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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 12
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Die allgemeine Lage

Kennzeichnend für die allgemeine Lage der revolutionären Partei in der Zeit von Ende 1876 bis zum Kongreß in Woronesch im Sommer 1879 war, daß in der Partei sich keinerlei Streben zeigte, alle Gesinnungsgenossen zu einer allrussischen Organisation zu vereinigen, so daß bei völliger Übereinstimmung in Programm, Zielen und Mitteln sie aus einigen voneinander unabhängigen Gruppen bestand, die miteinander nur durch persönliche Bekanntschaft einzelner Mitglieder verbunden waren. Im Sommer 1879 war die Gesellschaft »Land und Freiheit« die einzige organisierte revolutionäre Gruppe, die ihr eigenes Blatt und eine hohe Mitgliederzahl hatte. An ihrer Spitze stand eine Zentrale mit dem Sitz in Petersburg; diese Zentrale leitete die Druckerei, besorgte die Herausgabe des Blattes, verwaltete die Geldmittel, unterhielt die Verbindung mit den Provinzen und dirigierte die laufenden Arbeiten. Sie hatte für den Zustrom neuer Kräfte und die Erweiterung der Verbindungen sowie für die Entsendung von Ersatzleuten aufs Land zu sorgen. Provinzmitgliedschaften gab es in den Gouvernements Saratow, Tambow, Woronesch und im Gebiet der Donkosaken. Man bildete dort sogenannte »Gemeinden«, die in örtlichen Angelegenheiten autonom waren.

Diese Gemeinden warben neue Mitglieder unter der örtlichen Bevölkerung, unter den Arbeitern und unter der Jugend; sie nahmen Personen auf, die neu in ihrer Provinz eintrafen, und bildeten, soweit örtliche Dinge in Frage kamen, mit ihnen ein gleichberechtigtes Ganzes, ohne sie jedoch zu Mitgliedern der Gesellschaft »Land und Freiheit« zu machen oder in die inneren Angelegenheiten der Organisation einzuweihen. Diese lokalen Organisationen waren mit dem Zentrum in Petersburg nur durch ein paar Mitglieder, die zur Geheimhaltung der Verbindung verpflichtet waren, verknüpft. Hauptaufgabe der Provinzgruppen war, den Bauernaufstand vorzubereiten. Demzufolge blieb der kleinere Teil der Mitgliedschaft in den Städten zurück zur Propaganda unter den Arbeitern, Beschaffung von Geldmitteln, Anknüpfung von nützlichen Bekanntschaften. Die Mehrzahl der Mitglieder war in den Dörfern und Ortschaften zerstreut und versammelte sich in der Gouvernementsstadt nur alle zwei, drei Monate zum Austausch ihrer Erfahrungen. Die gemeinsamen Sorgen und Interessen verbanden sie immer enger und fester, während die Bande zwischen den Gemeinden und dem Petersburger Zentrum sich infolge der großen Entfernungen lockerten. Die Petersburger ihrerseits konzentrierten ihre ganze Tatkraft auf den Kampf gegen die Gewaltakte der Regierungsbeamten; alle Geldmittel und Kräfte wurden für terroristische Unternehmungen und Befreiungsversuche verwandt; der Zustrom von Geld und neuen Kräften für die Provinzorganisationen versiegte immer mehr, so daß sie schließlich verkümmerten. Nicht genug damit; auch eine moralische Entfremdung setzte ein. In Petersburg ging ein Kampf vor sich, der ständige Anspannung aller Kräfte forderte, aber auch eine nicht dagewesene agitatorische Wirkung hatte. Berauscht von Erfolgen, erbittert durch Mißerfolge sah man verwundert und geringschätzig auf die Saratower und Tambower Dörfer herab, wo keine Zeichen aktiven Kampfes, keinerlei Resultate den Aufenthalt Dutzender von Genossen verrieten; das empörte die Petersburger aufs tiefste. Jedes Mitglied, das unter den Bauern blieb, schien ihnen dem hitzigen Kampfe entzogen, dem sie mit Leib und Seele ergeben waren. Die »Volkstümler« auf dem Lande dagegen glaubten, daß die städtischen »Landfreiheitler« Feuerwerk machten, dessen Glanz die Jugend ablenke von wirklicher Arbeit und vom Volke, das ihrer Kräfte so bedürfe. Die Tötung von Generälen und Gendarmeriechefs war in ihren Augen eine weniger produktive und notwendige Arbeit als der Agrarterror auf dem Lande.

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