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Nacht über Russland

Wera Figner: Nacht über Russland - Kapitel 11
Quellenangabe
authorWera Figner
titleNacht über Russland
publisherMalik-Verlag
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectid3766b350
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Wendung

Während unsere Situation sich immer mehr zuspitzte, kam Alexander Solowjow mit der Absicht, nach Petersburg zu reisen und dort den Zaren zu töten; vorher wollte er sich mit uns beraten. Er legte uns seine Ansichten über unsere Arbeit im Volke dar, die er unter den gegebenen Verhältnissen als bloße Selbstbefriedigung verurteilte, wo doch der Kampf für die Interessen der Masse auf legaler Grundlage in den Augen aller Vertreter des Privateigentums, aller Beamten, als Ungesetzlichkeit und Empörung erscheine. Da wir für diesen Kampf nur mit dem Grundsatze des Volkswohls und mit dem Gefühl der Gerechtigkeit ausgerüstet seien, hätten wir keine Aussicht auf Erfolg, denn die Gegner hätten Reichtum und Macht auf ihrer Seite.

In Anbetracht dessen beschlossen wir auf unserer letzten Versammlung in Saratow, zur Verteidigung der Gerechtigkeit Feuer und Schwert aufs Dorf hinauszutragen, Terror gegen Agrarier und Polizei, Gewalt gegen Gewalt anzuwenden; dieser Terror schien uns notwendig, da das Volk durch die ökonomische Not zu niedergedrückt, durch die fortgesetzte Willkür zu erniedrigt war, um selbst diese Mittel anwenden zu können: aber zu einem solchen Terror bedurfte es neuer revolutionärer Kräfte, deren Zufluß aufs flache Land versiegt war, da die Reaktion und die Verfolgungen bei den Intellektuellen fast alle Energie und jeden Glauben an die Möglichkeit nützlicher Anwendung ihrer Kräfte im Dorfe vernichtet hatten; und auch die Jugend sah vor sich nicht die geringsten Ergebnisse der Arbeit ihrer Vorgänger unter dem Volk. Bei einem bestimmten Stärkegrad der Reaktion erstarben die besten Impulse.

Wir sahen deutlich, daß unsere bisherige Arbeit vergeblich war. Die revolutionäre Partei hatte mit unseren Versuchen wieder eine Niederlage erlitten. Nicht wegen der Unerfahrenheit ihrer Mitglieder oder wegen der Weltfremdheit ihres Programms, auch nicht infolge übertriebener Hoffnung auf die Kraft und die Bereitschaft der Massen. Nein und abermals nein: wir mußten vom Schauplatz abtreten in dem Bewußtsein, daß unser Programm zwar lebendig sei und seine Forderungen im Volke verwurzelt, der eigentliche Grund des Mißerfolges aber die politische Unfreiheit sei.

Rußland durchlebte gerade damals eine Periode, in der jede öffentliche Initiative verschwunden war und die Reaktion nur noch wachsen konnte. »Der Tod des Kaisers« sagte Solowjow, »kann eine Wendung im öffentlichen Leben herbeiführen.« Die Luft werde gereinigt, das Mißtrauen gegen die Intelligenz verschwinde, und der Weg öffne sich zu breiterer, fruchtbarerer Arbeit im Volke. Eine Menge ehrlicher junger Kräfte werde zur Arbeit auf dem flachen Lande herbeiströmen, und, um den Geist des Dorfes abzuändern und wirklich das Leben des ganzen russischen Bauerntums zu beeinflussen, bedürfe es eben einer Masse von Kräften, nicht aber nur der Anstrengung von einzelnen, wie wir es wären. Diese Meinung Solowjows war das Echo der allgemeinen Stimmung.

Wenn der begeisterungsfähige Teil der Gesellschaft kein Betätigungsfeld findet, wo er seine frische Kraft, seinen Enthusiasmus zum Wohle des Volkes betätigen kann, dann wird die Lage unerträglich, und aller Zorn entlädt sich auf den Träger, Inhaber und Repräsentanten dieser von der Öffentlichkeit isolierten Staatsmacht, auf den Monarchen, der sich selbst als verantwortlich für das Leben, das Wohlergehen, das Glück der Nation erklärt und seinen Verstand, seine Kräfte höher stellt als Verstand und Kräfte der Millionen. Haben alle Mittel der Überzeugung sich als fruchtlos erwiesen, dann bleibt nur die nackte Gewalt: Dolch, Revolver und Dynamit. Solowjow entschied sich für den Revolver.

Unterdessen waren zu demselben Schluß auch die in den Städten gebliebenen Parteimitglieder gekommen. Vom Geschworenengericht freigesprochen, war Wera Sassulitsch mit Mühe der Wiederverhaftung entgangen; und während ganz Rußland den Freispruch bejubelte, machten die Mitglieder der Zarenfamilie Krankenbesuche bei dem Stadtkommandanten Trepow, auf den sie geschossen hatte. Als im »Prozeß der 193« der Senat eine Milderung der Strafe für angebracht hielt, verschärfte sie der Zar; jeden Versuch, die Willkür seiner Diener einzudämmen, beantwortete er mit einer Steigerung der Reaktion und der Repressalien; die Erklärung des Kriegszustandes erfolgte, nachdem einige Würdenträger von Revolutionären umgebracht worden waren. So kam es, daß es einem seltsam erschien, die Diener zu töten, die nur den Willen ihres Herrn vollzogen, und den Herrn unangetastet zu lassen; die politischen Attentate führten schicksalsmäßig zur Zarentötung, und der Gedanke daran kam Goldenberg und Kobyljanski fast zur selben Zeit, wie er sich Solowjows bemächtigte. Und dieser Gedanke ergriff ihn mit voller Gewalt. Wären wir alle dagegen aufgetreten, er hätte ihn dennoch verwirklicht.

Er war vom Erfolg fest überzeugt. Als ich einwandte, ein Mißlingen könnte eine noch schwerere Reaktion auslösen, suchte er so gläubig und begeistert mich zu überzeugen, ein Mißerfolg sei undenkbar, er würde ihn nicht überleben, alles spreche für den Erfolg seines Vorhabens, daß mir nur übrig blieb, ihm zu wünschen, seine Hoffnungen möchten sich erfüllen. So schieden wir von diesem Menschen, der in sich die Tapferkeit des Helden, die Entsagung des Asketen und die Güte des Kindes vereinigte. Von nun an warteten wir voll Unruhe auf Nachricht aus Petersburg. Unterdessen verschlimmerte sich unsere Lage im Dorfe mehr und mehr. Ich beschloß, meine Stelle aufzugeben. Doch man wollte mich keineswegs entlassen. Auf meine Kündigung schrieb mir der Vorsitzende des Semstwo in den schmeichelhaftesten Ausdrücken, bat mich, die Stelle nicht aufzugeben und meine nützliche Tätigkeit fortzusetzen, und bot mir einen anderen Bezirk an. Wollte ich nicht dünkelhaft erscheinen, so mußte ich noch eine Zeitlang bleiben, bis ein Vorwand zur Abreise gefunden war.

Als am 2. April Solowjows mißlungener Schuß fiel, war mein erster Gedanke: fortsetzen! Anstatt die Reaktion gebrochen zu haben, hatten wir ihr Gelegenheit zu noch wilderem Wüten gegeben, darum hieß es, die Tat vollenden. Inzwischen mußten unsere Genossen im Wolsker Kreise abreisen. Dann kam die Nachricht aus Petersburg, Solowjows kürzlicher Aufenthalt bei uns sei aufgedeckt worden, eine besondere Untersuchungskommission sei abgesandt. Unsere Freunde drängten nun zur Abreise. Zuletzt überbrachte uns ein Bote die Mitteilung, die Kutscher, die Solowjow zu uns gefahren hatten, seien ermittelt worden. Nun hieß es eilen!

Ich überredete die Schwester, ohne mich abzureisen, und bat das Semstwo um Entlassung, Erkrankung meiner Mutter rufe mich nach Petersburg ab. Ich drang auf die Herausgabe meiner Dokumente, aber man verweigerte sie mir und gab mir nur zeitweiligen Urlaub. Ich mußte mich damit zufrieden geben, damit meine Abreise nicht einer Flucht glich. Am selben Tage noch kam der Feldscher zur Übernahme der Bücher, Instrumente, Arzneien usw. Am nächsten Morgen, nachdem ich mich von ganz Wjasmino verabschiedet hatte, war ich auf dem Wege nach Saratow. Ein unbegreiflicher Zufall rettete mich auch diesmal: schon am Tage darauf wollte man mich verhaften.

So unglücklich endete unser hoffnungsvoll begonnener Aufenthalt. Doch nahmen wir die Überzeugung mit, daß das Volk uns verstanden habe und in uns Freunde sehe. Als die Gendarmen und Polizisten in Wjasmino erschienen, ging die Rede bei den Bauern: »Und das alles, weil sie für uns eingetreten sind.«

Als der Dorfschreiber später das Gerücht verbreitete, wir seien verhaftet und Eugenie gehenkt, begaben sich die Bauern nachts zu unserem Freunde, dem Kreisvorsteher, um zu erfahren, ob das wahr sei. Beruhigt und froh kehrten sie heim.

Einige Monate später traf ich ein junges Mädchen aus dem Dorfe, es warf sich mir voll Freude an den Hals und rief: »Sie haben dort nicht umsonst gelebt.« Um Bogdanowitsch und Pissarew, die angeblich verhaftet waren, zu befreien, wollten die Dorfleute 5000 Rubel Kaution hinterlegen.

Als unser Kreis zum letzten Male in Saratow versammelt war, erklärte ich meinen Austritt und den Entschluß, in die Gesellschaft »Land und Freiheit« (»Semlja i Wolja«) einzutreten; denn ich sähe keinen Sinn im selbständigen Weiterbestehen einer kleinen Gruppe. In jener Gesellschaft würde ich die unterstützen, die sich für die Fortsetzung der Attentate auf den Zaren einsetzten. Übrigens wurde der Kampf mit der Regierung auch den anderen zur Losung.

Darauf reisten Pissarew und Leschern nach dem Norden, Bogdanowitsch, Eugenie und ich blieben einstweilen in Tambow, wo damals viele Mitglieder von »Land und Freiheit« waren. Bald darauf bat mich ein Brief von der Bardina um Hilfe zur Flucht aus Sibirien. Diese Aufgabe übernahm Bogdanowitsch, er verschwand für ein ganzes Jahr aus unserem Gesichtskreis. Unterdes kam die Gesellschaft »Land und Freiheit« meinen eigenen Wünschen zuvor und machte mir erneut durch Michael Popow den Vorschlag, Mitglied zu werden. Ich willigte ein und reiste dann mit noch einigen Mitgliedern nach Woronesch, wo zu jener Zeit die Organisation ihren Kongreß abhalten sollte.

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