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Nachbarsleute

Ludwig Thoma: Nachbarsleute - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Thoma
year1987
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10741-9
titleNachbarsleute
pages3-163
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Und nun saß Herr Schwalbe nach dem Abendessen, dessen Traulichkeit für einen Film hingereicht hätte, in seinem Studio, oder wie man den Raum nennen will, in dem viele unbenützte Bücher standen. Er brütete vor sich hin, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Hastig wandte er sich um.

»Hanna?«

Sie sah ihm klar und mitfühlend in die Augen.

»Bist du arg in der Patsche, Papa?«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine, ob dir sehr viel an dem Briefe liegt, den du abfangen willst?«

»Hör' mal, ich bin gewiß kein strenger Vater gewesen, und ich habe dir viel Freiheit gewährt, aber gewisse Schranken...«

»Merkwürdig, wie papieren ihr alle sprecht...«

»Wer ihr?«

»Die ältere Generation...«

»Hanna, was hast du für'n Fimmel? Du bist wohl brustkrank?«

»Schon besser. Aber ich will gar nichts, als dir helfen.«

Schwalbe sah seine Tochter an. Abgesehen davon, machte die den Eindruck eines aufgeweckten Mädchens, das heißt, abgesehen davon, daß sie sein Kind war, und daß er sich von der Idee väterlicher Überlegenheit nicht sofort losreißen konnte. Fast hätte er sie hilfesuchend angesehen, da besann er sich noch auf seine Erzieherpflicht.

»Du sollst nicht so burschikos sein. Das wirkt ab und zu ganz nett, aber...«

»Gegenwärtig handelt es sich nicht um mich. Du kannst mir später gute Lehren geben, wenn du deine Position wieder mehr befestigt hast.«

»Du bist komisch...«

»Und du warst tragisch, den ganzen Nachmittag und Abend. Damit könntest du dich verraten...«

»Ver...«

»... raten. Jawohl. Darf ich mal ganz offen mit dir reden?«

»Du scheinst nicht erst auf meine Erlaubnis zu warten...«

»Du willst einen Brief auffangen, den du zu fürchten hast. Warum, das läßt sich ja denken...«

»Wie kommst du dazu...?«

»Durch deine Angst, die du recht ungeschickt zeigst. Ich kann dir helfen beim Vertuschen, ich kann dir vielleicht einen Rat geben...«

Herr Schwalbe sprang auf und ging im Zimmer auf und ab.

Es war doch wirklich... ne, so was von Situation war noch nicht dagewesen. Er blieb stehen und sah sich Hanna beinahe feierlich an.

»Sag' mal, vergißt du ganz, daß ich dein Vater bin?«

»Eben nicht. Glaubst du, ich würde einem fremden alten Herrn meine Hilfe anbieten?«

Das leuchtete ein, das war zwingend. Und das kluge Mädchen fragte dann ruhig, wie ein behandelnder Arzt: »Kompliziert ist's wohl nicht? Das Übliche?«

Schwalbe gab jeden Widerstand auf. Nun gut, er war nicht mehr Ehrfurcht heischender Erzeuger, er war Patient. Die Möglichkeit, sich endlich aussprechen zu können, erleichterte ihn.

»Es ist furchtbar, Hanna! Es ist so, daß ich mich frage, wie ich überhaupt weiterleben kann, wenn...«

Die junge Dame behielt ihren gebrochenen Vater im Auge.

Er fühlte sich offenbar zur Unnatur verpflichtet, der Moment gebot es. Er hätte geglaubt, daß er gegen die Schicklichkeit verstoßen würde, wenn er die Tatsachen nüchtern erzählte; er fand, daß zu derlei Bekenntnissen ein Ausbruch von Zerknirschung gehöre, aber er spielte ihn herzlich schlecht, ganz alte Schule. Er stützte seine kahle Stirne auf die Hand, er sprach dumpf, er rollte die Augen.

»Weißt du, Kind, es gibt Momente im Leben, wo einem alles... wo man nicht mehr weiß, wie...«

Das Schlimme war, daß Schwalbe nicht mehr wußte, wie er fortfahren sollte. Eine zweifellos tüchtige Redensart brach ihm in der Mitte ab, und als er versuchte, ein erträgliches Ende an sie hinzuflicken, begegnete er dem forschenden Blick seiner Tochter und konnte nicht mehr weiter.

»Man frägt sich, soll man unter diesem Drucke noch weiterleben, oder gibt man es auf und bricht unter der Last zusammen...«, sagte er nun und war froh, den Satz anständig gerundet zu haben.

Hanna wollte nicht, daß er sich zu stark abmühte, und fragte knapp: »Hat sie Briefe von dir?«

Sie! Wie das klang! So schmucklos!

Man hätte eine hübsche Periode darum hüllen müssen, aber Schwalbe nickte nur wehmütig.

»Wie du so was machen kannst! Dieses Mitteilungsbedürfnis in deinem Alter, weißt du...«

»Ich weiß, es war unvorsichtig und...«

»Stillos. Gefühle mit Tinte sind immer gräßlich, und erst so was...« Hanna sah streng aus, und ihr Mund verzog sich unter der Stupsnase zu einem Ausdrucke des Abscheues.

»Natürlich sind es Alterserscheinungen, aber erzähl' doch mal, damit ich mir ein Bild machen kann.«

»Ich – dir?«

»Das Nötigste bloß. Auf Details verzichte ich.«

Schwalbe sah verschüchtert auf seine Tochter; sie wuchs vor seinen Augen.

»Tja... erzählen? Du kannst dir doch wohl nicht vorstellen, was ich dabei empfinde. Es gibt Momente im Leben... na ja. Also in großen Umrissen... Gott! Wenn ich so zurückdenke, dann kann ich selbst nicht verstehen, oder ich kann es doch wieder verstehen. Man hat Tage... soll ich sagen, man ist empfänglicher, empfindsamer? Kurz, eine südländisch aussehende Dame...«

»Dame?«

»Dame mit dem Reiz des Fremdartigen. Außerdem Künstlerin...«

»Tingeltangel?«

»Nein! Kabarett...«

»Ach so, man macht jetzt da Unterschiede...«

»Wirklich Künstlerin, Hanna. Eine Diseuse von Ansehen, auch in der Presse als ganz bedeutend anerkannt. Na ja... ich konnte also bemerken, daß sie Interesse gewann...«

»An dir?«

»Gewiß, an mir, aber du darfst mich nicht immer unterbrechen; ich weiß nun nicht mehr...«

»Sie gewann Interesse an dir...«

»Kurz und gut, ich hatte ihren Vortrag bewundert und ich sagte ihr das, es kam zur Aussprache – Gott! Ich bin gewiß nicht der Mann, der gewisse Dinge frivol auffaßt. Im Gegenteil, aber – na ja...«

»Na... ja.«

»Wie meinst du?«

»Ich meine, wir nehmen die Tatsache als vollendet an. Was war dann?«

»Wann?«

»Nach deinem Siege über deine Grundsätze?«

»So kann ich nicht mit dir sprechen, Hanna. Nein! Es kommt mir sonderbar genug vor, daß ich mit dir ein solches Thema überhaupt verhandle, aber wenn ich mich dazu zwinge, darfst du nicht diesen... diesen leichten Ton anschlagen. Dazu ist die Sache zu ernst und zu schwerwiegend. Ich habe furchtbar darunter gelitten...«

»Armer Papa!«

Er stutzte, aber sie sah ihm innig in die Augen, und er griff nach ihrer Hand. »Glaub' mir, ich war lange nicht mehr froh, sehr lange nicht mehr. Das alles hat wie ein schwerer Druck auf mir gelegen, aber jetzt, weil ich mir das herunterrede, bin ich erleichtert.«

»Wie lange dauerte es?«

»Du meinst, die...?«

»Der Druck.«

»Hm... tja... die Sache? Zwei Jahre...«

»Du hast lange gelitten. Und das hast du ihr geschildert? In deinen Briefen?« Schwalbe sah mißtrauisch auf seine Tochter hin. Sie blieb ernst.

»Nein, das habe ich nicht geschrieben.«

»Sondern?«

»Gott, das weiß ich wirklich nicht mehr so genau, außerdem...«

»Aber darauf kommt doch alles an. Wenn man aus den Briefen deinen Schmerz und deine ehrliche Reue herausliest, ist es doch gar nicht schlimm...«

»Ich habe keine ruhige Stunde mehr. Wenn es läutet, schwitze ich vor Angst, wenn ich Schritte im Flur höre, leide ich Qualen, ich traue mich nicht aus dem Hause hinaus...«

»Das sah ich doch alles...«

»Aber dieser Zustand ist unerträglich, er zerreibt mich.«

»Ich würde an deiner Stelle ruhig mit Mama sprechen.«

»Mit...? Un – mög – lich! Das ist ja das, was ich unter allen Umständen vermeiden muß. Unser Frieden, unser Glück wäre für immer zerstört.«

»Ich weiß nicht. Ich kann mir nicht denken, daß sie die Sache so tragisch nehmen würde.«

»Vielleicht... ich gebe zu, daß ihr Temperament... daß unser Zusammenleben... aber trotzdem, du beurteilst das falsch, absolut falsch.«

»Habt ihr früher schon mal...?«

»Eben nicht! Gerade deshalb ist es so unmöglich. Komm, setz dich mal! Wir müssen darüber doch ausführlicher sprechen.«

Hanna setzte sich in einen bequemen Stuhl und schlug ein Bein über das andere. Schwalbe ging in einen sanften, väterlichen Ton über.

»Siehst du, Kind, die Ehe... tja! Ich möchte dir keine Illusionen rauben, aber du bist klug, und es ist vielleicht immer gut, wenn man klar sieht, wenn man Einblicke gewinnt. Also siehst du, die Ehe... das ist nicht so, wie man sich's in rosaroten Farben ausmalt zuerst und vorher, und es ist vor allem nicht so, wie sich's junge Mädchen träumen. Gewiß ist es zunächst mal Liebe, stürmische Liebe, ein Ideal und...«

Hanna lachte. Ausgelassen und silbern.

»Wie kannst du in einem solchen Moment...?«

»Nimm mir's nicht übel, aber du bist so wahnsinnig echt!«

»Was heißt das?«

»Diese Gefühlsseligkeit, die du hast! Sie paßt für jede Lebenslage, sogar für so was. Ich glaube, du kommst dir in der Situation noch 'n bißchen interessant vor.«

»Ich muß sagen, Hanna, ich hätte von dir etwas anderes erwartet...«

»Wirklich? Ich hätte mit dir darüber jammern sollen, daß dir das Leben den reinen Kinderglauben genommen hat?«

»Du hättest...

»Eine sehr begreifliche Sache unbegreiflich finden sollen. Aber du mußt entschuldigen, mich haben die Redensarten noch nicht so unehrlich gemacht.«

»Wie mich, willst du sagen?«

»Wie euch alle. Unser ganzes Milieu ist verlogen, aber um Gottes willen keine ernste Aussprache! Du wolltest mir erklären, warum Mama nichts erfahren darf...«

»Ich wollte..., das heißt, ich weiß nicht, ob ich das jetzt noch kann.«

»Von rosaroten Träumen...«

»In dem Ton geht es einfach nicht. Hanna! Wenn ich dir in einem so tiefernsten Moment Vertrauen schenke, wenn ich dir tatkräftig mein Innerstes... und dann dieser frivole Spott... Ist dir denn nichts ernst?«

»Das da? Du hast doch bloß ein Interesse daran, daß man es nicht zu ernst nimmt. Aber reden wir von Mama; du willst deinen Nimbus nicht zerstören...«

»Ich will, daß sie ihr Vertrauen nicht verliert; es ist notwendig, daß eine Frau zu ihrem Manne aufblickt.«

»Aufblickt... hm...«

»Mama tut es... o ja!«

»Ich weiß nicht. Wenn es mit irgendeiner Anstrengung verknüpft ist...«

»Laß doch die Arme! Sie hat es nicht verdient, daß du dich über sie mokierst. Es ist traurig genug, daß über unserm Glück gewissermaßen ein Damoklesschwert hängt, daß vielleicht morgen schon unser Frieden vernichtet ist. Sie blickt zu mir auf, das ist wahr. Niemals hat sie eine Ahnung beschlichen...«

»Machst du dir ein Verdienst daraus?«

»Ich mache mir keines daraus, denn ich weiß gut, wie schwer ich gefehlt habe, aber ich weiß auch, daß ich ihr diese bitterste Enttäuschung ersparen muß.«

»Du kannst doch nicht monatelang diese Postsperre durchführen.«

»Das sage ich mir ja auch! Es ist fürchterlich... Nach vierzehn Tagen, drei Wochen kann die Katastrophe eintreten...«

»Dann muß man eben direkt eingreifen...«

»Dir-ekt... Wie denn? Natürlich muß man was tun, darüber zermartere ich mir ja das Gehirn.«

»Ich werde Fritz fragen.«

»Wer ist Fritz?«

»Liebenow. Ein junger Anwalt, den ich bei Harders kennen lernte.«

»Du kannst doch nicht einem fremden Menschen so was anvertraun!«

»Er is nich so fremd.«

»Ach so...? Ich muß sagen, diese Art von Mitteilung...«

»Es ist noch nichts mitzuteilen...«

»Und du findest, angenommen, daß es mal dazu käme, du glaubst, daß es eine glückliche Einführung in die Familie ist, wenn der junge Mann den Respekt vor seinem künftigen Schwiegervater verliert?«

»Er ist 'n sehr vernünftiger Mensch und wird das richtig einteilen. Aufblicken wird er ja nicht zu dir...«

»Sehr liebenswürdig. Und von mir verlangst du, daß ich mich gewissermaßen mit gebundenen Händen diesem jungen Herrn überliefere.«

»Verlaß dich auf mich! Ich würde ihn nicht empfehlen...«

»Wenn du nicht Nebenabsichten hättest.«

»Auch nich; das stimmt. Aber wenn es einen Ausweg gibt, findet er ihn. Er ist sehr gerissen.«

Schwalbe seufzte.

»Ich muß wohl... ich habe gar nicht mehr die Kraft zum Widerstand. Der heutige Abend, diese Unterredung... auch deine Art, Hanna, das hat mich zerbrochen.«

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