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Nachbarsleute

Ludwig Thoma: Nachbarsleute - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Thoma
year1987
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10741-9
titleNachbarsleute
pages3-163
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es ist Zeit, von Anton Gumposch zu reden. Denn über allem darf nicht vergessen werden, daß in der tätlichen Mißhandlung eines akademisch gebildeten Mannes der Anlaß zu einem Ehrenhandel vorlag, jedenfalls vorliegen konnte, wenn anders die uralten Gebote der Ehre auch in diesem südlichen Winkel unseres deutschen Vaterlandes noch nicht alle Geltung verloren hatten.

Daß sie es nicht hatten, daß sie zum mindesten nicht stillschweigend übergangen werden konnten, dafür bürgte die Existenz des Herrn Anton Gumposch.

Er war wohlhabender Rentner, Sohn und Enkel reicher Gutsbesitzer, der seine Stellung in der Gesellschaft wie seinen Bildungsfonds als Hospitant einer Universität erhöht hatte, oder, genauer gesagt, als Mitglied eines Korps. Er liebte den Schein der Arbeit und war immer bemüht, ihn sich zu geben, und wenn ihm auch jeder Trieb zu ernsthafter Beschäftigung fehlte, war er doch Tag für Tag lebhaft und regsam und beobachtete nicht ohne Strenge die Arbeit seiner Mitmenschen.

Wer sich rechtschaffen plagte, durfte sicher sein, daß ihm Gumposch wohlwollend auf die Achsel klopfte, und wer es im Kampfe ums Dasein vorwärts brachte, konnte in dem anerkennenden Lächeln des Herrn Gumposch den Ansporn zu neuen Anstrengungen erblicken.

Naturgemäß und ganz von selbst mußte sich ein so liebevolles Interesse für die Umwelt auch auf das Gemeinwohl erstrecken, und Gumposch war denn auch rastlos bemüht, alle Maßnahmen, Fürsorgen, Veranstaltungen und Anordnungen der städtischen Behörden Dornsteins einer sachlichen Prüfung wie einer ständigen Besprechung zu unterziehen. Sein nie ruhender Geist ersann täglich Pläne zur Hebung des Wohlstandes und Ansehens der Gemeinde; Hebung, Entwicklung, Fortschritt waren die Leitmotive seiner unzähligen Probleme, und so sehr stand er unter ihrem Banne, daß er nicht einmal die Möglichkeit eines Vorschlages prüfte, wenn er unter dem Zeichen von Hebung und Fortschritt zu stehen schien.

Gumposch versah im Geiste alle Berge der Umgebung mit Drahtseilbahnen, wollte auf den Höhen Riesenhotels anlegen, Bäche anstauen, um Seen für den Wintersport zu erhalten, rundum im Lande alle Wasserkräfte erwerben zu großen städtischen Fabrikanlagen, er projektierte elektrische Bahnen nach allen Ausflugsorten, Konzertsäle und Kaffeehäuser in der Stadt, und war immer mit einem neuen Plane zur Hand, wenn die Dornsteiner Rückständigkeit den alten kopfschüttelnd abgelehnt hatte, und war immer begeistert und ließ über den Häuptern einer grämlichen Philisterschar die Fahne des Fortschrittes flattern, des Fortschrittes, der Hebung und der Entwicklung.

Gumposch war als Politiker jenem früher allgemein üblichen Liberalismus zugetan, der ohne eigentliches Programm nur ab und zu bemerkbar wurde, wenn er sich gegen ultramontane Bedrückung aufbäumte oder sich bei Festen in Liedern erging. In gewöhnlichen Zeitläuften machte er nicht viel Aufhebens von seinen politischen Meinungen und vermochte sie auch wohl zu ändern und anzupassen, aber wenn Wahlen im Reiche waren, erhob Herr Gumposch einen starken Lärm, ließ sich auf den Schild heben und vermaß sich, der liberalen Idee neues Terrain zu erobern. Im ›Dornsteiner Boten‹ tauchten Nachrichten auf von Reden, die unser Herr Gumposch hier und dort gehalten hatte, und von sichtbaren Eindrücken, die seine vaterländisch tiefempfundenen Worte auf die Bevölkerung gemacht hatten.

Das ›Dornsteiner Wochenblatt‹ hingegen strotzte von hämischen Invektiven gegen den verdienten Bürger der Stadt und mußte in jeder Nummer Gumposchische Erwiderungen auf Grund des bekannten Paragraphen bringen, mit Repliken und Dupliken, in denen ein überlegener Hohn bald auf dieser, bald auf jener Seite zu finden war.

In solchen Zeiten, da deutsche Männer ihre ganze Vaterlandsliebe aufbringen müssen, um nicht vom Ekel übermannt zu werden, und ihre ganze Kraft, um nicht erschöpft zusammenzubrechen, und ihren nimmer versiegenden Glauben an Deutschlands Zukunft, um nicht daran zu verzweifeln, in solchen Zeiten fühlte sich Gumposch am wohlsten.

Das Zielscheibesein für gewissenlose Angriffe oder für Pfeile aus dem Hinterhalte war seiner Natur so recht entsprechend und stillte sein Bedürfnis, ein Mittelpunkt zu sein.

In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben, daß auch stumpfe Naturen bei seinem Anblick in Bewegung gerieten, daß sonst gleichgültige Bürger vielsagend mit den Augen zwinkerten, wenn sie ihm begegneten, daß im Gasthause bei seinem Eintritte die Leute die Köpfe zusammensteckten, und es kam auch vor, daß der eine und andere ihm lautes Lob erteilte.

Und wenn dann am Wahltage, wohlgemerkt auf Kosten des Herrn Gumposch, im Redaktionsfenster des ›Dornsteiner Boten‹ nach ganz neuzeitlichen Prinzipien die Wahlresultate hinter beleuchtetem Glase auftauchten und in diesem magischen Licht auch der Name Gumposch erstrahlte, und war es mit noch so wenig Stimmen des Durchfalles, dann bildete dieser Moment einen schönen Abschluß beseligender Wochen. Man sieht, daß dieser Mann ein Pol im Kreise der öffentlichen Interessen war, und darum noch einmal: es ist Zeit, bei diesem Ehrenhandel von ihm zu reden.

Er stand vor der Tatsache, daß Herr Rechtspraktikant Tresser nach einem heftigen Wortwechsel im überfüllten Höllbräusaale von Herrn Pfaffinger geohrfeigt worden war, und er war keineswegs geneigt, diesen Vorfall leicht zu nehmen oder ihn mit sattsam bekannten Vernunftgründen aus der Welt zu schaffen oder mit Worten einer billigen Entrüstung abtun zu lassen.

Nein! Hier war endlich ein wirklicher Skandal gegeben, an dem Leute beteiligt waren, von denen der eine gewiß, der andere vielleicht zum Verständnisse des tiefen Ernstes der Sache gebracht werden konnte.

Und Gumposch fühlte sogleich, daß er der Mann dazu war, diese Angelegenheit in die Hand zu nehmen, ihr Einschlafen zu verhindern, ihr einen honetten Ausgang zu verschaffen.

War es ohne Bedeutung für den gebildeten Teil der Dornsteiner Gesellschaft, wenn die bürgerliche Welt sah, daß dieses Renkontre nicht anders und nicht ernsthafter behandelt wurde wie etwa eine Schlägerei in den niederen Schichten? War es ohne erzieherischen Wert, wenn das Bürgertum einsehen lernte, daß zwischen seiner Auffassung von Händeln und ihren Folgen und der Auffassung von satisfaktionsfähigen Männern denn doch ein unüberbrückbarer Abgrund klaffte? War es zuletzt für die Reputation der Stadt so gleichgültig, wenn hier Prügeleien nicht anders bemessen wurden als in dem nächsten Bauerndorfe?

Noch einmal nein!

Hier war Gelegenheit geboten, mit höheren Ansichten durchzudringen, dem Ehrenstandpunkte Geltung zu verschaffen, gegenüber einer Bevölkerung, die nur zu leicht geneigt war, die Schranken nicht zu sehen, welche sie von der gebildeten Klasse trennten.

Wenn diese Bevölkerung mit aus Grauen und Bewunderung gemischten Empfindungen sehen mußte, daß in gewissen Sphären ein Mann eben doch anders für seine Handlungen einzustehen habe als Krethi und Plethi – jawohl Krethi und Plethi –, dann fiel von der abgerungenen Hochachtung auch für den Mann ein gut Teil ab, der dem Ehrenstandpunkte zum Siege verhalf und seine Zugehörigkeit zur besten Klasse klar und deutlich und weithin sichtbar bewies.

Alle diese Gründe, in einem Selbstgespräche und vor dem Spiegel mit Kraft vorgetragen, brachten Herrn Anton Gumposch schnell zu dem Entschlusse, seine Person in den Vordergrund zu schieben und das pöbelhafte Ereignis auf ein höheres Niveau zu bringen.

Der Weg zu diesem Unternehmen war vorgezeichnet. Daß Herr Tresser nicht erst einer Überredung bedurfte, um in der Sache klar zu sehen, war wohl anzunehmen.

Hingegen erschien es mehr als zweifelhaft, ob Herr Georg Pfaffinger nach Erziehung und Charakter in der Lage war, seine Pflicht zur Genugtuung voll zu begreifen.

Hier also mußte der Leiter der Angelegenheit einsetzen.

Zum ersten war die Frage zu prüfen, ob der Brauereivolontär satisfaktionsfähig war.

Vor nicht langer Zeit hatte die Regierung der Brauereiakademie den Charakter einer Hochschule verliehen, und damit war offenbar nicht nur dem Biersieder die Würde einer gelehrten Beschäftigung zugesprochen worden, sondern auch den Kandidaten die Eigenschaft des akademischen Bürgers.

Es bestand sohin gegründete Hoffnung, daß Herr Georg Pfaffinger auch von strengen Beurteilern für satisfaktionsfähig betrachtet werden konnte – – aber!

Ob sich der Mann diese Eigenschaft selbst zuerkannte, in einem Zeitpunkte, da sie für ihn brenzlich war, das mußte bezweifelt werden.

Gumposch, der sich zuweilen auch jovial zu geben wußte, kannte Schorschl von einigen gemeinsamen Früh- und Abendschoppen her und hatte einen Einblick getan in dessen robustes und bildungsfremdes Wesen.

Der ungeschlachte Jüngling hatte von Welt und Menschen eine durchaus bräuburschige Ansicht, und seiner Art lag es bestimmt näher, Streitigkeiten mit Watschen als mit Pistolenschüssen auszutragen.

Vielleicht wäre jeder andere zurückgeschreckt vor der Aufgabe, einen Pfaffinger über ritterliche Pflichten aufzuklären, vielleicht hätte jeder andere dieses hoffnungslose und übel angebrachte Beginnen von sich gewiesen, aber Gumposch hatte das stärkste Vertrauen auf die Macht seiner Persönlichkeit, und er ging sogleich daran, sein Vorhaben auszuführen.

Er zog seinen Gehrock an und bedeckte das Haupt mit einem Zylinderhute, und wenn dieser feierliche Aufzug an einem Werktage in Dornstein Aufsehen erregen mußte, so war das ganz und gar nicht den Absichten des Herrn Gumposch zuwider, denn er war nicht der Mann, eine so wichtige Sendung in Heimlichkeit und Stille zu vollziehen.

Im Gegenteil, als er an diesem hellen Vormittag über den Stadtplatz wandelte, verstärkte er so viel er nur konnte durch seine düstere Miene die Seltsamkeit seiner Erscheinung, und er bemerkte es gerne, daß man die Hälse reckte und aus Fenstern nach ihm sah.

Der Metzgermeister Eder pfiff und schrie hinter ihm her, was denn los wäre, und der Uhrmacher Haas nahm hastig das Vergrößerungsglas von seinem Auge und humpelte ins Freie.

»Herr Gumposch! Pst! Sie, Herr Gumposch, is a Leich oder was?«

»Heut is keine Leich oder was«, sagte Gumposch ungnädig und wie ein Mann, der nicht aufgehalten zu werden wünscht.

»Ja no! Weil S' an Bratlrock o'hamm. Machen S' an B'suach?«

»Besuch?«

Gumposch blickte dem neugierigen Uhrmacher ins Auge und sagte, jede Silbe betonend: »Jawohl, Herr Haas, ich mache einen Besuch!«

Haas verstand, daß hier irgend etwas im Hintergrunde lauere und erschrak beinahe darüber.

»S... soo? Und bei wem, wenn i frag'n derf?«

»Sie dürfen eben nicht fragen.«

»Net?«

»Respektive«, sagte Herr Gumposch, »respektive ich darf Ihnen keine Antwort nicht geben...«

»Ja, aber...«

»Was?«

»I moan, warum nacha net?«

»Weil es Dinge gibt, Herr Haas, über die man nicht spricht.«

Bei diesen Worten machte Gumposch eine scharfe Wendung nach links in die Hafnergasse und ließ den verblüfften Uhrmacher in tiefem Sinnen stehen.

»... Wei... weil...?«

Weil es Dinge gibt, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen läßt, schlichter Bürger...

Schauen Sie ihm nach, wie er dahingeht mit dem in die Stirne gedrückten Zylinder, winken Sie Ihrem Nachbar, dem Lohgerber, zu, der mit noch aufgekrempelten Ärmeln unter der Tür steht, wispert miteinander, lacht oder klopft vielsagend an die Stirne, ihr ahnt es nie, daß dieser Mann einen Gang geht, von dem Leben oder Tod abhängen kann!

Obwohl dem bedeutsam Ausschreitenden auch von hinten etwas anzusehen wäre, was man Schicksalsschwere nennen könnte.

 

»Herein!«

Mit stark verschleimter Stimme: »Herein!«

Herr Pfaffinger drehte sein Haupt, auf dem alle Haare wirr durcheinander geraten waren, mühsam gegen die Türe hin und versuchte es, die verklebten Augen zu öffnen.

Sein unsagbar leerer Blick fiel auf seine Hausfrau Margarete Holdenried, die ihn eifrig und mehrmals anrief.

»Herr Pfaffinger! Herr Pfaffinger!«

»Wos denn?«

»Da Herr Gumposch is da!«

»Da... da...?«

»Da Herr Gumposch!«

Das Erinnerungsvermögen Schorschls erstreckte sich offenbar nicht auf diese bedeutende Persönlichkeit.

Er sagte »von mir aus!«, gähnte und drehte sich um.

»Ja, aba Herr Pfaffinger, da Herr Gumposch möcht Ihnen doch sprechen!«

»Han?«

»Er muß Ihnen auf der Stell sprechen, hat er g'sagt...«

»Mi?«

»Freilich, es muaß was Dringends sei...«

»Er soll ma mei Ruah lass'n...«

»Ja, aba, wenn er do sagt...!«

»I steh net auf.«

Frau Holdenried stand ratlos unter der Tür und sah auf ihren Zimmerherrn, der die Decke über die Schultern zog und zu schnarchen anfing.

»Aba...«

»Lassen S' mich nur herein«, sagte Herr Gumposch, schob sie höflich ein wenig beiseite und betrat das Zimmer.

»Jessas, wia's aba da ausschaugt!« seufzte Frau Holdenried, »... und... und«, setzte sie bei und öffnete ein Fenster.

»Ich muß eine Viertelstund' allein sein mit'n Herrn Pfaffinger«, mahnte der Besucher.

»Aba wia's da ausschaugt!«

»Das ist jetzt Nebensache... auf das geb' ich gar nicht acht...«, sagte Herr Gumposch.

»Ja no, wenn S' meinen, aba...«

Frau Holdenried schüttelte mißbilligend das Haupt und übersah noch einmal mit einem Blick die wüste Unordnung im Zimmer, hob die Weste vom Boden auf, erhaschte die beiden Stiefel, schüttelte wieder das Haupt und ging.

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