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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 17
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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»Volks-Wille«

Während die Fraktion der »Schwarzen Aufteilung« im wesentlichen das Programm von »Land und Freiheit« beibehielt und darin nur die Tätigkeit unmittelbar im Volke und die Notwendigkeit seiner Organisierung zum ökonomischen Kampf gegen die Bourgeoisie unterstrich, legten wir »Narodowolzy« unserem Programm einen ganz neuen Gesichtspunkt zugrunde: den bedeutsamen Einfluß der zentralisierten Staatsmacht auf die gesamte Struktur des Volkslebens. Unseres Erachtens spielte dieses Moment eine ungeheure Rolle in der Geschichte Rußlands. So hatte in längst vergangenen Zeiten die zarische Staatsmacht die föderativen Prinzipien zerstört, die der politischen Struktur des alten Rußlands entsprachen. Das Volk, das schon damals seit langem in einen steuerzahlenden Stand verwandelt worden war, war von der Zarenmacht zuerst an das Land ›befestigt‹ und dann sogar leibeigen gemacht worden; sie hatte den Adelsstand geschaffen, zuerst als einen dienstpflichtigen Vasallen-, dann aber als einen von den Lasten des Staatsdienstes freien Gutsbesitzer-Stand, und als auch diese Klasse immer mehr herunterkam und einschrumpfte, indem die vornehmsten alten Hofadels-Bojaren-Geschlechter gegen Anfang des 18. Jahrhunderts verarmten oder ausstarben, da wurde durch eine Reihe »allergnädigster« riesiger Schenkungen von Staatsländereien und Krongütern der Grund gelegt zu jenem mächtigen und reichen Groß-Grundbesitz, wie ihn noch die Epoche der Bauernbefreiung bei uns vorfand; ebenso hatte in neuester Zeit diese selbe Staatsmacht, nachdem sie 1861 die Bauern von persönlicher Leibeigenschaft befreit hatte, die Rolle des Hauptausbeuters der freien Volksarbeit übernommen; sie gab nämlich der Bauernschaft einen Landanteil, der weit geringer war als ihn die bäuerliche Arbeitskraft beanspruchte, sie belastete dann diesen ungenügenden Bodenanteil mit solchen unmäßigen Abgaben und Steuern, daß sie die ganze Brutto-Einnahme des Bauern verschlangen, in vielen Gegenden den Ertrag des Landes sogar um 250 und mehr Prozente überstiegen. Diese Abgaben stellten somit eine maßlose Steuer auf die Arbeitskraft dar, die pro Kopf des erwachsenen Arbeiters 40-50 Rubel jährlich betrug. (Golowatschow: Unser Staatsetat, »Russkaja Mysl« 1883.) Die zentralisierte Staatsmacht verwandte diese kolossalen Mittel fast ausschließlich zur Aufrechterhaltung der äußeren Macht des Reiches, zum Unterhalt der Armee, der Flotte und zur Tilgung der für Rüstungen aufgenommenen Staatsanleihen. Nur erbärmliche Summen wurden dagegen für produktive Ausgaben, für so dringliche Bedürfnisse wie Volksbildung und dergleichen, verwandt. Diese Sachlage entsprach vollständig dem Prinzip, daß das Volk für den Staat, nicht aber der Staat für das Volk da sei. Neben einer derartigen Ausbeutung des Volkes durch den Staat verblaßte jede private Ausbeutung. Aber nicht genug damit, unterstützte die Regierung die private Ausbeutung mit allen Mitteln und Kräften; einst hatte die Staatsmacht den Adel ins Leben gerufen, jetzt förderte sie das Entstehen der Bourgeoisie.

Anstatt die wirtschaftlichen Interessen des Volkes zu vertreten, unterstützte sie Privatunternehmer, Großindustrielle und Eisenbahngesellschaften. Nach Zeugnis aller Nationalökonomen war während der ganzen 20 Jahre seit der Bauernbefreiung nicht eine einzige Maßnahme zur Hebung des Wirtschaftslebens des Volkes getroffen worden; im Gegenteil, die Finanzpolitik der Regierung war auf die Bildung und Unterstützung des Privatkapitals gerichtet; Subsidien, Garantien und Tarife, alle ökonomischen Maßnahmen in diesem Zeitabschnitt erfolgten zugunsten des Privatkapitals. Und während im Westen die Regierungen den besitzenden Klassen, die die Herrschaft bereits angetreten hatten, als Werkzeug und Willensausdruck dienten, stellte die Regierung bei uns eine selbständige Kraft dar, die bis zu einem gewissen Grade sogar die Schöpferin dieser besitzenden Klassen war.

Auf ökonomischem Gebiet war der moderne Staat nach Ansicht der »Volksfreiheitler« der größte Eigentümer und der hauptsächlichste Ausbeuter der Volksmassen, der die anderen kleineren Ausbeuter unterstützte. Indem die Regierung die Volksmassen ökonomisch knechtete, ließ sie in politischer Hinsicht alle Klassen rechtlos. Millionen Sektierer und »Altgläubige« litten unter der Unterdrückung der Religionsfreiheit; steuerliche und polizeiliche Maßnahmen raubten dem Volk die Freizügigkeit; das Verbot freien Unterrichts hielt die Bevölkerung in erzwungener Unwissenheit; da kein Petitionsrecht bestand, hatte das Volk keine Möglichkeit, der Regierung seine Nöte und Bedürfnisse kundzugeben, und endlich war sein ganzes Leben der zügellosen Willkür der Behörden ausgeliefert.

Die Landschaftsselbstverwaltungen, die Semstwos, wurden absichtlich getrennt, isoliert gehalten. Ihre Stimme blieb ungehört in den wesentlichsten Fragen des Volkslebens. Auf dem Gebiet der Volksbildung waren sie dem Volksaufklärungsministerium untergeordnet, und im ungleichen Kampfe gegen die Regierungswiderstände kamen sie zu dem traurigen Beschluß, die Semstwo-Schulen zu schließen (wie das in Twer z. B. geschah).

Die einzigen Mittel, wodurch die ›Gesellschaft‹ auf die Regierung und durch sie wieder auf das Leben hätte einwirken können – Literatur und Presse –, waren vollständig unterdrückt. Dort, wo die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und die Freiheit des Wortes fehlt, was kann dort die Presse sein? Aber selbst in dem engen ihr verbliebenen Rahmen blieb sie eine Stimme in der Wüste, – ein Mittel, die Leser in einer bestimmten Richtung zu erziehen, nicht aber ein Weg zur unmittelbaren Verwirklichung von Ideen im Leben; worauf sie auch hinweisen, was sie auch vorschlagen mochte, – es blieb alles vergebens. Ihre besten Vertreter waren in der Verschickung gewesen oder befanden sich noch dort; die auf Festung gesessen hatten, befanden sich nunmehr unter ständiger Polizeiaufsicht, (unter anderen Tschernyschewski, Hertzen, Saltykow, Pissarjew, Lawrow, Dostojewski, Uspenski), die Jugend der Gesellschaft, die studierende Jugend, wurde kleinlichen Einengungen unterworfen, der Korporationsrechte beraubt und genoß die verstärkte Aufmerksamkeit der Polizei. – Jeder Versuch, auf diese oder jene Weise die Umgestaltung der bestehenden Ordnung zu erreichen, zerschellte entweder am Gesetz der Trägheit oder an grausamer Unterdrückung.

Als sich die Jugend mit friedlicher Propaganda an das Volk gewandt hatte, war sie mit Massenverhaftungen bedacht worden, mit Verbannung, Zwangsarbeit, Zuchthaus und Gefängnis. Als sie, empört über diese Gewalttätigkeit, einige Schergen der Regierung gestraft hatte, wurde geantwortet mit Einsetzung von General-Gouverneuren und mit Hinrichtungen. In den 1½ Jahren 1878/79 hatte Rußland 18 Todesurteile gegen politische Verbrecher vollstrecken sehen.

Die Staatsmaschine wurde unter diesen Umständen zu einem wahren Moloch, dem sowohl das wirtschaftliche Wohlergehen der Volksmassen wie alle Menschen- und Bürgerrechte zum Opfer fielen.

Diesem Beherrscher des russischen Lebens – der Staatsmacht, die sich auf ein unübersehbares Heer und eine allmächtige Bureaukratie stützte – erklärte der revolutionäre Verband »Volks-Wille« den Krieg. Er nannte die Regierung in ihrer damaligen Form den Hauptfeind des Volkes. Diese These und die Folgerungen daraus: der politische Kampf, die Verlegung des Schwergewichtes der revolutionären Tätigkeit aus dem Dorf in die Stadt, Vorbereitung nicht eines Volksaufstandes, sondern einer Verschwörung gegen die Regierung mit dem Ziel, die Macht zu ergreifen, um sie dem Volke zu übergeben; strengste Zentralisierung der revolutionären Kräfte als notwendige Vorbedingung eines erfolgreichen Kampfes gegen den zentralisierten Feind, – all diese Grundsätze vollzogen eine vollständige Umwälzung in der revolutionären Welt jener Zeit. Sie warfen die bisherigen revolutionären Anschauungen um, erschütterten die sozialistische und föderalistische Organisationsüberlieferung, sie zerstörten jene revolutionäre Routine, die im Laufe der letzten Jahrzehnte üblich geworden war. Kein Wunder deshalb, daß, um die Opposition zu überwinden und der neuen Auffassung das endgültige Übergewicht bei den Revolutionären zu verschaffen, ein bis anderthalb Jahre rastloser Propaganda und eine ganze Reihe glänzender Leistungen notwendig waren.

Indem unsere neue Partei die Verwirklichung sozialistischer Ideale für die Angelegenheit einer mehr oder weniger entfernten Zukunft hielt, bezeichnete sie als nächstes Ziel auf wirtschaftlichem Gebiet: die Übergabe des Hauptproduktionsmittels – des Bodens – in die Hand der Bauerngemeinde; auf politischem Gebiet hingegen: den Ersatz der Selbstherrschaft eines Einzigen durch die Selbstregierung des ganzen Volkes, d. h. durch eine Staatsordnung, in der sich der Volkswille frei ausdrücken und der höchste und einzige Regulator des gesamten gesellschaftlichen Lebens sein werde. Das geeignete Mittel zur Erreichung solcher Ziele sahen wir in der Beseitigung der damaligen Staatsorganisation, die die ganze, dem Wünschenswerten so sehr widersprechende »Ordnung« aufrecht erhielt. Wir glaubten, diese Beseitigung müsse erfolgen durch eine Staatsumwälzung, die durch eine Verschwörung vorzubereiten sei.

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