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Nachbarsleute

Ludwig Thoma: Nachbarsleute - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Thoma
year1987
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10741-9
titleNachbarsleute
pages3-163
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war still in dem Zimmer; vom Bett her tönte es leise und gleichmäßig wie der Klang einer langsam gezogenen Säge.

»Herr Pfaffinger!«

Es kam keine Antwort, und die Haarwildnis, welche in den Kissen lag, geriet nicht in die geringste Bewegung.

Gumposch klopfte mit dem Stock auf das Bett, einmal, zweimal, öfter. »Herr Pfaffinger!«

Die Haarwildnis drehte sich um, langsam schob sich die Decke ein wenig herunter, und langsam schob sich der Deckel des einen Auges so weit hinauf, daß dieses verständnislos auf Herrn Gumposch starren konnte.

Dieser nahm einen Stuhl und setzte sich mitten in das Zimmer. Sein Kinn stützte er fest auf die Hände, die er über der Krücke seines Spazierstockes gefaltet hatte, und richtete seine Augen ernst und unverwandt auf den jungen Menschen, dem er eine Pause gönnte, um die Wichtigkeit des Augenblickes wie jene des Besuchers allmählich zu begreifen.

Schorschl schloß vor den strengen Blicken des Herrn Gumposch die Augen und öffnete sie nur zögernd wieder, und immer auf ein neues zeigte sich darin Erstaunen über die Erscheinung des Sendboten der Ehre.

Dieser räusperte sich etliche Male und sagte mit tiefer Stimme:

»Ja, ja... das ist eine böse Sache, Herr Pfaffinger!« Schorschls Gedanken reihten sich noch keineswegs geordnet aneinander.

»Wia?« fragte er.

»Sie haben sich was Böses eingerührt, gestern nachts...«

Die Erinnerung an eine leise knarrende Stiege, an eine Türe, die beim Schließen ein wenig geächzt, an eine Hand, die ihn geführt hatte, die Erinnerung an volle Arme, die sich um seinen Hals geschlungen hatten, tauchte in Herrn Pfaffinger auf und vermochte ihn, seine Augen weiter zu öffnen.

Da saß vor ihm ein Mann, der ihn bitterernst anblickte und beinahe traurig mit dem Kopfe nickte... irgendein Grund mußte ihn doch hergeführt haben... sollte wirklich der Vater was gemerkt... die Tochter was gestanden haben?

Sein Herz fing an, schneller zu schlagen.

»Wia?« fragte er unsicher, beinahe ängstlich.

Gumposch, als ein gewiegter Menschenkenner, sah wohl, daß seine Anwesenheit Gemütsbewegungen verursachte, und das freute ihn und erregte in ihm sogar ein gewisses Wohlwollen mit seinem Opfer.

»Tja!« sagte er, »lieber Pfaffinger, wie stellen Sie sich das vor, daß die Sach 'nausgeht?«

Wie stellte man sich das vor?

Die Gedanken Schorschls richteten sich langsam auf ein paar Möglichkeiten, Unannehmlichkeiten, auf Verdruß daheim, Verlust an Geld, auf lange Weibsbilderreden.

Er sah zerknirscht aus, was Gumposch sich hoch anrechnete, und da er nun den Augenblick gekommen sah, wo er mit einer wohlgesetzten Rede einfallen mußte, erhob er sich und wandelte im Zimmer hin und wider und war darauf bedacht, seine Perioden abzurunden.

»Da haben wir die alte Geschichte«, sagte er, »die Jugend, die einfach... brrr... drauflos stürmt, nichts überlegt, an keine Folgen nicht denkt, hitzig, nichts wie hitzig! Wacht man hernach am anderen Tag auf, dann kommt die Überlegung. Jetzt sieht der Mensch, was er für eine Dummheit gemacht hat. Wie? Was sagen S'?«

Schorschl sagte eigentlich nichts. Er brummte wohl etwas in die Bettdecke hinein, aber es gehörte nicht unbedingt zur Sache und paßte keineswegs zu dem würdigen Ton, den Herr Gumposch angeschlagen hatte und festhielt. Bemerkenswert war nur, daß der junge Mensch in diesem Augenblick beschloß, faustdick zu lügen und nichts zu gestehen, nicht das geringste zu gestehen und faustdick zu lügen. »Ja, da brummen Sie!« konnte nun der Redner fortfahren, »das verdrießt Sie womöglich noch, daß man Ihnen die Wahrheit sagt, aber die müssen Sie schon annehmen von einem Manne, der das Leben kennt und der in solchen Dingen seine Erfahrung hat. Seine reichliche Erfahrung, mein lieber Pfaffinger, und Sie müssen ja nicht glauben, daß ich über die Sache urteile, wie... wie... sagen wir... ein Prolet oder ein Bürger... Ich sage auch nicht, daß so was absolut nicht vorkommen kann... du lieber Gott! Ich war auch kein Guter, wie ich so alt war wie Sie, ich war ein verdammt scharfer Kerl, das kann ich Ihnen sagen, und deswegen verstehe ich das Vorkommnis, verstehe es vollkommen. Sie müssen nicht glauben, daß ich Ihnen Vorwürfe machen will, ich betrachte es nur als meine Aufgabe, Ihnen mit Rat und Tat beizustehen...«

Schorschl fand, daß dieser Mann sehr lange brauchte, bis er die Katze aus dem Sack ließ, und er betrachtete ihn blinzelnd und voll Unbehagen, wie er da auf und ab schritt und redete wie ein Buch.

Er sollte endlich einmal herausrücken mit der Farbe, damit man frischweg lügen konnte...

»Pfaffinger«, sagte Herr Gumposch nun väterlich und zutunlich und sah den jungen Menschen wohlwollend an, »Pfaffinger, Sie betrachten sich doch selber als satisfaktionsfähig?«

»... Wia?«

»Nachdem Weihenstephan jetzt eine Hochschule ist, nicht wahr, haben doch die Angehörigen dieser Hochschule, nicht wahr, auch ihrerseits das Bestreben, als satisfaktionsfähig zu erscheinen...?«

»Wia?«

Gumposch wurde ärgerlich.

»Also, das ist doch klar, daß Sie dem Herrn Rechtspraktikant Tresser nicht bloß eine herunterhauen können und damit fertig! Wir leben doch nicht unter den Aschantis, nicht wahr, oder unter den Bauern...«

»Ja so!« Schorschl sagte es nicht eigentlich und deutlich. Seine ganze ängstliche Spannung löste sich auf in einem »Ja so!« Er rutschte mit einem kaum zu beschreibenden wohligen Gefühle tiefer unter die Decke, er streckte froh und erleichtert die Beine aus und spielte behaglich mit den Zehen und drehte sich gegen die Wand, und sein ganzes Wesen war nur ein »Ja so!« »Wir leben doch nicht unter den Aschantis!« wiederholte Gumposch, der diesen seelischen Vorgang nicht bemerkte, weil er eben seinen Marsch durch das Zimmer wieder aufnahm. »Wenn ihr Weihenstephaner das Bestreben habt, unter die Gebildeten aufgenommen zu werden, so müßt ihr euch auch klar sein, daß es hier, daß es in solchen Dingen nur ein Entweder – Oder gibt. Entweder man ist Knote, oder man gehört zu den Leuten, welche die Verantwortung für ihre Handlungen auf sich nehmen. Ist man Knote, will man Knote sein, – gut! Dann war es nicht notwendig, daß ich mich hierher bemüht habe, dann war es sehr überflüssig, sich den Rat eines Mannes zu erbitten, der von Jugend auf gewohnt ist, Differenzen in ehrenhaftester Weise auszutragen. Dann war es ganz und gar nicht angebracht, sage ich, einem solchen Manne die Entscheidung zu überlassen, die Entscheidung darüber, ob hier anständig oder proletenhaft, jawohl, ich sage proletenhaft, verfahren werden soll; denn darüber konnte kein Zweifel sein, wie meine Ansichten sind, und jedenfalls würde ich es mir ganz energisch verbitten, in diesem Punkte Zweifel zu haben. Wie gesagt, die Frage lautet ganz einfach: Wollen Sie ein Knote sein und als Knote gelten, Herr Pfaffinger? Ja oder nein?«

Es ertönte weder das eine noch das andere. Sondern, erst leise einsetzend, dann zäh und wuchtig, als gelte es, Verlorenes nachzuholen, schnarchte der junge Mensch, dem hier so eindringlich wie uneigennützig ins Gewissen geredet worden war. Schnarchte dergestalt, daß jede Aussicht auch auf zeitweilige Unterbrechung ausgeschlossen erschien. Gumposch war mehr als indigniert, er war angefüllt mit Verachtung. Er nahm Stock und Hut, stellte sich vor das Bett und warf einen stechenden Blick auf diese jedes Pflichtgefühles bare und trotzdem in tiefstes Behagen versunkene Masse.

»Also Knote!« sagte er und ging.

 

Aber, wie gesagt, über all dem darf man nicht vergessen, daß ein Mitglied der besseren Stände, und einer, dem die Laufbahn im Staatsdienste eröffnet war, vor einem zusehenden Publikum das erhalten hatte, was auch eifrigste Beschönigung eine Maulschelle heißen mußte. Daß sie nicht einfach hingenommen werden konnte, war die Meinung aller Beamten, deren Leidenschaftlichkeit nicht gänzlich unter Aktenstaub erloschen war, und so konnte denn ein aufmerksamer Beobachter wohl bemerken, daß zwei Tage nach dem Vorfalle ein lebhafter Frühschoppen im Gasthofe zur Post herrschte. Der gebildete Teil der Bevölkerung trank hier ein Glas Wein und trank es mit tiefstem Unwillen, mit einem Gefühle, das man seiner weisen Mäßigkeit halber Indignation nennen könnte. Er hatte sich immer mehr erhitzt, als Gumposch erklärte, daß der ungehobelte Flegel, nämlich Herr Georg Pfaffinger, nicht das geringste Verständnis für das Wesen der Satisfaktion besitze.

Solange darüber nicht Klarheit herrschte, hatten die alten Studenten und freien Burschen das unangenehme Nebengefühl gehabt, daß ein Waffengang in Dornstein auch für entfernt Beteiligte große Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könne. Jetzt, da für ängstliche Bedenken kein Platz mehr war, traute sich bei Oberamtsrichter Herzensfroh wie bei jedem der tiefe Ingrimm über den Lümmel hervor. Man war sich sogleich darüber einig, daß unter diesen Umständen dem ganzen klobigen Spießbürgertum ein heilsamer Schrecken eingejagt werden müsse durch eine scharfe Forderung auf Pistolen.

Natürlich würde sie Pfaffinger nicht annehmen, wie Herr Gumposch immer wieder versicherte, aber die bange Erkenntnis würde in ihm aufdämmern, daß er mit seiner Roheit an Kreise geraten war, deren scharfkantige Ehrbegriffe ihm furchtbar erscheinen mußten. Ihm und den anderen, die gegenüber von der Post beim Lammwirt saßen und, wie man recht gut wußte, ein unflätiges Vergnügen an dem bisherigen Gang der Ereignisse bezeugten.

Also über diese Notwendigkeit war man sogleich einig, und nun warf Oberamtsrichter Herzensfroh die wichtige Frage auf, wer das Amt des Kartellträgers, des, wie Gumposch versicherte, vergeblichen Kartellträgers übernehmen sollte.

In die engere Wahl kamen nur zwei Herren: Anton Gumposch und der pensionierte Leutnant Hans Mühlritter, denn es stand fest, daß kein Beamter sich der Aufgabe widmen durfte, weil die Expedition nicht geheimbleiben konnte und sollte.

Gumposch, ein mit dem Kodex der ritterlichen Pflichten vertrauter Mann, mußte die Wahl ablehnen, da er schon in anderer Eigenschaft, als Ratgeber und eventueller Sekundant, dem Menschen, nämlich Herrn Georg Pfaffinger, nähergetreten war, und so blieb nur Mühlritter übrig, der, ohne einen Augenblick zu zögern, seine Zusage gab.

»Für einen alten Soldaten«, sagte er, »gibt es da kein langes Hin und Her. Man stellt sich auf den Posten. Bong!« Alle dankten ihm herzlich, fast lärmend, und Gumposch, der, wie immer, den günstigen Augenblick ersah und das Richtige traf, bestellte eine Flasche guten Rheinweines.

Unter ihrem Einflusse wurde Mühlritter sehr gesprächig, und da er in seinem Leben wohl nie derartig in den Mittelpunkt des Interesses gestellt gewesen war, nützte er diese einzige und späte Gelegenheit nach Kräften aus.

Er war durch den magersten Ruhegehalt gezwungen, als Inspektor einer Lebensversicherung Nebenverdienst zu suchen, und in dieser Eigenschaft hatte er sich eine hinströmende und bilderreiche Redeweise angeeignet.

So verbreitete er also eine Atmosphäre von Ritterlichkeit und rauher Soldateska um sich und gab zu verstehen, daß solche Gänge, wie der vorhabende, zu seinen Gewohnheiten gehört hätten in jenen Tagen, die er mit Zungenschnalzen und Verdrehen der Augen seine tolle Leutnantszeit hieß.

Da Gumposch fleißig einschenkte und die Tafelrunde ihn mit Wohlwollen anhörte, geriet er immer tiefer in seine waffenklirrende Vergangenheit und berichtete Abenteuer, als wäre er bei Pappenheims Kürassieren gestanden und nicht im glorreichen Jahr 1866 zum Leutnant auf Kriegsdauer ernannt worden, und er überschüttete die Krämer, Brezelbäcker und Kälberstecher Dornsteins mit unsäglicher Verachtung, ganz vergessend, daß sie seine Mitbürger und Gläubiger waren.

Als die Mittagsglocke läutete, erwachten alle Familienväter aus ihren Heldenträumen und erhoben sich.

Junker Hans Mühlritter sah jedem vielversprechend ins Auge und teilte derbe Händedrücke aus und vermaß sich noch einmal und immer wieder, er wolle noch desselbigen Tages ein Feuerlein anschüren, an dem die Frechheit Pfaffingers wie Butterschmalz zergehen werde.

Dann blieben sie zu dritt am Tische sitzen, der Leutnant-Inspektor, Anton Gumposch und Tresser.

Die Gläser klangen hell und häufig aneinander, und Mühlritter trank, wie es recht war, Bruderschaft mit dem Jüngling, dessen Fehdebrief er dem Gegner überbringen sollte, und der Korpsphilister Gumposch hielt nicht an sich, sondern bot dem alten Kriegsknecht das traute »Du« an und küßte ihn auf das weinsäuerlich duftende Maul.

Und ein rauhes Wort gab das andere, und jugendliche Abenteuer tauchten auf und verschwanden wieder im Nebel des Zigarrenrauches, und Tresser versank in tiefe Traurigkeit darüber, daß sein Feind nicht auf dem Plan erscheinen werde.

»Und nacha«, so erzählt die Kellnerin Zenzi, »und nacha hat der Herr Gumposch an Schampaniger zahlt, und da san s' allaweil b'suffener worn, und der notige Leitnant is auf an Sessel durchs Zimmer g'ritt'n und hat kummadiert, und de andern san hinter eahm drei' g'ritt'n, und wenn er Galopp g'schriean hat, san s' mit die Stühl so umanandbockelt, daß zwoa brocha san, und g'sunga ham s', und da Herr Gumposch hat mit sein Steck'n umanandg'fuchtelt, als wenn er an Sabl in da Hand hätt', und nacha hat er a Lamp'n aba haut, und nacha san s' hoam.«

 

Nicht alle gingen heim, wie Zenzi glaubte, sondern Junker Hans marschierte über den Stadtplatz, und obwohl er krampfhaft sein Ziel, den Eingang der Hafnergasse, ins Auge faßte, landete er dennoch in schräger Linie seitab davon auf dem jenseitigen Bürgersteig und gelangte erst nach mehreren Schwierigkeiten vor die Wohnung der Frau Holdenried, welche erschrocken über den heftigen Klang der Glocke herausstürzte.

Der ihr nicht unbekannte Inspektor der Assekuranzgesellschaft Bolivia gab sich die größte Mühe, finster und ahnungsschwer auszusehen und das selige Lächeln aus seinem Antlitze weichen zu lassen.

Er fragte mit hohler Stimme, ob ein gewisser Georg Pfaffinger anwesend und gegenwärtig sei.

Nein, der komme erst in einer guten Stunde heim, und Jessas Jessas na! was es denn schon wieder gebe?

»Nichts für Weiber!« war die Antwort, und da schaute nun die gute Witwe Holdenried dem über die Treppe hinab Polternden in banger, aber ungestillter Neugierde nach und faltete die Hände ineinander, wie es die Frauenzimmer in solchen Lagen tun.

»Jessas na! Also seit zwei Täg' is keine Ruh und kein Fried mehr im Haus...«

Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister Widmann, welche durch den lauten Abstieg Mühlritters in Argwohn versetzt worden war, aus ihrer Wohnung.

»Was gibt's denn, Frau Holdenried?«

»Denken S' Ihnen nur, g'rad jetz is der Inspektor dag'wes'n und hat nach 'n Herrn Pfaffinger g'fragt...«

»Der Mühlritter?«

»Ja, und wie der ausg'schaut hat, sag' ich Ihnen, und wie der g'fragt hat... na... das is grad, als wenn mein Zimmerherr kein Ruh' mehr krieg'n derf...«

Frau Widmann kam nach oben und stand lange bei ihrer Hausgenossin und tauschte mit ihr die schlimmsten Befürchtungen aus.

Aber das war an diesem Tage das Los aller Dornsteiner, dieses Leben in Angstzuständen.

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