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Nachbarsleute

Ludwig Thoma: Nachbarsleute - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Thoma
year1987
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10741-9
titleNachbarsleute
pages3-163
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einige Mädchen, die als Ehrenjungfrauen prangen sollten, wiesen das Ansinnen zurück; ihre fadenscheinigen Ausreden ließen erkennen, daß sie fremdem Einflusse gehorchten. Der Sohn des Hafnermeisters Söll, den man als tüchtigen Trommler schätzte, sagte ab; der Lebzelter Höß ließ wissen, daß er zu heiser sei, um bei der Liedertafel mitzuwirken, und der Magistratsrat Späth erklärte mit rauher Offenheit, daß er bei dem preußischen Feste keine Rolle spielen werde. Was bedeuten aber diese kleinlichen Dinge neben der Begeisterung, die sich überall kundgab! Nahezu vierzig Veteranenvereine hatten ihre Beteiligung mit Fahnen zugesagt, mehrere Musikkorps waren angemeldet, die freiwilligen Feuerwehren der ganzen Umgegend, Schützenvereine, Turner wurden erwartet, Triumphpforten waren errichtet, das Barometer versprach herrliches Wetter, die Gastwirte hofften, daß die Landbevölkerung in Scharen herbeiströmen werde, und sie verhackten ungezählte Schweine zu Würsten.

Überall zeigte sich geschäftiges Treiben, überall regte sich die altbayrische Freude an lauten Festen. Wenn es Feierabend war, spazierte jung und alt durch die Straßen und bewunderte die Dekorationen. Zwei Tage vor der Feier kam der bronzene Engel sorgfältig verpackt an.

Der Zimmermeister Degenbeck mit seinem Gesellen nahm ihn auf der Bahn in Empfang und brachte ihn auf geschmücktem Wagen zum Festplatze.

Zwei Veteranen hielten die Ehrenwache bei dem Kunstwerke, dessen Formen sich unter den hüllenden Tüchern kaum erraten ließen. Trotzdem drängten sich die Leute herzu und wurden des Schauens nicht müde. Als es dunkelte, rückten Meister Bonholzer und Degenbeck mit ihren Leuten an; der Engel sollte vermittels eines Kranens auf den Sockel gehoben werden.

Der Turnverein hielt Ordnung. Während die einen hinter gespannten Stricken die Menge zurückhielten, leuchteten die anderen mit Fackeln zur Arbeit.

Degenbeck wußte, daß ganz Bernau anwesend war, und er ließ seine Kommandorufe laut über den Platz ertönen. Endlich stand der Engel oben; er wurde von seiner Verpackung befreit, aber zugleich errichtete man die Hülle, welche erst am Festtage fallen durfte.

Als die Arbeit beendet war, marschierten Meister, Gesellen und Turner in geordnetem Zuge ab. Und Martin Degenbeck sah in der Fackelbeleuchtung kriegerisch und ehrfurchtgebietend aus.

Der Platz leerte sich, und bald stand das Denkmal einsam hinter den schützenden Vorhängen.

Um die Mitternachtsstunde aber ging der Hutmacher Bergwieser an ihm vorbei. Er hatte mit einigen Freunden im Kronprinzen gezecht und war nun auf dem Heimwege. Er ging achtlos seines Weges und hatte den Platz schon überschritten, als er plötzlich ein sonderbares Geräusch vernahm.

Es war das Kreischen einer Feile.

Er blieb stehen und horchte. Eine Weile hörte er nichts mehr, dann setzte es wieder ein. Gedämpft und doch deutlich. Das Kreischen einer Feile. Und das Geräusch kam von der Mitte des Platzes her, wo das Denkmal stand.

Bergwieser war sonst ein beherzter Mann; wenigstens versicherte er das allen, denen er den Hergang schilderte.

Aber diesmal, sagte er, wurde es ihm sonderbar zumute; denn es hatte gerade zwölf geschlagen, und das Geräusch war so merkwürdig.

Er ging mit Herzklopfen weiter, und wie er beim Weinwirt Söllhuber Licht sah, stürzte er in die Gaststube, und da saßen noch der Degenbeck und der Kilger hinter der Flasche. Der Schmied Kilger.

Bergwieser war blaß im Gesicht und stieß seine Erzählung hervor, es sei nicht richtig auf dem Platze, es kratze und feile, und ja, weiß der Teufel, es feile.

Der Zimmermeister Degenbeck springt auf. »Himmel Laudon! Beim Denkmal?«

»Beim Denkmal oder nicht weit davon; ganz gewiß mitten auf dem Platze.«

Die drei laufen hinaus, und der Kilger sagt zum Bergwieser, er solle nun still sein. Denn der Bergwieser hat es auf einmal mit der Wut gekriegt und hat das Schimpfen angefangen.

Sie schleichen bis zum Platze vor. Kein Laut. Der Kilger schaut den Degenbeck an; der Degenbeck schaut den Bergwieser an. Da! jetzt wieder!

Wie das Kreischen einer Felle; gedämpft, aber ganz deutlich.

Der Degenbeck voraus; der Kilger hintendrein!

Der Bergwieser sucht in seiner Wut, ob er nicht etwas zum Zuschlagen findet; dann will er auch hintendrein.

Aber da schreit es schon vom Denkmal herüber: »Hund verfluchter!«

Und eine andere Stimme jammert. Und dann patscht es. Wenn das eine Ohrfeige war, dann war sie nicht schlecht. Und da patscht es wieder. Einmal, zweimal, und nochmal, und wieder.

Wenn das lauter Maulschellen waren, dann ist keine daneben gegangen.

Und da jammert es wieder.

»Hören Sie auf! Hören Sie auf!«

Aber – – – patsch! patsch!

Und die wütende Stimme vom Degenbeck.

»Lumpenhund!« schreit er. »Hab ich dich!«

Der Bergwieser hat nichts gefunden zum Zuschlagen und geht jetzt ohne Waffe hin.

Voll Wut.

Der Degenbeck und der Kilger kommen ihm entgegen; sie halten einen, der sich losreißen will.

Aber wenn der Schmied Kilger einen hat, läßt er nicht los.

Sie zerren den Kerl vorwärts bis zu der Laterne beim Lebzelter Höß.

Da kann man ihn jetzt genau anschauen. Ein langer Mensch, die Haare hängen ihm in das Gesicht, und die Backen sind angeschwollen.

Aber man kennt ihn ganz gut.

»Ja, Degenbeck!« schreit der Bergwieser. »Das ist ja Hochwürden, der Herr Kooperator!«

»Nix mehr Hochwürden!« sagt der Degenbeck, und der Kilger zieht den Herrn Wilmans weiter.

»So helfen Sie doch!« kreischt der Kooperator.

»Aber Degenbeck...«, sagt der Bergwieser.

»Druck dich!« brummt der Schmied Kilger, »der hat unser Denkmal kaputt g'macht, und jetzt geht er mit zum Söllhuber, und nachher holen wir die Schandarmerie.«

Also, der Bergwieser kann ihm auch nicht helfen.

Sie kommen zum Söllhuber in die Gaststube; das heißt, der Degenbeck nicht; der lauft jetzt zum Kommandanten.

Der Söllhuber schaut groß und klein, und die Kellnerin schlagt die Hände überm Kopf zusammen.

»Jesus Maria! Was ist das mit unserem Herrn Kooperator! Nein, wie der ausschaut!«

Er hat nicht schön ausgeschaut. Die Backen!

»Laß doch los!« sagt der Söllhuber zum Kilger.

»Erst wenn der Kommandant da ist«, brummt der Kilger.

Es dauert nicht lang, kommt der Kommandant mit dem Degenbeck.

Er sagt zum Kilger, daß er den Kooperator auslassen muß; und wie der hochwürdige Herr frei ist, schreit er schon.

Er ist mißhandelt worden. Roh, gemein, niederträchtig mißhandelt. Er will sehen, ob es Gerechtigkeit gibt. Der Degenbeck muß ins Zuchthaus, ohne Gnade!

»Ta... ta... ta... ta!« sagt der Kommandant. »Nur Ruhe!«

Und er fragt den Degenbeck, wie die Sache war.

»Ja, wie die Sache war? Ganz einfach.«

Der Bergwieser hat sie geholt, weil er eine Feile gehört hat. Sie sind hinaus und haben es auch gehört. Sie sind zum Denkmal hingeschlichen und hören es deutlich, wie einer oben an dem Engel herumfeilt. Sie heben den Vorhang auf, da springt einer vom Sockel, aber pumms! Der Schmied hat ihn schon. Der Mensch hat noch die Feile in der Hand. Die läßt er jetzt fallen; sie muß noch dort liegen.

»Und ja, das ist die ganze Sache.«

»Lügner! Lügner!« schreit der Kooperator. »Geschlagen hat er mich! Mißhandelt hat er mich! Roh, gemein! Niederträchtig!«

»Ta... ta... ta... ta!« sagt der Kommandant. »Nur Ruhe! Ist das wahr, Herr Degenbeck?«

»Ist schon wahr«, sagt der Degenbeck. »Ich habe dem Inkognitoattentäter die erste Strafe verabreicht.«

Nämlich, der Degenbeck hat es mit den Fremdwörtern.

»Er hat mich gekannt!« schreit der Kooperator.

»Das geht mich vorläufig nichts an«, sagt der Kommandant, »aber ich muß Sie fragen: Geben Sie zu, daß Sie das Denkmal beschädigt haben?«

»Ich gebe gar nichts zu. Was ich getan habe, ist mein heiliges Recht.«

»Sie geben es nicht zu?«

»Nein. Was ich getan habe, ist mein heiliges Recht.«

»Ja, wir werden halt jetzt das Denkmal untersuchen«, sagt der Kommandant.

»Sie werden jetzt protokollieren, wie mich dieser Mensch mißhandelt hat«, schreit der Kooperator.

»Das geht mich vorläufig nichts an«, sagt der Kommandant. »Sie können mitgehen, Herr Kooperator, oder Sie können heimgehen. Was Sie wollen.«

Jetzt fragt der Kilger: »Ja, soll ich ihn nicht halten bei der Untersuchung?«

»Ist nicht notwendig«, sagt der Kommandant.

Der Herr Kooperator schaut den Degenbeck an. Nicht freundlich. Und dann ist er hinaus; schnell, ohne Hut, und war gleich verschwunden. Die anderen haben vom Söllhuber eine Laterne genommen und sind zum Denkmal gegangen.

Die Feile ist dort gelegen, und der Kilger hat sie angeschaut.

»Eine zweihiebige Zollfeile«, hat er gebrummt, »die gibt aus.«

Dann hat sie der Kommandant genommen.

Der Degenbeck ist schnell unter den Vorhang und hinauf auf den Sockel.

Da flucht er mörderisch.

»Was ist?« fragt der Kommandant.

»Ein Loch ist an der linken Brust; die halbe Brust weggefeilt! Himmel Laudon! So ein Lump!«

»Nur Ruhe!« sagt der Kommandant, »wir wollen es untersuchen.«

Er steigt auch hinauf und leuchtet mit der Laterne hin; wie er herunter ist, schaut der Kilger die Sache an. Dann kommen die anderen.

Der Kommandant schreibt etwas in sein Buch und sagt: »Es ist schon so. Die Figur ist stark beschädigt.«

Das war der Hergang, wie ihn der Hutmacher Bergwieser erzählte.

Die Geschichte ging wie ein Lauffeuer durch den Markt. An jeder Haustür stand am anderen Morgen ein Mensch, der grimmig erzählte, und ein Mensch, der grimmig zuhorchte.

Meiner Mutter erzählte es die Frau Degenbeck, und ich stand dabei. Aber als die Geschichte eine Wendung gegen den geistlichen Stand nahm, mußte ich mich entfernen. Denn meine Mutter wollte in mir den Respekt vor den Dienern Gottes lebendig erhalten.

Beim nächsten Hause hörte ich schon Anfang, Mitte und Ende aus anderem Munde. Die Wut in Bernau war riesengroß. Denn selbst wer die Gemeinheit der Handlung nicht verstehen konnte, stand fassungslos vor den Folgen der Untat.

Das Fest mußte verschoben werden, den Vereinen mußte abtelegraphiert werden, und ein neuer Engel mußte gekauft werden.

Das alles ging noch.

Aber wer aß die Würste, die schon gemacht waren? Wer zahlte sie?

Und wer konnte den Hohn ertragen, der aus allen Schleusen sich über Bernau ergoß?

Die himmlischen Scharen selbst mußten den armen Leuten verhaßt werden; denn wer konnte noch von Engeln reden, und dachte nicht gleich an Bernau und abgeteilte Busen?

Und doch gab es einen, der sich trotz Schimpf und Schande über die Untat freute; ganz gewiß freute trotz aller Güte, die ihm eigen war.

Und dieser eine hieß Franz Hefter und hatte Grund zum Vergnügen. Denn Heinrich Wilmans, der Liebling des Himmels, brach den Hals bei der Geschichte.

Am Morgen nach seinem Beginnen erstattete er seinem Pfarrherrn Bericht.

Nicht freiwillig, denn der Kommandant hatte ihm schon vorgegriffen.

Nicht reumütig, denn er bestand stolz darauf, daß er eine heilige Pflicht erfüllt habe.

An diesem bronzenen Engel nämlich war das Obergewand zu kurz gewesen, und so war ein Teil des linken Busens unverhüllt geblieben.

Welcher Mensch aber, der im Umkreise von zehn Stunden bei der Stadt Münster geboren ist, kann einen solchen Anblick ertragen?

Nein, er nimmt die Feile und rottet aus, was Ärgernis gibt.

Das ist heiliges Recht für jeden Münsteraner.

Der alte, gute Rat Hefter sah seinen Kooperator während der feurigen Verteidigung nachdenklich an.

Ich fürchte, daß er nicht so sehr auf die frommen Worte achtete, als auf die Farben und Schwellungen, welche Wilmans Backen zur Schau trugen. Ich fürchte, daß er im stillen den Zimmermeister Degenbeck segnete.

Als der westfälische Glaubensbote mit seinem Bericht fertig war, lächelte der geistliche Rat voll der Güte.

Und er sagte, daß er dem jungen Streiter die Tat nicht verarge.

Durchaus nicht. Aber wirklich ganz und gar nicht. Nur Sorge habe er; recht ernstliche Sorge um das leibliche Wohlergehen seines Kooperators. Wenn man erwäge, welche Verwüstung ein zorniger Bernauer angerichtet habe, was habe man demnach von allen zu erwarten? Wenn er Heinrich Wilmans wäre, so würde er sich in seinem Kämmerlein verstecken und noch diese Nacht zum Wanderstabe greifen, bevor alle Haselnußstauden in Bernau lebendig würden.

Der Heilige aus Münster sah seinen wohlmeinenden Vorgesetzten an; vielleicht entging es ihm nicht, daß dieser Rat ohne Trauer erteilt wurde. Aber er folgte ihm.

Und als er denselbigen Abend seine Habseligkeiten packte, hörte er im stillen Kämmerlein ein vergnügliches Pfeifen.

Es kam aus dem Zimmer des Herrn Franz Hefter, der für sich selber Melodien flötete. Und alle hatten einen altbayrischen Rhythmus. So einen recht lustigen.

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