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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 13
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Der Konflikt

Aber nicht nur zwischen Provinz und Zentrum, auch in Petersburg, von wo aus die Politik der Partei geleitet wurde, herrschte keine Einmütigkeit. Auch hier kam es zu scharfen Konflikten innerhalb der Organisation.

In dem Maße, wie sich die Nachrichten von politischen Attentaten mehrten, hob sich die Stimmung der Jugend und der Öffentlichkeit. Es folgten nacheinander: die Tötung des Gendarmerieoffiziers Baron Heyking, das Attentat auf den Staatsanwalt Kotljarewski in Kiew, die Beseitigung des Gouverneurs Krapotkin in Charkow (organisiert und ausgeführt von dem Landfreiheitler Ossinski und der Kiewer Organisation), der bewaffnete Widerstand in Odessa bei der Verhaftung Kowalskis und seiner Genossen und die Demonstration anläßlich ihres Prozesses; dann die Tötung des Gendarmeriechefs Mesenzew und das Attentat auf seinen Nachfolger Drenteln, ausgeführt von Petersburger Landfreiheitlern, ferner ihr Versuch, Wojnaralski auf dem Wege zum Zentralgefängnis in der Nähe von Charkow mit bewaffneter Hand zu befreien – alle diese Taten, ungewöhnlich im grauen Alltag Rußlands, machten ungeheuren Eindruck und riefen einen Widerhall hervor, der die Vertreter der neuen Taktik anfeuerte.

Allmählich verschob sich in ihren Augen das Verhältnis der beiden Hauptpunkte des »Land und Freiheit«-Programms. Im Jahre 1876, bei Gründung des Verbandes, lag der Schwerpunkt in der Tätigkeit auf dem flachen Lande, in der Vorbereitung und Organisierung des Volksaufstandes; der »Schlag ins Zentrum« wurde damals von den Vorgängen in der Volksmasse abhängig gemacht; in den Jahren 1878 bis 1879 dagegen stand dieser »Schlag« an erster Stelle des Programms; nichts anderes, meinte man, werde die lebendigen Volkskräfte entfesseln, sie im Momente der Desorganisierung und Verwirrung der Regierung hervorbrechen lassen. Alle Kräfte und Anstrengungen der Partei sollten auf die Herbeiführung dieses Moments konzentriert werden.

So dachten A. Michailow, Kwatkowski und andere. Aber in derselben Petersburger Gruppe gab es auch heftige Gegner dieser Auffassung, Revolutionäre, die hartnäckig den bisherigen Standpunkt der Partei verteidigten. Plechanow und M. Popow kämpften mit der ganzen Kraft ihrer markanten Persönlichkeit gegen die Neuerung an. Sie beriefen sich sowohl auf das ursprüngliche Programm, das unverändert geblieben war, wie auf die praktische Erwägung, jedem Terrorakt folge die Zertrümmerung der Organisation. Die Regierungsrepressalien flammten mit erneuter Kraft auf, und die Verhaftungen nähmen der Organisation ihre wertvollsten Leute. Ob nicht diese unersetzlichen Verluste ein zu hoher Preis für die Sympathie und Begeisterung des Publikums seien, die verblende und immer mehr in eine politische Sackgasse locke? In den Augen Plechanows und Popows war der moralische Einfluß, den der politische Terror auf die Jugend ausübte, den Interessen des Volkes schädlich. Die glänzenden Duelle mit der Regierung, die einen so lauten Widerhall fanden, erregten die Phantasie der Jugend, lenkten sie ab von der ruhmlosen, alltäglichen Kleinarbeit unter den Bauern, dieser dringlichsten Aufgabe einer Partei, die sich auf die Massen stützen müsse.

So kam es, daß jedesmal, wenn die Neuerer wieder einen Plan brachten, er auf heftigen Widerstand stieß, eine scharfe Polemik hervorrief und die gegenseitigen Beziehungen sich zuspitzten.

Als ich im Dezember 1878 aus Saratow nach Petersburg kam, lag der Konflikt unter den Mitgliedern der Zentrale offen zutage. Morosow und Michailow bestürmten mich, die Arbeit auf dem flachen Lande, die sie für wertlos hielten, aufzugeben und nach Petersburg überzusiedeln, während Plechanow in der Mitgliederversammlung mit solcher Gereiztheit und in solchem Tone polemisierte, daß seine Feindseligkeit gegen Michailow und Morosow mich, da ich an solche Beziehungen zwischen Genossen nicht gewöhnt war, peinlich berührte.

Der Zwist erreichte seinen Höhepunkt, als im Frühling 1879 Alexander Solowjow aus Saratow kam. Das Fazit, das er aus seinem Aufenthalt auf dem Lande zog, lautete: »Bei den gegenwärtig herrschenden politischen Bedingungen ist die Tätigkeit eines Revolutionärs auf dem flachen Lande absolut zwecklos. Um jeden Preis muß eine Umwälzung dieser Bedingungen herbeigeführt werden, und daher ist vor allen Dingen die Reaktion in der Person Alexanders II. zu brechen.« Und er beschloß, ihn zu töten.

Solowjows Ansuchen um Unterstützung des Attentats wurde in der Zentralgruppe beraten. Aber die Anhänger des bewaffneten Kampfes hielten es dabei für notwendig, seinen Namen zu verschweigen, – so groß war das Mißtrauen gegen Plechanow und Popow. Aber im Laufe der Diskussion wurde ihnen erklärt, der Entschluß zum Attentat sei unwiderruflich, und kein Einspruch könne ihn umstoßen. Diese Entschlossenheit, die Meinung der Organisation zu ignorieren, brachte Plechanows und Popows Geduld zum Überlaufen und rief einen stürmischen Zusammenstoß, ja Drohungen hervor. Zuletzt wurde ein Kompromiß geschlossen: der Verband »Land und Freiheit« selbst verweigerte dem Attentat jede Unterstützung – hingegen könnten einzelne Mitglieder individuell nach Gutdünken helfen.

Am 2. April 1879 wurde das Attentat ausgeführt. Es mißlang. Die Feststellung der Person Solowjows, der sich ohne Erfolg zu vergiften versucht hatte, zog zahlreiche Verhaftungen seiner Freunde und Bekannten in Petersburg, Pskow und Saratow nach sich.

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