versehen, Anfang September nach Odessa abgereist. Dort traf ich Kibaltschitsch an, der mir erklärte, wir müßten uns beeilen mit der Einrichtung einer Geheimwohnung für Besprechungen, Experimente mit Zündern und die Aufbewahrung von Explosivstoffen. Dies wurde erledigt, wir zogen unter dem Namen Iwanizki ein.

Bald kamen Kolodkewitsch und Frolenko an, später die Lebedewa. Unsere Wohnung diente zu allgemeinen Zusammenkünften. Dort fanden alle Beratungen statt, dort wurde Dynamit aufbewahrt und Pyroxilin getrocknet und die Zünder fertiggestellt; dort wurden die Induktionsapparate unter der Leitung von Kibaltschitsch geprüft – mit einem Wort: in ihr fanden alle Arbeiten statt. Dabei halfen ihm jedoch, und manchmal sehr wesentlich, auch andere, darunter auch ich. Zuerst mußte aber ein Plan aufgestellt werden, wie und an welcher Stelle die Eisenbahn zu unterminieren wäre. Man plante, nachts, während keine Züge einfuhren, das Dynamit unter die Gleise unmittelbar vor Odessa zu legen und nachher den Draht ins Feld zu ziehen. Das bedeutete aber viel Unbequemlichkeiten und Schwierigkeiten sowohl in der Vorbereitung, wie auch bei der Ausführung selbst. Wir kamen zum Resultat, es wäre das Beste, wenn jemand von uns die Stelle eines Bahnwärters bekäme, um von seinem Häuschen aus die Mine zu legen. Das war das Sicherste und Bequemste, was man sich vorstellen konnte. Ich übernahm es, eine solche Stellung zu beschaffen, Frolenko sollte sie antreten als verheirateter Beamter mit Lebedewa als seiner Frau. Anfangs hatte ich die Absicht, Frolenko mit Hilfe von Bekannten unterzubringen. Aber es war unmöglich, ihnen den eigentlichen Zweck anzugeben, es hätte sich auch kaum jemand zu einem derartigen Dienst hergegeben; das Ziel verschweigen hätte bedeutet, das Vertrauen der Leute mißbrauchen in einer Sache, die schwerste Verantwortung auf sie laden konnte. Überdies wäre eine solche Bitte seltsam und verdächtig erschienen. Deshalb beschloß ich, mich als unbekannte Bittstellerin an irgendeinen einflußreichen Beamten in der Direktion der Südwestbahn zu wenden und als Motiv meiner Bitte einen wohltätigen Zweck anzugeben. Nach Einholung von Erkundigungen begab ich mich zu dem künftigen Schwiegersohn des Odessaer Generalgouverneurs Graf Totleben, dem Baron Ungern-Sternberg. Zu jener Zeit wurde er auf der Hauptwache in ›Haft‹ gehalten zur Strafe für die bekannte Eisenbahnkatastrophe von Tiligul, der einige hundert Rekruten zum Opfer gefallen waren. Als ich erfuhr, daß er Besuche empfange, begab ich mich zu ihm. Als ich ihm meine Bitte unterbreitete, meinem Pförtner eine Wärterstelle zu geben, da seine Frau an Tuberkulose leide und frischer Luft außerhalb der Stadt bedürfe, erwiderte er, die Besetzung von Bahnwärterstellen hänge nicht von ihm ab, er könne daher nichts für mich tun. Da bat ich ihn um zwei Zeilen an den Streckendirektor. Als ich bemerkte, daß der Empfang, der mir von Ungern-Sternberg zuteil wurde, nicht dem üblichen Empfang glich, wie er Puppen-Damen der höheren Gesellschaft zuteil wird, beeilte ich mich, meinen Fehler in bezug auf das Kostüm auszutilgen, und fand mich bei dem Streckenchef ein, in Samt gekleidet, wie es einer Bittstellerin, die eine Dame ist, geziemt. Der empfing mich äußerst liebenswürdig und bat mich, ihm schon morgen meinen Schützling zu schicken. Vom Empfang kaum zurückgekehrt, warf ich die Pfauenfedern ab und füllte Frolenko einen Paß auf den Namen des Kleinbürgers Semjon Alexandrow aus. Andern Tags war er 11 km vor Odessa in einem Wächterhäuschen installiert. Genossin Lebedewa kam als seine Frau bald nach. Schon war zu ihnen das Dynamit gebracht, als unerwartet Goldenberg erschien mit der Anweisung, ihm einen Teil des Dynamits für Moskau zu geben, da dort zu wenig davon vorhanden sei, und die Linie Moskau – Kursk als Reiseroute des Zaren am ehesten in Betracht komme. Wir konnten uns nur fügen. Goldenberg blieb nur zwei Tage in Odessa, trotz aller Vorsicht wurde er auf der Rückreise verhaftet. Bald darauf erfuhren wir, daß der Zar nicht über Odessa fahren werde. Frolenko und Lebedewa verließen ihr Wärterhäuschen und dann Odessa. Später hörten wir, daß der kaiserliche Zug die Linie Losowaja – Sewastopol über Charkow ohne Zwischenfall passiert habe. Das Attentat, das dort von Scheljabow, Jakimowa und dem Arbeiter Okladski vorbereitet worden war, mißlang.

Die Mine war unter das Eisenbahngeleise, ihre Leitungsdrähte weit hinaus ins Feld gelegt worden, und bei der Durchfahrt des kaiserlichen Zuges befanden sich die handelnden Personen auf ihrem Posten, aber die Explosion erfolgte nicht, denn die Elektroden waren falsch verbunden und gaben keinen Funken.

An einer dritten Stelle – auf der Linie Moskau – Kursk – wurden die Vorbereitungen unweit Moskaus von einem Hause am Bahnhof aus getroffen. Am 19. November, pünktlich zur festgesetzten Stunde, fuhren zwei hellerleuchtete Züge durch. Auf das erste Signal, das Perowskaja (die ›Wirtin‹ jenes Hauses) gab, verband Stepan Schirajew die Elektroden nicht, und ein Zug fuhr unversehrt durch; auf das zweite Signal hin entgleiste der zweite Zug. Aber der Zar war im ersten Zug gefahren, im zweiten fuhren Hofbediente. Das war ein Mißerfolg, aber die Tatsache an sich rief ungeheuren Eindruck in Rußland hervor und weckte Widerhall in ganz Europa.

Im Herbst setzten unsere Verluste in Petersburg ein: Kwatkowski ging uns verloren, dann Schirajew und andere; dann fiel nach heldenhafter bewaffneter Verteidigung die Druckerei der »Narodnaja Wolja«; einer ihrer Arbeiter, ›das Vöglein‹, erschoß sich oder wurde zu Tode getroffen, die anderen wurden gefangen genommen.

Mitte Dezember reiste Kibaltschitsch aus Odessa ab, im Januar Kolodkewitsch, gleichzeitig mit ihnen fuhren auch die anderen einflußreicheren Personen fort. Die ganze Arbeit wurde mir und noch einigen in Odessa ansässigen Genossen übergeben.

Meine Beschäftigung war Propaganda. Nachdem ich drei Monate hindurch vollkommen abgeschlossen von der Außenwelt in der konspirativen Wohnung zugebracht hatte, sehnte ich mich nach der Öffentlichkeit und einer ersprießlichen Tätigkeit. Die lange zurückgedrängte Energie verlangte nach Betätigung.

Aber die Leute, auf die ich zunächst angewiesen war, die ich »erbte«, waren schlapp, feige und sahen ohne große Hoffnung in die Zukunft. Sie alle mußten nachher als untauglich verworfen werden. Immerhin knüpfte ich nach Kibaltschitschs Abreise schnell viele Bekanntschaften an, unter denen Vertreter aller Gesellschaftsklassen waren.

Ich begann Professoren, Generale, Gutsbesitzer und Studenten, Ärzte und Beamte, Arbeiter und Schneiderinnen kennen zu lernen, wo irgend möglich vertrat ich die revolutionären Ideen und verteidigte die Politik des »Volks-Willens«. Aber meine liebste Sphäre war die Jugend, die so heiß empfindet und sich so aufrichtig begeistert. Leider hatte ich unter den Studenten wenig Bekannte, und diese wenigen blickten pessimistisch auf ihre Umgebung und glaubten nicht, daß darunter revolutionäre Elemente seien.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.