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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 16
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Spaltung

Nach dem Kongreß von Woronesch begann mein illegales Leben. Mit Kwatkowski reiste ich nach Petersburg ab und ließ mich dort im Vorort Lesnoi nieder, wo er und Iwanowa eine konspirative Gemeinschaftswohnung hatten.

Kwatkowski fand immer einfache Frauen, die ihm vollständig ergeben waren. Die Bedienerin bei uns in Lesnoi war eine Deutsche, die völlig ungefährlich war für jene ungewöhnliche Lebenshaltung, die wir vor ihren Augen ganz offen führten.

Das war sozusagen das Stabsquartier der »Landfreiheitler« terroristischer Richtung. Es war Hochsommer, und die Villen-Örtlichkeit bot viele Vorzüge für ein solches Hauptquartier. Wir alle waren illegal, und eine Menge Personen in gleicher Lage kam zu uns in Sachen der Bewegung, ohne Aufsehen zu erregen; in dem Fichtenwalde am Ausgang der Ansiedlung ließen sich leicht, unter dem Anschein eines harmlosen Ausflugs, Konferenzen veranstalten.

Sie wurden denn auch weit ab von den Häusern abgehalten, wo das Publikum nicht hinkam, und wir lagerten auf dem trockenen Nadelboden unter den Kiefern, wo man weithin Ausblick hatte.

Teilnehmer waren nur die ständigen Besucher unserer Villa, Mitglieder jener Konferenz von Lipezk; Kwatkowski, Morosow und Michailow klagten über die Anhänger der Dorfpropaganda, die die terroristische Tätigkeit hemmten. Der Beschluß des Woronescher Kongresses, den Zaren zu töten, müsse ohne Aufschub verwirklicht werden, sonst werde man zum Herbst bis zur Rückkehr Alexanders II. aus der Krim mit den Vorbereitungen nicht fertig sein. Zur Ausführung der Anschläge an einigen Stellen der Reiseroute des Zaren habe man zwar sowohl die nötigen Kräfte wie einen genügenden Dynamitvorrat zur Verfügung, aber die Gegner des Terrors verzögerten die Ausführung der Pläne nach wie vor in jeder Weise. In inneren Konflikten und Reibungen werde die Energie vergeudet; anstatt entschlossen und einmütig zu handeln, verliere man sich in Schwankungen und Kompromissen. Der Kongreß von Woronesch habe die bestehenden Gegensätze nicht aus der Welt geschafft, sondern sie nur vertuscht. Es sei besser, anstatt sich gegenseitig zu lähmen, im gegenseitigen Einverständnis auseinanderzugehen. Diese häufig wiederholten Ausführungen fanden keinen Widerspruch mehr.

Die Hauptopponenten – Plechanow, Popow, Stefanowitsch – waren nicht anwesend, Perowskaja und ich, die in Woronesch noch geschwankt und versucht hatten, die Einheit der Organisation zu wahren, wir leisteten keinen Widerstand mehr, jetzt, wo es an die Tat ging und die Petersburger Genossen uns eröffneten, daß alles zu Attentaten bereit sei, und es nun heiße, den Plan zu verwirklichen und nicht auf dem toten Punkt zu verharren.

Die Spaltung des Bundes »Land und Freiheit« wurde vollzogen.

Beide Seiten arbeiteten die Bedingungen des Auseinandergehens aus. Die Druckerei sollte in den Händen der Anhänger des alten Programms bleiben. Wir – die Gruppe Michailows – konnten dank dem von Sundelewitsch seinerzeit angeschafften Schriftmaterial sofort unsere eigene Druckerei einrichten.

Als Druckereileiterin war Sofja Iwanowa vorgesehen, die sich aufs Drucken verstand, da sie seinerzeit Setzerin in der Geheimdruckerei Myschkins in Moskau gewesen war. Die wenig gebildete Grjasnowa, die bisher Anlegerin in der Geheimdruckerei von »Land und Freiheit« war, ging zu uns über, da sie mehr mit uns sympathisierte. An weiterem Personal war auch kein Mangel: den Inhaber zu spielen, willigte Genosse Buch ein, während Zuckermann und »Ptaschka« (Vöglein), von dem noch weiterhin die Rede sein wird, Setzer sein wollten.

Die Geldmittel sollten zu gleichen Hälften geteilt werden, in Wirklichkeit aber bestanden nur ›Aussichten‹ auf Geld: das große Vermögen D. Lisogubs, das er der Partei vermacht hatte, konnte nicht realisiert werden, da er verhaftet und bald darauf in Odessa hingerichtet worden war, sein Freund Drigo aber, den er in grenzenlosem Vertrauen beauftragt hatte, das Erbe zugunsten von »Land und Freiheit« zu verkaufen, wurde zum Verräter: er verkaufte sich an die Regierung, in der Hoffnung, den Reichtum seines großherzigen und vertrauensseligen Freundes zu erhalten. A. Michailow aber, der für die »Landfreiheitler« die Geldverhandlungen mit Drigo führte, bekam nicht nur kein Geld, sondern wäre dem Verräter fast in eine Falle gegangen. So erhielten unsere früheren Genossen nichts, während uns der Fonds von 23 000 Rubeln blieb, die uns vom Ehepaar Akimow versprochen und auch wirklich übergeben worden waren.

Vereinbarungsgemäß sollte keine der Fraktionen den alten Namen »Land und Freiheit« führen, der sich schon Ruf und Sympathie in revolutionären Kreisen erobert hatte. Die Vertreter der alten Richtung, die ihr Augenmerk auf die Agrarfrage und die wirtschaftlichen Interessen des Bauerntums konzentrierten, gaben sich den Namen »Tschorny Peredel« »Tschorny Peredel« = Schwarze Aufteilung, agrar-revolutionäre Bewegung zu Ende der 70er Jahre, an der unter anderem auch Plechanow teilnahm. Ihr Hauptziel drückt sich im Namen aus: Aufteilung – d. h. Wiedergewinnung – des von den Zaren und Adligen in den vorangegangenen Jahrhunderten den Bauern weggenommenen Landes, und zwar nicht »gesetzlich« oder gegen Entschädigung, sondern »schwarz«, d. h. gewaltsam, revolutionär. Unter anderem berührt dies auch Marx in einem Briefe an Kugelmann über die amerikanischen Landreformer (Georgisten).. Wir, die vor allem den Sturz der Selbstherrschaft anstrebten und an Stelle des Willens eines Einzigen den freien Willen des Volkes setzen wollten, nahmen den Namen »Narodnaja Wolja« (Volks-Wille) an. Nach dem Ausdruck Morosows hatten wir auf diese Weise sogar den Namen der alten Organisation aufgeteilt: die Landaufteiler nahmen sich »das Land«, wir die »Freiheit« Das Wort »Wolja« bedeutet auf russisch sowohl »Freiheit« wie »Wille«., und jede Fraktion zog ihres Weges.

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