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Nachbarsleute

Ludwig Thoma: Nachbarsleute - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Thoma
year1987
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10741-9
titleNachbarsleute
pages3-163
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3

Tante Marie hatte sich umsonst geängstigt. Herr Josef Schragl, Sparkassenverwalter in Plattling, hatte die Trauernachricht in der Zeitung gelesen und sogleich die Reise angetreten. So traf er mit einem Zuge, der für viele Leute nicht in Betracht gekommen wäre, am Begräbnistage morgens um halb sechs Uhr in Sünzhausen ein.

Und in gewisser Beziehung war das ein günstiger Umstand, denn so, wie er sich ansah, hätte der Herr Verwalter nicht zu der vornehmen Schar gepaßt, die am Abend vorher die Bewunderung der Sünzhausener erregt hatte.

Der dicke, kleine, vor Aufregung schwitzende Mann trug an diesem Sommertage einen schwarzen Überzieher, der wirklich ein verächtliches Stück von Garderobe war, und noch dazu trug er ihn höchst unschön, den unteren Knopf geschlossen, über der Brust sich bauchend und am Rücken breite Falten werfend.

Unter dem Mantel schob sich ein schwarzes Beinkleid vor, das zu kurz war, und also nicht schonend über die mit einer Spange geschlossenen Schuhe fiel, ja sogar bei heftigem Ausschreiten einen Teil der wollenen Socken bemerken ließ.

Sein Haupt war bedeckt mit einem Zylinderhute, den er seit Jahrzehnten bei Leichenbegängnissen trug, und der von vielen ungünstigen Witterungsverhältnissen arg mitgenommen war.

In der rechten Hand, die wie die linke in einem baumwollenen schwarzen Handschuh steckte, trug er einen Kranz, der die seltsamen Schönheitsbegriffe eines Plattlinger Landschaftsgärtners verriet, und obwohl an seinem Äußeren nichts zu schonen war, hatte er einen großen Regenschirm bei sich, dem keine Kunstfertigkeit eine annehmbare Form hätte geben können.

Der Herr Verwalter war aber gewiß darauf nicht bedacht gewesen. Er trug den Schirm, so wie er war und sich zusammenlegte, einfach als nützlichen Gegenstand.

Er ließ sich den Weg zum Trauerhause zeigen und zog vor sechs Uhr erst leise, dann stärker an der Türglocke, bis endlich die Köchin herbei eilte, der er sich zu erkennen gab als Bruder des Herrn Kommerzienrates.

Er wollte gleich zu seiner armen, beklagenswerten Schwägerin geführt werden, und als die Köchin bestürzt antwortete, daß ja die gnädige Frau noch im Bette liege, versicherte er treuherzig, das störe ihn nicht, und sie solle ihm nur das Zimmer zeigen.

Die Köchin sagte, sie wolle es versuchen und bei der gnädigen Frau anklopfen und sagen, daß der Herr... der Herr Bruder vom gnädigen Herrn da sei, und er möchte nur einen Augenblick warten.

Aber der Herr Verwalter hatte kein Verständnis dafür, daß es auch in solchen Momenten noch solche Bedenken gäbe, und er stieg hinter der eilenden Köchin die Treppe hinauf und stolperte redlich über die Stufen, weil er nicht acht gab, sondern sich in Gedanken das Zusammentreffen mit der gebeugten Witwe überaus schmerzlich ausmalte.

Zum Glück hatte Tante Marie, die längst nicht mehr schlief, die Glocke und dann Gemurmel und Geräusch vernommen und öffnete die Türe und sah ihren Bruder die Treppe heraufkommen. Sie winkte der Köchin ab und eilte dem guten Onkel Peppi entgegen, umarmte ihn und vergoß zunächst reichliche Tränen.

»So, Peppi«, sagte sie, »und jetzt wartst an Aug'nblick drunt'n im Gang. Ich komm gleich nunter...«

»Aber d' Schwägerin...«

»Die siechst nacha scho. Jetz geh abi, gel... i mach mi g'schwind ferti... O mei, Peppi... wer hätt dös denkt?...«

Der Herr Verwalter, der in der einen Hand den Kranz, in der andern den Zylinder hielt, ließ sich noch einmal umarmen und ging dann gehorsam die Treppe wieder hinunter, stellte sich unter die offene Haustüre und schaute trübselig in den wunderschönen Morgen hinaus und bemerkte es kaum, wie fröhlich die Stare pfiffen und die Schwalben zwitscherten.

Nach einer kurzen Weile kam Tante Marie und sagte: »Jetzt laß dir nochmal Grüß Gott sag'n, Peppi! Gelt, das hätt'n mir alle zwei net denkt, daß mir aus an solchen Anlaß z'sammkomma müßt'n, und wenn mir einer g'sagt hätt', daß der arme Simon vor mir weg müßt, hätt' i 's net glaubt....

»I wohl aa net«, sagte Peppi.

»Willst...?«

»Was meinst?«

»Willst d' jetzt nei' dazu?«

Er nickte, und sie faßte ihn unter und ging mit ihm in das Zimmer, darin jetzt der Tote aufgebahrt im Sarge lag.

Der Anblick erschütterte den Verwalter so, daß er Kranz und Zylinder weglegte und ein großes, buntkariertes Taschentuch hervorzog, um die Tränen, die ihm über die Wangen liefen, abzutrocknen.

»Gel«, sagte Tante Marie, »so still und friedlich liegt er da, als wenn er schlafet?«

Peppi konnte nur nicken, und er gab sich Mühe, seinem Schluchzen Herr zu werden.

»Mußt net so weinen«, tröstete ihn die Schwester. »Schau, wenn's scho sei' hat müss'n, na war's so wenigstens am best'n. Er hat net leid'n müssen, hat nix g'wußt und war auf einmal weg. An schönern Tod hätt er sich selber net wünsch'n könna...«

Aber was helfen die Worte? Dem alten Manne fiel es mit einemmal schwer aufs Herz, daß er im Leben so wenig mit dem lieben Gefährten seiner Jugend zusammen gewesen war.

Neidlos hatte er ihm allen Erfolg gegönnt, aufrichtig hatte er sich darüber gefreut, und nur aus Bescheidenheit hatte er sich ferngehalten, nur in dem Gefühle, daß er zu dem Glanze nicht passe. Und so war er immer scheuer geworden und hatte wohl nicht bedacht, daß ihrer beider Tage gezählt sein könnten. Jetzt kam es über ihn, daß sie zu wenig warme Freundlichkeit ausgetauscht hatten, daß jeder sein herzliches Gefühl zu selten gezeigt hatte. Ja, hätte er daran gedacht! Den weitesten Weg wäre er gegangen, um noch einmal den Bruder zu sehen und ihm zu sagen, daß er allezeit sein Stolz gewesen war, daß er so viele Male seine Gedanken zu ihm geschickt hatte, lauter gute, freundliche Gedanken.

Er strich mit einer zärtlichen Bewegung dem Toten über das Haupt, und die Tränen rannen ihm über die runzeligen Wangen herunter und fielen auf den unmodernen Mantel und rollten in seinen Falten weiter.

Das griff die alte Schwester heftig an, und mit unterdrücktem Weinen bat sie: »Geh, lieber, armer Peppi, laß's jetzt gut sei! Sag ihm Bhüt Gott, gar z' lang wer'n mir alle zwei ihm net nachtrauern müss'n... Komm jetzt!«

Da legte der Verwalter seinen Kranz zu Füßen des Sarges, und netzte seine Finger mit Weihwasser und machte auf Stirne, Mund und Brust des Toten das Zeichen des Kreuzes. An der Türe wandte er sich noch einmal um und schaute nach dem Bruder hin, und mit einem tiefen Seufzer sagte er: »Ja... ja... der Simmerl!«

Tante Marie faßte seine Hand und führte ihn durch den Gang hinaus ins Freie. Vor dem Hause setzten sie sich auf eine Bank, und lange schwiegen sie beide und sahen vor sich hin.

»Ja so... d' Schwägerin...«, sagte Peppi und wollte aufstehen.

Seine Schwester hielt ihn sanft zurück.

»Laß nur! Sie kommt nacha scho runter, und d' Kinder auch...«

Und da fiel ihr der letzte Abend ein, und sie erzählte dem Bruder, daß sie ihm telegraphiert hätten, und wie gescheit und kurz entschlossen sich das Mädel gezeigt habe.

»Die is ganz unser Simon und g'fallt mir schon recht gut. Weißt, grad so resolut, wie er allaweil war, net viel Wort', aber was s' sagt, hat Hand und Fuß. I hab ja a bissel Angst g'habt, du verstehst mi scho, daß die Kinder am End... no ja... a bissel hoch drob'n sei' könnt'n, a bissel... wie sie halt... oder wie sie wenigstens war, aber i muß sag'n, beim Mädel wenigstens is kei Spur davo. Vom Bub'n hab i net viel g'seh'n und g'hört, da weiß i noch z' wenig. Aber 's Mädel, i muß scho sag'n, da is mir's Herz aufgangen. Ganz der Vater, wie er war als a junger. Resch und gutmütig, aa weich, aber net gern kenna lass'n, sondern Kopf hoch, wenn's wer siecht, gar kein Theater, verstehst, wie... no ja... wie sie wenigstens früher war...«

Peppi nickte, ohne recht hinzuhören. Er war mit seinen Gedanken weit weg, in Nabburg, in der alten Zeit. Wie er den Bruder damals besucht hatte und der einen Sonntagnachmittag aus dem Geschäfte gehen durfte, mit ihm, und wie er ihm damals von seinen Plänen erzählte und so zuversichtlich war, und alles erfüllte sich dann später, noch viel schöner, wie er's gehofft hatte...

»Da is s' scho«, sagte Tante Marie und stand auf, um ein junges, schlankes Mädchen zu begrüßen, das aus dem Hause kam, und das also die Tochter war und Elise hieß oder Beß und dem alten Onkel die Hand ganz merkwürdig kräftig drückte.

Der Herr Verwalter machte ein paar linkische Verbeugungen und kam in Verlegenheit, denn Damen hatten auf ihn stets diese Wirkung, selbst die Plattlinger, und was er hier vor sich sah, war doch im Aussehen und im sicheren Benehmen etwas Vornehmeres, und so stammelte er wirklich etwas von Fräulein und Ehre, bis Tante Marie ihn auf den rechten Weg wies.

»Jetzt du bist gut, Peppi; sagt er zu seiner leiblichen Nichte Fräulein, und womögli sagt er ›Sie‹. Nimm's no fest beim Kopf, sie is scho 's Madl von unserm Simon...«

Das traute sich nun der Herr Verwalter nicht, aber er tätschelte einmal und noch einmal das Mädchen auf die linke Wange und murmelte so etwas wie »arm's Kind«.

Beß aber gewann aufs neue die Bewunderung der Frau Apotheker, indem sie die Befangenheit ihres Onkels auf die einfachste Weise behob.

»Lieber Onkel«, sagte sie so selbstverständlich, als hätte sie ihn seit Jahr und Tag gekannt, »lieber Onkel, du hast gewiß noch kein Frühstück bekommen und hast die lange Fahrt machen müssen...«

Der Herr Verwalter murmelte, daß er eigentlich nicht gefrühstückt habe und eigentlich nichts wolle, aber noch vor er ausgeredet hatte, war das Mädel ins Haus gesprungen und in die Küche geeilt.

»Was sagst jetzt?« fragte Tante Marie ihren Bruder. »Is dös net a liabs Ding, a wundernetts?«

»Sie hat viel vom Simmerl, b'sonders die Aug'n...«, sagte der Onkel.

»Und um an Mund und überhaupts und b'sonders im Benehmen. Du bist ganz verdattert g'wes'n und sagst Fräulein zu ihr, no ja... halt a bissel leutscheu, wie's d' allaweil g'wes'n bist, aber sie! Lieber Onkel, sagt s', und glei fallt ihr wieder des Richtige ei, und g'sagt und toa is bei ihr oans. Na! I muaß scho sag'n, dös Madl kunnt gar net liaba sei, und i kunnt's net liaba hamm, wenn's mei eigens Kind waar, und gar nix G'schupft's und nix Verkünstelt's is dro, net dös G'ringste von ihr...

Beß kam wieder und deckte wahrhaftig selber den Tisch mit einer blühweißen Leinwanddecke und sorgte dafür, daß heißer Kaffee kam und Eier und Butter, und sie nötigte den Onkel zuzugreifen und tat alles so reizend, daß Tante Marie mit strahlenden Augen dabei saß und ihr freundlich zulächelte.

Über den Herrn Verwalter kam ein wohliges Gefühl von Daheimsein und Zugehörigkeit, so daß er beinahe gesprächig wurde und von seinem letzten Zusammentreffen mit dem lieben, armen Simon erzählte, und daß er Johnny, der dazu kam, schon viel herzlicher und freier begrüßte.

Das Gespräch blieb in Fluß, und mit Fragen und Antworten kam man sich immer näher.

Als eine halbe Stunde später der Herr Staatsrat aus der Türe trat, um einen verwunderten Blick auf die morgenfrische Natur zu werfen, sah er mit Staunen diesen Teil der Familie einträchtig beisammensitzen und sah, wie links Beß und rechts die Frau Apotheker jede eine Hand des schlechtgekleideten Individuums gefaßt hielten.

Er wollte nach einem leichten Kopfnicken in den Garten hinaustreten, aber Beß sprang auf und teilte ihm mit, daß Onkel Peppi angekommen sei.

Die kreisrunden Augen Seiner Exzellenz erweiterten sich noch etwas. »On... kel... so... so...?«

»Der Bruder von Papa«, ergänzte Beß.

»Der Bru... so... so?«

Und da waren auch schon die anderen zu ihm getreten, und der Herr Verwalter, im vollen Besitze seiner Sicherheit, streckte dem Staatsrate die Hand entgegen und sagte: »Grüß dich Gott, es freut mich sehr...« Wahrhaftig, er sagte: »Grüß dich Gott, es freut mich sehr...«, und fügte hinzu, »Oder eigentli, es ist ja sehr trauri, daß mir uns bei dem Anlaß kennen lernen...«

»Mir uns kennen lernen«, sagte er.

Wenn Staatsräte überhaupt mit Sparkassenverwaltern zusammentreffen, und es ist wohl anzunehmen, daß dies selten geschieht, aber wenn es durch merkwürdige Zufälle ermöglicht wird, dann müßten eigentlich die Sparkassenverwalter in Verwirrung geraten. Hier aber ereignete sich das Unvorhergesehene; der Staatsrat war noch mehr als verwirrt, er war bestürzt, und das kam sicherlich von dem Umstande her, daß er von einem wildfremden Menschen, der mit Spangen geschlossene Schuhe und zu kurz gewordene Hosen trug, schlankweg geduzt wurde.

Der Herr Staatsrat blickte über die Verwandtschaft hinweg ins Leere, und das Erstaunen in seinen kreisrunden Augen steigerte sich bis zur Hilflosigkeit, und als er zu sprechen begann, stotterte er.

»Tja... ja...« sagte er, »so... so... so... Bru... Bruder des Verstor – be – nen... tja... ja... ja. Ich... ich ver... stehe das alles nicht.«

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