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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 14
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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»Freiheit oder Tod!«

Nach dem Schuß Solowjows forderten Plechanow und Popow die Einberufung eines allgemeinen Kongresses unseres Bundes »Land und Freiheit«, auf dem der Streit zwischen der alten und der neuen, der terroristischen, Strömung entschieden werden sollte. Der Verband sollte beschließen, ob er am alten Programm festhalten oder den Neuerungen im Sinne der Vertreter des politischen Terrors zustimmen wolle.

Nach der Entscheidung sollte sich dann die Minderheit dem Beschluß der Mehrheit unterwerfen oder, um Ausschlüsse zu vermeiden, aus dem Verband ausscheiden.

Die Stimmung in der Provinz war in Petersburg wenig bekannt. Popow glaubte, sie sei seinen Anschauungen günstig, und das beunruhigte jene, die den neuen Standpunkt vertraten. Um nicht überrumpelt zu werden, hieß es Maßnahmen treffen und sich die Möglichkeit sichern, den politischen Terror selbst im Falle eines Bruches mit den bisherigen Genossen fortzusetzen. Damals entstand die Gruppe, die später den Kern des »Vollzugskomitees« der Partei »Narodnaja-Wolja« (»Volks-Wille«) bilden sollte. Kwatkowski, Michailow, Morosow, Oschanina, Tichomirow und Barannikow organisierten sich innerhalb des Bundes »Land und Freiheit« als Sondergruppe, von der die übrigen Mitglieder nichts wußten, und begannen heimlich Anhänger zu werben, deren es in Petersburg nicht wenig gab: bald entstand um Michailow und Kwatkowski ein Geheimzirkel, dem die illegalen Genossen Kibaltschitsch, A. Jakimowa, Sofja Iwanowa, die Studenten Issajew und Arontschik, das Ehepaar A. und der aus dem Auslande zurückgekehrte Stepan Schirajew beitraten.

Das Programm des Zirkels erkannte den politischen Terror als Notwendigkeit an, seine selbstbewußte Losung war: »Freiheit oder Tod«.

Schon Ossinski hatte gemeinsam mit einigen anderen Kiewer Terroristen seinerzeit die Bezeichnung »Vollzugskomitee« in den Proklamationen angewandt, die sie (anläßlich ihrer aus eigener Initiative, auf eigene Gefahr ausgeführten politischen Terrorakte) herausgaben. Dem Beispiel Ossinskis folgten seine Gesinnungsgenossen in Petersburg, und einige Aufrufe in dem Blatt, das als Beilage zum Hauptblatt der »Semlja und Wolja« erschien, waren gezeichnet: »Das Vollzugskomitee«. Das Blatt erschien meist, wenn das Hauptblatt sich aus irgendwelchen Gründen verspätete. Es veröffentlichte im Namen des Vollzugskomitees von Zeit zu Zeit Informationen über Spitzel und Provokateure. Dies Material lieferte Genosse Kletotschnikow, der mit Einwilligung Michailows und seiner Freunde im Januar 1879 als Beamter in die zaristische Geheimpolizei eingetreten war.

Die Bezeichnung Vollzugskomitee wurde gebräuchlicher, und die Sondergruppe Kwatkowskis machte sich diesen populär gewordenen Namen endgültig zu eigen.

Mit Hilfe Sundelewitschs verschaffte sich das Komitee eine genügende Menge Schriftmaterial, um nötigenfalls eine eigene Druckerei zu haben. In Kibaltschitsch hatte man den Mann gefunden, der nicht nur die nötigen theoretischen Kenntnisse zur Selbstherstellung von Dynamit besaß, sondern auch schon Laboratoriumsversuche in dieser Richtung unternommen hatte. Bald wurde auch ein Laboratorium zwecks Herstellung von Nitroglyzerin und Dynamit eingerichtet, das man zur Ausführung der zukünftigen Pläne brauchte. An der Spitze des Laboratoriums stand Kibaltschitsch als Chemiker, als technische Arbeiter wurden Schirajew, Issajew und Jakimowa hinzugezogen. Letztere war gleichzeitig Inhaberin der ›konspirativen Wohnung‹, wo die Arbeit vor sich ging.

In diesem primitiv eingerichteten, improvisierten Laboratorium, in steter Gefahr, entdeckt zu werden oder mit dem ganzen Hause in die Luft zu fliegen, stellten diese kühnen Genossen für den Sommer 1879 einige Zentner Dynamit her, ohne jede Schulung hierzu, als Laien experimentierend, jede Minute dem Tode gegenüber.

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