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Nachbarsleute

Ludwig Thoma: Nachbarsleute - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Thoma
year1987
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10741-9
titleNachbarsleute
pages3-163
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Rechtsanwalt Liebenow, Charlottenstraße. Der junge Herr war auf dem Sofa eingeschlafen, in der unbequemen Stellung, die Muschelgarnituren erzwingen. Das Genick schmerzte ihn, als ihn seine Hausbesorgerin mit der Nachricht weckte, daß ihn eine junge Dame geschäftlich sprechen wolle.

Er ordnete seinen Anzug, stäubte Zigarettenasche von der Weste ab.

»Eine junge Dame? Mandantin oder...?«

Die Wirtschafterin zog die Achseln hoch. Wußte man's?

In diesem Augenblick trat Hanna ein.

»Gnädiges Fräulein, Sie?«

»'n Tag! Störe ich?«

»Nicht im mindesten; ich hatte nur einen Fall zu bearbeiten...«

»Ist es der?« Sie deutete auf den rot eingebundenen Roman, der am Boden lag.

»Na, wenn Sie schon alles sehen, aber was führt Sie hierher?«

»Eine geschäftliche Angelegenheit.«

»Eine...?«

»Ja. Sie sind das wohl nicht gewohnt, aber ich komme wirklich, um Ihren Rat zu erbitten.«

»Ich dachte nur, daß gerade Sie...«

»Ich komme nicht in eigener Angelegenheit. Es betrifft einen Bekannten, oder sagen wir Verwandten...«

»Sagen wir Verwandten. Darf ich bitten?«

»Sie werden feierlich, wie 'n Zahnarzt, aber auf das Sofa setze ich mich doch lieber nicht. Sie haben mit den Schuhen darauf gelegen.«

»Scharfsinniges Mädchen... dann auf den Stuhl.«

Hanna lehnte sich zurück, nahm eine Zigarette an, klopfte sie sachkundig auf die Handfläche und rauchte.

»Also?«

»Hm... ja... man kann bei Ihnen ziemlich weit ausholen, nicht wahr? Von Mandanten wird man nicht gestört?«

»Nicht sehr...«

»Ich werde es Ihnen als Märchen erzählen. Es war einmal ein älterer Herr, gut situiert, passabler Familienvater, sonst wie alle andern. Natürlich machte er das mit, was passable Familienväter immer noch als spaßhaft betrachten. Wenn davon die Rede ist, kneift man ein Auge zu. Herr Justizrat verstehen?«

»Vollkommen.«

»Na, und da verirrte er sich mal, es muß ja nicht gerade im Walde gewesen sein, und er kam zu einer bösen Hexe, die ihn längere Zeit nicht los ließ...«

»Darf ich weiter erzählen?«

»Gewiß; ich sehe dann, ob Sie Kombinationsgabe haben.«

»Also, die Hexe wollte ihn aufessen und rupfte ihn, aber da suchten ihn seine Angehörigen, die Angst um ihn bekommen hatten...«

»Nein, er kam selbst los...«

»So? Gewöhnlich geht es anders im Märchen. Aber wenn er sich selber frei machte, dann suchte ihn jetzt die böse Hexe...«

»Gewiß. Er hat einen Talisman bei ihr gelassen, mit dem sie ihn zurückzaubern kann.«

»Der alte Esel hat ihr was Schriftliches gegeben?«

»Ja. Das heißt, der alte Esel hat ihr Briefe geschrieben.«

»Sonderbar!«

»Ist das nicht immer so bei Anfängern und alten Herrn?«

»On revient toujours... aber das meine ich nicht. Ich finde es sonderbar, daß eine so kluge Tochter einen so naiven Papa hat.«

»Gott! das liegt vielleicht in der Natur der Sache...«

»In der Natur der Sache... möglich. Aber ich wundere mich, daß man immer wieder die gleichen Fehler macht.«

»Eben. Wozu geht man in französische Lustspiele, wenn man nicht lernt, wie man ohne Gefahr seine Frau betrügen kann?«

»Sie haben so recht, gnädiges Fräulein. Das Märchen hat natürlich noch keinen Schluß?«

»Nein; wir sollen den Talisman zurückbringen.«

»Wenn man erst wüßte, wo die Hexe ist.«

»In der Bülowstraße 26. Ilka von Törkely...«

»Uff!«

»Was haben Sie?«

»Ein Bekannter von mir, oder sagen wir, ein Verwandter...«

»Kennt sie? Gut?«

»Nee, flüchtig. So von der Bühne her. Aber das gäbe doch die Möglichkeit, mal zu sondieren...«

»Wenn nur dann nicht Ihr Verwandter in den Käfig gesperrt wird?«

»Nee, der ist nicht alt genug.«

»Sind Sie sicher?«

»Absolut. Dem jungen Mann fehlt jede Naivität.«

»Wir wollen es hoffen, und ich dachte auch gleich, daß Sie nach der Richtung hin irgend etwas ausfindig machen. Wenn juristische Erfahrung etwas helfen könnte, wäre ich natürlich zu Justizrat Pillkuhn gegangen.«

»Natürlich. Also dann lasse ich mal meinen Verwandten los...«

»Ja... und noch etwas. Machen Sie sich Papa gegenüber etwas wichtig. Schicken Sie Rohrpostbriefe, Depeschen, eingeschriebene Briefe!«

»Gerne. Darf ich fragen, warum?«

»M... m... Sie scheinen naiver zu sein als Ihr Verwandter. Ich möchte, daß Sie Anspruch haben auf Papas Dankbarkeit...«

»Ach so!... Hanna!«

»Nich so stürmisch! Erst müssen Sie den Talisman herbeibringen und mir Gewißheit geben, daß Ihr Verwandter nicht von der Hexe eingesperrt wurde. Ich möchte nicht, daß das Scheusal in der Familie bleibt.«

»Ich garantiere für ihn.«

»Schön. Übrigens, wie lange sitze ich nun schon bei Ihnen?«

»Jedenfalls zu kurz.«

»Nee, ganz sachlich! 'ne halbe Stunde, und es hat noch nicht 'n einziges Mal geklingelt. Sie haben scheinbar gar keine Mandanten?«

»Nur 'n paar. Aber reizende.«

»Danke. Ich wollte Ihnen nur sagen, wenn Sie sich schon wirklich verheiraten, werden Sie sich bei Ihrer Frau nicht mit dringenden Geschäften ausreden können. Und nun adieu, Herr Justizrat.«

»Adieu...!«

»Nein... nein! Bitte... keine unpassenden Versuche!«

 

Rentier Schwalbe hatte einen Nervenkollaps. Man muß sich das nur richtig vorstellen. Seit drei Tagen saß er auf der Lauer, fuhr bei jedem Glockentone zusammen, horchte auf Schritte, Stimmen, lebte wieder auf und sank wieder zusammen. Drei Tage saß er beim Tee, drei Abende beim Essen. Es war eine Katastrophe für seine Seelenstärke, aber auch für Tinchens Phlegma. Dieses blieb siegreich. Die zartest hingehauchten Flötentöne ihres Mannes, sein Erbleichen, sein Augenspiel mit Rieke, sein Verstummen und dann wieder seine überquellende Beredsamkeit fielen ihr nicht auf. Schwalbe aber erlebte Fürchterliches. Am Morgen des dritten Tages kam ein Telegramm, das er mit zitternder Hand öffnete. »Habe Aussicht, Klarheit in die Situation zu bringen. Liebenow.« Nachmittags kam eine weitere Depesche: »Wichtige Erkundigungen eingeleitet. Liebenow.« Abends brachte die Post einen Rohrpostbrief, als die Familie bei Tische saß.

Es war ein entscheidender Moment. Rieke eröffnete ein Gebärdenspiel, als wenn sie einen Vortrag im Taubstummeninstitut halten müßte. Sie rollte die Augen, blinzelte, klappte ihr Maul zu dem lautlos gesprochenen Worte: »Brief« auf und zu, deutete auf ihre Tasche, hustete, räusperte sich, als wollte sie eine Bierschnecke auf den Teppich spucken, und ging nicht mehr aus dem Zimmer.

Schwalbe saß auf Nadeln, winkte dem dämlichen Trampel heimlich, aber sehr wütend ab, zwang sich zu einem Lächeln und fragte Tinchen, warum sie nie mehr ins Theater gehe. Tinchen hielt schläfrig die Augen auf ihren Teller gesenkt.

»Ist Moi...?«

»Ist Moissi schon wieder zurück?« wollte sie fragen, aber sie gab es mitten drin auf. Hannchen, die die Situation beherrschte, brach in lautes Lachen aus und half ihrem Papa. »Hast du das Abendblatt?« fragte sie ihn. »Vielleicht steht etwas in den Theaternachrichten.«

Er sprang diensteifrig auf und eilte hinaus: Rieke, der er einen drohenden Wink gegeben hatte, sauste hinter ihm drein. Auf dem Flur fuhr er sie mit gedämpfter Stimme an: »Was ist los?«

»'n Eilbrief, gnädcher Herr.«

»Brüll nicht so, Bähschaf! Und wenn du mir ein Zeichen machst, stell' dich nich so dämlich an! Mit dir könnte man Wände einrennen.«

»Der gnädche Herr sagte doch...«

»Ach was..., wo ist der Brief?«

Sie suchte ihn ziemlich lange in der Tasche und gab ihn dann zerknittert dem ungeduldigen Herrn, der damit in sein Studio eilte und unterwegs ihr noch zurief:

»So'n Dusseltier! So was von tranig!«

Drinnen riß er den Brief auf. »Sehr geehrter Herr Schwalbe! Meinen energischen Bemühungen ist es gelungen, schon für heute eine Unterredung mit der Gegenpartei zu erzwingen. Alles wird davon abhängen. Sie können versichert sein, daß ich mit der nötigen Vorsicht, dabei aber auch mit der in solchen Fällen unerläßlichen Rücksichtslosigkeit vorgehen werde. Morgen weiteres. Hochachtungsvollst! Liebenow, Rechtsanwalt.«

»Hanna, ich weiß nicht«, sagte Schwalbe eine halbe Stunde später zu seiner Tochter. »Der junge Mann scheint allerdings sehr eifrig zu sein, aber mit Ungestüm ist unter Umständen mehr geschadet wie genützt.«

»Wenn er den Fall schon mal angenommen hat«, erwiderte sie, »kann er doch gar nicht anders. Entweder – oder, ist seine Devise, und ich schätze gerade das so sehr an ihm.«

»Du scheinst sonst noch einiges an ihm zu schätzen, und eigentlich ist es sehr traurig, daß... tja... na eben... ich meine, daß sich gerade aus so 'ner Sache Zusammenhänge ergeben zwischen dir und einem jungen Mann, der eventuell... na ja... Gewöhnlich stellt man sich Beziehungen, die zu einem wahren Lebensglück führen sollen, anders vor.«

»Die Sache ist nicht von mir und nicht von ihm. Außerdem, was helfen die schönsten Beziehungen im Anfangsstadium? Zum Beispiel, zwischen Mama und dir werden sehr solide Zusammenhänge...«

»Wir wollen darüber nicht sprechen. Es sieht so aus, als ob du eine Waffe gegen mich in der Hand hättest, und, weißt du, diese Vorstellung ist fürchterlich. Es ist Unnatur...«

»Gar nich. Es ist bloß natürlich, daß ich dir helfe...«

»Nee, Hanna, nee. Ich will nich näher darauf eingehen. Ein Kind, noch dazu 'ne Tochter, die ihren Vater... ne... was bleibt da eigentlich noch von kindlicher Ehrfurcht?«

»Nich viel, Papa, aber wenn es dich beruhigt, weißt du, es war auch vorher nischt mehr damit...«

»Sehr nett, muß ich sagen...«

»Du warst immer auf dem Podium, und da beobachtet man unwillkürlich schärfer, wenn jemand so oben steht. Und das verträgst du nicht, ganz offen gestanden, aber du warst und bist 'n gemütlicher alter Herr und sehr sympathisch, wenn du nicht die Toga um die Schultern schlägst...«

»Unerhört... unglaublich, was du alles sagst, seit – na ja – seit dem Abend...«

»Wir sprechen kameradschaftlicher miteinander. Findest du das so schlimm?«

»Aber daß das... daß so was... wollen wir mal sagen, Kameradschaft begründen soll, nee, Hanna, es erschüttert mich doch.«

»Erschüttern ist eins von den Wörtern, die du dir absolut abgewöhnen mußt. Vielleicht ist es dir 'n bißchen peinlich, so wollen wir sagen, aber das überwindet man, und...«

»Es hat geläutet...«

»Gott im Himmel! Schon wieder, und mitten in der Nacht...«

»Wart' mal, ich sehe rasch hinaus...«

Hanna kam mit einem dringenden Telegramm zurück.

»Vermutlich wieder von diesem... von deinem Anwalt...«

»Vorerst von deinem, aber lies erst!«

Schwalbe riß die Depesche auf. »Sonderbarste Verwicklung. Bitte morgen früh um Ihren Besuch. Liebenow.«

»Verwicklung! Du wirst sehen, nu geht die Sache erst recht schief. Sonderbarste Verwicklung... Ich hatte recht mit meiner Ahnung. Der junge Mensch hat die ganze Sache verkuhwedelt, hat die Person vor den Kopf gestoßen, und ich sitze nun definitiv in der Tinte...«

»Warte es doch ab! Morgen früh gehst du zu ihm und hörst, was er sagt...«

»Ich weiß es schon heute... ach, Hanna!«

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